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Armut wird in „anders begabter Reichtum“ umbenannt

6. März 2013

heldendeskapitalsUm Armutsberichte nicht immer erst umständlich frisieren zu müssen, damit die FDP Ruhe gibt, plant Arbeitsministerin Ursula von der Leyen die Abschaffung der Armut. Zumindest in den Wörterbüchern.

Von Jean Gnatzig

Freude zwischen Kiel und Garmisch: Dem neuen Armutsbericht zufolge, der seit September so lange verändert wurde, bis er nicht mehr so deprimierend wirkte, gibt es in Deutschland kaum mehr arme Leute.

Ein riesiger Erfolg für die Bundesregierung, den in dieser kurzen Zeit kaum einer für möglich gehalten hätte. Vor sechs Monaten sah nämlich noch alles ganz anders aus, als Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen den ersten Entwurf des Berichtes vorlegte, in dem das Bild von einem sozial gespaltenen Land mit großen Vermögensunterschieden gezeichnet wurde. In dem nun vorliegenden Dossier ist davon glücklicherweise keine Rede mehr; auch von der Forderung nach einer Reichensteuer und den ausgesprochen mickrigen Stundenlöhnen von vier Millionen Arbeitnehmern liest man jetzt nichts mehr.

Koalition wollte Zustände nicht hinnehmen

Wie es heißt, wollten Teile der CDU sowie Wirtschaftsminister Philipp Rösler die im ersten Entwurf geschilderten Zustände einfach nicht so hinnehmen und forderten unverzügliche Konsequenzen.

Eingeweihte berichten davon, dass Rösler von dem Schicksal vieler Deutscher sichtlich angepackt war. „Es ist schrecklich, was die Realität anrichtet, wenn man sie einfach so machen lässt. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese schäbige Wirklichkeit in Deutschland siegt“, soll er von der Kollegin aus dem Arbeits-Ressort immer wieder gefordert haben. Ursula von der Leyen sieht Deutschland in dem aktuellen Armutsbericht zwar auf einem guten Weg, kündigte aber an, das Konvolut noch einmal überarbeiten zu wollen. „Viele in der Regierungskoalition fragen sich, warum in dem Armutsbericht immer wieder dieses hässliche Wort ‚Armut‘ auftauchen muss“, berichtet die Arbeits- und Sozialministerin.

Rösler beeindruckt

Geplant ist nun, das leidige Wort ganz zu streichen und durch „anders begabter Reichtum“ zu ersetzen. „Dadurch schaffen wir die Armut hierzulande faktisch ab“, freut sich von der Leyen. Kabinettskollege Rösler zeigt sich beeindruckt von der Maßnahme: „Was für ein Reichtumszeugnis für Deutschland!“

Quelle: Glasauge

5 Kommentare leave one →
  1. Gorilla permalink
    6. März 2013 17:34

    In der Adresse des Links zum Artikel steht deutlich Satire dran.
    Und ja, daß wir Politiker haben, denen wir sowas zutrauen, ist schlimm genug, allein dafür soltlen wir sie absetzen.

  2. Wer vom Reichtum nicht reden will, sollte auch von der Armut schweigen permalink
    7. März 2013 09:06

    Arbeit ist Reichtum

    Quelle: http://feynsinn.org/?p=17424

    Die Zeitung liest der reiche Mann
    und schaut sich die Statistik an.
    “Keine Armut?”, fragt er bleich –
    “seid ihr nicht arm, bin ich nicht nicht reich!”

    So schlimm wird es schon nicht kommen. Man muss nur verstehen, was die Bundesregierung und ihr Vizewirtschaftskanzler Rösler unter “Armutsbericht” verstehen. Es ist das Dokument ihrer Armut an Ehrlichkeit, Realitätssinn, ja sogar an Phantasie, wenn’s ums Lügen geht. Da greift halt eins ins andere. Das Skandälchen liegt in der Formulierung “Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt.” Das will man nicht wissen, was erstaunlich ist, denn die Privatvermögen sind überall ungleich verteilt, wo es Kapitalismus gibt, sehr ungleich sogar. In Deutschland gilt aber die Erzählung, die heilige Mutter Marktwirtschaft sei gütig und eben sozial®. Das verträgt sich nicht mit der Realität, also muss die ausgeblendet werden.

    Warum eigentlich? Die Neoliberalen interessiert ihr Geschwätz von gestern doch sonst nicht. Zu Zeiten des Lambsdorff-Papiers wurde eine Arbeitslosigkeit von Dauerhaft zwei Millionen Menschen als Katastrophe bezeichnet. Wir haben heute deutlich mehr allein in Westdeutschland, trotz des Kahlschlags bei Vollzeitjobs, von denen man noch leben kann und trotz aller Statistiktricks.

    Uns geht’s gut

    Armut beginnt für jene, die sie sich eh nicht vorstellen können, erst beim Hunger. Wer einen Fernseher hat, kann demnach nicht arm sein. Sie haben wirklich nicht die geringste Vorstellung davon, was es heißt, nicht dabei sein zu können bei ganz normalen Aktivitäten. Kein Theater, kein Kino, kein Kneipenbesuch, keine Pizzeria, kein Urlaub. Bei vielen Gelegenheiten muss man sich als “bedürftig” outen, um teilnehmen zu können. Und das Schlimmste: Es darf nie etwas Unvorhergesehenes passieren und man darf nie so dumm sein, zu viel Geld auszugeben – oder es sich von windigen Firmen aus der Tasche ziehen zu lassen. Dann ist nämlich tatsächlich der Kühlschrank leer und bleibt es auch, bis irgendwie wieder Geld reinkommt.

    Für Menschen, die es nicht schaffen, das alles völlig abgebrüht durchzuziehen, bedeutet das ein Leben in Angst. Wer das durchhält, wird an den Pranger gestellt und als “Sozialschmarotzer” beschimpft, die anderen in ihrer Depression nicht wahrgenommen oder obendrein auch noch abgeurteilt.

    Nichts Neues für die, die so etwas wissen wollen. Neu wäre es für die Röslers und von der Leyens, aber die haben sich abgeschottet. Das Politbüro interessiert sich nicht für die Werktätigen – und noch viel weniger für die nicht Werktätigen. Das Beste nämlich ist der Titel des dilettantisch manipulierten Berichts: “Arbeit schützt am besten vor Armut“. Das ist so bescheuert, dass es die ganzen Beschönigungen lang in den Schatten stellt. Am besten, um das kurz auf den banalen Punkt zu bringen, schützt Reichtum vor Armut, und den erwirbt man nicht durch Arbeit. Jemand hatte das bereits im 19. Jahrhundert ähnlich formuliert. Zweitens ist das immer weniger wahr, denn wenn eines in Deutschland steigt, ist es die Zahl der arbeitenden Armen. Drittens ist das unfassbar zynisch angesichts der katastrophalen Beschäftigungsentwicklung in Europa.

    Warum erscheint ein solcher “Armuts- und Reichtumsbericht” überhaupt noch? Meinen diese Clowns ernsthaft, sie könnten dauerhaft die Betroffenen über ihre eigene Lage belügen? Jene Betroffenen, die immer mehr werden?
    Nein, die Paranoia der Mittelschicht ist inzwischen zum Narrativ einer Nation geworden: Uns geht’s gut! Es könnte uns zwar besser gehen, gäbe es bloß nicht so viele Faulpelze, aber wer was leistet, dem geht es gut, und wer Arbeit will, findet auch welche. Jeder kriegt, was er verdient.
    ——————————————-

    Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=16407

    Thesen zum 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – Wer vom Reichtum nicht reden will, sollte auch von der Armut schweigen (von Christoph Butterwegge)

    Das Bundeskabinett hat heute – ein Jahr verspätet – den innerhalb der Regierung heftig umstrittenen 4. Armuts- und Reichtumsbericht gebilligt. Die Bundesregierung bewertet dessen Befunde „überwiegend positiv“: der Arbeitsmarkt habe sich gut entwickelt, es gebe eine Trendwende in der Einkommensentwicklung, die Schere zwischen Arm und Reich habe sich nicht weiter geöffnet, das Armutsrisiko sei nicht gestiegen, die Einkommens- und Vermögenssituation Älterer sei überdurchschnittlich gut. Deutschland gehe es so gut wie nie, meint FDP-Chef Philipp Rösler.
    Der Armutsforscher Christoph Butterwegge schaut auf die Wirklichkeit hinter der politischen Schönfärberei durch die Regierung.

    1.Nach am 27. Januar 2000 und am 19. Oktober 2001 gefassten Parlamentsbeschlüssen soll die Bundesregierung regelmäßig einen Armuts- und Reichtumsbericht (ARB) vorlegen, und zwar,…

    • Kein einziger Journalist bemerkte, dass im 4. Armuts- und Reichtumsbericht ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde permalink
      7. März 2013 09:23

      Von der Leyen: „Am aktuellen Rand“ ist alles gut (von W.Lieb, Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=16435 )

      (…)
      Kein einziger Journalist bemerkte, dass im 4. Armuts- und Reichtumsbericht ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde. Standen bisher die Kernindikatoren für Armut und Reichtum im Mittelpunkt, wird im neuen Bericht auf einzelne Lebensphasen und auf die Chancen sozialen Aufstiegs abgestellt. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, wird dabei in typischer konservativer Ausflucht von der sozialen Wirklichkeit auf die „Chancengerechtigkeit“ verengt. Die Ungleichheiten die sich nicht aus Chancenungleichheit ergeben, bleiben dabei außen vor.
      D.h. der Armuts- und Reichtumsbericht wird zum Propagandainstrument für die Parole, dass eben jeder seines Glückes Schmied sei.

      Fazit: Mangels eines ausreichend kritischen Potentials in der Bundespressekonferenz gelingt es der Bundesregierung den 4. Armuts- und Reichtumsbericht als Erfolgsstory darzustellen.

  3. Granado permalink
    7. März 2013 13:08

    s. Ägyptologe Carl Abel 1884: Der Gegensinn der Urworte
    http://archive.org/details/berdengegensin00abel
    -> Freud 1900: Die Traumdeutung VI C: Die Darstellungsmittel des Traumes
    Freud 1911: Über den Gegensinn der Urworte. Referat über die gleichnamige Broschüre von Karl Abel

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