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„Da hast du meine wissenschaftliche Grundlage, du Scheißkerl“*

14. Dezember 2012

126161Rezension zu Peter Wienand’s „Der geborene Rebell – Rudolf Rocker – Leben und Werk“.

Peter Wienand schreibt in seiner Biografie des bedeutenden Denkers, Revolutionärs und Buchbinders Rudolf Rocker nicht nur über eine Person und ihr Lebenswerk. Der besondere Verdienst des Autors liegt in der Einbettung eines Menschenlebens in seine Zeit.

So zeichnet Wienand zuerst einmal ein Bild des alten Mainz mit seinen revolutionären 48ger Traditionen und seiner sozialdemokratischen Prägung, die Arbeitsverhältnisse der Zeit, den Zustand des Handwerks und die Beziehung Rockers Familie zu diesen Dingen.

Im weiteren Verlauf Rockers Entwicklung wird er Deutschland verlassen um in vielen Ländern der Welt tätig zu werden. Über zwanzig Jahre davon alleine in London, wo er die Organisierung des jüdischen Proletariats unter anarchistischen Ideen verwirklicht. Die Aufenthalte Rockers in anderen Ländern werden stets von Beschreibungen der Verhältnisse jener Zeit begleitet, wie sie Rocker vorfindet. So zum Beispiel in dem Kapitel „Die jüdische Arbeiterbevölkerung Londons“. Aber nicht nur die gesellschaftliche Tendenz wird von Wienand betrachtet, sondern auch die ideelle Entwicklung des Sozialismus, wie zum Beispiel die Geschichte der „Internationalen“ und ihre Zerschlagung durch den Marxismus und die daraus resultierenden Erkenntnisse.

Somit liegt der Vorteil für den Leser nicht nur in einer besonders guten Biografie Rockers, sondern auch in einer Einführung über die Entwicklung der sozialistischen Ideen, der Arbeiterbewegung und der gesellschaftlichen Verhältnisse in den 110 Jahren zwischen 1848 bis 1958 von Europa bis in die Vereinigten Staaten. Trotz des Umfangs von über 400 Seiten sind die vielen Themen und Stationen Rockers Lebens geschickt in kleine Unterkapitel eingeteilt, die meist nicht mehr als 15 Seiten haben. Dazu kommt die grobe Einteilung des Inhalts in 3 große Kapitel, sie seien zur Veranschaulichung hier zitiert:

I „Rudolf Rocker Vom Sozialdemokraten zum Anarchisten“ (Bis etwa 1890)
II „Im Ersten Exil“ (Bis etwa 1917)
III „Zurück nach Deutschland“ (Bis 1958)

Wienand’s „Der geborene Rebell“ schöpft dabei aus einer großen Masse an Literatur und Quellen. Dies wird ersichtlich, wenn man die akribisch zusammengtragenen Anmerkungen hinter jedem Unterkapitel sieht und natürlich in dem etwa 20 seitigen Literaturverzeichnis am Ende. Dort wird nicht nur die Literaturgrundlage des Werkes nachvollziehbar sondern auch die aufopfernde Arbeit Wienands in den verschiedenen (Landes-) Archiven. Eine gute Basis für eigene (Nach-) Forschungen. Eine kleine strukturelle Kritik kann man bei all dem umsichtigen Gliedern und Aufteilen allerdings anbringen, denn die Anmerkungen hinten an zu stellen, führt dazu, dass der Leser die Hochzahlen nachschlagen muss, statt sie einfach in Fussnoten unter dem Text der jeweiligen Seite zu finden.

Abschließend sei dieses Werk jedem Interessierten ans Herz gelegt, es bildet allgemein und zeichnet das Leben Rudolf Rockers auf spannende Art und Weise nach.

Diese Einschätzung bezieht sich auf die Ausgabe vom Karin Kramer Verlag Berlin von 1981 (erste Auflage) ISBN: 3-87956-106-0

Andere Stimmen zu dem Buch:

„Eine der besten Biographien zur libertären Bewegung! Ein Werk, das seinesgleichen sucht: 500 Seiten Quellenstudium packend zubereitet, sehr präzise und gründlich.“

Institut für Syndikalismusforschung

*Zitat: Jean Heffner, einer der Genossen Rockers von den „Unabhängigen“ in Mainz in seiner Reaktion auf den Sozialdemokraten Hartmann.
Rocker selbst zu diesem „Scheißkerl“: „dessen ganzes geistiges Rüstzeug aus irgendeinem Fremdwörterbuch bestand, aus dem er die unverständlichsten Worte herausfischte, um seine Zuhörer damit zu verblüffen.“
Aus: Peter Wienand „Der geborene Rebell“

Quelle: Pour ma classe

4 Kommentare leave one →
  1. Die Faust permalink
    14. Dezember 2012 15:29

    aufs Auge des Scheisskerls wissenschaftlich präzise und hingebungsvoll geschwungen?

  2. 14. Dezember 2012 16:24

    Hier etwas komprimiert das Original zu Jean Heffner aus Rockers Memoiren, ab Seite 75. Als Link der Nachruf von Rocker auf Heffner im „Syndikalist“:

    Eines Tages sprach ich in einer öffentlichen Versammlung über die Ziele und Bestrebungen der Anarchisten. Bei dieser Gelegenheit kam ich zum ersten Mal in Berührung mit Jean Heffner, der bald zu den tätigsten Genossen unseres inneren Kreises gehörte und jahrelang in der anarchistischen Bewegung Deutschlands eine Rolle spielte.
    Heffner war ein Kapitel für sich. Er war von Beruf Maurer und hatte selbst eine Familie mit drei Kindern, als ich ihn kennenlernte. Er war das Urbild eines proletarischen Rebellen; in seinem Umgang schroff und ungeschliffen, allein im Grunde seines Herzens ein seelenguter Mensch, der stets bereit war, mit anderen das Letzte zu teilen. Ein geborener Draufgänger und von Natur aus etwas gewalttätig veranlagt, zeigte er für theoretische Fragen keine besondere Vorliebe. Doch besaß er eine natürliche Klugheit und wußte ganz genau, was er wollte. Sein Feld war die praktische Arbeit in der Bewegung, besonders wenn sie mit Gefahr verbunden war. Dabei zeigte er häufig einen erstaunlichen Scharfsinn und freute sich königlich, wenn ihm irgendein Streich gut gelungen war.
    Er verbreitete mehr verbotene Literatur als einer von uns, und obgleich er der Polizei gut bekannt war, konnte sie ihn niemals fassen. Heffner hatte eine ganze Anzahl von Strafen verbüßt, meistenteils wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“, aber keine einzige wegen verbotener Schriften.(…)

    Nachdem wir ihn nach und nach mit unseren Anschauungen bekannt gemacht hatten, gaben wir ihm auch verbotene Literatur in die Hand, deren ungeschminkte Sprache auf ihn natürlich den stärksten Eindruck machte. Mit ganz besonderen Eifer las er die Freiheit. Ich bin überzeugt, daß Johann Most kaum einen dankbareren Leser als Jean Heffner hatte.(…)

    Kurz nach dem Falle des Sozialistengesetzes war in Mainz ein gewisser Hartmann aus Norddeutschland zugereist, der später in der sozialdemokratischen Ortsgruppe unserer Stadt eine Rolle spielte. Dieser Hartmann war ein unausstehlicher Schwätzer, der sogar so manchen seiner eigenen Genossen auf die Nerven ging. Obgleich er sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen „wissenschaftlichen Sozialisten“ nannte, war er doch nur ein gewöhnlicher Hohlkopf, der mit Kenntnissen prahlte, die er nicht besaß.
    Trotzdem hielten ihn manche für einen tiefen Denker, was vielleicht darauf zurückzuführen war, daß aus dem, was er sprach, selten jemand klug werden konnte.

    Der gute Mann machte förmlich Jagd auf Fremdwörter und gebrauchte sie, wo immer sie paßten oder auch nicht paßten. Ich hatte ihn stets in Verdacht, daß sein ganzes geistiges Rüstzeug aus irgendeinem Wörterbuch bestand, aus dem er die unverständlichsten Worte herausfischte, um seine Zuhörer damit zu verblüffen.
    Das Wort Parlament gebrauchte er nur in der französischen Aussprache, und da er den Nasallaut nicht richtig hervorbringen konnte, so klang es stets wie „Parlamong“. Mit einem Wort, er sprach ein fürchterliches Kauderwelsch, das er wahrscheinlich selbst nicht verstand; doch gerade dies brachte ihn in den Ruf eines Philosophen. (…)

    Wie gewöhnlich, so strotzte auch diese Rede Hartmanns von Fremdwörtern und unverständlichen Redensarten, so daß Heffner des öfteren bedenklich den Kopf schüttelte. Als der Redner jedoch erklärte, das „die Anarchisten infolge ihrer dialektischen Inferiorität die Antipoden des Sozialismus seien“, wurde Heffner ernstlich unruhig.
    Ich legte ihm sofort die Hand aufs Knie und raunte ihm zu, daß Hartmann zwar Unsinn gesprochen, aber sonst nichts Verfängliches gesagt habe. Das Wort „Antipode“ hatte es Heffner besonders angetan. Er meinte, daß es schon deshalb ein niederträchtiges Wort sein müsse, da kein rechtschaffener Mensch verstehen könne, was ein „Andibotter“ sei. (…)

    Im Krokodil angekommen, nahmen wir an einem langem Tische Platz, wobei Heffner zum Unglück Hartmann gegenüber zu sitzen kam. Ich konnte nun hören, um was sich der Streit zwischen beiden drehte. Hartmann hatte Heffner in die Enge getrieben, indem er behauptete, daß der Anarchismus keine wissenschaftliche Grundlage aufzuweisen habe.
    Das wäre Heffner gewiß ganz schnuppe gewesen, denn er hatte für wissenschaftliche Grundlagen nicht das geringste übrig. In diesem Falle jedoch hielt er es wahrscheinlich für eine Ehrensache, Hartmann keinen Fingerbreit nachzugeben.

    Ich fühlte sofort, daß Gefahr in Verzug war, denn Hartmann überschüttete den armen Heffner mit einer solchen Flut von Fremdwörtern, daß diesem davon der Kopf brummen mußte. Als er aber in seiner höhnischen Weise Heffner aufforderte, ihm seine wissentliche Grundlage zu erklären, war das Maß voll. Heffner stemmte die Ellbogen auf den Tisch und stützte sein Denkerhaupt auf seine beiden mächtigen Tatzen.
    Da ihm die Erleuchtung nicht kommen wollte, verabreichte er seinem Peiniger plötzlich eine gewaltige Maulschelle und sagte: Da hast du meine wissenschaftliche Grundlage, du Scheißkerl!“ (…)

    • Die Faust permalink
      14. Dezember 2012 23:03

      Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer ~~~ weiß ich doch um ihr sehr spezielles Verhältnis zu den reaktioären SPappkameraDen.

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