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Der Klassenkampf und die Kommunist*innen – Ein Strategievorschlag

12. Juli 2012

Wir stellen hier folgend einen aktuellen Text der Bremer Basisgruppe Antifaschismus zur Diskussion, der sich positiv auf den Syndikalismus bezieht.

0. Einleitung

Dieses Strategiepapier ist ein Plädoyer für die Bildung einer strategischen Doppelflanke: Syndikalistische Gewerkschaften auf der einen, Strukturen von Alternativ- und Gegengesellschaft auf der anderen Seite. Beide vermittelt zueinander über kommunistische (1) (Selbst-)Organisierungen als strategisches Zentrum in Form von Theorie und Praxis, kollektiver Debatte und Reflexion. Dies, vermittelt nach „außen“ in Form von Agitation und Propaganda. Dabei erheben wir mit diesem Text nicht den Anspruch den der Weisheit letzten Schluss gezogen zu haben, er ist vielmehr eine Einladung zur Diskussion.

1. Wie es ist…

Kategorial

Die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sind, in objektiver Formenbestimmung und unabhängig der konkreten Formen und des subjektiven Bewusstseins, eine Klassengesellschaft. Ihre Form bzw. das gesellschaftliche Verhältnis ist dabei nicht statisch, „vom Himmel gefallen“ oder von irgendwem bewusst eingerichtet worden sondern nur historisch-materialistisch (2) erklär- und verstehbar. Die Gesellschaft ist dabei als eine Totalität allumfassend (ausgedrückt z. B. im Wertgesetz). Sie hat kein sie konstruierendes oder konstituierendes Zentrum (z. B. den Diskurs oder das „Monopolkapital“ ). Diese Zentrumslosigkeit entspricht aber keiner Basislosigkeit (3): Nicht in den Köpfen der Leute sondern real im gesellschaftlichen Privateigentum an Produktionsmitteln liegt die Voraussetzung und Existenzbedingung für die Gesellschaft.

Bedingung dieser wiederum ist der Staat. Mittels seines Gewaltmonopols setzt er das Eigentum gesellschaftlich durch und gewährleistet es. Mittels Recht und Gesetz verpflichtet er so all seine Insass*innen auf das Privateigentum als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen. Dies gewährleistet und konstituiert so immer wieder aufs Neue die Existenz zweier gesellschaftlicher Klassen: Die eine verfügt über Privateigentum (und damit potentiell Kapital), die andere nicht und deshalb nur über ihre Arbeitskraft. Beide sind damit aufeinander angewiesen: Die zu Lohnarbeit gezwungen sichern über ihren Lohn ihre Existenz (konkret „machen“ sie das in der Reproduktionssphäre) und erzeugen mittels ihrer Arbeitskraft und dem eingesetzten Kapital Mehrwert und damit perspektivisch Profit. Diesen Mehrwert eignet sich die Eigentumsbesitzende Klasse an, was wiederum ihre Existenzbedingung ist. Der Staat findet dieses Verhältnis super, da er von den Steuern lebt, die er mittel- und unmittelbar aus der Mehrwertproduktion zieht. Deswegen unternimmt er alles für das möglichst reibungslose Funktionieren dieser gesellschaftlichen Verhältnisse, sowohl nach innen (Sozial- und Bullenstaat) als auch nach außen (globale Standortkonkurrenz, post-imperialistische Abhängigkeits-, Macht- und Einflussstrukturen) (4). Das oben beschriebene Verhältnis der beiden Klassen, von zu Lohnarbeit gezwungenen und Kapitalist*innen, ist dabei in der Form notwendigerweise ein gewaltförmiges („Klassenkampf“). Die einen wollen soviel Lohn bzw. Geld (als Voraussetzung von erfolgreicher Reproduktion) wie möglich bei sowenig Arbeit wie möglich, die anderen genau das Gegenteil. Dabei konkurrieren die jeweiligen Insass*innen der beiden Klassen auch noch untereinander: Um Arbeitsplätze bzw. Profitmöglichkeiten.

Empirisch

Da Gesellschaft nicht ein statisches sondern ein dynamisches Verhältnis ist, gibt es eine notwendige Differenz zwischen Form und Kategorie. Dies auf Grund der Entwicklung der Produktivkräfte, des Klassenkampfes, des sich verändernden konkreten Agieren des Staates bzw. seines Personals und der relativen Autonomie des gesellschaftlich notwendig falschen Bewusstseins („Ideologie“). In Konsequenz drückt sich dies dadurch aus, dass es „die“ Klasse subjektiv nicht gibt (aber unzählige fragmentierte Erscheinungsformen dieser) und auch kein Klassenbewusstsein (als intellektuelle Transferleistung all dieser fragmentierten Formen).

2. … bleibt es nicht!

Klassenkampf beschreibt also die permanente und immanente gesellschaftliche Praxis des Klassenverhältnisses. Beiden kämpfenden Klassen geht es dabei notwendigerweise „nur“ um die Verbesserung der eigenen Stellung im Verhältnis zueinander. Dass Klassenkampf bereits schon selber antikapitalistisch d. h., also die beiden Kategorien und damit das Verhältnis selber in Frage stellt, ist deshalb im besten Fall ein schlechtes Gerücht. Ebenso falsch ist aber auch die Reduktion des Klassenkampfes auf den Lohnkampf z. B. . Wenn das gesellschaftliche Verhältnis von Kapital und Arbeit ein allumfassendes ist, ist es der Klassenkampf als praktischer Ausdruck dieses ebenfalls.

3. No way out?

Das Verhältnis der Kommunist*innen zum Klassenkampf ist deswegen nicht nur ein Doppeltes sondern auch ein doppelt vertracktes. Erstens sind ihre Interessen von den grundsätzlichen Interessen ihrer Klasse (in den meisten Fällen vermutlich die Klasse der Leute, die zur Lohnarbeit gezwungen sind) nicht getrennt von der Verbesserung der eigenen Lage. Gleichzeitig ist aber nur die praktische Kritik dieser – und damit ihrer eigenen Existenzquelle – Voraussetzung und Bedingung ihrer gesellschaftlichen Befreiung. Die Leninist*innen (5) haben dieses Problem damit „gelöst“, indem sie eine Trennung zwischen den zu Befreienden und den „Befreier*innen“, zwischen revolutionärem Subjekt und Organisation, gezogen haben. Jeder noch so reformistische Kampf wird so „revolutionär“, wenn er die Stärkung der eigenen Organisation zur Folge hat und die Kommunist*innen tragen „von außen“ das „revolutionäre Bewusstsein“ unter die Leute (dabei gibt es dieses Modell noch in anderen Variationen, der „Gegenstandpunkt“ z. B. beschränkt sich auf das reine Hineintragen in Form von „Argumenten“, während DKP, Trotzkist*innen und Co z.B. meistens beim Reformismus verbleiben.). Die Ergebnisse dieser „Lösung“ sind hinlänglich bekannt, der Kapitalismus wird bzw. wurde (Bsp. in der Sowjetunion, DDR, Cuba und ähnlichen realsozialistischen Ländern) zwar nicht abgeschafft aber durch eine Kommandowirtschaft unter uneingeschränkter Führung „der“ Partei ersetzt. Wenn die Kommunist*innen dies nicht wollen bleibt keine andere Möglichkeit als diese Trennung nicht zu vollziehen zwischen „Befreier*innen“ und zu Befreienden, zwischen konkreten Reformzielen (z. B. „mehr Lohn“, „keine Studiengebühren“, what ever) und kategorialer Kritik und damit sich selbst auch als potentielles Subjekt sozialer Befreiung zu begreifen. Mit dem Ziel dabei möglichst viele als Genoss*innen zu gewinnen.

4. „Alle Macht den Räten“ bricht nicht nur dem Kapital die Gräten

Konkret bedeutet dies unter den aktuellen Bedingungen in der BRD ziemliche Einsamkeit: Anstelle des selbstbetrügenden Bades in der Masse gesellschaftlicher Pseudorelevanz, z. B. in den DGB-Gewerkschaften, „breiten Bündnissen“ und der „Zivilgesellschaft“, steht der Aufbau und die Stärkung eigener antikapitalistischer Strukturen an. Nur die Selbstorganisierung und bewusste Aneignung aller gesellschaftlichen Bereiche in gemeinsamer Selbstverwaltung durch die Menschen bietet die Chance, soziale Revolution und kulturelle (Selbst-)Emanzipation überhaupt einmal durchzusetzen. Das Zusammenspiel von syndikalistischen Gewerkschaften in der Produktionssphäre als auch die Aneignung bzw. Selbstgestaltung der Reproduktionssphäre (Bsp. Stadtteilzentren die auf kollektive Selbsthilfe und Selbstverwaltung zielen, Besetzungen des Wohnraums etc.) könnten dabei die Formen sein. Diese zu entwickelnden Formen haben dabei einen Doppelcharakter: Sie bieten nicht nur die Möglichkeit für ein besseres Leben und Überleben in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen, sie sind auch der Versuch, Vorformen einer postkapitalistischen Gesellschaftsorganisierung zu entwickeln, auszuprobieren und zu lernen. Ein konkretes Beispiel hierfür in der Produktionssphäre ist die weltweite Gewerkschaft der Industrial Workers of the World (IWW), die die syndikalistische Organisationsform mit radikaler antikapitalistischer Gewerkschaftsarbeit verbindet. Diese Kerne proto-nicht-staatlichen Gesellschaftsorganisations- und Selbstverwaltungseinrichtungen, die Räte, sind das praktische Programm der Kommunist*innen gegen all die sich immer wieder auf den Staat Beziehenden, an ihn Forderungen Stellenden oder die auf ihm basierenden Entwürfe und Praxen der Sozialdemokrat*innen und Leninist*innen aller Couleur.

5. Schafft ein, zwei, viele strategische Zentren

Da Gesellschaft aber nicht nur eine Ansammlung von Sphären sondern eine allumfassende Totalität ist, muss auch ihre Kritik, sowohl ihre theoretische als auch ihre praktische, einen ebensolche sein. Dazu bedarf es Orte der kollektiven Reflektion, Analyse und Organisation, die die konkrete Kritik aus und an den Teilbereichen der Gesellschaft und ihren unmittelbaren Zumutungen auf ihr eigentliches gesellschaftliches Niveau hebt und so diese erkennbar und damit abschaffbar macht. Ohne solche strategischen Zentren, die kommunistischen Organisierungen, die in der Lage sind die Teilbereichserfahrungen und Praxen analytisch zusammen zu führen, strategisch zu wenden und sie qualitativ auf eine Kritik ums Ganze zu heben, verbleiben die jeweiligen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Analysen teilbereichsborniert. Eine Revolution, als Akt der gesellschaftlichen Umwälzung und Aufhebung, ist so nicht möglich. Dabei geht es nicht um die Bildung einer alles beherrschenden Organisation, sondern um einen Bereich vieler (anti-)politischer kommunistischer Organisierungen, die als abstraktes Ganzes als strategisches Zentrum wirken und sich nach „außen“ mittels Agitation und Propaganda vermitteln.

(1): Kommunist*innen: Hier: Die Leute, die die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Gänze ablehnen, emanzipatorisch überwinden und kategorial abschaffen wollen.

(2): Im Marxschen Sinne, wie u.a. in den „Thesen über Feuerbach“ entwickelt, nicht in der geschichts- deterministischen Verkehrung der Leninist*innen

(3): Auch hier wieder nicht im idealistisch-materialistischen Sinne der Leninist*innen sondern in dem der „Thesen über Feuerbach“.

(4): Was hier kurz skizziert wird ist natürlich eine Abstraktion im Durchschnitt. Sie schließt „irre“ und „dumme“ Politiker*innen und andere Firmenchefs nicht aus und ist in erster Linie konkret auf die BRD bzw. auf den „globalen Westen“ anzuwenden.

(5): Leninist*innen meint hier das gesamte, in sich natürlich sehr heterogene Spektrum, von „klassischen“ Parteien wie der DKP, über Trotzkist*innen, dem „Gegenstandpunkt“ als postleninistisch inhaltlicher Zusammenhang, bis ins mehrheitlich subjektiv autonome Spektrum z. B. in Form des bundesweiten „3a“-Bündnisses.


Basisgruppe Antifaschismus (BA) Bremen
St.Pauli-Str. 10-12
28203 Bremen
http://www.basisgruppe-antifa.org

18 Kommentare leave one →
  1. 12. Juli 2012 08:11

    Wenn ihr den Artikel repostet, reposte ich meine kleine Indy-Diskussion dazu:


    welche klassen
    tuli 11.07.2012 – 08:55
    Eure Analyse ist immer noch nicht über Marx hinausgekommen…
    Allein euer Klassenbegriff, ihr geht von zwei Klassen aus. Stellt sich die Frage warum zwei? Nun das wird ja eigentlich deutlich ihr bestimmt Klassen über das Verhältnis von Personen zum Kapital. ABER wenn ihr dies tut, müsstet ihr sowie Marx zumindest auf drei Klassen kommen. Marx spricht von der Mittelklasse, ich würde hier jetzt mal die Kategorie von Menschen bezeichnen, die dantifa 11.07.2012 – 09:41
    Finde den Vorschlag gut, vor allem weil er abseits der oft geschlossenen Antifa Strukturen Sympathisanten usw.. die Möglichkeit bietet den Kampf zu Supporten ohne vorher 3 Jahre Jugendantifa gemacht zu haben. ;)as Kapital mit dem sie produzieren besitzen. Selbstständige sind hiervon ein wichtiger Teil. Diese Klasse ist nicht verschwunden. Aber auch große Teile der Bevölkerung besitzen Teile des gesamtgesellschaftlichen Kapitals, meist indirekt => Versicherungen Fonds. Das heißt, diese Einheit der objektiven Klasseninteressen existiert so gar nicht.

    Zudem würde ich einen nicht auf die ökonomische Sphäre beschränkten Kapitalbegriff in Erwägung ziehen. Bourdieu geht da schon in eine ganz wichtige Richtung, denn wenn ihr bei einem so beschränkten Kapitalbegriff bleibt wie Marx, dann könnt ihr viele Sachen einfach nicht erklären. Erfahrungsgemäß kleben dann marxistische Gruppen einfach das Label „Ideologie“ drauf.

    Einheitsgewerkschaften à la IWW zu propagieren halte ich auch für problematisch, den große Organisationen neigen dazu oligarchische Strukturen auszubilden, zudem verdecken sie die widersprüchlichen Interessen innerhalb von Klassen. Selbst wenn wir von einem objektiven Klasseninteresse ausgehen, ist das ja wohl nicht alles! Außer ihr erklärt Sexismus zum Nebenwiderspruch und dann müssen wir eigentlich gar nicht mehr miteinander reden…

    Letzter Punkt: Was wollt ihr eigentlich? „die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Gänze ablehnen, emanzipatorisch überwinden und kategorial abschaffen wollen“ Das ist eine rein negative Bestimmung, womit ihr natürlich in einer guten Tradition steht, nämlich in der von Adorno. Aber selbst, wenn ihr euer Ziel negativ bestimmt, was ich akzeptieren würde, müsstet ihr doch noch mal klarer sagen was ihr negiert. Was sind die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse? Ist es nur die Kapitalistische Produktionsweise? Ist es auch die Vergeschlechlichtung von Individuen?

    @tuli
    anonym 11.07.2012 – 10:23
    marx hat nicht nur zwei oder drei klassen ausgemacht, sondern etwa zwei dutzend. das jeder irgendwie nur das – stark vereinfachte – pyramidenbeispiel kennt, und für abschließend hält ist wohl ein nicht mehr zu korrigierender irrtum der weltgeschichte.
    das wir heute eher den schichtenbegriff verwenden weil klasse zu ungenau ist, ist eine andere frage.

    aber nur mal aus neugier: was sind denn die „vielen sachen“ die man mit marx nicht erlären kann?

    @anonym
    tuli 11.07.2012 – 11:03
    „marx hat nicht nur zwei oder drei klassen ausgemacht, sondern etwa zwei dutzend.“ jein. Also Ich würde sagen, dass Marx einfach mehrere Klassenschemata kennt. Das auf das ich mich hier beziehe teilt nach dem Verhältnis zum Kapital ein. Das heißt Kapital haben ja/nein und selbst mit diesem Kapital produzieren ja/nein. Das heißt rein analytisch ergeben sich vier Möglichkeiten: ja/nein wäre die Bourgeoisie, nein/ja das Proletariat, aber es gibt auch ja/ja und wir könnten eventuell auch nein/nein haben, also vielleicht könnten Kindern und Pensionist_innen als nein/nein betrachtet werden, wegen dem workfare Ansatz von Harz IV würde ich dessen Bezieher_innen, eher in die proletarische Kategorie einordnen.

    „aber nur mal aus neugier: was sind denn die „vielen sachen“ die man mit marx nicht erlären kann?“ Also Dinge die Marx nicht oder nur schlecht erklären kann (und die politisch relevant sind), gibt es viele: Geschlechterverhältnisse, Rassismus, den Wechsel von Sklavenhaltergesellschaft zur feudalen, kulturelle Phänomene (Basis-Überbau ohne Rückkopplung halte ich für eine schlechte Erklärung)…
    Meine Kritik ging aber speziell auf seinen ökonomistischen Kapitalbegriff. Dieser verschleiert, dass auch in der heutigen Gesellschaft unsere Chancen und Lebensrealität nicht allein durch unsere (direkte) Beziehung zum ökonomischen Kapital bestimmt ist. Dinge die sich damit nicht erklären lassen, sind zum Beispiel Phänomene, wie die sogenannte Arbeiter_innenaristokratie, diese verfügt zwar über Kapital (jetzt im Bourdieuschen Sinn), aber eben nicht über ökonomisches Kapital. Sie bildet aber auf Grund ihres eigenen Kapitals aber auch spezifische Interessen aus, die verschiedenen sind von jenen, die dem ökonomischen Kapital nach mit ihnen eine Klasse teilen. Auch Studierende lassen sich mit dem oben angedeuteten ökonomischen Kapital schlecht fassen, nach dem ökonomischen Kapital stehen sie nämlich allgemein ziemlich schlecht dar, sie verfügen jedoch über kulturelles Kapital, welches sie später auch oft versilbern können. Ihre spezifische gesellschaftliche Position lässt sich meines Erachtens besser mit dem Bourdieuschen Kapitalbegriff fassen.

    Es gibt Leute, die wollen den Bourdieuschen Kaptialbegriff vom Marxschen getrennt wissen, ich halte das für einen Fehler. Wir müssen die unterschiedlichen Interessenlagen ernstnehmen und nicht einfach auf zwei dichotome Ausprägungen reduzieren, wie es dieser Beitrag macht.

    • 12. Juli 2012 10:05

      Der Teil ist in mein Kommentar unabsichtlich reingerutscht und gehört eigentlich nicht dazu „antifa 11.07.2012 – 09:41
      Finde den Vorschlag gut, vor allem weil er abseits der oft geschlossenen Antifa Strukturen Sympathisanten usw.. die Möglichkeit bietet den Kampf zu Supporten ohne vorher 3 Jahre Jugendantifa gemacht zu haben. ;)“

      vielleicht könnten die Moderator_innen den wieder rausnehmen?

    • class warrior permalink
      12. Juli 2012 12:05

      Tja, die Indy-Redaktion hat das ja bereits als „Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen“ eingeordnet 😉
      Werter tuli, falls du irgendeine klassenkämpferische Perspektive hast, ist das hochgradiger Quatsch, den du da verzapfst. In der Tat benutzt Marx den Begriff Klasse mal so, mal so – wenn er gerade mal von vielen Klassen spricht, sollte man das mit „Schicht“ übersetzen. Meint er Milieu, so wie Bourdieu, schreibt er oft von der „socialen race“. Und was diese „dritte“ Klasse betrifft, eine angebliche „Mittelklasse“, so sah Marx diese im Verschwinden begriffen. Diese „Mittelklasse“, die aus dem vorbürgerlichen Zeitalter übrig war, ist nicht identisch mit einer „Mittelschicht“. Und diese „Mittelschicht“ wiederum ist ein Milieu, in dem es sowohl Arbeiter- wie auch Kapitalistenklasse gibt. Nehmen wir deine Selbstständigen: Haben wir hier einen erfolgreichen selbstständigen Unternehmer, sagen wir, mit 2 -3 Angestellten, steht er recht eindeutig auf der Kapitalseite. Haben wir einen Soloselbstständigen, ist doch ganz klar, dass es sich um eine Person handelt, die nichts zu verkaufen hat als ihre Arbeitskraft, und das zu freien und gleichen Bedingungen – sie macht das nur anders, ist aber definitiv Arbeiterklasse. Nichtsdestotrotz ist es natürlich richtig, dass die Klassenspaltung durch die Individuen hindurchgeht, man kann nicht einfach – und schon gar nicht statisch – sagen: diese Person gehört zur Arbeiterklasse und diese nicht. Z.B., um die Debatte um den sog, „Klassismus“ (auch der Ansatz ist nicht falsch, es geht um schichtspezifische Diskriminierung, der Begriff ist nur etwas irreführend) aufzugreifen, ist niemand automatisch „Arbeiterklasse“, weil er/sie in einer Arbeiterfamilie groß geworden ist. Es besteht höchstens eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er/sie das wird.
      Um kurz auf Marx zurückzukommen: Es kommt gar nicht auf die Anzahl der Klassen an, sondern auf die Frage, welche dieser Klassen die Hauptakteure im Kapitalismus sind. Der Kapitalismus ist definiert durch das „Kapitalverhältnis“, durch Arbeit und Kapital, das durch zwei Klassen realisiert wird – das muss nicht notwendigerweise über das Kapitalverhältnis hinausweisen, aber es kann. Mit Empirie kommen wir hier nicht weiter, das Klassenverhältnis ist im stetigen Wandel und entsteht auch immer neu durch Handeln (theoretisch: ich kann als Arbeiter ganz viel sparen und das ersparte als Kapital einsetzen).

      Was Bourdieu betrifft: Was Bourdieu macht, ist eben keine Klassenanalyse. Bourdieu hat Milieus analysiert. Bestimmte Milieus sind in bestimmten Klassen häufiger zu finden, aber das ist kein notwendiger Zusammenhang. Mit Bourdieu lassen sich Diskriminierungen analysieren (s.o.: Klassismus), aber für einen Klassenkampf und für eine revolutionäre Perspektive ist das untauglich. Klar kann man mit Bourdieu einiges erklären, warum etwa in bestimmten Milieus der Klassenkampf unwahrscheinlich ist (aber dann guckt er selber ganz überrascht aus der Wäsche, als die Arbeitslosen doch kämpfen!). Als „Linker“ (und übrigens Verächter des Anarchismus) ist Bourdieu in seiner Perspektive vom Leninismus beeinflusst, der in dem Papier der „Basisgruppe“ ja nun zu Recht abgeurteilt wird: Bourdieu ist auf der Suche nach dem „richtigen Bewusstsein“: Da weiß der Intellektuelle mal wieder, was das beste für die Arbeiterklasse (oder auch für Bauern, Arbeitslose…) ist und versucht zu erklären, warum die das selber angeblich nicht wüßten.

      Im übrigen kann man nahezu alle Phänomene, die dir bei Marx zu fehlen scheinen, sehr wohl mit Marx erklären. Alleine bei Rassismus wäre ich mir nicht so sicher. Marx argumentiert keineswegs ökonomistisch. Er hat mit dem „Kapital“ eine ökonomische Analyse hervorgebracht und wenn man immer wieder nur diese durchkaut, wirkt das natürlich so. Aber gerade was „Geschlechterverhältnisse“ angeht, kann man aus Marx (und übrigens noch viel mehr aus Engels, z.B. „Heilige Familie“ ) rausholen. dazu empfehle ich Heather A. Brown (z.B. hier: http://citation.allacademic.com/meta/p_mla_apa_research_citation/3/6/3/6/2/pages363626/p363626-1.php). Ich spar mir die weiteren Aspekte, zum Übergang von der feudalen Sklavenhaltergesellschaft zu einer kapitalistischen wird sehr schön bei Linebaugh/Rediker „Die vielköpfige Hydra“ beschrieben.

      Was deine Kritik an einem Konzept der „one big union“ betrifft, bin ich vollkommen perplex: Gerade weil es selbstverständliczh schicht-, branchen-, verdienstbezogene, geschlechtliche etc. Differenzen in der Arbeiterklasse gibt, ist es doch sinnvoll, sie in einer Gewerkschaft zu organisieren, um diese Partikularinteressen zu überwinden und trotz der verschiedenen Interessen eine Basis für Solidarität und gegenseitige Hilfe zu finden! Gerade wenn du in diesem Fall Sexismus als Beispiel aufgreifst scheint mir, du hast den Zweck einer Gewerkschaft nicht verstanden. Werfen basisgewerkschaftlich organisierte SyndikalistInnen Frauengruppen vor, den Kapitalismus zum Nebenwiderspruch zu degradieren? (Dieses ganze Haupt- und Nebenwiderspruchsblabla ist eh eine Verirrung der 1970er Jahre und hat mehr mit dem Mackertum der damaligen K-Gruppen zu tun als tatsächlich damit, dass in der historischen Arbeiterbewegung nicht über Geschlechterverhältnisse geredet worden wäre… womit ich nicht gesagt haben will, dass das schon genug gewesen wäre!). Die „Basisgruppe“ schlägt doch ganz deutlich eine Doppelstrategie vor!

      • 12. Juli 2012 18:48

        Die Unterschiede zwischen Klassen, Schicht und Milieu musst du mir nicht erklären, den kenn ich. Auch dass Bourdieu nicht die passende Theorie für Revolution und befreite Gesellschaft dargelegt hat, Kein Zweifel. Ich wollte auch nicht seine eher kultursoziologie Milieutheorie übernehmen, sondern den erweiterten Kapitalbegriff. Auf den gehst du aber gar nicht ein, sondern bleibst beim Ökonomischen.

        Da können wir auch gleich zum Soloselbstständigen kommen, ja auch der verkauft in einem gewissen Sinne „nur“ seine Arbeitskraft, nur ist diese meistens (wenn es sich nicht um Scheinselbstständigkeit handelt) noch mit kulturellem Kapital angereichert. Meines Erachtens ist dies ein wichtiger Unterschied. Womöglich lässt sich auch der Marxsche Kapitalbegriff in diesem Sinne produktiv missverstehen, selbstverwertender Wert ist ja nicht gerade deutlich.

        „Es kommt gar nicht auf die Anzahl der Klassen an, sondern auf die Frage, welche dieser Klassen die Hauptakteure im Kapitalismus sind“
        Aber wer sind die Hauptakteur_innen? Nun wir könnte vielleicht mit Marx ganz banal sagen, dass es jene sind die Mehrwert produzieren und jene die ihn abschöpfen, aber dazu müsste ich die marxsche Wertkritik akzeptieren mit ihrer Arbeitswertlehre und auch wenn ich da noch nicht ganz eingearbeitet bin (habe das Heinrich Buch dazu gelesen und kurze Ausschnitte des Kapitals), bin ich da mal eher skeptisch. Ich denke so einfach die Hauptakteur_innen nach analytischen Kategorien einzuführen halte ich für sehr fragwürdig.

        Das Marx nicht ganz unwichtige Sachen zu Geschlecht gesagt, das möchte ich gar nicht bestreiten, auch einen Haufen sexistischer Vorstellungen sind bei ihm und bei Engels zu finden. Aber soweit ich Marx kenne, so bindet er doch das Geschlecht an die Reproduktion und übersieht die sozialkonstruktivistische Komponente. Jede Theoretisierung die eine Binarität vorwegnimmt, würde ich als nicht ausreichend bezeichnen.
        Seine Begründung vom Wechsel von Sklavenhaltergesellschaft zu Feudalismus überzeugt mich nicht, ich habe erst gestern die Variante aus der deutschen Ideologie gelesen. Er sieht die Barbaren den Feudalismus auf den Trümmern der römische Zivilisation aufbauen, wieso es aber zu dieser spezifische Ausformung kommt erklärt er nicht. Vielleicht steht dazu im Kapital noch etwas von dem ich nicht weiß, vielleicht wird es dort besser erklärt. Zumindest lässt sich meines Erachtens der Wechsel von Sklaverei zu Feudalismus nicht direkt und unvermittelt aus einem Klassenkampf ableiten.
        Das Buch von Linebaugh und Rediker sagt mir zwar was, ich glaube ich habe jüngst einen Vortrag gehört indem es erwähnt wurde, ich kenne es aber nicht. Vielleicht wird dort ja die Brücke geschlagen, die ich bei Marx nicht sehe.

        Zur one big union sache: Ein Umsturz gegen den Kapitalismus kann genau eine Trennung der Partikularinteresse überwinden, jenes zwische Kapital und Arbeit. One big union kann die anderen Partikularinteressen nicht überwinden, sondern höchstens verdecken! Es gibt genau ein gemeinsames Interesse, dass das Proletariat struktural teilt und das ist rein negativ bestimmt: Die Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung.
        Warum, so meine Frage aber eine Einheitsgewerkschaft? Ich denke dieses negative Interesse kann keine einzelne Organisation von solcher Größe ohne herrschaftliche Mittel zusammenschweißen. Aber nicht missverstehen, damit schlage ich noch nicht Syndikate aus! Sondern ich will sie nur von kleinerer Größe, die können dann ja auch solidarisch untereinander sein und sich gegenseitig helfen. Ich will halt nur nicht eine Organisation fürs Proletariat, so wie ich nicht für eine Einheitsorganisation für Frauen* im Kampf gegen das Patriarcht bin. (Allerdings hinkt dieser Vergleich etwas)

      • Anonymous permalink
        13. Juli 2012 10:56

        @tutli
        „one big union“ meint primär nicht den anspruch, die gesamte arbeiterklasse als solche zu organisieren, sondern eine gewerkschaftsstruktur, die für alle arbeiterinnen aller branchen und nationen offen ist und diese zusammenbringt. im gegensatz etwa zu beriebs-, berufs- oder separate branchengewerkschaften, die sich nur an ein spezielles klientel richten. ob die arbeiterklasse als einheit von dieser one big union gebrauch macht, steht auf einem anderen blatt.

  2. Gähn permalink
    12. Juli 2012 13:10

    studentischer Blödsinn.

    • class warrior permalink
      12. Juli 2012 16:01

      Die größten Kritiker der Molche
      Waren früher selber solche.

    • Adporno permalink
      12. Juli 2012 16:18

      Doppelgähn.
      Die Bremer Gruppe „Basisgruppe Antifaschismus“ sind Hippies die nur reden. Es ist bedenklich wenn deren Laberexzesse jetzt auch hier ihren nervtötenden Niederschlag finden.

      Gähn hat absolut recht, studentischer, pseudoakademischer Blödsinn. Durch Reden hat sich noch nie viel bewegt… und so geht es dann fröhlich weiter – BlaBlaBla….

  3. Granado permalink
    12. Juli 2012 13:25

    Was ist die Verbindung von „die syndikalistische Organisationsform mit … Gewerkschaftsarbeit“?

  4. kein scheiss permalink
    12. Juli 2012 19:08

    ich brauche keinen marx um zu erkennen, dass der kapiatlismus scheisse is.

    • scheiss kain permalink
      14. Juli 2012 00:37

      ich brauch keine bibel um zu erkennen, dass gott scheisse ist.

  5. Anarchosyndikalist permalink
    12. Juli 2012 22:47

    Vorab ein herzliches Dankeschön an class worrior für die Entgegnung auf das Geschwurbel von Herrn Tuli.

    ~~~~~~~~~~~

    Zum Artikel

    Wenn solche sich selber als die Einzigwahren gerierenden Kommunist~innen schreiben:

    „Wenn die Kommunist*innen dies nicht wollen bleibt keine andere Möglichkeit als diese Trennung nicht zu vollziehen zwischen „Befreier*innen“ und zu Befreienden.“

    zeigt dies deutlich, dass sie es immer noch nicht begriffen haben. Aus der Perspektive der nun „ehemaligen“ Kommunist~innen als die Befreier~innen ist es durchaus so, dass diese Trennung falsch war, weil sie gescheitert sind. Wenn sie also die Trennung innerhalb ihres Welt- und Menschenbildes aufheben, ergibt sich dann daraus eine vereingte Gruppe von Ex-Befreier~innen und immernoch zu Befreienden. Ob das besser klappen wird, ist schlichtweg irrelevant.

    Aus den Lehren der Geschichte war diese Trennung falsch und ist auf noch nicht einmal paradoxe Weise ebenso richtig gewesen, denn die „zu Befreienden“ hätten garnicht von mehr oder weniger marxistisch-bekloppten Kommmunist~innen „befreit“ werden können. Diese Lehren führen dann automatisch und alternativlos dazu, dass „die zu Befreienden“ — sprich die Arbeiter~innenklasse — sich selbst befreien müssen, und sich somit ebenso konsequent von den „Befreier~innen“ — sprich den Kommunist~innen — endgültig trennen müssen, also diese Trennung zur Vollendung zu bringen.

    Auf mehr Einzelheiten einzugehen ist der Mühe nicht wert.

    Eine Frage stellt sich noch für mich ………. Nix für ungut, aber muss wirklich jeder Artikel, und sei er noch so schlecht, auf TK repostet werden, nur weil das Wörtchen „syndikalistisch“ eingestreut wurde?

    Anmerkung Syndikalismus: Du weisst doch das wir freundliche Menschen sind. Die GenossInnen der BA haben uns freundlich angefragt und wir haben uns beraten und den Text dann veröffentlicht. Wie man sieht bringt er tatsächlich eine inhaltliche Auseinandersetzung hervor. Sowas schärft die eigenen grauen Zellen und ist nicht verkehrt.

  6. Wird wohl nix permalink
    20. Juli 2012 12:53

    Die Anfrage der BA auf Veröffentlichung war mit einer Einladung zur Diskussion unterfüttert:

    „Dabei erheben wir mit diesem Text nicht den Anspruch den der Weisheit letzten Schluss gezogen zu haben, er ist vielmehr eine Einladung zur Diskussion.“

    Tja, Schweigen ist auch eine Antwort.

  7. Anachrono-Syndikalist permalink
    28. Juli 2012 02:19

    @ Anarchosyndikalist
    1.)
    Krieg ist Frieden
    2.)
    Freiheit ist Sklaverei
    3.)
    Unwissenheit ist Stärke

    • Anarchosyndikalist permalink
      28. Juli 2012 18:13

      1.)
      Stimmt.
      2.)
      Na klar.
      3.)
      Weils Du bist.

  8. Kritische Theorie als situationistische Aktualisierung? permalink
    3. Dezember 2015 23:18

    Kritische Theorie als situationistische Aktualisierung?

    „Die Situationistische Internationale verdichtete die Kritik der kapitalistischen Totalität in dem Versuch, die Trennung der Sphären durch ein spezifisches Theorie-Praxis-Verhältnis hindurch aufzuheben. Es ging ihr um die Frage der Aneignung der hervorgebrachten Möglichkeiten – gegen ihre elende Nutzung, unter den Bedingungen der Vergesellschaftung über den Wert – in einem entschieden forschenden und experimentellen Sinne, dabei todernst in der Sache. »Revolutionäre Spieler aller Länder vereinigt Euch« bedeutete für die S.I. nicht mehr die Poesie in den Dienst der Revolution zu stellen, sondern umgekehrt dem Bestehenden die Herrschaft über die Definitionen des möglichen Gebrauchs zu entwenden (détournement) und sich gleichzeitig der Gefahr der Beschlagnahme durch das Spektakel (récuperation) bewusst zu sein. Kein Argument für Untätigkeit, sondern eines gegen Dummheit und Unbeweglichkeit. Ein neuer Anlauf, auf diesem Planeten menschenwürdige Zustände herzustellen, sollte besser nicht unterhalb des Niveaus der S.I. angesetzt werden. Mit der S.I. scheint eine moderne Form der Association auf, die eines modernen Theoretiker- und Experimentatorenkollektivs, welches jede Form der Entfremdung im Kampf gegen die Entfremdung bei Strafe des eigenen Untergangs sofort bekämpfen muss.

    Das Autorenkollektiv Biene Baumeister Zwi Negator hat versucht, eine immanente, eine rettende Kritik der S.I. zu entwickeln. Trotz deren unbestreitbaren blinden Flecken im Hinblick auf den Nationalsozialismus und die Shoah einerseits, und andererseits die Geschlechterverhältnisse und damit einer allesumfassenden Kritik des Alltagslebens, sollte gezeigt werden, wo nicht hinter die SI zurückgegangen werden darf, bzw. erst noch nicht einmal geborgene Schätze für eine revolutionäre Kritik auf der Höhe der Zeit zu finden wären. »Die Rückkehr des Verdrängten« wäre insofern nicht nur in Bezug auf die Geschichte der S.I. zu verstehen, als weitgehend in der Schublade für politisierten Künstleravantgarden versteckte. Das schmerzhafte Aufrufen der geschichtlichen Niederlagen der bisherigen Emanzipationsanläufe und was darin zu retten wäre, wie auch die von der situationistischen Kritik nicht unter Beschuss genommenen entscheidenden Momente der gesellschaftlichen Totalität sind der Verdrängung zu entreißen.

    Debords erkenntniskritisches Diktum, dass die »Wahrheit dieser Gesellschaft nichts anderes ist als die Negation dieser Gesellschaft«, ist in seiner Allgemeinheit ebenso richtig wie es nach dem Nationalsozialismus, der barbarischen Negation der bürgerlichen Gesellschaft, durch eben diese Allgemeinheit falsch wird. Die Negation orientiert sich hier ausschließlich am Marxschen kategorischen Imperativ aus dem Jahr 1844, nicht aber am Adornoschen, der in Reflexion auf die Katastrophe fordert, alles Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Die Situationistische Internationale teilte mit der von ihr so scharf kritisierten Linken die Ignoranz gegenüber dem kapitalentsprungenen Antisemitismus, was ihr auch ein Verständnis des Zionismus, der Notwehrmaßnahme gegen diesen Antisemitismus, von vornherein unmöglich machte.

    Zwi vom Autorenkollektiv Biene Baumeister Zwi Negator, das eine zweibändige »Aneignung« von »Situationistischer Revolutionstheorie« herausgebracht hat und mit zwei Beiträgen in dem Sammelband »Spektakel – Kunst – Gesellschaft« vertreten ist, wird an diesem Abend neben einer von Musik und Bildern begleiteten kurzen Einführung in die Geschichte der SI über die Möglichkeit einer aktualisierenden kritischen Ingebrauchnahme der situationistischen Kritik sprechen.

    Stephan Grigat, Mitherausgeber des Sammelbandes »Spektakel – Kunst – Gesellschaft« und Aktivist der Gruppe »Café Critique«, wird zum einen die Intentionen des Sammelbandes erläutern und sich zum anderen mit der Auseinandersetzung der SI mit Israel und dem Zionismus beschäftigen. “ (Text, Quelle & MP3: http://theoriepraxislokal.org/audio/a…)

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