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Massenmörder~innen der Nächstenliebe: “Wir haben Gott lediglich seine mißratene Schöpfung zurückgegeben.”

20. Juni 2012

Was die Pfaffen
wirklich fürchten:
„Lachen tötet die Furcht.
Und ohne Furcht kann es
keinen Glauben geben.“

“Alles Kranke ist Last…” — Die Kirchen und die “Vernichtung lebensunwerten Lebens”.  Ein Film von Ernst Klee und Gunnar Petrich.

Die sehenswerte Dokumentation des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 1988 verweist auf die Rolle und Verantwortung der Kirchen bei der Umsetzung des Euthanasie-Programms in Nazi-Deutschland, das zur Ermordung von rund 200.000 Menschen, die als “Behindert” oder “Geisteskrank” klassifiziert wurden, führte. Die Autoren machen deutlich, dass bereits lange vor der Machtergreifung der Nazis, prominente Kirchenvertreter der “Vernichtung unwerten Lebens” das Wort redeten und sich, von Ausnahmen abgesehen, zu willigen Vollstreckern der nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungspolitik machen ließen.

So heißt es in dem Film:

Zu den Vertretern der Rassen-Ideologie gehört auch der Moral-Theologe Joseph Mayer, Assistent am Institut für Caritas-Wissenschaft in Freiburg. Er war 1927 Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Caritas” geworden und ist ein gefragter Redner auf Tagungen und Kongressen. Sein 1927 erschienenes Buch „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker” gehört zum Schlimmsten was über Kranke und Behinderte jemals geschrieben wurde…

Zitat: – „Wenn darum ein Mensch der ganzen Gemeinschaft gefährlich ist und sie durch irgend ein Vergehen zu verderben droht, dann ist es löblich und heilsam ihn zu töten, damit das Gemeinwohl gerettet wird.” –

Mayers Werk hat das Imprimatur, die bischöfliche Druckerlaubnis. Das Buch wird allgemein positiv aufgenommen. Die Vereinigung katholischer Seelsorger an Deutschen Heil- und Pflegeanstalten preist es als Standardwerk, als eine „Rüstkammer für kommende Zeiten”.

Die Filmautoren verweisen darüber hinaus auf den Zusammenhang zwischen dem Massenmord an Kranken und Behinderten und dem Kriegsbeginn und der verstärkt einsetzenden Verfolgung und Ermordung von Juden, die schließlich in den Holocaust mündete. Ausführliche Informationen dazu finden sich u. a. auf den folgenden Seiten:

“Euthanasie und Eugenik im Dritten Reich”
http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/holocaust/qeuthanasieq/240.html

“Euthanasie”
http://www.deathcamps.org/euthanasia/t4intro_d.html

oder hier:
http://gedenkort-t4.eu/

Außerdem noch ein Buchtipp zum Thema: Ernst Klee: “Euthanasie” im NS-Staat — Die “Vernichtung lebensunwerten Lebens”

36 Kommentare leave one →
  1. Einige teufelsähnliche Kinder sind wahre Teufel. Sie sollen ertränkt werden. permalink
    23. Juni 2012 13:25

    Einige teufelsähnliche Kinder sind wahre Teufel. Sie sollen ertränkt werden.

    „Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es wahre Teufel sind.“

    (Opery exegetica, Erlanger Ausgabe, II., S. 127)

    „Luther empfahl, man solle ´Wechselbälge` und ´Kielkröppe` ersäufen, da ein solches Kind lediglich ein vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch („massa carnis“) war.“
    Anmerkung: Martin Luther übernimmt hier den Glauben der mittelalterlichen katholischen Kirche. Dazu heißt es bei trisomie21.de (siehe oben): „Die Überzeugung, ein neugeborenes Kind, das nicht den damaligen Vorstellungen von Normalität entsprachen, sei ein ausgewechseltes, von satanischen Mächten untergeschobenes Kind, ein ´Wechselbalg`, schmälerte die Überlebenschancen behinderter Kinder. Um satanische Machte zur Rückgabe des Kindes zu bewegen, wurde geraten, den Wechselbalg mit ´geweihten Ruten` bis auf das Blut zu schlagen, ihm die Nahrung zu entziehen, es auszusetzen oder zu töten.“

  2. +++ Die christlichen Wurzeln des Nationalsozialismus +++ Millenaristische Bewegungen und das Reich Gottes +++ permalink
    23. Juni 2012 13:34

    Die christlichen Wurzeln des Nationalsozialismus
    Millenaristische Bewegungen und das Reich Gottes

    Vorwort und Einführung

    Das Reich Gottes

    Adolf Hitler, der Erlöser

    Nachfolge Jesu in SA-Uniform

    Diakone, Pfarrer und Bischöfe im KZ

    Christliche Rassenhygiene vor der Machtergreifung

    Die Mär vom Kirchenkampf und andere Legenden

    Die Kirchen bekennen sich zum Kampf gegen die Juden

    Zusammenfassung

    Zur Ideologiekritik des Judentums

    Nachweise

    Dokumente

    „Willst Du ein Christ der Tat sein, werde Nationalsozialist!“
    „Der Stürmer“ in Auszügen, 1932-1934
    (Index zu weiteren Dokumenten)

    „Die braunen Kolonnen, Sieg-Heil!“
    Aus dem Gesangbuch der Diakonissen, „Die Taube von Kaiserswerth“, August 1933
    (219kB Grafik)

    „Wichtige Glaubenswahrheiten“
    des Katholischen Katechismus 1936
    (Text)

    „Von Ordnung, Zucht und Sitte im Schwesternkreis“
    Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein, Januar 1937
    (81kB Grafik)

    Kirchliches Amtsblatt
    der evangelischen Kirche Mecklenburg, November 1938
    (Text, auch als 194kB Grafik)

    „…treuer zu glauben, inniger zu lieben, stärker zu hoffen, fester zu bekennen“
    Christenpflicht im Nationalsozialismus, „Die junge Kirche“ (Organ der bekennenden Kirche) am 22. April 1939
    (103kB Grafik)

    „Zum 50. Geburtstag des Führers“
    Blätter aus dem Evangelischen Diakonieverein, April 1939
    (120kB Grafik)

    „Glaube und Kampf“
    Soldatenbeilage zur Wochenzeitschrift für katholische Deutsche, 7. Juli 1940
    (Text, auch als ???kB Grafik)

    „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“
    Auszüge aus einem Hirtenbrief an die Front, 1940
    (Text)

    „Dem Führer ein beherztes »Ja!«“
    Eine Erklärung des Bischof-Koadjutors zur Abstimmung, Fuldaer Zeitung, April 1938
    (68kB Grafik)

    http://www.humanist.de/kriminalmuseum/ns-index.htm

    Ernst Klee — Die SA Jesu Christi. Die Kirchen im Banne Hitlers
    http://www.amazon.de/Jesu-Christi-Kirchen-Banne-Hitlers/dp/3596244099

  3. Transkiption von KRÜPPELSTOLZ permalink
    2. Juli 2012 19:49

    Transkiption

    „Alles Kranke ist Last“
    Die Kirchen und die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, von Ernst Klee und Gunnar Petrich (ARD 1988)

    1. Mai 1933 in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bei Bielefeld. Ganz alltägliche Bilder. Nicht nur in Bethel, auch in anderen Behinderten-Einrichtungen wird der „Tag der nationalen Arbeit“ 1933 erstmals als Feiertag begangen.

    „Alles Kranke ist Last…“ – Die Kirchen und die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ / Ein Film von Ernst Klee und Gunnar Petrich

    Pfingsten 1933: Evangelische Schüler des Bundes deutscher Bibelkreise treffen sich in Bielefeld. Ob jung, ob alt: Deutsche Protestanten begrüssen das Ende der Weimarer Republik. Nur wenige Wochen nach dem Machtwechsel reihen sich viele ein in die National-Sozialistische Bewegung. Die Marschkolonnen der evangelischen Schüler erreichen den Leiter der Betheler Anstalten, Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Auch er begrüsst die nationalen Ziele der Bewegung, vor allem den Kampf gegen Gottlosentum und Bolschewismus. Am Nachmittag besucht Bodelschwingh das Reichslager des Bundes deutscher Bibelkreise. Er ist zum ersten Evangelischen Reichsbischof gewählt, wird das Amt jedoch nicht antreten.

    Das Luise-Henrietten-Stift in Lehnin in der Mark Brandenburg. Im Mai 1933 besichtigen Reichskanzler Hitler und Propagandaminister Goebbels die Kirche und das Säuglingsheim mit „schwachsinnigen“ Kindern. Die Diakonissen grüssen mit Heilrufen und singen „Deutschland, Deutschland über alles“. Hitler schreibt ins Gästebuch: „Es wird die Zeit kommen, die millionen Deutscher ersehnen.“ Goebbels notiert in seinem Tagebuch über die Diakonissen: „Die Leute sind toll vor Begeisterung.“

    Berlin, Neukölner Stadion. Aufnahmen von einem katholischen Jugendtreffen am 20. August 1933. Hatten die katholischen Bischöfe die National-Sozialisten zunächst geächtet, so bejahen sie inzwischen die neue Regierung. Die Bischöfe glauben, dass im Juli abgeschlossene Reichskonkordat schütze den Freiraum der Kirche. Sie sehen Hitler als Retter vor Bolschewismus und Gottlosentum. Der Berliner Generalvikar, Domprobst Dr. Paul Steinmann in seiner Ansprache am katholischen Jugendtreffen im Neukölner Stadion:

    „Was wir alle ersehnt haben und erstrebt haben, ist Tatsache geworden. Wir haben ein Reich und einen Führer und diesem Führer folgen wir treu. Wir wissen dass derjenige, der an der Spitze steht, von Gott uns als Führer gesetzt ist.“

    Selbstvertretend für andere Aussagen deutscher Bischöfe sei der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning zitiert. Er erklärt am 15. September 1933 bei seiner Einführung als Preussischer Staatsrat:

    „Die deutschen Bischöfe haben schon längst den neuen Staat bejaht. Wir dienen dem Staat in heisser Liebe und mit allen unseren Kräften.“

    Düsseldorf, Kaiserswerth. Das älteste von 108 Diakonissen-Mutterhäusern. Die Diakonissen feiern im Spätsommer 1933 das 100-jährige Bestehen. Die Schwestern werden von der NSDAP gelobt, dass sie die Partei schon vor dem Machtwechsel finanziell unterstützten. Das Diakonissen-Mutterhaus steht dem Gedankengut der National-Sozialisten nicht ferne, wie der Bericht der Anstaltsleitung über die 100-Jahr-Feier zeigt. Darin heisst es:

    „Es kommt gar nicht darauf an, ob der Einzelne lebt. Es gibt keinen Einzigen der ein Recht hat auf Leben, Gut oder Blut, Schutz oder Schonung, wenn es die Gemeinschaft gilt, der wir unser Dasein verdanken.“

    Im Mitteilungsblatt von Kaiserswerth wird 1933 ein Loblied der Diakonisse Emma Obermeier vorgestellt, „die braunen Kolonnen“:

    „Die braunen Kolonnen marschieren durchs Land, zum Treuschwur erhoben die rechte Hand. Wir wollen nicht ruhen, nicht rasten mehr, bis wieder leuchtet die Deutsche Ehr‘. Sieg Heil! Das Hakenkreuz-Banner weht stolz voran, Neu-Deutschland, wir bauen dich – Mann für Mann. Das undeutsche Wesen zur Türe hinaus, wir kehren mit eisernem Besen das Haus. Sieg Heil!“

    1933 wird das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verkündet. Propaganda-Filme übelster Machart werben für die Unfruchtbarmachung angeblich Erbkranker. Unter das Gesetz fallen vor allem „Schwachsinnige“, wozu auch politische Gegner gerechnet werden, psychisch Kranke, Epileptiker, Blinde und Taube, Menschen mit schweren Körperbehinderungen, sowie Alkoholiker.

    Filmaufnahmen aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren im Allgäu. De Menschen sehen ganz anders aus, als die in den Propaganda-Filmen vorgeführten. Doch auch sie gehören zu dem Personenkreis, der zu sterilisieren ist. „Geisteskranke“, wie man damals sagt, dürfen in diesen Jahren nicht auf den Schutz der Kirchen vertrauen. Auch Vertreter der Kirchen bezeichnen Kranke und Behinderte als minderwertig und als eine Gefahr für ihre Mitmenschen. So behauptet zum Beispiel 1934 das Jahrbuch der Caritaswissenschaft:

    „Echter Caritasdienst muss Dienst der Rassenhygiene sein, weil nur durch die Aufartung des Volkes auch die beste Grundlage für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden geschaffen wird.“

    Und in den Vorschlägen des Deutschen Caritasverbandes zur Neugestaltung des Deutschen Strafrechtes heisst es 1934:

    „Es mag sein, dass man durch eine Sterilisation erreicht, dass die Fortpflanzung gewisser minderwertiger Erbstämme ausgeschaltet wird. Aber ebenso sicher ist, dass jeder Sterilisierte in seiner hemmungslosen und hemmungslos gemachten Geschlechtlichkeit eine Quelle ansteckender Krankheiten bilden kann und häufig bilden wird.“

    Zu den Vertretern der Rassen-Ideologie gehört auch der Moral-Theologe Joseph Mayer, Assistent am Institut für Caritas-Wissenschaft in Freiburg. Er war 1927 Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Caritas“ geworden und ist ein gefragter Redner auf Tagungen und Kongressen. Sein 1927 erschienenes Buch „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker“ gehört zum Schlimmsten was über Kranke und Behinderte jemals geschrieben wurde. Zitate aus dem Werk:

    „Die Geisteskranken, die moralisch Irren und andere Minderwertige haben so wenig ein Recht Kinder zu zeugen, als sie ein Recht habe Brand zu stiften.“

    „Erblich belastete Geisteskranke befinden sich in ihrem Triebleben auf der Stufe der unvernünftigen Tiere.“

    „Wenn darum ein Mensch der ganzen Gemeinschaft gefährlich ist und sie durch irgend ein Vergehen zu verderben droht, dann ist es löblich und heilsam ihn zu töten, damit das Gemeinwohl gerettet wird.“

    Mayers Werk hat das Imprimatur, die bischöfliche Druckerlaubnis. Das Buch wird allgemein positiv aufgenommen. Die Vereinigung katholischer Seelsorger an Deutschen Heil- und Pflegeanstalten preist es als Standardwerk, als eine „Rüstkammer für kommende Zeiten“.

    Treysa im Schwalm-Eder-Kreis: Hier befindet sich die bekannteste Hessische Behinderten-Einrichtung, die Anstalt Hephata. Der ungewöhnliche Name ist der Bibel entnommen. Als Jesus einem Taubstummen Ohren und Mund öffnete, sagte er: „Hephata“. Das heisst „Tu dich auf“. Im Mai 1931 treffen sich hier Anstaltsleiter der inneren Mission zu einer Evangelischen Fachkonferenz für Eugenik, die sich zwei Jahre später „Ausschuss für Rassen-Hygiene und Rassen-Pflege“ nennen wird. Die Anstaltsleiter reden weniger von der Heilung Behinderter, als von der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

    Hans Harmsen, der Leiter des Referats „Gesundheitsfürsorge“ beim Zentralausschuss der inneren Mission. Er erklärt in Treysa: „Dem Staat geben wir das Recht, Menschen-Leben zu vernichten – Verbrecher und im Kriege – weshalb verwehren wir ihm das Recht zur Vernichtung der lästigsten Existenzen?“

    Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Er behauptet in Treysa, die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. Bodelschwingh wörtlich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“

    In diesem Raum stellen 1931 Evangelische Anstaltsleiter Forderungen auf, die das Hitler-Regime zwei Jahre später in die Praxis umsetzen wird. In der Treysaer Erklärung heisst es: „Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer Minderwertigkeit und Fürsorge-Bedürftigkeit sind, sollten tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden.“ Die Von-Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel. Das heisst übersetzt „Haus Gottes“. Die Einrichtung liegt grossflächig in einem Thal bei Bielefeld und bietet eute rund 6‘000 Mitarbeitern Arbeit und etwa 5‘000 Behinderten Unterkunft und Beschäftigung. Bethel ist die grösste und weltweit bekannteste Deutsche Behinderten-Einrichtung. Als 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verkündet wird, dem bis Kriegsende etwa 400‘000 angeblich erbkranke zum Opfer fallen, erwirbt die Anstalt die staatliche Zulassung, sterilisieren zu dürfen. Nicht nur in Bethel, in fast allen Heimen der inneren Mission werden die eigenen Bewohner aus Überzeugung unfruchtbar gemacht. Jedes fünfte Krankenhaus, dass zur Sterilisation zugelassen wird, ist in Evangelischer Trägerschaft. In ihrer Verblendung glauben protestantische Pastoren und Ärzte, Krankheit und Leid wegsterilisieren zu können. Die Von-Bodelschwinghschen Anstalten melden von den damals rund 3‘000 Bewohnern etwa 1‘700 zur Sterilisierung. Chef-Arzt Professor Werner Villinger:

    „Wir haben in einem Fall eine Ausnahme gemacht. Ein österreichischer Junge aus Braunau, dem Geburtsort Hitlers.“

    Der Betheler Chef-Arzt bringt es fertig, Kranke als „erbbiologisch minderwertige Elemente“ zu bezeichnen. Villinger wird Bethel 1939 verlassen und 1941 sogar als Euthanasie-Gutachter über Leben und Tod von Behinderten entscheiden.

    Heil-Gymnastik in Bethel. Körperliche Gesundheit wird in diesen Jahren zum höchsten Gut. Berufsgruppen wie Mediziner, Juristen, Fürsorger, Pädagogen stellen sich fast geschlossen in den Dienst der Rassenpflege. Die kirchlichen Rassenpfleger folgen nur dem Zeitgeist, was sie allerdings nicht entschuldigt.

    „Ein Wort an die erbkranken evangelischen Taubstummen“, heisst ein Aufruf des „Reichsverbandes der evangelischen Taubstummen-Seelsorger Deutschlands“. Darin heisst es:

    „Die Obrigkeit hat befohlen: Wer erbkrank ist, soll in Zukunft keine Kinder mehr bekommen. Denn unser deutsches Vaterland braucht gesunde und tüchtige Menschen… Gehorche der Obrigkeit! Gehorche ihr auch, wenn es Dir schwer wird…“

    Bilder aus dem Alltag Bethels. Angesichts solcher Menschen schreibt 1934 ein Betheler Arzt in der Zeitschrift „Beth El“: „Schaudernd können wir verfolgen, wie in wenigen Menschen-Altern, mit schicksalhafter Folgerichtigkeit, das Gesunde überwuchert sein wird vom Schwachen und Kranken, und der Mensch an die Wand gedrückt und vernichtet sein wird durch den Untermenschen.“

    Während evangelische Einrichtungen wie Bethel die Sterilisation als „erbbiologische Wohltat“ preisen, gerät die katholische Kirche in Widerspruch zum Staat, da die „Encyclica Casti Connubii“ von 1930 die Sterilisation verbietet. Die Katholische Kirche leistet, als einzige gesellschaftlich bedeutsame Gruppe, grundsätzlich Widerstand.

    Am 4. November 1936 begibt sich der Münchner Kardinal von Faulhaber zu Hitler auf den Obersalzberg. Hitler erregt sich, dass die Katholische Kirche gegen die Sterilisierung ist. Der Kardinal beruhigt. Man werde schon eine Übereinkunft finden. Faulhaber wörtlich:

    „Von kirchlicher Seite, Herr Reichskanzler, wird dem Staat nicht verwehrt im Rahmen des Sittengesetzes in gerechter Notwehr, diese Schädlinge der Volksgemeinschaft fernzuhalten. In diesem Obersatz sind wir einig. Wir gehen aber auseinander in der Frage, wie sich der Staat gegen das Verderbnis der Rasse wehren kann.“

    Die Heilanstalt Rottenmünster in Rottweil, Landkreis Freiburg. Hier wird deutlich was Faulhaber im Gespräch mit Hitler andeutete. Auch katholische Einrichtungen passen sich dem Zeitgeist an. Stolz berichtet die Anstalts-Leitung 1938:

    „Die Beziehungen zu der Ortsgruppenleitung der NSDAP, den städtischen und staatlichen Behörden, insbesondere auch zum Gesundheits-Amt Rottweil, waren stets gut. Und mit dem Kaiser-Wilhelm-Forschungs-Institut München besteht seit vielen Jahren schon eine rege Verständigung zwecks erbbiologischer Ermittlungen.“

    Dr. Josef Wrede, der ärztliche Leiter der katholischen Anstalt Rottenmünster. Er ist Beisitzer am „Erb-Gesundheits-Gericht“ Rottweil. Er macht mit, Menschen im Sinne der Rassen-Gesetzgebung zur Zwangs-Sterilisierung zu verurteilen.

    Neuendettelsau im fränkischen Landkreis Ansbach. Sitz der Evangelisch-Lutherischen Diakonissen-Anstalten Neuendettelsau. Am Ort und in einigen benachbarten Anstalten leben etwa 2‘000 Behinderte. Nur wenige werden die Nazi-Herrschaft überleben, weil die Anstaltsleitung den Gehorsam gegenüber dem Staat höher stellt, als das Leben der Behinderten.

    Der Psychiater Dr. Rudolph Boekh, Mitglied der NSDAP seit 1932. 10 Jahre lang Oberarzt in Bethel. Er wird 1936 auf Empfehlung Bodelschwinghs als ärztlicher Leiter nach Neuendettelsau geholt. Boekh ein Jahr später in einem Vortrag über die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“:

    „Alles Kranke, das nicht wieder der Gesundung zugeführt werden kann, ist Last. Die Entscheidung über die Frage, ob ein Mensch vernichtet werden darf, steht allein dem Mann zu, der unter Berufung auf den Schöpfer, die Gewalt in seiner Hand hat, über Leben und Tod zu entscheiden. Das kann und darf allein der Führer.“

    Boekh ist nur einer von vielen Medizinern, die erbarmungslos zwischen Nicht-Heilbaren und Heilbaren unterscheiden. Wer nicht zu heilen ist, ist zu vernichten. Der Neuendettelsauer Arzt meint, die schwerste „Idiotie“ und der völlige „groteske Zerfall der Persönlichkeit“ habe nichts mehr mit dem Ebenbild Gottes zu tun. Diese „Verzerrung des menschlichen Antlitzes“ sei nicht in falscher Barmherzigkeit zu erhalten, sondern dem Schöpfer zurück zu geben. Nach 1945 behaupteten die Kranken-Mörder, es seien lediglich „seelenlose Monster“, noch „unter der Tier-Stufe stehend“ von ihrem Dasein „erlöst worden“. Es habe sich um „Euthanasie“, also „Sterbehilfe“ gehandelt.

    Die Film-Aufnahmen aus den 30er Jahren zeigen Behinderte, die nach den Massstäben der Vernichter angeblich lebensunwerten Lebens dem Schöpfer „zurück zu geben“, sprich, zu ermorden waren. Ob erwachsen, ob noch ein Kind: Jeder Einzelne auf diesen Bildern zählt zum Personen-Kreis der Menschen, die 1940/41 in den Gaskammern der Euthanasie-Anstalten ermordet werden sollten.

    Rektor Hans Lauerer, der Leiter der Diakonissen-Anstalt Neuendettelsau. Er weiss, dass es vor Gott kein „lebensunwertes Leben“ gibt, schreibt aber 1939:

    „Wir Lutheraner können nicht anders, als grundsätzlich bejahen zum Staat, zu unserem Staat stehen. Von diesem Standpunkt aus haben wir kein Recht es zu beanstanden, wenn der Staat die Tatsache minderwertigen Lebens konstatiert und dann auch handelt.“

    Diese Haltung erlaubt es, dass 1941 aus den Neuendettelsauer Anstalten von 2‘137 Bewohnern 1‘911 abtransportiert werden. Manche schreien in ihrer Todesangst: „Wir kommen nicht wieder! Wir kommen nicht wieder!“ Keine Einrichtung hat mehr Behinderte den Mördern übergeben. In einer Niederschrift über die Verhandlungen mit der Regierung von Ober- und Mittelfranken betreffs „Verlegung unserer Pfleglinge“ heisst es 1941:

    „Herr Rektor Lauerer betonte, dass wir uns einer Anordnung des Staates selbstverständlich fügen.“

    Heimlich aufgenommene Fotos von Bussen der Reichs-Post, die Patienten in die Vergasungs-Anstalten abtransportieren. Anfangs sollen Patienten in froher Erwartung eines Ausflugs eingestiegen sein, doch die Morde sprechen sich schnell herum. Die Opfer reagieren unterschiedlich. Manche ergeben sich still in ihr Schicksal, andere flehen um ihr Leben, wehren sich verzweifelt, weinen, schreien und klammern sich in ihrer Todesangst an Ordensschwestern oder Pfleger, reissen ihnen fast die Kleider vom Leibe. Doch beide Kirchen verhandeln im Geheimen und schweigen öffentlich.

    Scheuern an der Lahn. Eine Einrichtung der inneren Mission in Hessen-Nassau. Die „Heil-Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern“ gehörte damals zu den ersten Anstalten, die sich den national-sozialistischen Machthabern geradezu anbiederten.

    Karl Todt, Direktor dieser Einrichtung. Er hatte schon 1933 verkündet:

    „Wie freudig begrüssten wir die rasse-pflegerischen Massnahmen unseres Führers, die der Auftakt sind, die Übel von den Wurzeln an zu bekämpfen. So stehen wir zum Dienst bereit, Handlanger zu sein am Bau des Reiches Gottes und am Bau des Neuen, des Dritten Reiches.“

    Scheuern dient 1941 als sogenannte „Zwischen-Anstalt“. Hunderte von Patienten, die für die Gaskammer in Hadamar bestimmt sind, kommen zunächst nach Scheuern. Dort werden sie verwahrt, bis sie zum Gasmord abgeholt werden. Die Anstalt der inneren Mission hat den Mördern wissentlich zugearbeitet.

    Nowawes, heuet Babelsberg, in Brandenburg. Ausschnitte aus einem 1925 gedrehten Film. Er zeigt die aufopferungsvolle Arbeit der Diakonissen des Oberlehn-Hauses und wirbt für die Förderung auch schwerst-behinderter Menschen. Das Oberlehn-Haus, eine Einrichtung der evangelischen Kirche, ist oft die letzte Hoffnung für Angehörige taubblinder und taubstummer Kinder, die anderswo zu einem trostlosen Leben verurteilt wären. Die Diakonissen leisten vorbildliche Arbeit mit Behinderten, um die sich sonst niemand kümmert. Und dennoch werden auch Diakonissen des Oberlehn-Hauses, Jahre später, in den Krankenmord verstrickt sein. Als Taubblinde, Taubstumme und die anderen Behinderten 1933 als Ballast-Existenzen verschriehen werden, kommt von beiden Kirchen kein einhelliger und lauter Protest. Und weil viel zu viele Kirchen-Männer Behinderte und Kranke selbst als minderwertig verleumdet hatten, können kirchliche Einrichtungen ihre Bewohner kaum schützen, als nach der Sterilisierung die Ermordung der angeblich Minderwertigen beginnt. Am Anfang steht der Rufmord. Es folgt der Mord.

    Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg an der Saale. Auch hier arbeiten Diakonissen des Oberlehn-Hauses. In einem Teil der Anstalt werden 1940 Vergasungs-Anlagen installiert. Über diese Strasse rollen tagtäglich die Transport-Busse. Die Angst-Schreie der Opfer sind nicht zu überhören. Die Busse fahren in diese Baracke, dann werden die Tore geschlossen. Die Kranken müssen aussteigen. Anschliessend werden sie in diesen Gang geführt. Hier müssen sie sich entkleiden. Nackt werden sie einem Arzt vorgeführt. Er beschaut die Kranken, um eine glaubhafte Todes-Ursache zu erfinden. Danach sagt man ihnen, es gehe zum Duschen. Die gekachelte Wand der als Duschraum getarnten Gaskammer. Der Brause-Kopf ist eine Attrappe, dient zur Täuschung der Opfer. Die Gaskammer ist drei mal vier Meter klein. Bis zu 75 Menschen werden auf einmal hinein gepresst. Das Haus, in dem zwischen 1940 und 42 vielleicht 20‘000 Kranke und KZ-Häftlinge ermordet werden. Die Diakonissen des Oberlehn-Hauses sehen fast täglich die Busse, hören die Schreie der Opfer. Sie riechen den Gestank der verbrannten Leichen, der Tag ein, Tag aus, aus dme neu erbauten Krematorium dringt. Sie sind Augenzeugen des Verbrechens und tun weiterhin ihren Dienst. Von einem Protest ist nichts bekannt. Überhaupt, die evangelische Kirche wird bis 1945 niemals öffentlich Protest erheben.

    Theophil Wurm, evangelischer Bischof der Württembergischen Landeskirche. Er versucht vergeblich mit schriftlichen Eingaben den Kranken-Mord in der Vergasungs-Anstalt Grafeneck aufzuhalten. Wurm schreibt im Juli 1940 dem Reichsminister des Innern:

    „Ich wage kaum die Hoffnung auszusprechen, dass meine Stimme gehört wird. Wenn ich trotzdem diese Darlegungen gemacht habe, so tat ich es in erster Linie deshalb, weil die Angehörigen der betroffenen Volksgenossen von der Leitung einer Kirche einen solchen Schritt erwarten… Dixi et salvavi animam meam!“ Auf Deutsch: „Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet.“

    Pastor Paul Braune, Vize-Präsident des Zentral-Ausschusses der inneren Mission. Er verfasst im Juli 1940 eine an Hitler gerichtete Denkschrift gegen den Kranken-Mord. Diese Denkschrift wird innerhalb der Kirche geheim gehalten. Braune kommt einige Wochen in Gestapo-Haft. Er klagte nach dem Krieg: „Die offizielle Kirche schwieg völlig.“

    Ernst Wilm, Pfarrer der westfälischen Gemeinde Mennighüffen und nach dem Kriege Präses der westfälischen Landeskirche. Er ist der Einzige, der sich gegen den Massenmord äussert und deswegen 1942 ins KZ kommt. Als Wilm 1945 aus Dachau zurückkehrt, lautet sein Kommentar: „Wenn gesagt wird, ich hätte schweigen sollen, dann kann ich nur sagen: Die ganze Kirche hätte laut rufen müssen.“

    Pastor Constantin Frick, Präsident des Zentral-Ausschusses der inneren Mission. Er ist im Herbst 1940 bereit, den Kranken-Mord zu tolerieren, sofern die Tötung auf die „zu keiner geistigen Regung und zu keiner menschlichen Gemeinschaft mehr fähigen Personen“ beschränkt werde.

    Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Er wird nach dem Kriegs-Ende zum protestantischen Widerstands-Heiligen hochstilisiert. Doch Bodelschwingh sprach dem Staat nicht das Recht ab, Kranke töten zu dürfen. Er verhandelte im Stillen mit den Mord-Funktionären und mit bekannten Verwaltungs-Beamten, den Massen-Mord einzustellen oder auf die am schwersten behinderten zu begrenzen. So schreibt er zum Beispiel im August 1940 an Ministerial-Rat Ruppert im Reichs-Ministerium des Innern:

    „Sicher wäre es das Beste, wenn die ganze Massnahme sofort und endgültig eingestellt würde. Kann man sich dazu nicht entschliessen, so muss ein geordnetes Verfahren festgelegt werden.“

    Die Vergasungs-Anstalt Grafeneck. Im Herbst 1940 bittet das für Grafeneck zuständige Ordinariat Rottenburg den württembergischen Innenminister, in der Mord-Anstalt die Sterbe-Sakramente spenden zu dürfen. In diesem unscheinbaren Schuppen werden zwischen Januar und Dezember 1940 mehr als 10‘000 Menschen getötet und verbrannt.

    Der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz. Hatten sich die Bischöfe 1933 mit Hitler arrangieren wollen, so sehen sie sich in zwischen längst der Verfolgung der Nazis ausgesetzt. Entsprechend vorsichtig schreibt Bertram im August 1940 der Reichs-Regierung, in der Bevölkerung gäbe es Gerüchte, wonach Geisteskranke getötet würden. Die Bischöfe bäten, diese Darlegungen „Wohlwollend aufzunehmen und, soweit erforderlich, dafür Sorge tragen zu wollen, dass die Gerüchte keinerlei Begründung in entsprechenden Tatsachen finden.“

    Bischof Heinrich Wienken, Leiter des Kommissariats der fuldaer Bischofskonferenz. Er trifft sich im November 1940 mit Euthanasie-Funktionären und ist bereit, unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel eine Ausnahme-Regelung für kranke Priester, einer begrenzten Euthanasie zu zustimmen. Auch Wienken verhandelt, dass dem Todeskandidaten vor der Vergasung die Sterbe-Sakramente erteilt werden dürfen.

    Grafeneck. Urnen mit der Asche Ermordeter. Einige Angehörige bekommen aus Versehen sogar zwei Urnen zugestellt. Da Katholiken zu dieser Zeit die Feuer-Bestattung verboten ist, geraten Angehörige in Gewissens-Nöte, wenn deshalb die christliche Beisetzung verweigert wird. Während im Deutschen Reich die Schornsteine der Vergasungs-Anstalten weiterhin sichtbar rauchen, schweigt die katholische Kirche 19 Monate lang. Fast 70‘000 Menschen sind schon ermordet. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, bricht am 3. August 1941 das Schweigen. In einer Predigt in der Lamberti-Kirche prangert er den Kranken-Mord an:

    „Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, unproduktive Menschen zu töten und wenn es jetzt zunächst auch nur arme, wehrlose Geistes-Kranke trifft, dann ist grundsätzlich der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.“

    Geistig behinderte Heim-Bewohnerinnen der Diakonieanstalten Bad Kreuznach, kurz vor dem Abtransport in die pommersche Anstalt Meseritz-Obrawalde. Zuvor haben Schwestern und Behinderte einen Abschieds-Gottesdienst gefeiert, der unter dem Bibelwort stand: „Wahrlich, ich sage Euch: Wo Ihr den Vater etwas bitten werdet, so wird er’s Euch geben.“ Die Diakonissen bringen die Frauen, di auf dem Transport zum Teil von SS-Leuten bewacht werden, nach Meseritz. Schwester Armanda Rateitschak, selbst katholischen Glaubens, demonstriert im April 1945 vor einer Sowjetischen Kommission, wie sie Patientinnen mit Giftspritzen tötete. So unglaublich es klingt: Sie hat nach eigenen Angaben in zwei Jahren 2‘500 Frauen getötet. Hier in Meseritz-Obrawalde werden zwischen 1942 und 1944 insgesamt 18‘000 Menschen ermordet und in Massengräbern, die als Einzel-Gräber getarnt sind, verscharrt. Man lässt si verhungern, gibt ihnen Gift oder schlät sie tot. Anfang 1945 Soll noch ein Krematorium zur Beseitigung der vielen Leichen gebaut werden. Einige 1‘000 Urnen stehen schon bereit.

    Die Kreis-Irrenanstalt Irsee im im Allgäu, Zweig-Anstalt der Anstalt Kaufbeuren. Hier pflegen Ordens-Schwestern der Kongregation vom heiligen Vinzenz von Paul, dem Begründer der neuzeitlichen Caritas. Irsee ist eine von vielen Anstalten, die sich dazu hergeben, von 1942 bis 1945, das heisst bis zum Einmarsch alliierter Truppen, behinderte Kinder und Erwachsene verhungern zu lassen, oder zu vergiften. Nach der mutigen Predigt des Bischofs Galen, waren zwar Ende August 1941 die Vergasungen eingestellt worden, doch die Morde gehen unvermindert weiter.

    Im November 1940 dreht in Kaufbeuren-Irsee ein Kamera-Team der Nazis, um den Kranken-Mord als „Erlösungs-Tat“ vorzuführen. Für die Aufnahmen werden besonders auffällige Patienten festgehalten und vor die Kamera gerückt. Einige weinen. Es werden, wie es im Drehbuch heisst, „verschiedene Abnormitäten“ gefilmt. Extrem Auffällige werden sogar von der Vergasung zurückgestellt, um sie vorher noch als „Abnormität“ abzufilmen. Im Drehbuch, das als „geheime Reichs-Sache“ deklariert ist, steht über Szenen aus der Frauen-Abteilung Irsee: „Ist dieses lärmende Durcheinander irrer Gedanken und wahnsinniger Ideen noch menschliches Leben?“ Die Opfer werden angehalten ihre Defekte vorzuführen, die im Übrigen weniger Ausdruck der Krankheit, sondern eine Folge des langjährigen Anstalts-Aufenthaltes sind. In der Fachsprache „Hospitalismus“ genannt.

    Auch in Kaufbeuren werden die „am sichtbarsten Defekten“ vor der Kamera aufgebaut. Der Propaganda-Film, der mit der Vergasung von Patienten endete, wurde niemals öffentlich vorgeführt und bei Kriegs-Ende wahrscheinlich vernichtet. Die Aufnahmen, die wir hier zum ersten Mal zeigen, stammen mit grosser Wahrscheinlichkeit aus den Resten des geheimen Film-Materials. Die Filmrollen lagerten in Kaufbeuren.

    Obwohl in Kaufbeuren und Irsee kein Mangel an Nahrung ist, lässt man die arbeitsunfähigen Kranken ab Ende 1942 qualvoll verhungern. Auf einer Konferenz im Bayerischen Innen-Ministerium war nämlich im November 1942 beschlossen worden, unproduktiven Kranken nur noch eine sogenannte „Hunger-Kost“, zum Beispiel in Wasser gekochte Rüben, zu verabreichen. Die Wirkung sollte ein langsamer Tod nach etwa drei Monaten sein. Es gab dazu sogar einen Erlass des Bayerischen Innen-Ministeriums, die Arbeitsfähigen zu Lasten der übrigen Insassen zu verpflegen. In Irsee versuchen die Nonnen, wie sie nach Kriegs-Ende berichteten, den Verhungernden hin und wieder mit Zusatz-Nahrung zu helfen. Sie liefern aber wissend die Opfer auf jener Station ab, wo sie kurz darauf vergiftet werden. Im Einzelfall sehen die Schwestern auch zu, wenn die Opfer gespritzt werden. Andere schauen weg oder verlassen vorher das Zimmer. Die Oberin, die barmherzige Schwester Irmengard, 1948 in einer Aussage: „Ich war selbst mit dabei, als Dr. Gärtner die Einspritzungen vorgenommen hat.“ Insgesamt sind in Irsee und Kaufbeuren mehr als 1‘200 Kranke vergiftet worden oder verhungert.

    Die Krankenschwester Pauline Kneissler, noch 1934 in einer Evangelischen Kirchen-Gemeinde, Mitglied des Kirchen-Chores und Helferin im Kinder-Gottes-Dienst. Sie hat schon in den Vergasungs-Anstalten Grafeneck und Hadamar beim Massen-Mord geholfen, ehe sie im April 1944 nach Irsee kommt, um auch hier Kranke zu töten. Der Katholische Anstalts-Pfarrer trifft mit ihr eine Vereinbarung:

    „Meine Forderung an Schwester Pauline hatte den Erfolg, dass sie mir namentlich jene Patienten mitteilte, welche mit den Sterbe-Sakramenten versehen werden mussten.“

    Das heisst die Mord-Schwester informierte den Pater, wen sie jeweils vergiftete. So arbeiteten Mörderin und Pater in gewisser Weise zusammen. Die Morde in Irsee wurden geistlich begleitet. Kaufbeuren-Irsee heute: Ein Mahnmal erinnert an die Ermordeten. Auch in anderen Einrichtungen mahnen, wenn auch häufig sehr versteckt und verschlüsselt, Gedenktafeln. Die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland gab 1985 eine Erklärung ab:

    „Wir bekennen, dass wir in unserer Kirche zu wenig Widerstand gegen die Zwangs-Sterilisierung, die Ermordung kranker und behinderter Menschen und gegen unmenschliche Menschen-Versuche geleistet haben. Wir bitten die überlebenden Opfer und die hinterbliebenen Angehörigen der Ermordeten um Vergebung.“

    So eindeutig ist selten innerhalb der Kirchen, zuvor und danach, eigene Schuld bekannt worden.

    Quelle
    http://cripplepride.blogspot.de/2010/10/alles-kranke-ist-last.html

  4. +++ Neues von der KRÜPPELFRONT +++ Schweiz +++ Nationalrat gibt Psychisch Behinderte zum Abschuss frei und führt Sklavenarbeit für Behinderte ein +++ permalink
    2. Juli 2012 20:30

    Nationalrat gibt Psychisch Behinderte zum Abschuss frei und führt Sklavenarbeit für Behinderte ein

    http://cripplepride.blogspot.de/2010/12/nationalrat-gibt-psychisch-behinderte.html

  5. Sebastian Haffner - Mein Kampf mit Hitler permalink
    22. Januar 2013 21:19

    Mein Kampf mit Hitler

    Auf der Grundlage des Buchs „Geschichte eines Deutschen“ schildern die Autoren Peter Adler und Gordian Maugg die Machtübernahme Hitlers aus der persönlichen Sicht des Publizisten Sebastian Haffners.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1819408/Mein-Kampf-mit-Hitler

  6. Katholischer Faschismus permalink
    10. März 2013 23:52

    Katholischer Faschismus

    Vor 80 Jahren wurde in Österreich das demokratisch gewählte Parlament durch die christlichsoziale Regierung unter Bundeskanzler Dollfuß entmachtet und in der Folge ein autoritäres Regime nach dem Vorbild Mussolinis etabliert

    Von Sabine Fuchs

    Daß in Österreich nicht erst durch die Nationalsozialisten ein faschistisches System etabliert wurde, ist außerhalb des Landes nur wenig bekannt; daß die Entmachtung des Parlaments vom 4. März 1933 ein gut vorbereiteter Coup und eben nicht ein geschäftsordnungstechnischer Lapsus der überforderten Parlamentspräsidenten war, erst recht. Tatsächlich reichte der Konstitutierungsprozeß des austrofaschistischen Systems bis weit in die zwanziger Jahre zurück und hatte seine Ursachen auch in einer Finanzkrise, die von der Weltwirtschaftskrise zwar mit beeinflußt, in weiten Teilen aber hausgemacht war.

    Banken in Schieflage

    Schon zu Beginn der zwanziger Jahre steckte das Bankensystem der Ersten Republik in großen Schwierigkeiten. Offensichtlich wurden diese aber erst im sogenannten Postsparkassenskandal, der 1926 die Republik erschütterte. Bereits 1922 informierte der österreichische Finanzminister den damaligen Bundeskanzler und katholischen Geistlichen Ignaz Seipel über fragwürdige Devisengeschäfte der staatlichen Postsparkasse. Konsequenzen wurden daraus jedoch nicht gezogen, bis die Bank 1925 eine gefälschte Bilanz veröffentlichte, in der nicht nur Gewinne, sondern zudem ein Reservefonds ausgewiesen wurden. Tatsächlich lagen aber hohe Verluste vor, die nicht nur das Eigenkapital der Bank bei weitem überstiegen, sondern auch etwa 30 Prozent der Einlagen umfaßten. Grund dafür waren Spekulationsgeschäfte sowie dubiose Unterstützungsaktionen der in Staatsbesitz befindlichen Postsparkasse für private, zum Großteil der Christlichsozialen Partei nahestehende Finanzinstitute wie etwa die »Allgemeine Industriebank«. Als im Herbst 1926 die Presse von den Machenschaften Wind bekam, trat zwar der Gouverneur des Postsparkassenamtes zurück, zu weiteren Konsequenzen kam es aber nicht.

    Die Finanzkrise verschärfte sich, als gut zwei Jahre später auch die Bodencreditanstalt, Hauptfinanzier der nationalkonservativen paramilitärischen Heimwehr, in Schwierigkeiten geriet und nur durch eine von der Regierung erzwungene Fusion mit der Creditanstalt vorläufig gerettet werden konnte. Dies aber brachte die Creditanstalt – die größte österreichische Bank, zu deren Kunden die meisten Industriebetriebe des Landes gehörten – selbst in Schwierigkeiten; am 11. Mai 1931 mußte sie ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Forderungen der Sozialdemokraten, die Creditanstalt zu verstaatlichen, wurden von der christlichsozialen Regierung abgelehnt und statt dessen die Sanierung auf Staatskosten beschlossen. Durch mehrere Gesetze wurde die Übernahme der Haftung für die Schulden durch den österreichischen Staat, Garantien für die Auslandsgläubiger und die Aufteilung der etwa 140 Millionen Schilling Schulden, von denen 100 Millionen direkt vom Staat übernommen wurde, geregelt. Finanziert werden sollte die insgesamt etwa 150 Millionen Schilling teure Sanierung durch Kürzungen bei den Beamtengehältern, Personalabbau bei den Bundesangestellten, Steuererhöhungen sowie Kürzungen bei den Arbeitslosenversicherungen und der Notstandsunterstützung.

    Autoritäre Umformung

    Besonders durch die Gehaltskürzungen und den Personalabbau bei den Bundesbeamten – beides Maßnahmen, die den Mittelstand schwer trafen – verprellten die bürgerlichen Parteien aber viele ihrer eigenen Anhänger. Dies führte dazu, daß bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen zu Beginn des Jahres 1932 die Christlichsozialen stark verloren und die Nationalsozialisten erhebliche Stimmengewinne erreichten – in Wien etwa stieg ihr Stimmenanteil von 2,1 Prozent auf 15,5 Prozent.

    Die tradierten bürgerlichen Parteien hatten also offensichtlich keine Mehrheit in der Bevölkerung mehr. Im Nationalrat waren schon seit der Wahl 1930 die Sozialdemokraten die mandatsstärkste Partei gewesen; die Christlichsozialen konnten jedoch mit kleineren bürgerlich-konservativen Parteien eine Koalitionsregierung bilden. Diese trat nun zurück, um der von den Sozialdemokraten geforderten Auflösung des Nationalrats, die automatisch Neuwahlen zur Folge gehabt hätte, zuvorzukommen. In dieser Situation wurde der Christlichsoziale Engelbert Dollfuß, ein Bauernsohn und ehemaliger Priesterseminarist, von Bundespräsident Wilhelm Miklas mit der Regierungsbildung beauftragt. Am 20. Mai 1932 gelang es Dollfuß, mit kleineren Parteien eine Koalition zu bilden, die allerdings nur über 83 von 165 Mandaten, also einen Überhang von einer Stimme verfügte.

    Obwohl zu Beginn der 30er Jahre bereits 700000 Personen arbeitslos waren, plante die Regierung weitere Kürzungen im Sozialbereich, insbesondere der Arbeitslosenunterstützung. Dies wurde im Parlament jedoch abgelehnt. Die Regierung nahm die Ablehnung jedoch nicht zum Anlaß, die unsoziale und gegen die eigene Bevölkerung gerichtete Wirtschaftspolitik auf den Prüfstand zu stellen; im Gegenteil. In der Christlichsozialen Partei setzte sich immer mehr die Vorstellung durch, Sparmaßnahmen und Budgetkürzungen autoritär und ohne parlamentarischen Rückhalt durchzusetzen, was – wenig verwunderlich – auch von den Unternehmerverbänden gutgeheißen wurde. Grundlage der autoritären Umformung des politischen Systems sollte nach Vorstellung der Regierung das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz von 1917 sein, das allerdings lediglich die Verordnung wirtschaftlicher Maßnahmen in Zusammenhang mit den Kriegsfolgen legitimierte.

    Ein erster Versuchsballon zur Anwendung des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes wurde von Dollfuß am 1. Oktober 1932 gestartet, als er mit Hilfe des Gesetzes eine Haftungsverpflichtung für die am Zusammenbruch der Creditanstalt involvierten Personen verordnete – eine bedeutungslose Maßnahme, die offensichtlich nur dazu diente, die Reaktionen von Opposition und Öffentlichkeit auf die Anwendung des Gesetzes zu testen. Schon kurz darauf wurden jedoch wesentlich brisantere politische Entscheidungen mit Hilfe des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes durchgesetzt, brisant deshalb, weil es sich nicht um wirtschaftspolitische Maßnahmen handelte, sondern um solche, die das parlamentarisch-demokratische System betrafen. Die aber waren schon per definitionem nicht durch das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz gedeckt. Nachdem es am 16.Oktober 1932 in Wien zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten gekommen war, ernannte Dollfuß den Führer der nationalkonservativen Heimwehren Emil Fey zum Staatsekretär für Sicherheitsfragen. Dieser verordnete unter Anwendung des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes als erste Maßnahme ein Versammlungsverbot für die drei in die Auseinandersetzungen verwickelten Parteien.

    Nun kam es erstmals zu Protesten. Der sozialdemokratische Abgeordnete und Wiener Bürgermeister Karl Seitz stellte am 20. Oktober eine dringliche Anfrage bezüglich der Anwendung des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes im Parlament und weigerte sich mit der Begründung ihrer Verfassungswidrigkeit, die Verordnungen in Wien umzusetzen. Aus den Protokollen des Ministerrats geht allerdings hervor, das Dollfuß wie auch sein Nachfolger und damaliger Justizminister Kurt Schuschnigg schon zu diesem Zeitpunkt sehr viel weiter gehende Angriffe auf rechtsstaatliche Einrichtungen planten. So wurde die Einführung der Präventivzensur und die Einschränkung der Befugnisse unabhängiger Gerichte diskutiert. Auch Dollfuß’ vor allem auf eine Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie gemünzte Aussage, »für eine Entscheidungsschlacht müsse man den Zeitpunkt selber bestimmen und dürfe ihn sich nicht von der Gegenseite aufzwingen lassen« belegt, daß schon im Herbst 1932 eine Ausschaltung der Opposition und eine Abschaffung des demokratischen Systems geplant war.

    Chaotische Sitzung

    Die Gelegenheit dazu sollte sich schon bald ergeben. Am 1. März 1933 streikten die Eisenbahner, um so gegen eine von der Bundesbahndirektion angekündigte geplante Auszahlung ihres März-Lohns in drei Raten zu protestieren. Daraufhin kündete die Regierung Sanktionen gegen die Streikenden an. Als Reaktion beantragte die sozialdemokratische Partei für den 4. März eine außerordentliche Sitzung des Nationalrats.

    Aufgrund der knappen Mehrheitsverhältnisse verlief die Sitzung von Anfang an chaotisch. Während die Christlichsozialen Disziplinierungsmaßnahmen gegen die streikenden Arbeiter beantragten, stellten sowohl die Großdeutsche Volkspartei als auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Anträge, in denen eine Rücknahme des Ratenzahlungsbeschlusses und Lohnsicherheit gefordert wurde. Während der sozialdemokratische Antrag abgelehnt wurde, fand jener der Großdeutsche Volkspartei eine Mehrheit von 82 zu 79 Stimmen. Daraufhin entspann sich eine Geschäftsordnungsdebatte über die Frage, ob der christlichsoziale Antrag noch abgestimmt werden müsse, nachdem jener der Großdeutschen Volkspartei schon angenommen worden war. Die Christlichsozialen behaupteten, daß während der Abstimmung Unregelmäßigkeiten vorgekommen waren, protestierten lautstark gegen das Ergebnis und verlangten eine Neuauszählung der Stimmen. Diese wurde letztlich durchgeführt und hatte eine Korrektur des Ergebnisses auf 81 zu 80 zur Folge, der Antrag war damit aber trotzdem angenommen. Erneut wollten sich die Christlichsozialen nicht mit ihrer Niederlage abfinden und verlangten eine Neuabstimmung des Antrags.

    Daraufhin trat der sozialdemokratische Nationalratspräsident Karl Renner aus abstimmungstechnischen Gründen zurück; die beiden anderen Nationalratspräsidenten – der christlichsoziale Rudolf Ramek und der großdeutsche Sepp Straffner – folgten seinem Beispiel. Da die Geschäftsordnung für diese Situation keine Reglung vorsah konnte die Sitzung nicht ordnungsgemäß beendet werden; das Parlament war beschlußunfähig, die Abgeordneten gingen auseinander.

    Dollfuß und seine Regierung interpretierten diese Situation als Handlungsunfähigkeit des Parlaments, was de facto nicht zutraf. Es wäre jederzeit möglich gewesen, neue Nationalratspräsidenten zu wählen. Pro forma bot er Bundespräsident Wilhelm Miklas – ebenfalls ein Christlichsozialer – seinen Rücktritt an, was dieser jedoch ablehnte. Statt Neuwahlen anzuordnen und so den Putsch gegen die Verfassung von 1920 zu verhindern, beauftragte er Dollfuß mit der Fortführung der Regierungsgeschäfte.

    Abschaffung der Grundrechte

    Für Dollfuß und seine Regierung bot diese Situation die idealen Voraussetzungen, um den politischen Veränderungsprozeß in Richtung Diktatur weiter voranzutreiben. In mehreren öffentlichen Auftritten unmittelbar nach dem 4. März polemisierte er gegen das Parlament, das »sich selbst unmöglich gemacht« habe, am 7. März verordnete er unter Berufung auf das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz eine Pressezensur sowie ein Verbot von Versammlungen und Aufmärschen.

    Als die Abgeordneten der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der Großdeutschen Volkspartei die offiziell nicht geschlossene Nationalratssitzung am 15. März wieder aufnehmen und ordnungsgemäß schließen wollten, nachdem der dritte Präsident des Nationalrates Straffner seinen Rücktritt wiederrufen hatte, erteilte Dollfuß der Polizei den Befehl, die Parlamentssitzung als »nicht angemeldete Versammlung« aufzulösen. Daß das Versammlungsrecht auf reguläre Sitzungen politischer Organe keine Anwendung fand, wurde ignoriert, die Abgeordneten unter Androhung von Waffengewalt aus dem Parlamentsgebäude gewiesen.

    Weitere Einschränkungen rechtsstaatlicher Einrichtungen folgten. Die Kompetenzen der Geschworenengerichte wurden eingeschränkt, alle politischen Demonstrationen sowie Streiks verboten. Die Befugnisse der Verwaltungs- und Polizeiorgane wurden ausgeweitet und am 13. Juni 1933 in den Bundesländern Sicherheitsdirektoren mit weitgehenden Befugnissen eingesetzt. Es folgten die Einrichtung von sogenannten »Anhaltelagern« für Oppositionelle sowie die Einführung von Vermögenskonfiskationen für politische Parteien und Organisationen sowie Privatpersonen. Im November 1933 wurde das Standrecht und damit auch die durch die Verfassung von 1920 abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt.

    Als die Stadt Wien unter dem sozialdemokratischen Bürgermeister Karl Seitz gegen die Notverordnungen beim Verfassungsgerichtshof Einspruch erhob, wurde dieser wie schon das Parlament durch einen Geschäftsordnungstrick lahmgelegt. Dollfuß veranlaßte die von der Christlichsozialen Partei in den Verfassungsgerichtshof delegierten Mitglieder dazu, ihre Funktion niederzulegen. Das besiegelte seine Beschlußunfähigkeit.

    Die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) war als erste Partei von den Restriktionsmaßnahmen betroffen. Sie hatte bereits 1931 am heftigsten gegen die sozialpolitischen Auswirkungen der Creditanstalt-Krise protestiert, konnte dadurch einen großen Zuspruch erlangen und in kurzer Zeit einen Zuwachs von etwa 2700 auf 6000 Mitglieder erreichen. Schon am 15. März erfolgte eine Razzia in der KPÖ-Zentrale, das Parteiorgan Rote Fahne wurde als erste österreichische Zeitung unter Präventivzensur gestellt. Bis zum 1. Mai wurden allein in Wien 63 kommunistische Funktionäre, bis Mitte des Monats schon Hunderte Parteimitglieder verhaftet. Auf Grundlage eines neu erlassenen Ausbürgerungsgesetzes wurde etlichen kommunistische Funktionäre wegen »unösterreichischen Verhaltens« die Staatsbürgerschaft aberkannt. Am 26. Mai beschloß der Ministerrat das Verbot der KPÖ – etwa einen Monat, bevor die NSDAP verboten wurde. Dies widerlegt die von konservativer Seite bis heute gerne aufgestellte Behauptung, die Maßnahmen des Dollfuß-Regimes habe sich in erster Linie gegen die Nationalsozialisten gewandt.

    Österreichs Bürgerkrieg

    Seit Beginn des Jahres 1934 wurde vermehrt auch gegen die Sozialdemokraten vorgegangen, am 21. Januar die parteieigene Arbeiterzeitung unter Vorzensur gestellt. Wenig später wurden Parteilokale und Privatwohnungen von Funktionären nach Waffen des schon seit 1933 verbotenen Republikanischen Schutzbundes durchsucht. Am 12. Februar kam es in Linz zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die rasch auf die anderen oberösterreichischen und die steirischen Industrieregionen und Wien übergriffen. Obwohl sich die in der Illegalität aktiven Kommunisten mit den Sozialdemokraten solidarisierten, führten die schlechte Bewaffnung des Schutzbunds und die zögerliche Haltung der sozialdemokratischen Regierung binnen drei Tagen zur Niederlage. 200 Schutzbündler kamen im österreichischen Bürgerkrieg ums Leben, neun sozialdemokratische Funktionäre wurden standrechtlich hingerichtet, darunter der Nationalratsabgeordnete Koloman Wallisch und der in den Kämpfen schwer verwundete Karl Münichreiter, der auf der Krankenbahre zum Galgen geschleppt wurde.

    Wirtschaftspolitisch folgte das austrofaschistische Regime bis 1938 dem Dogma des ausgeglichenen Budgets, wodurch die Massenarmut vorangetrieben und ein wirtschaftlicher Aufschwung verhindert wurde. Zwar sollten mit Hilfe der Lausanner Völkerbundanleihe von 1932 ein Beschäftigungsprogramm aufgestellt werden; dies wurde jedoch nur in kleinen Bereichen realisiert. Tatsächlich wurde ein Großteil der aufgenommene 300 Millionen Schilling zur Tilgung der Staatsschulden verwendet – jener Staatsschulden, die die Regierung durch die unsinnige Bankenrettungspolitik der späten 20er und frühen 30er Jahre angehäuft hatte.

    Das nach der völligen Ausschaltung der Opposition geschlossene und im März 1934 durch die Unterzeichnung der Römischen Protokolle besiegelte Bündnis mit Mussolinis Italien und dem ebenfalls faschistisch regierten Ungarn unter Ministerpräsident Gyula Gömbös zeigte auch außenpolitisch die Stoßrichtung von Dollfuß’ Politik. Obwohl er den nationalsozialistischen Herrschaftsanspruch als Konkurrenzdiktatur zum Austrofaschismus begriff und selbst im Juli 1934 von Nationalsozialisten ermordet wurde, gibt es zahlreiche, von konservativer Seite gerne verschleierte Parallelen zwischen beiden Regimen: eine autoritäre, antidemokratische und antiparlamentarische Grundhaltung, die Ausschaltung jeglicher Opposition, die fanatische Bekämpfung linker Positionen und Gruppierungen sowie die Ablehnung von Arbeiterschutz und Gewerkschaften. Auch das Zusammenspiel zwischen Industrie, Bankensystem und politischer Elite ist beiden Systemen zu eigen.

    Trotzdem feierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konservative Kreise, insbesondere die Nachfolgepartei der Christlichsozialen, die ÖVP (Österreichische Volkspartei), Dollfuß als Bekämpfer des Nationalsozialismus und »Heldenkanzler«. Das austrofaschistische Regime wurde und wird als »Ständestaat« verniedlicht, obwohl weder Dollfuß noch sein Nachfolger die propagierte umfassende berufsständische Verfassung je durchsetzten.

    Gehuldigt wird Dollfuß ausgerechnet in jenem Gebäude, aus dem er 1933 demokratisch gewählte Abgeordnete mit Waffengewalt hat vertreiben lassen – dem österreichischen Parlament. In den Klubräumen der ÖVP hängt ein Bild von Dollfuß. Bis zum heutigen Tag.

    Sabine Fuchs (Wien) ist Historikerin und arbeitet in den Bereichen Zeit- und Kulturgeschichte

    http://www.jungewelt.de/2013/03-08/019.php

  7. Der blutige Februar 1934 permalink
    12. März 2013 02:10

    Der blutige Februar 1934

    Die Dokumentation zeichnet die politischen Zangenbewegung gegen die Sozialdemokratie nach, die den Weg in die Diktatur des autoritären, christlichen Ständestaats ebnen sollte.
    Heimwehrführer Ernst Rüdiger Starhemberg, Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und Sicherheitsminister Emil Fey sind die politisch Hauptverantwortlichen für die Ausschaltung von Demokratie, Parlamentarismus und Sozialdemokratie in der Ersten Republik. Der Kampf gegen die sozialdemokratische Opposition gipfelt im Parteienverbot nach dem Bürgerkrieg vom Februar 1934 und führt zur tiefen Fragmentierung und irreparablen Spaltung der Gesellschaft.

  8. 25. März 2013 23:33
    Nazi-Ikone Blutschwester Pia „Von allen Teufeln gehetzt“ Eleonore Baur, bekannt unter dem Namen „Schwester Pia „, Mitglied von Hitlers Partei seit 1920. Sie beteiligte sich mit den „Alten Kämpfern“ an dem Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923 und wurde als einzige Frau von Adolf Hitler mit dem Blutorden ausgezeichnet. Am 9. November 1923 misslingt Adolf Hitlers Münchner Putsch. Schon damals an seiner Seite: Eleonore Baur, die später KZ-Häftlinge für sich schuften lässt – und reges Interesse an Menschenversuchen zeigt. Von Hans Holzhaider 9. November 1923, kurz vor ein Uhr mittags: An der Münchner Feldherrnhalle endet der Putsch, mit dem Adolf Hitler und seine Gesinnungsgenossen zunächst die bayerische und dann die Berliner Regierung aus dem Amt jagen wollte, um selbst die Macht in Deutschland zu übernehmen. An der Einmündung der Residenzstraße in den Odeonsplatz treffen die Putschisten – rund 2000 Mann, die Hitler und Hermann Göring eilends in München zusammengetrommelt haben, auf eine von rund hundert Landespolizisten gebildete Postenkette. Hitler marschiert in erster Reihe, auf der einen Seite untergehakt bei Max-Erwin von Scheubner-Richter, auf der anderen bei seinem Leibwächter Graf. Daneben der Reichswehrgeneral Erich Ludendorff mit seinem Diener Kurt Neubauer und Hermann Göring, der die Schlägertrupps der SA befehligte. Aus den Reihen der Nazis fällt ein Schuss – wer ihn abgab, ist nicht bekannt; die Polizisten antworten mit einer Salve, Scheubner-Richter wird getroffen und reißt im Fallen Hitler mit zu Boden. Der Schusswechsel dauert nur wenige Minuten, 14 Putschisten und vier junge Polizisten bleiben tot liegen, Hitler wird von seinen Anhängern in ein Auto gezerrt, er flieht zu seinem Freund Ernst Hanfstaengl nach Uffing am Staffelsee. Dort wird er zwei Tage später festgenommen. Die Propaganda verkündete ein Heldenepos Elf Jahre später, am 9. November 1934, stiftete Hitler für diejenigen, die am Novemberputsch teilgenommen hatten, einen eigenen Orden, das Ehrenzeichen des 9. November 1923, kurz „Blutorden“ genannt. Einer der ersten Träger war eine Frau: Eleonore Baur, genannt „Schwester Pia“. Die Berliner illustrierte Nachtausgabe widmete der „unermüdlichen Kämpferin“ am 31. Oktober 1934 eine ganze Seite – ein veritables Heldenepos. Wie sie „tapfer und ohne Ahnung, was geschehen sollte“, den „Todesweg durch die Residenzstaße“ mitmarschierte, „und als plötzlich die Kugeln pfeifend in die Mauern klatschten, als die Männer, die ihr zur Seite marschieren, zusammenbrechen, greift sie schnell und entschlossen die nächsten mit festen Armen und zieht sie aus dem Höllengeknatter, und sie brüllt mit ihrer verteufelt harten und tiefen Stimme die auseinanderstiebenden Truppen an…“ Bei der Überreichung des Ordens am 8. November 1934 im Münchner Bürgerbräukeller, an eben dem Ort, an dem elf Jahre zuvor der Putsch begonnen hatte, sie sie von Hitler gefragt worden, ob sie eine besonderen Wunsch habe, berichtete Eleonore Baur später. Sie habe darum gebeten, „dass ich mich um die in Dachau inhaftierten Häftlinge und deren Angehörige annehmen dürfe“. Ob sich das wirklich so zugetragen hat, wissen wir nicht; Tatsache ist aber, dass „Schwester Pia“ von diesem Zeitpunkt an im Konzentrationslager ein- und ausgehen konnte, wie sie wollte, dass die Wache ihr Meldung zu erstatten hatte und die Gefangenen ebenso wie die SS-Dienstgrade sie grüßen mussten. Nach dem Krieg musste sich Eleonore Baur wegen ihrer Rolle im Konzentrationslager in einem Spruchkammerverfahren verantworten. Aus den Angaben, die sie dort selbst gemacht hat, und aus den Aussagen von Gefangenen, die dort als Zeugen gehört wurden, ergibt sich ein schillerndes Bild – ein „Unmensch“, „von allen Teufeln gehetzt“, „zu allen Schandtaten fähig“ war sie für die einen. Andere dagegen nennen sie „unseren Engel in hoffnungslosen Stunden“, und „eine selten edle und gütige Frau“. —– Vernichtende Polizeinotiz Eleonore Baur wurde am 7. September 1885 in Kirchdorf bei Bad Aibling geboren. „Meine Mutter“, schildert sie in einer richterlichen Vernehmung am 10. Oktober 1949 im Arbeitslager Eichstätt, „ist kurz nach meiner Geburt gestorben. Mein Vater hat wieder geheiratet (…), ich war damals sechs oder sieben Jahre alt.“ Die Stiefmutter habe sie schlecht behandelt, „ich musste täglich um viertel nach vier Uhr aufstehen und in München an verschiedene Leute Milch austragen.“ Sie habe sieben Jahre die Volksschule besucht, und habe noch am Tage ihrer Schulentlassung eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Hebamme antreten müssen. 1905, also im Alter von 20 Jahren, sei sie mit einer befreundeten Krankenschwester nach Ägypten gefahren und dort in einem deutschen Krankenhaus als Krankenschwester ausgebildet worden. Reise nach Ägypten In der Spruchbegründung der Hauptspruchkammer München vom 26. August 1949 liest sich das so: „Schlechte häusliche Verhältnisse, mangelhafte Erziehung, keine Selbstzucht und ein übersteigertes Sexualempfinden brachten sie schon in ihrer frühesten Jugend mit der Polizei beziehungsweise Gesundheitsbehörde in Konflikt. Einen Beruf hat sie nicht erlernt, es entwickelte sich infolge ihrer Hemmungslosigkeit eine Art Abenteurernatur und 1905 reiste sie angeblich zur Pflege nach Ägypten.“ Worauf sich die Aussage über das „gesteigerte Sexualempfinden“ und die „Hemmungslosigkeit“ stützen, geht aus den Spruchkammerakten nicht hervor; offensichtlich existierte ein inzwischen vernichteter Eintrag in den Polizeiakten über einen Vorfall, den Eleonore Baur im März 1949 gegenüber Ärzten der Münchner Universitätsnervenklinik, wo ein psychiatrisches Gutachten über sie angefertigt wurde, so darstellte: „Nach einem Streit mit der Stiefmutter sei sie einmal aus dem Haus gelaufen und geradewegs auf die Theresienwiese. Dort sei ihr in der Dämmerung ein Mann begegnet, der sie auf den Boden geworfen und zu vergewaltigen versucht habe. Es sei bei diesem Vorfall nicht zu einem Verkehr gekommen und sie habe keineswegs, wie bei der Polizei behauptet worden sei, den Mann dazu animiert. Sie sei acht Tage in Polizeigewahrsam gewesen wegen angeblicher öffentlicher Unzucht. Noch heute (1949) fühle sie sich durch diese Ungerechtigkeit bedrückt.“ In dem gleichen Jahr, in dem Eleonore Baur nach Ägypten reiste, wurde sie Mutter eines Sohnes, den sie vor ihrer Abreise ihrer Stiefmutter in Pflege gab. (Der Vater war nach ihren eigenen Angaben ein Jurastudent, der 1938 tödlich verunglückte; der von ihrem späteren ersten Ehemann adoptierte Sohn, Wilhelm Baur, machte unter den Nazis Karriere; er wurde Leiter des Zentralverlags der NSDAP und Vizepräsident der Reichsschrifttumsskammer; er fiel in den letzten Kriegsstagen in Berlin.) Eleonore Baur blieb etwa zwei Jahre in Ägypten, dann kehrte sie, weil sie „sehr viel Heimweh hatte“, wieder nach München zurück. In der Folgezeit habe sie privat als Krankenschwester gearbeitet; von einer Vereinigung freier Schwestern, die den Namen „Gelbes Kreuz“ trug, habe sie den Namen „Schwester Pia“ verliehen bekommen. ´ —— „Aufreizung zum Klassenhass“ 1908 oder 1909 heiratete sie den Maschineningenieur Ludwig Baur; es habe sich um eine „reine Versorgungsheirat“ gehandelt, die fünf oder sechs Jahre später wieder geschieden worden war – weder an das Jahr der Heirat noch an das der Scheidung konnte sie sich genau erinnern. Von diesen spärlichen Daten abgesehen wissen wir über das Leben der Eleonore Baur bis zum Jahr 1919 fast nichts. In ihrer richterlichen Vernehmung gibt sie an, sie habe während des Ersten Weltkriegs in ihrer Münchner Wohnung Kranke gepflegt. Über politische Aktivitäten aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Erst im Frühjahr 1919, in den wenigen Wochen der Räteherrschaft in München, wird deutlich, wo „Schwester Pia“ politisch steht. Vor Gericht wegen Aufreizung zum Klassenhass In der Vernehmungsniederschrift heißt es: „Als es in München zwischen Regierungstruppen und den Spartakisten zu Straßenkämpfen kam, habe ich als Krankenschwester freiwillig an den Kämpfen teilgenommen, indem ich sofort eine improvisierte Rettungsstation errichtete und während der Kampftage dort den Verwundeten erste Hilfe zuteil werden ließ. Ich habe aus reinem Gefühl der Vaterlandsliebe gehandelt…“ 1920 stand Eleonore Baur vor dem Volksgericht München, angeklagt der Aufreizung zum Klassenhass. Gegenstand der Verhandlung war ein Vorkommnis am 11. März 1920. Während einer Frauendemonstration an der Theresienwiese war es zu einer Konfrontation zwischen den Demonstrantinnen und der Polizei gekommen. Baur kam zufällig vorbei und rief den demonstrierenden Frauen zu, sie sollten nicht die Polizei beschimpfen, sondern sich an diejenigen halten, die an allem Unglück schuld seien, nämlich die Juden. „Acht Pfund Weizenmehl und ein Pfund Zucker bekommen die Juden, und wir bekommen einen Dreck“, rief sie, und weiter, die Leute sollten „sich etwas bei den Juden holen, die die Lebensmittel aufspeichern.“ Das Gericht sprach Eleonore Baur frei. Die Angeklagte, befanden die Richter, habe „zwar in unverantwortlicher Weise gegen die Juden gehetzt“, es sei ihr aber „ferngelegen, die Menge zur Begehung von Gewalttätigkeiten gegen die Juden und deren Eigentum aufzufordern.“ Drei Wochen vor dem Ereignis, das Eleonore Baur vor Gericht brachte, hatte Schwester Pia eine Bekanntschaft gemacht, die für ihren weiteren Lebensweg überaus bedeutsam werden sollte. Es war – an dieses Datum erinnerte sie sich genau – der 19. Februar 1920. An diesem Tage (wir zitieren wieder die Vernehmungsniederschrift aus dem Jahr 1949) „fuhr ich in der Elektrischen (Anm: der Straßenbahn) in München. Da ich meine Station überfahren hatte, sollte ich nachzahlen. Zufällig hatte ich kein Geld bei mir. Einer der Fahrgäste, ein Zivilist, sah meine Verlegenheit und zahlte für mich. Es stellte sich dann heraus, dass dieser Gast Alois Drexler war, in dessen Begleitung sich Adolf Hitler befand. Durch diesen Vorfall kam ich in Berührung mit Hitler und dadurch mit der Bewegung.“ Sie besuchte danach die Versammlungen im Sterneckerbräu und wurde bald Mitglied der Partei. Sie habe, gab sie in ihren Vernehmungen an, die Mitgliedsnummer 511 gehabt, „wobei ich allerdings darauf aufmerksam mache, dass wir mit der Nummer 500 angefangen haben“. —– Himmlers „schwarze Perle“ In den folgenden drei Jahren ist Eleonore Baur überall zu finden, wo geschossen, gehauen und gestochen wird. „Mit vorgehaltenem Revolver“, berichtet die Berliner illustrierte Nachtausgabe habe sie nach einem Sabotageakt gegen einen Lastwagen der SA in der Nähe von Erding die Aufnahme von Verwundeten in einer Gastwirtschaft durchgesetzt, bei Straßenkämpfen in Göppingen sie ihr „buchstäblich die Nase abgeschlagen“ worden – all das hat sicher einen gewissen Wahrheitskern, bei den ausschmückenden Details ist wohl Vorsicht angebracht. Gesichert ist, dass sie als Sanitäterin an den Kämpfen des Freikorps Oberland in Schlesien teilnahm und beim Sturm auf den Annaberg am 21. Mai 1921 am Oberschenkel verwundet wurde. Nach dem gescheiterten Putsch am 9. November 1923 hielt sie sich zehn Jahre lang von der Politik fern. Erst nach Hitlers Machtergreifung wird sie wieder aktiv. 1934 wurde Eleonore Baur von Heinrich Himmler als Fürsorgeschwester in der Reichsführung der SS angestellt. Auf welche Weise sie die Bekannschaft Himmlers gemacht hatte, ist nicht klar; sie rühmte sich jedenfalls später bei vielen Gelegenheiten ihrer guten Kontakte mit dem Reichsführer SS und nannte ihn „meine schwarze Perle“. Himmler habe ihr zur Aufgabe gemacht, sich um kranke SS-Männer und deren Angehörige zu kümmern, sagte sie dem Untersuchungsrichter, so kam sie in das SS-Lazarett, das unmittelbar neben dem Konzentrationslager Dachau lag. Der am schwersten wiegende Vorwurf, der Eleonore Baur nach dem Krieg gemacht wurde, betraf ihre Anwesenheit bei den Unterkühlungsversuchen des Dr. Siegfried Rascher. Ihrer Intervention sei es zuzuschreiben, hieß es in dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf gerichtliche Voruntersuchung, „dass die Häftlinge bei den Versuchen des Dr. Rascher entgegen dem Vorschlag des Professors Holzlöhner und Dr. Finke nicht narkotisiert wurden.“ Diese Beschuldigung stützte sich im Wesentlichen auf eine Zeugenaussage des Häftlings und späteren Zivilangestellten im KZ Dachau, Walter Neff. Er sagte aus, er habe Eleonore Baur zweimal bei Raschers Versuchen gesehen. Beim ersten Mal – etwa im August 1942 – sei es zu einer Diskussion zwischen Rascher und seinen Gehilfen Dr. Finke und Dr. Holzlöhner gekommen, wobei Finke und Holzlöhner angeregt hätten, die Versuchspersonen, die mehrere Stunden lang unter qualvollen Schmerzen in drei bis sieben Grad kaltem Wasser lagen, durch eine leichte Narkose zu betäuben. Anfeuerungsruf bei Menschenversuchen Rascher habe dies abgelehnt. Schwester Pia habe sich in die Diskussion eingemischt und ebenfalls gefordert, auf eine Narkose zu verzichten, weil durch die Versuche schließlich deutschen Soldaten geholfen werden solle. Daraufhin habe Finke ihr erklärt, sie habe hier nichts zu suchen, worauf Pia auch tatsächlich weggegangen sei. Bei dem zweiten Vorfall, etwa zwei bis drei Monate später, sei – ebenfalls der Aussage Neffs zufolge – Pia dazugekommen, als ein Häftling, der durch die Kälteeinwirkung schon bewusstlos war, durch die Körperwärme von zwei Frauen aufgewärmt werden sollte. Die beiden Frauen mussten sich nackt rechts und links neben den Gefangenen legen. Rascher habe erreichen wollen, dass es zwischen dem Häftling und den Frauen zum Geschlechtsverkehr komme und habe Schwester Pia aufgefordert, den beiden Frauen entsprechend zuzureden. Daraufhin habe Eleonore Baur die Frauen aufgefordert, sie sollten „nicht so gschamig sein“, es sei doch alles zum Nutzen der deutschen Soldaten. Neffs Aussage wurde, soweit sie die Diskussion über die Narkotisierung betrifft, von dem Zeugen Rudolf Punzengruber bestätigt. —– Weihnachtslieder zu den Prügeln Punzengruber, selbst Arzt und ehemaliger Häftling, gab zu Protokoll: „Meines Erachtens war sich die Frau über die Unmenschlichkeit dieser Forderung nicht im Klaren (…). Geistig ist diese Frau von einer minderen Erkenntnisfähigkeit.“ Die 1. Strafkammer des Landgerichts München kam zu dem Ergebnis, dass „die Beweise für eine Beihilfe zu einem Verbrechen des Mordes, der Körperverletzung mit Todesfolge oder der gefährlichen Körperverletzung als ungenügend zu erachten“ seien. Das Verfahren wurde eingestellt, die Kosten trug die Staatskasse. Unabhängig davon aber wurde das Verfahren nach dem „Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus“ gegen Eleonore Baur durchgeführt. Die Hauptspruchkammer München hörte 44 Zeugen. Aus ihren Aussagen ergibt sich ein überaus zwiespältiges Bild von Eleonore Baur – eine Frau, die zwar keine Verbrechen im eigentlichen Sinn begangen hat, die aber rücksichtslos die Arbeitskraft von Häftlingen zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt hat, die eine glühende Nationalsozialistin und wütende Antisemitin war, und die ihre Machtposition und ihre Beziehungen zu höchsten Parteibonzen dazu benutzt hat, Nachbarn und Bekannte in Angst und Schrecken zu versetzen. Andererseits ist unbestritten, dass „Schwester Pia“ eine Reihe von Häftlingen, vor allem Pfarrern, geholfen, sich für ihre Freilassung eingesetzt und Angehörige mit Geld unterstützt hat. Welche Seite ihres Charakters zum Tragen kam, war offensichtlich abhängig von ihrer Tageslaune. „Launisch“, „unberechenbar“, „hysterisch“ sind die Adjektive, die in den Aussagen über Eleonore Baur am häufigsten vorkommen. Von den zahlreichen Besuchen, die Eleonore Baur dem Konzentrationslager abstattete, blieben den Gefangenen vor allem ihre ,,Weihnachtsbescherungen“ in Erinnerung. Von 1934 ab kam Schwester Pia den Zeugenaussagen zufolge am Weihnachtstag ins Lager und verteilte an ausgewählte Häftlinge Päckchen mit Weihnachtsgebäck. Es waren aus verschiedenen Gründen keine reinen Wohltätigkeitsveranstaltungen für die Häftlinge. Der Zeuge Karl Tanzmeier, der als SPD-Funktionär einer der ersten Häftlinge im KZ Dachau war, berichtet von der „Weihnachtsfeier“ 1934: „An jenem Weihnachtstage war ich in der Strafkompanie beim Straßenbau gewesen. Es hieß: Die Pia kommt, wir würden beschenkt (…). Es war ungefähr nachmittags um 16 Uhr, als meine Kompanie in den Saal kam. Dort war eine große Anzahl von SS-Leuten und die Schwester Pia. Ich habe das von ihr angebotene Päckchen abgelehnt, ohne dass ich eigentlich einen anderen Grund hatte, als dass ich hierdurch eine politische Demonstration durchführen wollte. Die Schwester Pia hat mir wegen meiner Ablehnung eine Ohrfeige gegeben (…). Als die anwesenden SS-Leute dies sahen, wurde ich sofort aus dem Saal gezerrt und in den Bunker gebracht. Steinbrenner und Kantschuster schlugen mit einer Peitsche bzw. Ochsenziemer auf mich ein. Bei dieser Misshandlung verlor ich fünf Zähne des Oberkiefers (…). Anschließend wurde ich bis Anfang Januar in Dunkelhaft gehalten.“ Krepieren und durch den Kamin Hans Schwarz berichtete, dass bei der „Weihnachtsfeier“ im Jahr 1938 in Anwesenheit der Schwester Pia zwölf Gefangene über den Bock gelegt und verprügelt wurden, während die anderen anwesenden Gefangenen Weihnachtslieder singen mussten. Danach habe Pia eine Ansprache gehalten, ,,dass wir nur ja recht an unsere Heimat und an unseren Führer denken sollten und nicht vergessen, dass wir doch Deutsche wären“. Währenddessen, so Schwarz, „wanderten unsere zwölf Kameraden ‚zur Erhöhung ihrer Festfreude‘, wie sich Loritz (der Lagerkommandant) ausließ, in den berüchtigten Bunker, um dann nach Weihnachten wiederzukehren.“ Hans Kaltenbacher erinnerte sich an das Jahr 1941: „Zur Weihnachtszeit wurde eine kleinere Zahl reichsdeutscher Häftlinge ausgewählt, um eine Weihnachtsbescherung von Schwester Pia zu empfangen. Ich gehörte zu diesen. In einem Saal hielt Schwester Pia eine Ansprache, die ich nie vergessen werde. Sie hat ausgeführt, dass wir deutschen Häftlinge doch mal die Freiheit wiedersehen würden und sie uns lieb hätte, aber die Juden, die im Lager seien, müssten krepieren, sie müssten durch den Kamin gehen. —– Einen Kuß für den Judenmörder Als ein Häftling (ein Kapo namens Knoll) zum Ausdruck brachte, dass er in seiner Eigenschaft als Blockältester schon 96 Juden kaputtgemacht hätte und dass ihm nur noch vier Juden bis zum Hundert fehlten, ist Pia zu ihm hingegangen, hat in geküsst und ihm ein zusätzliches Paket gegeben. Dieses Erlebnis war für uns ein so ungeheuerliches, dass wir nach dieser Feier dieses ‚hochherzig gespendete Paket‘ dem nächstbesten Kameraden, den wir auf der Lagerstraße trafen, abgegeben haben, weil es uns ekelte, ein Geschenk zu haben von einer Person, die sich mit Mördern liierte…“ Andererseits gibt es eine Reihe ehemaliger Gefangener, die sich geradezu überschwänglich positiv über Schwester Pia äußerten. Die meisten derartiogen Aussagen stammen von deutschen und österreichischen Geistlichen, die in Dachau inhaftiert waren. Der Jesuitenpater Otto Pies berichtet, Pia habe sich „ernstlich“, wenn auch ohne Erfolg um seine Freilassung bemüht und ihm zweimal Lebensmittel gebracht. Pfarrer Josef Seitz sagte aus, Pia habe ihm einmal „einen Laib Vollkornbrot und zwei Stück Butter“ gebracht und ihm damit „gleichsam das Leben gerettet“. Besonders viel hielt sich Eleonore Baur auf ihre Aktion zugunsten des Pfarrers Johann Huber aus Landau an der Isar zugute. Dessen Schwester Therese Friedsperger hatte an Pia geschrieben und um Hilfe für ihren Bruder gebeten. Pia antwortete, sie wolle sich für Huber einsetzen, „weil er als Leutnant im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz bekommen und sich als Freikorpskämpfer für die ‚Befreiung vom Spartakismus‘ eingesetzt habe.“ Als Huber im September 1942 an einer schweren Sepsis erkrankte, verhandelte Pia telefonisch mit dem Reichssicherheitshauptamt und erreichte, dass Huber in Schwabinger Krankenhaus eingeliefert wurde, wo er jedoch kurz darauf starb. Die Schwester bezeugte, Pia habe sie mit ihrem Auto in Landau abgeholt und sich im Krankenhaus „wahrhaft mütterlich“ um den Pfarrer Huber gekümmert. Der österreichische Pfarrer Leopold Arthofer schreibt in seinem Buch „Als Priester im Konzentrationslager“: „Was sie als blinde Anbeterin des Führers gesündigt hat (…), wissen wir nicht. Gerechterweise müssen wir anerkennen: Sie hat uns im Elend ein Herz gezeigt, in dem die frauliche Güte noch nicht erstorben war.“ Die von Arthofer weitgehend wörtlich überlieferte Rede, die Pia am 17. Dezember 1942 im Priesterblock des KZ hielt, sagt einiges aus über die grobschlächtige Naivität, mit der Pia den Häftlingen gegenübertrat. „Meine liabn Pfarrer“, zitiert Arthofer, „mit euch hab i a Wörtl zum redn. Das wiss`ma ganz guat, dass ihr aufs Volk an Einfluss habts, und den Einfluss habts ihr missbraucht, drum seids ihr ja da. I bitt auch, meine liabn Pfarrer, i moans gut mit euch, seids gscheit und arbats mit uns. (…) Seids doch net so dumm, meine liabn Pfarrer, und gebts nach, dann werds ja alle wieder frei werdn, gelt, Redwitz?“ Der Lagerführer Redwitz, berichtet Arthofer, „sah schweigend auf den Boden und presste die Lippen zusammen“. Der Berliner Pfarrer Christian Rieger erinnerte sich an eine ähnliche Rede Pias im Priesterblock, bei der sie sich freundlich über die deutschen Geistlichen geäußert, aber dann angefügt habe: „Die Polen können ruhig verrecken.“ Dass Pia einen besonderen Hass gegen Polen und Russen hegte, ergibt sich auch aus der Zeugenaussage des Josef Paintmaier, der Pias Anwesenheit bei den Malariaexperimenten des Dr. Schilling bezeugt. Sie habe dort „mit perverser Neugier“ zugeschaut, wie den russischen Häftlingen Schachteln mit Malariamücken an die Geschlechtsteile gehängt wurden und gesagt: „Warum legt man die Leute nicht gleich um.“ Massive Schikanen und Demütigungen In einer ihrer zahlreichen Vernehmungen nach dem Krieg begründete Eleonore Baur ihren Hass auf die Polen damit, dass sie während ihres Einsatzes mit dem Freikorps Oberland in Schlesien viele Opfer von Greueltaten der polnischen Insurgenten gesehen habe. Welche Motive auch immer Eleonore Baur bei ihren Besuchen im KZ Dachau leiteten – so uneigennützig, wie sie es nach dem Krieg glauben machen wollte, waren sie nicht. Fast vom ersten Tag an ließ sie sich Häftlinge zur Arbeit auf einem Grundstück in Oberhaching zuteilen, das sie 1923 mit ihrem zweiten Mann gekauft hatte. Über dieses „Arbeitskommando Pia“ gibt eseine Fülle von Zeugenaussagen, aus denen hervorgeht, dass die Häftlinge, die bei Pia arbeiten mussten, zwar im Großen und Ganzen nicht schlecht behandelt, vor allem wesentlich besser als im KZ verpflegt, aber je nach Laune von der Blutordensträgerin auch massiv schikaniert und gedemütigt wurden. —– Missbrauchte Pia Häftlinge sexuell? Am kompetentesten konnte der ehemalige Häftling Michael Gollackner über die Arbeitseinsätze bei Schwester Pia aussagen. Gollackner war vom Frühjahr 1938 bis etwa 1942 fast ständig im „Arbeitskommando Pia“; sein Bericht über die Verhältnisse dort wird durch eine Vielzahl anderer Aussagen bestätigt. „Arbeitsmäßig gesehen hat Pia uns Häftlinge schikaniert“, berichtete Gollackner. „Besonders wenn sie schlechter Laune war, hat sie uns und ebenfalls die SS-Bewachungsposten zur Arbeit angetrieben. Bis zur Dunkelheit wurden wir stetig beschäftigt. Auch sonntags sind wir zur Arbeit herangezogen worden.“ In besonders schlechter Erinnerung war Gollackner wie anderen Häftlingen die Reinigung der Abortgrube in Pias Garten, die etwa alle zwei Wochen vorgenommen werden musste. Gollackner berichtet: „Nur mit der Badehose bekleidet stieg ich durch die kleine Öffnung in die Grube. Die Kameraden ließen mir an einem Strick einen Eimer in die Grube, (den) ich mittels einer Konservenbüchse füllte. Nachher musse ich die Wände und den Boden der Grube mit Bürste, Wasser und Lappen so sauber waschen, dass alles wie neu zementiert aussah.“ „Dies entsprang wohl“, rechtfertigte sich Eleonore Baur in ihrer richterlichen Vernehmung, „meinem übergroßen Reinlichkeitsbedürfnis.“ Wie ein roter Faden zieht sich durch viele Zeugenaussagen die Vermutung, Eleonore Baur habe sich Häftlinge nicht nur zur Arbeitsleistung, sondern auch aus sexuellen Motiven ins Haus geholt. Der Reutlinger Stadtrat Fritz Wandel schreibt in seinem Buch: „Ein Weg durch die Hölle“: „Wenn sie durch das Lager ging, geschah es häufig, dass die politischen Blocks beim Baden waren. Sie versäumte es dann nicht, das Bad zu betreten (…) Fand sie einen, der ihr gefiel, dann stellte sie seine Nummer fest, und am anderen Tag wurde er dem Kommando Schwester Pia zugeteilt. (…) Pia fütterte den Neuen gut, und wenn er willig war und ihren perversen Gelüsten Erleichterung schaffte, dann konnte es sein, dass er zwei Monate lang ihr Favorit war (…) Wehe dem, der sich ihr verweigerte; sie ließ ihn abführen, er wurde in Arrest gebracht und nicht wieder gesehen. Es gab manchen, der lieber sterben ging.“ Widersprüchliche Berichte über sexuelle Übergriffe Emil de Martini, ein Häftling in Auschwitz, berichtet, er habe einmal „an der Seite des Lagerkommandanten eine alte, hässliche Frau in Schwesterntracht durch das Lager gehen (sehen). (…) Ein Kamerad aus Dachau erzählte, dass dies die Schwester Pia sei (…) die im Lager Dachau ein eigenes Kommando, bestehend aus vier Mann, habe, allerdings nicht zur Arbeit, sondern als Bettgenossen (…). Wer sich weigerte, den ließ sie kaltblütig in den Bunker abführen.“ Von allen ehemaligen Häftlingen, die in den Verfahren gegen Eleonore Baur ausgesagt haben, hat allerdings kein einziger aus eigener Kenntnis von sexuellen Kontakten mit Schwester Pia berichtet. Der ehemalige Häftling Josef Eckl, der von August 1942 bis August 1943 ständig im „Kommando Pia“ war, sagte aus: „Dass sie mit Häftlingen Geschlechtsverkehr hatte ist ausgeschlossen. Sie war damals schon 59 Jahre alt.“ Pias Chauffeur Rudolf Wirth hat in einer ausführlichen Aussage vor dem Untersuchungsrichter „ganz entschieden“ bestritten, „dass die Beschuldige sexuelle Ausschreitungen mit Häftlingen ihres Kommandos hatte. (…) Sowohl ich als auch die Köchin, die ebenso wie ich mit ihr wegen ihrer Launenhaftigkeit schwere Auftritte hatte und der Beschuldigten daher bestimmt nicht besonders gut gesinnt sind, können unter Berufung auf unseren Eid behaupten, dass während der Zeit unserer Beschäftigung nicht das Geringste vorgekommen ist, was nicht einwandfrei gewesen wäre in dieser Richtung.“ —– Trauer um die „treue Kameradin“ Alle Häftlinge, die je zu Schwester Pia abkommandiert wurden, haben hervorgehoben, dass sie dort wesentlich besser als im KZ verpflegt wurden. Das fiel Pia nicht schwer, denn sie nahm alles, was sie an Verpflegung brauchte, aus dem Lager mit, und sehr wahrscheinlich noch einiges mehr. Wahre Beutezüge habe Pia im KZ unternommen, sagte ein ehemaliger Häftling, nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch auf alles, was sie beim Um- und Ausbau ihres Hauses brauchen konnte. Sie ließ sich von den Gefangenen ihr Holzhaus neu verschalen, eine Garage, ein Badehaus, einen Schuppen und einen Bunker bauen, alles natürlich ohne Bezahlung. Im Garten ließ sie sich Lampen installieren, die als „Siegeslampen“ deklariert wurden und im Augenblick des Endsieges zum ersten Mal leuchten sollten. Carolina Neulein, die ab 1940 als Wirtschafterin bei Pia angestellt war, hat berichtet, dass häufig SS-Führer bei Pia verkehrten, dass zweimal zu ihrem Geburtstag eine vollständige SS-Kapelle aufspielte und dass sie sich gern mit dem Spruch brüstete: „Es gibt nur einen Friedrich den Großen, es gibt nur einen Adolf Hitler und es gibt nur eine Schwester Pia.“ Anzeige Nachbarn haben berichtet, dass sie oft mit ihrer Macht drohte, jemanden nach Dachau zu bringen; eine Maria Hohenester, die so unvorsichtig war, vor einer Hitlerrede in Hörweite von Schwester Pia zu sagen: „Heute spricht der Massenmörder“, denunzierte sie bei der Polizei; die Frau kam mit sieben Wochen Untersuchungshaft davon. Eleonore Baur wurde am 5. Mai 1945 verhaftet und kurz darauf wieder freigelassen; am 12. Juni wurde sie vom amerikanischen CIC erneut festgenommen. Die Haupspruchkammer München verurteilte Eleonore Baur am 26. August 1949 zur Einweisung in ein Arbeitslager auf die Dauer von zehn Jahren – das war die schärfste im Entnazifizierungsgesetz vorgesehene Sühnemaßnahme. Auf ihre Berufung hin reduzierte die Berufungskammer am 20. Februar 1951 die Dauer der Arbeitslagerzeit auf acht Jahre. Der Spruch hatte nur noch theoretische Bedeutung; Eleonore Baur war schon am 23. Juni 1950 aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden. Sieben Jahre später stellte sie beim Landratsamt München einen Antrag auf Kriegsgefangenenentschädigung; ob ihr diese gewährt wurde, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Sie lebte weiter in dem Haus in Oberhaching, das mit der Arbeitskraft der KZ-Häftlinge ausgebaut worden war. Zu ihrem 90. Geburtstag erschien in einer rechtsradikalen Zeitung ein Artikel, der mit den Sätzen endete: „Heute schaut sie in ihrem Heim in Oberhaching bei München auf ein gelebtes und bestandenes Leben zurück. Sie bereut nichts und würde es noch einmal tun.“ Eleonore Baur starb am 18. Mai 1981, 95 Jahre alt. Im Münchner Merkur erschien eine Todesanzeige der „Kameradschaft Freikorps Oberland/Bund Oberland“ mit dem Spruch „Ihre Ehre hieß Treue – Ihr Leben galt Deutschland“ und dem Hinweis auf die von ihr erworbenen „Orden und Ehrenzeichen“. Der Original-Artikel von Hans Holzhaider über Eleonore Baur ist 1994 in den Dachauer Heften (10) erschienen. http://www.sueddeutsche.de/politik/nazi-ikone-blutschwester-pia-von-allen-teufeln-gehetzt-1.826210-8 Nazi-Ikone Blutschwester Pia „Von allen Teufeln gehetzt“ Eleonore Baur, bekannt unter dem Namen „Schwester Pia „, Mitglied von Hitlers Partei seit 1920. Sie beteiligte sich mit den „Alten Kämpfern“ an dem Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923 und wurde als einzige Frau von Adolf Hitler mit dem Blutorden ausgezeichnet. Am 9. November 1923 misslingt Adolf Hitlers Münchner Putsch. Schon damals an seiner Seite: Eleonore Baur, die später KZ-Häftlinge für sich schuften lässt – und reges Interesse an Menschenversuchen zeigt. Von Hans Holzhaider 9. November 1923, kurz vor ein Uhr mittags: An der Münchner Feldherrnhalle endet der Putsch, mit dem Adolf Hitler und seine Gesinnungsgenossen zunächst die bayerische und dann die Berliner Regierung aus dem Amt jagen wollte, um selbst die Macht in Deutschland zu übernehmen. An der Einmündung der Residenzstraße in den Odeonsplatz treffen die Putschisten – rund 2000 Mann, die Hitler und Hermann Göring eilends in München zusammengetrommelt haben, auf eine von rund hundert Landespolizisten gebildete Postenkette. Hitler marschiert in erster Reihe, auf der einen Seite untergehakt bei Max-Erwin von Scheubner-Richter, auf der anderen bei seinem Leibwächter Graf. Daneben der Reichswehrgeneral Erich Ludendorff mit seinem Diener Kurt Neubauer und Hermann Göring, der die Schlägertrupps der SA befehligte. Aus den Reihen der Nazis fällt ein Schuss – wer ihn abgab, ist nicht bekannt; die Polizisten antworten mit einer Salve, Scheubner-Richter wird getroffen und reißt im Fallen Hitler mit zu Boden. Der Schusswechsel dauert nur wenige Minuten, 14 Putschisten und vier junge Polizisten bleiben tot liegen, Hitler wird von seinen Anhängern in ein Auto gezerrt, er flieht zu seinem Freund Ernst Hanfstaengl nach Uffing am Staffelsee. Dort wird er zwei Tage später festgenommen. Die Propaganda verkündete ein Heldenepos Elf Jahre später, am 9. November 1934, stiftete Hitler für diejenigen, die am Novemberputsch teilgenommen hatten, einen eigenen Orden, das Ehrenzeichen des 9. November 1923, kurz „Blutorden“ genannt. Einer der ersten Träger war eine Frau: Eleonore Baur, genannt „Schwester Pia“. Die Berliner illustrierte Nachtausgabe widmete der „unermüdlichen Kämpferin“ am 31. Oktober 1934 eine ganze Seite – ein veritables Heldenepos. Wie sie „tapfer und ohne Ahnung, was geschehen sollte“, den „Todesweg durch die Residenzstaße“ mitmarschierte, „und als plötzlich die Kugeln pfeifend in die Mauern klatschten, als die Männer, die ihr zur Seite marschieren, zusammenbrechen, greift sie schnell und entschlossen die nächsten mit festen Armen und zieht sie aus dem Höllengeknatter, und sie brüllt mit ihrer verteufelt harten und tiefen Stimme die auseinanderstiebenden Truppen an…“ Bei der Überreichung des Ordens am 8. November 1934 im Münchner Bürgerbräukeller, an eben dem Ort, an dem elf Jahre zuvor der Putsch begonnen hatte, sie sie von Hitler gefragt worden, ob sie eine besonderen Wunsch habe, berichtete Eleonore Baur später. Sie habe darum gebeten, „dass ich mich um die in Dachau inhaftierten Häftlinge und deren Angehörige annehmen dürfe“. Ob sich das wirklich so zugetragen hat, wissen wir nicht; Tatsache ist aber, dass „Schwester Pia“ von diesem Zeitpunkt an im Konzentrationslager ein- und ausgehen konnte, wie sie wollte, dass die Wache ihr Meldung zu erstatten hatte und die Gefangenen ebenso wie die SS-Dienstgrade sie grüßen mussten. Nach dem Krieg musste sich Eleonore Baur wegen ihrer Rolle im Konzentrationslager in einem Spruchkammerverfahren verantworten. Aus den Angaben, die sie dort selbst gemacht hat, und aus den Aussagen von Gefangenen, die dort als Zeugen gehört wurden, ergibt sich ein schillerndes Bild – ein „Unmensch“, „von allen Teufeln gehetzt“, „zu allen Schandtaten fähig“ war sie für die einen. Andere dagegen nennen sie „unseren Engel in hoffnungslosen Stunden“, und „eine selten edle und gütige Frau“. —– Vernichtende Polizeinotiz Eleonore Baur wurde am 7. September 1885 in Kirchdorf bei Bad Aibling geboren. „Meine Mutter“, schildert sie in einer richterlichen Vernehmung am 10. Oktober 1949 im Arbeitslager Eichstätt, „ist kurz nach meiner Geburt gestorben. Mein Vater hat wieder geheiratet (…), ich war damals sechs oder sieben Jahre alt.“ Die Stiefmutter habe sie schlecht behandelt, „ich musste täglich um viertel nach vier Uhr aufstehen und in München an verschiedene Leute Milch austragen.“ Sie habe sieben Jahre die Volksschule besucht, und habe noch am Tage ihrer Schulentlassung eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Hebamme antreten müssen. 1905, also im Alter von 20 Jahren, sei sie mit einer befreundeten Krankenschwester nach Ägypten gefahren und dort in einem deutschen Krankenhaus als Krankenschwester ausgebildet worden. Reise nach Ägypten In der Spruchbegründung der Hauptspruchkammer München vom 26. August 1949 liest sich das so: „Schlechte häusliche Verhältnisse, mangelhafte Erziehung, keine Selbstzucht und ein übersteigertes Sexualempfinden brachten sie schon in ihrer frühesten Jugend mit der Polizei beziehungsweise Gesundheitsbehörde in Konflikt. Einen Beruf hat sie nicht erlernt, es entwickelte sich infolge ihrer Hemmungslosigkeit eine Art Abenteurernatur und 1905 reiste sie angeblich zur Pflege nach Ägypten.“ Worauf sich die Aussage über das „gesteigerte Sexualempfinden“ und die „Hemmungslosigkeit“ stützen, geht aus den Spruchkammerakten nicht hervor; offensichtlich existierte ein inzwischen vernichteter Eintrag in den Polizeiakten über einen Vorfall, den Eleonore Baur im März 1949 gegenüber Ärzten der Münchner Universitätsnervenklinik, wo ein psychiatrisches Gutachten über sie angefertigt wurde, so darstellte: „Nach einem Streit mit der Stiefmutter sei sie einmal aus dem Haus gelaufen und geradewegs auf die Theresienwiese. Dort sei ihr in der Dämmerung ein Mann begegnet, der sie auf den Boden geworfen und zu vergewaltigen versucht habe. Es sei bei diesem Vorfall nicht zu einem Verkehr gekommen und sie habe keineswegs, wie bei der Polizei behauptet worden sei, den Mann dazu animiert. Sie sei acht Tage in Polizeigewahrsam gewesen wegen angeblicher öffentlicher Unzucht. Noch heute (1949) fühle sie sich durch diese Ungerechtigkeit bedrückt.“ In dem gleichen Jahr, in dem Eleonore Baur nach Ägypten reiste, wurde sie Mutter eines Sohnes, den sie vor ihrer Abreise ihrer Stiefmutter in Pflege gab. (Der Vater war nach ihren eigenen Angaben ein Jurastudent, der 1938 tödlich verunglückte; der von ihrem späteren ersten Ehemann adoptierte Sohn, Wilhelm Baur, machte unter den Nazis Karriere; er wurde Leiter des Zentralverlags der NSDAP und Vizepräsident der Reichsschrifttumsskammer; er fiel in den letzten Kriegsstagen in Berlin.) Eleonore Baur blieb etwa zwei Jahre in Ägypten, dann kehrte sie, weil sie „sehr viel Heimweh hatte“, wieder nach München zurück. In der Folgezeit habe sie privat als Krankenschwester gearbeitet; von einer Vereinigung freier Schwestern, die den Namen „Gelbes Kreuz“ trug, habe sie den Namen „Schwester Pia“ verliehen bekommen. ´ —— „Aufreizung zum Klassenhass“ 1908 oder 1909 heiratete sie den Maschineningenieur Ludwig Baur; es habe sich um eine „reine Versorgungsheirat“ gehandelt, die fünf oder sechs Jahre später wieder geschieden worden war – weder an das Jahr der Heirat noch an das der Scheidung konnte sie sich genau erinnern. Von diesen spärlichen Daten abgesehen wissen wir über das Leben der Eleonore Baur bis zum Jahr 1919 fast nichts. In ihrer richterlichen Vernehmung gibt sie an, sie habe während des Ersten Weltkriegs in ihrer Münchner Wohnung Kranke gepflegt. Über politische Aktivitäten aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Erst im Frühjahr 1919, in den wenigen Wochen der Räteherrschaft in München, wird deutlich, wo „Schwester Pia“ politisch steht. Vor Gericht wegen Aufreizung zum Klassenhass In der Vernehmungsniederschrift heißt es: „Als es in München zwischen Regierungstruppen und den Spartakisten zu Straßenkämpfen kam, habe ich als Krankenschwester freiwillig an den Kämpfen teilgenommen, indem ich sofort eine improvisierte Rettungsstation errichtete und während der Kampftage dort den Verwundeten erste Hilfe zuteil werden ließ. Ich habe aus reinem Gefühl der Vaterlandsliebe gehandelt…“ 1920 stand Eleonore Baur vor dem Volksgericht München, angeklagt der Aufreizung zum Klassenhass. Gegenstand der Verhandlung war ein Vorkommnis am 11. März 1920. Während einer Frauendemonstration an der Theresienwiese war es zu einer Konfrontation zwischen den Demonstrantinnen und der Polizei gekommen. Baur kam zufällig vorbei und rief den demonstrierenden Frauen zu, sie sollten nicht die Polizei beschimpfen, sondern sich an diejenigen halten, die an allem Unglück schuld seien, nämlich die Juden. „Acht Pfund Weizenmehl und ein Pfund Zucker bekommen die Juden, und wir bekommen einen Dreck“, rief sie, und weiter, die Leute sollten „sich etwas bei den Juden holen, die die Lebensmittel aufspeichern.“ Das Gericht sprach Eleonore Baur frei. Die Angeklagte, befanden die Richter, habe „zwar in unverantwortlicher Weise gegen die Juden gehetzt“, es sei ihr aber „ferngelegen, die Menge zur Begehung von Gewalttätigkeiten gegen die Juden und deren Eigentum aufzufordern.“ Drei Wochen vor dem Ereignis, das Eleonore Baur vor Gericht brachte, hatte Schwester Pia eine Bekanntschaft gemacht, die für ihren weiteren Lebensweg überaus bedeutsam werden sollte. Es war – an dieses Datum erinnerte sie sich genau – der 19. Februar 1920. An diesem Tage (wir zitieren wieder die Vernehmungsniederschrift aus dem Jahr 1949) „fuhr ich in der Elektrischen (Anm: der Straßenbahn) in München. Da ich meine Station überfahren hatte, sollte ich nachzahlen. Zufällig hatte ich kein Geld bei mir. Einer der Fahrgäste, ein Zivilist, sah meine Verlegenheit und zahlte für mich. Es stellte sich dann heraus, dass dieser Gast Alois Drexler war, in dessen Begleitung sich Adolf Hitler befand. Durch diesen Vorfall kam ich in Berührung mit Hitler und dadurch mit der Bewegung.“ Sie besuchte danach die Versammlungen im Sterneckerbräu und wurde bald Mitglied der Partei. Sie habe, gab sie in ihren Vernehmungen an, die Mitgliedsnummer 511 gehabt, „wobei ich allerdings darauf aufmerksam mache, dass wir mit der Nummer 500 angefangen haben“. —– Himmlers „schwarze Perle“ In den folgenden drei Jahren ist Eleonore Baur überall zu finden, wo geschossen, gehauen und gestochen wird. „Mit vorgehaltenem Revolver“, berichtet die Berliner illustrierte Nachtausgabe habe sie nach einem Sabotageakt gegen einen Lastwagen der SA in der Nähe von Erding die Aufnahme von Verwundeten in einer Gastwirtschaft durchgesetzt, bei Straßenkämpfen in Göppingen sie ihr „buchstäblich die Nase abgeschlagen“ worden – all das hat sicher einen gewissen Wahrheitskern, bei den ausschmückenden Details ist wohl Vorsicht angebracht. Gesichert ist, dass sie als Sanitäterin an den Kämpfen des Freikorps Oberland in Schlesien teilnahm und beim Sturm auf den Annaberg am 21. Mai 1921 am Oberschenkel verwundet wurde. Nach dem gescheiterten Putsch am 9. November 1923 hielt sie sich zehn Jahre lang von der Politik fern. Erst nach Hitlers Machtergreifung wird sie wieder aktiv. 1934 wurde Eleonore Baur von Heinrich Himmler als Fürsorgeschwester in der Reichsführung der SS angestellt. Auf welche Weise sie die Bekannschaft Himmlers gemacht hatte, ist nicht klar; sie rühmte sich jedenfalls später bei vielen Gelegenheiten ihrer guten Kontakte mit dem Reichsführer SS und nannte ihn „meine schwarze Perle“. Himmler habe ihr zur Aufgabe gemacht, sich um kranke SS-Männer und deren Angehörige zu kümmern, sagte sie dem Untersuchungsrichter, so kam sie in das SS-Lazarett, das unmittelbar neben dem Konzentrationslager Dachau lag. Der am schwersten wiegende Vorwurf, der Eleonore Baur nach dem Krieg gemacht wurde, betraf ihre Anwesenheit bei den Unterkühlungsversuchen des Dr. Siegfried Rascher. Ihrer Intervention sei es zuzuschreiben, hieß es in dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf gerichtliche Voruntersuchung, „dass die Häftlinge bei den Versuchen des Dr. Rascher entgegen dem Vorschlag des Professors Holzlöhner und Dr. Finke nicht narkotisiert wurden.“ Diese Beschuldigung stützte sich im Wesentlichen auf eine Zeugenaussage des Häftlings und späteren Zivilangestellten im KZ Dachau, Walter Neff. Er sagte aus, er habe Eleonore Baur zweimal bei Raschers Versuchen gesehen. Beim ersten Mal – etwa im August 1942 – sei es zu einer Diskussion zwischen Rascher und seinen Gehilfen Dr. Finke und Dr. Holzlöhner gekommen, wobei Finke und Holzlöhner angeregt hätten, die Versuchspersonen, die mehrere Stunden lang unter qualvollen Schmerzen in drei bis sieben Grad kaltem Wasser lagen, durch eine leichte Narkose zu betäuben. Anfeuerungsruf bei Menschenversuchen Rascher habe dies abgelehnt. Schwester Pia habe sich in die Diskussion eingemischt und ebenfalls gefordert, auf eine Narkose zu verzichten, weil durch die Versuche schließlich deutschen Soldaten geholfen werden solle. Daraufhin habe Finke ihr erklärt, sie habe hier nichts zu suchen, worauf Pia auch tatsächlich weggegangen sei. Bei dem zweiten Vorfall, etwa zwei bis drei Monate später, sei – ebenfalls der Aussage Neffs zufolge – Pia dazugekommen, als ein Häftling, der durch die Kälteeinwirkung schon bewusstlos war, durch die Körperwärme von zwei Frauen aufgewärmt werden sollte. Die beiden Frauen mussten sich nackt rechts und links neben den Gefangenen legen. Rascher habe erreichen wollen, dass es zwischen dem Häftling und den Frauen zum Geschlechtsverkehr komme und habe Schwester Pia aufgefordert, den beiden Frauen entsprechend zuzureden. Daraufhin habe Eleonore Baur die Frauen aufgefordert, sie sollten „nicht so gschamig sein“, es sei doch alles zum Nutzen der deutschen Soldaten. Neffs Aussage wurde, soweit sie die Diskussion über die Narkotisierung betrifft, von dem Zeugen Rudolf Punzengruber bestätigt. —– Weihnachtslieder zu den Prügeln Punzengruber, selbst Arzt und ehemaliger Häftling, gab zu Protokoll: „Meines Erachtens war sich die Frau über die Unmenschlichkeit dieser Forderung nicht im Klaren (…). Geistig ist diese Frau von einer minderen Erkenntnisfähigkeit.“ Die 1. Strafkammer des Landgerichts München kam zu dem Ergebnis, dass „die Beweise für eine Beihilfe zu einem Verbrechen des Mordes, der Körperverletzung mit Todesfolge oder der gefährlichen Körperverletzung als ungenügend zu erachten“ seien. Das Verfahren wurde eingestellt, die Kosten trug die Staatskasse. Unabhängig davon aber wurde das Verfahren nach dem „Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus“ gegen Eleonore Baur durchgeführt. Die Hauptspruchkammer München hörte 44 Zeugen. Aus ihren Aussagen ergibt sich ein überaus zwiespältiges Bild von Eleonore Baur – eine Frau, die zwar keine Verbrechen im eigentlichen Sinn begangen hat, die aber rücksichtslos die Arbeitskraft von Häftlingen zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt hat, die eine glühende Nationalsozialistin und wütende Antisemitin war, und die ihre Machtposition und ihre Beziehungen zu höchsten Parteibonzen dazu benutzt hat, Nachbarn und Bekannte in Angst und Schrecken zu versetzen. Andererseits ist unbestritten, dass „Schwester Pia“ eine Reihe von Häftlingen, vor allem Pfarrern, geholfen, sich für ihre Freilassung eingesetzt und Angehörige mit Geld unterstützt hat. Welche Seite ihres Charakters zum Tragen kam, war offensichtlich abhängig von ihrer Tageslaune. „Launisch“, „unberechenbar“, „hysterisch“ sind die Adjektive, die in den Aussagen über Eleonore Baur am häufigsten vorkommen. Von den zahlreichen Besuchen, die Eleonore Baur dem Konzentrationslager abstattete, blieben den Gefangenen vor allem ihre ,,Weihnachtsbescherungen“ in Erinnerung. Von 1934 ab kam Schwester Pia den Zeugenaussagen zufolge am Weihnachtstag ins Lager und verteilte an ausgewählte Häftlinge Päckchen mit Weihnachtsgebäck. Es waren aus verschiedenen Gründen keine reinen Wohltätigkeitsveranstaltungen für die Häftlinge. Der Zeuge Karl Tanzmeier, der als SPD-Funktionär einer der ersten Häftlinge im KZ Dachau war, berichtet von der „Weihnachtsfeier“ 1934: „An jenem Weihnachtstage war ich in der Strafkompanie beim Straßenbau gewesen. Es hieß: Die Pia kommt, wir würden beschenkt (…). Es war ungefähr nachmittags um 16 Uhr, als meine Kompanie in den Saal kam. Dort war eine große Anzahl von SS-Leuten und die Schwester Pia. Ich habe das von ihr angebotene Päckchen abgelehnt, ohne dass ich eigentlich einen anderen Grund hatte, als dass ich hierdurch eine politische Demonstration durchführen wollte. Die Schwester Pia hat mir wegen meiner Ablehnung eine Ohrfeige gegeben (…). Als die anwesenden SS-Leute dies sahen, wurde ich sofort aus dem Saal gezerrt und in den Bunker gebracht. Steinbrenner und Kantschuster schlugen mit einer Peitsche bzw. Ochsenziemer auf mich ein. Bei dieser Misshandlung verlor ich fünf Zähne des Oberkiefers (…). Anschließend wurde ich bis Anfang Januar in Dunkelhaft gehalten.“ Krepieren und durch den Kamin Hans Schwarz berichtete, dass bei der „Weihnachtsfeier“ im Jahr 1938 in Anwesenheit der Schwester Pia zwölf Gefangene über den Bock gelegt und verprügelt wurden, während die anderen anwesenden Gefangenen Weihnachtslieder singen mussten. Danach habe Pia eine Ansprache gehalten, ,,dass wir nur ja recht an unsere Heimat und an unseren Führer denken sollten und nicht vergessen, dass wir doch Deutsche wären“. Währenddessen, so Schwarz, „wanderten unsere zwölf Kameraden ‚zur Erhöhung ihrer Festfreude‘, wie sich Loritz (der Lagerkommandant) ausließ, in den berüchtigten Bunker, um dann nach Weihnachten wiederzukehren.“ Hans Kaltenbacher erinnerte sich an das Jahr 1941: „Zur Weihnachtszeit wurde eine kleinere Zahl reichsdeutscher Häftlinge ausgewählt, um eine Weihnachtsbescherung von Schwester Pia zu empfangen. Ich gehörte zu diesen. In einem Saal hielt Schwester Pia eine Ansprache, die ich nie vergessen werde. Sie hat ausgeführt, dass wir deutschen Häftlinge doch mal die Freiheit wiedersehen würden und sie uns lieb hätte, aber die Juden, die im Lager seien, müssten krepieren, sie müssten durch den Kamin gehen. —– Einen Kuß für den Judenmörder Als ein Häftling (ein Kapo namens Knoll) zum Ausdruck brachte, dass er in seiner Eigenschaft als Blockältester schon 96 Juden kaputtgemacht hätte und dass ihm nur noch vier Juden bis zum Hundert fehlten, ist Pia zu ihm hingegangen, hat in geküsst und ihm ein zusätzliches Paket gegeben. Dieses Erlebnis war für uns ein so ungeheuerliches, dass wir nach dieser Feier dieses ‚hochherzig gespendete Paket‘ dem nächstbesten Kameraden, den wir auf der Lagerstraße trafen, abgegeben haben, weil es uns ekelte, ein Geschenk zu haben von einer Person, die sich mit Mördern liierte…“ Andererseits gibt es eine Reihe ehemaliger Gefangener, die sich geradezu überschwänglich positiv über Schwester Pia äußerten. Die meisten derartiogen Aussagen stammen von deutschen und österreichischen Geistlichen, die in Dachau inhaftiert waren. Der Jesuitenpater Otto Pies berichtet, Pia habe sich „ernstlich“, wenn auch ohne Erfolg um seine Freilassung bemüht und ihm zweimal Lebensmittel gebracht. Pfarrer Josef Seitz sagte aus, Pia habe ihm einmal „einen Laib Vollkornbrot und zwei Stück Butter“ gebracht und ihm damit „gleichsam das Leben gerettet“. Besonders viel hielt sich Eleonore Baur auf ihre Aktion zugunsten des Pfarrers Johann Huber aus Landau an der Isar zugute. Dessen Schwester Therese Friedsperger hatte an Pia geschrieben und um Hilfe für ihren Bruder gebeten. Pia antwortete, sie wolle sich für Huber einsetzen, „weil er als Leutnant im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz bekommen und sich als Freikorpskämpfer für die ‚Befreiung vom Spartakismus‘ eingesetzt habe.“ Als Huber im September 1942 an einer schweren Sepsis erkrankte, verhandelte Pia telefonisch mit dem Reichssicherheitshauptamt und erreichte, dass Huber in Schwabinger Krankenhaus eingeliefert wurde, wo er jedoch kurz darauf starb. Die Schwester bezeugte, Pia habe sie mit ihrem Auto in Landau abgeholt und sich im Krankenhaus „wahrhaft mütterlich“ um den Pfarrer Huber gekümmert. Der österreichische Pfarrer Leopold Arthofer schreibt in seinem Buch „Als Priester im Konzentrationslager“: „Was sie als blinde Anbeterin des Führers gesündigt hat (…), wissen wir nicht. Gerechterweise müssen wir anerkennen: Sie hat uns im Elend ein Herz gezeigt, in dem die frauliche Güte noch nicht erstorben war.“ Die von Arthofer weitgehend wörtlich überlieferte Rede, die Pia am 17. Dezember 1942 im Priesterblock des KZ hielt, sagt einiges aus über die grobschlächtige Naivität, mit der Pia den Häftlingen gegenübertrat. „Meine liabn Pfarrer“, zitiert Arthofer, „mit euch hab i a Wörtl zum redn. Das wiss`ma ganz guat, dass ihr aufs Volk an Einfluss habts, und den Einfluss habts ihr missbraucht, drum seids ihr ja da. I bitt auch, meine liabn Pfarrer, i moans gut mit euch, seids gscheit und arbats mit uns. (…) Seids doch net so dumm, meine liabn Pfarrer, und gebts nach, dann werds ja alle wieder frei werdn, gelt, Redwitz?“ Der Lagerführer Redwitz, berichtet Arthofer, „sah schweigend auf den Boden und presste die Lippen zusammen“. Der Berliner Pfarrer Christian Rieger erinnerte sich an eine ähnliche Rede Pias im Priesterblock, bei der sie sich freundlich über die deutschen Geistlichen geäußert, aber dann angefügt habe: „Die Polen können ruhig verrecken.“ Dass Pia einen besonderen Hass gegen Polen und Russen hegte, ergibt sich auch aus der Zeugenaussage des Josef Paintmaier, der Pias Anwesenheit bei den Malariaexperimenten des Dr. Schilling bezeugt. Sie habe dort „mit perverser Neugier“ zugeschaut, wie den russischen Häftlingen Schachteln mit Malariamücken an die Geschlechtsteile gehängt wurden und gesagt: „Warum legt man die Leute nicht gleich um.“ Massive Schikanen und Demütigungen In einer ihrer zahlreichen Vernehmungen nach dem Krieg begründete Eleonore Baur ihren Hass auf die Polen damit, dass sie während ihres Einsatzes mit dem Freikorps Oberland in Schlesien viele Opfer von Greueltaten der polnischen Insurgenten gesehen habe. Welche Motive auch immer Eleonore Baur bei ihren Besuchen im KZ Dachau leiteten – so uneigennützig, wie sie es nach dem Krieg glauben machen wollte, waren sie nicht. Fast vom ersten Tag an ließ sie sich Häftlinge zur Arbeit auf einem Grundstück in Oberhaching zuteilen, das sie 1923 mit ihrem zweiten Mann gekauft hatte. Über dieses „Arbeitskommando Pia“ gibt eseine Fülle von Zeugenaussagen, aus denen hervorgeht, dass die Häftlinge, die bei Pia arbeiten mussten, zwar im Großen und Ganzen nicht schlecht behandelt, vor allem wesentlich besser als im KZ verpflegt, aber je nach Laune von der Blutordensträgerin auch massiv schikaniert und gedemütigt wurden. —– Missbrauchte Pia Häftlinge sexuell? Am kompetentesten konnte der ehemalige Häftling Michael Gollackner über die Arbeitseinsätze bei Schwester Pia aussagen. Gollackner war vom Frühjahr 1938 bis etwa 1942 fast ständig im „Arbeitskommando Pia“; sein Bericht über die Verhältnisse dort wird durch eine Vielzahl anderer Aussagen bestätigt. „Arbeitsmäßig gesehen hat Pia uns Häftlinge schikaniert“, berichtete Gollackner. „Besonders wenn sie schlechter Laune war, hat sie uns und ebenfalls die SS-Bewachungsposten zur Arbeit angetrieben. Bis zur Dunkelheit wurden wir stetig beschäftigt. Auch sonntags sind wir zur Arbeit herangezogen worden.“ In besonders schlechter Erinnerung war Gollackner wie anderen Häftlingen die Reinigung der Abortgrube in Pias Garten, die etwa alle zwei Wochen vorgenommen werden musste. Gollackner berichtet: „Nur mit der Badehose bekleidet stieg ich durch die kleine Öffnung in die Grube. Die Kameraden ließen mir an einem Strick einen Eimer in die Grube, (den) ich mittels einer Konservenbüchse füllte. Nachher musse ich die Wände und den Boden der Grube mit Bürste, Wasser und Lappen so sauber waschen, dass alles wie neu zementiert aussah.“ „Dies entsprang wohl“, rechtfertigte sich Eleonore Baur in ihrer richterlichen Vernehmung, „meinem übergroßen Reinlichkeitsbedürfnis.“ Wie ein roter Faden zieht sich durch viele Zeugenaussagen die Vermutung, Eleonore Baur habe sich Häftlinge nicht nur zur Arbeitsleistung, sondern auch aus sexuellen Motiven ins Haus geholt. Der Reutlinger Stadtrat Fritz Wandel schreibt in seinem Buch: „Ein Weg durch die Hölle“: „Wenn sie durch das Lager ging, geschah es häufig, dass die politischen Blocks beim Baden waren. Sie versäumte es dann nicht, das Bad zu betreten (…) Fand sie einen, der ihr gefiel, dann stellte sie seine Nummer fest, und am anderen Tag wurde er dem Kommando Schwester Pia zugeteilt. (…) Pia fütterte den Neuen gut, und wenn er willig war und ihren perversen Gelüsten Erleichterung schaffte, dann konnte es sein, dass er zwei Monate lang ihr Favorit war (…) Wehe dem, der sich ihr verweigerte; sie ließ ihn abführen, er wurde in Arrest gebracht und nicht wieder gesehen. Es gab manchen, der lieber sterben ging.“ Widersprüchliche Berichte über sexuelle Übergriffe Emil de Martini, ein Häftling in Auschwitz, berichtet, er habe einmal „an der Seite des Lagerkommandanten eine alte, hässliche Frau in Schwesterntracht durch das Lager gehen (sehen). (…) Ein Kamerad aus Dachau erzählte, dass dies die Schwester Pia sei (…) die im Lager Dachau ein eigenes Kommando, bestehend aus vier Mann, habe, allerdings nicht zur Arbeit, sondern als Bettgenossen (…). Wer sich weigerte, den ließ sie kaltblütig in den Bunker abführen.“ Von allen ehemaligen Häftlingen, die in den Verfahren gegen Eleonore Baur ausgesagt haben, hat allerdings kein einziger aus eigener Kenntnis von sexuellen Kontakten mit Schwester Pia berichtet. Der ehemalige Häftling Josef Eckl, der von August 1942 bis August 1943 ständig im „Kommando Pia“ war, sagte aus: „Dass sie mit Häftlingen Geschlechtsverkehr hatte ist ausgeschlossen. Sie war damals schon 59 Jahre alt.“ Pias Chauffeur Rudolf Wirth hat in einer ausführlichen Aussage vor dem Untersuchungsrichter „ganz entschieden“ bestritten, „dass die Beschuldige sexuelle Ausschreitungen mit Häftlingen ihres Kommandos hatte. (…) Sowohl ich als auch die Köchin, die ebenso wie ich mit ihr wegen ihrer Launenhaftigkeit schwere Auftritte hatte und der Beschuldigten daher bestimmt nicht besonders gut gesinnt sind, können unter Berufung auf unseren Eid behaupten, dass während der Zeit unserer Beschäftigung nicht das Geringste vorgekommen ist, was nicht einwandfrei gewesen wäre in dieser Richtung.“ —– Trauer um die „treue Kameradin“ Alle Häftlinge, die je zu Schwester Pia abkommandiert wurden, haben hervorgehoben, dass sie dort wesentlich besser als im KZ verpflegt wurden. Das fiel Pia nicht schwer, denn sie nahm alles, was sie an Verpflegung brauchte, aus dem Lager mit, und sehr wahrscheinlich noch einiges mehr. Wahre Beutezüge habe Pia im KZ unternommen, sagte ein ehemaliger Häftling, nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch auf alles, was sie beim Um- und Ausbau ihres Hauses brauchen konnte. Sie ließ sich von den Gefangenen ihr Holzhaus neu verschalen, eine Garage, ein Badehaus, einen Schuppen und einen Bunker bauen, alles natürlich ohne Bezahlung. Im Garten ließ sie sich Lampen installieren, die als „Siegeslampen“ deklariert wurden und im Augenblick des Endsieges zum ersten Mal leuchten sollten. Carolina Neulein, die ab 1940 als Wirtschafterin bei Pia angestellt war, hat berichtet, dass häufig SS-Führer bei Pia verkehrten, dass zweimal zu ihrem Geburtstag eine vollständige SS-Kapelle aufspielte und dass sie sich gern mit dem Spruch brüstete: „Es gibt nur einen Friedrich den Großen, es gibt nur einen Adolf Hitler und es gibt nur eine Schwester Pia.“ Anzeige Nachbarn haben berichtet, dass sie oft mit ihrer Macht drohte, jemanden nach Dachau zu bringen; eine Maria Hohenester, die so unvorsichtig war, vor einer Hitlerrede in Hörweite von Schwester Pia zu sagen: „Heute spricht der Massenmörder“, denunzierte sie bei der Polizei; die Frau kam mit sieben Wochen Untersuchungshaft davon. Eleonore Baur wurde am 5. Mai 1945 verhaftet und kurz darauf wieder freigelassen; am 12. Juni wurde sie vom amerikanischen CIC erneut festgenommen. Die Haupspruchkammer München verurteilte Eleonore Baur am 26. August 1949 zur Einweisung in ein Arbeitslager auf die Dauer von zehn Jahren – das war die schärfste im Entnazifizierungsgesetz vorgesehene Sühnemaßnahme. Auf ihre Berufung hin reduzierte die Berufungskammer am 20. Februar 1951 die Dauer der Arbeitslagerzeit auf acht Jahre. Der Spruch hatte nur noch theoretische Bedeutung; Eleonore Baur war schon am 23. Juni 1950 aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden. Sieben Jahre später stellte sie beim Landratsamt München einen Antrag auf Kriegsgefangenenentschädigung; ob ihr diese gewährt wurde, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Sie lebte weiter in dem Haus in Oberhaching, das mit der Arbeitskraft der KZ-Häftlinge ausgebaut worden war. Zu ihrem 90. Geburtstag erschien in einer rechtsradikalen Zeitung ein Artikel, der mit den Sätzen endete: „Heute schaut sie in ihrem Heim in Oberhaching bei München auf ein gelebtes und bestandenes Leben zurück. Sie bereut nichts und würde es noch einmal tun.“ Eleonore Baur starb am 18. Mai 1981, 95 Jahre alt. Im Münchner Merkur erschien eine Todesanzeige der „Kameradschaft Freikorps Oberland/Bund Oberland“ mit dem Spruch „Ihre Ehre hieß Treue – Ihr Leben galt Deutschland“ und dem Hinweis auf die von ihr erworbenen „Orden und Ehrenzeichen“. Der Original-Artikel von Hans Holzhaider über Eleonore Baur ist 1994 in den Dachauer Heften (10) erschienen. http://www.sueddeutsche.de/politik/nazi-ikone-blutschwester-pia-von-allen-teufeln-gehetzt-1.826210-8
  9. Film wieder verfügbar permalink
    25. März 2013 23:45

  10. Heinz Laumen permalink
    20. April 2013 11:46

    VATER UNSER – SOHN MEINER.

    Die Kinderficker -Sekten waren auf der ganzen Welt.
    Sie labten sich an den Kindern und keiner stoppte sie die Jugendämter lieferten ihnen immer Frischfleisch sie schauten auch weg. So hatten die Klöster und Heime frohes Kinderficken. Und ob es heute anders ist bezweifeln viele.

  11. Die dreisten Lügen der Kirchen über ihre Rolle im 3. Reich permalink
    5. Mai 2013 17:49

    Die dreisten Lügen der Kirchen über ihre Rolle im 3. Reich

  12. ஆஞ்அற்கோஸ்ய்ஞ்த்இக்ஆல்இஸ்ட் permalink
    11. Mai 2013 16:21

    Der Hass des Ku Klux Klan

  13. ஆஞ்அற்கோஸ்ய்ஞ்த்இக்ஆல்இஸ்ட் permalink
    11. Mai 2013 17:25

    Lynchmorde in den USA – Schatten der Vergangenheit

  14. Mengeles Erben - Menschenexperimente im Kalten Krieg permalink
    26. Mai 2013 01:34

    Mengeles Erben – Menschenexperimente im Kalten Krieg

    Die Erprobung von Giftstoffen für staatliche Mordaufträge und tödliche Experimente mit Lagerinsassen verbindet man mit dem systematischen Massenmord der Nazis. Josef Mengele ist der bekannteste Vertreter dieser „Wissenschaft ohne Gewissen“.

    Die Geschichte der Menschenversuche im Auftrag des Staates beginnt in den 20er Jahren im „Labor 12“ des sowjetischen Geheimdienstes. Dort wurden tödliche Gifte an „Volksfeinden“ erprobt. Die Existenz dieses Labors wurde nur durch einen Zufall Anfang der 90er Jahre bekannt, denn Russland hält die Akten über Menschenversuche bis heute geheim. Das „Labor 12“ allerdings gibt es unter anderem Namen bis heute.

    Nach den Massenmorden während des Zweiten Weltkrieges handelten einige der schlimmsten Kriegsverbrecher mit den Siegermächten Straffreiheit gegen Übergabe der Versuchsergebnisse aus. So arbeitete der japanische General Ishii Shiro, der für den Tod von über 300.000 Menschen verantwortlich war, nach dem Krieg für die USA. Dort waren Militär und Geheimdienste angetan von den Ergebnissen echter Menschenexperimente mit Pest, Anthrax und Tularämie, Unterkühlung, Unterdruck und neuartigen Bomben. Bislang konnten die Militärs nur auf Daten aus Tierversuchen zurückgreifen. Keiner der mindestens 10.000 Verbrecher von Ishiis Todesimperium wurde in den USA bestraft. Einige beendeten ihre wissenschaftlichen Karrieren als Manager großer japanischer Pharma- und Medizinunternehmen. Es störte die Sieger angesichts des Rüstungswettlaufes im Kalten Krieg nicht einmal, dass Ishiis Untergebene auch mit US-Kriegsgefangenen experimentiert hatten. „Mengeles Erben“ haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, indem sie neuen Herren dienten. Sie waren weiter im Staatsauftrag aktiv. In Nordkorea gibt es nach Zeugenaussagen sogar bis in die Gegenwart Gaskammern, in denen Massenvernichtungsmittel an Häftlingen erprobt werden. In vielen ehemals kommunistischen Staaten verläuft die Aufarbeitung der finsteren Vergangenheit schleppend. Auch die ehemalige CSSR experimentierte mit Verhördrogen und Giften. Die Versuche und Ergebnisse sind bis heute geheim und werden vertuscht. Vielleicht, weil sich wie nach dem Zweiten Weltkrieg erneut interessierte Abnehmer für Spezialkenntnisse finden.

    Über einige der bisher kaum erforschten systematischen medizinischen Experimente an Menschen berichtet der Dokumentarfilm „Mengeles Erben“ weltweit zum ersten Mal im Fernsehen.

  15. Lisa über ihre Psychiatrieerfahrung in Kindheit und Jugend permalink
    24. Juni 2013 00:25

    Die Psychiatrie-Überlebende Lisa erzählt über ihre Psychiatrieerfahrung in Kindheit und Jugend. Ihr Vater brachte Sie mit 17 zum ersten mal in die Psychiatrie, weil er meinte, sie würde sich „seltsam verhalten“. Trotz Gedächtnisverlust durch Elektroschocks hat sie noch ein gutes Abitur gemacht, studiert und als Architektin und Programmiererin gearbeitet. Selbst jetzt im hohen Alter lassen sie die quälenden Erinnerungen aus der Psychiatrie nicht los.

    Mehr Informationen zum Thema:

    http://www.meinungsverbrechen.de

  16. 4. Oktober 2013 19:49

    Die Konstruktion des Bösen – Warum so etwas wie Auschwitz möglich ist

    Michael Schmidt-Salomon ist Philosoph, Schriftsteller und Kirchenkritiker. Er lässt schon einmal einen Bus durch Berlin fahren, auf dem steht: Es gibt keinen Gott… Das ist nämlich seine Ansicht. Mit seinem Musical „Das Maria-Syndrom“ und seinem Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ stieß er auf viel Kritik. Für den Spiegel ist er Deutschlands Chef-Atheist.

    Vollständige Sendung:

    http://www.swr.de/swr1/bw/programm/leute/-/id=1895042/nid=1895042/did=5864528/yecejn

  17. Die katholische Kirche und der Holocaust ### "Der Papst hätte Hunderttausende retten können" ### Dirk Verhofstadt über die Rolle der Religionsgemeinschaft bei der Vernichtung der Juden permalink
    15. Oktober 2013 00:47

    Die katholische Kirche und der Holocaust
    Reinhard Jellen 12.10.2013
    Dirk Verhofstadt über die Rolle der Religionsgemeinschaft bei der Vernichtung der Juden. Teil 1

    In seinem Buch Pius XII. und die Vernichtung der Juden forscht der belgische Philosoph Dirk Verhofstadt eingehend nach den Verstrickungen der Vatikans mit dem Nationalsozialismus und untersucht dabei unter anderem die Frage, wie viel die Kirche vom Holocaust wusste. Sein Befund: Der Vatikan war gut informiert und hat bis auf wenige Ausnahmen nichts dagegen unternommen. Der Grund: Die eindeutige Präferenz des Papstes für den Nationalsozialismus gegenüber Liberalismus und Kommunismus.

    http://www.heise.de/tp/artikel/39/39986/1.html

    „Der Papst hätte Hunderttausende retten können“
    Reinhard Jellen 13.10.2013
    Dirk Verhofstadt über die Rolle der katholischen Kirche bei der Vernichtung der Juden. Teil 2

    In seinem Buch Pius XII. und die Vernichtung der Juden weist Dirk Verhofstadt nach, dass sich die katholische Kirche, anders als die offizielle Version, nicht in den Widerstand begeben hat, sondern Faschisten und Nazis tatkräftig unterstützte. Der Vatikan war die wichtigste innenpolitische und außenpolitische Stütze der Nazis.

    http://www.heise.de/tp/artikel/39/39987/1.html

    • syndikalismusTV permalink
      16. Oktober 2013 19:31

      Sehr informativer Heise-Artikel

      ————————-

      Karl-Heinz Deschner ~ Mit Gott und den Faschisten

  18. Der normale Wahnsinn des Christetums 2.0 --- Die Sühne eines Massenmörders permalink
    1. November 2013 15:40

    Die Sühne eines Massenmörders

    Joshua Milton Blahyi war schlimmer als alle anderen. Als General Butt Naked schlachtete er im liberianischen Bürgerkrieg Tausende Menschen auf grausamste Weise ab. Heute ist er Christ und Priester. Und er bitte seine Opfer um Vergebung. In seiner aktuellen Ausgabe porträtiert das Magazin Der Spiegel den ehemaligen Kriegsverbrecher.

    Als General Butt Naked („General Nacktarsch“) zog Blahyi nackt in den Krieg. Nur mit Turnschuhen und einer Machete bekleidet, weil er glaubte, das mache ihn unverwundbar. Bevorzugt opferte er Babys, weil ihr Tod großen Schutz versprach. Tatsächlich traf ihn selbst nie eine Kugel. Dafür ermordete er nach eigener Aussage aber mindestens 20.000 Menschen auf grausamste Art und Weise. Er rekrutierte unzählige Kinder zwischen neun und zehn Jahren zu Kindersoldaten. Er beherrschte die Straßen seiner Heimatstadt Monrovia und versetzte deren Bewohner in Angst und Schrecken, heißt es in dem Spiegel-Bericht.

    Vor sechs Jahren machte Blahyi Aussage bei einer Wahrheitskommission in Liberia, der Anwälte Journalisten und Priester angehören. Sie wollten herausfinden, was der Mann während des Bürgerkrieges getan hatte. Blahyi beantwortete jede Frage. Zu den Kindersoldaten erklärte er: „Ich pflanzte Gewalt in sie. Ich machte ihnen verständlich, dass das Töten von Menschen ein Spiel war.“ Außerdem gibt er zu, angeschossenen Feinden die Rücken aufgerissen zu haben und deren Herzen lebend gegessen zu haben. Die Frage, ob er sich nun den „Evangelisten Blahyi“ nenne, bejahte er ebenfalls. Und als er gefragt wird, warum er sich trotz dieser Vergangenheit entschieden hat, zur Wahrheitskommission zu kommen, sagte er: „Für meinen Glauben. Man sagte mir, ich solle die Wahrheit sagen, und die Wahrheit wird mich befreien.“

    Auf der Suche nach Vergebung

    Blahyi, der ehemalige Massenmörder, ist mittlerweile Priester. In der zweiten Hälfte des liberianischen Bürgerkriegs kam er zum Glauben. Der Bischof der Soul Winning Church in Monrovia, John Kun Kun, besuchte ihn im Jahr 1996 in seinem Lager. Kun Kun und andere Kirchenführer wollten etwas gegen den Terror unternehmen und entschieden, damit bei den Armeeführern anzufangen. Kun Kun sagte zu Blahyi: „Ich wollte dir nur sagen, dass Jesus dich liebt und dass er einen besseren Plan für dein Leben hat.“ Dann sprach der Bischof ein Gebet, Blayhi sprach es mit. Dann schoss der General seinem Bodyguard in die Knie, weil er den Bischof zu ihm vorgelassen hatte. Trotzdem lässt er kurz darauf den Geistlichen wieder zu sich und findet langsam zum Glauben. Er entdeckt die Bibel und in Johannes 3, 16 eine Lieblingsstelle: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet.“

    Heute nennt sich Blahyi mit erstem Vornamen Joshua, nach dem Heerführer von Moses. Sonntags predigt er in seiner Gemeinde in Monrovia. Die Gottesdienste sind immer gut besucht und die Leute kommen, um Blahyi zu hören. Außerdem hat er eine Missionsstation für ehemalige Kindersoldaten gegründet. Zusammen mit seiner Frau hat er drei Kinder adoptiert. Und der 42-Jährige sucht Vergebung. Seit mehreren Jahren sucht er seine Opfer und deren Angehörige auf. Meistens weiß er nicht mehr, welches Leid er ihnen zugefügt hat. Er wünscht sich Vergebung, die „aus der Tiefe des Herzens kommt.“ 19 von 76 Menschen hätten ihm bereits verziehen. Der Gang zu den Opfern ist für Blahyi hart. „Früher konnte ich gar nichts fühlen. Jetzt fühle ich ihren Schmerz“, sagt er. Er ist sich sicher, dass auch Gott ihm seine furchtbaren Taten vergeben hat und dass er in den Himmel kommt. „So steht es in der Bibel. Wer an Jesus glaubt, wird nicht gerichtet“, ist der Familienvater überzeugt.

    „Ich würde nicht weglaufen“

    Auch vor weltlichen Gerichten ist die Chance, dass Blahyi verurteilt wird, gering. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, der Kriegsverbrechen ahndet, ist erst für Verbrechen nach dem Jahr 2002, also nach seiner Gründung, zuständig. Ein Sondergericht, das durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates eingerichtet werden könnte, gibt es in Liberia ebenfalls nicht. Würde man dieses einrichten, bedeutete das eine ähnlich instabile Situation wie in Somalia, schreibt der Spiegel. Also habe man sich für Stabilität und gegen Gerechtigkeit entschieden.

    Blahyi wäre aber bereit, für seine Taten ins Gefängnis zu gehen. „Ich würde es bereitwillig annehmen. Selbst die Todesstrafe. Selbst wenn ich könnte, würde ich nicht weglaufen“, erklärt er im Video-Interview. „Mein Meister Jesus sagt: ‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist.‘“ http://video.spiegel.de/flash/1304744_1024x576_H264_HQ.mp4

    Blahyis Frau findet, er sei ein neuer Mensch geworden. Auf die Frage, warum er früher ein Leben führte, das nur aus Töten bestand, sagte Bischof Kun Kun: „Es war die einzige Sache, die er kannte. Ich glaube, er genoss es, dass Leute vor ihm Angst hatten.“ Blahyi selbst sieht sich als ein Zeichen Gottes: „Ich glaube, dass Gott mich als ein Zeichen benutzen will. Egal, wie weit ein Mensch geht, er hat das Potenzial, sich zu ändern.“ (pro)

    http://www.pro-medienmagazin.de/?id=gesellschaft&news%5Baction%5D=detail&news%5Bid%5D=7234

    • 75 Jahre Novemberpogrome: Die Mitschuld der Kirche permalink
      4. November 2013 18:15

      75 Jahre Novemberpogrome: Die Mitschuld der Kirche

      Die katholische Kirche müsse sich ihrer „judenfeindlichen Schuldgeschichte“ bewusst sein, so Markus Himmelbauer vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, angesichts des 75. Jahrestags der Novemberpogrome.

      Heute oft immer noch mit dem Nazi-Ausdruck „Reichskristallnacht“ bezeichnet, bedeuteten die Novemberpogrome für viele Historiker den Beginn der Schoa, der gezielten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung. In Österreich wurden in der Nacht auf den 10. November 1938 30 Juden getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 sofort ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Im gesamten „Deutschen Reich“ wurden tausende Synagogen und Geschäfte niedergebrannt, 91 Personen getötet, 20.000 verhaftet.

      Die gezielten Ausschreitungen nach der Aktivierung der SS-Ortsgruppen beschränkten sich allerdings nicht auf eine Nacht, sondern dauerten mehrere Tage an. Allein im „Kreis Wien I“ wurden 1.950 Wohnungen zwangsgeräumt und 42 Synagogen in Brand gesteckt und verwüstet. Hunderte Juden begingen Selbstmord.

      Auch in den Bundesländern kam es zu zahlreichen Übergriffen. Die Synagogen in Eisenstadt, Berndorf, Vöslau, Baden, Klagenfurt, Linz und Graz fielen dem Pogrom zum Opfer. In Baden wurden alle Juden verhaftet, in St. Pölten 137, in ganz Salzburg 70, in Klagenfurt 40. Ein Zehntel der rund 650 bis dahin in Oberösterreich lebenden Juden wurde bereits am 8. November festgenommen.
      Silhouette eines Mannes vor einem Gittertor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“

      Reuters/Michaela Rehle

      Das Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Rund 4000 Juden wurden in der so genannten „Reichskristallnacht“ aus Wien hier her deportiert.
      Kirchlichen Anteil an Schoa bekennen

      Zwar sei auch Christen durch das NS-Regime Gewalt widerfahren, die Erinnerung daran dürfe kein Freibrief sein, „die Kirche als Ganze zur Märtyrerin im NS-Staat zu machen und die Verfolgung von Christinnen und Christen in die Nähe der Schoa zu rücken“. Das betont der Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Markus Himmelbauer, in einem Beitrag in der Wochenzeitung „Die Furche“.

      Es sei gerade die Institution Kirche gewesen, „die Jahrhunderte lang für Gewalt gegen Andersdenkende verantwortlich zeichnete“. Jedes Gedenken im kirchlichen Bereich müsse die „Lehre der Verachtung des Judentums“ und deren Anteil auf dem Weg zur Schoa selbstkritisch bekennen, so Himmelbauer. Christliche Bekennerinnen und Bekenner dürften nicht über die judenfeindliche Schuldgeschichte der Kirchen hinwegtäuschen. Nur im Bewusstsein dieser könne im Blick auf die Schoa das rechte Maß bewahrt werden, so Himmelbauer.
      „Verwüstung“ und „Unwetter“

      Der Begriff „Pogrom“ kommt laut Duden aus dem Russischen und bedeutet „Verwüstung“ und „Unwetter“. Die NS-Propaganda versuchte, die Aktion das als spontane Antwort der Bevölkerung auf den Tod des deutschen Diplomaten Ernst von Rath auszugeben. Dieser war am 7. November 1938 in Paris von einem 17-jährigen Juden namens Herschel Grynszpan niedergeschossen worden und starb später.

      Grynszpan hatte ursprünglich ein Attentat auf den deutschen Botschafter in Paris geplant, mit dem er gegen die Abschiebung tausender polnischstämmiger Juden protestieren wollte. Statt des Botschafters trafen seine Schüsse jedoch den jungen Botschaftssekretär Rath. Für die NS-Führung ein willkommener Anlass, die Vorgangsweise gegen die jüdische Bevölkerung unter dem Vorwand des „Zorns der kochenden Volksseele“ zu verschärfen.

      Hermann Göring, Verantwortlicher für den Vierjahresplan des „Deutschen Reiches“, erlegte den Juden nach dem Pogrom eine „Sühneabgabe“ von einer Milliarde Reichsmark auf. Sie wurde später noch um 25 Prozent erhöht und war binnen eines Jahres zu zahlen. Für die angerichteten Schäden musste die jüdische Bevölkerung ebenfalls aufkommen.
      Abgebrochener Grabstein mit der Aufschrift „Friede deiner Asche“

      Reuters/Fabrizio Bensch

      Jüdischer Grabstein
      Zahlreiche Gedenkveranstaltungen

      Anlässlich des Gedenktages finden in Österreich mehr als 130 Veranstaltungen von über 100 Organisationen statt. Zusammengefasst sind diese in einer Broschüre des Parlaments. Die Veranstaltungen zeichnen sich durch sehr unterschiedlichen Charakter aus. Der Bogen reicht von Ausstellungen über Lesungen, Vorträge oder Filmpräsentationen bis hin zu neuen Ansätzen.

      Das Parlament wird der Ereignisse des Jahres 1938 mit einem Konzert des Folksängers und Schauspielers Theodore Bikel am 7. November gedenken, bei dem Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg die Gedenkrede halten wird.
      42 Syangogen in Wien zerstört

      Im Rahmen der Bedenkwoche „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“ veranstaltete der Koordinationsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit schon vergangene Woche einen Lokalaugenschein zu ehemaligen Synagogen im zweiten Bezirk in Wien.

      Alleine in Wien wurden im Zuge der Novemberpogrome 1938 42 Synagogen und Gebetshäuser von den Nationalsozialisten zerstört. Die meisten von ihnen standen im zweiten Bezirk, dem Zentrum jüdischen Lebens, in dem zu Beginn des vorigen Jahrhunderts über 200.000 Juden lebten.

      Das jüdische Leben sei nach dem Jahre 1938 nie wieder so gewesen, wie es zum Beginn des Jahrhunderts einmal war, so Himmelbauer im „Kathpress“-Gespräch. Durch das Verschwinden des jüdischen Lebens in Wien seien nicht mehr zu schließende „Lücken“ in der Wiener Gesellschaft entstanden. Oft erinnert auch nur noch eine kleine Plakette an der Fassade eines Büro- oder Wohngebäudes daran, dass früher einmal eine Synagoge an dieser Stelle gestanden hat.
      Rückstellungen noch immer nicht abgeschlossen

      Nach der Zerstörung der jüdischen Gebetshäuser wurden diese von den Nationalsozialisten meistens als Grünfläche deklariert, was die Arisierung und den späteren Weiterverkauf der Flächen ermöglichte. Viele der Ruinen lagen so in der Zeit zwischen 1938 und 1945 jahrelang ungenützt brach und stellten hässliche Lücken zwischen den Häusern und Geschäften dar.

      Die Rückstellung geraubten Flächen an die Israelitische Kultusgemeinde verlief nach 1945 äußerst schleppend, auch deshalb weil beim Verkauf durch die Nationalsozialisten geschickt verschleiert wurde, wem der Grund ehemals gehörte. Noch heute seien nicht alle gestohlenen Flächen in Wien zurückgegeben worden, ist sich Himmelbauer sicher. Die letzte öffentlich bekannte Rückstellung einer ehemaligen Synagoge im zwanzigsten Bezirk datiert auf das Jahr 2003.

      APA/KAP

      http://religion.orf.at/stories/2612839

  19. Ewige Sonderrechte --- Selbst Hitler sorgte für den Reichtum der Kirche permalink
    2. November 2013 11:54

    Ewige Sonderrechte — Selbst Hitler sorgte für den Reichtum der Kirche

    Vor mehr als 200 Jahren machten die Fürsten der kirchlichen Herrschaft in Deutschland ein Ende. Die wirtschaftliche Macht konnten sie aber nicht brechen. Selbst Hitler sorgte für den Reichtum der Kirche.
    Der enorme Reichtum der Kirchen in Deutschland geht in seinem Ursprung auf Schenkungen, Vermächtnisse und Erwerbungen zurück, welche die Kirche seit der Spätantike erhalten bzw. erworben hatte. Repräsentanten der Kirche beherrschten zudem seit dem Mittelalter einige der wohlhabendsten Gebiete des Reiches auch als weltliche Landesherren.

    Verluste waren durch die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg bzw. den Westfälischen Frieden entstanden. Die Kirche blieb aber mächtig. Ihre Herrlichkeit nahm erst in den Revolutionskriegen ein jähes Ende. Österreich und Preußen intervenierten ohne Fortüne. Der König von Preußen schloss 1795 mit den Königsmördern von Paris den Frieden von Basel und gab das linke Rheinufer preis.

    Nach verheerenden Niederlagen musste Österreich 1797 der Abtretung zustimmen. Auf dem Kongress von Rastatt (1797-1799) wurde beschlossen, weltliche deutsche Fürsten, welche linksrheinische Gebiete verloren hatten, innerhalb des Reiches durch Besitzungen der geistlichen Fürsten zu entschädigen. Der Kongress endete mit erneutem Kriegsausbruch.

    Dennoch, das Prinzip war in der Welt. Ein neuer Frieden wurde geschlossen und 1802 trat in Regensburg ein Ausschuss des Reichstages zusammen, um über das Thema zu verhandeln. Die betroffenen Fürsten verlangten Entschädigungen weit über ihre Verluste hinaus, jene die nichts verloren hatten, Kompensationen. Zahlungen an französische Politiker verliehen den Wünschen Nachdruck. Am Ende landeten fast alle geistlichen Territorien und Reichsstädte in der Entschädigungsmasse.

    Da die Kirche sich zuvor durch ihren Besitz und die Einnahmen für ihre geistlichen Dienstleistungen unterhalten hatte, musste auch sie nun entschädigt werden. Dies geschah durch die Anwendung mehrerer Paragrafen des Abschlussberichts des Reichstagsausschusses vom 25. Februar 1803, der vom Reichstag angenommen und vom Kaiser ratifiziert wurde. Paragraph 51 bestimmte, dass, je nach vorherigen Einnahmen, für Fürstbischöfe eine Entschädigung zwischen 20 000 bis 60 000 Gulden Jahresgehalt festzusetzen sei. Der Erzbischof-Kurfürst von Trier erhielt 100 000 Gulden. Ein Professor verdiente damals ca. 1000 Gulden. Die folgenden Paragraphen legten dann die genauen Summen für die einzelnen Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte sowie Funktionsträger fest. Weitere Paragraphen verpflichteten die neuen Landesherren zum Unterhalt der Domkirchen und kirchlicher Amtsträger.

    Einführung der Kirchensteuer
    Die Verfassungen und Konkordate einzelner deutscher Staaten mit dem Papst bekräftigten diese Regelungen. So garantierte etwa die bayerische Verfassung von 1818 den Kirchen ihren „rechtmäßigen Besitz“. Um die Nachfolgestaaten des 1806 untergegangenen Reichs zu entlasten, wurde den Kirchen in allen deutschen Ländern zwischen 1827 und 1905 das Recht zugestanden, ihre Gläubigen zu besteuern. Dafür mussten sie nun die Pfarrer besolden.

    In Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 hieß es, „Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.“ Diese Steuern wurden vom Staat eingezogen und anteilig an die „Religionsgesellschaften“ weitergeleitet.

    Artikel 138 der Weimarer Verfassung bestimmte: „Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. Die Grundsätze hierfür stellt das Reich auf.“

    Wenn ein Staat eine neue Verfassung erhält, überarbeitet man in der Regel die vorherige Verfassung. Oft werden Teile der früheren Verfassung übernommen. Artikel 140 des Grundgesetztes von 1949 lautet daher: „Die Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes.“ Damit gilt das überkommene, 1919 bekräftigte Staatskirchenrecht bis heute.

    Sonderrechte sichergestellt
    Das Religionsverfassungsrecht wurde durch das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 bekräftigt und ausgebaut. Hitler hoffte, durch das Konkordat den Klerus von politischer Betätigung auszuschließen. Dafür war er bereit, finanzielle Zusagen an die katholische Kirche und Sonderrechte, z. B. Konfessionsschulen, sicherzustellen. Hier heißt es in Artikel 18, Staatsleistungen an die Kirche können nur „im freundschaftlichen Einvernehmen“ abgeschafft werden.
    Das Reichskonkordat ist in weiten Teilen auch für die Bundesrepublik gültig. Eine Ausnahme bilden die Bestimmungen zum Unterricht, da die Bildungshoheit nun bei den Ländern liegt. In materieller Hinsicht wirken sich dabei die Kirchensteuern am gravierendsten aus. Jährlich sind das etwa 5,2 Milliarden Euro für die katholische und 4,6 Milliarden für die evangelische Kirche. Hinzu kommen rund 460 Millionen Euro für zweckgebundene Zahlungen im Bildungs- und humanitären Bereich. Zudem haben die Kirchen seit 1803 wieder allerlei Schenkungen, Vermächtnisse usw. erhalten.

    http://www.focus.de/intern/archiv/ewige-sonderrechte-selbst-hitler-sorgte-fuer-den-reichtum-der-kirche_aid_1144124.html

  20. Hinduismus: Eingesperrt, angekettet und vergessen permalink
    2. Dezember 2013 21:08

    Hinduismus: Eingesperrt, angekettet und vergessen

    Für Urlauber ist Bali ein Ferienparadies. Doch im Innern der Insel, werden psychisch kranke Menschen eingesperrt und misshandelt. Psychiaterin Luh Ketut Suryani hilft den Ausgestoßenen.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2022070/Eingesperrt,-angekettet-und-vergessen

  21. Die Kinder von Etzelsdorf - Ein Zeitdokument permalink
    4. Dezember 2013 22:19

    Die Kinder von Etzelsdorf – Ein Zeitdokument

    In ihrem Film dokumentiert Carola Mair das Schicksal vieler ostslawischer Zwangsarbeiterinnen und derer Kinder, die Teil einer Vergangenheit sind, die auch in Oberösterreich nach dem Zusammenbruch 1945 verdrängt und vergessen wurden.

    In Linz an der Donau verkündete Adolf Hitler 1938 den „Anschluss Österreichs“ ans Deutsche Reich. Die aufstrebende Industrie der Stadt beschäftigte während des Nationalsozialismus Tausende von Zwangsarbeiterinnen. Die Situation der weiblichen Zwangsarbeiter in den Hermann Göring Werken Linz galt als Zone des Schweigens. Nach der Niederlage in Stalingrad verlangten die Nationalsozialisten von den Ostarbeiterinnen eine Steigerung der Produktivität.

    Weil Schwangerschaften die Einsatzfähigkeit der Frauen einschränkten, wurden zunehmend Abtreibungen bis in dem 7. Monat durchgeführt. Die Frauen waren Übungsprojekte – Widerstand auch von Ärzteseite gab es kaum. Neugeborene wurden den Müttern weggenommen und in „fremdvölkischen Säuglingsheimen“ untergebracht, in denen grauenvolle Zustände herrschten.

    Sowohl im Lindenhof als auch im Schloss Etzelsdorf gab es gegen Kriegsende ein Heim für Kinder von osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen, die von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt eingerichtet worden war. Innerhalb kürzester Zeit kam es in den fremdvölkischen Kinderheimen zu einem vermehrten Säuglingssterben. 13 der 80 Säuglinge verstarben aufgrund mangelhafter Pflege und Ernährung alleine in Etzelsdorf und wurden namenlos am Friedhof in Pichl bei Wels begraben. Seit 2005 erinnert nun am Friedhof in Pichl ein Gedenkzeichen an diese Kinder.

    Mit den „Kindern von Etzelsdorf – Ein Zeitdokument“ zeigt Carola Mair einen Film, der sich in eine Zone des Schweigens vorwagt – in eine Tabuzone, die 60 Jahre später unvorstellbar erscheint. Eine filmische Erinnerung für Heute und Morgen, dass Menschenrechte unteilbar und weltweit gültig sind.

    FILM
    http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=40183

  22. Der lange Nazi-Schatten über der Kirche permalink
    15. Januar 2014 22:19

    Der lange Nazi-Schatten über der Kirche

    vom 13. Januar 2014

    Nach dem Zweiten Weltkrieg verschloss die evangelisch-lutherische Kirche in Schleswig-Holstein immer wieder die Augen vor der Nazi-Vergangenheit. Die Nordkriche will das aufarbeiten.

    Wiederaufbau ohne Selbstkritik: der Holsteiner Bischof Wilhelm Halfmann bei der Grundsteinlegung für das Landeskirchenamt in Kiel 1956.
    Foto: Landeskirchliches Archiv

    Kiel | Der in Preetz geborene SS-Arzt Karl Genzken: wegen Menschenversuchen im KZ zu lebenslanger Haft verurteilt. Der aus Neumünster stammende SS-Polizeiführer in Estland, Hinrich Möller. Oder Carl Oberg mit privaten Verbindungen nach Flensburg, als Polizeiführer von Paris verantwortlich für die Verhaftung 70.000 französischer Juden, doppelt zum Tode verurteilt, aber letztendlich doch begnadigt. Die Liste der Übel konnte noch so lang sein – für Wilhelm Halfmann, von 1946 bis 1964 Bischof von Holstein, war das kein Grund, sich nicht trotzdem für NS-Verbrecher ins Zeug zu legen. Eine ganze Akte füllen seine Gnadengesuche und Bittbriefe zu ihren Gunsten.

    Es ist nur ein Beispiel von vielen, wie die evangelisch-lutherische Kirche in Schleswig-Holstein und Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg die Augen vor der Nazi-Vergangenheit verschlossen hat. „Prägend war eine unreflektierte Solidarisierung mit den Tätern. Sie ging einher mit einer Tabuisierung der Fragen nach konkreter Schuld und begangenen Verbrechen“, bilanziert der Historiker Stephan Linck. Im Auftrag der Nordkirche selbst hat er das Thema erstmals umfassend recherchiert. Dokumentiert sind sie jetzt in Buchform: „Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“.

    Lincks Forschung über den Zeitraum von 1945 bis 1965 knüpft an die von ihm mitgestaltete Wanderausstellung „Kirche, Christen und Juden in Nordelbien 1933-1945“ an. Darin dokumentierte die Kirche zur Jahrtausendwende zwar, wie sie im Dritten Reich mitgemacht hat. Unbeleuchtet blieb aber manche Kontinuität in den eigenen Reihen nach dem Ende des 1000-jährigen Reichs. Fragen dazu tauchten bei den Besuchern der Ausstellung indes reichlich auf.

    Auf 350 Seiten liefert Linck nun Antworten. „Gewissermaßen hat man die Schuldgeschichte nach 1945 fortgeschrieben“, sagt der Geschichtswissenschaftler. Er vermisst jegliches Einfühlungsvermögen für die Opfer. „Es wird geleugnet und relativiert, es gibt eine gemeinsame Abwehrhaltung, sich nicht kritisch mit den Dingen auseinanderzusetzen. Tragisch, wenn gerade die Kirche nicht nach Sühne und Gerechtigkeit fragt.“

    Untersucht hat der Wissenschaftler die Vorgänge in den damals eigenständigen Landeskirchen Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck und Eutin. Einzig in der Travestadt habe es zumindest unmittelbar nach Kriegsende „eine nennenswerte Selbstreinigung“ gegeben. In Eutin hingegen beobachtet Linck das krasse Gegenteil: „Dort hat sogar noch nach 1945 eine Nazifizierung stattgefunden.“ Der Chef des ostholsteinischen Kirchen-Territoriums, Wilhelm Kieckbusch, stellte ehemalige Nazi-Bischöfe und einen einstigen Generalsuperintendenten als Pastoren ein, die anderswo als untragbar galten. Noch in seiner Festschrift zum 65. Geburtstag 1966 hieß es über Kieckbusch unkritisch: „Er stellte sich mit der ganzen Autorität seines Amtes vor sie, als es in der Entnazifizierung um ihre politische Vergangenheit ging.“

    Dem Holsteiner Bischof Wilhelm Halfmann hält Linck nicht allein vor, „sich ohne jede Prüfung der Tatvorwürfe für verurteilte Kriegsverbrecher eingesetzt zu haben“. Massiv belastet Halfmann dessen missionarische Schrift „Die Kirche und der Jude“. 1936 hat der spätere Bischof darin die antijüdische Gesetzgebung unterstützt und mit Verweisen auf Martin Luther zu rechtfertigen versucht.

    Es ist symptomatisch, dass ihm dies beim Wechsel von der Diktatur zur Demokratie nicht einholte. Zwar hatte die britische Besatzungsmacht zunächst bei 100 Geistlichen Bedenken wegen eines Verbleibs im Amt angemeldet. Die vorläufige Kirchenleitung in den Sprengeln Schleswig und Holstein rechnete deshalb auch zunächst mit einer Entlassungsquote von 40 Prozent bei Pastoren und anderen Beschäftigten. „Man wusste also um die hohe formale NS-Belastung“, betont Linck. Letzten Endes blieben nur 16 Fälle übrig, in denen die Briten auf einer Entlassung bestanden. Von den Pröpsten wurden überhaupt nur zwei aus den Diensten der Kirche entfernt. Pikant: Überprüft wurden nur diejenigen Pröpste, die 1933 neu eingesetzt worden waren, weil sie der mehr als linientreuen Bewegung „Deutsche Christen“ angehörten. Ausgeblendet wurde“, so Linck, „dass die Entlassung aller anderen Pröpste ja nur deshalb nicht erfolgte, weil sie ohnehin schon als Parteigänger galten.“

    Eine „ganz harte Abwehrmentalität“ beobachtet der Forscher auch in der Reaktion der hiesigen Landeskirchen auf das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die hatte darin im Oktober 1945 eigenes Versagen eingeräumt. Im Norden ereiferte man sich, dies sei „eine Ungeheuerlichkeit“, weil in dem Bekenntnis nicht zugleich „die Terror-Angriffe der Alliierten“ auf Deutschland erwähnt worden seien.

    Selbst die Heyde-/Sawade-Affäre – der NS-Vertuschungsskandal Schleswig-Holsteins schlechthin – hat eine Verbindung zur Kirche. Und das sogar in Gestalt ihres höchsten ehrenamtlichen Repräsentanten, des Synodenpräsidenten Schleswig-Holsteins. Werner Heyde, medizinischer Leiter des Euthanasieprogramms, hatte die Aufsicht über 100 000 Morde an Behinderten und Juden und war in Schleswig-Holstein bis 1959 unter dem Namen Sawade untergetaucht. Über 7000 einträgliche medizinische Gutachten für Versicherungsämter und Gerichte verfasste er nach dem Krieg. Unter Vermittlung mehrerer Eingeweihter in einflussreichen Positionen. Dazu zählt Linck ganz besonders den damaligen Generalstaatsanwalt Adolf Voss – im Ehrenamt zugleich Synodenpräsident: „Voss war einer derjenigen, die seit Jahren die wahre Identität Sawades kannten und ihm gutachterliche Tätigkeiten beschafft hatten.“ Auch in der Presseberichterstattung über das Auffliegen der Heyde-/Sawade-Affäre fiel der Name Voss mehrfach. Die Krönung: Mitten in den Turbulenzen wurde Voss von der Synode im Januar 1960 mit 90 von 97 Stimmen als Präsident wiedergewählt.

    Zu den krassen Fällen zählt auch die Causa Hans Bayer: Er wurde 1947 Leiter der kirchlichen Pressestelle – im Krieg war er SS-Hauptsturmführer und Direktor des Instituts für Volkslehre und Nationalitätenkunde. Die versuchte, die Vernichtungslehre der Nazis pseudo-wissenschaftlich“ abzusichern.

    Bei allem Erstaunen über das Verhalten aus heutiger Sicht – Linck hat dafür eine einfache Erklärung: Mit dem Verdrängen befanden sich die Christen in Übereinstimmung mit dem gesellschaftlichen Mainstream. „Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus’ wollte sich die Kirche den Traum erfüllen, wieder Volkskirche zu sein. Dafür musste man Opfer bringen – in Form eines Konsenses mit der Mehrheitsbevölkerung.“

    > Stephan Linck: „Neue Anfänge? Der Umgang der Evangelischen Kirche mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum“. Lutherische Verlagsanstalt Kiel, (ISBN 978-3-87503-167-6), 17,95 Euro

    http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/der-lange-nazi-schatten-ueber-der-kirche-id5413301.html

  23. 18. Januar 2014 23:12

    Deshalb haben die wiederstedler und Opfer der SED Diktatur bis heute von denen nur Aus-Grenzung und geheuchelte Anteilnahme erfahren ‚! Der Einigungsvertag hat die Täter (O . Koppelt ) Straffrei an die Fetttröge vom Staat und Politik( LINKE )gebracht !!!Widerstand lohnt sich nicht

  24. ### Mörder unter uns ### Fritz Bauers Kampf ### Mörder unter uns ### permalink
    26. Januar 2014 15:31

    Mörder unter uns ### Fritz Bauers Kampf

    Fritz Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, war eine Ausnahmeerscheinung in der Nachkriegsjustiz. Er trieb die Ahndung nach den Tätern von NS-Verbrechen und deren Verurteilung maßgeblich voran.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2067696/M%C3%B6rder-unter-uns—Fritz-Bauers-Kampf

  25. Kirche, Nazis und die Nachkriegszeit permalink
    6. Februar 2014 17:43

    Kirche, Nazis und die Nachkriegszeit

    Die Kirche will ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten und hat einen Wissenschaftler beauftragt. Ein Ergebnis: Nationalsozialismus und Kirche passten jahrelang gut zusammen.

  26. Eugenik in katholischen Milieus/Netzwerken in Österreich vor 1938 permalink
    7. Februar 2014 17:06

    Monika Löscher
    Institut für Geschichte
    Universität Wien

    Eugenik in katholischen Milieus/Netzwerken in Österreich vor 1938

    PDF HIER
    http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=4&ved=0CD4QFjAD&url=http%3A%2F%2Fdg.philhist.unibas.ch%2Fforschung%2Ftagung-eugenik%2F%3Fno_cache%3D1%26file%3D476%26uid%3D2547&ei=DAP1Ur7uH8GhtAadroCwAQ&usg=AFQjCNHPfd8EUcLGJejT2_iCCQVul9Lq6A&sig2=XJ8khZunOMBU4I4HQJMyhw&bvm=bv.60799247,d.Yms&cad=rja

  27. Die Kinder der Herrenrasse permalink
    19. März 2014 23:03

    Die Kinder der Herrenrasse

    Um die Geburtenrate der „arischen Herrenrasse“ zu fördern – möglichst viele blonde, blauäugige Nachfahren – gründete SS-Führer Himmler die Organisation Lebensborn Drei Lebensborn-Kinder berichten.
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1770938/Die-Kinder-der-Herrenrasse

  28. System Sonderbau --- KZ-Häftlingsbordelle permalink
    21. März 2014 19:39

    System Sonderbau — KZ-Häftlingsbordelle

    1942 eröffnete das erste KZ-Bordell. In den kommenden Jahren entwickelte sich ein verzweigtes Netz. Mehr als 200 weibliche Häftlinge gelangten so in das System der NS-Zwangsprostitution.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1931786/System-Sonderbau—KZ-H%C3%A4ftlingsbordelle

  29. Dolly's Bastard permalink
    25. Mai 2014 01:31

    hier ein paar Statement des Katholenvereins und von dessen Mitglied Adolf Hitler:

    Ich bewundere das Christentum und werde es fördern.
(Adolf Hitler zu Bischof Berning)

    Echter Caritasdienst muß Dienst der Rassenhygiene sein, weil nur durch die Aufwartung des Volkes auch die beste Grundlage für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden geschaffen wird.
(Jahrbuch d. Caritaswissenschaft, 1934)

    “Ich als deutscher Mann und Bischof danke dem Führer unseres Volkes für alles, was er für das Recht, die Freiheit und die Ehre des deutschen Volkes getan hat.”
(Kardinal von Galen, 1936)
    “Es gibt nur wenige Männer…und zu diesen großen Männern gehört unstreitig der Mann, der heute seinen 52.Geburtstag feiert – Adolf Hitler -. Am heutigen Tag versprechen wir ihm, daß wir alle Kräfte zur Verfügung stellen, damit unser Volk den Platz in der Welt gewinnt, der ihm gebührt. ”
(Kathol. Kirchenzeitung der Erzdiözese Köln 20.4.1941)

    Den hochwürdigen Pfarrämtern und Kuratie-Ämtern gebe ich die Anweisung, ein feierliches Requiem zu halten zum Gedenken an den Führer und alle im Kampf für das deutsche Vaterland gefallenen Angehörigen der Wehrmacht.
(Kardinal Bertram nach dem Selbstmord Hitlers)

    Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott. Er anerkennt das Christentum als den Baumeister der abendländischen Kultur.
(Kardinal Faulhaber) !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Wir verkennen manches Gute der neuen Weltanschauung nicht. Wir finden aber beim näherem Zusehen, daß es in ihrem Besten Kopie des Christentums ist.!!! 
(Der Erzbischof von Freiburg Konrad Gröber an den Pabst, 1944)

    ‘Ich liebe Deutschland jetzt noch mehr.’
(Papst Pius XII, nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Einheiten)

    Der Nationalsozialismus ist weder antikirchlich noch antireligiös, sondern im Gegenteil, er steht auf dem Boden eines wirklichen Christentums.
(Der Katholik Adolf Hitler)
[Saarkundgebung 26.8.34 am Ehrenbreitstein bei Koblenz] !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Ich wünsche dem Führer nichts sehnlicher als einen Sieg.
(Papst Pius XII.)

    Wir wollen dem Staat um keinen Preis die Kräfte der Kirche entziehen.
(Schreiben der Bischöfe an das 3. Reich)

    Ich werde niemals ein völlig säkularisiertes Schulsystem dulden. Charakter kann nur auf religiöser Basis aufgebaut werden.
(Der Katholik Adolf Hitler)
    Ohne Gottesglauben können die Menschen nicht sein. Der Soldat, der drei und vier Tage im Trommelfeuer liegt, braucht einen religiösen Halt.
(Der Katholik Adolf Hitler)

    Der RKK Prälat und Abgeordnete Dr.Dr. Ludwig Kaas sorgt als Vorsitzender der Zentrumspartei in NSDAP Kooperation per Verfassungsbruch für die Annahme vom “Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich” und dem “Ermächtigungs Gesetz”. Auf dem Katholikentag 1929 sagt er: „Niemals ist der Ruf nach einem Führertum großen Stils lebendiger und ungeduldiger durch die deutsche Volksseele gegangen als in den Tagen, wo die vaterländische und kulturelle Not uns allen die Seele bedrückt”.

    Kardinal Adolf Bertram als Vorzitzender der Deutschen Bischöfe schleimt 1933 in ewiger Demut dem GRÖFAZ Adolf Schicklgruber: „Der Episkopat aller Diözesen Deutschlands hat, wie die öffentlichen Kundgebungen erweisen, soweit es nach der Neugestaltung der politischen Verhältnisse durch Eurer Exzellenz (Hitler) Erklärungen ermöglicht wurde, sogleich die aufrichtige und freudige Bereitwilligkeit ausgesprochen, nach bestem Können zusammenzuarbeiten mit der jetzt waltenden Regierung, die die Gewährleistung von christlicher Volkserziehung, die Abwehr von Gottlosigkeit und Unsittlichkeit, den Opfersinn für das Gemeinwohl und den Schutz der Rechte der Kirche als Leitsterne ihres Wirkens aufgestellt hat.“

    Der erfundene RKK Widerstandsheld Bischof Clemens August Graf von Galen bejubelt schon 1933 die brutale Gewalt des NAZI Regimes “Wir wollen Gott dem Herrn für seine liebevolle Fügung dankbar sein, welche die höchsten Führer unseres Vaterlandes erleuchtet und gestärkt hat, daß sie die furchtbare Gefahr, welche unserem geliebten Volke durch die offene Propaganda für Gottlosigkeit und Unsittlichkeit drohte, erkannt haben und sie auch mit starker Hand auszurotten suchen.” und verhöhnt 1942 die Soldaten: „…auch zur besonderen Ehrung, die wir unseren gefallenen Kriegern schulden… Sie wollten in einem neuen Kreuzzug mit dem Feldgeschrei ‘Gott will es’ den Bolschewismus niederringen, wie es vor wenigen Tagen der spanische Befreier Franco in einer Rede zu Sevilla mit christlicher Zielsetzung rühmte.” Das Todesurteil vob 1943 an Priester Roland Metzger durch Roland Freisler lobt er schriftlich in einem Dankesschreiben an den Richter “in hoher Verehrung und Wertschätzung”.

    Im Protokoll der Fuldaer Bischofskonferenz vom August 1933 heißt es: “Der Einrichtung von Gottesdiensten in Konzentrationslagern stehen Schwierigkeiten von Seiten der Lagerleitung angeblich nicht entgegen, die Einrichtung muß nach Bedarf von kirchlichen Stellen beantragt werden” Die moralisch edlen NAZI-Christen betreiben eigene Arbeitslager mit “minderwertigen Elementen” und vermieten sie als billige Arbeitssklaven, die Kriegsndustrie deckt bis zu 25% des Bedarfs. Im November 1933 wird das Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher über Maßregeln der Sicherung und Besserung die Maßregel im Arbeitshaus eingeführt. Neben psychiatrischen Krankenhäusern (wie heute), Entziehungsanstalt oder Sicherungsverwahrung ist die Unterbringung in einem Arbeitshaus (StGB § 42d) zwingend vorgesehen.

    Das „Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin“ unter Dompropst Lichtenberg und später Bischof Konrad Graf Preysing informiert ab 1938 deutsche Bischöfe und den Vatikan über Deportationen von Juden und ab 1942 über SS-Erschiessungskommandos im Osten. Die RKK organsiert mit Priestern und Mönchen die Ermordung von 15% der Bevölkerung Kroatiens (Roma, Sinti, Juden, Ungläubige) in kirchlichen KZs und tötet Wehrlose in Massen. Die RKK organisiert ab 1945 für etwa 300 untergetauchte NAZI-Mörder wie Pavelic, Mengele, Rauff, Barbie, Röschmann, Priebke, Eichmann usw. die Flucht per Vatikan nach Argentinien. Priester wie Erzbischof Iwan Butschko, Bischof Hudal, Pater Draganovic, die Kardinäle Giovanni Montini, Barrere, Caggiano, und Tisserant sind aktiv beteiligt. Adolf Eichmann flieht erst 1950 aus Niedersachsen, die Schuldbekundungen der Kirche von 1945 sind reine Ablenkung.

    Warum hat niemand von den Oberhirten etwas unternommen, alle waren eifrige NAZIs

  30. Sintikinder im Nazi-Staat permalink
    3. Juni 2014 00:40

    Sintikinder im Nazi-Staat

    „Auf wiedersehn im Himmel“ Deportation und Ermordung von Sintikindern der St. Josefspflege von Mulfingen in Auschwitz

  31. Alfred Meier permalink
    27. November 2014 23:53

  32. Hölle Kinderpsychiatrie ~ Gewalt und Missbrauch hinter Anstaltsmauern permalink
    26. Juni 2015 11:22

    Hölle Kinderpsychiatrie ~ Gewalt und Missbrauch hinter Anstaltsmauern

    Ein Film von Nadja Kerschkewicz, Anne Kynast und Martin Suckow

    Montag, 27. Oktober 2014, 22.00 – 22.45 Uhr

    Schläge, Beruhigungsmittel, Einzelarrest – seine Kindheit beschreibt Karl-Heinz Großmann als Hölle auf Erden. Mit 13 Jahren kam er als gesunder Junge in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg. Diagnose: Debilität, also Schwachsinn.

    Jahrelang war er Gewalt durch das Pflegepersonal schutzlos ausgeliefert, wurde mehrmals in dieser Zeit missbraucht, durch eine Nonne. Karl-Heinz Großmann hat darüber fast 50 Jahre geschwiegen – bis heute.

    Auch Wolfgang Petersen kann seine Zeit in der Kinderpsychiatrie nicht vergessen. Als Neunjähriger war er lebhaft, gab oft Widerworte. Das reichte aus, um ihn vom Kinderheim in die Psychiatrie nach Schleswig zu verlegen. Schläge durch Pfleger waren auch hier an der Tagesordnung. Sie pressten ihn in eine Zwangsjacke, drückten ihn unter Wasser. Wenn sich Petersen oder Großmann beschwerten, hagelte es weitere Strafen. Und es hieß: „Euch Idioten glaubt ja eh keiner.“

    die story deckt auf: Wie Karl-Heinz Großmann und Wolfgang Petersen wurden damals tausende Kinder und Jugendliche in die Psychiatrien abgeschoben – und erlebten dort einen Alltag voller Strafen und Gewalt. Erst nach unseren Recherchen hat sich der Träger der Kinderpsychiatrie Marsberg, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, bei den Opfern entschuldigt. Wie aber konnten die Zustände hinter den Klinikmauern so lange unentdeckt bleiben? Warum hat jahrzehntelang niemand die Verantwortung dafür übernommen?
    http://www1.wdr.de/fernsehen/dokumentation_reportage/die-story/sendungen/hoelle-kinderpsychiatrie102.html

  33. WIEDER VERFÜGBAR permalink
    1. Juni 2016 01:48

    „Alles Kranke ist Last…” — Die Kirchen und die “Vernichtung lebensunwerten Lebens

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