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Verlag Barrikade unterstützt Filmprojekt zur Geschichte der Kollektivierungen

25. Januar 2013

phoca_thumb_l_spanischer-buergerkrieg-11Im Juni 2012 fanden sich in Spanien libertäre Filmemacher zusammen, die eine Dokumentation über die selbstorganisierten Kollektive während der sozialen Revolution von 1936 bis 1939 erstellen wollen. Die Arbeiten an dem Film mit dem Titel „Economia collectiva – L’última Revolució d’Europa“ („Kollektivierte Ökonomie – die letzte Revolution in Europa“) sollen bis März fertiggestellt werden. Seine Uraufführung soll ebenfalls im März in Barcelona stattfinden.

Die durch die soziale Revolution ermöglichten Kollektivierungen stellen bis heute eine der radikalsten und innovativsten Veränderungen des 20. Jahrhunderts dar. Nicht der Staat oder Kapitalisten bestimmten fortan über Arbeitsbedingungen und Produktion, sondern die Arbeiter und Bauern selber. Die Kollektivierungen umfassten nahezu alle Bereiche der Gesellschaft: Werkstätten, Kaufhäuser, Friseurläden, Kinos, Krankenhäuser etc. In Katalonien wurden zudem so bedeutende Groß-Unternehmen wie die „Telefonica“, „General Motors“, „Campsa“, „Construcciones Aeronauticas“, die Wasserversorgung von Barcelona („Aguas de Barcelona“), die Bierbrauerei Damm sowie der öffentliche Transport von den Arbeitenden in Selbstverwaltung übernommen und die Tätigkeiten gemeinschaftlich organisiert. Insgesamt wurden über 11.000 Unternehmen kollektiviert.

In einer Selbstdarstellung erklären die Initiatoren des Filmprojekts, weshalb sie an diesen Ereignissen interessiert sind. Sie schreiben:

Sie erzählen die Geschichte eines einzigartigen Ereignisses in der Welt, das von den Mächtigen verschwiegen wurde.
Weil einige ihrer Protagonisten noch am Leben sind.
Weil sie ein wichtiger Referenzpunkt für all jene sein sollten, die sozialen Wandel herbeiführen wollen.
Weil es unmöglich ist, ohne das Bewusstsein über diese Ereignisse die letzten 75 Jahre unserer Geschichte zu verstehen.

Die Dokumentation soll folgende Fragen klären:

Was war die wirkliche Einzigartigkeit der Kollektivierungen und Sozialisierungen?
Wer stand hinter der Einführung der Kollektive? Wer war gegen sie?
Welche Rolle spielten die Enteigneten? Der Staat, die Banken und das internationale Kapital?
Wie funktioniert eine direkte Demokratie mit 3 Millionen Arbeitern?
Was war effizienter? Die Arbeiterkontrolle (Selbstverwaltung) oder das Management durch Geschäftsleute und Politiker?

Das Filmprojekt wird weder von öffentlichen noch privaten Institutionen finanziell unterstützt, sondern finanziert sich komplett durch Spenden. Der Verlag Barrikade unterstützte die Dokumentation im Dezember 2012 mit einer Spende von 100 Euro und wird bei der Filmpremiere anwesend sein. Zu exakt diesem Themenkomplex der Kollektivierungen erschienen im Dezember 2012 in einer vom Verlag besorgten Neuauflage die Erlebnisberichte von Augustin Souchy und Erich Gerlach: „Die soziale Revolution in Spanien 1936-1939. Dokumente und Selbstdarstellungen der Arbeiter und Bauern.“

Offizielle Seite des Films (spanisch/katalanisch)

Quelle: Verlag Barrikade

4 Kommentare leave one →
  1. Trailer zum Filmprojekt “Collective Economy. Europe’s last Revolution” permalink
    25. Januar 2013 17:02
    • Economia Col-lectiva: Europas letzte Revolution (kino-zeit.de / Arthouse) permalink
      27. November 2015 09:41

      Economia Col-lectiva: Europas letzte Revolution

      Gelebte Utopie
      Kriegszeiten sind Revolutionszeiten. In Russland 1917, in Deutschland 1919 markierte die gesellschaftliche Umwälzung das jeweilige Ende des Krieges – in Spanien stand eine Revolution am Anfang. Der Sieg der linken Volksfront in den Parlamentswahlen Anfang 1936 führte zum Putsch der Faschisten, die General Franco anführte – und als dessen Truppen im Sommer 1936 in Katalonien vertrieben wurden, setzte sich dort eine anarchistische Sozialrevolution durch, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.

      Im deutschen Geschichtsunterricht hört man kaum etwas vom Spanischen Bürgerkrieg. Mit welchem Leid dieser Krieg ab 1936 vonstattenging – höchstens ein kleines bisschen Unterrichtsstoff wegen Hitlers militärischer Unterstützung für Franco: Guernica, die Legion Condor und so. Dass Francos Diktatur, ein faschistisches Regime mitten in Europa, bis in die 1970er Jahre bestehen blieb – nicht relevant in Zeiten des Kalten Krieges. Die republikanischen, linken, auch anarchistischen Franco-Gegner, die versuchten, dem Faschismus Paroli zu bieten – davon kein Wort. Vermutlich, weil die Geschichte von Siegern geschrieben wird; und weil Franco gewann; und weil er zehntausende Gegner nach 1939 hinrichten ließ.

      Diesem Schweigen will Economia Col-lectiva ein prägnantes filmisches Ausrufezeichen entgegensetzen – in der Originalfassung standesgemäß in katalanischer Sprache: Die Revolution des Anarchosyndikalismus in und um Barcelona, die dem Kapitalismus und dem Faschismus Signale der Solidarität und der Menschlichkeit im wirtschaftlichen Streben entgegenbrachte. Und die zwischen rechten und linken Kräften letztlich aufgerieben wurde: Franco, der die Anarchisten militärisch siegte, und die Kommunisten, die den Anarchismus ideologisch unterbutterten.

      Mit Zeitzeugen, historischen Dokumenten und zeitgenössischem Filmmaterial bereitet Regisseurin Eulàlia Comas die Geschichte der anarchistischen Gesellschaftsordnung im Katalonien der Jahre 1936 und 1937 nach: Der Sieg über Francos Truppen; die Umordnung der Wirtschaft; die Enteignung der Betriebe; die Kollektivierung des Eigentums; die Etablierung nicht-hierarchischer, solidarischer Arbeit; die Steigerung der Produktivität; die Leistungen in Bereichen wie Bildung und Kultur; die Einführung von Arbeiterwohlfahrt; nicht zuletzt die Leidenschaft der Arbeiterklasse. Und dann der Niedergang – nicht nur, weil Francos Truppen vorstoßen, nein: weil innerhalb der linken antifaschistischen Koalition die Polarisation zu groß ist. Für die Kommunisten, so heißt es einmal im Film, sei der Anarchismus der schlimmste Feind: Während Anarchisten den Staat bekämpfen, sei für den Kommunisten der Staat die Verkörperung des Volkes, der Partei.

      Wie baut man eine Wirtschaft, eine Gesellschaft auf, wenn man mit dem Staat nichts anfangen will? Kollektivierung der Unternehmen; Gleichheit der Arbeiter; Solidarität der Industrien; kein Wettbewerb, sondern Zusammenschluss zu Gilden, Kartellen; und bei all dieser Monopolisierung der Gesellschaft dienen: Was den Anarchosyndikalisten um die Gewerkschaft CNT gelang, ist so etwas wie die Quadratur des Kreises. Während die Löhne einander angeglichen wurden, während Schulen, Bibliotheken, öffentlicher Nahverkehr auf- und ausgebaut wurden, während Arbeitnehmerschutz, Sozialversicherungen, Hygiene verbessert wurden; währenddessen stieg die Produktivität. Und die Wirtschaft brummte. Lag das daran, dass im Krieg eine Menge Waffen produziert werden mussten, dass in den 1930er Jahren ohnehin eine Modernisierung der Arbeitswelt überfällig war, konnten die Anarchisten also einfach auf einen fahrenden Zug aufspringen? Oder war es vielleicht doch ein wichtiger Faktor, dass die Fabriken nun den Arbeitern gehörten, dass die Arbeiter also für sich selbst arbeiteten, dass nicht finanzieller Profit, sondern ein Gewinn für die ganze Gesellschaft angestrebt wurde?

      Vielleicht wäre dieses anarchistische Experiment ja irgendwann von alleine zusammengeklappt, auch ohne Druck von außen. Im Mai 1937 jedenfalls probten die Kommunisten – eigentlich Verbündete gegen Franco! – den gewaltsamen Aufstand gegen die anarchistische Gemeinschaft in Barcelona; kurz darauf rückten die Faschisten ein. Hätte der Anarchismus siegen können? Oder waren diese Monate nur ein Blick in eine Utopie, bevor die Wirklichkeit wieder alles verdunkelte? Andersherum gefragt: Hätte der anarchistische Mythos von den paradiesischen Tagen der Mittdreißiger Jahre überlebt, wenn sich der Anarchismus irgendwann selbst überlebt hätte?

      Die anarchistische Idee: Sie ist lebendig und derzeit im Aufschwung. Davon zeugt eine kleine Geschichtsstunde wie Economia Col-lectiva ebenso wie beispielsweise der im Januar 2016 startende Dokumentarfilm Projekt A von Marcel Seehuber und Moritz Springer, in dem die Filmemacher der anarchistischen Bewegung in Europa nachgehen und dabei auch den letzten, heutigen Ausläufern dieser spanischen Revolution nachspüren. Anarchismus, so muss man diese Filme verstehen, wird in der heutigen globalisierten, hyperkapitalisierten Zeit mehr und mehr zur echten Alternative.

      Quelle: Kino-Zeit.de (Harald Mühlbeyer) http://www.kino-zeit.de/filme/economia-col-lectiva-europas-letzte-revolution
      Produktionsland: Spanien
      Produktionsjahr: 2014
      Länge: 66 (Min.)
      Kinostart: 26.11.2015

      Regie: Eulàlia Comas
      Drehbuch: Eulàlia Comas, Miguel R. Etcheverry
      Kamera: Ernest Merino, Ariadna Relea, Alfonso Ortega
      Schnitt: Eulàlia Comas
      Musik: Pau Sola


      “Collective Economy. Europe’s last Revolution” documentary, (2014, Uraufführung 22.01.14 in Barcelona.) Infos here: http://economiacollectiva.com/english/ & https://www.facebook.com/EconomiaCollectiva


      Lichtblick Kino, Berlin
      Sa 28.11.15 – So 29.11 Mo 30.11 Di 01.12 Mi 02.12

    • Economia Col-lectiva: Europas letzte Revolution permalink
      27. November 2015 09:49

  2. Sieben Thesen zur Frage der Arbeiterkontrolle ----- von Raniero Panzieri permalink
    28. Dezember 2014 15:38

    Sieben Thesen zur Frage der Arbeiterkontrolle

    von Raniero Panzieri

    Vorbemerkung

    Wenn die Übersetzungspraxis ein hinreichendes Indiz dafür ist, welches Interesse in der BRD an den italienischen Klassenkämpfen der sechziger Jahre dominierend ist, dann kann man ohne Umschweife feststellen: es ist das Bedürfnis nach dem Mythos einer unverdorbenen Arbeiterklasse, die noch zu kämpfen versteht. Dort, im sonnigen Italien, gibt es ihn noch, den guten Wilden, an dem die korrumpierende Gewalt des Sozialstaats hiesiger Provenienz noch nicht ihr Exempel statuiert hat. Übersetzt wurden daher auch vor allem jene italienischen Autoren, die selbst an der Realität irre geworden waren, allen voran Antonio Negri. Die wenigen Aufsätze, die für eine historisch-kritische Lektüre der italienischen Ereignisse plädierten, verschwanden sang- und klanglos im Treibsand der Mythenbildung. Andere Schriften wiederum, wie die Auswahl aus den „Quaderni Rossi“ oder Mario Trontis Buch „Arbeiter und Kapital“ wurden als Bibel „der“ „Autonomie“ rezipiert, als sei hier eine neue Religion gestiftet worden. Offensichtlich ist das Bedürfnis, einen festen Punkt zu haben, um den die Welt sich dreht, so groß, daß jede theoretische Reflexion – sofern sie nur dem Temperament des Lesers entspricht – flugs zur Weltanschauung plattgewalzt wird. Unvor­stellbar scheint der einfache Gedanke, daß eine auf bestimmten Klassenkampferfahrungen autbauende Theorie eben durch diese geprägt ist, einen historischen Zeitkern hat, auch im Kontext einer national je unterschiedlichen Geschichte der Theoriebildung steht. Wenn Theorie jemals ein praktisches Agens des Klassenkampfes gewesen sein sollte, dann eben nur, weil sie nicht nur Theorie war, sondern sich im Spannungsfeld zwischen schlechter Realität und über sie hinausstrebendem Klassenkampf bewegte. Insofern trifft auf die Theorie, die auf der Höhe des Klassenkampfes war, abgewandelt Hegels Wort zu, sie sei die Wirklichkeit des Klassenkampfes in Gedanken gefaßt. Vergeht diese Wirklichkeit, so wird die Theorie schal. Sie eignet sich dann nur noch für Zwecke, die die hiesigen Parteigänger der „Autonomie“ zu den ihren machten: zur Ausmöblierung ihres psychischen Interieurs. Getrennt von der Wirklichkeit, aus der sie entstand, versteinert Theorie zum Phrasenblock, zum allseits anwendbaren, weil nirgends passenden Katechismus, aus dem je nach Opportu-nität das ein oder andere zum besten gegeben werden kann.

    Erhellend ist auch hier der Jargon, der vor sich hinplappert. Im Falle der „Autonomie“ hat er die komische Pointe, daß er sich anhand oft schlechter Übersetzungen aus dem Italienischen bildete. Formeln, die schon auf italienisch recht sibyllinisch klingen, schlagen übersetzt vollends ins Abstruse um. Nichts aber eignet sich besser zur Identitätsbildung als ein geheimnisvoller Code, an dem die Eingeweihten sich erkennen, den aber keiner so richtig versteht. Sein Erkenntniswert ist der der Kennmarke. Allen voran das Wort, das der Gemeinde ihren Namen gab: Autonomie. Es hat ungefähr genausoviele Bedeutungen wie es Jägermei­stersprüche gibt: „Ich bin autonom, weil…“

    Der nachstehende Text Raniero Panzieris, der bereits einmal, 1971, in einer unzulänglichen Übersetzung in dem Sammelband „Thesen zur Arbeiterkontrolle“ (Karin Kramer Verlag, Berlin) erschienen ist, mag dazu beitragen, die Diskussion über die italienische Arbeiterbe­wegung und das, was dabei Autonomie bedeutete, auf eine historische Grundlage zu stellen. Er ist keine theoretische Abhandlung zum „Begriff‘ der Arbeiterkontrolle. Er will vielmehr als praktische Intervention gelesen werden, deren historischer Kontext durch die Krise der italienischen Arbeiterbewegung Ende der fünfziger Jahre gegeben ist.

    (Bodo Schulze / 1989)

    Die Forderung der Kontrolle durch die Arbeitenden steht im Mittelpunkt des „demokratischen und friedlichen Wegs“ zum Sozialismus. Die folgenden Thesen wollen ein erster und vorläufiger Anstoß zu einer weitläufigen Diskussion sein, die nicht nur Beiträge von Politikern und Spezialisten, sondern auch und vor allem die Erfahrungen der Arbeiterbewe­gung aufnehmen soll – Erfahrungen also, die der einzig schlüssige Prüfstein der Ergebnisse des sozialistischen Denkens sind.

    1. Über die Frage des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus

    In der Arbeiterbewegung wurde die Frage nach Art und Weise und nach den Phasen des Übergangs zum Sozialismus ausgiebig und wiederholt diskutiert. Eine bestimmte Strömung die in verschiedenen Formen auftrat, glaubte, die Phasen dieses Prozesses in ein Schema pressen zu können, so als ob dem sozialistischen Aufbau stets und in jedem Fall die „Phase“ des Aufbaus der bürgerlichen Demokratie vorhergehen müßte. Wo das Bürgertum seine Revolution noch nicht vollbracht hatte, sollte das Proletariat die Aufgabe haben, seinen Kampf auf ein bestimmtes Ziel zu beschränken: eben den Aufbau bzw. die Mitwirkung am Aufbau der Produktionsweisen und politischen Formen einer vollendeten bürgerlichen Gesellschaft. Diese Konzeption kann als schematische bezeichnet werden, weil sie abstrakt und ohne Bezug auf die historische Wirklichkeit der Anwendung eines vorgefertigten Modells das Wort redet. Wenn es zwar stimmt, daß die Wirklichkeit der politischen Institutionen in jeder Epoche der ökonomischen Realität entspricht, so ist es gleichwohl ein Irrtum zu glauben, daß sich die ökonomische Realität (Produktivkräfte und Produktionsweisen) stets schrittweise, regelmäßig und vollkommen vorhersehbar, da in aufeinanderfolgende und voneinander unterschiedene Phasen unterteilt, entwickeln würde. Es reicht, über einige historische Beispiele nachzudenken, um Art und Bedeutung dieses Irrtums zu verstehen. Als zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der technische Fortschritt (Erfindung des mechanischen Webstuhls und der Dampfmaschine) zu einem qualitativen Sprung in der Produktion (industrielle Revolution) führte, existierten neben den neuen gleichwohl auch noch die alten Produktionsformen weiter. In den entwickelteren Ländern stellte sich der politische Kampf daher ziemlich verwickelt dar. Auf der einen Seite gab es den Widerstand der feudalistischen Überbeibsel, auf der anderen Seite die Durchsetzung des industriellen Bürgertums: und schließlich tauchte gleichzeitig eine neue Klasse auf: das Industrieproletariat. In Rußland verfiel gegen Ende der ersten revolutionären Welle (Februar 1917), nach dem Zusammen­bruch der zaristischen Selbstherrschaft und des monströsen feudalistisch-kapitalistischen Systems, ein Teil der marxistischen Arbeiterbewegung in besagten Fehler und vertrat die Auffassung, das russische Proletariat müsse sich mit dem Bürgertum verbünden, um die notwendige „zweite Etappe“ der Revolution (die bürgerliche Demokratie) zu verwirklichen. Es ist bekannt, daß diese These von Lenin und der Mehrheit der russischen Arbeiterbewegung überwunden wurde; im Zusammenbruch des alten Systems blieb als einziger wirklicher Protagonist das Proletariat übrig, und daher war es auch nicht sein Problem, die typischen Institutionen des Bürgertums zu schaffen, sondern die Institutionen seiner Demokratie, der sozialistischen Demokratie, aufzubauen. In China hatten zwischen 1924 und 1928 diejenigen in der Kommunistischen Partei das Übergewicht, die irrtümlicherweise die Klassenbewegung darauf verpflichten wollten, die Kuomintang von Tschiang-Kai-Tschek bedingungslos zu unterstützen, um ihr nach dem Zusammenbruch der Mandschu-Dynastie und des feudalisti­schen Systems bei der Verwirklichung der „zweiten Etappe“ (der bürgerlichen Demokratie) zu helfen. Sie stellten dabei nicht in Rechnung, daß es ein chinesisches Bürgertum, das fähig gewesen wäre, sich als „nationale“ Klasse zu setzen, nicht gab und daß die unermeßlichen Bauernmassen dieses Landes nur für die Sache ihrer eigenen Emanzipation kämpfen konnten und nicht etwa für den Verfolg abstrakter und unverständlicher Schemata. Die vorangegangenen Überlegungen führen nun jedoch keineswegs dazu, einem intellektua-listischen Revolutionsvoluntarismus zu huldigen (d.h. zu behaupten, die Revolution könne das Ergebnis des Willensakts einer avantgardistischen Gruppe sein); sie bringen einzig ans Licht, daß jede politische Kraft – anstatt vorgefertigte Modelle zu verfolgen – sich vor allem der stets verwickelten und spezifischen Realität, in der sie sich bewegt, bewußt zu werden hat. Die Sozialdemokratie in all ihren Formen ist es, die systematisch alle Karten durcheinander­bringt und, um ihren Opportunismus zu verdecken und ideologisch zu rechtfertigen, jede konsequente linke, revolutionäre Position auf intellektualistischen Voluntarismus reduziert. Die historische Substanz der sozialdemokratischen Erfahrung besteht im übrigen darin, unter dem Vorwand des Kampfs gegen den Maximalismus dem Proletariat die Aufgabe zuzuschrei­ben, das Bürgertum zu unterstützen oder sich gar beim Autbau der bürgerlichen Demokratie an dessen Stelle zu setzen: Genau damit negiert sie die Aufgaben und die revolutionäre Autonomie des Proletariats – und schreibt ihm schließlich die Rolle einer subalternen Kraft zu.

    Die italienische Gesellschaft von heute ist grundsätzlich dadurch gekennzeichnet, daß das Bürgertum nie eine „nationale“ Klasse war, es nicht ist und es auch nicht sein kann; eine Klasse also, die (wie in England oder Frankreich) fähig gewesen wäre, die Entwicklung der nationalen Gesellschaft als Ganzes – und sei es auch nur während eines bestimmten Zeitabschnitts – sicherzustellen. Das italienische Bürgertum entstand auf korporativer und parasitärer Grundlage, d.h. 1) durch die Bildung einzelner Industriesektoren, die sich keinen nationalen Markt schufen, sondern von der Ausbeutung eines quasi-kolonialen Markts (Mezzogiorno) lebten; 2) vermittelt über den dauernden Rückgriff auf protektionistische Maßnahmen und die aktive Unterstützung durch den Staat; 3) im Bündnis mit den Resten des Feudalismus (dem Agrarblock des Südens). Der Faschismus war der verbitterte Ausdruck dieses widersprüchlichen Gleichgewichts und der dadurch gekennzeichneten Herrschaft des Bürgertums: U.a. auch durch massive Eingriffe des totalitären Staates zugunsten bankrotter privater Industrien (IRI) trieb der Faschismus die Verwandlung bestimmter Industriesektoren in mächtige Monopolstrukturen aufs äußerste voran (Fiat, Montecatini, Edison, etc.). Nach dem Zusammenbruch des Faschismus intensivierten die Monopole ihre Beziehungen zur amerikanischen Großindustrie, ordneten sich ihr unter und setzten ihre alte antinationale Politik fort. (Die italienischen Großindustrien sind auf die eine oder andere Art und Weise alle mit den großen internationalen Monopolen kartelliert; ein Fall, der diese Verbindungen mit aller Deutlichkeit zu Tage förderte, war die Unterstützung der Kampagne des internationalen Erdölkartells durch Fiat, Edison und Montecatini in Italien. Ganz allgemein bringt die atlantische Orientierung der Mitte-rechts-Parteien die erwähnten Unterordnungsverhältnisse zum Ausdruck. Noch vor den politischen Parteien wurde der Marshallplan, Ausdruck des amerikanischen Imperialismus, von den italienischen Monopolen akzeptiert.)

    So entstanden Verhältnisse, in denen neben monopolistisch organisierten Industrieregionen weite Gebiete existieren, die durch tiefe Depression und Rückständigkeit gezeichnet sin (viele der Hügel- und Berggegenden, das Po-Delta und ganz allgemein der Mezzogiorno und die Inseln); immer mehr vergrößern sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Bevölke­rungsschichten und Regionen, es verstärken sich die traditionellen Ungleichgewichte in de Industrieproduktion, es wachsen die durch die Monopole verursachten Stockungen (d.h. di Schranken und Verzerrungen, die die Macht und die Politik der Monopole der vollen un gleichgewichtigen Entwicklung der Produktivkräfte entgegensetzen); die Massenarbcitslo sigkeit wird eine Dauererscheinung unserer Wirtschaft; und es reproduzieren sich verschlim­mert die traditionellen Verhältnisse des größten Problems unserer wirtschaftlich-sozialen Struktur (süditalienische Frage).

    Gleichwohl wäre es ein schwerwiegender Fehler, die Existenz dieser Tatsachen nur deshal zu wiederholen, um die neuen Faktoren zu verbergen – ein Vorgehen, das in den letzten Jahre durchaus praktiziert worden ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es v.a. seit 1951-52 dem italienischen Kapitalismus in einigen Sektoren gelungen ist, die günstige international Konjunktur und den beachtlichen technologischen Fortschritt auszunützen. Dies resultie in einer Expansionsphase (schnelle Zunahme der Produktion, Zunahme der Gewinne, schnelle Kapitalakkumulation bei hohem Anteil an fixem Kapital), die aber aufgrund der Monopolkontrolle auf die von ihnen beherrschten Gebiete beschränkt blieb und sogar zu ein Verschärfung der grundlegenden Ungleichgewichte in der italienischen Wirtschaft führte. Diese widersprüchliche Situation, die von weiten krisengeschüttelten und daniederliegenden Gegenden geprägt ist, wird sich nicht verbessern, sondern noch weiter verschlimmern; sei es durch einen möglichen Umschwung der internationalen Konjunktur, sei es durch einen wahrscheinlichen Anstieg der technologischen Arbeitslosigkeit, sei es durch die negative Auswirkungen der EWG, sei es schließlich aufgrund der Tatsache, daß der innere Mar Italiens (seine Enge und Armut) keine angemessenen Absatzgebiete für die ausgereiften un noch weiter ausreifenden technologischen Produktionskapazitäten zur Verfügung stellen kann.
    Eine Analyse dieser Art zielt weder auf eine bevorstehende „katastrophische“ Krise de­Kapitalismus ab, noch auch geht es ihr darum, eine solche Sichtweise aufzuwerten; in übrigen würde eine Polemik über irgendwelche Prophezeiungen lediglich die Aktion der Klassenbewegung hemmen und unfruchtbar machen. Aus dieser Analyse folgt einzig die Existenz bestimmter realer Bedingungen und die Anerkennung der damit zusammenhängen­den Entwicklungsre/ufenz; woraus sich der Schluß ergibt, daß die Arbeiterbewegung im Kreis dieser Bedingungen und dieser Tendenz sich zu bewegen hat.
    Im Lichte dieser Überlegungen erscheinen daher (insbesondere im heutigen Italien) jene Thesen als ganz und gar abstrakt und wirklichkeitsfremd, die meinen: a) die Klassenbewe­gung müßte sich substanziell auf die Unterstützung der kapitalistischen Klasse (oder auf bestimmte Gruppen des Bürgertums) beim Aufbau des Regimes einer vollendeten bürgerli­chen Demokratie beschränken; b) die Klassenbewegung müßte substanziell den Platz der kapitalistischen Klasse einnehmen und selbst die Aufgabe auf sich nehmen, ein Regime der vollendeten bürgerlichen Demokratie aufbauen.
    Im Gegenteil: Die Widersprüche, die die italienische Gesellschaft im Innern auseinanderro­llen, das stets wachsende Gewicht der Monopole, der Widerspruch zwischen der technologi­schen Entwicklung und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die Schwäche des Bürgertums als nationaler Klasse -, all dies führt die Arbeiterbewegung dazu, ganz anders­geartete Ziele gleichzeitig in Angriff zu nehmen, und zwar für Reformen mit bürgerlichem Inhalt und zugleich für Reformen mit sozialistischem Inhalt zu kämpfen. Auf der politischen Ebene heißt das, daß die Arbeiterklasse die führende Kraft der demokratischen Entwicklung in Italien ist, und nur unter ihrer Führung sich das einzig effektive Bündnissystem verwirk­lichen läßt – mit den Intellektuellen, mit den Bauern, mit den Gruppen der bürgerlichen Klein-und Mittelindustrie. Nur dieses Bündnissystem und diese Art von Führung bieten eine wirkliche Perspektive.

    2. Der demokratische Weg zum Sozialismus ist der Weg der Arbeiterdemokratie

    Es ist eine falsche Schlußfolgerung, die auf einer fehlerhaften Analyse der italienischen Situation und einer oberflächlichen Interpretation der mit den Thesen des XX. Kongresses der KPdSU eingetretenen Wende beruht, wenn behauptet wird, daß der demokratische und friedliche, italienische Weg zum Sozialismus mit dem „parlamentarischen“ Weg zum Sozialismus zusammenfällt. Es ist zwar in der Tat richtig, den demokratischen Charakter des Wegs zum Sozialismus in dem Sinne zu behaupten, daß all die alten Vorstellungen abzulehnen sind, die den Übergang zum Sozialismus als Akt des revolutionären Willens oder als Werk einer isolierten Minderheit darstellen, und man daher davon absehen könne, ob die politischen und ökonomischen Bedingungen dieses Übergangs herangereift sind; so wie auch die Vorstellung abzulehnen ist, der Übergang zum Sozialismus sei an das automatische Eintreten der kapitalistischen „Katastrophe“ gebunden. Insofern aber in einem bestimmten Land, trotz der Reife der Bedingungen für den Sozialismus und der Hegemonie seiner Kräfte, der Widerstand der kapitalistischen Klasse und ihr Rückgriff auf die Gewalt durchaus zum bewaffneten Zusammenstoß und daher zur Notwendigkeit der proletarischen Gewalt führen können, kann man den demokratischen Weg nicht auf einen stets und notwendigerweise friedlichen Weg reduzieren.

    Gleichwohl besteht heute in Italien für den Sozialismus eine demokratische und friedliche Perspektive. Wer aber den Sozialismus im Parlament zum ausschließlichen (oder auch nur substantiellen oder charakteristischen) Mittel des friedlichen Übergangs macht, entleert eben diesen Leitgedanken des demokratischen und friedlichen Wegs jeglichen realen Gehalts. So erstehen vielmehr die alten bürgerlichen Mystifikationen wieder auf, die den bürgerlich­repräsentativen Staat nicht als das darstellen, was er ist, d.h. als einen Klassenstaat, sondern als einen über den Klassen stehenden Staat; wo doch das Parlament nur der Ort ist, an dem die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen ratifiziert und registriert werden, die sich aber außerhalb des Parlaments entwickeln und bestimmen: Die äkonomie bleibt die Sphäre, in der die realen Verhältnisse entstehen und wo der reale Ursprung der Macht seinen Sitz hat. Richtig ist demgegenüber die Auffassung, daß auch der Gebrauch der parlamentarischen Institutionen eine der wichtigsten Aufgaben ist, die sich der Klassenbewegung stellen, und daß eben diese Institutionen (durch den Druck der Arbeiterbewegung von unten mittels ihrer neuen Institutionen) aus Respräsentativorganen lediglich politischer und formaler Rechte in einen Ausdruck substantieller, d.h. zugleich ökonomischer und politischer Rechte, verwan­delt werden können.

    3. Das Proletariat erzieht sich durch den Aufbau seiner Institutionen selbst

    Hinter der allgemeinen Bestimmung des Weges zum Sozialismus als eines demokratischen und dem Willen, die Perspektive eines friedlichen Übergangs so gut wie nur möglich abzusichern, steht substantiell daher folgende Auffassung: Es gibt eine Kontinuität der Mittel des politischen Kampfes vor, während und nach dem revolutionären Sprung, und deshalb müssen sich die Institutionen der proletarischen Macht nicht erst nach dem revolutionären Sprung, sondern bereits während des gesamten Verlaufs des Kampfes der Arbeiterbewegung um die Macht herausbilden. Diese Institutionen müssen in der ökonomischen Sphäre, dem wirklichen Springquell der Macht, entstehen und daher den Menschen nicht nur als Staats­bürger, sondern auch als Produzenten repräsentieren: Auch müssen die Rechte, die in diesen Institutionen bestimmt werden, zugleich politischen und ökonomischen Charakter haben. Die reale Kraft der Klassenbewegung mißt sich an ihrem Machtanteil und an ihrer Fähigkeit, im Innern der Produktionsstrukturen eine leitende Funktion auszuüben. Die Institutionen der bürgerlichen Demokratie trennt von den Institutionen der Arbeiterdemokratie derselbe qualitative Sprung, der auch zwischen der bürgerlichen Klassengesellschaft und der klassen­losen, sozialistischen Gesellschaft liegt. Abzulehnen ist daher die naive, aus der Tradition der Aufklärung stammende Vorstellung, das Proletariat müsse zur Machtausübung „erzogen“ werden – eine Vorstellung, die gerade vom konkreten Aufbau seiner Institutionen absieht. So wird von der „subjektiven Vorbereitung“ des Proletariats, von seiner „Erziehung“ gesprochen (und wem fiele die Rolle des „Erziehers“ zu?), obwohl alle wissen, daß nur der schwimmen lernt, der ins kalte Wasser springt (und u.a. deshalb ist es wünschenswert, daß eben jener aufgeklärte „Erzieher“ als erster springen möge).

    Sicher ist das alles nicht neu. Es sind historische Erfahrungen der Arbeiterbewegung und des Marxismus, angefangen bei den Soviets von 1917, über die Turiner Bewegung der Fabrikräte und die polnischen und jugoslawischen Arbeiterräte, bis hin zu der vor unseren Augen Gestalt annehmenden, notwendigen Durchführung der Thesen des XX. Kongresses. Umso überflüs­siger müßte es sein, daran in der Sozialistischen Partei zu erinnern, die der gesamten italienischen Arbeiterbewegung gerade zu diesem Thema in den vergangenen Jahren ihren originellsten Beitrag geliefert hat.

    4. Über die gegenwärtigen Bedingungen der Arbeiterkontrolle

    Heute stellt sich die Forderung der Kontrolle durch die Arbeitenden (Arbeiter und Techniker) nicht nur im Hinblick auf die bereits genannten Gründe, sondern sie steht darüberhinaus auch mit einer ganzen Reihe neuer Bedingungen in Zusammenhang, die dieser Forderung ihre ganze Aktualität verleihen und sie in den Mittelpunkt der Kämpfe der Klassenbewegung stellen:

    a) Da ist zunächst einmal die Entwicklung der modernen Fabrik. Hier entstehen Praxis und Ideologie des zeitgenössischen Monopols (human relations, wissenschaftliche Arbeitsorga­nisation etc.), die auf die ganzheitliche Unterordnung von Körper und Seele des Arbeitenden unter seinen Chef abzielen, um ihn auf ein kleines Rädchen im Räderwerk einer Riesenma­schine, deren Kompliziertheit ihm undurchschaubar bleibt, zu reduzieren. Der Arbeitende hat nur eine Möglichkeit, den Prozeß der totalen Unterwerfung seiner Person zu durchbrechen: Er muß sich v.a. der Produktionsstruktur des Betriebes, in dem er arbeitet, bewußt werden; und er muß des weiteren sowohl der vom Chef propagierten „Betriebsdemokratie“, als auch der Mystifikation der „human relations“, die Forderung nach einer bewußten Rolle des Arbeitenden im Betriebsganzen entgegensetzen: die Forderung der Arbeiterdemokratie.

    b) Wenn auch die politischen Machtorgane im bürgerlichen Staat immer schon der „geschäfts-führende Ausschuß“ der kapitalistischen Klasse waren, so haben wir es heute gleichwohl mit einer noch weitergehenderen Verflechtung von Staat und Monopolen als in der Vergangenheit zu tun: sei es, weil das Monopol aufgrund seiner inneren Logik dazu treibt, eine immer direktere Kontrolle auszuüben; sei es, weil die ökonomischen Operationen des Monopols (und diesbezüglich sind die Freihandelsillusionen längst hinfällig geworden) immer mehr die Hilfe und freundschaftliche Intervention des Staates erfordern. Eben weil also die wirtschaft­lichen Mächte ihre direkt politischen Funktionen ausdehnen (und hinter der Fiktion vom Rechtsstaat die wirklichen, direkten Funktionen des Klassenstaates an Umfang zunehmen), muß die Arbeiterbewegung, die ihre Lektion vom Gegner gelernt hat, den Mittelpunkt ihres Kampfes immer mehr auf das Feld der wirklichen, delegierenden Macht verlagern. Und aus demselben Grund darf sich der Kampf der Klassenbewegung um die Kontrolle auch nicht auf den Bereich der einzelnen Betriebe beschränken, sondern muß zusammengefaßt und auf den

    ganzen Industriesektor, ja auf die Gesamtproduktion, ausgeweitet werden. Wer dagegen die Kontrolle durch die Arbeitenden als auf einen einzelnen Betrieb beschränkt entwirft, „beschränkt“ damit nicht etwa einfach nur die Forderung nach Kontrolle, sondern entleert sie ihrer wirklichen Bedeutung und bringt sie auf bloßen Korporatismus herunter, c) Und schließlich gibt es an der Wurzel der Forderung nach der Kontrolle durch die Arbeitenden noch einen weiteren neuen Umstand. Die Entwicklung des modernen Kapital­ismus auf der einen Seite, und die weltweite Entwicklung der sozialistischen Kräfte und das schwierige Problem der Macht in jenen Ländern, in denen die Klassenbewegung ihre Revolution bereits hinter sich hat, auf der anderen Seite, unterstreichen die Bedeutung, die der Verteidigung und Sicherung der revolutionären Autonomie des Proletariats – sei es gegen die neuen Formen des Reformismus, sei es gegen die Bürokratisierung der Macht, d.h. gegen die reformistische Unterwerfung und gegen die Konzeption einer „Führung“ (führende Partei, führender Staat) – heute zukommt.

    Unter diesen Bedingungen konkretisiert sich die Verteidigung der revolutionären Autonomie des Proletariats in der vor und nach der Machteroberung von unten organisierten Schaffung der Institutionen der sozialistischen Demokratie und in der Wiederherstellung der Partei in ihrer Funktion als Instrument der politischen Herausbildung der Klassenbewegung (nicht also als Instrument einer von oben kommenden, paternalistischen Führung, sondern als Impuls­geber und zur Unterstützung der Organisationen, in denen sich die Klasseneinheit artikuliert). Der eigentliche Wert der Autonomie der Sozialistischen Partei in Italien besteht gerade darin, daß sie nicht etwa die Spaltung der Klassenbewegung vorwegnimmt oder verkündet, noch auch darin, einer „Führung“ eine andere „Führung“ entgegenzusetzen, sondern vielmehr darin, die Autonomie der gesamten Arbeiterbewegung gegen jegliche von außen kommende, bürokratische und paternalistische Leitung abzusichern.

    Das bedeutet jedoch keineswegs, daß wir die Machtfrage als die wesentliche Bedingung für den Aufbau des Sozialismus vergessen würden: aber der sozialistische Charakter der.Macht bestimmt sich gerade auf der Grundlage der Arbeiterdemokratie, auf die sie sich stützt, und kann nicht am Morgen nach dem revolutionären „Sprung“ in den Produktionsverhältnissen improvisiert werden. Das ist die einzig ernstzunehmende, nicht reformistische Art und Weise, die Perspektive des bürokratischen Sozialismus (Stalinismus) abzulehnen.

    5. Die Bedeutung der Klasseneinheit und die Frage der Verknüpfung von Teilkämpfen und allgemeinen Zielen

    Die Forderung der Kontrolle durch die Arbeitenden, die dadurch entstehenden Probleme und der damit verbundene theoretische Ansatz implizieren notwendig die Einheit der Massen und die Ablehnung jeglicher starrer Parteivorstellung, da dies die These der Kontrolle selbst auf eine armselige Parodie herunterbringen würde. Es gibt keine Kontrolle durch die Arbeitenden ohne die Einheit aller Arbeiter desselben Betriebs, desselben Sektors, der gesamten Produk­tionsfront in der Aktion: eine Einheit, die weder mythologisch überhöht, noch zum bloßen Ornament der Propaganda irgendeiner Partei degradiert werden darf; eine Einheit vielmehr, die sich von unter her aktualisiert, in der die Arbeitenden sich ihrer Funktion im Produktions­prozeß bewußt werden und dabei die gemeinsamen Institutionen einer neuen Macht schaffen. Es ist in diesem Zusammenhang daher die Reduktion der Kämpfe der Arbeitenden auf ein bloßes Instrument zur Erstarkung einer Partei oder ihrer mehr oder weniger verheimlichten Strategie abzulehnen.

    Die lang und breit diskutierte Frage, wie sich die Teilforderungen und -kämpfe mit den allgemeinen Zielen verknüpfen und harmonisieren, findet ihre Lösung in der Kontinuität der Kämpfe und in deren innerer Natur. In der Tat bleiben diese Verknüpfung und diese Harmonisierung solange unmöglich und führen solange zu einem unentwirrbaren ideologi­schen Durcheinander, wie behauptet wird, es gäbe da ein mysteriöses, heute noch unerkenn­bares Reich des Sozialismus, das eines Tages wie ein wundersamer Sonnenaufgang den Traum des Menschen bekränzen wird. Sicher ist das Ideal des Sozialismus ein Ideal, das sich tiefgreifend und unversöhnlich von der kapitalistischen Gesellschaft abhebt; es ist jedoch ein Ideal, das Tag für Tag zu neuem Leben erweckt und stets von neuem in den Kämpfen erobert sein will; ein Ideal, das in dem Maße entsteht und sich entwickelt, wie jeder Kampf die neuen von unten geschaffenen Institutionen vorantreibt und vervollkommnet, deren Charakter bereits den Sozialismus zum Ausdruck bringt.

    6. Die Klassenbewegung und die ökonomische Entwicklung

    Eine Auffassung, die auf der Arbeiterkontrolle und der Einheit der Massen im Kampf gründet, muß notwendig all jene Standpunkte und Strömungen ablehnen, die sich auf die Perspektive der Katastrophe (den automatischen Zusammenbruch des Kapitalismus) stützen; aus ihr folgt des weiteren die völlige und bedingungslose Zustimmung zu einer Politik der wirtschaftli­chen Entwicklung. Diese Politik ist jedoch nicht als Anpassung und Regulierung des kapitalistischen Laufs der Dinge zu verstehen, noch auch besteht sie in einer dem bürgerlichen Staat angetragenen, abstrakten Programmierung des Wirtschaftsverlaufs; sie verwirklicht sich vielmehr in den Kämpfen der Massen, konkretisiert sich in dem Maße, wie diese die kapitalistischen Strukturen durchbrechen und dadurch wieder neuen Auftrieb erhalten. Wenn wir in diesem Sinne behauptet haben, der Kampf des Proletariats diene dazu, Tag für Tag neue Machtanteile zu erobern, verstanden wir darunter freilich nicht, daß das Proletariat Tag für Tag Anteile an der bürgerlichen Macht (oder Teilhabe an ihr) gewinnt, sondern daß es der bürgerlichen Macht Tag für Tag die Forderung, Durchsetzung und die Formen einer neuen, von unten kommenden, direkten und ohne Deligierte funktionierenden Macht entgegensetzt.

    In dem Maße, wie die Arbeiterklasse durch den Kampf für die Kontrolle das aktive Subjekt einer neuen Wirtschaftspolitik wird, übernimmt sie die Verantwortung für eine gleichgewich­tige wirtschaftliche Entwicklung, so daß sie die Macht der Monopole zerbricht, und deren Folgen beseitigt, als da sind: Ungleichgewichte zwischen den verschiedenen Regionen, Bevölkerungsschichten und Sektoren. Deswegen wälzt sie zugleich die heutige Funktion der öffentlichen Unternehmen um und verwandelt sie aus einem Mittel zur Unterstützung und zum Schutz der Monopole in ein direktes Instrument zur Industrialisierung des Mezzogiorno und der anderen daniederliegenden Gegenden. In der Praxis bringt dies die Politik der wirtschaftlichen Entwicklung in frontalen Gegensatz zu den Monopolen; einen Gegensatz, der sich v.a. als Konflikt zwischen dem öffentlichen Sektor (dem sich die kleinen und mittleren Unternehmen anschließen) und dem Sektor der privaten Großunternehmen dar­stellt. Im übrigen muß hervorgehoben werden, daß die Klassenbewegung durch das Vorantrei­ben eines gleichgewichtigen und angemessenen Industrialisierungsprozesses nicht etwa für den Kapitalismus „einspringt“, nicht etwa dessen „Werk vollbringt“; vielmehr verbindet sie die wirtschaftliche Entwicklung mit der parallel dazu laufenden Umwälzung der Produktions­verhältnisse; denn es sind heute in Italien gerade diese alten kapitalistischen Produktionsver­hältnisse, die einer Politik der wirtschaftlichen Entwicklung unversöhnlich im Wege stehen. Wer die Industrialisierung (die Erweiterung der Akkumulation) mit der Ausdehnung des Kapitalismus (Profitwirtschaft) verwechselt, begeht nicht nur einen theoretischen Fehler, sondern hat auch nicht die leiseste Ahnung von den einfachsten Grundlagen der italienischen Wirklichkeit.

    Eine Politik der wirtschaftlichen Entwicklung unter der Kontrolle der Arbeitenden ist der beste Garant der technischen Entwicklung; sie beseitigt nicht nur die Trennung zwischen der technischen Entwicklung und den Arbeitenden, sondern macht die Arbeitenden zu ihrem unmittelbarsten Träger und Verfechter, und bringt so auf der Ebene des Kampfes schließlich Arbeiter und Techniker zusammen.

    7. Die Formen der Kontrolle durch die Arbeitenden

    Die Forderung der Kontrolle durch die Arbeitenden zielt von Haus aus auf Einheit und entsteht und entwickelt sich auf der Ebene des Kampfes. In der konkreten Klassenkampfsituation in unserem Land stellt sich die Kontrolle nicht als allgemeine programmatische Forderung; umso weniger noch als Forderung nach parlamentarisch abgesegneten Gesetzestexten. Derlei Ansätze und Formeln sind einzig dazu geeignet, die Problematik der Kontrolle zu entstellen; sie reduzieren sie entweder geradewegs auf offene oder verhüllte Formen der Kollaboration oder führen sie in den Rahmen eines schädlichen, parlamentarischen Paternalismus zurück. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ein Gesetzestext zur Arbeiterkontrolle ausgeschlossen wäre, sondern daß derartige Gesetze nicht paternalistisch von oben verordnet, noch lediglich vermittels des allgemeinen parlamentarischen Kampfes erobert werden können; in dieser Frage kann das Parlament lediglich das Ergebnis eines Kampfes registrieren und widerspie­geln, der sich in der ökonomischen Sphäre (d.h. wesentlich in der Sphäre der Arbeiterklasse) zugetragen hat. In der Frage der Kontrolle kommen wir in dem Maße voran, wie die Arbeitenden in den Produktionsstrukturen sich dieser Frage wie auch der Wirklichkeit der Produktion bewußt werden und für die Kontrolle kämpfen. Im übrigen geht aus dem bereits Gesagten klar hervor, daß es in dieser Frage keinerlei Unterschiede zwischen staatlichen und privaten Firmen gibt: die Forderung der Kontrolle stellt sich in beiden Sektoren auf derselben Kampfebene.

    Andererseits gräbt die Forderung der Kontrolle nicht romantisch eine Vergangenheit wieder aus, die sich so nie wiederholen wird, noch auch ist sie mit der Funktion bestimmter gewerkschaftlicher Organe zu verwechseln (sie ist also nicht mit der Erweiterung der Machtbefugnisse der commissioni interne gleichzusetzen). Letzteres gilt, auch wenn die Arbeiter vielerorts die Forderung der Kontrolle in dieser Form stellen, weil die commissioni interne das Symbol der realen Einheit der Arbeiter am Arbeitsplatz geblieben sind. Während also von utopischen Antizipationen gleich welcher Art abzusehen ist, muß hervor­gehoben werden, daß die Formen der Kontrolle nicht durch einen Ausschuß von „Speziali­sten“ bestimmt werden dürfen, sondern nur aus der konkreten Erfahrung der Arbeiter hervorgehen können. In diesem Sinne ist an drei Hinweise zu erinnern, die von bestimmten Arbeitergruppen stammen. Der erste betrifft die Produktionskonferenzen als einer konkreten Form, von der die Bewegung für die Kontrolle ihren Ausgang nehmen kann. Der zweite bezieht sich dagegen auf die Forderung, die Frage der Kontrolle in den Mittelpunkt des allgemeinen Kampfs um die Zurückeroberung der Verhandlungsmacht und der Freiheit der Arbeiter in der Fabrik zu stellen, und sie so z.B. dahingehend zu konkretisieren, daß gewählte Vertretungsorgane die Einstellungen kontrollieren und Diskriminierungen verhindern. Der dritte hebt die Notwendigkeit hervor, die verschiedenen Betriebe in Zusammenhang zu bringen, wobei sich gleichzeitig das Problem stellt, die regionalen demokratischen Vertre­tungsorgane an der Ausarbeitung der Produktionsprogramme zu beteiligen. Das alles sind recht nützliche Hinweise, Ergebnis von Erfahrungen an der Basis, und es werden sicherlich weitere Hinweise hinzukommen: ein jeder wird weiter diskutiert und vertieft werden, wobei man sich stets darüber klar sein muß, daß das Anwendungs- und Untersuchungsgebiet v.a. die Fabrik und der beste Prüfstein der gemeinsame Kampf ist.

    Editorische Hinweise

    (Zuerst erschienen in: Mondo Operaio, Nr. 2. Februar 1958 Wiederveröffentlicht in:

    Raniero Panzieri: La crisi del movimento operaio: Scritti interventi lettere, 1956-1960, hrsg. von D.Lanzardo und G.Pirelli, Milano: Verlag Lampugni Nigri, 1973, S. 104-117. Vorbemerkung und Übersetzung aus dem Italienischen: Bodo Schulze)

    Der gesamte Text wurde entnommen aus: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (AGWA), Nr. 10, Gießen 1989, S.171 – 181

    http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t091214.html

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