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„Wo flüchtige Bankiers zahlreiche Familien zu Grunde richten“

28. April 2013

Émile Zola (1840 – 1902) war einer der großen französischen Naturalisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Einen bedeutenden Teil seines Werkes stellt die sogenannte „Rougon-Macquart-Serie“ dar.

germinal-1993-16-g[1]

Diese Reihe besteht aus „La Fortune des Rougon“ (1871), „La Curée“ (1871-2), „Le Ventre de Paris“ (1873), „La Conquête de Plassans“ (1874), „La Faute de l’Abbé Mouret“ (1875), „Son Excellence Eugène Rougon“ (1876), „L’Assommoir“ (1877), „Une Page d’amour“ (1878), „Nana“ (1880), „Pot-Bouille“ (1882), „Au Bonheur des Dames“ (1883), „La Joie de vivre“ (1884), „Germinal“ (1885), „L’Œuvre“ (1886), „La Terre“ (1887), „Le Rêve“ (1888), „La Bête humaine“ (1890), „L’Argent“ (1891), „La Débâcle“ (1892), „Le Docteur Pascal“ (1893) und handelt von dem Schicksal der Mitglieder der Familie R.M.. Zeitgenössische Analytiker griffen gerne die Vererbung des „Übels an sich“, durch die Generationen der Familie auf – so wurde z.B. ein trinksüchtiges Elternhaus der Geburtsort eines reizbaren, aggressiven Menschen. Aber wie das bei Kritikern und ihrer Zeit so ist, war es sicherlich nur ein untergeordnetes Leitmotiv und spielte dummerweise just dem zu dieser Zeit großen Interesse an Vererbung (Mendel, Rassismus, völkisches Denken) in die Hände. Wie dem auch sei – so schrieb Zola den Epos „Germinal“ eine Ansicht der Klassengesellschaft zu seiner Zeit und eine Darstellung der Rolle die das Geld in ihr spielt.

Handlung:

„Germinal“ ist die Geschichte von Etienne Lantier, ein Sohn von Cervaise Coupeau aus dem Band „L´Assommoir “. Der Maschinist ist arbeitslos und durchstreift gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Kohleabbaugebiet Montsou. Hier gelangt er an Arbeit in dem Schacht „Voreur“ und knüpft schnell Bekanntschaften mit der Bergarbeiterfamilie Maheu, verliebt sich rasch in deren Tochter Catherine. Ebenso schnell feindet er sich mit dem Bergarbeiter Chaval an, der Catherine für sich gewinnt, aber lieblos unterdrückt. Auf eine Veränderung des Zahlungsmodus durch die Abbaugesellschaft, die zur Minderung des ohnehin geringen Lohnes führt, reagieren die Arbeiter, durch Etienne, der sich dem marxistischen Flügel der Internationale verbunden fühlt, angeheizt, mit einem Streik. Dieser Streik wird von den Aktionären und der Direktorenfamilie gelassen hingenommen, wissen sie doch um die hoffnungslose Not der Arbeiter, die nicht in der Lage sind, während einem Streik von Vorräten zu zehren. Hunger bricht aus, doch der Mut sinkt ihnen nicht und die Masse der Streikenden verbreitert sich durch die malerische Zukunftspropaganda Etiennes. Schließlich kommt es nach einer Massenversammlung, während der Etienne sich auf den Gipfel seines Einflusses redet, zu Angriffen auf die noch in Betrieb befindlichen Schachte. Der privatgeführte Abbau im Schacht Jean-Bart unter einem gewissen Deneulin wird lahmgelegt, die Maschinen zerstört. Chaval, der Erzfeind Etiennes wird zum Verräter und öffentlich gedemütigt.

Nach den Verwüstungen zieht die Masse vor das Haus der Direktorenfamilie im vornehmen Teil des Bergarbeiterdorfes. Hier hagelt es Steinwürfe und Etienne bekommt Angst, spürt seine Geltung in der Masse sinken. Bevor er die Kontrolle über die wütenden Arbeiter verliert versucht er den Mob auf einen verhassten Kapitalisten zu lenken, der mit Nahrungsmitteln handelte, aber keine solche herausgab, wohl wissentlich um die Geldlosigkeit und den Hunger der Bevölkerung. Diese Taktik geht nicht auf, denn als der Ladenbesitzer von einer Mauer stürzt, im Versuch sein Geschäft zu retten und stirbt rastet die Menge weiter aus, reißt ihm die Genitalien aus und posiert mit der blutigen Trophäe an einem Stab vor dem Haus der Direktorenfamilie. Als die Warnung vor dem Militär zu den Ausgebeuteten dringt, fliehen sie entsetzt und verstecken sich die kommende Zeit in den Häusern, bis die Not noch drückender wird. Die zweite Provokation der Gesellschaft besteht nun darin, fremde Arbeiter als Streikbrecher einzusetzen. Etienne versucht nun in seinem blinden Gehorsam den marxistischen Politikern in Paris gegenüber nachzugeben, aber die Arbeiter weigern sich, zu viel haben sie zu lange erduldet.

Die Antwort der Streikenden ist ein Zug vor den Voreur – Schacht, der unterdessen von Soldaten umstellt ist. Hier kommt es zu einem letzten Aufbäumen, indem die Unbewaffneten in die offenen Bajonette der Truppe gehen, sie beleidigen und mit Steinen bewerfen. Die Soldaten reagieren auf die Menschenmenge mit einigen Schüssen, die die Protagonisten des Protests niederstrecken. Die Hungernden sind gebrochen und selbst die Mutigsten gehen wieder zur Arbeit, unter ihnen Etienne, Chaval und Catherine.

Was sie nicht wissen: In der vorigen Nacht schlich sich der Anarchist Souvarine in den Schacht und sabotierte den Aufzug. Ihm ist die Gerechtigkeit und die damit einhergehende Entmachtung der Bourgeoisie mehr wert, als sein eigenes Leben und das Schicksal der Anderen. Seine Methode ist die physische Zerstörung im Gegensatz zu Etiennes Politik im Schlepptau der zerfallenden Internationale, die die Streikenden mit einer versiegenden Unterstützungskasse und der Forderung aufzugeben, im Stich ließ.

Ein immenses Grubenunglück mit Toten und Verletzten ist die Folge des Anschlags, wobei Etienne, Catherine und Chaval gemeinsam eingeschlossen werden. Etienne tötet schließlich Chaval, der sich Catherine wieder einverleiben wollte, nachdem sie zu Etienne geflüchtet war.

Die Rettungsaktion wird maßgeblich von Zacharie Maheu, Catherines Bruder angetrieben, der aber kurz vor Erreichung seines Zieles in einer Gasexplosion stirbt. Die verbleibenden Arbeiter unter neuer Führung des Bergwerkingenieurs Négrel retten den eingeschlossenen Etienne durch einen stillgelegten Schacht. Catherine wird tot geborgen, auf den Knien des Maschinisten liegend.Es ist wieder April, wie zur Zeit, da Etienne in das Dorf kam. Nun verlässt er den Ort des niedergeschlagenen Aufstands und fährt gen Paris, in Hoffnung auf eine politische Karriere. Unterdessen kündigen die Gebärden der Arbeiter und die aufkeimenden Frühlingsknospen das Fortführen des Klassenkampfes an – die Begrabenen geben sich nicht geschlagen. Zahlreiche Nebenschauplätze und einige Figuren mehr ergänzen den knapp wiedergegebenen Handlungsverlauf zu einem wahren Meisterwerk der Weltliteratur, welches wahrlich tief in die Verhältnisse der Klassengesellschaft des Kapitalismus hinabsteigt und von ihren erstickenden Eingeweiden empor bis in die warmen Empfangshallen der Reichen. Obwohl die Auflösung der typischen Figurenrollen nicht so weit fortgeschritten ist, wie bei Tolstoi („Krieg und Frieden“), bedient sich Zola keines protagonistischen Helden. Etienne Lantier ist vielmehr eine Art Zeigewerkezug zur Orientierung des Leser, denn neben seinem Schicksal werden viele andere Figuren ebenso tief ergründet.

Die Klassengesellschaft:

Viele dieser Figuren sind ebensolche Zeigewerkzeuge, um die Klassen denen sie angehören zu charakterisieren, sie in ihren Interessen, Bedrückungen und Intentionen darzustellen. Hierbei wandelt Zola keinesfalls auf den Pfaden der sozialpartnerschaftlichen, politischen Heuchelei, sonder er stellt genaustens dar, wieso es zwischen bspw. den Aktionären Grégoire und den Arbeitern keinen Klassenfrieden geben kann:

1. Leben die Grégoire von den Aktien der Abbaugesellschaft und halten große Anteile. Die Zinsen allein füttern sie ohne Zutun und das bereits seit Generationen. Würde eine Erhöhung der Löhne bewilligt, würde der Preis der Kohle steigen, die Konkurrenzfähigkeit zwischen anderen Minen wäre damit dahin und die Aktien würden, mit der Nachfrage fallen, was sich direkt auf den Lebensstandart der Grégoire niederschlagen würde – da sie nun durch ihre Anteile an Aktien finanziellen Einfluss auf die Abbaugesellschaft haben ist eine Lohnerhöhung ihren eigenen Zielen entgegengesetzt.

2. Herrscht durch die Abstumpfung, Nietzsche hat es „Dekadenz“ genannt, ein Wahrnehmungsproblem bei den herrschenden Reichen: Sie leben in einer Welt die insgesamt der natürlichen Realität entrückt ist und ganz besonders weit von den erbärmlichen Lebenssituationen der Arbeiter entfernt ist. Während diese hungern und um „Brot“ wortwörtlich kämpfen, bedauern die tafelnden Reichen, daß sie nicht die gewünschte Art Muscheln zum Diner reichen lassen können, da es Lieferschwierigkeiten gab. Hennebeau, der Bergwerksdirektor, hat kein Glück in der Liebe – erstens ist seine Beziehung zu Frau Hennebeau abgekühlt und zweitens wärmt sich diese im Bett mit dem Neffen. Als der Direktor die Proletarier und Proletarierinnen öffentlich im Freien bei der Liebe beobachtet, sieht er seinem Mangel trotz des Reichtums einen Spiegel vorgehalten und begreift nicht, wieso die, die Liebe haben, nicht völlig zufrieden damit sind. Auf ihre hungernden Klagerufe nach Brot schreit er entrüstet: „Brot? Ihr Tröpfe! Ist das denn Alles?“

Vererbung:

Tatsächlich zeichnet Zola mehrere Bilder, in denen es um „Vererbung“ geht:
vererbte Streitbarkeit, vererbte Armut, vererbter Reichtum, usw. Viele seiner zeitgenössischen Kritiker haben das aufgenommen und ihren stumpfen Begriff der Erbsünde, die vom Rassismus nicht weit ist, zugeschrieben. Aber es geht bei Zola auch um Erfahrungen verschiedener Generationen und deshalb ist eine andere Interpretation denkbar: Über Generationen sind die Reichen am Blute der Armen gemästet worden – ist es da ein Zufall, dass Zola ausgerechnet den bereits scheintoten Bonnemort (Der alte Bergarbeiter repräsentiert die Verblichenen, von der Ausbeutung Dahingerafften, die bereits ihren Kampf hinter sich haben und denen man erzählte, das durch Reformen alles anders würde) die Aktionärstochter Cécile morden lässt, um sich von ihrer Scheintugend zu befreien?

Und genau darin sieht man die Weisung Zolas für die zukünftige „Saat der kommenden Generationen“ (an Klassenkämpfern) aus den gemachten Fehlern zu lernen, die Generation–Gap zu überwinden und niemals anzunehmen, die Zeiten hätten sich geändert, denn der alte Bonnemort, der alte Arbeiter von ehemals (der aber auch gleichzeitig der heutige ist) wird von den angeblich modernen Reichen genauso ausgebeutet und muss sich ihrer genauso erwehren wie zu der vergangenen Zeit. Zola ist für den Fortschritt. Er sieht die Erkenntnis nicht immer wieder sich neu erfindend, sondern sich entwickelnd. Die „schwarze Rächerarmee“ die „für die Ernten des kommenden Jahrhunderts“ empor wächst versinnbildlicht die Mahnung Zolas an die kommenden Generationen die Fehler und die Lernerfolge der Vergangenheit nicht zu missachten – denn was die eine Generation nicht schafft, darauf muss die neue aufbauen, wenn sie es schaffen will. Die Reichen tun es bereits, die in ihren Reihen Geborenen erben den Vorteil durch Besitz, wie die Unterdrückten den Vorteil durch Erfahrung und Bewusstsein erben müssen, wollen sie die Klassengesellschaft überwinden.

Germinal:

Direkt an dieses Bild der Vererbung schließt sich eine Metapher der Frische, des Fortschritts und der Freiheit an. Dieses Bild beginnt bereits vor dem eigentlichen Text im Titel des Werkes. „Germinal“ ist der Keimmonat des Kalenders der Französischen Revolution und Zola – dem bereits eine pessimistische Abweichung vorgeworfen wurde, lässt diese Geschichte des Elends und der Niederlage eben mit diesem Monate und seinen zarten Knospen enden – was für ein hoffnungsvolleres Ende sollte es für die Begrabenen geben, als den Hinweis auf ihre spätere Erhebung wider den Klassenfeind, als eine Hoffnung auf die ersehnte Freiheit?

„So eine Fickpisse ist voll von Gestern, du Spastischwuchtel“:

Die bereits angesprochene Generation Gap ist heute allgegenwärtig. Besonders ärgerlich ist die Annahme, dass die Literatur und die Gedanken der historischen Bewegung nichts zu unserem Fortschritt heute beitragen können, dass sich ja alles grundlegend verändert hätte. Nicht nur in dem Kongressbericht der Madrider Internationale der Anarchosyndikalisten von vor 80 Jahren stehen die heutigen Probleme bereits erörtert drin – z.B. Rationalisierung, sondern bereits Zola schreibt von Banken, Finanzkrisen, Globalisierung, Chauvinismus und dem Problem der Verantwortungslosigkeit in Hierarchien. Zola zeigt nicht nur plastisch und leicht verständlich diese Probleme der Klassengesellschaft auf, sondern weist ihnen auch ihre Rolle im Finanzgefüge zu – ein ebenso klarer Blick auf den Kapitalismus wie ihn Heinrich Mann auf den Untertanengeist des preußischen Militarismus warf. Es gibt keinen Grund sich diese Bildung von Weltrang entgehen zu lassen, gerade im Hinblick auf die Emanzipation, die nicht erst 2007 in Rostock / Heiligendamm erfunden wurde und deshalb auf eine lange Linie an gemachten Erfahrungen und heute keinesfalls überholten Erklärungen zurückblicken kann. Mehr noch als das, ist die Vergangenheit der Zukunft eine Basis, wenn ihre Lehren ins Heute tradiert werden. Sie kann bereichern, wenn sie nicht zum konservativen Zwang wird. Außerdem gibt es noch einen anderen Aspekt und der findet sich im Schicksal der Kämpfer unserer Aufstände, Streiks und Revolutionen: Sie haben unser Ziel geteilt, zu dem ihre Aufzeichnungen beitragen sollten – viele haben dafür mit ihrem Leben bezahlt und dieses Geschenk zu verwehren hieße unsere Toten desinteressiert in die Verdammnis stürzen, in die sie der Kapitalismus bereits verbannt hat.

Exkurs:

Ein anderer „Germinal“:

Am 26.01.1900 kündigte Rudolf Rocker in der Londoner Zeitung „Arbeiterfreund“ das Erscheinen seiner Zeitschrift „Germinal“ an, die er nach Zolas Werk benannte.
„Germinal“ sollte „eine Art Synthese zwischen einem guten Werbeblatt und einer Kulturzeitschrift werden, die sich auch mit den tieferliegenden Problemen des geistigen und sozialen Lebens befasste.“ (Wienand „Der geborene Rebell“)
Mit einer 2500 Auflage hatte der Anarchosyndikalist einen großen Einfluss auf die Intelligenz der jüdischen Einwanderer unter denen er in seinem Londoner Exil, aus dem Militärregime Deutschlands, lebte.
„Mit der Behandlung des Sozialismus als Kulturbewegung im weitesten Sinne, kam Rocker (…) Zolas „Germinal“ recht nahe; denn gerade die ausführliche Darstellung der verschiedensten – nicht nur ökonomischen – Aspekte der dort geschilderten Arbeiterrevolte ergab jene Dichte, Lebendigkeit und das Gefühl von Wahrhaftigkeit, die diesen Roman zu Zolas größter schriftstellerischer Leistung überhaupt machten.“ (Wienand, „Der geborene Rebell“)
Die Zeitschrift erschien zuerst 1900 bis 1903 und nach einer Unterbrechung von zwei Jahren erneut.
1905 erweiterte Rudolf Rocker als Chefredakteur ihre Seitenanzahl auf 48 und „Germinal“ erschien im Zweiwochentakt.
Ihre Bedeutung ging bald über das jüdische Migrantenmillieu Londons hinaus.

Quellen:

„Germinal“ HIER KLICKEN oder als Buch HIER KLICKEN

Peter Wienand „Der geborene Rebell – Rudolf Rocker – Leben und Werk“, 1981, Karin Kramer Verlag Berlin HIER KLICKEN

Quelle: Blog Pour ma Classe

3 Kommentare leave one →
  1. Arbeiter schwarz-rot permalink
    29. April 2013 11:04

    Ein wunderbarer Artikel. Klassenbewusst, klar, Position beziehend. Ich habe ihn unter meinen Kollegen weiterempfohlen. Mehr davon!

Trackbacks

  1. Was mir heute wichtig erscheint #323 - trueten.de - Willkommen in unserem Blog!

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