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Interview vom 02.11.12 in Rotenburg vor dem Tor der Firma Neupack

5. November 2012

Zweiter Streiktag

(Wesentliche Ausschnitte aus einem spontanen Interview)

Frage: Wir haben schon einiges über die willkürlichen Bezahlungen und das Fehlen eines Tarifvertrages gehört. Wie ist denn der Streik in Gang gekommen?

Neupack-Kollege/in: Die Gewerkschaft hat ein Jahr lang versucht mit den Chefs zu verhandeln. Da kam nichts. Da hat die Belegschaft gesagt, so Leute, wir müssen irgendwas tun, damit wir vorankommen. Letztens hatten die eine Sitzung. Letzten Montag hatten wir einen Warnstreik, da ist trotzdem nichts bei rausgekommen, und da ist der Streik entstanden.

Der Gewerkschafter hat ja auch ganz zu Anfang versucht, einen Termin zu bekommen beim Chef, der Sekretär, einfach nur, um sich zu unterhalten. Er hat keinen Termin gekriegt. Er hat es ganz lange versucht, er hat es schriftlich gemacht, er ist auch persönlich da gewesen, aber ist immer abgewiesen worden und hat keinen Termin bekommen.

Frage: Und wer ist jetzt im Betrieb aktiv?

Neupack-Kollegen/in: Der Betriebsrat. Wir haben einen in Rotenburg, dann haben wir welche in Hamburg.…..

Frage: Gibt es Versammlungen? Gibt es Treffen außerhalb?

Neupack-Kollege/in: Wir haben uns vorher getroffen, da hat die Gewerkschaft gefragt, was die Belegschaft möchte….. Dass wir hier stehen, das finde ich ok so. Und hier sprechen wir jeden Tag. Wir unterhalten uns hier, in den Schichten. Und dann hat man die Möglichkeit, sich nach dem Streik zu treffen. Z.B. haben wir heute morgen um halb sechs angefangen. Und jetzt geht das bis 16 Uhr. Wir wollen, dass rund um die Uhr jemand hier ist. Die Schicht jetzt geht bis 12, das ist die Frühschicht, bis 16 Uhr ist die Zwischenschicht, dann von 16 bis 20 Uhr, dann von 20 bis 12 Uhr und dann von 12 bis 6 Uhr ..

Frage: Da braucht ihr Kraft.

Neupack-Kollegen/in: In der Nachtschicht, da brauchen wir nicht hier stehen in der Kälte. Da haben wir einen Wohnwagen, mit Heizung und allem möglichen. Da kann man sich reinsetzen. Vier Leute oder so, dass die dann da sind.

Ein kurzes Wort zu unserem Gewerkschaftssekretär. Er hat auch von Anfang an gesagt: wenn wir das machen, ich beziehe Euch überall mit ein, dann sprechen wir darüber, und wenn ihr dann sagt, wir wollen diesen Weg gehen, dann gehen wir den auch gemeinsam. Also, das muss ich schon sagen, das ist sehr gut von unserem Sekretär.

… .

Frage: Wie ist es mit den gesundheitlichen Sachen? Ist das schon mal gemessen worden an den Arbeitsplätzen?

… .

Neupack-Kollege/in: Es wurde gemessen, dann wurde über den Maschinen die Lüftung eingebaut. Das Ding ist: Wenn so ein Wetter ist, wenn es regnet, dann muss die Lüftung zugemacht werden, die Tropfen kommen sonst auf die Folie. Und dann haben wir alles drin [die Dämpfe] in der Halle. Jetzt wurde provisorisch eine Plane über die Maschine einfach festgemacht und fertig.

… .

Neupack-Kollege/in: Über den Maschinen ist keine Absaugung, sondern, wie der Kollege schon gesagt hat, bei Regen geht die Klappe automatisch zu, da wird nichts abgesaugt. Und das kann man in den Hallen auch riechen.

Frage: Wo geht das Material hin?

Neupack-Kollegen/in: Wir stellen Margarine-Becher her, Frischli, Aldi, wir haben viele, die bei uns die Folie bestellen……die gehen auch ins Ausland, Frankreich, Tschechoslowakei.

Frage: Wo bekommt ihr die Grundstoffe her, die für die Herstellung der Folie benötigt werden?

Neupack-Kollegen/in: Aus den Niederlanden, Polen, verschiedene.

Frage: Dann hättet ihr ja Machtmittel, den Kreislauf zu unterbrechen?

Neupack-Kollegen/in: Und das muss man sich auch erst mal bewusst machen, was man auch für Mittel hat, wenn man zusammensteht. Das ist hier wunderbar gewachsen. Es hat gedauert, aber jetzt ist es soweit.

… .

Frage: Wie ist die Zusammensetzung, – wieviele Leute haben einen wie man so sagt Migrationshintergrund?

Neupack-Kollegen/in: Ungefähr 80 Prozent sind Russlanddeutsche, also meist aus Kasachstan.

Frage: Und wie hat sich das ausgewirkt?

Neupack-Kollegen/in: Es hat ein bisschen gedauert. Viele waren fixiert darauf, was der Chef sagt.

Frage: Wie habt ihr darüber geredet zwischendurch? Hattet ihr Extratreffen?

Neupack-Kollegen/in: Das ging in den Pausen. Die Willkür, die hier herscht, sind die Lohnerhöhungen, du kriegst was, du kriegst nichts, du kriegst nächsten Monat. Ich z.B. hab dieses Jahr noch gar keine Lohnerhöhung gehabt, warum weiß ich nicht. Und ich weiß auch nicht, wann ich eine kriege. Ganz früher war das so, dass alle etwas im Mai bekommen haben. Und dann haben auch alle etwas gekriegt und jetzt macht er das einfach wilkürlich und sagt, diesen Monat kriegen 5 Personen, nächsten Monat kriegen auch drei Personen. Und manche rutschen ganz durch, die haben schon seit Jahren nichts mehr gekriegt.

Frage: Aber darüber habt ihr offen gesprochen?

Neupack-Kollegen/in: Da hat man sich dann drüber unterhalten und das ist dann zusammengewachsen.

Frage: Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Neupack-Kollegen/in: Erst mal gerechte Löhne und Gehälter und dann die Arbeitsbedingungen. Die könnten besser sein. – Da gibt es viele Sachen, die wir hin und her schleppen müssen. Wir haben auch vernünftige Podeste aber nicht überall. Bei der Pet-Anlage [PET ist einer von drei Kunsstoffen, die in Rotenburg hergestellt werden, außerdem PS, PD ] in der neuen Halle ist es im Sommer ganz heiß, 40 Grad, bis 50 Grad. … Die Folie wird erst mal nur auf Rollen gewickelt. Rechts ist die neue Halle und hinten die Produktion. Wenn ein Packer jetzt mal auf Toilette muss, muss man ständig hin vom Warmen ins Kalte oder 150 Meter weit laufen. Die Lichtverhältnisse in der neuen Halle sind katastrophal. Der Betriebsrat hat das gesagt, aber es rührt sich nichts. Seit 2 Jahren ist nichts passiert.

Frage: Und wie wird das jetzt eingebracht?

Neupack-Kollegen/in: Wir sind noch nicht so lange im Streik, aber erst mal den Tarifvertrag, dann geht das weiter.

Interview von Freunden des Bremer Feierabends, in einer Mail an die Redaktion des LabourNet Germany vom 04.11.2012

Quelle: Labournet.de

2 Kommentare leave one →
  1. 7. November 2012 03:15

    JOUR FIXE INFO

    Streikbrecher brachen durch – die Angestellten feixten

    Um halb zehn kamen die Streikbrecher aus Polen, vermittelt durch die Firma work expreß in Kattowitz (Polen) in Stellingen an. Es waren elf Männer und Frauen, sie sollen als PackerInnen arbeiten. Nach zehn Minuten kamen sie mithilfe der Polizei rein. Die meisten sprachen deutsch. Es waren keine ahnungslosen Streikbrecher sondern geübte und energische Leiharbeiter, die gezielt und lachend sich reindrückten. Es machte den Eindruck, daß es Streikbrecherprofis waren. So hatte es keinen Sinn, die vorbereiteten Flugblätter auf polnisch und deutsch an sie zu verteilen. Oben an den Fenstern standen Angestellte und freuten sich mit den Streikbrechern. Die Eingänge waren nicht so zahlreich besetzt wie zu Zeiten des Schichtwechsels. Etliche Streikende und Unterstützer trafen erst ein als schon alles gelaufen war. Die Stimmung war eingetrübt, ans Aufgeben denkt niemand, es herrscht die Stimmung: Jetzt erst recht! Da 20 Leiharbeiter der polnischen Firma angekündigt waren, ist noch mit weiteren Streikbrechern in Stellingen zu rechnen.

    In Rotenburg sollen die Streikbrecher morgen, am Mittwoch eintreffen. Sie werden auch von mehreren Medienvertretern erwartet: Rotenburger Kreiszeitung, NDR 3 und TV. Heute war der Rotenburger Bürgermeister Detlef Eichinger zum Solidaritätsbesuch bei den Streikenden und nicht bei der Gegenseite. Immerhin!

    Der Betriebsrat hatte seine Zustimmung zur Einstellung nicht gegeben, die IG BCE unternimmt juristische Schritte gegen die illegale Einstellung von Streikbrechern. Jan Eulen, Vorsitzender der IG BCE in Hamburg, appellierte an die KollegInnen, diesen Rückschlag einzustecken und sich nach vorn zu orientieren, dieser Streik habe erst angefangen, er werde noch länger dauern. Die Neupack-Beschäftigten in Hamburg und Rotenburg kämpften mit für KollegInnen, die in ihren Betrieben in einer ähnlichen Lage steckten. Die IG BCE werde alle juristischen und politischen Schritte unternehmen, die Eigentümer in die Schranken zu weisen.
    Der Namen der polnischen Verleih-Firma „work-expreß“ erinnert mich an Expreß-Otto-Versand, aber es werden keine Waren versendet, oder doch: Die Ware Arbeitskraft. Der Name der Firma klingt modern und international. Trotz entgegenstehender deutscher Gesetze schickt sie Ware – der Profit lockt. Mit dieser Aktion könnte die Krüger-Familie aber auch ihr eigenes Interesse, den Willen der Belegschaft zu brechen, konterkarieren! Weil diese Aktion bei ihren eigenen Klassengenossen in Wirtschaft und Politik auf Widerspruch stoßen dürfte. Die übrigen Unternehmer und die Politiker wollen den Schein der Sozialpartnerschaft aufrecht erhalten. Den Krügers könnten es passieren, daß sie jetzt zurückgepfiffen werden. Beim Skat würde man sagen: Überreizt!
    Die Belegschaft, nach einer kurzen Frustation, steht besser da als vorher.

    Eine Aufforderung an alle, die kulturelle Beiträge, Infos vor oder im Streikzelt (in der Zeit von 12 Uhr bis 16 Uhr) geben wollen: Meldet euch bitte bei tarifneupack@gmx.de und macht eure Vorschläge!

    Am Donnerstag um 18 Uhr machen wir ein weiteres Treffen des Soli-Kreises: Im Zelt.

    Link zum gestrigen Streiktag in Stellingen (aus labournews)
    http://labournet.de/branchen/sonstige/verpackungen/neupack6.html

    Wesentliche Ausschnitte aus einem spontanen Interview von Freunden des
    Bremer Feierabends
    http://labournet.de/branchen/sonstige/verpackungen/neupack5.html

    Dieter Wegner
    Soli-Kreis Neupack
    Kontakt: soli-kreis@gmx.de

  2. 7. November 2012 03:16

    Liebere Unterstützerinnen und Unterstützer,

    die Firma Neupack Verpackungen hat beim Arbeitsgericht Hamburg, ohne Anhörung der Gewerkschaft, eine einstweiliger Verfügung erwirkt, die uns bei der Nutzung der legitimen Streikmaßnahmen einschränkt. Bisher haben wir gewaltfrei Streikbrecherinnen und Streikbrecher zum Zwecke der Info über die Streikziele und der Aufforderung sich mit uns zu solidarisieren kurz blockieren können.
    Diese Vorgehensweise ist bisher durch die Gerichte in Berlin und Bielefeld bestätigt worden.Das Arbeitsgericht Hamburg stellt sich mit seiner einstweiligen Verfügung gegen diese Rechtsprechung. Das bedeutet für uns, dass eine Behinderung bei dem Zutritt zur Firma Neupack Verpackungen vorrübergehend nicht zu Verfügung steht,da es durch das Arbeitsgericht unter Strafe gestellt wurde. Wir werden dagegen gerichtlich vorgehen und gehen davon aus, dass die gängige Praxis von den anderen Arbeitsgerichten bestätigt wird. Das heißt für uns, dass wir weiterhin Streickbrecherinnen und Streickbrecher empfangen, aber nicht mehr blockieren und wir werden uns vielfältige und kreative Arbeitskampfmaßnahmen einfallen lassen. Wir freuen uns auch weiterhin über eine lautstarke Unterstützung, um den Arbeitgeber weiterhin unter Druck zu setzten. Wir planen weitere größere Aktivitäten zu denen wir viel Unterstützung brauchen. Der Streik geht weiter.

    Mit vielen Grüßen

    euer Tarifneupack

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