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Zur Geschichte des 1.Mai

28. April 2012

Die Geschichte des 1.Mais als ArbeiterInnenkampftag geht seit Beginn der ArbeiterInnenbewegung mit deren Entwicklung einher. Schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es zu Diskussionen darum, an einem Tag kollektiv die Arbeit niederzulegen.

1884 forderten die „Föderierten Gewerkschaften und Arbeitervereine der USA und Kanadas“, dass ab dem 1.Mai 1886 der legale Arbeitstag nicht mehr als 8 Stunden zu betragen hätte. Als dieser Tag dann kam, traten in den USA 340.000 ArbeiterInnen in den Streik, allein in Chicago waren es 40.000. Wenige Tage später fand hier das bekannt geworden Massaker vom Haymarket statt, bei dem durch einen von Provokateuren angezettelten Bombenanschlag ein Polizist ums Leben kam und in einer folgenden Schießerei 6 Polizisten und 7 oder 8 ArbeiterInnen getötet wurden. 30 – 40 Verletzte soll es gegeben haben.

In einem anschließenden Schauprozess wurden sieben Anarchisten zum Tode verurteilt, in der klassischen Manier, wie es z.B. auch bei den mittlerweile rehabilitierten Sacco und Vanzetti geschah oder aktuell in den Fällen Mumia Abu Jamals oder Leonard Peltiers. Am 14. Juli 1889 wurde auf Vorschlag der amerikanischen Delegation in Erinnerung an die Märtyrer von Chicago auf dem internationalen Arbeiterkongress in Paris der 1.Mai zum internationalen ArbeiterInnentag erklärt.

Das Ziel, der Achtstundentag, sollte – so die Sozialdemokraten – jedoch nicht durch einen Generalstreik, sondern durch Verhandlungen erreicht werden. Gerade die deutsche Sozialdemokratie lehnte einen Generalstreik vehement ab. Die Resolution der SPD zum 1.Mai wurde jedoch missverständlicherweise als Aufruf zum Streik aufgefasst. Dass die SPD-Funktionäre diesem entgegentraten, wurde ihnen von Basis und von den Gewerkschaften allenthalben übel genommen. Während nun am 1.Mai die lokalistischen Gewerkschaften (später: FVDG) und die sozialdemokratische Opposition der „Jungen“ für den Generalstreik am 1.Mai eintraten, sammelte die SPD relativ erfolglos Unterschriften.

Die Drückebergerei der Sozialdemokraten ging noch weiter: Als 1891 von der 2. Internationale beschlossen wurde, am 1.Mai die Arbeit niederzulegen, verlegte die SPD den Aktionstag in Deutschland auf den 1. Sonntag im Monat. Mit immer wieder neuen Ausreden versuchte die SPD im Folgenden, Arbeitsniederlegungen am 1.Mai zu verhindern: Die ökonomische Lage spräche dagegen, oder die „gegenwärtige Arbeitslage“ usw. Dennoch fanden jedes Jahr Streiks statt. Die Streikenden hätten allerdings der finanziellen und organisatorischen Unterstützung der Gewerkschaften bedurft, was dieser ein Dorn im Auge war. Daher lehnten auch diese 1914 offiziell den Generalstreik ab, abgesehen von den lokalistischen und syndikalistischen Organisationen. Als die Nationalsozialisten nach 1933 die ArbeiterInnenbewegung weitestgehend zerschlugen, machten sie aus dem vormaligen internationalen ArbeiterInnenkampftag den nationalen „Tag der Arbeit“. Als solcher steht er auch heute noch in jedem Kalender und Neofaschisten beziehen sich auf diese rein deutsche autoritäre „Tradition“.

SPD und reformistische Gewerkschaften haben nie ihren Teil dazu getan, aus dem 1.Mai, der ein Kampftag der arbeitenden Basis war, einen wirklichen ArbeiterInnenkampftag zu machen, und das sich der DGB heute diesen Tag auf die Fahnen schreibt, ist der blanke Hohn. Es ist allerdings auch konsequent, wenn wir uns die Schwäche des jetzigen 1.Mai anschauen: Ein offizieller Feiertag, der vom DGB für müde Kundgebungen genutzt wird und an dem Familien spazieren gehen und Jugendliche sich besaufen.

Konsequent war es, dass historisch an einem nicht offiziellen Feiertag die Arbeit niedergelegt wurde, oder in Zeiten ohne oder mit wenig Urlaub eine arbeitsfreie Woche oder gar ein Monat gefordert wurde. Dies ist ein Punkt, an dem wir einhaken können. Ebenso müssen wir als gewerkschaftlich orientierte AnarchistInnen den 1.Mai wieder zu dem machen, was er einmal war: Dem internationalen Kampftag der ArbeiterInnenbewegung.

Um dem 1. Mai seine Aussagekraft zurückzugeben, ist es auch nötig, sich nicht auf den Kampf der ArbeiterInnen und damit auf den ökonomischen Kampf zu beschränken: […] Es muss ein Tag der internationalen Solidarität sein, ein Tag nicht nur gegen den Kapitalismus, sondern auch gegen den alltäglichen Rassismus, den wieder aufkeimenden Militarismus, gegen das Patriarchat und für die internationale Solidarität.

Literaturhinweise:
Halfbrodt, Michael: Generalstreik, Achtstundentag und Erster Mai. Ein Kapitel aus der radikalen Arbeiterbewegung. Ed. Blackbox, Bielefeld 1997.
Hausmann, Friederike: Die deutschen Anarchisten von Chicago. Oder warum Amerika den 1. Mai nicht kennt. Wagenbach, Berlin 1998.
Marßolek, Inge (Hg.): 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1.Mai. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a.M. und Wien 1990.

Text erschienen in Interhelpo #7

Quelle: Anarchismus.at

Das schöne Transparent zeigt die angeklagten und ermordeten Genossen, auf die der 1. Mai zurück geht. (Gefunden bei Entdinglichung)

6 Kommentare leave one →
  1. Schlombo permalink
    28. April 2012 18:19

    Toll wie die Tradition des ersten Mais für neue Impulse sorgt 😉

  2. Lafargue permalink
    28. April 2012 23:54

    Paul Lafargue – The Right To Be Lazy

  3. 29. April 2012 15:41

    Gott ist geköpft, der König ist geköpft, köpft das Kapital!

    Warum lässt die gesamte Menschheit zu, dass Menschen tagtäglich verhungern, sie sich mit ihrer Industrie, ihren regelrecht wahnhaften Glauben an Markt, Leistung, Kapital und Staat ihrer eigenen Lebensgrundlagen beraubt? Jeder weiß: Wachstum ist auf einem begrenzten Planeten unmöglich und doch schreit ein Jeder vom Kind bis zum Greis, vom Pöbel bis zum Präsidenten nach Wachstum! Wachstum bringt Arbeitsplätze! Bringt Reichtümer! Aber doch sind permanent Millionen von diesen Reichtümern ausgeschlossen, egal wie hoch die Wachstumszahlen auch sein mögen. Es ist nämlich das Millionenheer von Menschen die diese Reichtümer mit ihren Knochen und ihrem Hirn erarbeiten müssen, weil sie andernfalls ihr Leben nicht bestreiten können. Viel zu viele von ihnen identifizieren sich positiv mit ihrem Arbeitsplatz der sie knechtet und foltert! Der internationale wie nationale Konkurrenzkampf ist ein Hindernis für die Emanzipation der gesamten Menschheit. Hat uns dieser Kampf mit hohen Opfern zwar die unglaublichen Produktivitätssteigerungen gebracht, so scheinen heute kaum noch größere Steigerungen möglich. Tausende Firmen liefern dieselbe Dienstleistung, dieselben Produkte nur mit minimalen Unterschieden und konkurrieren auf Kosten ihrer Mitarbeiter bis zum totalen Untergang! Dieser ist garantiert, die Flut an Waren vermüllt den Planeten zusehens! Kein Produkt ist günstig genug, kein Lohn zu niedrig, kein Profit zu hoch, die Grenzenlosigkeit dieser Idiotie konnte bisher noch nicht dazu führen, dass die Menschen ebenso grenzenlos wütend wurden und sich in Massen- und Generalstreiks solidarisierten! Und das obwohl psychische, physische Erkrankungen genauso exponentiell zunehmen wie die Zerstörung der Umwelt und der Artenvielfalt! Es ist so als ob die Menschen die neue Gesellschaft, die ihnen manches Mal auf der Zunge liegt (Occupy/Gorleben/S21) lieber erschrocken ausspucken, um den alten Gewohnheiten mit bekannten Schmerzen zu frönen! Sie halten fest an einer Ordnung die in Wahrheit Chaos für das Leben auf dieser Welt bedeutet. Die Krisen wechseln sich in immer kürzeren Abständen und in immer größerer Intensität ab, sodass kaum einer mehr ohne Schwindelgefühl zu erkennen vermag worin ihre Ursachen zu liegen scheinen. Woher soll der Mensch auch noch die Zeit nehmen sich auf den steinigen Weg der Erkenntnis zu begeben, wo er doch Tag ein Tag aus, jahrelang von der Lohnarbeit geknechtet wird und wurde? Jeder von uns sinkt nach diesen alltäglichen ekelhaften Stunden am Arbeitsplatz völlig erschöpft in den Sessel, da öffnet man die Flasche Freizeit doch nur um sie in höchster Süße zu verköstigen, als sie mit erneuter Arbeit, nämlich dem Kampf und Widerstand gegen diese Zustände zu verbittern!

    Aber genau hierfür plädiere ich. Es geht um nichts weniger als die Emanzipation der Menschheit von einem ökonomischen, politischen Prinzip, das in der heutigen Zeit derart wertvolle Opfer verlangt, dass wir uns selbst verlieren würden, wenn wir dem weiter mit dieser eisernen Disziplin und Selbstausbeutung nachkommen. Wenn wir die Arbeitszeit für Millionen von Menschen nicht auf 3 oder noch mehr verkürzen, die sogenannten Arbeitslosen zu einem wertvollen Teil der Gesellschaft machen, alle verfügbaren gesellschaftlichen Mittel einsetzen um nicht nur die Armen und Hungernden zu nähren, sondern auch eine Perspektive für Jedermann zu bieten, wird man nur noch als Zyniker, verbissener Menschenfeind überleben können indem man auf möglichst tägliche Amokläufe und einen baldigen alles zerstörenden Atomkrieg hofft. Die Menschheit ist in der Lage sich von irrsinnigen Thesen, Theorien und Vorstellungen zu emanzipieren. Sie hat Götter geköpft. Sie hat Könige geköpft. Sie hat Folter, Ungerechtigkeiten und Privilegien für Minderheiten geköpft. Doch konnte keine Revolution derart weitreichend sein, als dass ihre Ausführung das Ende der Geschichte, die Befriedigung aller Wünsche und Bedürfnisse von allen Menschen bedeutet hat. Solange dies nicht der Fall ist, dürfen wir nicht erschöpft in den Sessel sinken! Die Antwort auf eine Revolution wie in Nordafrika kann nur eine Revolution sein die sie ergänzt und erweitert, denn Leben heißt die permanente Revolution anzutreiben um künftigen Generationen Qualen zu ersparen! Was wir brauchen ist eine neue Epoche der Aufklärung in der neue radikale Formen der Demokratie realisiert werden müssen. Die heutige Staatengemeinschaft dient dem Kapital, den reichsten Familien dieser Welt, dient Interessen die die Emanzipation der lohnabhängigen Massen blockieren und verhindern will und muss qua ihrer innewohnenden Funktionen! Kein Arbeitgeber mag Gewerkschaften! Kein Staat mag Demonstranten gegen Atomendlager oder Bahnhöfe! Und doch sind diese Demonstrationen, diese Organisationen extrem wichtige Keimformen der jederzeit möglichen Emanzipation der Menschheit von diesen ihnen feindlich gesinnten Strukturen und Konstrukten! Der Rechtsstaat mag ein Fortschritt zum Absolutismus gewesen sein, aber er verteidigt weder die Natur noch die Lohnabhängigen Menschen insoweit, als dass sie geschützt wären vor dem Verwertungszwang des Kapitals, als dass die Menschen die Möglichkeit hätten sich aus ihrer Perspektivlosigkeit und Entfremdung selbst zu befreien, die sich eben aus der Situation der Lohnarbeit und des Gesetzgebers ergeben hat! Jeder Staat kämpft gegen andere Staaten wie ein Individuum auf dem Markt gegen andere Individuum konkurriert! Das ist nichts weiter als Krieg. Völker kämpfen gegeneinander um irgendwelcher Reichtümer und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, obwohl sie es viel leichter hätten, würden sie ihre Ansprüche schlicht respektieren und die vorhandenen Quellen fair untereinander aufteilen. Der Mensch von heute sollte diese Selbstgeiselung beenden und sich nicht mehr vom Staat, den Parteien vertreten, durch den Arbeitsplatz ausreichend und fair am Reichtum der Welt beteiligt sehen. Er muss seine Bedürfnisse selbst erkennen, vertreten, diskutieren, hinterfragen und durchsetzen mit direkter Demokratie, mit einer Ökonomie die neben dieser direkter Demokratie auf Solidarität und Bedürfnisproduktion beruht! Die technischen Möglichkeiten (Liquid Democracy) sind längst gegeben!

    http://jazariel.wordpress.com/2011/12/19/gott-ist-gekopft-der-konig-ist-gekopft-kopft-das-kapital/

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  1. Heraus zum 1. Mai 2012! « Entdinglichung

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