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„Jenseits des Protokolls“ – Eine Runde Klassenhass für Bettina Wulff

20. September 2012

Bettina Wulff, Gattin (was für ein Wort!) des ehemaligen christdemokratischen  Bundespräsidenten Thomas Wulff hat ein Buch geschrieben. Wie zu erwarten ein schlechtes. Was nicht zu erwarten war, ist das dies hunderte von Menschen genauso sehen und in Rezensionen zum Ausdruck bringen. Viele dieser Besprechungen sind ausgesprochen originell. Eine Argumentation in vielen Rezensionen lautet: „Da will sie noch mal schnell auf die Tränendrüse drücken und Kohle scheffeln“. Für die „Welt“ des Axel-Springer Verlags schreibt Kathrin Spörr von einem „Cyberstorm auf Amazon“ gegen Bettina Wuff. Der berechtigte Hohn und Spott gegen die vormalige „First-Lady“ wird bei ihr in niederen Instinkten gesucht. Spörr fragt: „Bleibt die Frage nach dem Warum. Ist es das Buch, das so sehr polarisiert? Ist es die überdurchschnittlich gut aussehende Frau? Oder sind sie beiden zu einer Projektionsfläche für Politikverdrossenheit, Frauenhass und Stammtischparolen? Sicher scheint, dass Bettina Wulff hier die Schläge einstecken muss, die „die da unten“ „denen da oben“ schon immer verabreichen wollten. Drei Viertel der Deutschen hat einer Umfrage zufolge kein Mitleid mit Bettina Wulff. Und genau das ist das Problem der Deutschen.“

Frauenhass, Stammtischparolen, Politikverdrossenheit? Bullshit Kathrin Spörr. Hier geht es  ganz offensichtlich darum, dass kein vernünftiger Mensch diesem „Bankkauffrau-in-der Jungen-Union-Verschnitt“ abnimmt etwas wichtiges zu sagen zu haben und sie durchschaut wurde, auf der nun losgetretenen publikumswirksamen Welle einer event. Vergangenheit als Prostituierte, auch noch einen finanziellen Reibach in Form eines Buches zu machen. Man nimmt eben mit was geht. Das ist das Credo dieser Gesellschaftsklasse. Da muss man noch nicht mal lesen was sie denn angebliches von „Jenseits des Protokolls“ zu sagen hat. Das wissen wir doch oder wir können es uns vorstellen. Es ist tot langweilig!  Zu tiefst dumme, egoistische, gierige und bornierte reiche Menschen, die aus der Arbeit und dem Schweiss der Lohnabhängigen ihre Existenz erhalten, labern Scheißdreck, fühlen sich von der Gesellschaft „Missverstanden“  und jammern. Es ist gut, dass dieses Gebaren nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert wird, sondern sich auch öffentlich niederschlägt. Ironischerweise bei Amazon, einem kapitalistischen Markt-Riesen, deren Geschäftsführer sicherlich schon auf dem einen oder anderen Empfang bei den Wulffs zugegen waren. Umsatz und Zugriffszahlen schlagen da eben alte Verbundenheiten. „Der Markt regelt das eben“.

Es ist gut wenn diesen Gestalten, denen „da oben“ kein Wort mehr geglaubt wird. Es ist gut, wenn die Tabus fallen, sie mit „Respekt“ zu betrachten. Denn Respekt gebührt ihnen nicht.

Hier nun ein einige Auszüge aus dem Artikel von Frau Spörr. Neben der politisch-kapitalistisch-korrekten Empörung am Anfang und Ende zeigt er nämlich einige schöne Kommentare auf. Enjoy!

Mehr als 1000 Leser-Rezensionen auf Amazon, nur zehn Tage nach Erscheinen eines Buches – selten ist es einer Buch-Neuerscheinung gelungen, so schnell ein so starkes Mitteilungsbedürfnis zu provozieren. Nicht „Harry Potter“, nicht „Shades of Grey“, sondern Bettina Wulff schaffte das. Und stündlich kommen neue Rezensionen hinzu.

Mehr als Harry Potter

Einem der weltweit am meisten verkauften Bücher, „Harry Potter und der Stein der Weisen“, gelang dieser Coup nicht. Joanne K. Rowlings Erstlingswerk wurde seit Erscheinen gut 800 Mal auf Amazon rezensiert. „Shades of Grey“, das Harry Potter überholen will, kam bislang auf immerhin mehr als 900 Rezensionen – brauchte allerdings für diese Performance drei Monate. Die Durchschnittsnote für Harry Potter liegt bei 4,5 (von 5) Sternen. Deutlich weniger zufrieden sind die Leser schon mit dem literarisch eher unambitionierten Softporno „Shades of Grey“. E. L. James’ Sternedurchschnitt liegt derzeit bei 3,5.

Bettina Wulffs Buch „Jenseits des Protokolls“ wird diesen Schnitt nicht erreichen. Derzeit rangiert es bei 1,5 Sternen. Von den 1014 Rezensenten am Donnerstag um 15 Uhr gaben 127 fünf Sterne, 19 vier Sterne, 26 drei Sterne und 25 zwei Sterne. Mehr als drei Viertel der Rezensenten, nämlich 817, gaben dem Buch nur einen Stern, also die schlechteste Note. Doch ein Blick in die (eigentlich für besonderes Lob vorgesehenen) Fünf-Sterne-Rezensionen zeigt, dass sich selbst hier fast ausschließlich Spott, Häme, Gift und  „Nur der Titel ginge besser…“, schreibt beispielsweise der Rezensent mit dem Nickname Cacavas und schlägt als Alternative vor: „Jenseits des Protokolls?“ Das hätten der Verlag und die Autorin auch schmissiger lösen können, zum Beispiel mit diesen Vorschlägen:

1. Armutsfalle Ehrensold – Eine Betroffene klagt an

2. BettiNetto nur Dreitausend – Wenn das Geld nicht für den Monat reicht

3. Google, Diekmann, Ehemann – Die Seuchen der Moderne

4. Der bewusste Abstand – Ehe und Solidarität in Krisenzeiten

5. Jenseits von Gut und Böse – Sozialer Brennpunkt Großburgwedel

6. Sylt im Kopf – Eine kleine Suada der Selbstgerechtigkeit

7. Bescheidenheit ist eine Zier – Doch schöner lebt`s sich ohne ihr

8. Im Schatten der Macht – Leben an der Seite eines Jahrhundertcharismatikers

9. Public Relations, Drugs and Rock and Roll – Wildes Niedersachsen

10. Es muss nicht immer Torte sein – Tagebuch einer Postmaterialistin

11. It`s the Kreditkarte, stupid – Das Beuteschema einer PR-Blondine

12. Verwulfft und zugenäht – PR für Dummies

13. Mein kleiner Mobbingratgeber – Endstation Medienstrich

14. Don`t overkill it – Die Dezenz der Selbstvermarktung

15. Eine Runde Mitleid – Ohh, Ohhh, Ohhh

16. Der Druck der Tränendüse – Dafür ist die Brut doch gut

17. Dämliches Bettinlager – Matratzen im Schlussverkauf

18. Die verlorene Eh(r)e der Bettina W. – Ein neuer Fall für Pfarrer Hintze“

625 Leser stuften diese Rezension als „hilfreich“ ein – der erste Platz auf dieser Liste. So viel Mühe machen sich allerdings die wenigsten Rezensenten. Ein Großteil beschränkt sich auf Fäkalfantasien – und wird dafür vom Amazon-Publikum mit vielen „hilfreich“-Klicks belohnt.

Fäkal-Vergleiche bevorzugt

„Diana P.“, die die zweithilfreichste Rezension verfasst hat, findet ebenso vergiftetes Lob: „Dieses Buch hat mein Leben verändert, denn nach der Leseprobe war mir sofort klar, dass es in wirklich keinem Haushalt fehlen darf. … Gleich neben meiner aufblasbaren Notfallpediküre liegend, ist die Einsetzbarkeit sozusagen universell. Jeder kennt das: Dir ist schlecht, Du willst Dir aber nicht den Finger in den Hals stecken? Einfach ein bisschen querlesen, der Rest kommt von ganz alleine.“

Der Rezensent N.I.Body lobt die „Gute, weiche Papierqualität“ und schreibt folgende Sottise nieder: „Ich habe meiner Oma, die einen Weltkrieg miterlebt hat, zum 90er ein Exemplar dieses Buches geschenkt, schließlich hat auch die Autorin, nach eigenen Angaben, in den letzten Jahren unsägliches Leid, Ungerechtigkeit und Entbehrungen erdulden müssen. Oma war davon sehr begeistert, denn seit Jahren leidet sie unter Verstopfung. Kurze Abhilfe schaffte zuletzt nur das Buch von Dr. Guttenberg. Das neue Werk von B.W. ist aber in dieser Hinsicht sogar noch besser, meint meine Oma. Sparsam wie sie ist, hat sie auch die sehr gute und weiche Papierqualität lobend erwähnt. Zwischen den Sitzungen eignet sich das Buch überdies hervorragend als Riegel, um das Klofenster offenzuhalten. Seitdem bin ich Omas Lieblingsenkel – Danke, Danke, Danke!“

Das Amazon-Rezensions-Bashing ist zum Unterhaltungsfaktor fürs Online-Publikum geworden. Rezensent Michael Oehl schreibt: „Dieses Buch muss man nicht gelesen haben. Es reicht völlig aus, die Rezensionen zu lesen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal soviele Rezensionen für ein Buch so genussvoll gelesen habe. Es gibt unglaublich viele gute Autoren, die hier schreiben. Alleine das sollte zu einem neuen Buch zusammengefasst werden: es würde ein Knüller auf Platz 1. Und jeder sollte seiner Anteil an dem Mega-Erfolg erhalten.

Ich bin schon richtig süchtig, wann die nächste Rezension „reingereicht“ wird. (ich komme kaum noch zu meiner Arbeit – mittlerweile habe ich meine Kollegen schon angesteckt mit der Leserei. So viel gemeinsame Unterhaltung gab es hier schon lange nicht mehr) Hoffentlich reißt der Strom der Schreiberlinge so bald nicht ab. Dafür gibt es 5 Sterne!

Das Publikum schlägt zu

So geht es weiter über Hunderte von Seiten. Das Publikum schlägt zu, gern und variantenreich unter die Gürtellinie, und der überraschte Leser bleibt zurück und fragt sich: Was bringt die Menschen so sehr auf? Warum schlägt hier das Volk so hart zu? Warum lässt es das Opfer selbst dann nicht liegen, wenn es am Boden liegt und schon lange nicht mehr zuckt? Sicher ist jedenfalls, dass 99 Prozent der Rezensenten das Buch nicht gekauft haben. Käufer eines Buches werden in den Amazon-Rezension sichtbar als solche ausgewiesen.

Siehe auch:

Welt-Online

Das Buch von B.Wulff bei Amazon

 

 

 

4 Kommentare leave one →
  1. Adporno permalink
    21. September 2012 00:29

    Mit solchen klassenbewussten Texten könnte man die Werkzeitungen pflastern und wenn man den richtigen Tonus trifft, auch Interesse erwecken – aber mit der StudentenGraswurzelDA geht das leider nicht.
    Die luschige Mehrheit dort hat die stellenweise guten Texte gar nicht verdient.

    Geil: „Armutsfalle Ehrensold“

    • Google: Bettina Wulff Eskortservice permalink
      25. September 2014 21:52

      Google: Bettina Wulff Eskortservice

  2. 21. September 2012 18:36

    Süß wie Ihr Euch bei jedem Rattenrennen als Schiedsrichter aufspielen wollt.

    • SchiedsrichterInnensyndikatssekretär permalink
      23. September 2012 11:21

      Ohne uns geht nichts!

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