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Radio Chiflado: Wer erschoss Carlo Tresca?

24. Juni 2012

Am Abend des 11.Januar 1943 überquert der Anarchosyndikalist Carlo Tresca die Fifth Avenue an der 13.Strasse, als ein schwarzer Ford neben ihm hält. Ein Mann, von kleiner aber kräftiger Statur, bekleidet in einem braunen Mantel springt heraus und feuert aus nächster Nähe zwei Schüsse auf Tresca ab. Während der Attentäter in den Wagen springt und davonfährt, bricht Carlo Tresca tödlich getroffen zusammen. Schon als später der Wagen aufgefunden wurde, leer alle vier Türen offen, gibt es erste Spekulationen zu dem Mörder. Eine Theorie besagt, es wäre ein Auftragsmord der Mafia, andere widersprechen vehement und machen den sowjetischen Geheimdienst NKWD (Innenministerium der UDSSR) verantwortlich, als Rache gegen die harsche Kritik von Tesca am stalinistischen Regime in der Sowjetunion.

Wer war dieser Carlo Tresca, der so viele „richtige Feinde“ hatte? Für uns auch die Gelegenheit, zwei interessante Figuren des amerikanischen Anarchismus zu zeichnen, die , zumindest in Europa, von und durch andere „Leuchtfeuer“ verdeckt blieben.

Geboren 1879 in eine verarmte Grundbesitzerfamilie aus Sulmona, einem Tal in den Abruzzen hineingeboren, kam er schon früh mit den „unruhigen Geistern“ dieser Region in Kontakt, schließt sich der Eisenbahnerföderation an und wird deren Sekretär. Mit 22 Jahren gibt er die Zeitschrift „Il Germe“ (Keim, Keimzelle) heraus und legt sich da mit den lokalen „Größen“ in Kirche, Politik und Wirtschaft an. Wegen „Beleidigung“ eines Polizisten muss er das erste Mal für zwei Monate ins Gefängnis, einer weiteren Haftstrafe entgeht er durch Flucht in die USA. Bei einer Zwischenstation in Genf begegnet er für kurze Zeit einem sich sozialistisch nennenden ziemlichen aufgeblasenen jungen Mann – Benito Mussolini – , der sich dem Militär entziehen wollte.

1904 kommt Carlo Tresca in New York an.

„In Amerika erfuhr ich all die Leiden, Enttäuschungen und Entbehrungen, die zwangsläufig das Los eines Menschen sind, der im Alter von zwanzig Jahren hier ankommt, nichts vom Leben weiß und etwas von einem Träumer in sich hat. Hier sah ich die ganze Grausamkeit des Lebens, all die Ungerechtigkeit und die Korruption, mit der sich die Menschheit auf so tragische Weise herumschlägt.“ Diese Worte von Bartolomeo Vanzetti, der vier Jahre später in die USA auswandert, sind symptomatisch für das Erleben vieler italienischer Einwanderer in dieser Zeit. Auch Carlo Tresca erwartet das Elend des täglichen Lebens, er sieht nur die Widerspiegelung der Herrschaftsverhältnisse in Europa, bleibt außen vor, ein „weiterer Italiener in Amerika.“

In Philadelphia wird er Autor und Mitherausgeber von „Il Proletario“, der Zeitschrift der „Italienischen Sozialistischen Föderation“. Er schreibt über Bordelle und Minenarbeiter, wird angegriffen und verklagt. Durch die praktischen Erfahrungen radikalisiert er sich in seinem glühenden Engagement mehr und mehr zum Anarchosyndikalisten, verlässt die Föderation. Er gibt seine eigene Zeitschrift heraus: „La Plebe“(der Plebs,der Pöbel), geht nach Pittsburgh , verteilt anarchistische Schriften an die italienischen Bergarbeiter in Pennsylvanien. Gleichzeitig attackiert er in seiner Zeitung den Klerus und deren Verbindungen mit der Mafia und den Eigentümern der Gruben, deckt die Korruption der Regierung von Pennsylvanien auf. Sie antworten mit Geld-und Haftstrafen, ein versuchtes Attentat schlitzt ihm die Lippe bis zum Kinn auf.

1912 schließt er sich der IWW an, als er über die Verhaftung zweier IWW Aktiver, Joe Ettor und Arturo Giovannitti berichtet. Tresca wird als eine „bunte, charismatische Figur“ gezeichnet, der die Kämpfe vor allem der italienischen Arbeiter*innen mit glühendem Einsatz unterstützte. So war er aktiv an den (erfolgreichen) IWW Streiks in Lawrence (1912), den Streik der Textilarbeiterinnen in New York(1912), den „Seidestreik“ 1913 und dem der Bergarbeiter 1916 in Minnesota beteiligt.

Fast noch bekannter wurde er durch seine Liebesbeziehung mit der IWW Aktivistin Elizabeth Gurley Flynn, was ihn nicht davon abhielt, auch andere Liebesbeziehungen einzugehen. „Ich mag eine Frau, und dann vergeht die Zeit, und ich mag eine andere“ – was selbstverständlich wäre, würde er dies auch den jeweiligen Frauen „zugestehen“. Stattdessen verlangte er von Elizabeth Gurley Flynn unbedingte Hörigkeit ( die er „Solidarität“ nannte) und das Einschränken ihrer eigenen politischen Arbeit. Dieser „eindrucksvoll aussehende und auftretende Mann“ mochte zwar alle möglichen Phantasien bei den linken Intellektuellen hervorrufen, für die militanten italienischen Arbeitsemmigrant*innen und der Entwicklung des Anarchismus in den USA war jedoch auch eine andere Person maßgeblich.

„Wenn wir über Eigentum, Staat, Chefs, Regierung, Gesetze, Gericht und Polizei reden – so sagen wir dazu nur, dass wir nichts davon wollen.“ (Luigi Galleani)

Als Luigi Galleani 1901 an der nordamerikanischen Küste an Land geht, hatte er schon zehn Jahre in den italienischen Gefängnissen oder im Exil verbracht. Wie viele Anarchisten in Italien wurde er aufgrund seiner Aktivitäten auf verschiedene Inseln verbracht. Von der letzten, der Insel Pantellaria (gelegen zwischen Tunesien und Sizilien) konnte er 1900 flüchten. Über Kairo und London kam er in die USA und dort nach Patterton, New Jersey, damals eine Hochburg des Anarchismus. Schnell wurde er Redakteur der Wochenzeitung „Die soziale Frage“, engagierte sich im Textilstreik 1902, wo er bei Kämpfen mit der Polizei angeschossen wurde – wieder konnte er flüchten. In Vermont (Kanada) gründete er dann die Zeitung “ Cronaca Sovversiva (Subversive Chronik)“, die bis 1918 nicht nur die anarchistische Bewegung, sondern die gesamte revolutionäre Entwicklung der italienischen Emigrant*innen stark beeinflusste. Für sie war der Anarchismus nur als militanter Kampf gegen die Unterdrückung und Ausbeutung vorstellbar. Es blieb keine Zeit, wie bei den syndikalistischen Arbeiter*innen Organisationen aufzubauen, die dann sowieso wieder zerschlagen wurden. Es galt den Kampf jetzt und hier zu führen, nicht für eine „neue Welt“, sondern von der alten des Zwanges und der Privilegien möglichst alles zu zerstören. Galleani war ein glänzender Redner und eifriger Schriftsteller, der mit seiner kompromisslosen Art Tausende anzog und eine Gruppe um sich versammelte – die „Galleanisten“, zu denen auch Sacco und Vancetti gehörten. Die „Galleanisten“ waren von heute aus betrachtet eher dem „aufständischen Anarchismus“ zuzuordnen, sie traten für individuelle und kollektive Aneignungen ein und befürworteten Aktionen der „Propaganda der Tat“. Ihnen wurden u.a. mehrere Bombenanschläge zur Last gelegt, vor allem der Anschlag in der Wallstreet 1920, wo 38 Menschen getötet wurden.

„Denkt daran: Wir werden es nicht länger hinnehmen. Freiheit für die politischen Gefangenen oder es wird der sichere Tod für euch alle sein.“ war der Text eines Flugblattes, das in der Nähe gefunden wurde.. Deshalb konzentrierten sich die Ermittlungen von Anfang an auf „italienische Anarchisten“ und vor allem im Zusammenhang zu den beiden Mitgliedern der „Galleanisten“ ,Sacco und Vancetti, die nur wenige Monate zuvor im Rahmen einer anderen Ermittlung (Raubüberfall) verhaftet worden waren. Luigi Galleani und Carlo Tresca – so verschieden sie auch in ihren Kämpfen und Ideen waren – gelten als die herausragendsten Persönlichkeiten der italoamerikanischen Anarchist*innen. Klar gab es Pietro Gori, der in diesen Kreisen präsent war, viele Vorträge hielt, es gab Errico Malatesta, der 1899 sich in New Jersey mit italienischen Anarchisten traf.

Doch in der Erinnerung blieben vor allem die beiden Kontrahenten Galleani und Tresca, deren grundverschiedene Positionen sich vor allem in der Kampagne zu Sacco und Vancetti noch mehr vertieften. Tresca hatte in seiner Arbeit innerhalb der radikalen Bewegung gute Kontakte zu Anwälten, Politikern und Leuten mit Geld und Einfluss. Dies versuchte er nun in der Kampagne für Sacco und Vancetti zu nutzen Für die „Galleanisten“ war so etwas undenkbar und der Streit über Ideen und Praxis wurde persönlich. Als – so verschiedene Kommentare – öffentlich lanciert wurde (angeblich von Galleani selbst initiiert), daß Tresca im privaten Kreis Sacco für „SCHULDIG!“ befunden hatte, war der Graben unüberwindbar geworden.(Andere Stellen berichten, daß Tresca dies erst viel später dem Schrifsteller Max Eastman erzählt habe). Auch der Versuch von Tresca, die Exekution durch einen Aufruf zu einem Generalstreik verhindern zu können, blieb in jeder Hinsicht erfolglos.

Tresca blieb aber auch in anderer Hinsicht keine Ruhe. Der Erfolg der italienischen Faschisten um Benito Mussolini brachte in die italoamerikanische Gemeinde eine Welle des Patriotismus, die nicht nur ihm Kopfschmerzen bereitete und einen enormen Tätigkeitsdrang freiließ. „Wir argumentieren nicht mit den Faschisten – wenn sie sich der Diskussion mit uns stellen wollen, sagen wir, dass wir diskutieren werden, wenn unsere Brüder in Italien eine freie Presse und das Recht haben, reden zu halten und auf den Straßen sich zu treffen. Bis dahin tragen wir unseren Disput mit Waffen aus“

Dies löste natürlich in Rom alles andere als Freude aus. Mussolini – wir erinnern uns an den aufgeblasenen jungen Sozialisten, den Tresca in Genf traf – versuchte auf die USRegierung Druck auszuüben, es wurden Mordanschläge auf Tresca verübt. Aber er hätte sich 1931 fast selbst erschossen, als er sich nach weiteren Morddrohungen einen Revolver zulegte.

Carlo Tresca war zu Beginn der russischen Revolution ihr glühender Verehrer gewesen(„ein sozialistischer Staat sei immer einem kapitalistischen vorzuziehen“) und hatte immer wieder versucht mit den Kommunist*innen antifaschistische Komitees aufzubauen, doch die Repression der Bolschewiki und die Ermordung vor allem der anarchistischen Genoss*innen machte ihn zum konsequenten Gegner des sowjetischen Regimes. Als er 1938 öffentlich die Sowjetunion für das Verschwinden(lassen) von Juliet Stuart Poyntz (USamerikanische Kommunistin und Kritikerin der stalinistischen „Säuberungen“) verantwortlich machte und sich darüber hinaus noch für Leo Trotzki einsetzte (sehr auch zum Misslieben der anderen Anarchist*innen) , vergrößerte sich die Anzahl der Leute, die seinen Tod wollten.

Ab dieser Zeit versuchte er – zumindest in New York – den Einfluss der Kommunisten in den antifaschistischen Organisationen wenn nicht zu verhindern, so doch so klein wie möglich zu halten. Als er am Abend des 11.Januar 1943 aus einer dieser Versammlungen kommt, wird er mit drei Schüssen tödlich getroffen. Der Attentäter bleibt bis heute unbekannt. Viele seiner Freunde vermuten, dass die Faschisten diesmal erfolgreich waren, ein Auftragsmord des Herausgebers der faschistischen Zeitung Il Progresso Italo Americano Generoso Pope , andere verdächtigten Vittorio Vidali, Mitglied der KomIntern. Seit einiger Zeit (2010)verdichten sich die Hinweise, in denen Frank Garofalo, ein Killer der Mafia, als Attentäter bezeichnet wurde. Offiziell bleibt der Mord ungeklärt. Eigentlich hätten es alle sein können, dafür hatte Carlo Tresca nun wirklich genügend „richtige Feinde“.

„Ich habe mit meiner ganzen Kraft versucht, die moralischen und materiellen Bedingungen der italienischen Arbeiter hier zu verbessern und ich habe versucht, in ihren Seelen denselben Glauben an ihre Emanzipation einzuflössen, die in mir lebendig ist. Ich bin ein Soldat des Ideals.“

Übernommen vom Radio Chiflado. Dort finden sich auch weitere Illustrationen zu diesem Beitrag.

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