Zum Inhalt springen

PmC Kurzbericht: Eine Alternative zur Frankfurter Buchmesse

16. Oktober 2012

Am Samstag den 13.10. war eine „lange Lesenacht“, die maßgeblich von P.A.C.K. organisiert wurde. Es handelt sich hierbei um eine selbstorganisierte Gruppe von Leuten, die sich auf (linke) Veranstaltungen und deren technische Durchführung spezialisiert haben. Die „lange Lesenacht“ fand im „Café ExZess“ statt und dauerte von ca. 19:30 bis 00:30. Trotz des reibungslosen Ablaufs hatte die Veranstaltung eine Stunde Verspätung, weil eine Menge der Besucher zwar zugegen waren, aber erst nach und nach die Notwendigkeit begriffen, sich im Lesesaal einzufinden.

Dieser war recht groß und das schummrige Licht, die Theateratmosphere und die Sitztribüne entwickelten eine ideale Stimmung für eine Lesung. Neben Plätzen für 60 bis 70 Personen waren hier auch zwei Bücherstände aufgebaut. Der eine von der Organisatorengruppe und der andere vom Verlag Edition AV aus Lich.

Die erste Lesung war auch gleich die der Verlagsgruppe und es ging um die Biographie von Werner Guttentag in „Guttentag – Das Leben des jüdischen Verlegers Werner Guttentag zwischen Deutschland und Bolivien“. Einer der Verleger von Edition AV und Sabine Jorkowski als (Auch-) Autorin lasen Auszüge.

Daran schloss sich Wolf-Dietrich Schramm an, mit einer Lesung aus „B.Traven – Portrait eines berühmten Unbekannten“ aus dem Avant-Verlag. Der Traven-Forscher mit dem drittgrößten Traven-Archiv der Welt las vor dem Hintergrund des Comics. Man konnte dazu einige Auszüge des Comichefts mit dem Beamer projeziert sehen – eine gelungene Mischung.

Das war die subjektiv beste Lesung des Abends. Zu diesem Eindruck zählte u.a. die Eigenschaft Schramms als echte Koryphäe auf dem Gebiet, der viele kleine Geschichten am Rande über Traven erzählen konnte – man spürte echte Leidenschaft.Die Lesung am besten besucht, mit rund 70 Personen – das mag auch an der Prominez Travens gelegen haben. Ergänzend zu dem Vortrag gab es im Flur zu dem Saal eine kleine Ausstellung, die Schramm bereits einmal im Verlagshaus von Edition AV zeigte. Auch sehr schöne Sachen dabei: einige Gedichte von Traven oder die Cover der Erstausgaben von der Büchergilde.

Zu den Übergängen zwischen den Lesungen sei zu sagen, daß sie für die Zeitverschiebung unverantwortlich waren – die einzelnen Lesungen gingen beinahe nahtlos ineinander über und man hatte mehrere Stunden am Stück kaum Zeit mal die Toilette zu besuchen oder ein Getränk zu kaufen, wenn man die Einleitung des nächsten Referenten mitbekommen wollte. Das war keine Folge schlechten Managements seitens P.A.C.K., sondern ein Verschulden der Trödler zu Beginn der Veranstaltung.

Die nächste Lesung kam von Roman Danyluk. Obwohl der Autor zu Beginn stets seinen proletarischen Bezug betonte, äußerlich wie innerlich „Working Class“ ausstrahlte, konnte er hier nicht wirklich überzeugen. Zuerst einmal fiel auf, dass er beinahe so viel Zeit brauchte, zu erklären, warum er einiges aus Zeitgründen weglassen muß, wie für den Inhalt. Zweitens schimmerte eine leichte Verwirrung des Autors durch.

Das rührte daher, dass er zu Beginn Marx, Operaismus und Rätekommunismus unter Vorbehalt befürwortete, sich dann im Syndikalismus verortete um gegen Ende die Taktik der spanischen Anarchosyndikalisten zur Zeit der Revolution in Frage zu stellen, ohne eine Alternative greifbar zu haben. Außerdem beging er bei seiner Einleitung sogleich einen kleinen Fauxpas, weil er eine Äußerung des Vorredners Schramm aufgriff. Schramm hatte geäußert, dass Traven irgendwann gegen Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen schrieb. Was Schramm mit Kommunismus meinte war seiner lustigen Anekdote über Traven und seine Auflagen in der DDR zu entnehmen: Dort erschien Traven zwar, aber mit Anhang, in dem erklärt wurde, dass Traven ganz klar auf der Seite des DDR-Regimes wäre, aber die DDR nicht begreifen würde. Damit ritt sich der gemeinte „Kommunismus“ natürlich immer tiefer in Widersprüche. Als Danyluk das Ganze aufgriff, tat er das mit einer unnötigen Zurechtweisung, in der er dazu anhielt die Begriffe zu differenzieren. Hin- und hergerissen zwischen seinem eigenen Anspruch und dessen Unerfüllbarkeit im Zeitrahmen konnte Danyluk nur oberflächliche Eindrücke vermitteln. Auch sein Buch erschien bei Editin AV.

Nach einer weiteren sehr kurzen Unterbrechung folgte Ute Wieners biographischer Bericht über die Hannoveraner Punkszene gegen Ende der Achtziger. Das Buch heißt „Zum Glück gab’s Punk“ und erschien im AK Regionalgeschichte. Das war mit Abstand die heiterste Lesung, was unter anderem daran lag, daß Wieners gar nicht so auftrat wie ihre Punkbeschreibung in der Vergangenheit vermuten ließ, eher bieder und umso überraschender waren die reißerischen Details ihres Buches. Besonders interessant waren die Stellen in denen es um Gewalt und Hippies geht. Zum Einen stellte sie klar, dass die anfängliche Punkszene durch aus berechtigte Vorbehalte gegen Hippies hatte und sich gegen sie abgrenzte. Zum Beispiel in dem zitierten Song von der Punkband „Blitzkrieg“. Dann taucht in ihren Erzählungen ein zurückhaltender Bekannter auf. Ihren Berichten zufolge jemand der prolliges Verhalt ablehnte und der nicht so auf martialisches Auftreten setzte. Diese Person schoss allerdings zweimal dem gleichen Neonazi ins Gesicht, aus Notwehr – eine taktische Antwort auf die Hippie-Gewaltfrage.

Es folgte Frank P.Meyer mit seiner Komödie „Normal passiert da nichts„. Aus der Umgebung von Trier, unter anderem aus der dortigen Universität, erzählt er von den schrulligen Leuten der Gegend, die einen Überfall auf die Uni-Mensa durchführen. Zu Beginn war sein Beitrag ein wenig langweilig steigerte sich aber mit der Geschichte die ebenfalls gegen eine Steigerung der Spannung erfuhr. Dieser Referent sorgte eher für etwas Kontrast neben den bisherigen Lesungen die eher alle zu sozialen Bewegungen gezählt werden konnten.

Die ehrenwerte Gesellschaft“ von Dominique Manotti sowie „DOA“ und „Auf dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela“ vom Verband Cecosesola beendeten die „lange Lesenacht“ – Die Bindung an den öffentlichen Personennahverkehr beendete allerdings diesen Bericht nach „Normal passiert da nichts“ etwas verfrüht.

Alles in allem ein sehr gelungener Abend, mit schönen Lesungen. Solche Kulturbeiträge wünscht man sich häufiger im Sumpf von schwachsinnigen Veranstaltungen, wie Demos, Veganem Brunch, Flesh Mops und wie die Pseudoproteste alle heißen mögen. Das hatte Inhalt, Gemeinschaftlichkeit und Bildung.

Quelle: Blog Pour ma Classe

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: