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Über Lebensläufe, Kapitalismus, Krieg und Bürokratie

19. April 2013

travend1819Auf dem Cover:

„Das Totenschiff
Inschrift
über dem Mannschaftsquartier des ‚Totenschiffes‘:

Wer HIER eingeht
Dess‘ Nam‘ und Sein ist ausgelöscht.
Er ist verweht.
Von Ihm ist nicht ein Hauch erhalten
In der weiten, weiten Welt.
Er kann zurück nicht gehn,
Nicht vorwärts schreiten,
Da, wo er steht, ist er gebannt.
Ihn kennt nicht Gott und keine Hölle.
Er ist nicht Tag, er ist nicht Nacht.
Er ist das Nichts, das Nie, das Nimmer.
Er ist zu groß für die Unendlichkeit
Und ist zu winzig für das Sandkörnlein,
Das seine Ziele hat im Weltenall.
Er ist das Niegewesen und das Niegedacht!“

„MEIN ROMAN ‚DAS TOTENSCHIFF‘
VON B. TRAVEN (TAMAULIPAS, MEXIKO)

Mein Wunsch war, eine gute unterhaltsame Geschichte zu schreiben. Ich denke, daß die Geschichte darum gut und unterhaltsam ist, weil ich sie mir nicht aus Hosennähten gezupft habe, weil sie nicht erdichtet ist. Wenn man eine wahre Geschichte schreibt, kann man nicht lange über die Kunstform nachgrübeln. Man erzählt einfach, und man erzählt so, wie man es sah und wie man es empfand. Ein andrer Mensch würde die selbe Geschichte ganz anders erzählen. Er würde Begebenheiten, die ich hervorheben und unterstreichen mußte, kaum wahrnehmen, vielleicht ganz fortlassen, während er Gespräche wiedergeben würde, die ich überhöhrte, weil ich sie für unwichtig ansah.

In diesem letzten Satz ist schon alles enthalten, was ich über mich selbst zu sagen habe. Wer sich um einen Posten als Nachtwächter oder als Laternenanzünder bewirbt, muß einen Lebenslauf schreiben und ihn innerhalb angemessener Frist einreichen. Von einem Arbeiter, der geistige Werte schafft, sollte man nie einen Lebenslauf verlangen. Es ist unhöflich. Man verführt ihn zum Lügen. Besonders dann, wenn er aus irgendwelchen Gründen glaubt, daß sein wahrer Lebenslauf eine Enttäuschung für die Menschen sein muß. Hier freilich treffe ich mich nicht selbst. mein Lebenslauf würde nicht enttäuschen. Aber mein Lebenslauf ist meine Privatangelegenheit, die ich für mich behalten möchte. Nicht aus Egosimus. Vielmehr aus dem Wunsche heraus: In meiner eignen Sache mein eigner Richter zu sein. Ich möchte es ganz deutlich sagen. Die Biographie eines schöpferischen Menschen ist ganz und gar unwichtig. Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert, oder seine Werke sind nichts wert. Darum sollte der schöpferische Mensch keine andre Biographie haben als seine Werke. In seinen Werken setzt er seine Persönlichkeit und sein Leben der Kritik aus. Das Totenschiff ist ein Schiff, das von Toten, von Gespenstern bemannt ist. Diese Toten atmen und arbeiten, sind aber dennoch tot. Tot, wie nur ein Mensch sein kann, der keine Verbindung mehr mit den Lebenden und mit der lebendigen Welt hat.

Auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans, wo ich lebe, wird ja heute noch behauptet, daß der große Krieg für die Freiheit, für die Demokratie, für die Unabhängigkeit der Völker geführt wurde. Wie nach dem europäischen Freiheitskriege von 1813/15, so ist auch nach diesem großen Freiheitskriege die Freiheit des einzelnen Menschen zum Teufel gegangen. Das haben Freiheits-, Religions- und Revolutionskriege so an sich.

Vor diesem großen Kriege genügte ein leerer Briefumschlag mit darauf geschriebener Adresse und abgestempelter Briefmarke, um von Berlin nach Philadelphia, von Hamburg nach Borneo, von Brüssel nach Neuseeland zu fahren. Seitdem der große Freiheitskrieg gewonnen wurde, haben alle Länder chinesische Mauern errichtet, deren Tore ohne Paß, ohne Visa, ohne Geburtsurkunde, ohne polizeiliches Führungszeugnis, ohne Ehescheidungsdokument, ohne Heiratslizenz nicht passiert werden dürfen. (Neuerdings ist an einigen Grenzen der Übertritt erleichtert worden. Schriftleitung.)

Als aber diese Mauern errichtet wurden, als die Bureaukraten aller Länder gewichtige Männer wurden, denen beinahe mehr Macht eingeräumt wurde als die abgesetzten Könige gehabt haben, da blieben einige Tausend Menschen draußen, außerhalb der Mauern. Sie konnten die Tore nicht passieren, weil das Papier wichtiger geworden war als der Mensch, die Geburtsurkunde einen höheren Wert bekam als die Tatsache, daß der Mensch lebte.

In einer Welt, wo der Buereaukrat mit seinen Registern und Anmeldeformularen den Lauf der Dinge bestimmt, hat der Mensch, der nicht anmeldefähig ist, kein Recht zu leben. Es wäre einfach, alle diese Menschen zu erschlagen, damit die ‚amtliche Abfertigung‘ sich in Ruhe und Ordnung vollziehen kann. Aber die Geburtsrate wird immer niedriger, und der Krieg hat auch seine Millionen von Menschen verschluckt, und deshalb kann man diese Sorgenkinder des Buereaukratismus nicht im stillen Ozean ertränken.

Wie dankbar haben wir dem Kapitalismus zu sein, daß er sich dieses Menschenkehrichts annimmt! Er tut es nicht aus Barmherzigkeit. Er hat beim Erdöl und bei der Steinkohle gelernt, daß die Abfallprodukte einen höheren Profit abwerfen können als das Kernprodukt.
Diesen menschlichen Abfallprodukten, diesen Toten, diesen Gespenstern wird der Glaube gelassen, daß sie durchaus freiwillig in die Arena treten, um als die modernen Gladiatoren zu kämpfen. Daß sie nicht fühlen, wie sehr sie die bedauernstwerten, unfreiwilligen Opfer eines schändlichen Systems sind. Daß sie überzeugt sind, sie seien ‚freie‘ Arbeiter, betrachte ich als ein Meisterstück des modernen Kapitalismus, der Krieg und Frieden, Abrüstungspläne und Völkerbünde, Revolutionen und Gegenrevolutionen, Bürgerkriege in China und organisierten Massenraubmord in Marokko und Syrien über die Menschheit verhängt, nicht nach Laune und Willkür, sondern um des nackten, blanken Profits willen. Man denke ja nicht, in Deutschland, daß der amerikanische Arbeiter freier ist als der deutsche. das bildet er sich nur ein. Infolge der etwas besseren Lebensweise die er führt – glaubt, zu führen – ist er versklavter als der deutsche Arbeiter.

Es mag gehäuft erscheinen, daß in dem Roman zwei Begebenheiten erzählt werden, die beinahe gleich ercheinen. Ich meine die Vorgänge bei den amerikanischen Konsulaten. Aber ich möchte dadurch zeigen, daß der amerikanische Beamte im Lande und außerhalb des Landes an hirnlosem Buereaukratentum den typischen kaiserlich-deutschen oder königlich-preußischen Beamten noch zu übertreffen sucht. Der Konsul in Holland ist der selbe Buereaukrat wie der Konsul in Frankreich, wie der Konsul in Italien, wie fast jeder Beamte. Und der deutsche Konsul in England redet die selbe Sprache wie der polnische Konsul in Hamburg. Die Beamten und die Buereaukraten sind eine internationale geheime Bruderschaft, die sich zur Aufgabe gemacht hat, den Menschen das Leben zu versauern. Ihre Fragen, Gesten, Ansichten, Ratschläge und Drohungen gehen allesamt nach demselben Code. Ich hätte leicht einen Konsul auslassen können. Aber das hätte dann den Eindruck erweckt, als ob der erwähnte Konsul eine Ausnahme sei. Unter diesen Beamten, welcher Nation sie auch angehören, gibt es keine Ausnahmen, weil sie sich pedantisch an ihre Vorschriften gebunden fühlen und ihren Staat nach dem Buchstaben vertreten. Dabei kommt die Menschlichkeit überall zu kurz. Das wollte ich betonen.

Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Schluß zu unvermittelt komme und daß den Durchschnittsleser die Frage peinigen werde, was aus dem Erzähler wird, der gefesselt auf dem Wasser weitertreibt.

Es wird mir schwer werden, das genügend zu beantworten. Hätte ich diesen Roman geschrieben mit der Absicht, ihn dem üblichen Lesepublikum vorzulegen, so wäre die Arbeit im ersten Kapitel schon anders gewesen. Aber ich zähle die Mitglieder der Büchergilde nicht zu den Durchschnittslesern, sondern zu jenen Lesern, die nach dem Lesen eines Buches noch die geistige Spannkraft haben, selbst nachzudenken, und die dann noch genügend eigene Phantasie besitzen, um sich einen ‚endgültigen Schluß‘ – vorrausgesetzt, daß sie einen wünschen – selbst auszudenken. Ich glaube nicht, daß die Romane die besten sind, die den leser völlig ausgepumpt zurücklassen, die ihm nichts mehr zum Denken übriglassen.

Ich muß auch gestehen, daß ich ganz ernsthaft nicht erklären kann, warum ich den Schluß gerade so und nicht anders gewählt habe. Nach meinem Gefühl war ein andrer Schluß nicht zulässig. Hätte ich den Schluß geändert, so würde ich einen Verrat an meinem Gefühl verübt haben. Ich glaube, wer einen anderen Schluß schreiben kann, ist nie ein einsamer Schiffbrüchiger gewesen, dem soeben der letzte Kamerad abgespült worden ist. Aber selbst dann, wenn ich nicht mein Gefühl sprechen ließe, sondern meinen klaren, nüchternen Verstand, ich könnte auch dann den Schluß nicht ändern. Ich könnte ihm vielleicht nur die eine Note nehmen, die einen religiös-sentimentalen Beigeschmack auslösen kann. Aber diese religiöse Sentimentalität ist echt. Die Männer sind in dieser religiösen Sentimentalität erzogen worden. Und wenn auch alle Sentimentalität in den Jahren der Arbeit verschwunden war, in diesem letzten Augenblick flackert sie auf. Sie ist aber nicht stark genug, um die letzten Sekunden so auszufüllen, wie es der fromme Gläubige gern sehen möchte. Hier vermischt sich die aufflackernde religiöse Sentimentalität mit der Sehnsucht nach einem ‚treuen‘ Schiff, nach einem guten freundlichen Kapitän, nach der Sauberkeit und Ruhe, die der Seemann aus tiefster Seele wünscht, wenn er auf einem ‚gottverfluchten Rattenkasten‘ ist. Der Roman ‚Das Totenschiff‘ ist mit diesem Schluß wirklich zu Ende. Das Totenschiff mit seiner Brutalität und Härte ist ausgelöscht. Die Überlebenden sind in einen Zustan geraten, indem sie nicht mehr die Brutalität des Totenschiffes sehen, sondern nur noch den schäbigen Kaffee, das elende Essen, das den Arbeitern auf dem Totenschiff serviert wurde. Aber sie sehen in ihrer Lage jetzt jenen Fraß, den selbst die Ratten nicht anrühren würden, als herrlichste Göttermahlzeit an. Ein solcher Wechsel in der Meinung ist nur denkbar, wenn der Tot bereits überwunden ist. Das Totenschiff erscheint noch einmal in all seinem Glanze als die Vision eines Fiebernden und Verdurstenden. Was nun aus dem Erzählenden wird, ob er zugrunde geht oder auf irgendeine Weise am Leben bleibt, hat mit dem Totenschiff nichts mehr zu tun. (Wer erzählt, lebt wohl auch.) Die nächste Zeile wäre der Anfang eines neuen Romans.“

Aus „Die Büchergilde“ Zeitschrift der Büchergilde Gutenberg Nummer 3 März 1926

Kommentar:

In dem Buch, worüber der Autor B.Traven in dem Artikel spricht, geht es zwar um ein Schiff, aber wenn man mal an Zeitarbeit / Leiharbeit denkt, besonders bei dem einleitenden Gedicht, fallen einem genügend Paralellen auf:

Wer hat in der Zeitarbeit noch ein Leben? Wer weilt bei drei Schichten in der Woche, jahrzehntelang, noch unter den Lebenden? Hat die Zeit und vor allem die Kraft noch selbstständig zu denken und was bleibt von den verheizten Seelen übrig, wenn sie eingegangen sind „ins Weltenall“? Wer bereits mal als Leiharbeiter gearbeitet hat, weiß wie schön das ist, wie man um den ohnehin geringen Lohn betrogen wird, wie man hin- und hergeschickt wird, wie ein „toter“ Roboter, wie missachtet wird, dass man ein Mensch ist, der am Leben teilhaben will.

Wie heute, gab es vor ca. 90 Jahren ebenfalls Arbeiten in der Welt des Kapitalismus die die Menschen dazu degradierten ein fremdgesteuertes Leben zu führen, was nicht das Eigene war, sondern das eines leblosen Sklaven.

Wir müssen bei reiflicherer Überlegung zu dem Schluss kommen, dass dieses „eigene Leben“ maßgeblich von der allgemeinen Lohnarbeit im Kapitalismus verdrängt wird: Für einen Schritt, den wir in „unserem“ Leben tun wollen, müssen wir zehn Schritte für ein „anderes“ Leben in der Lohnarbeit tun – Nur… die Zeit, die uns dadurch verloren geht, die Energie und Muße bekommen wir nicht ersetzt. Geld soll uns zwar dieses Lebensverlusts entschädigen, aber wenn wir darüber nachdenken – was bringt uns Geld, wenn wir nicht genug Zeit haben, es auszugeben, wie wir es gerne tun würden? Das schnelle Vergnügen ist die Antwort: Drogen z.B., um möglichst schnell irgendwo anders zu sein. Aber unser Leben bekommen wir niemals wieder – das widmen wir dem Imperium der Firma.

Der zweite Schwerpunkt des Textes liegt auf der Bürokratie, damals noch anders geschrieben, aber heute immernoch das selbe wie früher. Der Zettel ist mehr wert wie der Mensch, die Möglichkeit der Kontrolle für das Arbeitsamt, den Staat, die Herrschenden ist mehr wert, wie die Freiheit, unsere eigenen Wege gehen zu können und wird oft damit begründet, dass man uns vorsorgliche Vorwürfe macht: Ohne diese „Ordnung“, die Bürokratie, wären wir schlechte Menschen und würden übereinander herfallen – dies wird uns erzählt, damit wir ruhig halten, wenn die Chefs, Politiker und Banker über uns herfallen und uns aussaugen bis wir zu alt und schwach sind. Dann entschädigen sie uns mit einer Rente, damit wir die Katheter und die Beerdigung bezahlen können, die der einzige natürliche Akt ist, dem wir folgen dürfen, nachdem wir zur Last eines Pflegefalls geworden sind. Diese Bürokratie ersäuft Menschen vor unseren Küsten, die in ihrer Heimat verdursten.

Ein weiterer genußvoller Aspekt des Textes ist die Sache mit dem Lebenslauf. Was geht es meinen Chef an, welche Entscheidungen ich in meinem Leben getroffen habe? Wieso ziehen wir uns eigentlich vor den willigen Vollstreckern z.B. des Arbeitsamtes nackt aus?

Quelle: Blog „Pour ma Classe“

4 Kommentare leave one →
  1. Gollum permalink
    19. April 2013 10:06

    Kleiner Tip: bei Ebay bekommt man etliche Originalausgaben aus den 20ern von Traven, für ein‘ Appel und Ei, die müssen aus irgendwelchen Lagerbeständen aufgetaucht sein! Zuschlagen!

    • Chantal permalink
      20. April 2013 19:49

      Traven suchen lohnt sich immer – es kommt einfach krass, wenn man einen Autor sucht, der Weltliteratur geschrieben hat – es findet sich in allen Preisklassen und quer durch die Jahrzehnte was – außer vielleicht heute, Kapitalisten sind für Kultur zu dumm – gut, dass es da Antiquariate gibt: Also es lohnt sich auch bei booklooker, zvab und abebooks zu suchen.
      Wie gesagt Traven geht immer:
      Geschenk, Mitbringsel, Lehrmittel, Literaturstudium, Komparatistik, Bildung für Aktivisten usw

      Ein Kauf von Travenbüchern zB ist überdies besonders für Aktivisten nie verkehrt, denn selbst ein doppeltes Buch kann eine Wirkung entfalten, wenn man es einem Unbeleseneren weitergibt. Man trägt zu einer guten Kultur untereinander bei, bildet sich gegenseitig und stiftet dem Werk wieder Sinn, wenn man es aus den Händen eines Kapitalisten kauft, der es sowieso nur unnütz rumliegen lässt.
      Wir sollten das stets bedenken, wenn wir an einem Antiquariat vorbeigehen oder etwas übrige haben – es ist nötig (und das sieht man auch an den abschreckenden Streitgesprächen hier dauernd) dass wir unsere Klassiker kennen, einfach nur um uns Selbstbewusstsein aufzubauen, zB.

      In diesem Sinne:

      Cuando llame la muerte a mi,

      pensare en ti mi Rosa Blanca,

      y mi ultimo suspiro Lleve dulces besos para ti.

  2. 20. April 2013 23:05

    „Wie gesagt Traven geht immer:
    Geschenk, Mitbringsel, Lehrmittel, Literaturstudium, Komparatistik, Bildung für Aktivisten usw“
    @ChantaL: tue bitte nicht so, als ob du eine Germanistikstudentin wärst, nimmt dir eh keiner ab.

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