Zum Inhalt springen

Todesnacht von Stammheim: Nach 35 Jahren gibt es vielleicht neue Ermittlungen

19. Oktober 2012

Genau 35 Jahre war es am gestrigen Donnerstag her, daß die RAF-Mitglieder Andreas Baader und Gudrun Ensslin tot im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim gefunden wurden. Jan-Carl Raspe wurde mit einer schweren Schußverletzung ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz danach starb. Die einzige Überlebende ist Irmgard Möller, die mit schweren Stichverletzungen gefunden wurde.

von Peter Wolter, jW

Zweifel an der offiziellen Selbstmordthese wurden von amtlicher Seite damals rüde als Phantastereien oder böse Unterstellung abgebügelt. Der Sachbuchautor Helge Lehmann, dessen Buch »Die Todesnacht von Stammheim« 2011 in erster Auflage erschien, hat nachrecherchiert: Phantastereien und Unstimmigkeiten sind demnach wohl eher in der amtlichen Darstellung dieser Nacht zu finden.

Lehmann und Ensslins Bruder Gottfried brachten deswegen gestern bei der Staatsanwaltschaft in Stuttgart den Antrag ein, ein neues Verfahren zur Ermittlung der Todesursachen einzuleiten. Unterstützt wird der Antrag von Ulla Jelpke, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und Mitglied im Innenauschuß. Sie hat selbst 22 Jahre lang ehrenamtlich Strafgefangene betreut – u.a. auch Mitglieder der RAF.

Vor Journalisten, denen die drei gestern in Berlin den Antrag vorstellten, nannte Lehmann 31 Punkte, die neu untersucht werden müßten. In aufwendiger Recherche hatte er zahlreiche mittlerweile freigegebene Gerichtsakten und Ermittlungsprotokolle durchkämmt, mit Zeitzeugen gesprochen und technische Versuche durchgeführt. Er stellt Fragen wie: Warum hatte Gudrun Ensslin, die sich angeblich selbst erhängt hatte, weitere Verletzungen am Körper? Wie kann es angehen, daß sich Baader und Raspe selbst erschießen, ohne daß an ihren Händen Schmauchspuren gefunden werden? Wieso sind auf beiden Pistolen keine Fingerabdrücke? Was hat es mit vier Patronen des Kalibers 9 mm auf sich, die einen ­NATO-Stempel trugen und im Estrich von Baaders Zelle entdeckt wurden? Woher kamen die schwarzen Limousinen, die ein Mitgefangener in der Todesnacht im Hof gesehen haben will?

Die »Ermittlungsrichtung« sei seinerzeit »von vornherein einseitig festgelegt« worden, lautet der Vorwurf von Lehmann und Ensslin. Da die Selbstmordthese »von ganz oben« vorgegeben worden sei, sei auch nur in diese Richtung ermittelt worden. Ensslin führte noch einen weiteren Faktor an: »Akteure in Politik und Justiz waren in der Nazizeit sozialisiert worden und handelten als Männerbünde im Geist der Schützengräben des Zweiten Weltkriegs.« Vielleicht, so fügt er hinzu. »gibt es in der heutigen Generation von Juristen im Staatsdienst Personen, die bereit sind, staatliche Vorgänge kritisch zu untersuchen.«

Und in der Tat, solche Personen scheint es zu geben. Ein geheimnisvoller »Whistleblower« hatte schon vor einiger Zeit Lehmann Hinweise gegeben – jetzt scheint derselbe Mann wieder zugeschlagen zu haben. Vor kurzem fand der Autor in seinem Briefkasten einen braunen Umschlag ohne Absender noch Adresse – Inhalt: Zwei Seiten eines als »Geheim« gestempelten Protokolls der Vernehmung des JVA-Beamten Hans Springer. Der hatte in der Todesnacht Dienst und gab an, von der Torwache zu einem anderen Gefangentrakt beordert worden zu sein. Der Kollege, so schildert er, »gab mir den Auftrag, der Innenwache im langen Flügel behilflich zu sein. Dort solle ich die Kollegen unterstützen. Der Kollege von der Torwache versicherte mir mehrfach, sie würden die Überwachung im 7. Stock lückenlos gewährleisten.«

Der laut Dienstplan zuständige Beamte wurde also entgegen allen bisherigen Darstellungen abgezogen – ob ihn jemand aus dem JVA-Personal ersetzte, oder ob Außenstehenden so der Zugang zum Zellentrakt ermöglicht wurde, wäre von der Justiz zu klären. Ein Teil der Zeitzeugen lebt noch, die bislang geheimgehaltenen Akten der Krisenstäbe der Bundesregierung könnten weiteren Aufschluß geben. Aber vielleicht finden sich noch weitere »Whistleblower« …

Quelle: Junge Welt vom 19.10.2012

6 Kommentare leave one →
  1. joffe permalink
    19. Oktober 2012 10:35

    na ja, alles schon mal durchgekaut – und daß das in der „jungen welt“ erscheint, kein wunder— entspricht der strategie der „antiimps“ — daß hier baader und ensslin wieder mal erwähnt werden – was ist mit ulrike meinhof ?freitod oder Aufknüpfen a la Mühsam? oder passt ihre kritische haltung zu einigen internen konzepten nicht in das verschwörer*innenweltbild?

  2. Adporno permalink
    19. Oktober 2012 17:45

    Krass – dafür bin ich zu jung, die meisten Ereignisse aus der Zeit sagen mir nichts.
    Ich könnte nicht mal sagen, welche Lehren dieser Abschnitt der Geschichte für uns bereitet hat.
    Wirklich Schade – was kann man denn da mal gutes lesen?

    • n.d.c. permalink
      20. Oktober 2012 19:22

      Hi Genosse,

      es gibt einiges an guten Sachen dazu. Das „Standardwerk“ ist der Wälzer von Pieter Bakker Schut: Stammheim. Der Prozess gegen die Rote Armee Fraktion., Neuer Malik Verlag, Kiel 1986, ISBN 3-89029-010-8; als NA unter dem Titel: 20 Jahre Stammheim – Die notwendige Korrektur der herrschenden Meinung., Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 1997, ISBN 3-89144-247-5; 2. bearb. Aufl. 2007, ISBN 978-3-89144-247-0. Dann gibt es einen fast ebenso wertvollen Dokumentband von ihm: Pieter Bakker Schut, Dokumente (Stammheim) / Das Info. Briefe der Gefangenen aus der RAF 1973–1977, Malik Verlag 1987, ISBN 3-89029-019-1. Den gibt es hier als kostenloses PDF: http://www.info.libertad.de/sites/info.libertad.de/Dateien/pdf/das_info.pdf
      Um zu verstehen wie einige Leute aus der RAF tickten, was ihre Motivation war, ist das Buch von Oliver Tolmein und Irmgard Möller „RAF- das war für uns Befreiung“ empfehlenswert. Einen Teil gibt es hier ebenfalls als PDF: http://www.menschenundrechte.de/cms2/documents-upload/pdf/1153328364.pdf

      Für Leute die schon länger in der Szene oder der Bewegung sind oder wie auch immer man das nennen will, ist das Thema möglicherweise ausgelutscht. Es ist dennoch ein sehr wichtiges und sollte nicht hintenrunterfallen. Die Frage nach dem für und wider revolutionärer Gewalt stellt sich schließlich jedem, der es ernst meint mit der Revolution (Vor allem in jungen Jahren – in meiner Generation war das zumindest so). Wie weit geht man und was ist der Weg zur Revolution? Welche Gesellschaft will man durch die Revolution erreichen, was nimmt man dafür in Kauf (Tod? Folter? Lebenslangen Knast) etc.

      An der RAF gibt es natürlich viel Kritik. Und zwar aus ganz unterschiedlichen Kreisen in der „Linken“. Aber das wäre ein weiteres Thema.

    • Bonaventura permalink
      21. Oktober 2012 00:44

      Vorab: Die RAF war für mich spätestens erledigt, als sie im Springer-Hochhaus in Hamburg eine Bombe in den Toiletten der Drucker deponierte (glücklicherweise kam niemand um).
      Und Freunde von mir, die gut zehn Jahre danach in der Springer-Druckerei gelernt haben, erzählten mir, daß ihre Drucker-Kollegen, die den Anschlag miterlebt hatten, grundsätzlich nicht in ihrem Stockwerk aufs Klo gingen. Und daß der allgemeine Konsens war: »Warum haben die Arschlöcher ihre Bombe nicht in die Chefetage gelegt? Da wäre sie richtig gewesen.«

      Eine frühe Kritik an der RAF stammt von der legendären »agit 883«:
      Rote Armee Fraktion: Leninisten mit Knarre (wieder in ASF 306)

      Klicke, um auf 306.pdf zuzugreifen

      Als Ergänzung zu den oben genannten Büchern, aber leider nur noch antiquarisch erhältlich:
      Sebastian Cobler, Die Gefahr geht von den Menschen aus. Der vorverlegte Staatsschutz, Berlin/W 1976 (rotbuch 152)

      ‚Dumme‘ Fragen stellen:
      Gerhard Wisniewski/Wolfgang Landgraeber/Ekkehard Sieker, Das RAF-Phantom. Neue Ermittlungen in Sachen Terror (wesentlich erweiterte und vollständig aktualisierte und überarbeitete Taschenbuchausgabe), München 2008 (Knaur)
      Da die Autoren die Existenz einer ‚dritten RAF-Generation‘ infrage stellen resp. sie als Objekte und Marionetten diverser ‚Dienste‘ sehen, sind sie in der ’seriösen‘ Presse (von FAZ bis taz) als krude Verschwörungstheoretiker abgestraft worden. Aber selbst wenn einige – oder viele – ihrer Hypothesen falsch sind, gibt es doch einen erheblichen Erkenntnisgewinn aus dem Buch – und die Kapitel über das ‚Celler Loch‘ und den VS-Spitzel Peter Urbach, der die APO in Berlin/W bewaffnete, werden mittlerweile sogar von staatlicher Seite nicht abgeleugnet.

      Ebenfalls ‚dumme‘ Fragen stellt der Sohn des am 7. Mai 1977 ermordeten General-Bundesanwalts Siegfried Buback, Michael Buback, in seinem Buch
      Der zweite Tod meines Vaters (erweiterte Taschenbuchausgabe); München 2009 (Knaur)
      Bemerkenswert ist besonders, den Prozeß zu sehen, wie ein grundkonservativer, staatsgläubiger Mensch an den Grundpfeilern der Institutionen zu zweifeln beginnt, für die (von ihm offenbar völlig unkritsch akzeptiert) ja auch sein Vater stand, als sie nämlich keinen übermäßigen Eifer darin legten, ihren Job zu erledigen: herauszufinden, was tatsächlich geschah.
      Der Prozeß gegen Verena Becker (die schon vor dem Buback-Mord ‚IM‘ für den Staatsschutz in der RAF war) in diesem Jahr ist dann nur noch das ‚i‘-Tüpfelchen gewesen.

      Daß das nicht abstrus ist, daß nämlich ‚Dienste‘ Möchtegern-Stadtguerillas benutzen, aufbauen, sie ohne Skrupel in Aktionen schicken – und dann über die Klinge springen lassen – zeigt ein weiteres (auch nur noch antiquarisch erhältliches) Buch, diesmal nicht über die RAF, sondern über die „Bewegung 2. Juni“ in Berlin/W über den Mord an Ulrich Schmücker, das verdienstvolle Buch:
      Stefan Aust: Kennwort Hundert Blumen. Die Verwicklung des Verfassungsschutzes in den Mordfall Ulrich Schmücker, Hamburg 1980 (Konkret Literatur Verlag).
      (Damals war Aust noch nicht »Spiegel«-Chef und hatte keinen ‚Baader-Meinhof-Komplex‘, sondern investigativer Journalist.)

      Wenn du dir die Suche nach dem Buch sparen willst, dann kannst du auch den wikipedia-Artikel dazu lesen, denn er faßt alles wesentliche zusammen:
      »Der Schmücker-Prozess bestand aus insgesamt vier Strafverfahren, in denen der Mord an Ulrich Schmücker aufgeklärt werden sollte, einem Terroristen und V-Mann des West-Berliner Verfassungsschutzes. Er war der längste Strafprozess in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, begann 1976 und endete nach 591 Verhandlungstagen und vier Verfahren 1991 mit der Einstellung des Strafverfahrens. Der Prozess gilt als Justizskandal, da das Verfahren – wie offiziell festgestellt – vom Verfassungsschutz und mindestens zwei Staatsanwälten vielfach manipuliert und massiv behindert wurde, etwa durch Unterdrückung von Beweismitteln, wodurch die gerichtliche Aufklärung unmöglich wurde.«
      http://de.wikipedia.org/wiki/Schm%C3%BCcker-Prozess

    • Bonaventura permalink
      21. Oktober 2012 01:19

      Noch ein Nachtrag – eine Magisterarbeit aus den Jahre 2002:

      Stöffel, Susanne:
      Die Wechselwirkung von Terrorismus und innerer Sicherheit in der Bundesrepublik Deutschland der 70er Jahre : Juristische, politische und gesellschaftliche Rezeption des Terrorismus der Roten Armee Fraktion und der staatlichen Terrorismusbekämpfung

      Klicke, um auf Magisterarbeit1_neu.pdf zuzugreifen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: