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Arditi del Popolo – Stoßtruppen gegen Mussolini

27. Oktober 2013
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August 1922: Barrikaden im Kampf um Parma

Die Arditi entstanden im Jahr 1921 und waren eine bunte Mischung aus Männern und Frauen, Kommunisten, Anarchisten, Republikanern, Sozialisten, revolutionäre Syndikalisten und sogar einigen Katholiken. Ihr Gründungszweck war es, die Angriffe durch die faschistischen Schwarzhemden aufzuhalten.

Die faschistische Bewegung gründete sich im März 1919 in Mailand. Sehr bald attackierte sie Büros der sozialistischen Zeitschrift Avanti und mordete meist ungestraft Aktivistinnen und Aktivisten der Linken. Die Schwarzhemden wüteten quer über das Land und griffen vor allem die politischen Zentren der Arbeiter_innenbewegung an, die »Case del Popolo« (Volkshäuser), wobei es zahlreiche Tote gab. Danach waren sie oft die einzigen, die sich in den betroffenen Städten öffentlich versammeln und marschieren konnten. Sie konnten die Arbeiter_innenbewegung in die Defensive schlagen, wie es dem Staat bis dorthin unmöglich war. Die Arditi del Popolo waren darauf ausgerichtet, diese Angriffe zu stoppen.

Einigkeit als Notwendigkeit

Die Art der Bedrohung trieb das Proletariat dazu, sich über Parteigrenzen und über ideologische Dispute hinweg zu organisieren. Die Heftigkeit der Attacken führte dazu, dass die Arditi sich militärisch diszipliniert aufstellten. Viele der Arditi del Popolo hatten im Krieg gekämpft, manche von ihnen waren sogar vorher Mitglieder der protofaschistischen Arditi d’Italia. Sie bekamen Zulauf aus allen Organisationen der Linken und erhielten Unterstützung von Gewerkschaften. Kurz nach ihrer Gründung hatten sie eine Mitgliederzahl von 20.000 in 144 Ortsgruppen. Die Geschichte der Arditi del Popolo blieb bis in die 1980er-Jahre völlig ignoriert. Der Grund dafür war, dass die beiden großen Parteien der Linken dabei versagt haben, die Arditi zu unterstützen – im Gegensatz zu vielen ihrer Mitglieder. Die Sozialisten der PSI hatten einen Nichtangriffspakt mit Mussolini geschlossen und die Kommunisten weigerten sich mit »bürgerlichen Kräften« zusammenzuarbeiten, wie sie bei den Arditi sicherlich vertreten waren.

Parmas glorreicher Abwehrkampf

Bei der Verteidigung von Parma im August 1922 gegen einen Überfall von 10.000 bis 20.000 bewaffneten Faschisten wirkte die gesamte Bevölkerung mit. Frauen waren Teil der Kampfformationen und organisierten hinter den Linien. Sie gossen kochendes Wasser aus den Fenstern, warfen Dachziegel von den Dächern. Die Arditi arbeiteten dabei mit den »formazioni di difesa proletaria« (Formationen zur proletarischen Verteidigung) zusammen. Angeführt wurde die Verteidigung Parmas von Guido Picelli, einem Sozialisten, und dem Anarchisten Antonio Cieri. Wie weit ins bürgerliche Lager die Arditi reichten, zeigt eindrucksvoll die Figur des Ulisse Corazza, der mit dem Gewehr in der Hand an den Barrikaden sein Leben gab. Er war in einer katholischen Schule erzogen worden und amtierte nach dem Krieg als lokaler Abgeordneter der katholischen Volkspartei.

Am Ende gab es bei den Faschisten 39 Tote und 150 Verletzte, während die Verteidiger von Parma fünf Tote und 30 Verletzte beklagten.

Marsch auf Rom gestoppt

Ebenfalls kaum bekannt ist die zweimalige Zerschlagung von Mussolinis »Marsch auf Rom« durch die Arditi. Von 9. bis 13. November 1921 herrschte Krieg in Rom. Die ersten der 35.000 Faschisten, die Rom erreichten, benahmen sich in der üblichen Weise. Sie schlugen einzelne Personen, die sie als Arbeiter identifizierten, rissen ihnen die roten Halsbänder oder Abzeichen herunter.

Sie ermordeten einen Bahnarbeiter. Darauf rief das »Proletarische Verteidigungskomitee« dem die Arditi angehörten, einen Generalstreik aus, der sich rasch ausbreitete. Den ganzen Tag kam es zu Zusammenstößen mit vier Toten und 150 Verletzten. Am nächsten Tag kam der Streik voll zur Geltung. Die Faschisten wussten nicht mehr, wie sie die Stadt verlassen sollten. Mussolini wollte, dass sie in dem Hotel blieben, in dem ihre Versammlung stattfand. Er selbst wurde von der Polizei aus der Stadt eskortiert, so wie seine Anhänger an den Tagen darauf.

Auch der zweite Marsch auf Rom endete mit der Flucht der Faschisten, allerdings übergab ihnen der italienische König Mussolini am Tag darauf die Regierungsgewalt. Denn die Arditi konnten die Demoralisierung nicht wettmachen, welche Sozialisten und Kommunisten bei ihrer Basis verursachten, und der König wollte nicht riskieren, dass die Faschisten nach ihrer Niederlage von der Bühne verschwanden. Am 31. Oktober 1922, zwei Tage nach ihrer Flucht, marschierten die Faschisten erneut in Rom ein.

von Manfred Ecker

Literaturtipp: Tom Behan, »The Resistible Rise of Benito Mussolini«, erschienen bei Bookmarks, greift die bisher verschwiegene Geschichte der Arditi del Popolo auf.

Quelle: Linkswende.org

8 Kommentare leave one →
  1. olga permalink
    27. Oktober 2013 10:34

    http://digitalresist.blogspot.de/2013/10/einen-schatten-werfen-zu-renzo-novatore.html
    der selber bei den „arditi“ dabei war
    mit hinweis auf einen podcast zur „arditi“

  2. Canti Anarchici permalink
    27. Oktober 2013 14:45

  3. ANARCHICI ITALIANI permalink
    27. Oktober 2013 14:48

  4. Execution of Mussolini permalink
    27. Oktober 2013 20:33

  5. Granado permalink
    28. Oktober 2013 15:51

    „Linkswende.org“ ist wohl das österreichische Pendant zu „Linksruck“

Trackbacks

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