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Vortrag: Colin Goldner über den tibetischen Buddhismus

20. Juli 2012

Colin Goldner, Verfasser des Buches Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs (erweiterte Neuausgabe Alibri-Verlag 2008) ist einer der wenigen westlichen Experten bezüglich der Geschichte und des Wesens des tibetischen Buddhismus.

Dem Dalai Lama wird weltweit mit Respekt und Hochachtung begegnet, was sich hinter seiner Person und seiner Religion jedoch verbirgt, wird in diesem Buch offen gelegt.Goldners Buch folgt zum einen den Lebensstationen jenes Mannes, der als kleines Kind als „Reinkarnation“ Dalai Lamas „erkannt“ und im Kloster auf sein Amt vorbereitet wurde. Es beschreibt den Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee (der für Tibet, aller westlichen Propaganda zum Trotz, auch einen beachtlichen Modernisierungsschub, zum Beispiel im Bildungs- und im Gesundheitswesen, brachte) und die Flucht des Dalai Lama nach Indien. Und es schildert, wie aus einer Schachfigur im Kalten Krieg ein Friedensnobelpreisträger und Medienstar wird. Noch aufschlussreicher sind die „Exkurse, die sich systematisch mit einzelnen Fragen der tibetischen Geschichte sowie der besonderen Variante des tibetischen Buddhismus befassen. Vor allem, was die Lebensverhältnisse im alten Tibet angeht, fördert Goldner erschütternde Informationen zutage; auch das Bild des friedfertigen, weisheitsorientierten Buddhismus erhält einige schwere Kratzer, denn durch die Geschichte des Lamaismus zieht sich eine Blutspur, die Dämonologie kann es locker mit der katholischen aufnehmen und die Rolle der Frau lässt sich nur als erniedrigend beschreiben.

Colin Goldner hielt in Wien diesen Vortrag (Univ. Wien 18.05.2012) im Rahmen der säkularen TV-Sendereihe “Es werde Licht”: Hinter dem Lächeln des Dalai Lama

Anmerkung: Diese Seite wurde aus Anlass des gescheiterten Versuches, in der nö. Gemeinde Gföhl einen Buddhistentempel zu errichten, am 16.2.2012 unter Verwendung von Archivmaterial eingerichtet, siehe Info Nr. 751. Kein Buddhistentempel in Gföhl http://www.atheisten-info.at/infos/info0751.html

Quelle: http://www.atheisten-info.at/themen/ColinGoldner.htm

Zusätzlich: Links zu weiteren Texten von Goldner zu diesem Themenbereich: Dalai Lama – Ein Gottkönig hat Geburtstag http://www.atheisten-info.at/downloads/goldner.pdf
Colin Goldner im Interview (“Der Dalai Lama ist eine Witzfigur”) http://www.atheisten-info.at/downloads/goldner2.pdf
und ein Interview in den OÖN vom 25.10.2008 “Der dem Dalai Lama die Leviten liest”
http://www.atheisten-info.at/infos/goldnerinterview.pdf
plus die Homepage des Alibri-Verlages über den tibetischen “Gottkönig”
http://www.gottkoenig.de/

17 Kommentare leave one →
  1. Atheist und evangelischer Theologe: Affen sind möglicherweise religiös permalink
    23. Juli 2012 18:39

    Atheist und evangelischer Theologe: Affen sind möglicherweise religiös

    Volker Sommer, geboren 1954 in Holzhausen am Reinhardswald, ist Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London. Freilandforschung führte ihn für zu Tempelaffen in Indien, Gibbons im Regenwald Thailands und zu Schimpansen im Bergland Nigerias.

    (…)

    Sind Affen religiös?

    Um sich Göttliches vorzustellen, müssen wir uns mental in eine Anderswelt begeben. Das können andere Primaten vielleicht auch. Beispielsweise verhalten sie sich angesichts eines toten Artgenossen offenbar nachdenklich. Warum sollte das nicht mit dem Gefühl eigener Endlichkeit einhergehen? Bei aufkommendem Gewitter veranstalten manche Menschenaffen einen Regentanz. Oder sitzen gedankenversunken vor einem rauschenden Wasserfall. Oder sinnieren in die sinkende Sonne. Denkbar, dass sie dabei ähnliche mystische Visionen haben wie manche Menschen. Jedenfalls können sie sich aus dem Hier und Jetzt ausklinken.

    Dass wir uns Übernatürliches vorstellen können, belegt aber nicht, dass es das Supranaturale auch gibt?

    Im Gegenteil. Weil keine Belege dafür existieren, bin ich Atheist.

    Weiterlesen:

    http://www.fr-online.de/kultur/anthropologie-haben-affen-religioese-gefuehle-,1472786,16660648,view,asFirstTeaser.html

  2. O!le aus dem Wald permalink
    23. Juli 2012 19:07

    Ich find das nicht gut, daß der gegen die Lamas und Kamele hetzt. Das ist speziesistisch!

  3. K-TV: Unglaubliche Kinderstunde Buschor zieht (fast) alle Register der Indoktrination, so dass jeder Salafist grün vor Neid anlaufen würde. Einfach unglaublich was der Kerl da ungestraft mit Kindern macht. permalink
    24. Juli 2012 08:35

    K-TV: Unglaubliche Kinderstunde

    Buschor zieht (fast) alle Register der Indoktrination, so dass jeder Salafist grün vor Neid anlaufen würde. Einfach unglaublich was der Kerl da ungestraft mit Kindern macht.

  4. Esowatch heißt jetzt Psiram permalink
    28. Juli 2012 09:42

    Esowatch heißt jetzt Psiram

    Guido Watermann 13.07.2012

    Was die Umbenennung nicht verhindert: Der Kampf zwischen Verfechtern und Kritikern alternativer Heilverfahren geht weiter. Auch auf Wikipedia

    Am 7. Juli 2012 ging die Website psiram.com online. Der Name sei, erklären die Betreiber, ein Akronym aus Pseudowissenschaft, Irrationale Überzeugungssysteme, Alternative Medizin. Dass es sich nicht um neue Inhalte, sondern den Content des esoterikkritischen Online-Portals Esowatch.com handelte, beschreiben die Betreiber mit einer biblischen Metapher: „Sooo, Lazarus ist aus seinem Grab geklettert. Es hat etwas länger als drei Tage gedauert und er ist noch etwas staubig, aber er ist wieder da.“

    Doch warum war Lazarus verschwunden? Das fragten sich seit Ende Juni alle, die Esowatch.com aufrufen wollten. Im Wikipedia-Artikel hieß es, teilweise mit nur schlecht verhehlter Freude: „Seit 25.Juni. 2012 ist die Seite esowatch.com ohne Angaben von Gründen offline“. Esowatch twitterte seine IP-Adresse und erklärte die Nichterreichbarkeit mit DNS-Problemen, doch so richtig überzeugen ließen sich die Kritiker nicht. Was dann folgte, war ein „Honigtopf“ für Esos wie Eso-Skeptiker: Ein ganzer Maskenball von diskutierenden Sockenpuppen gab sich ein Stelldichein, nicht wenige wurden in den folgenden Tagen von Wikipedia gesperrt.

    Esowatch.com sammelt seit 2007 in seinem Wiki verfügbare Kritik an Alternativmedizin, etwa der Homöopathie (Telepolis berichtete: Licht ins Dunkel des Irrationalen). Das Online-Portal hat sich der Aufklärung über alternative Heilverfahren verschrieben und sich dabei den Zorn all derjenigen zugezogen, die entsprechende Produkte und Dienstleistungen vertreiben oder einfach von ihnen überzeugt sind.

    Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Entzaubern von Verschwörungstheorien, etwa den „Chemtrails“, sowie der Darstellung rechtsextremer Aktivitäten im neuheidnischen und esoterischen Bereich, so im Artikel „Braune Esoterik“. Das wiederum ärgert Rechtsextreme und ihre Verbündeten. Bei Themen wie der „Neuen Germanischen Medizin“ oder dem „Fürstentum Germania“ kommen esoterisches und rechtsextremes Gedankengut zusammen, und auch die Gegner kommen gleich aus mehreren Lagern. Viel Feinde, viel Ehr?

    Angriffe, Drohmails und eine Klage vor Gericht

    Auf Anfrage erklärt die Pressestelle von Psiram: „Wir waren und sind einigen Angriffen ausgesetzt, angefangen von Drohmails, die fast wöchentlich eintrudeln, über DDOS-Angriffe bis zum Stalking von Personen, die angeblich etwas mit Psiram zu tun haben sollen. Es gibt auch Stalkingseiten im Netz, die sich nicht scheuen, komplette Anschriften und teils sogar private Kontaktdaten von Personen zu veröffentlichen, die sie hinter Psiram vermuten.“ Ausführlich berichtete darüber kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Psiram wie bereits Esowatch legen daher großen Wert auf Anonymität ihrer Mitarbeiter, was wiederum die Eso-Fraktion herausfordert: Wer steckt denn nun eigentlich dahinter?

    Vielleicht auch um das herauszufinden, hat der Arzt Nikolaus Klehr, über den es einen wenig schmeichelhaften Psiram-Artikel gibt, einen der mutmaßlichen Betreiber von Esowatch auf Unterlassung verklagt. Sein Hauptzeuge ist der Betriebswirt und Journalist Claus Fritzsche, der jedenfalls nicht zu den Freunden von Psiram/Esowatch zählt. Er betreibt unter anderem das Esowatch-kritische Blog Esowatch.org. Zusätzlich gibt es die Domains Esowatch.de und Psiram.de, die beide vom Europäischen Berufs- und Fachverband für Biosens betrieben werden, den man ebenfalls mit „Esowatch-kritisch“ beschreiben kann. Claus Fritzsche distanziert sich: „Mit den Seiten psiram.de und esowatch.de habe ich selbst nichts zu tun. Ich gebe diese Seiten nicht heraus und beeinflusse auch nicht ihre Inhalte und stehe mit den Herausgebern auch nicht in Verbindung.“

    Die Namensgleichheit sorgte bei der Wikipedia-Diskussion laufend für Verwirrung. Teilweise wusste keiner mehr, wer jetzt gerade wofür oder wogegen war. War am Ende das der Grund für die Namensänderung? Oder ist das wieder eine blödsinnige Verschwörungstheorie? Claus Fritzsche antwortet: „Diese These halte ich in der Tat für ‚Blödsinn‘, um Ihre Wortwahl aufzugreifen.“ Auch die Psiram-Pressestelle hat eine andere Erklärung für die Namensänderung:

    Der Name EsoWatch passte schon lange nicht mehr richtig zu unserem Projekt. Esoterik ist nur ein Teil unseres Themenspektrums. Wir ärgern uns in vielen Bereichen über Wissenschaftsfeindlichkeit und bloggen des Öfteren auch über Open Science, Gentechnik und andere Themen. Des Weiteren behandeln wir irrationales Denken, Pseudomedizin und vieles mehr. Als wir dann Schwierigkeiten hatten die alte Domäne mitzunehmen, entschieden wir uns, den bereits angedachten Namenswechsel vorzuziehen.

    Neu: ein offenes Wiki

    Was ist nun eigentlich neu bei Psiram? Eine große Änderung, so schreibt die Psiram-Pressestelle, habe das englische Wiki erfahren: „Edits können dort nun von jedem durchgeführt werden, sie müssen allerdings von einem Psiram-Redakteur freigegeben werden. Das ist ein Experiment, das wir in einigen Monaten bewerten werden.“

    Wird der Zank weitergehen? Folgt auf esowatch.org nun ein Psiram-kritischer Blog auf psiram.org? Auf Anfrage erklärt Claus Fritzsche: „Dazu habe ich mir noch keine Meinung gebildet – vielleicht, vielleicht auch nicht. Da Psiram.com SEO-technisch noch keine großen Spuren hinterlassen hat und ich die Namensgebung auch als ’schwach‘ einstufe, sehe ich im Moment keine Notwendigkeit, kurzfristig zu reagieren. Diese Einschätzung kann sich jedoch noch ändern.“ Er findet die Idee, über Psiram mit gleicher Domain zu informieren, grundsätzlich gut, „wenn Transparenz und Aufklärung im Vordergrund stehen (und nicht Revanche)“. Psiram meint dazu: „Dass es ähnliche lautende Webseiten gibt, muss man akzeptieren. Es kommt nicht auf den Namen, sondern den angebotenen Inhalt an.“

    Auf Wikipedia ist es zu dem Thema erst einmal ruhig geworden. Mal sehen, wie lang das anhält.

    Weiterführende Links im Artikel:
    http://www.heise.de/tp/artikel/37/37274/1.html

    ZU PSIRAM
    http://psiram.com/

  5. Was ist Radosophie? permalink
    12. August 2012 18:31

    Harald Lesch ~ Was ist Radosophie?

  6. Buddhismus — Die bessere Alternative? - Im Bezug zum Vortrag von Colin Goldner über den tibetischen Buddhismus permalink
    2. Oktober 2012 16:40

    Buddhismus — Die bessere Alternative? – Im Bezug zum Vortrag von Colin Goldner über den tibetischen Buddhismus

    Karl Linek http://www.gottlos.at/ zerlegt zwei Buddhismus“experten“.

    http://www.eswerdelicht.tv

    Viele Menschen in der westlichen Welt fühlen sich heute angesprochen von östlichen Kulturen und üben sich hingebungsvoll in asiatischen Sicht — und Verhaltensweisen.
    Gerade der Buddhismus scheint für jene etwa, die sich unzufrieden von der abendländischen Religion abwenden, für Stressgeplagte als Wellness-Oase oder für Sinn- und Selbstsucher jeglicher Couleur die bessere Alternative zu sein.

    Der Begriff Buddhismus ist im Westen durchwegs positiv besetzt, er ist verknüpft mit innerem Frieden, Gelassenheit, Selbsterkenntnis im Allgemeinen und einem spirituellen Weg zur Weisheit schlechthin. Eine Religion ohne Gott, eine Lebensphilosophie, die transzendente Erfahrung in und durch sich selbst verspricht.

    Der Dalai Lama genießt als Vertreter des tibetischen Buddhismus weltweit höchstes Ansehen und gilt als Inbegriff von Friedfertigkeit, Toleranz und Gleichmut. Seine Anhänger verehren ihn als eine Art Gottheit. Nach lamaistischer Lehre inkarniert sich in ihm das Höchste, der höchste Buddha. Ein Ideal in Fleisch und Blut. Immer mehr Menschen im Westen — auch oder gerade im links-alternativen Milieu – sehen ihn als den Hoffnungsträger einer neuen Zeit, als modernen Messias.

    Doch was oder wie viel hat die westliche Auffassung des Buddhismus mit den östlichen Kulturen tatsächlich zu tun? Was war der Grundgedanke und wie sehr sind die unterschiedlichen Strömungen von ihm abgewichen? Wodurch unterscheidet sich der tibetische Buddhismus von den anderen Richtungen und ist er wirklich so liberal und tolerant, wie ihn westliche Medien darstellen?

    Über das und noch mehr diskutieren in der letzten Folge vor der Sommerpause Jorit D. Posset und Sarah Al-Hashimi mit folgenden Gästen:

    Georg Fischer („Yeshe Dorje“): Unternehmer und praktizierender Vajrayana Buddhist, sprich: Anhänger des tibetischen Buddhismus; intensives Studium alter tibetischer Schriften und zahlreiche Studienreisen nach Nepal, Indien, China und Tibet. Für die (ÖBR) Österreichische Buddhistische Religionsgemeinschaft hält er allgemeine Vorträge und Einführungskurse in den Buddhismus.

    D.I. Karl Linek: Der Diplom-Chemiker studierte an der TU Wien, er ist Religionskritiker und Mitorganisator des Vortrages von Colin Goldner „Hinter dem Lächeln des Dalai Lama, der bekennende Atheist und Humanist engagiert sich u.a. in der Aktionsgruppe gottlos.at.

    Dr. Helmut Tauscher: Habilitierter Univ.-Prof. und Stv. Vorstand des Instituts für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde, sowie Gastlektor an verschiedenen ausländischen Universitäten. Das jüngste Forschungsprojekt unter seiner Leitung beschäftigte sich mit der Analyse tibetischer Manuskripte. Unter anderem ist er Mitherausgeber der „Wiener Studien zur Tibetologie und Buddhismuskunde“

  7. Ist Gott nur eine Wahnvorstellung? permalink
    2. Oktober 2012 18:19

    Ist Gott nur eine Wahnvorstellung?

  8. Valerie Tarico propagiert das langfristige Verschwinden der Religion durch das Internet permalink
    8. Februar 2013 17:57

    Transzendenz und Staunen über „wirklich coole wissenschaftliche Beiträge“
    Ulrike Heitmüller 05.02.2013

    Valerie Tarico propagiert das langfristige Verschwinden der Religion durch das Internet

    Stirbt die Religion aus? Werden wir dank Internet so aufgeklärt, dass wir keine Religion mehr suchen? Schenkt uns das WWW so viele Kontakte zu anderen Menschen, dass wir keine religiösen Gemeinschaften mehr brauchen? Oder entsteht vielleicht ein neuer Glaube, ein anderes Gottesbild? Vielleicht stimmt alles. Vielleicht überlebt die traditionelle Religion das Internet nicht – dies stellt Valerie Tarico in einem Essay zu Diskussion, den sie auf Alternet und auf Salon.com veröffentlicht hat.

    Tarico ist Psychologin und Autorin, sie hat an der evangelikalen Kaderschmiede Wheaton College studiert und eine Kinderklinik geleitet. Sie war eine christliche Fundamentalistin und verließ diese Art des Glaubens. Sie schrieb darüber ein Buch und gründete Wisdom Commons, eine „interaktive Bibliothek von Zitaten, Geschichten, Sprichwörtern und Gedichten, die den gemeinsamen moralischen Kern der Menschheit aufblättern“.

    Traditionelle Religionen verlieren Mitglieder. Das sagen nicht nur Autoren und Wissenschaftler wie Tarico – sie bezieht sich auf eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center – oder auch Franz Winter. Auch Künstler spüren diese Entwicklung: „Die Religionen werden immer unwichtiger“, zitiert Antonia Baum Tom Wolfe in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.[1] Religiöse Diskussionen scheinen weniger zu werden. In den Medien geht es darum, ob Priester Kinder missbrauchen und wie die Kirche damit umgeht – aber wer diskutiert heutzutage noch Dogmen oder Glaubensinhalte?

    Tarico beobachtet die Wächter der traditionellen Religionen dabei, wie diese, salopp gesagt, um ihre Marktanteile kämpfen. Dies geschieht auch mithilfe aufwendiger Internet-Kampagnen – aber gerade das Internet, so Tarico, sei „die größte Bedrohung, welcher die organisierte Religion jemals gegenüberstand.“

    Warum? Eine traditionelle Religion, die auf Glaubenssätzen aufgebaut ist, verlange ein geschlossenes Informationssystem. Informationen von außen würden von den Adepten ferngehalten; Tarico gebraucht dafür ein Bild von zwei Mauern, welche die Gläubigen einschließen: Eine innere Mauer aus Überzeugungen, Angst, Ekel und Empörung blockieren Neugier und Wissbegier. Und eine äußere Mauer aus Verhaltensweisen isoliert die Gläubigen von Widersprüchen und von Ketzern, die sie auf gefährliche Ideen bringen könnten. Der freie Informationsfluss im Internet sei, so Tarico, „sehr sehr schlecht“ für das Produkt, das die Religionen verkauften.

    Besonders einige Inhalte des WWW, so Tarico, ließen den Religionen ihrer Ansicht nach die Haare zu Berge stehen, Tarico nennt sie: Wirklich coole wissenschaftliche Beiträge – diese nämlich würden quasi-religiöse Gefühle wecken, wie Transzendenz oder Staunen. Sodann Aufzählungen lächerlicher Glaubensinhalte und schlechter Seiten von Religion, außerdem Unterstützergruppen für Religions-Aussteiger, ferner die zur Schau gestellte Möglichkeit, ungläubig und dennoch gut und glücklich zu sein, und schließlich die gegenseitige Akzeptanz unter verschiedenen Gemeinschaften – eine Versicherung für Gläubige, dass sie mit ihrem Glauben nicht automatisch die Moral verlieren und schlechte Menschen werden müssen.

    Die Kraft des interspirituellen Dialogs, so Tarico, bewege sich insofern analog zur weiteren Kraft des Webs, weil es sich im Grunde bei beidem, bei der Religion sowie beim Web, darum drehe, dass Menschen ein gemeinsames Fundament fänden, Informationen austauschten und Mauern durchbrächen, um draußen eine größere Gemeinschaft zu finden. Für diese These führt Tarico das Beispiel von Jim Gilliam an: Der ehemalige Fundamentalist habe dank der Kraft des Internets und der Wissenschaft zwei Krebsattacken überlebt – eine Knochenmarkstransplantation und eine doppelte Lungentransplantation retteten ihm das Leben und sie seien unter anderem mithilfe der social media organisiert worden. Gilliam hat darüber einen Vortrag veröffentlicht: The Internet is My Religion. Darin beschreibt er seine Erfahrung: Hierbei habe er wahrhaft Gott gefunden. Wenn Menschen sich miteinander in Menschlichkeit verbinden würden: Das sei Gott.

    Und genau deswegen, wegen solcher Erfahrungen, hätten sich orthodoxe traditionelle Religionen Sorgen zu machen, so Tarico. Im Internet findet man Transzendenz, Aufklärung, und Unterstützung durch Andere – man kann sich anderen Menschen verbünden.

    Taricos Gottesbild ist nicht das einer Person, eines persönlichen Gottes, sondern das von Kraft, Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Sie sucht keinen gütigen oder gnädigen Allmächtigen, sondern die Werte, die den Menschen gemeinsam sind, Humanismus. Und solche Werte findet sie auch, man betrachte nur ihre eingangs genannte Website Wisdom Commons.

    In der Tat: Wer Aufklärung sucht, findet sie heutzutage, im Informationszeitalter, leichter. Aber auch wer das Gegenteil sucht, findet es heutzutage leichter: Auch wer sich im Internet auf die Suche nach Filmen, Texten, Thesen und Menschen zur Unterstützung seines Fundamentalismus macht, wird fündig.

    Aber wird Religion am Internet zugrunde gehen? Tritt Aufklärung und Gemeinschaft der Freien an die Stelle der Religion, genauer: der traditionellen, orthodoxen Religion mit einem festen Gefüge von Glaubenssätzen?

    Mithilfe des Internets kann man sich ja auch über Drogen informieren – und dann, je nach Charakter, Risikobereitschaft und Neugier Drogen online bestellen oder einen warnenden Text vor ihnen ins Netz stellen.

    Ein wichtiger Punkt ist: Die Lust zu leben und die Bereitschaft zum Denken, diese beiden Voraussetzungen für eine gelungene Aufklärung, müssen aus einem selber kommen. Man braucht auch eine Ausbildung und die Fähigkeit, mit den Medien umzugehen. Dann kann es gelingen, dann kann das Internet helfen, Käfige aus Fundamentalismus zu überwinden. Aber wenn dies nicht gegeben ist, dann wird eine digitale Zweiklassengesellschaft zementiert.

    Tarico glaubt an die Fortentwicklung der Menschheit. Vielleicht hat sie recht. Hoffentlich.

    http://www.heise.de/tp/artikel/38/38460/1.html

  9. Der Dalai Lama und die CIA | PANORAMA | permalink
    31. Mai 2013 01:58

    Der Dalai Lama und die CIA | PANORAMA |

    Pazifist mit Schattenseiten: Panorama wirft einen Blick auf einen wenig geliebten Teil der tibetischen Geschichte und fragt: Was ist wirklich dran am Image des Friedensnobelpreisträgers Dalai Lama?

  10. Kritik an eingeschränkter Pressefreiheit bei Dalai-Lama-Besuch permalink
    18. September 2013 09:15

    Der Dalai Lama kommt nach Niedersachsen, aber die Nachrichtenagenturen werden nicht berichten. Die Veranstalter haben die Pressefreiheit während des Besuchs soweit eingeschränkt, dass unter anderem dpa, epd und der NDR die Berichterstattung ablehnen.

    http://aktuell.evangelisch.de/artikel/88473/kritik-eingeschraenkter-pressefreiheit-bei-dalai-lama-besuch

  11. Indien: Bundesstaat beschließt Gesetz gegen Aberglauben --- Mord an Narendra Dabholkar permalink
    17. Dezember 2013 21:16

    Indien: Bundesstaat beschließt Gesetz gegen Aberglauben

    Unter Protesten aus den Reihen der nationalistischen und religiös-konservativen Opposition hat das Parlament des westindischen Bundesstaates Maharashtra ein Gesetz verabschiedet, das die ärgsten Probleme des grassierenden Aberglaubens eindämmen will. Das Gesetz ist ein später Tribut an das Wirken des indischen Humanisten und Skeptikers Narendra Dabholkar.

    Heilige Männer, Hexendoktoren und schwarze Magie: im bevölkerungsreichen und von großer ökonomischer Ungleichheit geprägten Indien konnten sich angebliche Wunderheiler und Besitzer geheimnisvoller Kräfte aller Couleur bislang über erhebliche Popularität in der Bevölkerung freuen. Zu den Leidtragenden des weit verbreiteten Aberglaubens gehören vor allem ärmere Frauen und Kinder, die unter grausamen Behandlungen leiden müssen bei obskuren Versuchen, Krankheiten zu heilen oder böse Geister auszutreiben – und mitunter dabei sogar ihr Leben verlieren.

    Schon kurz nach der Verabschiedung eines Gesetzes durch das Parlament von Maharashtra am vergangenen Freitag, mit dem in Zukunft die übelsten Auswüchse abergläubischer Praktiken verhindert werden sollen, gab es erste Festnahmen: Sechs Personen wurden am Sonntag in der Hauptstadt Mumbai durch die Polizei inhaftiert. Ihnen wird vorgeworfen, eine 50-Jährige Inderin enthauptet zu haben, um sich mit diesem Menschenopfer von Krankheiten zu heilen, wie die Times of India berichtete. Sie sollen nun nach dem neuen Gesetz bestraft werden.

    Es sieht unter anderem Strafen für jegliche Form der Gewaltanwendung im Zusammenhang mit Geisterbeschwörungen oder schwarzer Magie und Sanktionen für die geistige, körperliche oder sexuelle Belästigungen aufgrund „falscher Behauptungen“ oder die Selbstbewerbung als „Gottesmann“ vor. Gottesmänner sind indische Gurus, die durch ihr Charisma und künstlerische und andere Tricks einen großen Einfluss auf Gruppen in der Bevölkerung ausüben können. Immer wieder kam es zu Fällen, in denen Gurus ihre Fähigkeiten nicht nur dazu einsetzten, ihre Anhänger eigennützig zu Opfergaben von beträchtlichem finanziellem Ausmaß zu überzeugen, sondern auch für sexuellen Missbrauch zu instrumentalisieren.

    Maharashtra ist der erste indische Bundesstaat, in dem ein solches Gesetz erlassen wird. Der Parlamentsbeschluss ist auch ein später Tribut an das Wirken des im August ermordeten Mediziners, Sozialarbeiters und prominenten Vertreters der hiesigen Rationalistenbewegung Narendra Dabholkar. Er wurde von vier Kugeln während seines Morgenspaziergangs getötet, die von zwei auf einem Motorrad vorbeifahrenden Personen abgefeuert worden war.

    Kurz zuvor hatte die Regierung von Maharashtra zugesagt, das von Dabholkar seit rund einem Vierteljahrhundert geforderte Gesetz gegen Aberglauben endlich einführen zu wollen. Rechte und nationalistische Hindu-Gruppen lehnen es ab, weil sie ihre Religionspraxis von den Regelungen bedroht sehen. Zwei Verdächtige wurden laut Medienberichten vor kurzem in Haft genommen, weil sie mit dem Mord in Verbindung stehen sollen. Die Polizei geht außerdem Vermutungen nach, denen zufolge in den Mord auch ein Astrologe verwickelt sein soll, der seine Entlarvung durch Narendra Dabholkar befürchtete.

    Das Gesetz, welches nun noch vom Gouverneur des Bundesstaates unterzeichnet werden muss, wird von Beobachtern als Meilenstein auf dem Weg zu einer vom Aberglauben befreiten indischen Gesellschaft, bezeichnet. Vor der Verabschiedung durch das Parlament gab es jedoch noch diverse Änderungsanträge, um weitverbreitete religiöse und kulturelle Praktiken von einer Bestrafung auszunehmen: Predigten auf Basis antiker Schriften und der Hindu-Mythologie, sowie das Fasten und Geißeln während muslimischer Feiertage. Die Konsultation von Astrologen und Händelesern bleibt ebenfalls grundsätzlich straffrei. Astrologen sind auch bei sozial besser gestellten Gruppen in der indischen Gesellschaft sehr beliebt und ihre Dienste werden nicht nur von Teilen der hochgebildeten Mittelklasse, sondern auch von führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft in Anspruch genommen. Gegner verurteilten das Gesetz trotzdem als Angriff auf die Religionsfreiheit.

    Vertreter des von Narendra Dabholkar gegründeten Komitees zur Beseitigung von blindem Aberglauben, Maharashtra Andha Shraddha Nirmulan Samiti (MANS), äußerten sich trotzdem erfreut über den Beschluss des Parlaments. „Das sind großartige Neuigkeiten“, sagte Deepak Girme vom Komitee gegenüber der Huffington Post. „Es hat eine Menge Aufmerksamkeit für die Tatsache erzeugt, dass abergläubische Geisteshaltungen unter den Armen, häufig Analphabeten und ungebildet, verbreitet sind.“

    Doch Kritik am neuen Gesetz gibt es auch bei seinen Unterstützern. Sie bemängeln, dass das Gesetz nur Betroffenen und ihren Angehörigen eine Klageerhebung ermöglicht, nicht jedoch Dritten. Das schränke die Wirksamkeit des Gesetzes ein, da die meisten Opfer zu tief in Formen des Aberglaubens verstrickt seien, um sich zu wehren. MANS-Aktivist Nandkishor Talashilkar: „Wie soll eine Familie, die freiwillig an solchen Praktiken teilnimmt, zum Beschwerdeführer gegen sich selbst werden?“

    http://www.diesseits.de/perspektiven/nachrichten/international/1387234800/indien-bundesstaat-beschliesst-gesetz-gegen-abergl

    http://en.wikipedia.org/wiki/Narendra_Dabholkar

  12. Indien: Mann wird wegen seines Schwanzes für Gott gehalten permalink
    12. Februar 2014 23:29

    Indien: Mann wird wegen seines Schwanzes für Gott gehalten

    Der 35 Jahre alte Chandre Oraon arbeitet als Teepflücker in Alipurduar in Indien. Aus dem ganzen Land reisen jedoch Pilger zu ihm. Der Grund: Seit seiner Geburt hat der Mann einen fast 40 Zentimeter langen Schwanz am Rücken.

    Deshalb halten ihn viele für die Inkarnation des Affengotts Hanuman. Die Pilger wollen seinen Schwanz berühren und erhoffen sich dadurch Segnung und Heilung für sich und kranke Angehörige. Obwohl er für einen Gott gehalten wird, lebt Oraon in ärmlichen Verhältnissen.

    Auch bei der Partnersuche brachte ihm sein Status kein Glück. Über 20 Frauen lehnten seinen Antrag ab.

    http://www.shortnews.de/id/1075548/indien-mann-wird-wegen-seines-schwanzes-fuer-gott-gehalten

  13. Terror auf dem Dach der Welt permalink
    30. Dezember 2014 11:30

    Terror auf dem Dach der Welt

    von Colin Goldner

    Nichts kann China im Vorfelde der Olympischen Spiele weniger gebrauchen als negative Presse. Grund genug für den Dalai Lama, nach Kräften für ebensolche zu sorgen. Mit ausdrücklicher Billigung “Seiner Heiligkeit” wurde Anfang 2008 ein militanter exiltibetischer Kampfverband begründet, mit dem Ziel, “direkte Aktionen” gegen China durchzuführen. Man werde den “historischen Moment der Olympischen Spiele dazu nutzen”, so der als Tibetan People’s Uprising Movement (TPUM) ausgerufe Verband, “Chinas Kontrolle über Tibet zu erschüttern”. Dass es dabei auch und in erster Linie um gewaltsame Aktionen gehen sollte, stand von vorneherein fest.

    Schon in den 1960ern hatte eine über die CIA finanzierte Untergrundbewegung namens Chusi Gangdruk zahllose Terroranschläge gegen die chinesische Volksbefreiungsarmee und nachrückende chinesische Siedler durchgeführt. Kopf der Guerilla war Gyalo Thöndup, einer der älteren Brüder des Dalai Lama. Die CIA hatte ab 1958 eine Gruppe von 400 Chusi Gangdruk-Kämpfern in Camp Hale, einem Trainingszentrum der CIA in den Rocky Mountains, zur Durchführung gezielter Kommandoattacken, ausgebildet. Weitere Kampfeinheiten wurden in einer streng abgeschirmten Operationsbasis des ehemaligen Königreiches Lo trainiert, einer auf dem tibetischen Hochplateau gelegenen, politisch jedoch dem Staatsgebiet Nepal zugehörigen Bergregion im Nordwesten des Landes. Der Terror der Chusi Gangdruk wurde bis Anfang der 1970er mit jährlich 1,7 Millionen US-Dollar aus einem eigens aufgelegten Sonderprogramm der CIA subventioniert. Der Dalai Lama erhielt aus dem gleichen Fonds 186.000 US-Dollar pro Jahr zu persönlicher Verfügung. Nachdem er den Erhalt dieser Gelder und seine Verbindung zur CIA jahrzehntelang abgestritten hatte, mußte er Ende der 1990er zugeben, gelogen zu haben.1 Neben der zeitweise 12.000 Mann umfassenden Chusi Gangdruk gab es eine Reihe kleinerer Terrorgruppen; Ende der 1980er etwa sorgte eine Untergrundorganisation unter der Bezeichnung “Chinesische Häuser anzünden: Sabotage” für Panik unter chinesischen Siedlern.

    Unmittelbar nach der offiziellen Ausrufung der TPUM am 4. Januar 2008 kursierten im Internet erste Gerüchte über geplante Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate. Der Dalai Lama selbst ließ keine Gelegenheit ungenutzt, die angeblich “erneut zunehmende Unterdrückung des tibetischen Volkes” anzuprangern und damit die offen gewaltbereite Stimmung innerhalb des TPUM-Kampfverbandes anzuheizen. In seiner traditionellen Rede zum “Jahrestag des Volksaufstandes von 1959” am 11. März 2008 behauptete er wahrheitswidrig, die Chinesen machten sich fortgesetzt “zahlreicher, unvorstellbarer und grausamer Menschenrechtsverletzungen” in Tibet schuldig. Noch am selben Tag kam es in der nepalischen Hauptstadt Kathmandu zu gewalttätigen Ausschreitungen: mehr als 200 Mönche versuchten, die chinesische Botschaft im Stadtzentrum anzugreifen. Weitere Protestaktionen fanden in Neu- ­Delhi, San Francisco, New York, Marseille, Wien und andernorts statt, auch vor der Ausgrabungsstätte des historischen Olympia in Griechenland. Die Mehrzahl dieser Aktionen verlief friedlich.

    Alles andere als friedlich verlief der Protest hingegen in Lhasa: mit Schlag-stöcken bewaffnete Mönchstrupps aus dem Kloster Drepung zogen am Abend des 11. März durch die Altstadt, skandierten antichinesische Parolen und schlugen Fensterscheiben von Häusern und Ladengeschäften ein. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Die gezielt provozierten Zusammenstöße der Drepung-Mönche mit der Polizei ließen die Gewalt auf die beiden anderen Großklöster des Lhasa-Tales und weitere Teile der Stadt überspringen: Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge, auch Busse und Privatautos wurden umgeworfen und angezündet, chinesische Häuser und Ladengeschäfte aufgebrochen, geplündert und in Brand gesteckt. Ganze Straßenzüge wurden verwüstet, Molotowcocktails flogen in Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser. Kursierende Gerüchte über den Opferselbstmord zweier Lamas ließen die Situation weiter eskalieren: Mönche brachen blutige Straßenkämpfe vom Zaun, an denen sich zunehmend auch entsprechend aufgepeitschte Jugendliche beteiligten. Es gab zahlreiche teils schwer Verletzte sowohl auf tibetischer als auch auf chinesischer Seite. Noch bevor nähere Informationen vorlagen, wurde von Tibet-Unterstützergruppen weltweit die chinesische Führung für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich gemacht. Die Rede war vom “berechtigten und absolut friedfertigen Protest des tibetischen Volkes”, der von chinesischem Militär zusammengeknüppelt und niedergeschossen worden sei. Mehr als 100 Tibeter seien seit Beginn der Unruhen zu Tode gekommen. Gegen die ungeheuere Brutalität der Chinesen habe es vereinzelte Gegenwehr gegeben, was die Bilder um sich schlagender Mönche und Steine werfender Jugendlicher erkläre.

    In zahlreichen West-Ländern wurden “spontane” Solidaritätskundgebungen für den “tibetischen Freiheitskampf” veranstaltet. Auch die Tibet-Initiative Deutschland organisierte umgehend bundesweite Demonstrationszüge und Mahnwachen. US-Präsident Bush und Kanzlerin Merkel forderten Beijing zu sofortiger Einstellung aller Kampfhandlungen und zu umgehenden Gesprächen mit dem Dalai Lama als “spirituellem Oberhaupt der Tibeter” auf, der als einziger die “Tibetfrage” zu lösen imstande sei. Die tatsächliche Rolle des Dalai Lama, der mit seiner Rede zum 11. März die Lunte ans Pulverfass des TPUM-Terrors gelegt hatte – auch an anderen Orten der Autonomen Region Tibet und in den Nachbarprovinzen Sichuan, Qinghai und Gansu kam es zu gezielten Übergriffen gegen Sicherheitskräfte und die chinesische Zivilbevölkerung –, wurde konsequent ausgeblendet. Desgleichen der Umstand, dass es sich keineswegs um einen “Volksaufstand” handelte, wie allenthalben behauptet wurde, sondern dass die Verwüstungen und Gewaltakte von relativ kleinen Tätergruppen verübt worden waren, die keineswegs Rückhalt in der tibetischen Bevölkerung fanden. Unerwähnt blieb auch, dass es neben dem Dalai Lama eine Vielzahl weiterer buddhistisch-religiöser Oberhäupter in Tibet und den Nachbarprovinzen gibt, die dessen Kurs nicht mittragen.

    Die öffentliche Ordnung in Lhasa wurde durch massive Präsenz von Polizei und Militär auf den Straßen wiederhergestellt. Offiziellen Angaben zufolge gab es im Zuge über mehrere Tage hinweg immer wieder auflodernden Ausschreitungen zehn Tote: Opfer vor allem der Brandanschläge auf chinesische Häuser und Läden. Die Zahl der Verletzten lag bei über 600. Auch an den anderen Orten, an denen Protestkundgebungen und “direct actions” stattfanden, gab es Schwerverletzte und Tote. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua mitteilte, seien insgesamt 22 Menschen zu Tode gekommen. Behauptungen des Dalai Lama, chinesisches Militär habe mehrfach in die Menge geschossen, wobei “mehrere hundert Tibeter getötetet” worden seien, erwiesen sich als völlig aus der Luft gegriffen, waren aber dazu angetan, die Lage weiter anzuheizen. In zahlreichen Städten rund um den Globus verschärften sich die Proteste der örtlichen Tibeter-Vereine und Tibet-Unterstützergruppen: in Sydney, Zürich und München kam es zu massiven Zusammenstößen zwischen Ordnungskräften und Pro-Tibet-Aktivisten.

    Der Dalai Lama und seine Verlautbarungsorgane setzten ihre Propaganda systematisch fort. In den bürgerlichen West-Medien wurden die frei Haus gelieferten Behauptungen aus Dharamsala ohne die geringste journalistische Distanz oder Gegenrecherche weiterverbreitet: von der “unmenschlichen Brutalität der chinesischen Machthaber”, den “grausamen Menschenrechtsverletzungen”, dem “Völkermord auf dem Dach der Welt”. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurden die Gruppen junger Tibeter, die da vandalierend, plündernd und Brände legend durch die Straßen zogen und auf jeden einprügelten, der nicht tibetisch genug aussah, als im Grunde friedliche Demonstranten dargestellt, die von einer brutalen Militärdiktatur an der Ausübung elementarster Rechte gehindert würden. Verfügliches Bildmaterial wurde entweder gar nicht gezeigt oder manipuliert beziehungsweise mit falschen oder irreführenden Kommentaren versehen.

    Beifall aus dem Westen

    In zahllosen Internetforen und -blogs wurde Verständnis und Sympathie für die – letztlich unabstreitbar von tibetischer Seite ausgehende – Gewalt geäußert, die, umstilisiert zum “heroischen Befeiungskampf eines seit 50 Jahren gnadenlos unterdrückten Volkes”, jede Unterstützung der “freien Welt” verdiene. Schuld an den Ausschreitungen trüge allemal Beijing, den Tibetern sei gar keine andere Wahl geblieben, als sich mit Gewalt zur Wehr zu setzen, was sie nun endlich täten. Wenn es dabei gelegentlich zu Gewaltexzessen komme, sei dies durchaus nachvollziehbar: es entlade sich nur der “über Jahrzehnte aufgestaute Hass gegen die chinesischen Besatzer”. Bei YouTube eingestellte Handyvideos von Touristen, die den blanken Terror in Lhasa, Ngawa (Sichuan), Xiahe (Gansu) und andernorts dokumentierten, wurden in kürzester Zeit millionenfach angeklickt und mit hunderttausenden von – zu etwa 80 Prozent pro-tibetischen – Kommentaren versehen.2 Alle Welt sprach von Tibet und seinem “verzweifelten Kampf um Freiheit”.

    Auch die westlichen Printmedien und TV-Nachrichten verlagerten sich zunehmend auf die Argumentationslinie, die Ausschreitungen seien zwar zu verurteilen, letztlich aber vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Unterdrückungs-politik Beijings verständlich und als “Ausdruck der Verzweiflung” (NZZ) oder “Schrei nach Freiheit” (Tagesspiegel) vielleicht sogar legitim. Die TPUM-Strategie war voll aufgegangen. “Die Palästinenser”, wie es etwa in einem Kommentar auf WELT-online hieß, “haben ihren Fall in den 60er- und 70er-Jahren vor allem mit Flugzeugentführungen und Terroranschlägen auf die internationale Agenda gesetzt. Auch die Protestanten in Nordirland haben gezeigt, dass Terror funktioniert. Es ist schwer vorstellbar, dass sie es ohne die Anschläge der IRA bis zur Beteiligung an der nordirischen Regierung gebracht hätten. Im Vergleich dazu hat sich die Lage der Tibeter eher verschlechtert als verbessert. Die Lehren, die Unabhängigkeitsbewegungen daraus ziehen werden, sind klar: Nur wenn man sich mit terroristischer Gewalt auf die Weltbühne bombt, wird man irgendwann als politischer Verhandlungspartner akzeptiert.”3

    Unterdessen konnte der Dalai Lama sich zurücklehnen und verkünden, China habe “als das größte Land der Welt ein Anrecht auf die Olympiade”. Die olympischen Regeln verlangten aber, dass im Gastgeberland der Spiele die Menschenrechte eingehalten würden. Da dies in China nicht der Fall sei, habe Beijing eben doch kein Anrecht. Eine Woche nach seiner Brandrede vom 11. März kehrte er zu seiner geübten Rhetorik der Friedfertigkeit zurück: in einer Fernsehansprache appellierte er an seine Landsleute, sich bei weiterem Protest “exzessiver Gewalt” zu enthalten, ansonsten sehe er sich zum Rücktritt von seinem Amte genötigt. Der Appell erzielte den beabsichtigten Effekt: “Seine Heiligkeit” war, zumindest in den West-Medien, schlagartig von jedem Verdachte reingewaschen – das chinesische Staatsfernsehen hatte ihn insofern als “Wolf im Mönchsgewand” bezeichnet –, er selbst und seine Clique seien Drahtzieher der Ausschreitungen gewesen. Gegen die fortdauernde Gewalt bewirkte der Aufruf gar nichts. Kurze Zeit später wurde die Rücktrittsdrohung wieder zurückgenommen: selbstredend, so sein Pressesprecher, bleibe der Dalai Lama seinem Volke als “geistlicher und politischer Führer” erhalten.

    Anmerkungen:

    1 Conboy, Kenneth/Morrison, James: The CIA’s Secret War in Tibet. Lawrence, 2002.

    2 [20.3.2008]

    3 http://www.welt.de/welt_print/article1807722/China_frdert_den_Terrorismus.html

    [18.3.2008]. Gemeint sind wohl eher die Katholiken.

    Artikel aus MIZ 1/08

  14. POL POT ~ Der nationalbolschewistische Buddha permalink
    10. Januar 2015 00:23

    POL POT ~ Der nationalbolschewistische Buddha

  15. POL POT ~ Der nationalbolschewistische Buddha Teil 2 permalink
    10. Januar 2015 00:45

  16. Alexander Will: Free Tibet? Kritische Betrachtung eines deutschen Konsenses permalink
    1. November 2016 19:22

    Free Tibet? Kritische Betrachtung eines deutschen Konsenses

    Ein Vortrag von Alexander Will, gehalten am 20. Oktober 2016 in Stuttgart

    Wenn sich nahezu die gesamte Bundesrepublik in einem einig ist, dann in der Sympathie für die Sache des tibetischen Kampfes um staatliche Autonomie. Kaum jemand ist nicht der Meinung, dass mit der Forderung „free Tibet!“ das Gute, Wahre und Schöne unterstützt wird. Hier sind sich sogar sowohl (Neo)Nazis als auch der Teil der radikalen Linken, der nach dem Ausbleiben der proletarischen Weltrevolution verzweifelt ein neues revolutionäres Subjekt sucht, einig.

    Diese Eintracht über alle politischen oder wie auch immer gearteten Lager hinweg hatt vor allem zwei Gründe: Zum einen gibt es kaum kritische Stimmen zu Tibet, die ein größeres
    Publikum erreichen. Die wenigen – wie der in diesem Kontext ausdrücklich empfohlene Colin Goldner –, die sich kritisch zur tibetischen „Befreiungsbewegung“ äußern, werden bestenfalls als „unwissenschaftlich“ geschmäht und gelten schlimmstenfalls als bezahlte Agenten des chinesischen Regimes.

    Zum anderen gelingt es der Gallionsfigur jener Bewegung, dem 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso, sich selbst und seine Religion permanent und äußerst erfolgreich als radikal friedlich, gewaltlos und reich an mystischer Weisheit darzustellen. Und bekanntlich sind radikaler Pazifismus bis in den eigenen Tod – zumindest bei anderen – und Esoterik Dinge, die die Deutschen seit jeher faszinieren und bei ihnen als besonders schützenswert gelten.

    Ziel der Veranstaltung soll es daher sein, die tibetische
    „Freiheitsbewegung“ radikal zu kritisieren und dabei insbesondere dem Bild des vermeintlich friedlichen und menschenfreundlichen tibetischen Buddhismus eine Aufklärung über die tatsächlichen Inhalte jener Religion entgegenzusetzen.

    Alexander Will, Hamburg, ist Historiker und beschäftigt sich
    schwerpunktmäßig mit der Geschichte des Antisemitismus und mit Genozid- und Gewaltgeschichte.

Trackbacks

  1. Vortrag: Colin Goldner über den tibetischen Buddhismus « Anarchistischer Funke

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