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„Ein Leben im Kampf für die Freiheit“

24. Oktober 2012

Lucio Urtubia ist ein Arbeiter aus Spanien, der sich dem Anarchismus zugewandt hat und seit seiner Jugend in subversive Tätigkeiten eingebunden war. Er ist 1931 geboren und stammt aus Cascante. Urtubia sieht sein Leben nicht als Einzelschicksal an, sondern beschreibt seine Erlebnisse in einem sozialen Netz von anarchistischen Arbeitern, Revolutionären, Politikern, aber auch Anwälten und Polizisten der vergangenen 80 Jahre.

Zu seinen spektakulärsten Berichten zählen Treffen mit „El Quico“ Sabaté ebenfalls einem berühmten Anarchisten, der im Gegensatz zu vielen Anderen den antifrancistischen Kampf auch nach der zerschlagenen Revolution weiterführte, aber auch mit Che Guevara, ein für Lucio enttäuschendes Erlebnis. Lucio Urtubia gelang es durch das geschickte Fälschen von Traveller Schecks der Citi-Bank einen erheblichen Schaden zuzufügen und sie sogar zu Verhandlungen zu zwingen, statt der einfachen Verurteilung, die ihm bereits drohte. Urtubia ist nicht nur wegen dieser Fälschung ein wichtiger Baustein eines libertären Netzwerkes gewesen, sondern auch wegen seiner Arbeit an Dokumenten, Pässen und Banknoten.

Diese Energie die er in die Beschaffung von Geld gesteckt hat, hat viele Projekte und Fluchten gestützt, die ohne diese finanzielle Hilfe nicht möglich gewesen wären. Ein anderer Grund zu Fälschen war die Praxis von Banküberfällen – diese waren für Lucio zwar notwendig aber unangenehm, weil Menschenleben dabei für Geld riskiert wurden. Seine Geschichte berichtet auch von den Enteignungen, die nötig waren, um libertäre Projekte aufzubauen. Druckereien, Jugendzentren und Verlage. Urtubia bezieht sich ständig auf seine wichtigsten Leitmotive, wie Solidarität, Freiheit und Arbeiterklasse. Er zeichnet ein komplettes Bild der Abläufe zu seiner Zeit und macht so anschaulich, welchen wichtigen Stellenwert die gegenseitige Hilfe in unserer Bewegung einnimmt. Er berichtet über die Erlebnisse in Gefängnissen, Wachen und von den gefangenen Freunden, die in seinem Leben in den Knast gehen mussten. Aber auch von der befreienden Tätigkeit seiner subversiven Aktionen wie auch der Tätigkeit als Arbeiter.

Die Arbeit ist Urtubia sehr wichtig. Wenn er sich auf sie bezieht, dann stets als identitätsstiftendes, schöpferisches Treiben zum Wohle der Gesellschaft. Er grenzt diese Art von Arbeit ab, zur stumpfsinnigen Lohnarbeit, die die Leute machen müssen, um sich zu ernähren, aus Zwang.

„Das war keine Mühe, das war ein Vergnügen“ ist einer seiner Leitsätze, die ihn schwerste körperliche Arbeit bereits in jungen Jahren aushalten ließen. Dieser Satz unterscheidet plastisch zwischen dem Selbstzwang zur aufgezwungenen Lohnarbeit mit dem entfremdeten Zweck der Vermögensbildung und der natürlichen, schöpferischen, notwendigen Form der Arbeit.

Stilistisch ist die „Baustelle Revolution“ auch eine kleine Besonderheit. Urtubia warnt bereits zu Beginn vor, dass er „nicht schreiben“ kann. Er überzeugt aber bereits schnell von seinem eigenen, bodenständigen Stil sich auszudrücken. Dieser ist eingängig und sensibel und verschwendet keine Energie mit dem Versuch intellektuell, akademisch oder bürgerlich zu wirken, was ohnehin in Biographien unauthentisch wirkt. Desweiteren spricht er gegen Ende seines Buches einige Menschen direkt an, darunter den Hauptmann der Gendarmerie Barril. In diesen Teil fallen auch einige Kurzbiografien seiner „Freunde und Feinde“ – das verdeutlicht, was er damit meint, wenn er sagt „Mein Leben besteht aus vielen Leben.“

Die folgenden Zitate beschreiben die angenehme Bodenständigkeit Urtubias, mit der er auch komplizierte Dinge leicht verständlich macht:

Über die französischen Jugendlichen heute in Paris: „Sie geben sich damit zufrieden, in einer erstickenden Realität erbärmlich zu leben.“

Zu politischen Diskussionen: „Ich fühle mich da nicht wohl, ich mag keine Diskussionen…“

Über die Liebe zu seiner Frau und seiner Tochter: „Mehr sage ich dazu nicht, um nicht diese albernen Worte zu gebrauchen, die alle benutzen.“

Zu Vermögen und dem damit verbundenen, gesellschaftlichen Ideal: „Es ist eine Freude besitzlos zu leben und doch zu haben, was man braucht.“

Abschließend sei noch zu anzufügen, dass bereits eine Biographie zu seinem Leben existiert, die er ebenfalls eigenen Aussagen nach, als wahr und angemessen empfindet. Diese stammt von Bernard Thomas, ist 2001 erschienen und heißt „Lucio, l’irréductible“.

Hier ist ein Zentrum, das Lucio aufbegaubt hat und heute immernoch aktiv ist.

Lucio Urtubia – „Baustelle Revolution“ erschienen im Assoziation A Verlag 2010

Quelle: Blog Pour ma Classe

4 Kommentare leave one →
  1. Adporno permalink
    24. Oktober 2012 22:24

    Cooler Typ!
    Dazu empfehle ich die Sabaté Biographie, die es antiquarisch vom Trikont Verlag München gibt. Auch sehr geil!

Trackbacks

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