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Eingesandt: „Zwei unzulängliche Versuche“ (Rezensionen)

7. Dezember 2012

Die Idee, sich mit den Bedingungen und Voraussetzungen für eine libertäre Gesellschaft auseinander zu setzen, findet meine vollständige Unterstützung. Allerdings sollten neuzeitliche Erörterungen bitteschön auch Handlungsanweisungen und Empfehlungen enthalten, wie wir dann dorthin gelangen könnten. Allein die Aufforderung, doch Kollektive zu gründen, ohne arbeiterselbstverwaltete Selbstbestimmungsmodelle zu beschreiben, ist etwas dürftig.

Zwei unzulängliche Versuche für eine andere, libertäre bzw. grüne nichtprofitorientierte Gesellschaft

Grundrisse für eine libertäre Gesellschaft

Die BuchMacherei, Berlin 2012

Cover Manifest-webDie Ankündigung dieses Traktates erinnerte mich sofort an das Selbstverständnis der Londoner Group Solidarity aus dem Jahre 1973 – As we see it – As we don’t see it1. Doch die Enttäuschung war beträchtlich,denn deren Vorschläge und Ansichten sind deutlicher was den Prozess des Übergangs in eine libertäre Gesellschaft beschreibt, ohne als trotzkistisches Übergangsprogramm gebrandmarkt werden zu können.

Bereits auf S. 11 ergreift einen das Grauen, wenn der Autor Gerd Stange behauptet, «die Enttäuschung des Proletariats über die Ohnmacht der Arbeiterbewegung hat immer wieder Massen von Arbeitern zu reaktionären und faschistischen Parteien überlaufen lassen.» So weit, so richtig – auch wenn ‚Massen’ nicht zwingend ‚Mehrheit’ bedeutet –, aber der sofort nachfolgende Satz ist entwaffnend dumm: «In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts schien gesellschaftliche Veränderung von niemandem mehr gewollt. Resignation breitete sich» aus … Soviel zu den Kenntnissen dieses Herrn. Mitte der Fünfziger Jahre setzte das so genannte Ehrhardtsche (SS-geplante) ‚Wirtschaftswunder’ ein, der Wohlstand prosperierte – und dem erwachsenenbildenden Körperpsychologen Stange fällt als gesellschaftliche Analyse nur ein «schien» ein. Bitte tanze uns mal den Begriff ‚Widerstand’ …. Der dann zehn Jahre später – wohl aus ebenso unerklärlichen Garküchen – auftauchte (die 1969er Streikbewegung) und mit Willy Brandts ‚Mehr Demokratie-wagen’-SPD-Wahlsieg ersäuft wurde. Die aus der Kloake der Geheimdienste auftauchende RAF erwürgte dann den neuerlichen Auftritt einer emanzipatorischen – und vor allem – multikulturellen Arbeiterbewegung in Deutschland endgültig mit ihrem pastoralen Terrorismus. Aber das hat Stange wohl alles verpennt oder verdrängt.

Wer Behauptungen aufstellt und sich dann ganz von einer geschichtlichen Analyse abkoppelt, der ist zum Scheitern verurteilt, egal was für einen klugen Brei er sonst noch verzapft.

Auch bei Stange geht es ganz entschieden darum, dass wir den Kapitalismus nur überwinden können, wenn wir endlich anfangen, Fakten zu schaffen. Und das bedeutet, eben nicht auf den ‚Kommenden Aufstand’ zu warten oder ihn herbeizuagitieren. Auch dieser Aufstand würde «massakriert» werden, da stimme ich ihm zu.

Der Abschied vom Proletariat mag sehr anarchistisch klingen, nur – wer sonst soll denn die Produktion aufrecht erhalten, damit wir nicht alle verhungern? Besonders, wenn wir uns die Vorstellung zu Gemüte führen, dass jeder Mensch an gesellschaftlich notwendiger Tätigkeit in zehn Jahren nicht mehr als 4.000 Stunden abzuleisten hat (grob gerechnet geht der Autor von 200.000 Lebens«arbeits»stunden aus) – per anno also gerade einmal 400 Stunden, das bedeutet dann immerhin ein 50-jähriges «Arbeits»leben. Das dürfte etwas eng werden. Aber für Gürtelengerschnallen ist Stange ohnehin – mag sein, dass die französische Provence mehr Naturalien abgibt, als eine Großstadt … und nicht jeder besitzt ein eigenes Gästehaus im freundlichen sonnigen Süden. Ebenfalls unscharf seine Kritik an der «Wachstumsideologie», die er aber nicht mit einem einfachen «Konsumverzicht» kontern möchte; das dürfte für die vielen Hungernden der Erde wohl auch extrem zynisch klingen. Wie deren Grundbedürfnisse nach Nahrung, Wohnung und Bildung bei einer 8-Stunden-Woche befriedigt werden sollen, mag Stange erklären, ich kann es nicht. Allein auf einem Schiff dürfte das zum Untergang führen, entweder, weil zu viele Matrosen an Deck rumturnen und auf ihre Kurz-Arbeit warten oder weil sie wegen zu wenig Personal absaufen.

Die Gegnerschaft zur «den Kapitalismus mit generierenden Arbeiterklasse»Der Gegner des Kapitalismus ist nicht das Proletariat, so wenig wie der Träger des Kapitalismus der Kapitalist ist»; S. 11) macht mich wirklich sprachlos. Natürlich kämpft die aktive Arbeiterbewegung einerseits für Verbesserungen im Kapitalismus (sie steht zweifelsohne nicht außerhalb des System der Ausbeutungsverhältnisse), ihr aber vorzuwerfen, sie gehöre zur Maschinerie des Systems – das dürfte kaum die freie Entscheidung der Mehrheit der Klasse sein. Für eine sozialrevolutionäre, klassenkämpferische Arbeiterbewegung trifft das jedenfalls nicht zu – sie kämpft ja gerade für die Aufhebung der Lohnarbeit und für eine libertäre Gesellschaft. Eben das ist diesem Autor wohl nicht einsichtig.

Wer sind dann die Objekte der Veränderung, wenn es nicht das «Proletariat» noch irgendwelche «Randgruppen» sind, «die zwischen dem Wunsch nach Integration durch Arbeit und der Verzweiflung angesichts der Erbarmungslosigkeit ihrer Mitmenschen» zerrieben werden, weil ihre «Heterogenität» auch für gesellschaftliche Veränderungen «aussichtslos» sind? (S. 10/11)

Ohne Forderungen wie «Weg mit …!» fängt nach Stange «die Arbeit an» (sic!) und er fordert positiv: «Her mit der libertären Gesellschaft!» (S. 10/11)

«Das Übel des Kapitalismus», schreibt Stange, «ist nicht der Kapitalist, sondern das Kapital» (S. 36) – deshalb will er auch das Geld als Tauschmittel nicht abschaffen. Wie er dann den Kapitalismus «unschädlich» (S. 35) machen will, bleibt er schuldig. «Das Biest muss sterben» (S. 17) ist also nur ein lächerlicher Slogan. Genau wie dieser: «Die Privatheit der betrieblichen Sphäre wird abgeschafft» (S. 36) Klingt alles wunderschön simple, wir gründen alle irgendwelche Kollektive (womit?) – und stellen «die bürgerliche Demokratie vom Kopf auf die Füße». (S. 45) Vor allem dann, wenn Erbschaften abgeschafft werden sollen («Vermögen kann nicht vererbt werden», S. 62). Auch hier eine gewisse Unlogik – vererben kann Mensch nur, wenn er/sie vorher Reichtum erworben hat. Woher kommt das denn noch? Achso, wir reden hier plötzlich wieder über ein Übergangsstadium von der noch irgendwie kapitalistisch funktionieren zur libertären Gesellschaft?

Der Autor ist Deutscher – und eben kein Franzose, der die Geschichte der syndikalistischen Bewegung kennt. Er betreibt andere Studien und arbeitete in Mini-Kollektiven (Buchladen in Hamburg, Erwachsenenbildung in Hüll), die ich einfach als kleinbürgerliche Versuche betrachte, sich selbst ein schönes Leben auf dem Wege zur Anarchie zu bereiten. Das ist ja per se okay, aber keine gesellschaftliche Alternative für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung.

Allein der Aufruf, sich vernetzende Kollektive zu gründen – die wie Longo Mai in Südfrankreich «solidarisch und ohne pekuniäre Aufrechnung von Gemeinschaft und Solidarität (ohne Geld) leben und sich untereinander austauschen» – und von Wohngebietsgemeinschaften und Basisgruppen von maximal 30-50 Personen (ebenso die «Arbeitsfelder Betriebe») zur der lokalen Selbstverwaltung zu gelangen, das ist extrem dürftig und hilft als politisches Essay wenig weiter. Es ist ebenso belanglos wie überflüssig!

* * *

Kartoffeln und PC – der 1.000 Watt Mensch?

Edition Nautilus – Hamburg, 2012

pmkartoffelnSchlimmer wird es in dem zweiten kleinen Büchlein, das die Edition Nautilus in seiner Reihe Flugschriften herausgebracht hat.

Aber auch hier stellt sich die existenzielle Frage nach der industriellen Produktion – bzw. nach den zukünftigen betrieblichen Abläufen schlechthin. Wie auch bei Stange fehlt es in diesem Pamphlet nicht an simplen Vorschlägen, den Kapitalismus zu umgehen. Besser noch, hier wird als Vorschlag unterbreitet, dass doch jede/r machen solle, was er möchte. Egal, ob sich das dann kapitalistisch oder kommunistisch schimpfen würde. Da die Welt viel zu komplex ist, um allein von einer einzigen Idee bzw. Ideologie – eben dem Kapitalismus oder der Anarchie – gelenkt zu werden, möge es doch einfach eine Vielfalt von Modellen geben.

Wie viel gearbeitet werden müsste, finden wir hier nicht. Da in diesem Buch auch eher um Einschränkungen und Verbote geht, werden wir hier mit dem 1.000 Watt-Menschen konfrontiert, denn jeder Mensch hat zukünftig nur ein Anrecht auf 1 Kilowattstunde, ob das pro Tag oder vielleicht pro Stunde gerechnet wurde, habe ich nicht verstanden. Es ist letztlich auch egal, welche Zahl dort steht, geht es angeblich «nicht um die Beschreibung einer allgemein obligatorischen Lebensweise, sondern nur um die konkrete Illustration von theoretischen Rahmenbedingungen» (S. 16).

Bei einem Energieverbrauch von maximal 1 oder 2 KW dürfte die Arbeitsleistung in so manchen Gewerken aufgrund der mangelhaften Energiezufuhr durch nahrhafte Speisen sehr schnell zum Erliegen kommen. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass P.M. sich ausgerechnet das Nervensystem des Kapitalismus, die USA als Ausgangspunkt für seine Umwälzungsphantasien vorstellt.

Und wie könnte der Kapitalismus überwunden werden? Nun, die USA muss vorangehen. Durch eine Erhöhung des staatlichen Einflusses auf 70% in der Wirtschaft, möge hier der Anfang gemacht werden. In den USA, wo die Einführung einer (immer noch nicht flächendeckenden) Gesundheitsversicherung auf massiven Widerstand stieß – ist das die Aufforderung zum offenen Bürgerkrieg! Und genau hier soll der «Green New Deal» (also die grüne Variante von Präsident Roosevelts „Alternative“ zu national- und staatssozialistischen Programmen ab 1933 in den USA) greifen und – mit einer Lohnkürzung von 10% finanziert werden (S. 60). Da werden sich die 100 Millionen amerikanischen Arbeiter/innen aber freuen. Als Gegenleistung dafür, dass «die Industrie natürlich von niedrigeren Löhnen profitieren würde, müsste sie aber auch mehr soziale Mitbestimmung hinnehmen hinsichtlich der Entscheidung, was sie produziert (keine Autos mehr, dafür Züge, Busse, Windanlagen)». Kein Wort von der Übernahme der Betriebe durch die, die in ihnen wirklich arbeiten. Dafür sollen wir «funktionierende Nachbarschaften entwickeln, uns als Genossenschaft konstituieren und vertragslandwirtschaftliche Kontakte knüpfen», um dann eigene «Nachbarschaftsdepots» anstelle von Supermärkten gemeinsam aufzubauen anhand des Migros-Modells (S. 65).

Eben dieser Unsinn ist zum Haareausraufen, dazu dieses Beispiel: Kaffee würde durch faire Handelsbeziehungen in Bioqualität erworben und die Verteilung aller importierten Nahrungsmittel sollte analog zum schweizerischen Migros-Supermarkt-Konzern reguliert werden. Als wenn die heutigen angeblich fairen Handelsbeziehungen, die auf der christlichen Soziallehre und damit auf Ausbeutung beruhen, Grundlage für eine libertäre Gesellschaftsordnung sein könnten! Und wenn der furztrockene Kapitalismus des Migros-Konzerns – ein Konglomerat verschiedener Genossenschaften, Aktiengesellschaften und Stiftungen, der sich selbst als Migros-Gemeinschaft bezeichnet –, als Blaupause für die Nachbarschaftsdepots dienen könnte.

Aber den Vorschlag, die Gesellschaft in Basisgruppen à 400-800 (durchschnittlich so um die 500) Menschen einzuteilen, und diese dann wiederum in regionale Gruppen à 10-20.000 Leutchen, die sich dann in einem Radius von maximal 40 km Entfernung ihre Agro-Kooperativen anlachen, von denen sie dann ihre landwirtschaftlichen Produkte beziehen.

Der Autor P.M. zeigt angeblich »sehr konkret und detailliert, wie der Kapitalismus abgelöst werden kann, wie Gemeinschaften Märkte ersetzen können: eine Gebrauchsanweisung für das Gemeinglück», wirbt der Verlag. Das ist dummes Zeug, denn P.M. plädiert für «einen kultureller Pluralismus, (der) unsere Überlebenschancen drastisch erhöhen und ganz nebenbei viel mehr Freude in unser Leben bringen» würde. «Die nötigen Investitionen sind minimal: Es kostet uns nur den Verzicht auf simple Weltbilder und lieb gewonnene Überzeugungen.» Glück also durch Verzicht – das kommt sicherlich bestens an bei verarmten Menschen.

Was dieser P.M. anbietet, ist weit mehr als Verzicht – es riecht verdächtig nach Öko-Faschismus, sein «weltverträgliches» Leben. Als Beweis nur zwei Hinweise: P.M. schlägt vor, dass die «für alle sozialen Dienste erforderliche Sozialzeit» – andere nennen das dann weiterhin «Arbeit» – «gemäß einem Bündel von Dimensionen definiert werden … [E]s handelt sich dabei um eine betriebswirtschaftliche Analyse, wie sie heute schon in Hotels, Spitälern, Gefängnissen usw. besteht.» Außerdem meint er, wird für eine Übergangsperiode die Einführung einer «persönlichen Arbeitskarte (Chip)» vonnöten sein. (S. 46). Zusätzlich hat der 1.000 Watt-Mensch Anspruch auf 1 Tageszeitung pro Tag, die er sich allerdings mit neun anderen teilen muss (S. 18). Da kann sich jede/r vorstellen, wie es mit der Pluralität im Pressewesen zukünftig aussehen wird. Pro Region eine Zeitung (wie damals in der DDR), die dann wohl auch noch in Asa’Pili (P.M.s eigene Welt-Sprach-Kreation) erscheint.

Hier schimmert ganz deutlich Bolo’Bolo durch: die neuen Gemeinschaften heißen nun eben nicht mehr bolos, sondern «städtische Nachbarschaften» und der zu dressierende New Deal-Weltbürger besteht aus den «planetaren Arbeitsmaschine (PAM)», die P.M. seinerzeit als «A-, B- und C-Arbeiter» bezeichnete, die unter Zwangsarbeit nur das eine Gesetz kannten: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Heute proklamiert P.M.: „Wer zuviel Energie verbraucht, soll auch nicht essen!“

Wie schnell jemand in dieser feinen Gesellschaft vom Wattverschwender zum Straftäter, zum Öko²-Verbrecher (zweimal Öko, Ökonomie und Ökologie) wird, kann sich jede/r selbst ausmalen. Ganz abgesehen davon, wie viel Watt eigentlich eine Leselampe, ein privater PC oder der mobile Tablet-PC inklusive Handy pro Tag an Energie verbraucht.

Genau hier liegt deshalb der Hase im Pfeffer. Der erste Autor fabuliert über die positiven Effekte, während der Schweizer Butter bei die Fische tut und vorrechnet, wie die schöne neue Weltordnung aussehen würde, wenn wir es ernst nehmen mit seiner Vorstellung von Verteilungsgerechtigkeit und globalem Umweltschutz. Mehr als 18kg Fleisch im Jahr und 6,3 Bahnkilometer pro Tag bei gleichzeitiger Großküchenverpflegung – allein nur mit lokalem Gemüse der Saison – im kollektiven Wohnheim kommt dabei eben nicht raus. Deshalb wird dieses Modell keine Abnehmer/innen finden, da produzieren «wir» lieber weiterhin Schrott und jagen den Globus ins All. Falls nicht vorher der Bau einer intergalaktischen Autobahn das menschliche Dasein beendet.

* * *

Zusammengefaßt: Es malen sich aktuell einige Herrschaften Lösungen für die globale Wirtschaftskrise aus, die der Kapitalismus zyklenhaft mit sich bringt. Jetzt kommt zu den Ursachen neben irgendwelchen ‚Blasen’ aber noch die globale Erderwärmung hinzu, die vielen Autoren mehr Angst macht, als die Ursache des Problems, der Kapitalismus selbst.

In der Kundenzeitschrift einer Finanzsoftware-Firma las ich kürzlich, dass in »Zeiten, in denen durch Technologiesprünge die Machtverteilung der etablierten Player komplett auf den Kopf gestellt«, diese Umbrüche durch Regelbrecher in den Branchen verursacht werden. Warum? Weil diese »Rulebreakers … neue Technologien und Produkte und neue Märkte entdeckt, ganze Branchen an den Rand des Abgrundes gebracht« haben und es immer so weiter gehen wird. Und weshalb wird Bestehendes zerstört? Weil »große Unternehmen ihr eigenes Geschäftsmodell angreifen müssen, sie müssen sich selbst kannibalisieren! Denn sie müssen zwangsläufig damit rechnen, dass ihr Geschäftsmodell angegriffen wird.«2 Widerstand dagegen ist zwecklos – der Kapitalismus assimiliert jede neue Idee oder Technologie – eben wie die Borg in der SF-Serie Raumschiff Enterprise seinerzeit.

Karl Marx hat das sicherlich einfacher mit dem Satz über das Gesetz der Akkumulation des Kapitals und die daraus sich ergebende Konzentration und Zentralisation des Kapitals beschrieben, es ist das Zwangsgesetz der Konkurrenz bei Strafe des Untergangs. Die Konkurrenz »exequiert«, »vollstreckt«, dieses Gesetz. Und genau deshalb schaufelt sich der Kapitalismus eben nicht sein eigenes Grab. Dazu ist er viel zu innovativ und brutal.

Das Problem dieser beiden kleinen Schriften ist, daß sie von ökonomischen Leichtmatrosen geschrieben wurden, ob sie überhaupt Anarchisten sind, wage ich zu bezweifeln. Sie haben keinerlei Ahnung von der realen Betriebswelt, sie planen eine parallele freie Gesellschaft neben dem Kapitalismus. Als wenn der Mensch einfach so aus diesem Verein austreten könne. Möglich, daß in den Weiten Amerikas irgendwo jemand glücklich und zufrieden als Selbstversorger/in oder Outlaw sein Leben abseits des Kapitalismus organisieren kann. Hier in der Metropole ist das unmöglich. Also bleibt es dabei – der Kapitalismus muß brutalst möglich vernichtet werden. Aber dazu fehlen uns die Menschen. Die wollen keine grundlegenden Veränderungen, schon gar keine Abenteuer, wie sie die beiden Autoren uns vorgestellt haben. Wenn schon für eine neue Gesellschaftsform gekämpft werden muß, dann geht das nicht einfach durch den «Verzicht auf simple Weltbilder und lieb gewonnene Überzeugungen». Da muss entschieden mehr passieren. Nicht bloß Marx sprach davon, daß alle bisherigen Revolutionen nur eines bewiesen hätten, «nämlich, daß sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen».

Keines der beiden Pamphlete erklärt übrigens nachhaltig, wie denn die Basisdemokratie in den Betrieben, den Stadtteilversammlungen oder den Nachbarschaften funktionieren soll. Eine Stange-Antwort wie diese: «In einer wirklich freien Gesellschaft werden alle betrieblichen Probleme von den Betroffenen selbst diskutiert und entschieden» ist eben keine Antwort, wenn es im gleichen Absatz lautet: «Die Betriebe existieren jedoch nicht in luftleerem Raum, sondern haben in der Regel Auswirkungen auf die Umwelt, die also mit den Menschen in der Nachbarschaft zu besprechen sind.» (S. 44). Bei bolo bolo-P.M. entscheidet in Streitfragen eine höhere staatliche Instanz (denn er hat nichts gegen den Staat als demokratischer Institution), während Stange uns auch da im Dunkeln ziemlich allein läßt.

Deshalb dürfte derartige Lektüre normale Menschen nur davor abschrecken, sich Gedanken um eine andere Zukunft zu machen. Eine Vielfalt in einer kapitalistischen Wüste wird es nicht geben. Dazu sind die Oasen viel zu umkämpft (Öl, Wasser, Nahrungsmittel, Ressourcen überhaupt). Die globalen klimatischen Veränderungen müssen sich auch anders lösen lassen, als durch eine 1.000 Watt-Ökodiktatur à la Bolo’Bolo 2.0 oder mit körperpsychologischer Erwachsenenbildung – beides bedeutet als Zukunft eine Verzichtsgesellschaft. So gesehen, sind beide Büchlein die reine Zeitverschwendung – oder um genauer zu sein: ihr Brennwert liegt deutlich höher als der geistige Nährwert.

Folkert

Verlag │barrikade

1 WiewiressehenwiewiresnichtsehenGroupSolidarity,London1974.

2 Sven Gábor Jánszky – zitiert nach ProFirma 12/2012 – der letzten gedruckten Ausgabe der Haufe/LexWare-Zeitschrift. Der ‚Trendforscher’ Jánszky (2020 – So leben wir in der Zukunft) ist Keynote-Speaker und Präsident des Verwaltungsrates der 2b Ahead ThinkTank AG in St. Gallen und anderer illustrer Firmen.

4 Kommentare leave one →
  1. 8. Dezember 2012 12:58

    Wirklich stichhaltige Ausarbeitungen können nur in Betrieben verankerte und kontinuierlich arbeitende Studienkommissionen,am besten revolutionärer Gewerkschaften, anfertigen, die in Vernetzung und Austausch untereinander und zu Konsumentenorganisationen stehen. Anderes bleibt eben ohne große Grundlage, sind Luftblasen. Das gibt es alles schon. Greift denn eines dieser Bücher wenigstens das gescheiterte, aber intelligente Konzept „Projekt-A“ auf?

  2. Adporno permalink
    8. Dezember 2012 16:37

    Ich würde in die alten Konzepte gar nicht erst reinlesen, sondern mir nur die neuen Sachen kaufen – ist auch voll unsinnig auf bereits Erprobtem aufzubauen.
    Am besten man erfindet immer wieder alles neu, das ist Klasse, dann entfällt dieses lästige aus-Fehlern-lernen.

    Einfach nur Unrast, GWR, Contraste, Wild Cat, Jungle World usw lesen. Das reicht, dann hat man voll Ahnung. Primärliteratur sucks, ey! xXx, Alter! Hey Rudolf Rocker, what about Animals eating you, huh!?

    Danke für diese ermutigende Rezension. Es gibt also doch noch tiefergehende Impulse und nicht nur oberflächliches, intellektuelles Gelaber.

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