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Domitila Barrios de Chúngara (7 Mai 1937 – 13 März 2012)

20. Mai 2012

Anläßlich des Todes von Domitila ist es angebracht, zwei Beiträge wieder zu publizieren, die in der »direkten aktion« im Jahre 1987 erschienen sind – ein Brief von ihr an einen (damaligen) hamburger FAU-Genossen vom September 1986, den er übersetzte, und der in Auszügen und mit einer Einleitung in der »da« Nr. 61/Februar 1987 veröffentlicht wurde (I.), sowie ein Interview mit Domitila aus der »da« Nr. 64/August 1987 (II.). Beide Texte gewähren einen Einblick in das Leben und die Aktivitäten dieser bemerkenswerten Frau voller Mut, Kampfgeist und offensichtlichem organisatorischen Geschick, die sie in den Dienst für die soziale Gerechtigkeit stellte. Peter Strack hat in seinem »taz«-blog »Abschied von Domitila Chungara« einen einfühlsamen Nachruf für sie verfaßt.

Möge Dir die Erde leicht sein, Domitila.

I.

Zur Situation in Bolivien

Domitila de Chungara, eine Frau aus den Zinnminen Boliviens, soll hier im Mittelpunkt stehen. Für viele ist sie durch ihre kämpferische und mutige Haltung gegen die tagtägliche Repression der kapitalistischen Ausbeutung in den Bergwerken Boliviens ein Begriff geworden.

Domitila kommt aus Siglo XX (dem »20. Jahrhundert«, einer der wohl größten Zinngruben der Welt). Hier wird unter den menschenunwürdigsten Arbeitsbedingungen Zinn zutage gefördert, das in die europäischen Industrienationen exportiert wird. Die Mineros in Bolivien gehören zu den klassenbewußtesten Arbeitern in Lateinamerika. Schon immer waren die Bergbaugebiete Zentren der sozialen Revolution und des Widerstandes. Nicht umsonst wurden bei den in der bolivianischen Geschichte so zahlreichen Militärputschen immer zuerst die Minengebiete dem Ausnahmezustand und der militärischen Kontrolle unterworfen. Die Gewerkschaft der Bergarbeiter stellt nach wie vor eine unerhörte Bedrohung für die Machthaber dar. Die FSTMB (Federacion Sindical de Trabajadores Mineros de Bolivia), die der COB (Central Obrera Boliviana), dem bolivianischen Gewerkschaftsdachverband, angeschlossen ist, ist wohl die militanteste und bestorganisierte Gewerkschaft in Südamerika.

Domitila, Frau eines Minenarbeiters, Mutter von acht Kindern, war Mitbegründerin des Hausfrauenkomitees von Siglo XX, einer Art Hausfrauengewerkschaft, das ein Ausgangspunkt vieler Hungermärsche und Streiks war. 1975 nahm Domitila als Delegierte des Hausfrauenkomitees an der Weltfrauenkonferenz der UNO in Mexiko teil. Im Dezember 1977 organisierte Domitila mit drei anderen Bergarbeiterfrauen einen nationalen Hungerstreik für die Amnestie aller politischen Gefangenen, die unter der Militärdiktatur des General Banzer im Knast saßen. Dieser Hungerstreik leitete de facto den Sturz der Banzer-Diktatur ein, da er zu einem nationalen Ereignis wurde.

Während des Militärputsches von 1980 unter Führung von Garcia Meza befand sich Domitila gerade in Kopenhagen, wieder als Delegierte des Hausfrauenkomitees auf der UNO-Weltfrauenkonferenz. Wegen ihrer Popularität und ihrer kämpferischen Haltung war es unmöglich für sie, nach Bolivien zurückzukehren, da dort, wie schon so oft, wieder der Ausnahmezustand herrschte, Minengebiete bombardiert wurden und die COB in den Untergrund gehen mußte.

Während der Jahre des Exils, die sie in Schweden verbrachte, durchreiste sie Westeuropa, um für den Kampf ihrer Landsleute in Bolivien Unterstützung zu erwirken. (Ihre Erlebnisse im Exil hat sie sehr anschaulich in ihrem neuestem Buch geschildert, welches man unbedingt lesen sollte: Domitila, »Das Zeugnis einer Frau aus den Minen Boliviens«, Teil II, Lamuv-Verlag)

Im September 1986 erhielten wir einen Brief, in dem Domitila die Genossen in der BRD und anderswo um Unterstützung bittet. Sie schildert die Massenentlassungen von Bergleuten durch die COMIBOL in den letzten Monaten.

Aus den langen Erfahrungen des Widerstandes in ihrem Land setzt Domitila wie andere Teile der COB weiterhin auf Basisarbeit, um die Ideen der sozialen Revolution in den Massen der Bergarbeiter und Campesinos stärker zu verankern.

In einem Land wie Bolivien mit einer sehr hohen Zahl von Analphabeten ist die Basisarbeit besonders unter den indianischen Bauern von größter Wichtigkeit. In ihrem neuen Projekt der mobilen Schule wollen Domitila und ihre Genossen versuchen, die Basisarbeit vor allem unter den Frauen zu verbreitern.

Natürlich benötigen die Genossen Geld, um das Projekt zu realisieren. Um die Arbeit effektiv durchführen zu können, sind eine Menge von Materialien und Ausrüstungsgegenständen vonnöten, so z.B. eine Videokamera, Fotokopierer, Schreibmaschinen sowie ein geeigneter Geländewagen, um auch die unzugänglichen Regionen zu erreichen.

Wir werden in der nächsten Zeit versuchen, in Hamburg eine Benefizveranstaltung für die Unterstützung des Projektes zu organisieren und Geld zu sammeln.

Meiner Meinung nach ist der Ansatz des Projektes auch für uns als Anarchosyndikalisten sehr unterstützenswert. Hier soll versucht werden, von unten Bewußtsein zu schaffen und die Basisaktivitäten zu verstärken, was ja schließlich auch unser Ansatzpunkt ist.

Brief von Domitila an einen Companero in Hamburg, September 1986

(…)

Aber die Probleme in meinem Land werden von Tag zu Tag schlimmer, weil die Situation mit jedem Tag, der vergeht, schwieriger wird. Weil die momentane Regierung gerade an den IWF [Internationaler Währungs-Fond] und an den Imperialismus verkauft ist, die wohl vorhaben, Tausende von Arbeitern auf die Straße zu setzen. Bis jetzt entließen sie ca. 6.000 Arbeiter. Diese schwierigen Momente – wo werden wir noch hinkommen? Weil man in Bolivien gerade mal wieder gegen das Militär kämpft, das den Belagerungszustand anordnete. Und nach diesem Opfermarsch, genannt »Der Marsch für das Leben und den Frieden«, den wir Arbeiter und Hausfrauen mit unseren kleinen Kindern durchgeführt haben, um zu verhindern, daß die Regierung die Minen schließt, weil es einen Plan von der Regierung gibt, 14.000 Arbeiter von »COMIBOL« (Bergwerksgesellschaft in Bolivien, die die verstaatlichten Minen verwaltet – Anm. d. Übers.) zu entlassen, so daß nur 12.000 überbleiben – und Cooperativen zu gründen, so wie ich Dir bereits gesagt habe, 6.000 haben sie schon rausgeschmissen, Arbeiter, die jetzt weder Arbeit noch Wohnung haben. Einige leben in den Straßen in selbstgebauten Hütten.

Statt die »COMIBOL« zu finanzieren, zieht es die Regierung vor, die kleinen mittleren und privaten Minen zu stärken.

Nachdem wir nicht angehört wurden, initiierten wir Arbeiter und Hausfrauen zusammen mit unseren kleinen Kindern den »Marsch für das Leben und den Frieden« zu Fuß von Oruro nach La Paz (230 km), wobei wir alle Unterstützung von meinem mutigen Volk hatten. Mit der Schließung einiger Unternehmen werden die am meisten betroffenen Gebiete die von Oruro und Potosi sein, diejenigen, die soviel Reichtum erzeugt haben seit der spanischen Kolonialzeit, und heute für den nordamerikanischen Imperialismus und für die vom IWF.

Mit kaputten Füßen, aber mit reichlich Elan machten die Companeros/as weiter, und in dem Maße, in dem sie weiter machten, wuchs die Anzahl der Leute. Einige sagten, wir wären 15.000, andere 20.000. Die Regierung, die uns zu Anfang ließ, sich aber später erschrak, hat uns im Dorf Calamarka eingekesselt, als nur noch 57 km fehlten, um nach La Paz zu gelangen. Sie kesselten uns ein mit der ganzen militärischen Macht des Militärs, sowie auch der paramilitärischen Einheiten (Söldner); der Aufmarsch des Militärs bestand aus 4 Regimentern, zusammengesetzt aus Flugzeugen, Hubschraubern und Panzern, und sie nahmen uns unsere Wasser- und Lebensmittelvorräte weg. Es war ein wahres Konzentrationslager wie in der Epoche von Hitler, sie holten uns aus dem Dorf Richtung Landstraße, und wir schliefen, dem Wetter ausgesetzt, auf dem Asphalt, und am Nachmittag schneite es etwas, aber Gott sei Dank hörte es auf zu schneien, aber in der Nacht war die Kälte so groß, daß die Kleidung, die wir trugen, mit Reif bedeckt war. In der Nacht kontrollierten sie uns mit mächtigen Scheinwerfern von der höchsten Stelle des Dorfes aus.

Wir Frauen hielten bis zum Schluß durch, aber wer kann soviel kriegerischer Macht des Militärs die Stirn bieten, nur mit dem Verstand und dem Mut?

(…)

[Das Konzept der »Mobilen Schule«]

Bewußt wird die direkte Verbindung mit den traditionellen politischen Parteien vermieden (auch wenn sich diese selbst als »linke« bezeichnen) mit dem Ziel, die schon aufgezeigten Konflikte und Verzerrungen zu vermeiden.

Hingegen will man eine enge Zusammenarbeit und einen ständigen Dialog mit gewerkschaftlichen Organisationen, sowohl in der Basis als auch in den Gewerkschaftszentralen, entwickeln. Schon von daher werden die politisch-gewerkschaftlichen und die ökonomischen Schriften der Gewerkschaftszentralen (Federacion de Mineros, Confederacion de Campesinos, Central Obrera Boliviana etc.) unsere inhaltlichen Grundlagen für die Kurse sein.

Die Vorgehensweise wird die sein, zu den Bergbauzentren, ländlichen Gemeinden, Stadtvierteln, etc. zu gehen, um die Kurse dort zu geben. Sie werden etwa 5 Tage dauern, um weder zu kurz noch zu anstrengend zu sein. In erster Linie werden wir die Wünsche der Bergbauzentren beachten, weiterhin werden wir versuchen, uns in die ländlichen Gebiete zu begeben, und schließlich in die Arbeiterviertel der Städte sowie in die gewerkschaftlichen Frauenorganisationen (Trabajadoras del Hogar, etc.).

»direkte aktion« Nr. 61/Februar 1987, S. 18 – 20

[eckige Klammern vom Bearbeiter]

II.

»das Volk hält es nicht mehr lange aus«

Massenentlassungen, Streiks, wirtschaftliche Misere, Repression!

Wie geht es weiter in Bolivien?

Interview mit Domitila Barios de Chungara über die aktuelle Situation der Gewerkschaften, Arbeitskämpfe und politische Lage in Bolivien (siehe dazu auch DA 61).

Im Mai 1987 befand sich Domitila anläßlich einer internationalen Frauen-Konferenz von »Terre des Hommes« in Frankfurt, zu der sie als Delegierte eingeladen war. Wir hatten in Hamburg die Möglichkeit, mit ihr über die momentane Situation in Bolivien ein Interview für die DA zu führen. Die DA berichtete schon in Nr. 61 über ihr Projekt der »mobilen Schule«.

DA: Wie ist die aktuelle Lage in Bolivien und wie kam es zu den Massenentlassungen in den staatlichen Minen?

Domitila: In diesem Moment, wo die Regierung die Bergarbeiter gezwungen hat, durch die Nichtzahlung der Löhne, durch den Mangel an Werkzeug und Ausrüstung, die Minen zu verlassen, ist das das wichtigste Ziel der bolivianischen Regierung, den Plan des IWF durchzusetzen. Dieser Plan beinhaltet die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften. Um die Arbeiterbewegung zu schwächen, hat die Regierung das Gesetz 210060 erlassen, das vorsieht, die staatlichen Zinnminen zu schließen. Es ist aber nicht nur dieses Gesetz!

Um dem Volk zu schaden, hat die Regierung den freien Handel im Land gesetzlich eingeführt, so daß sehr viele illegale Importe und Schmuggelwaren das Land überschwemmen, was zu einer Schwächung der nationalen Industrieproduktion führt. Zum Beispiel ist die einheimische Seife teurer als die Importseife, so daß diese Firmen pleite gehen, was zu Entlassungen der Arbeiter dort führt. Neu ist auch, daß die Unternehmen, gesetzlich sanktioniert, frei nach dem Marktgesetz Arbeiter einstellen und entlassen können, was früher nicht so einfach möglich war.

Die COB (Central Obrera Boliviana – bolivianischer Gewerkschaftsdachverband) hat eine Statistik erstellt, wonach es in Bolivien offiziell schon über 100.000 Arbeitslose gibt – Bauarbeiter, Minenarbeiter, Angestellte, Transportarbeiter, Verkäufer etc. Dadurch, daß die Arbeiter entlassen und damit nicht mehr in der Gewerkschaft sind, wird die COB mehr und mehr geschwächt.

Dieses Gesetz 210060 der Regierung bedeutet die Auflösung und Dezentralisierung (Reprivatisierung) der staatlichen Betriebe wie COMIBOL (staatliche bolivianische Minengesellschaft) und der staatlichen Ölgesellschaft. Als ich 1980 aus Bolivien emigrieren mußte (1982 konnte Domitila wieder zurückkehren – d. Red.), arbeiteten noch 5000 Mineros in unserem Minenzentrum Siglo XX bei COMIBOL. Jetzt waren es nur noch 700, und vor einigen Tagen bekam ich die Nachricht, daß dort niemand mehr arbeitet.

DA: Haben sich die entlassenen Bergleute in irgend einer Form zusammengeschlossen und organisiert?

Domitila: Die entlassenen Arbeiter sind aus den Minengebieten in die großen Städte, z.B. nach La Paz, Santa Cruz oder Cochabamba fortgegangen. Dort versucht die Regierung, die Menschen wieder ansässig zu machen. Es gibt auch eine nationale Vereinigung, aber ich weiß nicht genau, wie diese Organisation funktioniert. Die Organisation der entlassenen Arbeiter wird nicht von der Regierung, sondern von den Entlassenen selbst getragen. Die Leute dieser Selbstorganisation veranstalten fast jeden Tag Demonstrationen, Straßenblockaden und Versammlungen in den großen Städten. Andererseits organisieren sie auch das tägliche Überleben.

Die Delegierten dieser Organisation gehen zu den Menschenrechtsorganisationen und humanitären Gruppen, um für die Entlassenen und ihre Familien um Hilfe zu bitten. Sie suchen nach Ideen und Vorschlägen für neue Arbeitsplätze.

DA: Ist es im Falle einer Entlassung üblich, daß man der Gewerkschaft automatisch nicht mehr angehört?

Domitila: Ja, aber die COB hilft den Entlassenen, indem sie nach Arbeitsalternativen für sie sucht. Außerdem wurden viele Arbeitslose, die ihre Wohnung verloren hatten, in den Büros und Gebäuden der Gewerkschaft aufgenommen. Diejenigen, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden, bleiben bei der COB und sind in einer eigenen Gewerkschaft der Rentner/Pensionierten organisiert. Allerdings ist die COB nicht in der Lage, die Entlassenen finanziell zu unterstützen, da sie selbst nicht einmal über genügend Geld verfügt.

DA: Gibt es Überlegungen die traditionellen Kampfformen der Gewerkschaft, z.B. Generalstreiks, Blockaden, Minenbesetzungen zu erweitern oder zu verändern?

Domitila: Ja, es werden neue Taktiken besprochen; es ist allerdings sehr schwer, da es in diesen Diskussionen so viele unterschiedliche Positionen und Ideen gibt und man im Moment keine Einheitlichkeit erzielen kann. Dieser Diskussionsprozeß ist noch nicht abgeschlossen; es gibt noch kein Ergebnis. Man versucht auch, aus den Erfahrungen und Errungenschaften gewerkschaftlicher Kämpfe der anderen Länder zu lernen.

DA: Nochmal zurück zur momentanen ‚Situation in Bolivien. Steht das Land vor einer sozialen Erhebung wie in den Jahren l952/53? [1]

Domitila: Ich glaube, daß so etwas wie in den Jahren 52/53 nicht so schnell wieder geschieht. Ich finde es auch wichtig, das dies besser vorbereitet werden müßte, damit das Volk nicht wieder enttäuscht wird wie damals. 1952 war das Volk müde von den Leiden, griff zu den Waffen, zerstörte das Militär und übernahm die Macht. Gleich danach aber überließ es die Macht der Kleinbourgeoisie, die das Volk bald darauf verriet.

Also, diesmal müßte es wirklich besser vorbereitet werden. Erstens müßte es im Volk immer eine Avantgarde geben, damit es nicht wieder auf die Hilfe der Kleinbourgeoisie angewiesen ist; und zweitens muß das Volk Möglichkeiten haben, die Avantgarde zu kontrollieren, und dies geht nicht von heute auf morgen. Die ständige Repression und Unterdrückung, die vielen Militärputsche bringen es mit sich, daß die Leute, die solche Volksbewegungen führen könnten, immer wieder verschleppt und ermordet werden. Die Politiker sollten aber trotzdem daran denken, daß das Volk es nicht mehr lange aushält.

DA: Ich habe den Eindruck, daß viele der sozialen Kämpfe in den letzten Jahren meistens in der Defensive geführt wurden. Ist es richtig, daß auch Du durch diese Erfahrungen an Basisarbeit interessiert bist? Da ist z.B. Dein Projekt der mobilen Schule.

Domitila: Ja, ich weiß nicht, ob die Föderation COB in diesem Sinne Basisarbeit macht, aber es gibt sehr viele kleine Organisationen und Gruppen, die Basisarbeit machen. Viele kämpfen aber auch nur um ihr Überleben, da sie über keine finanziellen Mittel verfügen. Die Idee der Schule ist natürlich auch, Bewußtsein zu schaffen und einen anderen Ansatz zu suchen, denn die meisten Leute kommen in die Stadt, um in die Schule zu gehen oder zu studieren, und unser Ansatz ist, mit der Schule zu den Leuten zu gehen! Es gibt auch schon ein paar Schulen auf dem Land.

DA: Wie ist Deine Einschätzung zu diesen Basisgruppen und Volksbewegungen? Glaubst Du, daß durch ihre Arbeit konkrete soziale Veränderungen herbeigeführt werden können?

Domitila: Es ist sehr schwer, darauf konkret zu antworten. Die soziale Lage in Bolivien ändert sich fast täglich. Deshalb kann man langfristig kaum Pläne machen. Alle Volksbewegungen kämpfen natürlich für die sofortige Veränderung der schlimmen Situation, aber ob man wirklich etwas konkretes erreicht, läßt sich sehr schwer sagen. Basisarbeit gibt es hauptsächlich auf dem Lande. Die meisten beschäftigen sich mit Erziehung, aber auch mit neuen landwirtschaftlichen Anbautechniken, sowie mit neuen Produktions- und Organisationsformen. Ich werde oft zu Diskussionen in die Dörfer eingeladen, oft halte ich eine Rede und arbeite dort mit allen zusammen.

DA: In den meisten Ländern der ‚3. Welt‘ oder auch in Europa wird der nationale Widerstand von politischen Parteien oder Befreiungsbewegungen getragen. So z.B. in Nicaragua von den Sandinisten oder in El Salvador von der Frente Farabundo Marti. Was uns als Anarchosyndikalisten interessiert, ist, warum in Bolivien gerade die Gewerkschaften die entscheidende politische und gesellschaftliche Kraft sind?

Domitila: Soweit ich mich zurückerinnern kann, sind meine Eltern und die Eltern meiner Freunde in der Gewerkschaft gewesen. Das ist in Bolivien eine alte Sache. Das kommt, weil die COB durch ihre politische Plattform eine ganz besondere Rolle spielt [2]. Z.B. bittet die COB die Regierung nicht nur um bessere Löhne, bessere Ausbildungs- und Gesundheitsprogramme, sondern kämpft auch eindeutig politisch. Zuerst gingen die Gewerkschaften die sozialen Probleme, dann die wirtschaftlichen an. Aber mit den wirtschaftlichen Forderungen kam man nie sehr weit. Es gab und gibt ständig Militärputsche, Unterdrückung, Massaker, und darum mußten die Gewerkschaften auch politisch kämpfen.

Außerdem besteht die große Mehrheit der Gewerkschaftsführung aus linken Leuten. Ich habe noch nie einen Führer der COB kennengelernt, der für Paz Estensoro [3] oder für die Rechten war. Auch wenn es Arbeiter in den Minen und Fabriken gibt, die für die Rechten sind, werden diese nicht vom Volk unterstützt. Außerdem muß sich die Minderheit den Beschlüssen der Mehrheit beugen. Wenn sie sich nicht daran halten, werden sie bestraft. Wenn sie die mehrheitliche Meinung der COB nicht akzeptieren, bekommen sie Verbote, auf Kongressen Reden zu halten oder daran teilzunehmen.

DA: Wie ist es möglich, daß trotz der vielen verschiedenen politischen Richtungen in der COB eine einheitliche politische Arbeit gewährleistet ist?

Domitila: Die Basis kontrolliert sie. Für die unterschiedlichen Posten werden die Leute direkt gewählt. Wenn 50% der Posten besetzt sind, gucken die Arbeiter, welche linke Partei noch nicht drin ist. Die letzten, die gewählt werden, sind meistens die von den sieben verschiedenen trotzkistischen Parteien. Wir nennen sie »Taxi-Parteien«, weil die Anzahl der Mitglieder in ein Taxi paßt. Die Arbeiter wählen Vertreter aller linken Parteien in die verschiedenen Funktionen um sicher zu gehen, daß nicht eine dieser linken Parteien die Kontrolle der Gewerkschaften übernimmt und die COB auf die Linie dieser Partei bringt.

Wenn jemand manipulieren will, gibt es immer die Möglichkeit der Kontrolle von der Basis aus. Es gibt auch Lügen und Intrigen und dann macht die Basis ein Gericht. Wenn herausgefunden wird, wer oder welche Partei das war, werden sie abgewählt und von ihren Posten für eine bestimmte Zeit enthoben.

DA: Wie ist die Zusammenarbeit und das Verhältnis der COB zu den jeweiligen Regierungen und zum Staat insgesamt?

Domitila: Wir haben fast nie eine linke Regierung gehabt. Als die UDP [4] an der Regierung war, versuchten die Delegierten der COB, die in den Parteien des UDP-Bündnisses waren, Gespräche mit der Regierung aufzunehmen. Dies hat die Basis nicht erlaubt. Zu den Gesprächen wurden nur Delegierte entsandt, die nicht in den Parteien des UDP-Bündnisses waren, und die dann die Regierung aufforderten, die COB zu unterstützen. Dieser Regierung schenkten die Arbeiter einen Tageslohn, damit die Regierung ihre Versprechen einlöst. Aber die Regierung hat ihre Versprechen nicht gehalten.

Ich möchte jetzt noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Es gibt eine Tendenz in Europa [zu glauben], daß es Menschenrechtsverletzungen nur in Militärdiktaturen gibt. Es ist klar, daß in Militärdiktaturen wie Chile Verhaftungen, Folterungen und Massaker stattfinden. In Ländern wie Argentinien, Bolivien, Peru und Uruguay gibt es ja ‚demokratische‘ Regierungen. Diese Demokratien dienen dazu, die wirklichen Verhältnisse in diesen Ländern zu verschleiern. Diese demokratischen Regierungen sind Marionetten des nordamerikanischen Imperialismus und des IWF. Der US-Imperialismus benutzt das Militär, um die Volksbewegung und den Protest niederzuhalten. Wenn die internationalen Proteste zu stark werden, ersetzen sie die Militärs durch eine Zivilregierung. Das war auch im Falle von Bolivien so.

Die ganze Welt denkt, daß wir in Bolivien in paradiesischen Zuständen leben, und keiner kümmert sich mehr um uns. Gerade jetzt gibt es in Bolivien Menschenrechtsverletzungen. Tausende und Abertausende von Arbeitern werden von ihren Arbeitsplätzen weggejagt, und die Arbeiter liegen buchstäblich auf der Straße.

Ich frage mich: Ist es nicht eine Verletzung der Menschenrechte, dem Arbeiter die Arbeit zu nehmen und ein ganzes Volk dem Hungertod preiszugeben? Wenn der Arbeiter in einem Land der 3. Welt seine Arbeit verliert, dann bekommt er keine Unterstützung, kein Geld, kein Essen, absolut nichts. In Bolivien gibt es 100.000 Familien, wo die Kinder hungern, wo die Familien keine Wohnung und keine Mahlzeit, [wo sie] nichts haben. Ich empfinde es als die grausamste Menschenrechtsverletzung, ein Kind dem Hungertod auszuliefern. Dies sollte in der ganzen Welt öffentlich denunziert und nicht so hingenommen werden.

In Peru und Kolumbien z.B. ist es noch schlimmer. Dort verhungern sie nicht nur, sondern es gibt dazu noch militärische Überfälle auf die Bevölkerung. Ob sie nun etwas mit den revolutionären Bewegungen zu tun haben oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Deshalb finde ich, daß die Völker Europas sich nicht durch den »demokratischen Schleier«, hinter dem sie uns versteckt haben, täuschen lassen sollten.

Gerade die Länder, die sich in der Phase der Rückkehr zur Demokratie befinden, bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit. Wir wissen, daß die jetzige Regierung Paz Estensoro uns dem Hungertod ausliefern will.

DA: Es gibt in Bolivien seit langem selbstverwaltete lokale Radios der Minenarbeiter. Kannst Du mir dazu etwas erzählen?

Domitila: Eine wichtige Kommunikationsmöglichkeit ist in den Minen und auf dem Lande das Radio, weil es nicht viele Zeitungen gibt und auch nicht viel gelesen wird. Da haben alle Arbeiter einen Tageslohn gegeben, um einen Radiosender zu kaufen, und weil das nicht genug war, haben auch alle Familien geholfen. Das Programm wird von den Arbeitern selbst gemacht und kontrolliert.

Es wird dreisprachig gesendet: Ketschua, Aymara (Indiosprachen; d. Red.) und Spanisch. Es gibt keine Zensur, es wird die ganze Wahrheit gesendet. Deshalb wurde bei Militärputschen immer zuerst versucht, die Radios zu besetzen. Viele Male sind die Radios zerstört und die Mitarbeiter ermordet worden, aber jedesmal, wenn es möglich war, versuchten die Arbeiter, ihre Radios wiederzubekommen.

Diese Radios wurden immer von den Arbeitern finanziert. Die Arbeiter sammelten unter sich Geld, um die Redakteure und Mitarbeiter zu bezahlen. Die kommerziellen Radios finanzieren sich durch Werbung, aber in unseren Radios gibt es keine Werbung. Es sind sehr arme Radios, die immer Ersatzteile brauchen, und beinahe wie durch ein Wunder funktionieren. Sie spielten immer eine wichtige Rolle zur Bewußtseinsbildung und Organisation des Volkes. Es gibt eigene Programme für Frauen, Jugendliche und Landarbeiter. Die Kultur unseres Volkes wird wiederbelebt und vermittelt. Festivals werden organisiert, auf denen nur traditionelle Musik gespielt wird. Da nun die Arbeiter entlassen sind, ist eine weitere Existenz der Radios bedroht. Von den insgesamt 20 Radios existieren nur noch 16. Ich bin von der Festratem (Radiobergarbeitergewerkschaft) persönlich beauftragt worden, hier in Europa auf die gefährdete Situation der Radios aufmerksam zu machen und um Unterstützung zu bitten. Wir brauchen Geld, um Ersatzteile zu kaufen und um den Familien, die bei den Radios arbeiten, den Lebensunterhalt zu sichern.

Interview: St. S.

»direkte aktion« Nr. 64/August 1987, S. 9 – 11

Anmerkungen

[1]Die nationale Revolution von1952 wurde von der MNR-ParteiMovimiento Nationalista Revolutionariasowie der FSTMBbolivianische Bergarbeitergewerkschaftgeführt. Die bewaffneten Arbeiter-und Bauernmilizen besetzten die Bergwerke und Industriebetriebe. Es kam zur Verstaatlichung der Bergwerksunternehmen und zur Enteignung der Zinnbarone Patino, Aramayo und Hochschildt. Weitere Erfolge waren die Einführung der Arbeiterkontrolle in den Bergwerken, Zerschlagung der Streitkräfte, Ankündigung der Agrarreform sowie Einführung des aktiven Wahlrechts für die Indios und Bauern auf dem Lande. Ebenfalls 1952 wurde die COB als Einheitsgewerkschaft gegründet.

[2]1946 wurden von der FSTMB die Thesen von Pulaceyo verabschiedet, in denen ihre Strategie zum Ausdruck kommt, den Sozialismus aufzubauen und die brutale kapitalistische Ausbeutung zu beseitigen. Diese Präambel ist später auf anderen Kongressen leicht geändert worden, stellt aber nach wie vor auch das Grundsatzprogramm der COB dar.

[3]Paz EstensoroFührer der rechtsnationalistischen MNR während der Revolution von 1952, heute Staatspräsident Boliviens.

[4]UDP: Union Democratica Popular, Demokratische Volkseinheitsfront, Wahlbündnis verschiedener linker Parteien mit dem Präsidentschaftskandidaten Siles Suazo von l980; die UDP wurde im Juni 1980 von der Bevölkerungsmehrheit gewählt und einen Monat später durch einen Militärputsch beseitigt. 1982-85 war die Siles Suazo-Regierung wieder an der Macht.

Note des Bearbeiters: Die längeren redaktionellen Erläuterungen im ursprünglichen Text erscheinen hier als Fußnoten. Zur besseren Lesbarkeit wurden in Domitilas Antworten Absätze eingefügt.

2 Kommentare leave one →
  1. Abschied von Domitila Chúngara permalink
    20. Mai 2012 12:00

    Schön, daß Ihr die zwei alten Beiträge aus der „Direkten Aktion“ hier zugänglich gemacht habt. Ihr schreibt über Domitila so richtig: „Beide Texte gewähren einen Einblick in das Leben und die Aktivitäten dieser bemerkenswerten Frau voller Mut, Kampfgeist und offensichtlichem organisatorischen Geschick, die sie in den Dienst für die soziale Gerechtigkeit stellte“. Ehre Ihrem Andenken! xxR

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