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Konferenz „Macht ohne Herrschaft“ am 23. und 24. Februar in Berlin

19. Februar 2013

macht-ohne-herrschaft-plakatBei der Linkspartei wird hin und wieder über den Anarchismus gesprochen. Nun wird es in Berlin eine Konferenz dazu geben. Wir zitieren: Als sich der Parteitag der Linken im Oktober 2011 gegen die Aufnahme des Anarchismus in die historische Ahnenreihe entschied und diese gewichtige Strömung keine Erwähnung im Programm fand, entstand die Idee, dem Anarchismus eine Veranstaltung zu widmen. Dass Anarchismus nicht auf Bombenlegerei und Gesetzlosigkeit zu beschränken sei, mehr Spuren als nur Geschichten aus dem Spanischen Bürgerkrieg hinterlassen hat, sondern vielmehr als unverzichtbarer Ideenpool für libertäre, radikaldemokratische und gar pazifistische Einstellungen dient, sollte herausgestellt werden. Auch wollen wir zeigen, dass DIE LINKE und die Linke mehr umfasst als den konservativen Gewerkschaftsflügel oder eine verwaltungsfixierte Parteibürokratie.

Dass aus dieser Idee einmal eine große Konferenz entstehen würde, war in der Ideenfindungsphase so niemandem bewusst. Nach einem Jahr Planung und Vorbereitung, vielen tausend Stunden Arbeit, Rückschlägen und Erfolgen ist nun aber genau eine solche große Veranstaltung herausgekommen.

Am 23. und 24. Februar 2013 wollen wir nun gemeinsam über die Fragen von Demokratie, Freiheit, Anarchismus, über politische Theorie und Praxis diskutieren. Eingeladen haben wir Katja Kipping, Jochen Knoblauch, Helmut Ruge, Karsten Krampitz, Beate Kramer und viele andere. In Formaten, die das patriarchale aus Parteien wohlbekannte Vortrag-Frage-Antwort-Schema auflösen sollen, werden wir dem Anarchismus in Geschichte und Gegenwart auf den Grund gehen.

Buchpremiere „Schritt für Schritt ins Paradies“

Wir freuen uns, am zweiten Tag der Konferenz die neu erscheinende Anthologie „Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit“ vorzustellen. Am 24. Februar, ab 11 Uhr, wird das von Karsten Krampitz und Klaus Lederer herausgegebene Buch mit einer Lesung präsentiert. Unter den vielen Autorinnen und Autoren, die sich an dem Sammelband beteiligt haben, finden sich etwa Robert Misik, Manja Präkels, Daniel Loick, Beate Kramer, Gerhard Senft, Konstanze Kriese, Markus Liske u.v.a.

Das Programm zur Konferenz und alles Weitere finden Sie unter http://ema.li

Konferenz „Macht ohne Herrschaft“ Berlin, Haus der Demokratie, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin. 23. Und 24. Februar 2013, jeweils ab 11 Uhr. Eintritt frei

Emanzipatorische Linke

Zusammenschluss in und bei der Partei DIE LINKE

Rezension zum Buch „Schritt für Schritt ins Paradies“

Zwischen Stühlen

Karsten Krampitz /Klaus Lederer (Hrsg.): Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit, Verlag Karin Kramer. Berlin 2013, 252 Seiten, 19 EUR.

Von Bernd Hüttner

Der Anarchismus, speziell der Anarcho-Syndikalismus, gehört zur historischen Arbeiterbewegung und insofern zum Kanon linker Geschichte. Während die traditionelle Arbeiterbewegung Gerechtigkeit und Solidarität betont, macht der Bezug auf Freiheit den Wert des Anarchismus aus. Heutzutage okkupiert der Neoliberalismus den Begriff der Freiheit, während die Linke mehr den der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes, der Publizist Karsten Krampitz und der Berliner Landesvorsitzende der LINKEN, Klaus Lederer, eint die Ansicht, dass sich Freiheit und Gerechtigkeit bedingen und die Linke sich eine höhere Wertschätzung für individuelle Freiheiten zu eigen machen müsse.

Die beiden haben Texte einer bunten AutorInnenschar versammelt: Vom Journalisten Robert Misik, demVerleger Jörn Schütrumpf, polar-Mitherausgeber Robin Celikates, über den bekannten Berliner Altanarchisten Jochen Koblauch, der Anarchistin Emma Goldman bis zum Linken-Bundestagsabgeordneten und Kriminalpolizisten Frank Tempel.

Knoblauchs Beitrag enttäuscht. Er behauptet zum Beispiel: „je größer eine politische Einheit, desto willkürlicher werden die Normen“. Dann müsste die Schweiz ein Hort der Liberalität sein. Misik beschreibt in seinem Text, der auf seinem Buch „Halbierte Freiheit“ beruht, wie die politische Rechte der Linken den Freiheitsbegriff entwendete. Misik und auch Lederer zeigen, dass Linke ihre Schwierigkeiten mit der Autonomie des Individuums haben, eine nur kollektiv denkbare Gerechtigkeit sei ihnen dann doch wichtiger.

Konstanze Kriese lässt die Erinnerung an Emma Goldman (1869-1940) aufleben und kritisiert unter Berufung auf den heute weitgehend vergessenen Arbeiterhistoriker Erhard Lucas die männerbündlerischen Seiten der historischen Arbeiterbewegung — den Anarchismus eingeschlossen. Kriese weist im Rückgriff auf Goldman darauf hin, dass sich politische Ideen nur als Kultur- und Wertedebatten weiterentwickeln lassen. Sie schreibt, dass sich für die Linke der kulturelle Wert und die Substanz von Solidarität „nicht mit Quittungsblöcken herbeidiskutieren lässt“.

Schütrumpf schlägt in eine ähnliche Kerbe: Schon Rosa Luxemburg habe in gewohnter Schärfe, Bildung als Hilfe zur Selbsthilfe angesehen und darauf hingewiesen, dass Emanzipation nicht mit antiemanzipatorischen Mitteln von statten gehen könne. Die Linke müsse an der Selbstemanzipation ihrer Mitglieder und Sympathisant_innen interessiert sein.

Der sonst eher antiimperialistisch denkende Peter Schäfer, Büroleiter der Rosa Luxemburg Stiftung in Ramallah und demnächst in Kairo, plädiert unwillentlich postmodern gegen einen universalistischen Emanzipationsbegriff. Am Beispiel der Muslimbruderschaft zeigt er die Folgen auf, die es hat, wenn die Linke den Alltag der Menschen ignoriere. Dieses Vakuum füllen dann andere. Der westlichen Linken fehle es an Einfühlungsvermögen in, wenn nicht gar Verständnis für die arabischen Gesellschaften.

Wolfgang Seidel Mitbegründer der Ton, Steine Scherben schreibt über Rock und Pop im Kapitalismus. Sein Beitrag ruft ins Bewusstsein, dass es vor allem ArbeiterInnen waren, die den Rock´n Roll in den 1950ern goutierten — zehn Jahre vor dem akademisch geprägten „1968“. Besonders absurd sei es, wenn im historischen Ostblock die Jugend das Versprechen auf ein besseres Leben und die Befreiung von Zwängen nicht mit der kommunistischen Partei, sondern mit der westlichen Popkultur identifizierte. Heute habe Popmusik, die längst Mainstream sei, die Funktion, die früher die Wehrpflicht hatte, sie sei nun die Schule der Nation.

Markus Liske kritisiert den habituellen und politischen Konservativismus der Berliner Anarcho-Szenen. Diese seien von Vereinsmeierei geprägt und produzierten Kitsch statt Gegenkultur. Weitere Beiträge behandeln Pierre-Joseph Proudhon, die sexuelle Selbstbestimmung von behinderten Menschen und Barrierefreiheit in Bordellen, Drogenpolitik und die Geschichte des DDR-Oppositionellen Rudolf Mucke, der 1995 Suizid verübte.

An dem Buch, das insgesamt 29 Artikel enthält, werden viele Kritik üben. Den ParteianhängerInnen dürfte es zu anarchistisch, zu kritisch und frech, zu un-Partei-isch sein. Den AnarchistInnen werden zu viele Parteifunktionäre dabei sein. Viele werden es gar nicht einordnen können und sich womöglich fragen, wie es sein kann, dass Klaus Lederer als langjähriger Vorsitzender einer ehemaligen Regierungspartei solch ein Buch mit herausgibt? Ein Buch das sehr viele lesenswerte Beiträge enthält, auch zu Themen, die sonst nicht im Fokus der Linken stehen. Aber so ist es nun mal: Nur wer zwischen den Stühlen sitzt, ist wirklich frei.

Quelle der Buchbesprechung: Prager Frühling

23 Kommentare leave one →
  1. Programm der Konferenz permalink
    20. Februar 2013 09:19

    Programm der Konferenz: http://emanzipatorischelinke.files.wordpress.com/2013/02/programm-ema-li-konferenz-macht-ohne-herrschaft-v5.pdf

    TSS http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=wO26oxSqG8U

    „Schritt für Schritt ins Paradies: Handbuch zur Freiheit“
    Julia Bonk (Herausgeber), Karsten Krampitz (Herausgeber)

    Broschiert: 252 Seiten, 19,– €uro. [Broschiert]
    Verlag: Karin Kramer Verlag, Berlin – http://www.karin-kramer-verlag.de
    ISBN-10: 3879563748
    ISBN-13: 978-3879563746

  2. Klaus permalink
    20. Februar 2013 14:18

    Die PDL bzw. ihre Strömung EmaLi veranstaltet eine Tagung zum Anarchismus. Klaus Lederer ist Mitherausgeber eines Buches zu diesem Thema. Da reibt man sich verwundert die Augen. EmaLi , dem antideutschen Spektrum über die PDL hinaus nicht nur nahestehend, deren Gallionsfigur, die Co-Parteivorsitzende Kipping, die nicht müde wird, eine „Mehrheit links von der CDU“ herbei zu halluzinieren, der sich anzudienen ihr seit Längerem wichtigstes Vorhaben zu sein scheint, die Begriffe wie Antiimperialismus & Klassenkampf überholt & nicht zielführend findet, …. da führt das verwunderte Augenreiben zu heftigem Tränenfluß. Wuttränen allerdings. Lederer, der als gerade wiedergewählter (… Einigen ist eben nicht mehr zu helfen …!) Landesvorsitzender der PDL in Berlin 10 Jahre lang in der sog. rot/roten Koalition so ziemlich jede Form von Sozial- & Demokratieabbau, Bullenterror & Privatisierung sang- & klanglos mitgetragen hat & die Stimmenergebnisse seiner Partei damit halbiert hat, entdeckt sein Herz für den Anarchismus …. ?! Nun bin ich wirklich der Letzte, der den Menschen abspricht, zu lernen & sich weiter zu entwickeln. Aber derartig verschraubte Rückwärtssalti, nee Leute. Bezeichnend ist, daß in der PDL die Frechheit, auf´s schnelle Vergessen des Urnenpöbels zu spekulieren recht ausgeprägt ist. Das Gedächtnis von Betroffenen & Linken ist allerdings doch noch etwas ausgeprägter. Noch eins: Fr. Kipping gehört dem sächsischen LV der PDL an. Dieser hat grade mit CDU, SPD, FDP & Grünen für die verbindliche Einführung der sog. Schuldenbremse in die sächsische Landesverfassung gestimmt & wertet dies als historischen Schritt. Ein Zitat von CRASS: Who do you think they´re fooling: YOU ? Und: Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten ! Wer war mit dabei: die Linkspartei !

  3. anarchistin permalink
    21. Februar 2013 02:58

    beim arbeitskampf im berliner kino „babylon“ vor einigen jahren hat klaus lederer die fau als gelbe gewerkschaft bezeichnet. ich frag mich, wie die kramers ein buch von ihm herausbringen können. in brandenburg gab es einst eine koalition aus spd und cdu. die cdu wurde irgendwann durch die linke ersetzt. die politik der landesregierung hat sich dadurch nicht geändert. in berlin ist es das gleiche, nur andersrum.

  4. 21. Februar 2013 11:01

    Offener Brief an die Emanzipatorische Linke
    z. H. Julia Bonk, Bundessprecherin, und Katja Kipping

    Sehr geehrte Frau Bonk,
    sehr geehrte Frau Kipping,

    so erfreulich es ist, wenn sich Gruppen der Partei Die Linke mit dem Anarchismus auseinandersetzen und dessen emanzipatorische Seiten zu würdigen versuchen, so irritierend finde ich, dass Sie zur Konferenz „Macht ohne Herrschaft“, die die Emanzipatorische Linke am 23./24. Februar 2013 veranstaltet, überwiegend VertreterInnen jener Traditionslinien des Anarchismus einladen, die sich auf die Individualanarchisten Max Stirner und John Mackay, den Antisemiten, Antidemokraten und Frauenfeind Pierre-Joseph Proudhon oder gar die Freiwirtschaftslehre des Sozialdarwinisten Silvio Gesell beziehen.

    Im Programm der Konferenz werden als Referent für den einführenden Vortrag Jochen Knoblauch genannt, dazu die Stirner-Expertin Beate Kramer, die zur Geschichte des Anarchismus, insbesondere der Eigentumsfrage sprechen soll, und Bernd Kramer vom Karin-Kramer-Verlag in Berlin.

    Knoblauch zählt zu den Machern der Zeitschrift „Espero“, die seit 1990 die
    Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells verficht, mit Beiträgen von führenden Exponenten und Nachdrucken von Gesell-Texten, etwa dem Vorwort aus dessen rassenhygienischen Roman „Der abgebaute Staat“ (1927). Die abstruse Zinstheorie Gesells ist anschlussfähig für antisemitische Hetze. Knoblauch ist Mitherausgeber des Buches „Anarchismus 2.0“ (2009), in dem ebenfalls für die Freiwirtschaft geworben wird.

    Ein Autor von „Espero“ ist Klaus Schmitt, der sozialdarwinistische und rassenhygienische Positionen ganz offen vertritt, sich auf den Nazi-Biologen Konrad Lorenz stützt und eine „selbstbestimmte“ Eugenik propagiert. Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass „durch den Schutzraum der Kultur der Ausleseprozeß ausgeschaltet ist, die weiterwirkenden Mutationen führen jedoch zur überwiegend negativen Veränderung der menschlichen Natur: zu Domestikationserscheinungen“, schreibt Schmitt in dem Buch „Silvio Gesell – Der Marx der Anarchisten? das er 1989 im Karin-Kramer-Verlag publiziert hat.

    Ko-Autor von Schmitt war Günther Bartsch, ein Anhänger der so genannten Neuen Rechten, der sich positiv auf die Strasser-Linie des deutschen Faschismus bezog. Damit wären wir bei Ihrem nächsten Referenten, dem Verleger von Schmitt/Bartsch, Bernd Kramer, der das Buch gegen antifaschistische Kritik verteidigte, und auch schon mal Henning Eichberg, dem Vordenker der Neuen Rechten eine Plattform geboten hat.

    Ist die Deutungshoheit dieser Sorte Anarchisten so weit gediehen, dass die Emanzipatorische Linke kollektivistische und anarchokommunistische Strömungen in der Tradition Peter Kropotkins oder Michail Bakunins übergeht? Oder warum haben Sie zu Ihrem Kongress keine VertreterInnen beispielsweise der anarchosyndikalistischen FAU oder der IWW eingeladen?

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter Bierl

    • Folkert permalink
      21. Februar 2013 19:54

      Es wird immer ekliger:
      Ein Offener Brief an die SED-Nachfolgerin, weil sie nicht im eigenen Sinne funktionoert, sondern -gerantiert!- die falschen Leute einlädt. Sicherlich besser Dich, als Ex-FAULer würde ich mich nicht mal in die Nähe so einesr Alibi-Konferenz wagen … das lieber TLDler oder IKDler, die mit einem über die schröcklichen Fwehler der revolutionären (oder auch nicht) Anarchisten diskutieren wollen, um sie zu rekrutieren.

      Und weshalb tummelst Du Dich plötzlich hier herum?

      An was Eure/Deine Theorie alles „anschlussfähig“ wäre, möchte ich lieber nicht thematisieren („Dr. Martin“ [Baymayer] von der DA findet da sicherlich ebensowas Schlimmes, wie andere Spießer im universitären Betrieb). Also – leninistische ÖkoLinxe – raus aus diesem Forum! Denn Lenin war neben Trotzky eben der Wegbereiter Stalins – da seid ihr doch bestimmt auch „anschlussfähig“?

      Warscheinlich ist es besser, gleich zu schreiben, daß ich kein Anhänger von Gesell bin, aber eben ebensowenig von Deiner/Juttas Truppe!

  5. Granado permalink
    21. Februar 2013 11:39

    Und wird Anarchismus nur durch „Anarcho“kapitalismus-Zugeneigten vertreten?

    • anarchistin permalink
      21. Februar 2013 19:31

      anarchosyndikalistische/anarchokommunistische leute, die es halbwegs ernst meinen und nicht komplett bescheuert sind, würden sich niemals für eine propagandashow einer partei hergeben. es sind ausschließlich leute dabei, die den anarchismus nicht (mehr) ernst nehmen. die „linke“ hat sich im arbeitskampf beim kino babylon auf die seite des chefs gestellt. bierls kommentar ist etwas wahnhaft. aber der ist ja auch marxist und hat glaube ich ein verzerrtes bild vom anarchismus. er glaubt wohl, der gesamte individualanarchismus sei „rechts“… ich glaube nicht, daß er stirner oder proudhon verstanden hat. kropotkin bezieht sich häufig auf proudhon. ist er dann auch antisemitisch und frauenfeindlich? was soll eigentlich der vorwurf „antidemokrat“?
      wie auch immer, von den verschiedenen berliner anarchistischen gruppen wurde meines wissens keine einzige gefragt, warum auch, wir hätten alle abgelehnt. die „linke“ macht sowas um anpolitisierte jugendliche für ihre partei zu agitieren. warum geben sich (angeblich) anarchistische leute für sowas her? glauben sie, da gut werbung für den anarchismus zu machen? das wird garantiert irgendein reformistischer scheißdreck sein, was sie da erzählen. vielleicht werden sie auch gut bezahlt, keine ahnung.

  6. Higgins permalink
    21. Februar 2013 20:58

    Die wissen schon ganz genau, wen sie einladen, und es ist kein Zufall, dass diejenigen auf den Podien sitzen, die dort sitzen werden. Es sind genau diejenigen, mit denen sie es machen können, die sie vorführen können: Seht her, der Anarchismus ist eben naiv, ein schöner Traum, aber eben nur eine Utopie. Alles schön kalkuliert, um den jungen Spontis in den eigenen Reihen vorzuführen, dass die „Linke“ ein guter Kompromiß ist. Sie wissen auch, dass die Anarchisten strategisch und mental derart unterbelichtet sind, dass sie es einfach so durchziehen können. Sie haben nichts zu befürchten. Und hier ist es absolut richtig, was der Bierl bezüglich der Syndikalisten sagt, denn es gäbe eine Alternative von syndikalistischer Seite, offensiv mit dieser Veranstaltung umzugehen. Das müßte gut geplant werden und von beherzten Leuten durchgeführt werden: Zwei gute syndikalistische Redner, ein Teil eigenes Publikum, eigenes Propagandamaterial mit Kontaktadresse, gezielte persönliche Gespräche mit ungefestigten Interessierten und Einladungen zu den eigenen Treffen und Aktionen. Das wäre alles machbar. Die Syndikalisten vor 1933 haben sich sowas nicht entgehen lassen und sind entsprechend selbstbewußt aufgetreten, gerade auf Veranstaltungen des Gegners. Das war ein gängiger Sport – auch anders herum. Da hätten offensiv und hartnäckig alle die Argumente Platz, die hier in den Kommentarspalten angeführt werden.
    Aber es wird anders kommen, weil die Kommunisten (eigentlich Sozialdemokraten) mal wieder viel schlauer und besser konstituiert sind, als diejenigen, die sie als Punchingball eingeladen haben…mal wieder.

    • Arbeiter & Anarchist permalink
      22. Februar 2013 08:02

      Ja Higgins, du hast alles auf den Punkt gebracht. Es ist die falsche herangehensweise sich auf seine tollen Überzeugungen zurückzuziehen und solche Sachen links liegen zu lassen, wie dies Genosse Folkert vorschlägt. Auch Leute wie Bierl sollen ihre Meinung sagen können. Wichtig ist, das von klassenkämpferischer-anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Seite gehandelt wird. Es kommt doch nicht von ungefähr das die Politfunktionäre der Linkspartei nun den Anarchismus in’s Zentrum ihrer Auseinandersetzung rücken. Der Anarchismus ist attraktiv und erfährt spürbar mehr Zuspruch unter der Jugend. Das richtige wäre es, dort in Berlin, Präsenz zu zeigen, freundlich aber bestimmt aufzutreten – eben keinen Punchingball abzugeben – und den Anarcho-Syndikalismus selbstbewusst vorzustellen. Die Linkspartei hat sovlel Scheisse gemacht das man sie sehr einfach in die Ecke stellen kann. Eine grundlegende Veränderung wird es mit ihr nicht geben.

    • anarchistin permalink
      22. Februar 2013 20:28

      sicher hätten wir da was planen konnen- dazu hätten wir es aber auch eher wissen müssen. und ich glaube nicht, daß es sonderlich schwer ist, gegen klaus lederer, julia bonk oder katja kipping in der diskussion zu bestehen. es hat einfach niemand von uns etwas mitbekommen, bzw. wir haben es übersehen, weil wir uns um die „linke“ nicht viel kümmern.

      • Überraschter permalink
        22. Februar 2013 20:58

        Ist die Konferenz nicht erst morgen?
        Es ist doch nicht schwer gegen diese, wie heißen sie gleich noch, zu bestehen. Also – nix wie hin da, und diese Aussage beweisen.

    • Bonaventura permalink
      23. Februar 2013 01:24

      Higgins, du hast recht. Und es wäre besser, wenn wir Leute und Strukturen hätten, die solch eine Veranstaltung aufmischen könnten. Aber – eben aber. Wir haben vielleicht die Leute, aber offensichtlich nicht die Strukturen, die es ermöglichen, an solchen Punkten einzugreifen und ein solches Podium zu nutzen, das zumindest ein offenes Ohr für unsere Ideen hat (auch, wenn dies Ohr wohl mit Parteipolitik zugekleistert werden soll). Oder doch?

      In der 2. Hälfte der 1970er Jahre gab es mal in Hamburg zwei Veranstaltungen der trotzkistischen GIM zum Anarchismus (Teil 1: Kronstadt; Teil 2: Spanien), angezettelt übrigens von einem ‚anarchisanten‘ Kollegen aus der damaligen Gewerkschaftsgruppe der GIM. Es trafen sich auf der 1. Veranstaltung ziemlich viele Anarchisten (und wenige /-*innen) aus verschiedenen Grüppchen und Gruppen, die einander bisher nicht kannten, sich unabhängig voneinander vorbereitet hatten – und dem Genossen Referenten der GIM in der Diskussion die Hölle heiß machten (es paßte alles spontan gut zusammen).
      Er bekam danach von seinem Vortänzer eine fetten Rüffel, weil er sich von den dummen Anarchos aus der Reserve hatte locken lassen (übrigens damals schon ein gestandener Mann, während wir alle Jungspunde waren. Aber wir waren wenigstens nicht dumm und unwissend).

      Auf der 2. Veranstaltung war die Gewerkschaftsgruppe nicht mehr offiziell vertreten (wohl zu schlechte Erfahrungen bei der ersten Veranstaltung), und einige anarchistische Genossen (keine /-*innen) hatten ein Co-Referat vorbereitet, das wohlfundiert war. Vielleicht wäre die Gewerkschaftsgruppe aber auch eingeschlafen, denn es war ein formalisierter Schlagabtausch, und die zweite Veranstaltung war bei weitem nicht so lebhaft, spontan und animierend wie die erste.

      Ergebnis dieser beiden Veranstaltungen war allerdings u.a. das »Komitee Freies Spanien Hamburg« und – etwas längerfristig – die Gründung der FAU-Zeitschrift »direkte aktion«, im Herbst 1977.

      So kann’s auch gehen …

  7. 21. Februar 2013 21:17

    Nch allem was ich hier lese wäre es also um so wichtiger auf dieser Konferenz auf zu tauchen und offensiv anarchistische Positionen zu beziehen. Wer weiß, vielleicht, schafft man es ja Teile des Publikums für sich zu gewinnen. In einer Stadt wie Berlin gibt es ja durchaus mehrere anarchistische und syndikalistische Strukturen und in den Tagen nach dieser Konferenz sicher auch eine Reihe interessanter „eigener“ Veranstaltungen.
    Also, nehmt Zeitungen und Flyer mit, setzt euch in die diversen Einzelveranstaltungen und agitiert 😉

    • Anarchosyndikalist permalink
      22. Februar 2013 00:00

      Erfrischender Vorschlag.
      gilt auch für die
      Mühsam-Preisverleihung:

      AUFKLÄRUNG

      😆

  8. Arbeiter & Anarchist permalink
    22. Februar 2013 21:17

    Hahahahaha… der beste Kommentar auf dem Blog der „Ema Li“ kommt von einer Ingrid. Ingrid ist erschrocken. Sie schreibt: : “Dass Anarchismus nicht auf Bombenlegerei und Gesetzlosigkeit zu beschränken sei, mehr Spuren als nur Geschichten aus dem Spanischen Bürgerkrieg hinterlassen hat, sondern vielmehr ….” Dieser Satzteile aus der PM zur Anarchismus-Konferenz ist zumindest unglücklich formuliert, denn er scheint Gewalt zu relativieren, – das erschreckt mich! Was sagt ihr dazu? Ingrid“

    Ansonsten soll es morgen auch einen Livestream von der Konferenz geben:

    http://emanzipatorischelinke.wordpress.com/2013/02/21/ohne-herrschaft-aber-mit-technischem-fortschritt-livestream-zur-konferenz/#comments

  9. 24. Februar 2013 15:15

    Von Min. 5,35 bis 8,00 und dann von Min. 25,25 bis Min. 28,15. Oder einfach die ganze Lesung hören 🙂

    • Überraschter permalink
      24. Februar 2013 19:53

      Da wird ja die FAU-Berlin gewürdigt! Hätt ja nicht gedacht, dass die überhaupt ne direkte Aktion hinkriegen – aber man höre – sie habens drauf. 🙂 Jetzt werden die Reformisten sicher wieder drüber herziehen, dass die FAU so gelobt wird. Dabei ist es endlich mal verdient.

    • Hahahaha permalink
      24. Februar 2013 22:22

      Geil… der „Obermufti“ „Hallo Hansi“ mit Schmerbauch lallend auf dem Hocker. Aber wer läuft dem Pseudo-Radikalen Sektenchef denn nach?

  10. 7. März 2013 14:41

    Hier der Vortrag von Jochen Knoblauch:

    Vortrag Libertäre Freiheit heute (gehalten in Berlin am 23.2.2013) den

    Vorab einige Anmerkungen zum Titel dieses Vortrages, den ich mir selbst nicht ausgedacht habe, sondern, der mir vorgegeben worden ist und meines Erachtens einiger Klärung bedarf:

    Libertär: bedeutet einfach nur freiheitlich und schließt Ideengeschichtlich ebenso die Liberalen und Libertarian (= „Anarchokapitalisten“) mit ein, die, wie schon im 18. und 19. Jahrhundert so auch heute, eigentlich nichts weiter anderes im Sinn haben, als eine persönliche Freiheit, die sie dazu benutzen können sich ökonomisch möglichst, ohne vom Staat gesetzte Grenzen, zu entwickeln.
    Somit mag der Begriff libertär u.U., wenn es um den Begriff Freiheit geht richtig sein, aber für mich als Anarchist ist „libertär“ zu schwammig, und kein Gerant dafür, dass Libertäre und/oder Liberale jene Freiheit meinen, die ich vertreten würde. Die Freiheit des Einen ist hier eher die Unfreiheit der Anderen, denn der klassische Liberalismus kommt nicht ohne sein Eigentum aus, und somit nicht ohne einen Minimalstaat, der bereit ist notfalls für das Eigentum seiner (reichen) Untertanen den Rest seiner (armen) Untertanen mit Gewalt in Schach zu halten.
    Fazit: Nicht alle die von Freiheit reden, wollen die Freiheit mit ihren Mitmenschen bedingungslos teilen.

    Freiheit: Dieser Begriff ist inzwischen so beliebig und unverbindlich geworden, dass es schon fast schmerzt.
    Wenn ein aktiver Christ und oberster Repräsentant dieses Staates wie Herr Gauck, Freiheit zu seinem Lieblingsthema ernennt, dann läuft es mir – ehrlich gesagt – eiskalt den Rücken runter, denn in meinen Augen ist Herr Gauck in doppelter Hinsicht unfähig diesen Begriff adäquat zu erklären, ohne sich selbst permanent ins Abseits zu stellen. Denn Gott und der Staat lässt Freiheit nur in dem Maße gelten, wo deren Herrschaft nicht angetastet wird, und wenn Herrschaft – also eine fremde Macht, egal ob der Staat oder der liebe Gott – über mich bestimmen kann, werde ich niemals frei sein können. Der Mann kann also nur sich selbst die Taschen voll lügen – mehr nicht.
    Im Namen der Freiheit werden Kriege geführt, Staaten gegründet usw., oder in pervertierter Form von den Nazis in die zynische Parole „Arbeit macht frei“ gezwängt.
    Dementsprechend muss Freiheit definiert werden.

    Freiheit heute: Heute leben wir in einer gänzlich anderen Welt, als etwa noch die klassischen SozialistInnen und AnarchistInnen des 19. Jahrhunderts. Die Technisierung hat unsere Welt verändert, und zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnet. Aber wie die zwei Seiten einer Medaille hat diese seine Vor- und Nachteile.
    So bleibt letztlich der Kernpunkt der Forderung auf das Recht nach einem autonomen und freien Individuum von der Zeit unangetastet. Die äußeren Umstände haben sich geändert, der Kern bleibt der alte: eine größtmögliche individuelle Freiheit in einer freiheitlichen Gesellschaft.

    Freiheit als philosophischer Begriff
    Die Philosophie teilt den Begriff Freiheit in eine negative und eine positive Freiheit, wobei hier die Begriffe „negativ“ und „positiv“ nicht als schlecht und gut fungieren, sondern Freiheit als gegen etwas, bzw. durch Willens- und Handlungsfreiheit zu etwas zu kommen, interpretiert werden.
    Letztlich bedingt das eine das andere.
    Da Freiheit einem ja nicht geschenkt werden kann – lediglich Voraussetzungen können angeboten werden – beginnt der mensch meistens damit, als erstes zu formulieren, was er nicht möchte. Dies zu erkennen und zu formulieren ist der erste Schritt auf einen langen Weg.
    Sagen zu können, was mensch will, ist wesentlich schwieriger. [Punk: „I don’t know what I want, bur I know how to get it!“].
    Das Wissen um das, was mensch nicht will, wie die Formulierung des Wunsches, was mensch möchte, erlangen wir nur in der Interaktion mit anderen Menschen. Es gibt keine Freiheit nur für mich, ohne die Freiheit aller anderen, denn Freiheit bedeutet, dass Menschen sich auf gleicher Augenhöhe begegnen, jede und jeder über die gleichen Rechte verfügt [dabei mag es egal sein, ob ich unter fünf Margarine-Sorten auswählen kann, entscheidend ist, dass alle Menschen Zugang zu gesunden Lebensmitteln in ausreichender Menge haben].

    Diese gleichen Rechte bedeuten aber nicht Gleichheit. Jeder Mensch ist anders. Es bedeutet, dass die Freiheit, in den vielfältigen Möglichkeiten, die die Gesellschaft allen vorbehaltlos zur Verfügung stellen sollte, liegt.

    Die Philosophie betrachtet das Problem Freiheit in erster Linie als eine transzendentales [also das, was die Grenze der Erfahrung und des Bewusstseins beziehungsweise der Erkenntnis überschreitet], der Anarchismus hingegen als ein politisches, ein individuell und gesellschaftlich lösbares Problem.

    Der „Aufklärer“ Jean-Jaques Roussou interpretiert die Freiheit als – das nicht tun zu müssen, was man nicht will. Also die Grundlage sich selbst als ein freiheitlichen Individuum zu entwickeln.
    Darin kann ein konkret politischer Schritt gesehen werden – zu wissen was ich nicht will, bedeutet mich dagegen aufzulehnen und Überlegungen anzustellen was ich eigentlich will.

    Freiheit ist ein universelles Phänomen, doch die Freiheit bedeutet für die unterschiedlichen Menschen auch ganz individuelle Realitäten.

    Freiheit als Kern einer anarchistischen Lebenshaltung
    Die verschiedenen Formen von Anarchismen, die weniger in Konkurrenz, denn in Ergänzung zueinander stehen sollten, haben einige Berührungspunkte, die als Minimalkonsens einer gemeinsamen Definition gelten. Dazu gehört u.a. die Freiheit von den verschiedenen Arten von Herrschaft, die der Mensch über den Menschen ausübt, und damit auch das Eintreten für eine individuelle Freiheit. Dies gilt auch z.B. für die kollektivistischen und kommunistischen AnarchistInnen: Je stärker das Individuum, desto stärker ist auch das Kollektiv und es schützt vor einer negativen Entwicklung, wo sich z.B. wieder neue Hierarchien entwickeln könnten.

    Eine antiautoritäre Bewegung, wie sich die anarchistische versteht, ist permanent in einer Lernphase. Das Miteinander muss geübt, und vor allem gelebt werden. Ob in einer Landkommune, einem Kollektivbetrieb oder einer politischen Gruppe bis hin zur Liebesbeziehung. Ein mögliches Scheitern an unseren Ansprüchen muss als Lektion betrachtet werden – nicht als Niederlage.

    Für mich als Anarchist bedeutet Freiheit in erster Linie Herrschaftslosigkeit und anti-patriarchale Strukturen. Hier hat der Staat keine Existenzberechtigung, weil es um die Gesellschaft geht, und wir davon ausgehen, dass niemand fremdbestimmt sein möchte [vielleicht von einigen sexuellen Praktiken abgesehen, deren Ursprung allerdings auch zu hinterfragen wäre.] Die Basis fast aller AnarchistInnen ist die soziale Interaktion.

    Dazu bemerkt der Anarchist Erich Mühsam, für den Freiheit zu einem gesellschaftlichen Prinzip wird: [..] die Erkenntnis der anarchistischen Lehre [ist]: es gibt keine Ordnung ohne Freiheit, und Staat und Zentralismus, Autorität und Macht sind […] unvereinbar mit aller Freiheit, sie sind auch unvereinbar mit aller wirklichen Ordnung im lebendigen Gesellschaftsgeschehen.“ und: „Ordnung aus Selbstbestimmung […] ist gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Freiheit.“ [E. Mühsam; Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat, Guhl Verlag (West-)Berlin o.J., S. 64]. Diese Schrift wurde aus gutem Grund in der DDR nicht verlegt.

    Eine vom Anarchismus verstandene individuelle Freiheit kann immer nur eine gesellschaftliche Freiheit bedeuten. In einer kapitalistische Gesellschaft kann es vielleicht individuelle Freiheit geben, aber nur entweder auf Kosten der Unfreiheit anderer oder in geduldeten Freiräumen, die einer generellen Verwertbarkeit keinen Abbruch tun. Die Gesellschaftliche Freiheit wie sie Erich Mühsam versteht oder auch Peter Kropotkin stützt sich auf das Prinzip der gegenseitigen Hilfe.

    Die anarchistische Idee geht von einem positiven Menschenbild aus, bei dem Freiheit als ein natürliches Grundbedürfnis aller Menschen angesehen wird, und der Staat in daran versucht zu hindern: Die Lösung des sozialen Problems ist somit nicht der Staat, wie es die politische Philosophie der Neuzeit uns weismachen will, sondern der Staat ist der Verursacher der sozalen Probleme. Eine freiheitliche Gesellschaft bedarf keiner Reglementierung, dies regelt die freie Vereinbarung der menschen untereinander.

    Anarchismus ist eine Lebenseinstellung mit hohen ethischen Werten, die natürlich hier in unserer Gesellschaft per se zu Widersprüchen führen muss. Wenn etwa der Philosoph Adorno [1903-1969] seinem berühmten Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ proklamiert, dann mag das Linksradikalen als Parole dienen, aber gesellschaftspolitisch ist es eine Katastrophe: Was wäre denn „das richtige Leben“ und wer definiert es?
    Eine Gesellschaft etwa, die nur aus AnarchistInnen bestehen würde, glaube ich, wäre mir zu langweilig. Es kann nicht darum gehen, dass alle einer Meinung sind, es kann nur darum gehen, dass wir uns alle soweit wie möglich die Freiheiten geben, ohne uns gegenseitig einzuschränken. [Wenn eine Politik, wie etwa in den ehemaligen „sozialistischen“ Ländern über 90% Zustimmung erhält, weshalb gab es dann überhaupt noch Regierungen?] „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ mag für sozialdemokratische StammtischgängerInnen eine Parole sein, die sie zum Nichtagieren veranlasst, ebenso das radikale „Alles oder Nichts“. Natürlich wollen wir Alles, das Nichts haben wir ja schon.

    Wir müssen einfach in dem – irgendwie – falschem Leben mit dem richtigen Anfangen. AnarchistInnen sind keine Heiligen, auch sie machen Fehler, haben ihre Schwächen usw. Anarchistische Ideale werden dadurch nicht falsch, weil deren Voraussetzungen noch nicht optimal sind. Wir wollen doch alle irgendwie ein „gutes“ Leben, aber es wird nie von Widersprüchen frei sein. Das anarchistische Prinzip schlägt lediglich andere Formen des Zusammenlebens vor, welches ein größeres Maß an Freiheit für jeden Menschen beinhaltet, und dem steht Machtstreben, Herrschaftspolitik und Unterdrückung im Wege. Das „richtige Leben“ gilt es gemeinsam zu erkämpfen und zu entwickeln, auch, wenn wir im Moment noch im „falschen“ sind. Um einen Anfang zu wagen ist nie zu früh.

    Die größte Hinderung an einer freien individuellen Entwicklung sind für uns Hierarchien jedweder Art. Vom autoritären Familienleben, über das kapitalistische Wirtschaftssystem, zu den Ordnungshütern von Polizei und Armee bis zu den VolksvertreterInnen – alles ist hierarchisch organisiert, damit möglichst reibungslos bestimmte Menschen (selbst wenn sie Konstrukte wie „den Staat“ oder „das Volk“ drüber stülpen) eigene ökonomische Interessen verfolgen können. Zu diesem System von nach unten treten und nach oben buckeln, gehört es auch jedwede Verantwortung zu delegieren. Was anders herum dazu führt, dass „die da unten“ von „denen da oben“ irgendwie versorgt und beschützt werden, scheinbar.

    Dementsprechend gilt statt Fürsorge, die i.d.R. dazu dient Ruhe im Land walten zu lassen, die delegierte Verantwortung zurück zu erobern und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. [Wenn PolitikerInnen davon Reden, dass sie „Verantwortung“ übernehmen, dann bedeutet dies schlichtweg eine riesige Täuschung: Für PolitikerInnen bedeutet dies meist eher eine Gehaltsstufe niedriger und Medienentzug, aber sonst nichts ernsthaftes (weder ökonomisch noch juristisch)]. Dies ist aber nach all der Bevormundung und stetigem Ausbau eines „Sozialstaates“ bei vielen eher mit Angst besetzt. [Wenn sich etwa lediglich 10% der ArbeiterInnen, der in Insolvenz gegangenen Nordhauser Fahrradwerke, dazu entschließen ihren Betrieb unter eigener Regie weiterzuführen, und statt dessen sich lieber ins „soziale Netz“ des Staates flüchten, muss die Angst schon recht groß sein. – Ohne dies jetzt weiter moralisch bewerten zu wollen.].

    In erster Linie bedeutet also auch der Wunsch nach Freiheit seine Angst zu verlieren. Und wer seine Angst verliert, fürchtet auch den Patriarchen und die Repressionen des Staates nicht mehr.

    Im klassischen Sinne bedeutet die Freiheit uns AnarchistInnen auf eine kurze Formel gebracht, die bereits im 19. Jahrhundert kursierte: Ni dieu, ni maitre [keinen Gott, keinen Herrn]

    Fazit:
    Im anarchistischen Sinne ist Freiheit nicht nur ein philosophisches sondern vor allem ein gesellschaftliches und politisches Problem, welches realisierbar ist. Es kommt nur nicht von allein, und wir brauchen nicht darauf zu warten, dass uns jemand die Freiheit hinter herträgt oder schenkt.
    Freiheit bedeutet also in erster Linie, dass jede und jeder für sich selbst klären muss, was er oder sie nicht will. Im zweiten Schritt, der sich aus den aktuellen Kämpfen und Auseinandersetzungen ergibt, wäre dann zu klären: Was will ich? Schon auf dem Weg zur Klärung dieser beiden Fragen werden befreiende Elemente auftauchen, die es zu erspüren gilt.
    Und mit der Freiheit verbunden ist die Verantwortung für das eigene Handeln. Es gilt nicht Punkte zu sammeln für ein Leben nach dem Tod. Wir haben nur das Hier und Jetzt. Es gibt auch keinen Wettbewerb „Wer besitzt die meiste Freiheit“, sondern jede verantwortliche Handlung – und sei sie noch so unscheinbar, oder klein – der uns zusammen weiterbringt, ist wichtig.

    Den Geschmack einer einmal gekosteten Freiheit werden wir niemals los – entweder werden wir uns für sie täglich einsetzen oder wir werden vom System geschluckt. Schon deshalb kann das bestehende System keine Alternative sein.

    Nachtrag [bin ich leider nicht zu gekommen, den noch vorzutragen]
    Da immer wieder das Schreckgespenst Max Stirner hier im Vorfeld durch die Reihen geisterte, möchte ich ein paar Sätze noch dazu sagen:
    1.) Stirner selbst hat sich nie als Anarchist bezeichnet.
    In seinem Buch Der Einzige und sein Eigentum geht Stirner zwei-, dreimal auf den Begriff Anarchismus ein, verbindet ihn aber eher mit Proudhon und lehnt ihn ab.
    2.) Als Eigentum bezeichnet Stirner nicht zwingend ein materielles Eigentum. Alles, was der Mensch von sich aus erschafft (denken, Kreativität usw.) ist sein Eigentum, dies gilt es zu vermehren.
    3.) Egoismus als Abwesenheit von Solidarität. Quatsch, eher das Gegenteil ist der Fall. Meistens ist Solidarität (ebenso wie christliche Nächstenliebe usw. ein Akt des Egoismus). Außerdem war es wohl Stirner, der – vermutlich – am schönsten den Akt der Solidarität beschrieb:
    „Ihr liebt den Menschen, darum peinigt Ihr den einzelnen Menschen, den Egoisten; eure Menschenliebe ist Menschenquälerei.
    Sehe Ich den Geliebten leiden, so leide Ich mit, und es läßt Mir keine Ruhe, bis Ich Alles versucht habe, um ihn zu trösten und aufzuheitern; sehe Ich ihn froh, so werde auch Ich über seine Freude froh. Daraus folgt nicht, daß Mir dieselbe Sache Leiden oder Freude verursacht, welche in ihm diese Wirkung hervorruft, wie schon jeder körperliche Schmerz beweist, den Ich nicht wie er fühle: ihn schmerzt sein Zahn, Mich aber schmerzt sein Schmerz.
    Weil Ich aber die kummervolle Falte auf der geliebten Stirn nicht ertragen kann, darum, also um Meinetwillen, küsse Ich sie weg. Liebte Ich diesen Menschen nicht, so möchte er immerhin Falten ziehen, sie kümmerten Mich nicht; Ich verscheuche nur meinen Kummer.“

  11. Granado permalink
    24. April 2013 15:00

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/819731.wegen-konflikten-neuwahl-bei-der-emanzipatorischen-linken.html
    24.04.2013 / Linksbündig
    Wegen Konflikten: Neuwahl bei der Emanzipatorischen Linken
    …Anlass sind offenbar Differenzen über die Kooperation bei der Herausgabe eines Buches und der Organisation einer Konferenz…
    Links! Kommentare!

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