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An einen Bonzen

28. Mai 2012

von Theobald Tiger  – (Kurt Tucholsky)

Einmal waren wir beide gleich.
Beide: Proleten im deutschen Kaiserreich.
Beide in derselben Luft,
beide in gleicher verschwitzter Kluft;
dieselbe Werkstatt – derselbe Lohn –
derselbe Meister – dieselbe Fron –
beide dasselbe elende Küchenloch …
Genosse, erinnerst du dich noch?

Aber du, Genosse, warst flinker als ich.
Dich drehen – das konntest du meisterlich.
Wir mußten leiden, ohne zu klagen,
aber du – du konntest es sagen.
Kanntest die Bücher und die Broschüren,
wußtest besser die Feder zu führen.
Treue um Treue – wir glaubten dir doch!
Genosse, erinnerst du dich noch?

Heute ist das alles vergangen.
Man kann nur durchs Vorzimmer zu dir gelangen.
Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren,
du lachst über Straßenhetzer und Narren.
Weißt nichts mehr von alten Kameraden,
wirst aber überall eingeladen.
Du zuckst die Achseln beim Hennessy
und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie.
Du hast mit der Welt deinen frieden gemacht.

Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
»Genosse, schämst du dich nicht –?«

Die Weltbühne, 06.09.1923, Nr. 36, S. 248, wieder in: Mit 5 PS, auch u.d.T. »An die Bonzen«. Gefunden auf Scharf-links.de

3 Kommentare leave one →
  1. Kurt permalink
    28. Mai 2012 15:34

    Das Parlament

    von Theobald Tiger

    Ob die Sozialisten in den Reichstag ziehn –
    is ja janz ejal!

    Ob der Vater Wirth will nach links entfliehn,
    oder ob er kuscht wegen Disziplin –
    is ja janz ejal!

    Ob die Volkspartei mit den Schiele-Augen
    einen hinmacht mitten ins Lokal
    und den Demokraten auf die Hühneraugen …
    is ja janz ejal!
    is ja janz ejal!
    is ja janz ejal!

    Die Plakate kleben an den Mauern –
    is ja janz ejal!
    mit dem Schmus für Städter und für Bauern:
    „Zwölfte Stunde!“ – „Soll die Schande dauern?“
    Is ja janz ejal!

    Kennt ihr jene, die dahinter sitzen
    und die Schnüre ziehn bei jeder Wahl?
    Ob im Bockbiersaal die Propagandafritzen
    sich halb heiser brüllen und dabei Bäche schwitzen –:
    is ja janz ejal!
    is ja janz ejal!
    is ja janz ejal!

    Ob die Funktionäre ganz und gar verrosten –
    is ja janz ejal!
    Ob der schöne Rudi den Ministerposten
    endlich kriegt – (das wird nicht billig kosten):
    is ja janz ejal!

    Dein Geschick, Deutschland, machen Industrien,
    Banken und die Schiffahrtskompanien –
    welch ein Bumstheater ist die Wahl!
    Reg dich auf und reg dich ab im Grimme!
    Wähle, wähle! Doch des Volkes Stimme
    is ja janz ejal!
    is ja janz ejal!
    is ja janz ejal –!

    (Die Weltbühne, 20/1928)
    15. Jahrgang | Nummer 11 | 28. Mai 2012
    http://das-blaettchen.de/2012/05/das-parlament-12371.html

  2. micha (mobil) permalink
    28. Mai 2012 22:03

    z.Thema „Delegieren“ versus „VerTreten lassen“:
    Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger –
    Versicherungsvertreter verkaufen Vesicherungen –
    warum sollten ausgerechnet Volks- oder Arbeitervertreter
    aus der Art schlagen? …

Trackbacks

  1. The Weekly Archive Worker: Alternative « Entdinglichung

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