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Was ist Klassenkampfanarchismus?

3. November 2012

Warum die ArbeiterInnenklasse?

Deutsche Übersetzung von What is Class Struggle Anarchism? von Wayne Price

Gründe für eine ArbeiterInnenklassen-Perspektive. Was an einer Nicht-ArbeiterInnenklassen-Perspektive falsch ist. Verwurzelung des Klassenkampfanarchismus in einer Analyse des Kapitalismus, einer strategischen Orientierung und einer moralischen Perspektive.

Warum die ArbeiterInnenklasse

Kürzlich schrieb mich ein Aktivist und Freund an, der von Michael Albert’s Parecon Programm beeinflusst ist. Er fragte: „Warum sollten wir uns KlassenkampfanarchistInnen anstelle von feministischen antirassistischen – grünen – KlassenkampfanarchistInnen nennen?“ Mit anderen Worten, warum sollen wir den Kampf der ArbeiterInnenklasse herausfiltern? Wenigstens beinhaltet sein Konzept den Klassenkonflikt als einen der Aspekte des sozialen Kampfes. Viele, Liberale und Radikale, lehnen den Klassenkampf komplett ab. Viele (von rechts) verurteilen Gewerkschaften. Hardt und Negri hatten einen großen Einfluss darauf, die ArbeiterInnenklasse theoretisch mit dem Begriff „Multitude“ zu ersetzen.

Innerhalb der anarchistischen Bewegung lehnen viele jegliche wichtige Rolle der ArbeiterInnen für den Klassenkampf ab. Dies gilt auch für diejenigen, die sagen, dass sie Zivilisation und Wirtschaft insgesamt ablehnen. Obwohl er sonst im Widerspruch mit solchen PrimitivistInnen war, so galt dies auch für Murray Bookchin. In seinem Essay „Listen Marxist!“, zum Beispiel (in Post-Scarcity Anarchism, 1986, Montreal: Black Rose Books), prangerte er den „Mythos des Proletariats“ an. „Die Arbeiterklasse [wurde] als“ Agent des revolutionären Wandels‘ neutralisiert…. Der Klassenkampf [wurde] in den Kapitalismus kooptiert. „(S. 202) Er leugnete das revolutionäre Potential der ArbeiterInnen, und fokussierte sich an Stelle dessen auf die „Jugend“, die „Leute“ oder „BürgerInnen“, welche die Gesellschaft lediglich aus moralischen Gründen ändern würden.

Die Ablehnung der ArbeiterInnenklasse ist die tatsächliche Position fast aller MarxistInnen-LeninistInnen (einschließlich der Kommunistischen Parteien, MaoistInnen und orthodoxe TrotzkistInnen). Die MarxistInnen-LeninistInnen legen zu Marx‘ Glaube an die Zentralität der ArbeiterInnenklassenkampfes lediglich ein Lippenbekenntnis ab. Eigentlich glauben sie, dass es „sozialistische“ Revolutionen ohne die ArbeiterInnenklasse geben kann (wie in Osteuropa, China, Vietnam und Kuba). Und dass es „sozialistische“ („post-kapitalistische“ oder was auch immer) Gesellschaften ohne Beteiligung der ArbeiterInnenklasse geben kann, und in der Tat, in denen ArbeiterInnen brutal unterdrückt werden (wie in der Sowjetunion, China, usw.). Unter nicht-revolutionären Bedingungen führen sie diese Ansichten zur Klassenzusammenarbeit (Reformismus). Da der Sozialismus ihrer Ansicht nach nicht erfordert, ArbeiterInnen mitzureißen, können ihre Parteien auch Allianzen mit KapitalistInnen eingehen.

Warum nennen wir revolutionäre AnarchistInnen uns Klassenkampf-anarchistInnen?

Mein Freund bot eine teilweise Erklärung: Es ist in der Linken nicht umstritten sich FeministInnen oder AntirassistInnen zu nennen. Selbst Liberale tun dies. Irgendeine Art ökologischen Denkens oder Umweltschutz wird von fast jeder/m akzeptiert, außer dem ganz rechten Rand. Aber der Glaube an eine Klasse-gegen-Klasse Perspektive wird nur von einer Minderheit geteilt. Klarerweise gibt es viele Menschen, die für Gewerkschaften sind. Gerade jetzt läuft John Edwards für das Amt des US Präsidenten mit einem Programm zur Unterstützung der Gewerkschaften und die Bekämpfung der Armut. Doch sein Programm ist das Gegenteil des Klassenkampfes. Es will die ArbeiterInnen dazu bringen, seine kapitalistische Partei zu unterstützen.

Ebenso geht Andy Stern, Präsident der „Service Employees International Union“ (und jemand, der bei weitem nicht zu den schlimmsten Gewerkschaftsbürokraten zählt) Koalitionen mit der Wirtschaft ein. Er schrieb, „Arbeiter und Arbeitgeber brauchen Organisationen, die Probleme lösen, nicht schaffen.“ Das ist nicht das gleiche wie „Die Emanzipation der Arbeiterklasse muss von der Arbeiterklasse selbst erobert werden“ (der erste Satz der Regeln der Ersten Internationalen, geschrieben von Marx und von revolutionären AnarchistInnen geliebt). Indem wir uns Klassenkampf AnarchistInnen nennen machen wir klar wofür wir sind … und gegen was wir sind.

Klassenkampfanarchismus setzt die Tradition des kommunistischen Anarchismus (auch Anarcho-Kommunismus) und Anarcho-Syndikalismus fort und überschneidet sich mit dem libertären (autonomen) Marxismus, wie etwa dem Rätekommunismus. In seinem Überblick über den aktuellen britischen Anarchismus schreibt Benjamin Franks: „Zu den Organisationen unter dem Titel „Klassenkampfanarchismus“ zählen diejenigen, die sich selbst als solche identifizieren, als auch autonome MarxistInnen und situationistisch inspirierte Traditionen“ (Rebel Alliances, 2006, Edinburgh: AK Press & Dark Star, S. 12). Ich behaupte nicht für all diese Organisationen zu sprechen, noch bin ich ein offizieller Sprecher für meine eigene Föderation. Aber ich denke, dass meine Ansichten im Einklang mit dem Mainstream des Klassenkampfanarchismus sind. Ich werde nicht alle Aspekte der Klassenkampfanarchismus beschreiben (wie etwa unser Ziel eines dezentralen, selbstverwalteten Sozialismus). Stattdessen werde ich mich auf die Bedeutung der ArbeiterInnenklasse beschränken, den Klasse-gegen-Klasse Ansatz.

Die Zentralität des Klassenkampfes im Kapitalismus

Werfen wir einen Blick auf das „wirtschaftliche“ System des Kapitalismus -ohne aber vorerst zu bedenken, wie diese mit anderen Systemen der Unterdrückung, wie etwa „Rasse“ oder Geschlecht (diese werden in Teil 2 behandelt) in Beziehung stehen. Ich behaupte nicht, dass einzelne ArbeiterInnen besser, edler oder schöner sind als einzelne KapitalistInnen, oder Bauern/Bäuerinnen, oder Universitätsvorsitzende. Individuell können ArbeiterInnen ebenso böse sein wie jede/r andere. Der Punkt ist die potenzielle soziale Rolle der ArbeiterInnenklasse.

ArbeiterInnen, als ein Kollektiv, haben eine besondere Beziehung zu den Produktionsmitteln. Die Produktionsmittel (und Verteilung und soziale Dienste) sind im Besitz einer Minderheit, der kapitalistischen Klasse, die getrieben werden, Kapital zu akkumulieren. Wir ArbeiterInnen, denen es an Land oder Maschinen fehlt, müssen uns an die KapitalistInnen verkaufen, oder besser, wir müssen unsere Fähigkeit verkaufen, für eine Zeit zu arbeiten (die Ware Arbeitskraft). Wir arbeiten bis wir genug Rohstoffe produziert haben, die den gleichen Wert unserer Löhne (oder Gehälter) haben. Dann arbeiten wir weiter, um mehr Güter zu produzieren, kreieren ein Extra – einen Überschuss – Wert, welcher die Grundlage der Gewinne der Bosse ist. Das heißt, wir werden ausgebeutet. Wir werden ausgebeutet, nicht nur als Individuen, sondern als ein Kollektiv, eine ganze kooperierende Masse von Menschen, die erforderlich sind, gemeinsam am Arbeitsplatz und in der gesamten Gesellschaft zu arbeiten, um das System aufrechtzuerhalten.

Die Beschäftigungstabellen betrachtend definiert Michael Zweig 62 Prozent der US Arbeitskräfte als ArbeiterInnenklasse (in „The Working Class Majority“, 2000, Ithica, NY: ILR / Cornell Univ. Press). Das US Department of Labor, stellt er ferner fest, klassifiziert 82 Prozent des privaten Sektors, Nicht-Farmer und Angestellte als unbeaufsichtigte Angestellte. „Das ist der Grund, warum ich behaupte, dass wir in einem Land mit einer ArbeiterInnenklassen-Mehrheit leben.“ (S. 30) Die ArbeiterInnen sind „blue collar“ (manuelle ArbeiterInnen) und „white collar“, ArbeiterInnen „mit Hand und Gehirn“ (und „pink collar“ (rosa) Arbeiterinnen, wie spezifisch weibliche Arbeit oft genannt wird).

Die ArbeiterInnenklasse, als KLASSE, ist breiter als die momentan beschäftigten ArbeiterInnen. Sie inkludiert Arbeitslose und pensionierte ArbeiterInnen. Neben der erwerbstätigen Frauen beinhaltet sie Hausfrauen, die mit männlichen Arbeitern verheiratet sind und deren Kinder. Sie ist eine gesamte Klasse im Gegensatz zu einer anderen Klasse.

(Es gibt auch etwas, das in der Regel als „Mittelklasse“ bezeichnet wird. Dies inkludiert normalerweise die besser gestellten ArbeiterInnen – sogenannte „white collar“ und ausgebildete Arbeitskräfte – unabhängige Fachleute, Geschäftsleute kleiner Unternehmen, und die unteren Ebenen der Verwaltung. Diese mittleren Schichten bilden nicht wirklich eine eigenständige Klasse. Meist sind sie Teil der beiden wichtigsten Klassen, der kapitalistischen Klasse oder der ArbeiterInnenklasse, und sie orientieren sich in der Regel an der einen oder der anderen Klasse.)

Traditionell widersetzt sich der Anarchismus, wie alle Arten des Sozialismus, gegen Klassenausbeutung, die entfremdete Arbeit, die mit ihr einhergeht und die Armut, die von ihr geschaffen wird. AnarchistInnen und MarxistInnen gleichermaßen haben das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft. Wer würde eine solche Gesellschaft erschaffen? Moralisch gesehen ist es im Interesse der ganzen Menschheit. Doch diejenigen, die am akutesten ausgebeutet werden haben ein besonderes Interesse an der Beendigung ihrer Ausbeutung. Ihre Erfahrung macht es für sie einfacher, eine moralische Sicht einzunehmen. Es ist falsch „das Volk“ oder „die BürgerInnen“ über die ArbeiterInnen zu stellen, in ihrem unmittelbaren Bedarf Ausbeutung zu beenden. Diese Sichtweise würde bedeuten, dass diejenigen, die nicht unmittelbar durch den Kapitalismus ausgebeutet werden ebensoviel Grund zur Bekämpfung von Ausbeutung haben wie jene, die gezwungen sind, entfremdete Arbeit zu leisten. Sie betrachtet KapitalistInnen, Polizeibeamte und ManagerInnen als ebenso wahrscheinlich gegen die kapitalistische Ausbeutung anzukämpfen, wie diejenigen, die „unter vorgehaltener Peitsche“ arbeiten. Diese Sichtweise ist angenehm für diejenigen, die die Notwendigkeit einer Revolution leugnen wollen.

In ihrer brillanten Verteidigung einer ArbeiterInnenklassen-Perspektive, The Retreat from Class (1998, London: Verso), kritisiert Ellen Meiksens Wood verschiedene „post-MarxistInnen“ (könnte aber genauso gut Bookchin kritisieren): „Die Implikation [ihrer Nichtklassenperspektive – WP] ist, dass die ArbeiterInnen nicht mehr von der kapitalistischen Ausbeutung betroffen sind als alle anderen Menschen, die nicht selbst direkte Objekte von Ausbeutung sind. Das impliziert auch, dass KapitalistInnen keinen wesentlichen Vorteil aus der Ausbeutung der ArbeiterInnen erzielen, dass die ArbeiterInnen keine grundlegenden Nachteile durch ihre kapitalistische Ausbeutung erfahren, dass die ArbeiterInnen keinen grundsätzlichen Vorteil davon hätten, wenn sie nicht mehr ausgebeutet wären, dass die Bedingung der Ausbeutung nicht ein „Interesse“ an der Einstellung der Klassenausbeutung inkludiert, dass die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit keine grundsätzlichen Konsequenzen für die gesamte Struktur der sozialen und politischen Macht haben, und dass alle gegensätzlichen Interessen zwischen Kapital und Arbeit im Auge des Betrachters sind. … Das lässt die gesamte Geschichte der ArbeiterInnenklassekämpfe gegen den Kapitalismus als Unsinn erscheinen.“(S. 61)

Es ist nicht zwangsläufig der Fall, dass die ArbeiterInnen revolutionär werden (obwohl Marx und Engels gelesen werden können, dies zu implizieren). Besser gestellte ArbeiterInnen können aufgekauft werden. Schlechter gestellte ArbeiterInnen können demoralisiert und geschlagen werden. Bookchin argumentierte, dass die hierarchische Natur des kapitalistischen Arbeitsplatzes die ArbeiterInnen lehrt, Unterordnung zu akzeptieren. Wie dem auch sei, diejenigen, die unterdrückt werden, werden sich widersetzen. Es ist im Interesse der ArbeiterInnen, sich ihrer Ausbeutung zu widersetzen. In der Tat gibt es Unzufriedenheit und konstante (wenn auch auf niedriger Stufe) Kämpfe an jedem Arbeitsplatz. Dieser Konflikt hat zumindest zu einem revolutionären Bewusstsein einer Minderheit geführt. Da wir ArbeiterInnen (im Gegensatz zu, sagen wir, Bauern und Bäuerinnen) selbst kein Land oder Maschinen haben, neigen wir dazu, kollektivistisch und kooperativ in unserer Organisation und unseren Programmen zu sein. Und da wir unsere Hände an den Produktionsmitteln, Transport, Verteilung, Kommunikation und Service haben, hat unsere Klasse eine enorme (potenzielle) Macht, welche die gesamte Gesellschaft schütteln könnte. Noch einmal, dies sind Tendenzen und Möglichkeiten, nicht Notwendigkeiten.

Die negative Stereotypisierung der ArbeiterInnenklasse

Es sollte nicht überraschen, dass die meisten Linken – anarchistisch und nicht anarchistisch – eine Anti-ArbeiterInnenklassen-Perspektive haben. Die Linke wird von Menschen aus der Mittelschicht dominiert. Einige, wie zum Beispiel StudentInnen, können leichter radikalisiert werden als die meisten ArbeiterInnen, weil StudentInnen keine unmittelbare Verantwortung haben, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen oder eine Familie zu versorgen. Aber aufgrund ihrer relativen Privilegien haben sie eher Vorurteile gegenüber ArbeiterInnen. Sie haben vielleicht unbewusst elitäre Annahmen über ihr „Recht“ zu herrschen. Liberale wollen die Gesellschaft durch den Aufstieg innerhalb der bestehenden Zentren der Macht verbessern. Die Radikaleren werden zu Visionen der bürokratischen Klassenregierung hingezogen, mit Verstaatlichung und zentraler Planung, was im Staatskapitalismus der Sowjetunion, des maoistischen Chinas und Castros Kuba existierte. Andere glauben, dass sie eine bessere Welt schaffen können, nur indem sie in einer bohemischen persönlichen Freiheit leben (was nicht schlecht ist, aber nicht eine Alternative zum Aufbau populärer Bewegungen ist).

Mittelklasse-Feinde der ArbeiterInnenklasse argumentieren, dass die amerikanischen ArbeiterInnen unwissend, rassistisch, sexistisch überpatriotisch, abergläubisch, gegen EinwandererInnen und politisch passiv sind. Das ist die negative Stereotypisierung. Wie die meisten Stereotypen, enthält sie sowohl Wahrheit als auch Lüge. Sie ignoriert die Tatsache, dass die ArbeiterInnenklasse die meisten Farbigen, MigrantInnen, Frauen, usw. enthält. Sie vergisst, dass die ArbeiterInnen in der Regel für universelle Gesundheitsversorgung und für andere soziale Dienste sind, gegen den Irak-Krieg, großen Unternehmen und PolitikerInnen nicht ganz vertrauen, für Gewerkschaften, antifaschistisch und für Demokratie sind. In dem Maße, wie die negativen Stereotypen wahr sind, so sind sie es für alle Klassen. ArbeiterInnen sind nicht mehr politisch unwissend, rassistisch, usw. als die amerikanischen Mittel- und Oberschichten.

Es ist sicherlich richtig, dass die ArbeiterInnen (in den USA und überall sonst) nicht revolutionäre AnarchistInnen sind. Aber das ist eine andere Art zu sagen, dass die Bevölkerung der USA und anderer Länder, unabhängig von der Klasse, nicht für eine anarchistische Revolution sind. Während einige Teile der Bevölkerung radikaler sind als andere, sind wir insgesamt sehr, sehr weit von einer vor-revolutionären Periode entfernt, in welcher die meisten Menschen einen großen sozialen Wandel wollen.

Leider gibt es viel zu viel Wahrheit in den negativen Stereotypen der ArbeiterInnenklasse. Es reicht nicht aus, dass die ArbeiterInnen nicht schlechter als die mittleren oder oberen Klassen sind. Die ArbeiterInnenklasse muss besser als die anderen Klassen sein, wenn wir eine selbstverwaltete Gesellschaft schaffen wollen. Wie wird die ArbeiterInnenklasse ihre Schwächen überwinden? Nur durch kämpfen. Im Laufe des Kampfes – vom Geschäftslevel und Gemeinschaftsfragen zur Revolution – lernt und verbessert sich unsere Klasse. Durch den Kampf lernen wir von uns selbst. Wir werden zu echter Demokratie fähig sein. Es gibt keinen anderen Weg.

Im Moment sollte die Minderheit, die eine anarchistische Revolution möchte, über eine langfristige Strategie nachdenken: Wer hat ein Interesse an der Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung? Wer hat das Potenzial, die Gesellschaft anzuhalten und das System zu ändern? Wer hat eine Geschichte des Kampfes gegen die kapitalistische Ausbeutung? Die Antworten auf diese strategischen Fragen führen uns zu einer ArbeiterInnenklassen-Perspektive.

Warum nennen wir uns KlassenkampfanarchistInnen/klassenkämpferische AnarchistInnen anstelle von feministischen-antirassistischen-schwulen-grünen-KlassenkampfanarchistInnen? Was ist die Beziehung zwischen klassen- und nichtklassenbedingten Formen von Unterdrückung, wie etwa Geschlecht/Gender und Hautfarbe? Anstelle des Basis/Überbau-Modells sollten wir ein Modell eines überlappenden Netzes von Unterdrückungen haben, in dessen Mitte sich Klasse befindet. Dies führt zu strategischen Schlussfolgerungen.

Die Beziehung zwischen der ArbeiterInnenklasse und nicht-klassenbedingten Formen von Unterdrückung

Warum nennen wir uns KlassenkampfanarchistInnen/klassenkämpferische AnarchistInnen anstelle von feministischen-antirassistischen-schwulen-grünen-KlassenkampfanarchistInnen? Was ist die Beziehung zwischen klassen- und nichtklassenbedingten Formen von Unterdrückung, wie etwa Geschlecht/Gender und Hautfarbe? Anstelle des Basis/Überbau-Modells sollten wir ein Modell eines überlappenden Netzes von Unterdrückungen haben, in dessen Mitte sich Klasse befindet. Dies führt zu strategischen Schlussfolgerungen. Wie ich bereits in Teil 1 argumentiert habe, ist die ArbeiterInnenklasse von zentraler Bedeutung für den Kampf gegen den Kapitalismus. Aber was ist ihr Verhältnis zu anderen Teilen der Bevölkerung und deren Systemen der Unterdrückung? Wie ist das Verhältnis von Klasse in Bezug zu Frauen und Patriarchat; zu Afro-AmerikanerÍnnen und weißer Vorherrschaft; zu Nationen in der „Dritten Welt“ und zu Neokolonialismus; zu EinwandererInnen und Nativismus und zu anderen Formen der Unterdrückung, die zu zahlreich sind, um sie alle zu nennen? Wie verhält sich Klasse zu scheinbar nichtklassenbedingten Themen wie Krieg oder globaler Erwärmung? Ich diskutiere nicht die Moral der Unterdrückung, geschweige denn, ob eine Form der Unterdrückung schlimmer ist als eine andere (wie Antisemitismus vs. Diskriminierung der Gehörlosen). Jede Form von Unterdrückung ist schlecht und jeder sollte widersetzt werden. Ich möchte die Beziehungen zwischen den verschiedenen Formen von Unterdrückung analysieren sowie die strategischen Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden können.

Das Basis/Überbau-Modell

MarxistInnen haben traditionell das Basis/Überbau-Modell verwendet. Die Basis sollte der Produktionsprozess sein, so wie dieser in einer bestimmten Gesellschaft organisiert ist, vor allem die Beziehungen zwischen den Klassen. Der Überbau ist alles andere: der Staat, Kultur, Geschlecht/Gender und Hautfarbe usw. Der Vorteil dieser Metapher ist, dass er auf den enormen Einfluss von Klassenbeziehungen in allen Aspekten der Gesellschaft hinweißt. Das ist die Stärke des historischen Materialismus. Aber es gibt Schwierigkeiten mit diesem Modell. Wenn zum Beispiel der Staat eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus ist, warum ist er dann im Überbau und nicht in der Basis? Strategisch könnte dieses Bild dazu führen, dass alle nichtklassenbedingten Probleme nur als nebensächlich gesehen werden. Es kann bedeuten, dass Revolutionäre und Revolutionärinnen sich nur auf Fragen der Klasse beschränken sollten, weil nichtklassenbedingte Formen von Unterdrückung automatisch gelöst werden, sobald eine klassenlose Gesellschaft erreicht ist. Dieser Ansicht nach sind nichtklassenbedingte Themen irrelevante Ablenkungen vom eigentlichen Problem. Sie sind nicht ganz echt. Man könnte meinen, dass nach der Machtergreifung der ArbeiterInnen die nichtklassenbedingten Formen von Unterdrückung ebenso wie der Staat „absterben“ würden, ohne dass man sich großartig mit ihnen beschäftigen muss.


Fortgeschrittenere MarxistInnen haben eine subtilere, dialektischere Auslegung, aber das Modell neigt zu dieser mechanistischen Politik. Betrachten wir die Erklärung der libertären Class War Federation (GB), die Mittelklasse fungiere „zur Förderung von Ideen, die uns teilen, wie etwa Rassismus und Sexismus …. um unsere Energie in harmlose Tätigkeiten, d.h. Reformismus, wie zB Greenpeace, CND [Ausschuss zur nuklearen Abrüstung], Feminismus, Gewerkschaften … zu leiten“ (Unfinished Business …, 1992, Stirling, Schottland: AK Press, S. 57) Im Buch befindet sich eine Karikatur von reichen Leute, die auf einer Plattform tanzen, welche von Menschen getragen wird, die dumm (in Sprechblasen) denken: „Ökologie; Keine Kernwaffen; Kein Fleisch; Feminismus; Dritte Welt; Rettet …“ (S. 8) . Zumindest in dieser Aussage und Karikatur werden Bewegungen für ökologisches Gleichgewicht, die Befreiung von Frauen, nationale Befreiung und Opposition gegen nuklearen Krieg nicht als mögliche Verbündete im „Klassenkampf“ gesehen, sondern nur als Ablenkungen der Mittelklasse. Rassismus und Sexismus werden nur deshalb als Probleme gesehn, weil sie die ArbeiterInnenklasse teilen und nicht als Probleme an sich.

Auf der anderen Seite schreibt die marxistische Historikerin Ellen Meiksins Wood: „Das Basis/Überbau-Modell war immer mehr problematisch als gut… Ihm wurde ein theoretisches Gewicht gegeben, das weit jenseits seiner begrenzten Kapazitäten liegt … . „(Democracy Against Capitalism, 1995, Cambridge: Cambridge Univ. Press, S. 49-50) (Wie ich bereits in Teil 1 gesagt habe überschneidet sich Klassenkampfanarchismus/klassenkämpferischer Anarchismus zu einem großen Teil mit libertärem Marxismus. Ich betrachte mich selbst als einen marxistisch-informierten Anarchisten.)

Es gibt eine andere Metapher, welche ich ebenso ablehne: jene eines strikten Pluralismus. Die verschiedenen Unterdrückungen in der Gesellschaft werden als parallel zu einander gesehen, alle für sich selbst und auf sich allein gestellt. Die Unterdrückung von Frauen wird als reell gesehen, aber als separat von Rassismus, getrennt von der Unterdrückung von Schwulen, Lesben, Bi- und Transexuallen, und alle parallel zu was als „Klassismus“ bezeichnet wird. Obwohl diese Ansicht die Realität verschiedener Unterdrückungen akzeptiert, führt sie zu einer reformistischen Sichtweise. Dass es zum Beispiel ok ist, wenn FrauenrechtlerInnen Unterdrückungen aufgrund von Klasse und Hautfarbe ignorieren (und daher von weißen Mittelklasse-Frauen dominiert werden, die den Kapitalismus akzeptieren). Ebenso kann die parallele ArbeiterInnen-Bewegung Sexismus und Rassismus ignorieren, da es sich um unterschiedliche Unterdrückungen handelt. Stattdessen möchte ich betonen, dass alle Unterdrückungen miteinander verflochten sind und sich überschneiden, aneinander lehnen und sich gegenseitig unterstützen. Ich mag die Metapher eines Stapels aus Stecken, die alle aufeinander lehnen, auch wenn einige vielleicht zentraler sind als andere.

Weiße Vorherrschaft

Viele behandeln Unterdrückungen als wären sie unterschiedliche Bevölkerungen, als ob Arbeiter hier wären, Frauen da drüben, und Afro-Amerikaner in einem anderen Bereich. Dies ist irreführend. Die US-Bevölkerung kann zum Beispiel in Bezug auf Klasse analysiert werden: KapitalistInnen, ArbeiterInnen und Mittelklasse. Sie kann auch in Bezug auf Nationalität und Hautfarbe / ethnischer Herkunft analysiert werden: Europäisch-stämmige AmerikanerInnen, Afro-AmerikanerInnen, Latin@s, Asiatische AmerikanerInnen, etc. Sie kann in Bezug auf Geschlecht analysiert werden: männlich und weiblich. Sie kann in Bezug auf sexuelle Orientierung analysiert werden: heterosexuell, schwule/lesbische/bisexuelle Menschen. Usw und so fort. Aber diese sind nach wie vor die gleichen Menschen. Diese Analysen sind Abstraktionen: Wir abstrahieren (nehmen heraus) bestimmte Eigenschaften, um diese besser zu verstehen. Die Analysen der Systeme der Unterdrückung sind reell, das heißt, sie sind nützlich für das Verständnis, wie Menschen sich verhalten und wie sie sich identifizieren. Aber es ist immer noch die gleiche Bevölkerung. Die Systeme überlappen und interagieren. Ein Beispiel: eine afro-amerikanische Arbeiterin wird nicht zu einem Zeitpunkt als Schwarze unterdrückt und zu einem anderen Zeitpunkt als Frau, und wieder zu einem anderen Zeitpunkt als Arbeiterin (unter Berücksichtigung, dass auch ihre Nicht-Arbeitszeiten von ihrem Einkommen als Arbeiterin abhängig sind). Wir könnten sie auf diese Weise analysieren, aber in Wirklichkeit ist ihr Leben eine Totalität. Schauen wir uns weiße Vorherrschaft an. AfrikanerInnen wurden zuerst entführt und aufgrund klarer wirtschaftlicher Gründe nach Nord-und Südamerika gebracht: um eine Art von ArbeiterInnen zu sein, nämlich Sklaven/Sklavinnen. Sie produzierten Waren (Tabak, Baumwolle, usw), die auf dem Weltmarkt verkauft wurden. Heutzutage sind Afro-AmerikanerInnen mit überwältigender Mehrheit Teil der ArbeiterInnenklasse, die meisten in den ärmsten Sektionen. Ihre Unterdrückung dient zwei Klassenzwecken: sie kreiert einen Pool von ArbeiterInnen, die mit niedrigen Löhnen überausgebeutet werden können, und sie schwächt die gesamte ArbeiterInnenklasse aufgrund der Aufteilung in Hautfarben und die weißen ArbeiterInnen glauben an ihre Überlegenheit. Obwohl Ethnozentrismus gleich alt ist wie die Menschheit, wurde Rassismus als Ideologie zum ersten Mal während der Sklaverei erfunden, um Sklaverei und den Raub von amerikanischen Ureinwohnern zu rechtfertigen. Er wurde in der Epoche des Imperialismus erfunden, um Unterstützung für den Kolonialismus zu gewinnen.

Aber diese Analyse bedeutet nicht, dass weiße Vorherrschaft nur eine Frage der Wirtschaft ist. Immerhin gibt es ja einige reiche Afro-AmerikanerInnen, die vielleicht immer noch aus banalen Gründen verhaftet werden. Unabhängig ihrer Herkunft ist Unterdrückung aufgrund von Hautfarbe reell. In ihrem Kampf gegen diese haben sich Afro-AmerikanerInnen als ein Volk mit eigener Kultur und Bewusstsein kreiert – ein Volk, das nach wie vor für seine Freiheit kämpft. Als Sichtweise ist Rassismus fast universell unter Weißen und reicht von liberaler „Farbenblindheit“, die auch wir AntirassistInnen haben, zu moderaten Vorurteilen der meisten Weißen, hin zu virulentem Rassenhass der Faschisten. Rassismus betrifft nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik und die Kultur der Gesellschaft. Dies wird nicht nur durch vernünftige Argumente verschwinden. Es erfordert Massenkämpfe – Kämpfe von Schwarzen Menschen als Schwarze Menschen, in einem Bündnis mit weißen AntirassistInnen.

Die Kämpfe der Afro-AmerikanerInnen überschneiden sich mit allen anderen Kämpfen. In den fünfziger und sechziger Jahren spielte die Rebellion der Afro-AmerikanerInnen eine Schlüsselrolle im Wachrütteln der gesamten Gesellschaft, inspirierte die Antikriegsbewegung, die Frauen-Bewegung, die Schwulen-Bewegung, sowie Kämpfe der ArbeiterInnenklasse (ML King wurde in Memphis erschossen als er dort zur Unterstützung eines vor allem schwarzen SanitärarbeiterInnen Streiks war). Große Fortschritte wurden bei der Begrenzung der weißen Vorherrschaft gemacht – nämlich das Ende der legalen Segregation (Jim-Crow). Aber die verschiedenen Mechanismen einer rassistisch-kapitalistischen Gesellschaft haben Afro-AmerikanerInnen am unteren Rand der Gesellschaft gehalten. Es benötigt eine vollständige Revolution, um das zu ändern.

Patriarchat

Patriarchat – männliche Vorherrschaft – interagiert auch mit allen anderen Aspekten unserer unterdrückenden, autoritären Gesellschaft. Das Leben von Frauen wird direkt von ihrer Hautfarbe und ihrer Klasse bestimmt. Circa die Hälfte der erwachsenen Frauen sind Arbeiterinnen. Selbst nicht-angestellte Hausfrauen hängen vom Einkommen ihrer Ehemänner ab, was von deren Klasse abhängt und von ihrer Hautfarbe geprägt ist.

Noch grundlegender wird das Leben von Frauen durch ihre Rolle in der Familie bestimmt, welche durch die Art der Gesellschaft in der sie leben geprägt ist. Die Kernfamilie des späten Kapitalismus ist ein Zentrum des Konsums von Waren. Sie ist es, wo die Ware Arbeitskraft von ArbeiterInnen (männlich und weiblich, Erwachsene und Kinder) erstellt und neu-erstellt wird. Sie ist es, wo die soziale Psychologie unserer Gesellschaft an die nächste Generation weiter gegeben wird. Die Beziehungen zwischen der Familie und dem Kapitalismus ist subtil und komplex, aber sehr reell. Das Bild der Frau steht in direktem Zusammenhang mit ihrer Rolle in der Familie (und vor dem Kapitalismus, in den Familien von feudalen-, Slaven- usw. Klassengesellschaften).

Interessant ist, dass Engels die Rolle der Frau ebenso in der „Basis“ der Gesellschaft inkludierte wie die Produktion von Gütern. „Der materialistischen Konzeption zufolge ist der bestimmende Faktor in der Geschichte, in letzter Instanz [Anmerkung – WP], die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Dies wiederum hat einen zweifachen Charakter: … die Produktion der Existenzgrundlage …; auf der anderen Seite, die Produktion von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Arten …. Die soziale Organisation … wird von beiden Arten der Produktion bestimmt: von der Phase der Entwicklung der Arbeit auf der einen Seite und der Familie auf der anderen Seite. „(Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats) Er spekulierte, dass die Unterdrückung der Frauen der Klassengesellschaft vorausging und dessen Ausgangspunkt war.

Ohne Engels‘ Basis/Überbau-Modell zu akzeptieren (man beachte sein „in letzter Instanz“; werden wir jemals die „letzte Instanz“ erreichen?), stimme ich zu, dass „die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“ alle anderen gesellschaftlichen Prozesse stark beeinflusst. Ich stimme ebenso zu, dass die Unterdrückung von Frauen weit in die Vorgeschichte zurück geht und sehr tief in den Strukturen unserer Gesellschaft verwoben ist. Sie betrifft direkt die Klassenstruktur und alle anderen Aspekte unserer Politik und Kultur. Um dies zu beenden benötigt es ebenso einer vollständigen Revolution.

Ich könnte noch viele andere Formen von Unterdrückung aufzählen und sie in Beziehung zu einander und zur Klassenstruktur setzen. Nationale Unterdrückung, zum Beispiel, steht in direktem Zusammenhang mit Imperialismus und ist in den kapitalistischen Klassenbeziehungen verwurzelt. Ökologische Zerstörung ist mit dem Drang des Kapitalismus verbunden, ständig Kapital anzusammeln. Die Umwelt wird dabei wie eine Mine behandelt. Homophobie steht in direktem Zusammenhang mit der sozialen Definitionen der Geschlechter, die in der kapitalistischen Struktur der Familie und ihrer sozialen Psychologie verwurzelt ist. Und so weiter in komplexen Formen der Interaktion. Der ausschlaggebende Punkt ist, dass jede Unterdrückung alle anderen unterstützt; sie alle unterstützen die kapitalistische Ausbeutung und werden von ihr unterstützt. Der Kampf gegen jede einzelne Form der Unterdrückung erfordert einen Kampf gegen alle; das Ende von einer verlangt das Ende aller. Es wird keine klassenlose Gesellschaft geben, wenn es nicht auch eine Gesellschaft ist, in der Frauen und Menschen unterschiedlichen Hautfarben usw befreit sind.

In seiner Studie über Trends innerhalb des Anarchismus fasst Benjamin Franks die hier aufgezeigte Sichtweise zusammen: Sie „sieht Kapitalbeziehungen in den meisten Kontexten als dominant, aber nicht als die einzige Organisationskraft…. Kapitalismus interagiert mit anderen Formen repressiver Praktiken, die nicht vollständig auf wirtschaftliche Aktivität reduziert werden können. Hier werden verschiedene unterdrückte Identitäten geformt …. Da allerdings der Kapitalismus nach wie vor ein wichtiger Faktor ist, muss wirtschaftliche Befreiung auch ein notwendiger Bestandteil sein.“ (Rebel Alliances, 2006, Edinburgh: AK Press; S. 181)

Die spezielle Rolle von Klasse

Jede Form der Unterdrückung muss in ihrer Konkretheit analysiert werden. Die Unterdrückung von Frauen, zum Beispiel, arbeitet nicht auf die gleiche Art und Weise wie die Unterdrückung/Ausbeutung der ArbeiterInnenlasse. Betrachtet man das Klassensystem dann gibt es spezifische Aspekte, die es von anderen Formen systematischer Unterdrückung unterscheidet.

1.) das Ziel: Das Ziel der Frauenbefreiung ist nicht die Vernichtung der Männer, sondern die Neuordnung der Beziehungen zwischen Frauen und Männern (auch wenn die Definition was Männer und Frauen sind sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit verändern wird). Das Ziel der Befreiung der Afro-AmerikanerInnen ist nicht die Zerstörung der Weißen, sondern die Neuordnung der Beziehungen zwischen europäisch-stämmigen AmerikanerInnen und Afro-AmerikanerInnen (obwohl sich langfristig Hautfarben als separate Gruppen auflösen könnten). Aber das Ziel der Revolution der ArbeiterInnenklasse ist die vollständige Umwälzung der kapitalistischen Klasse, ihrer Zerstörung als eine Klasse, und die Ersetzung dieser mit einer staatenlosen Herrschaft der ArbeiterInnenklasse (die sich in Richtung einer klassenlosen Gesellschaft bewegt).

2.) die Macht der Herrschenden: Als Kollektivität dominieren Männer Frauen. Aber das bedeutet nicht, dass Männer – alle Männer – die Gesellschaft leiten. Es gibt keine Sitzungen der Männer, wo Entscheidungen getroffen werden, wie die Regierung geleitet werden soll. (Wenn es diese gibt dann wurde ich nicht eingeladen) Die meisten Männer befinden sich in der ArbeiterInnenklasse und haben wenig Macht. Könnten sie entscheiden, dann würden sie wahrscheinlich lieber Kinderbetreuungsprogramme und ein Ende der Diskriminierung von Frauen (die auch ihre Ehefrauen und Töchter inkludieren) am Arbeitsplatz bevorzugen. Ebenso dominieren weiße Menschen als Kollektivität Menschen anderer Hautfarben. Aber weiße Menschen haben keine speziellen Sitzungen, in denen sie über die Innen- und Außenpolitik entscheiden. Und wiederum befinden sich die meisten europäisch-stämmigen AmerikanerInnen in der ArbeiterInnenklasse und sind de facto machtlos (was auch immer sie glauben).

Die kapitalistische Klasse leitet allerdings wirklich die Gesellschaft! Deshalb wird sie auch herrschende Klasse genannt. (Natürlich sind die meisten Geschäftsleute weiß und männlich.) Die KapitalistInnen besitzen und führen (direkt oder durch Beauftragte) ihre eigenen Unternehmen. Obwohl sie nur 1 bis 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen steuern sie die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, von denen wir alle leben. Sie bestimmen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit der ArbeiterInnen. Mit ihrem Reichtum und Einfluss kontrollieren sie die politischen Parteien. Sie besitzen und führen die Massenmedien, welche die wichtigsten Nachrichtenquellen sind und welche die Kultur formen. Sie dominieren die Regierung auf allen Ebenen. Die Herrschaft dieser Klasse muss komplett gekippt werden, um eine bessere Welt zu erreichen.


3.) die potenzielle Macht der Unterdrückten: Wie bereits erwähnt, rüttelten die Kämpfe der Afro-AmerikanerInnen in den fünfziger und sechziger Jahren alle Aspekte des US-amerikanischen Lebens auf. Ich möchte auch auf den Einfluss der VietnamesInnen aufmerksam machen, einer unterdrückten Nation, die dem US-Imperialismus widerstrebte. Ihr Kampf für nationale Befreiung rüttelte in dieser Zeit die USA (und die Welt) stark auf. Die Frauen-Befreiungsbewegung wirkte sich ebenso auf unsere gesamte Kultur und Politik aus. Die Schwulen und Lesben-Bewegung war eher klein, aber deren Auswirkungen waren recht groß und verursachten eine Überdenkung sexueller Stereotypen. (Frauen- and Schwulen-Rechte sind immer noch wichtige Themen in der US-Politik.)

Die potenzielle Macht der ArbeiterInnenklasse ist allerdings einzigartig innerhalb der unterdrückten Gruppen. Wie ich schon in Teil 1 gesagt habe, können nur die ArbeiterInnen (als ArbeiterInnen) diese Gesellschaft tatsächlich vollkommen stoppen. Und nur die ArbeiterInnenklasse kann sie wieder auf einer neuen Grundlage errichten. Unsere Klasse produziert die Waren, wir transportieren sie; wir verteilen sie, wir dienen den Bedürfnissen der Menschen. Wir haben ein enormes Kraftpotenzial. Jeder, der während eines großen Streiks in einer Stadt war weiß, wie wahr das ist. Ein erfolgreicher Generalstreik in einer Großstadt würde die US-Politik transformieren. Nahezu die gesamte kapitalistische Politik besteht darin zu verhindern, dass die ArbeiterInnenklasse sich dieser Macht bewusst ist und sie benutzt.


Strategische Schlussfolgerungen

Aus der vorhergehenden Analyse ziehe ich Schlüsse auf einer strategischen (und nicht nur moralischen) Ebene. Die erste ist, dass wir uns zu Recht KlassenkampfanarchistInnen/klassenkämpferische AnarchistInnen nennen. Wir stellen zu Recht den Klassenkampf in den Mittelpunkt unserer Politik. Strategisch ist unser Erzeind die kapitalistische Herrschaftsklasse und deren Verbündete. Wir versuchen die enorme, einzigartige Macht der ArbeiterInnenklasse (welche die Mehrheit ausmacht) gegen sie zu mobilisieren. 
 Zweitens, sollten wir Revolutionäre und Revolutionärinnen jeden einzelnen Kampf gegen Unterdrückung unterstützen, egal wie groß oder klein, egal ob dieser offensichtlich mit Klasse verknüpft ist oder nicht (obwohl sich alle diese Themen mit Klasse überschneiden). Neben seinen eigenen Ursachen unterstützt jedes System der Unterdrückung den Kapitalismus und wird vom Kapitalismus unterstützt. Das heißt, dass der Kampf gegen jede Form von Unterdrückung den Kapitalismus untergräbt, so wie der Kampf gegen den Kapitalismus jede Form von Unterdrückung untergräbt.

Dieses System ist sehr mächtig und komplex. Um es zu stürzen wird es alles was wir haben benötigen. Wir müssen auf alles Schlechte in dieser Gesellschaft aufmerksam machen, um die Augen der Leute für die Notwendigkeit einer Revolution zu öffnen. Wir brauchen jedes Thema, welches Menschen zum Kampf in ihrem eigenen Namen mobilisiert. In der Praxis muss eine revolutionäre Gruppe aufgrund ihrer begrenzten Energien Prioritäten setzen, aber im Prinzip müssen wir gegen alle Übel dieser Gesellschaft und auf der Seite all jener sein, die bereit sind für eine bessere Welt zu kämpfen.

Diese beiden strategischen Schlussfolgerungen widersprechen einander nicht. An der Kreuzung zwischen Ausbeutung und nichtklassenbedingten Formen von Unterdrückung finden wir das größte revolutionäre Potenzial – zum Beispiel unter Immigranten der ArbeiterInnenklasse oder Arbeiterinnen. In jedem Arbeitskampf sollten wir auf die Auswirkungen dessen auf Frauen, Afro-AmerikanerInnen, EinwandererInnen, die Jugend etc schauen. Wir sollten solche Verbindungen nützen, um den Kampf zu stärken – sonst könnten sie Spaltungen und Schwäche verursachen. Auf der anderen Seite sollten wir in jeder nichtklassenbezogenen Bewegung auf die Klassenkonflikte schaun. Wir sollten die mittelklassen- und pro-kapitalistische Führung der Frauen-Bewegung, der Afro-Amerikanischen-Bewegung, der Friedensbewegung etc. ablehnen – ebenso wie in den Gewerkschaften! An dessen Stelle entwickeln wir ein Programm, das im Interesse der Arbeiterinnen, Afro-amerikanischen ArbeiterInnen usw ist und welches die kapitalistischen Ursachen von Kriegen aufzeigt. Kapitalismus ist im Zentrum des autoritären Netzwerkes von Unterdrückungen. Sie alle müssen abgeschafft werden.

Im Kommunistischen Manifest heißt es (und KlassenkampfanarchistInnen würden zustimmen), „Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“

Mit anderen Worten: Die Rebellion der ArbeiterInnenklasse, vor allem der die ganz unten sind, schüttelt alles auf, und bringt jedes Problem eines jeden Abschnitts der kapitalistischen Gesellschaft zur Sprache. Allerdings wussten Marx und Engels, dass selbst im Großbritannien ihrer Zeit Lohn-ArbeiterInnen nicht in der Mehrheit waren, geschweige denn in anderen Ländern. (Selbst heute noch, auch wenn wir in vielen Ländern eine Mehrheit der ArbeiterInnenklasse haben, bleibt der Kern des Proletariats, die industriellen ArbeiterInnen, eine Minderheit, wenn auch eine große.) Sie sahen wie die ArbeiterInnenklasse Verbündete unter den Unterdrückten gewann (auch wenn sie kein volles Verständnis von allen Arten der Unterdrückung hatten). Zwanzig Jahre später schrieb Engels: „Die Klasse, die ihr ganzes Leben ausschließlich von Löhnen abhängig ist, ist noch weit davon entfernt, die Mehrheit des deutschen Volkes zu sein. Sie ist daher auch gezwungen, Verbündete zu suchen.“(Draper, 1998, S. 232)

Eine von der ArbeiterInnenklasse geführte Revolution wird die staatliche Macht nicht durch eine Elite an sich reißen, sondern wird die bewusste Selbstbefreiung der „ungeheuren Mehrheit“ sein: alle Unterdrückten, in derem Zentrum das Proletariat steht. Und nur das – multinationale, multikulturelle (etc.) – Proletariat kann alle diese rebellierenden Kräfte zusammenhalten und sie in eine Revolution steuern. Die Existenz einer mehrheitlich proletarischen Bewegung kann nicht gefunden werden, sondern muss durch revolutionäre Praxis kreiert werden.

Seit rund zwei Jahrhunderten hat unsere Klasse gekämpft. Sie hat Siege erreicht und schreckliche Niederlagen erlitten. Diese ArbeiterInnenklasse des Kapitalismus wurde niedergeworfen, aufgekauft, massakriert, belogen. Sie hat gegen ihre schlimmsten Vorurteile appelliert. Ihr wurden alle Rechte verweigert, später eingeschränkte demokratische Rechte gegeben. Sie wurde in Kriege geschickt. Die Gewerkschaften und Parteien wandten sich gegen sie. Sie wurde verleumdet und von Mittelklasse-TheoretikerInnen ausgeschlossen. Doch in dieser kurzen Zeit hat sie mehr gekämpft als alle anderen ausgebeuteten Klassen, die es je gab über Jahrtausende. Sie hat Massenorganisationen aufgebaut, große und kleine Streiks durchgeführt, die Kapitalisten gezwungen ihr demokratische Rechte zu gewähren, und sie hat weltaufrüttelnde revolutionäre Aufstände durchgeführt. Gibt es eine Art Garantie, dass unsere Klasse mit ihren Verbündeten unter den Unterdrückten, den Kapitalismus und alle Formen von Unterdrückung zerstören wird? Werden wir – „zwangsläufig“ – den Kapitalismus stürzen bevor er die Welt mit nuklearen Kriegen und/oder ökologischen Katastrophen zerstört? Nein, es gibt keine Garantie. Dies ist ein Problem, das im Kampf entschieden werden muss! Aber es gibt auch keine Schwachstelle, die garantiert, dass unsere Klasse nie siegen wird. Die Geschichte ist noch lange nicht vorbei.

http://www.anarkismo.net/article/7233

Quelle: Anarchie in Halle

4 Kommentare leave one →
  1. Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in Deutschland permalink
    4. November 2012 00:03

    auf die schnelle ein paar Zahlen (und Fragen):

    (a.) Arme und Reiche (OECD-Studie u.a.) , dort gibt es einige Zahlen u. Daten u.a. auch eine Grafik der Sozialen Klassen in D-land (2004) http://marx-forum.de/diskussion/forum_entry.php?id=1681

    (b.) Soziale Ungleichheit und Klassenstrukturen in Deutschland
    http://eswf.uni-koeln.de/lehre/08/1wohlfahrt/20080527.pdf

    (c.) Datenreport 2011, Kapitel 7 Sozialstruktur und soziale Lagen
    https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Datenreport/Downloads/Datenreport2011Kap7.pdf?__blob=publicationFile

  2. Anarchosyndikalistische Flugschriftenreihe permalink
    4. November 2012 01:15

    Wayne Price: Was ist Klassenkampfanarchismus
    http://klassenkampf.uuuq.com/275.pdf

    Wayne Price: Was ist anarchistischer Kommunismus?
    http://klassenkampf.uuuq.com/276.pdf

  3. Annette Schlemm ~~~ “Arbeiterklasse” und “Klassenkampf” permalink
    19. April 2016 22:55

    “Arbeiterklasse” und “Klassenkampf”

    Posted by Annette Schlemm under Politische Theorie | Schlagwörter: Gesellschaftstheorie, Marx

    Gasparazzo
    Bei der Arbeit an den Texten “Kampf und Logik – Klassenkampf reloaded” und “Klassenkampf in der kapitalistischen Entwicklungsdynamik” hatte ich einige Zusammenfassungen zu Begriffen wie “Arbeit”, “Arbeiterklasse” und “Klassenkampf” geschrieben, die nicht in dieser Ausführlichkeit in den Texten verwendet wurden. Sie beziehen sich vor allem auf die Beiträge der sog. “autonomen Marxisten” zu diesen Begriffen. Hier werden sie nachgeliefert (obwohl die Ausarbeitung noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann). (Die Literatur wird in den eben genannten Texten angegeben)

    ZeroWorks
    Arbeit im Kapitalismus

    Das Besondere am Kapitalismus ist für die autonomen Marxisten nicht nur die Ausbeutung der Arbeit und die Aufhebung des Kapitalismus kann nicht in der „Befreiung“ der Arbeit bestehen. Denn auch der Aspekt der konkreten Nützlichkeit, der sich im Gebrauchswert der erzeugten Güter zeigt, ist nicht unbeeinflusst vom Aspekt der abstrakten Arbeit, d.h. der Erzeugung von Wert. Auch die konkrete nützliche Arbeit hat im Kapitalismus die Funktion, die Menschen zu kontrollieren. Arbeit im Kapitalismus ist „keine Art zu leben, sondern der Zwang, sich zu verkaufen, um leben zu können“ (Sbrogiò 2006a: 40; vgl. auch Autonome Versammlung 1974, zit. in Booklet 2006: 59). Wie Tronti schreibt, ist es für die Kritik der so verstandenen Arbeit notwendig, dass sie als entfremdete verstanden wird. „Der einzelne Arbeiter muß seiner eigenen Arbeit gegenüber gleichgültig werden, damit die Arbeiterklasse sie hassen lernen kann.“ (Tronti (1966/71: 64).

    „Die Arbeit, die du dir aussuchst, ist eine Sache, die Arbeit, zu der du gezwungen wirst, ist die andere Sache.“ (Sbrogiò 2006b: 50)

    Arbeit dient dabei nicht nur der Erwirtschaftung von Mehrwert, sondern eine ihrer Hauptfunktionen ist die gesellschaftliche Kontrolle. Dies erklärt auch, warum angesichts des Vorhandenseins von arbeitssparenden Techniken diese oft bewusst nicht eingesetzt werden (z.B. bei „Food-for-Work“-Projekten) und warum ein großes Interesse daran besteht, trotz der Steigerung der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität den Arbeitszwang für Erwerbslose durchzudrücken und arbeitsloses Einkommen für Nichtkapitalbesitzende zu verhindern.

    Einkommen und Produktivität

    Abkoppeln der Produktivitssteigerung von den Lohnsteigerungen seit
    dem Sieg der “Chicago Boys” (“Monetarismus” statt “Keynesianismus”, Neoliberalismus…)

    Das Abkoppeln der Lohnentwicklung von den Produktivitätssteigerungen seit den 70er Jahren dürfte nicht nur durch das Interesse an Profitsteigerungen zu erklären sein (schließlich hatte das bis dahin auch funktioniert), sondern auch daran, dass bei noch weiter steigenden Löhnen immer mehr Menschen sich der Kontrolle durch den Arbeitszwang immer mehr entzogen hätten, denn auch der Steigerung des Konsums sind natürliche Grenzen gesetzt.
    Dieser Strategie der Kontrolle durch Arbeit stellen die autonomen Marxisten das Konzept „Zerowork“, wie sie auch eine Zeitschrift benannten, entgegen.

    katzeklein

    Nach dem Kapitalismus soll aus der nützlichen Arbeit das werden, was Marx „die volle Entwicklung der Tätigkeit selbst“ (MEW 42: 244) nennt, wobei die „Entwicklung der reichen Individualität“ im Mittelpunkt steht. Dieses Tun verliert die alles kontrollierende Stellung in der Gesellschaft, die die Arbeit jetzt einnimmt.

    Mit der dieser Kritik der Arbeit treffen sich die autonomen Marxisten durchaus mit der wertkritischen Interpretation des Kapitalismus – wenn auch mit anderen Begründungen –, da sich beide nicht auf anthropologische Überlegungen einlassen, sondern vor allem an der Charakterisierung und Kritik der kapitalistischen Verhältnisse interessiert sind.

    “Arbeiterklasse”

    Zuerst einmal ist die Arbeiterklasse „die Klasse, die den kapitalistischen Reichtum produziert, indem sie unbezahlte Arbeit leistet“ (Einleitung 1993: 13). Dass sie unbezahlte Arbeit leisten kann, die von der Klasse der Kapitalisten enteignet wird, hat ihren Grund in ihrer Fähigkeit, mehr Wert zu erzeugen, als ihre Reproduktion erfordert. Die (anderswo) geschilderten Beispiele zeigen, dass dies nicht nur die Lohnarbeitenden betrifft, die nur den Wert ihrer Arbeitskraft als Lohn erhalten und deren Mehrarbeit enteignet wird. Sondern der Kapitalismus beruht immer auch auf nichtentlohnter Arbeit, dieser Anteil wird auch immer größer, je weniger Menschen eine angemessene Lohnarbeit finden können, weil die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt, d.h. für die Mehrwerterzeugung immer weniger Menschen gebraucht werden.

    Die zweite Bestimmung der Arbeiterklasse, die vom autonomen Marxismus immer wieder betont ist, ist ihr Kampf gegen ihre Reduktion auf die Reproduktion des Kapitalverhältnisses. Vor allem hier nehmen die klassischen Lohnarbeitenden meist gar nicht die wichtigste Rolle ein. Häufig sind die „noch nicht Integrierten“ am Aktivsten: Neben neu in die Fabriken eingetretene Menschen vom Land oder aus besonders unterprivilegierten Ethnien spielen häufig Frauen in den Kämpfen der Communities bzw. die BäuerInnen in der sog. „Dritten Welt“ oder Studierende eine große Rolle. Was sie eint, sind gerade ihre Kämpfe gegen das Kapitalverhältnis (damit ist die Kategorie der Klassenkämpfe eigentlich die Grundlage für die Bestimmung der Kategorie der Arbeiterklasse, aber für die Bestimmung der Kategorie der Klassenkämpfe muss auch definiert sein, was denn die Arbeiterklasse ist, die kämpft). Historisch hat sich der Name „Arbeiterklasse“ durchgesetzt für durchaus heterogene Kräfte, deren Einheit darin besteht, sich gegen die Kräfte zur Verewigung des Kapitalverhältnisses zu stemmen. (Weil so heterogene Kräfte bezeichnet werden, verzichte ich hier auch darauf, die weibliche Form extra kenntlich zu machen.)

    „Für uns aber (wie vor langem schon für Marx) ist die Arbeiterklasse bestimmt durch ihren Kampf gegen das Kapital – und nicht durch ihre Stellung im Produktionszusammenhang.“ (Einleitung 1974: 13)

    Die gegen den Kapitalismus kämpfende Klasse ist nichts Feststehendes, sondern verändert sich in den Kampfzyklen selbst immer wieder, umfasst immer wieder andere Interessengruppen, deren Einheit nur in der Entgegensetzung gegenüber den Kapitalinteressen besteht. So sahen z.B. Operaisten der Classe Operaia die Arbeiterklasse als „das Resultat der fortwährenden Interaktion zweier Momente: einerseits der Aufgliederung der Arbeitskraft, die durch die kapitalistische Ordnung erzeugt werde, und andererseits der Arbeitskämpfe, die diese Struktur überwinden wollen.“ (Wright 2005: 91)

    Als wichtigste Gegenkraft gegen die Einheit werden von der Kapitalseite immer wieder neue Spaltungen erzeugt. Viele technische Neuerungen sind speziell dazu gedacht, die jeweils bestehenden Kräfte durch Neuorganisation im Interesse der Kapitalseite zu unterminieren. Die autonomen Marxisten und Operaisten prägten für das Verständnis dieser Prozesse den Begriff „Klassenzusammensetzung“ (vgl. kolinko 2001).

    Auch der Lohn hat die Funktion, nichtentlohnte Arbeit für die Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft außerhalb der Fabriken unsichtbar zu machen, entweder bei den Frauen, oder in den Communities, in denen Saisonarbeiter sich außerhalb der Saison versorgen.

    „Der Lohn ist die illusorischste Beziehung zwischen Arbeit und Kapital, weil er die unbezahlte Arbeit versteckt, d.h. den Teil der Arbeitszeit, den sich das Kapital ohne Gegenleistung aneignet.“ (Caffentzis 1988: 134)

    Gemeint ist damit auch informelle Arbeit, sog. Schwarzarbeit, Gefängnisarbeit, die Arbeit Auszubildender usw. (Caffentzis 1998). Seibert nennt als weitere Beispiele die Schattenökonomien der niederkonkurrierten Länder, ausländische Bauarbeiter, Prostituierte und andere „Illegale“ in den Metropolen (Seibert 1999). Überhaupt ist die Ausbeutung der nichtentlohnten Arbeit auf aller Welt einer der kapitalismusimmanenten Auswege aus dem tendenziellen Fall der Profitrate, d.h. des „Endes der Lohnarbeit“ (vgl. Caffentzis 1998). Die autonomen Marxisten sprechen deshalb häufig von der „gesellschaftlichen Fabrik“, um all diese Arbeiten mit zu erfassen, die nicht unter den klassischen Marxschen Ausbeutungsbegriff fallen.

    Wie ist es aber möglich, dass der menschliche Faktor, auf dessen Arbeit die eigene Repro-duktion und die Reproduktion des Gesamtsystems beruht, auch gegen diese Reproduktion gerichtet sein kann, über sie hinausweisen kann? Der Unterschied zwischen den beiden Hauptklassen im Kapitalismus, den Produktionsmittelbesitzenden und der Arbeiterklasse, besteht darin, dass die einen nicht außerhalb des Kapitalismus existieren können, die anderen aber schon. Es können Produkte hergestellt werden, auf kooperative Weise im Stoffwechsel mit der Natur ohne Kapitalismus, aber das Kapital kann sich nicht erhalten ohne die Trennung von Produktionsmittel- und Arbeitskraftbesitz. Was auf der Seite der Arbeit kann aber über das Kapitalverhältnis hinausweisen?

    Die Arbeit wird von lebendigen Menschen ausgeführt, die mehr sind als ihre Funktion in der Arbeit. Wir haben im theoretischen Teil (siehe z.B. hier) auf die Unterscheidungen von Ruben sowie Knapp und Pfeiffer verwiesen. Auch die autonomen Marxisten betonen, dass die arbeitenden Menschen nur innerhalb der kapitalistischen Arbeit als Arbeitskraft fungieren. Sie können aber gegen ihre Funktion innerhalb der Arbeit kämpfen (Cleaver 2012b).

    Cleaver macht das z.B. an einer theoretischen Stelle im „Kapital“ deutlich, wo man es nicht erwarten würde. Innerhalb der Wertformanalyse gibt es die Phase der einfachen Wertform, in der sich der Wert der Ware A im Wert der Ware B ausdrückt. Die Ware A befindet sich in relativer Wertform, die Ware B in der Äquivalentform. Beide Waren nehmen unterschiedliche Rollen ein, deshalb gilt hier nicht bloß die mathematische Äquivalenz der Wertgrößen der beiden Waren. Es kommt auch auf diesen Unterschied der Rollen an: „dieselbe Ware kann also in demselben Wertausdruck nicht gleichzeitig in beiden Formen auftreten“, sondern diese beiden Formen schließen sich „polarisch aus“ (MEW 23: 63). Wenn nun die Ware A die Arbeitskraft ist, die sich verkauft und die Ware B den Lohn (der ihren Wert ausdrückt), so gilt auch nicht bloß die mathematische Äquivalenz ihrer Wertgrößen, sondern die polarische Ausschließung.

    „Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine parallele Beziehung. Die ArbeiterInnenklasse versucht aus diesem gegenseitigen Verhältnis zum Kapital auszubrechen – den Spiegel zu zerschlagen –,während das Kapital die Identität der Menschen als ArbeiterInnen aufrechtzuerhalten und auszuweiten versucht.“ (Cleaver 2012a: 284)

    Wie ist es aber möglich, dass der menschliche Faktor, auf dessen Arbeit die eigene Reproduktion und die Reproduktion des Gesamtsystems beruht, auch gegen diese Reproduktion gerichtet sein kann, über sie hinausweisen kann? Der Unterschied zwischen den beiden Hauptklassen im Kapitalismus, den Produktionsmittelbesitzenden und der Arbeiterklasse, besteht darin, dass die einen nicht außerhalb des Kapitalismus existieren können, die anderen aber schon. Es können Produkte hergestellt werden, auf kooperative Weise im Stoffwechsel mit der Natur ohne Kapitalismus, aber das Kapital kann sich nicht erhalten ohne die Trennung von Produktionsmittel- und Arbeitskraftbesitz. Was auf der Seite der Arbeit kann aber über das Kapitalverhältnis hinausweisen?

    Das, was Ruben unterscheidet als „Verkaufen“ und „Verdingen“ sowie Knapp und Pfeiffer als „Arbeitsvermögen“ und „Arbeitskraft“ das taucht bei den autonomen Marxisten als Unterscheidung zwischen Arbeitskraft und Arbeiterklasse auf. Arbeitskraft ist dann die Funktion der Arbeiterklasse als Teil des Kapitals – die Arbeiterklasse macht dagegen ihre Autonomie geltend im Kampf gegen das Kapitalverhältnis.

    Mario Tronti sieht noch ein anderes Merkmal der Arbeiterklasse als wesentlich an: Demnach beutet der Kapitalist ja nicht nur die individuelle Fähigkeit eins Menschen zur Mehrarbeit aus, sondern insbesondere die gesellschaftliche Potenz der Arbeiter, die von vornherein als gesellschaftliche produzieren. Diese Gesellschaftlichkeit löst ihre Vereinzelung auf und konstituiert die Arbeitenden als Arbeiterklasse: „Die Arbeiter betreten die Fabrik des Kapitalisten schon als Klasse: nur so nämlich kann ihre gesellschaftliche Produktivkraft ausgebeutet werden.“ (Tronti 1966/71: 106)

    Cleaver greift an dieser Stelle auch zurück auf die mögliche Unterscheidung der „Klasse an sich“ und der „Klasse für sich“. Die Arbeiterklasse „an sich“ (wobei „an sich“ auch immer gelesen werden kann als „der Möglichkeit nach“) wird zur Arbeiterklasse „für sich“, wenn sie ihre Autonomie als Klasse durch ihre Einheit im Kampf gegen ihre Rolle als Arbeitskraft geltend macht. (Cleaver 2012a: 179)
    Wir wollen alles 119Damit können wir auch die beiden Bestimmungen der Arbeiterklasse zusammenbringen. Als Klasse an sich ist sie durch die Gemeinsamkeit in ihrer Tätigkeit zur Reproduktion ihres Lebens und der Gesellschaft bestimmt, zur Klasse für sich wird sie, wenn sie ihre Einheit im Kampf gegen diese Verhältnisse realisiert. Die Arbeiterklasse ist also nur dann wirklich (d.h. „an und für sich“) Arbeiterklasse, wenn sie gegen ihre Existenz als Klasse kämpft (Cleaver 2012a: 179).

    Michael Heinrich verwendet ähnliche Unterscheidungen. Er unterscheidet Klassen im strukturellen Sinn „durch ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess“ (Heinrich 2005: 194) und Klassen im historischen Sinn, wenn sich soziale Gruppen im Unterschied zu anderen Klassen begreifen. Ob die strukturelle Klassenlage zu einer historischen Klassenbildung führt, ist dabei unbestimmt, historisch offen.
    Holloway beschreibt die Widersprüchlichkeit der Arbeiterklasse in ähnlicher Weise:

    „Nur insoweit, als wir nicht die Arbeiterklasse sind, kann das Bedürfnis nach Emanzipation überhaupt gestellt werden. Und dennoch, das Bedürfnis nach Emanzipation kann nur insoweit entstehen, als wir die Arbeiterklasse (von ihren Objekten entrissene Subjekte) sind.“ (Holloway 2002: 167)

    Die Autoren des autonomen Marxismus betonen immer wieder, dass es eine Arbeiterklasse nicht als soziologisch bestimmbare Menschengruppe gibt und ihr auch keine festen Merkmale zuzuschreiben sind. Sie lässt sich eher als ein Pol in den Kämpfen bestimmen, die die Dynamik des Kapitalismus bestimmen…

    Am weitesten ist wohl der Begriff der Arbeiterklasse von Tronti entwickelt, weil er eine innere Dialektik andeutet:

    „Um gegen das Kapital zu kämpfen, muß die Arbeiterklasse gegen sich selbst, insofern sie Kapital ist, kämpfen.“ (Tronti, zitiert in Vorwort 1965)

    Weiter “Die Arbeiterklasse „muß sich als ein Besonderes des Kapitals erkennen, wenn sie später als dessen allgemeiner Antagonist auftreten will. Der Gesamtarbeiter stellt sich nicht nur gegen die Maschine, insofern sie konstantes Kapital ist, sondern gegen die Arbeitskraft selbst, insofern sie variables Kapital ist.” (Tronti 1966/1971: 35)

    Ein schönes an die weltweiten Kämpfe gegen die neoliberale Globalisierung anschlussfähiges Wort ist auch die “Würde”. Karl Reitter macht drauf aufmerksam:

    „Würde drückt das Bedürfnis aus, jemand anderer zu werden, als es in der Klassenordnung vorgesehen ist…“ (Reitter 2003)

    “Klassenkampf”

    Harry Cleaver bstimmt Klassenkämpfe im Kapitalismus als Kämpfe darum, ob, wie stark und zu welchem Preis die Warenform durchgesetzt werden kann (Cleaver 2012a: 196).

    Zu welchem Preis die Warenform durchgesetzt werden kann, bezieht sich darauf, welchen Anteil die Arbeiterklasse am gesellschaftlichen Reichtum erhält, wie hoch der Preis ihrer Ware Arbeitskraft ist. Diese Kämpfe sind durchaus immanent. Sie führen dazu, dass die Kapitalseite die erhöhten Ausgaben dadurch kompensiert, dass sie die Arbeitsproduktivität steigert (und dadurch eine relative Mehrwertsteigerung ermöglicht). Im Keynesianismus wurde recht erfolgreich eine Strategie umgesetzt, bei der die Lohnentwicklung an die Produktivitätsentwicklung gebunden wurde.

    Diese Strategie ist jedoch kein Automatismus, vor allem nach dem Ende des Keynesianismus müssen (und können) höhere Löhne wieder durch direkte Kämpfe wie Streiks erzwungen werden.

    Streiken lohnt sich
    (Bildquelle)

    Wie stark die Warenform durchgesetzt werden kann, bezieht sich vor allem auf Kämpfe um die Länge, die Intensität und die Bedingungen des Arbeitstags, also die Größe des absoluten Mehrwerts. Nachdem bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein die Länge des Arbeitstages um 30-50% verringert werden konnte, gibt es trotz weiter steigender Produktivität jetzt nur noch um minimale Verkürzungen des Arbeitszeitvolumens, wobei die geringere Arbeitszeit sehr ungleich verteilt ist. Die seit den 70er Jahren angezogene Lohnbremse verhindert hier weitgehend die Arbeitszeitreduzierung ohne Lohnausgleich und die Kämpfe für eine Arbeitszeitreduzierung mit Lohnausgleich (etwa für eine allgemeine 30-Stunden-Woche) treten auf der Stelle. Der Grund hierfür ist vielleicht nicht nur im ökonomischen Bereich zu suchen, sondern darin, dass eine gewisse Schwelle an Arbeitszeit nicht unterschritten werden kann, ohne dass die Menschen sich unabhängiger von der Kontrolle durch Arbeit machen.

    Damit kommen wir auch dazu, dass Klassenkämpfe zu einem großen Teil auch immer darum geführt werden, ob sich die Warenform überhaupt durchsetzen lässt. Aufgrund der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals erzeugt eine gleichgroße Menge an Arbeit immer weniger Wert. Dies könnte zu einem Sinken der Profitrate führen. Dem wird jedoch das Bestreben entgegen gestellt, immer mehr Arbeit zur Wert und Mehrwerterzeugung einzusetzen. Dies bezieht sich nicht nur auf entlohnte Arbeit, sondern greift mehr und mehr über auch auf unentlohnte Arbeitsformen (z.B. von Frauen, von Subsistenzarbeit in den Communities etc.). Gegen dieses Übergreifen gibt es ständig Kämpfe, die in klassischen Konzepten, die nur die ausgebeutete Lohnarbeit betrachten, übersehen werden. An dieser Stelle werden auch Verweigerung (z.B. Absentismus) und Sabotage als Formen des Klassenkampfes erkenntlich. In den privilegierten Ländern zeigt sich der Kampf ständig auch im persönlichen Bereich: Wenn einige sich der Zumutung entziehen wollen, ihr Leben den Zwängen der Lohnarbeit unterzuordnen, werden sie nicht zuletzt von denen kritisiert, die das getan haben und nicht zulassen, dass sich andere entziehen. Ganz andersartige Kulturen der Verweigerung gibt es vor allem dort, wo neue Menschengruppen in die kapitalistische Arbeit hineingezogen werden, wie z.B. in den 50er und 60er Jahren in Italien (Landarbeiter strömen in die Fabriken) und den USA.

    Ende der Traurigkeit

    https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2016/04/13/arbeiterklasse-und-klassenkampf

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  1. The Weekly Archive Worker: Els aventurers de la revolució « Entdinglichung

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