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Zur Diskussion: Zum Personal der kapitalistischen Ausbeutung

14. April 2012

Nach der Veröffentlichung des Betriebsinfos April 2012 äußerte der/die GenossIn Tuli eine Reihe an Kritikpunkten von in der Ausgabe enthaltenen Aussagen und darin vorgestellten Personen aus der anarchistischen Bewegung. Diese Kritik veröffentlichten wir auf unserem Blog, zusammen mit unserer Sicht der Dinge. Auf diese folgte wiederum eine weitere Kritik von Tuli, die sich auf Tulis-Blog befindet. Zudem bot er/sie uns an, einen Beitrag zum Oberbegriff der „verkürzten Kapitalismuskritik“ für unseren Blog zu verfassen. Dieses Angebot nahmen wir an und geben diesen Artikel im folgenden wieder. Wir sind uns dabei sicher, das er zu Diskussionen anregt und bieten hier gerne den Platz für inhaltliche Erwiderungen, da die Ansichten dazu doch auseinander gehen und prinzipieller Natur sind.

Hier nun der Artikel von Tuli.

Zum Personal der kapitalistischen Ausbeutung

In den letzten Jahren haben gewisse Teile der radikalen Linken in Deutschland versucht die Personalisierung kapitalistischer Ausbeutung in eben dieser radikalen Linken zurückzudrängen. Stichworte ist hierbei die „verkürzte Kapitalismuskritik“.

In diesem Kontext möchte der Texte eine kurze Darstellung des Verhältnisses von personalen Spielräumen und kapitalistischer Ausbeutung bieten. Dabei kann nur ein kleiner Ausschnitt der real äußerst komplexen Verhältnisse erfasst werden. Es sollte als nur Grundstock an Begrifflichkeiten und Zusammenhängen gelegt werden.

Um diesen Grundstock zu bilden, werden im Folgenden zwei Modelle gegenübergestellt und verdeutlicht wo die Unterschiede zwischen dem Verständnis einer „personalisierten Ausbeutung“ und einem wechselseitigen Modell liegt. Mit dieser Gegenüberstellung soll ein Stück klarer gemacht werden, was es denn eigentlich bedeutet, wenn eine Darstellung als „verkürzt“ bezeichnet wird. In der letzten Zeit wurde dieses Konzept teilweise so beliebig gebraucht, dass es seine Diskussionswert zu verlieren droht. Schließlich muss bedacht werden, dass ein jedes Modell der realen Verhältnisse eine Vereinfachung dieser darstellt.

Das personalisierte Modell kapitalistischer Ausbeutung

Jene Diskussionsbeiträge, die allgemeinen als „Personalisierung kapitalistischer Ausbeutung“ oder auch als „verkürzte Kapitalismuskritik“ bezeichnet werden können, zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Missstände unter den kapitalistischen Produktionsverhältnissen darauf zurückführen, wie sich bestimmte Personen verhalten. Hier liegt ein monokausales Konzept zu Grunde. Es wird genau eine Ursache für die gesamte Problematik identifiziert, nämlich ein gewisses Personal an Ausbeuter_innen. Grafisch lässt sich diese „Personalisierung“ folgendermaßen darstellen:

Das Personal erzeugt also in dieser Vorstellung die kapitalistischen Verhältnisse und aus diesen resultiert die Ausbeutung. Als Personal wird hier jener Bestand an Personen bezeichnet, der eine gewisse Kontrolle über die Produktionsordnung inne hat. Wichtig ist: Dieses Modell funktioniert strikt monokausal von oben nach unten.

Warum ist eine solche Kapitalismuskritik problematisch?

Eine derartige Personalisierung der kapitalistischen Ausbeutung kann aus zweierlei Gründen als problematisch betrachtet werden:

1.) Ist ihr eine gewisse mit antisemitisch-faschistischen Vorstellungen nicht abzusprechen. Die Faschist_innen rühmten sich gar dieser Verkürzung. In Goebbels eigenen Worten: „Der Nationalsozialismus hat nun das Denken des deutschen Volkes vereinfacht und auf seine primitiven Urformeln zurückgeführt. Er hat die an sich komplizierten Vorgänge des politisch-wirtschaftlichen Lebens wieder auf ihre einfachste Formel gebracht.“ (zitiert nach Horn 1974: 72) Allein um derartig autoritär-reaktionären Krisenreaktionen keine Chance zu bieten ist es ratsam ein derartig einfaches Modell zu vermeiden.

2.) Lenken solche Vereinfachungen allzu leicht von realen Problemen und Zusammenhängen ab. Wichtige Komponenten und Mechanismen werden einfach ausgeblendet. Die Personalisierung der kapitalistischen Ausbeutung, bietet nicht nur reaktionäre Anknüpfungspunkte, sondern ist an sich auch zu unterkomplex um als Orientierungshilfe zu dienen. Es braucht ein komplexeres Modell.

Ein wechselseitiges Modell kapitalistischer Ausbeutung

Wichtige Punkte für ein solches verbessertes Modell sind, dass die kapitalistischen Verhältnisse auch das Personal beeinflussen, sowie dass die kapitalistischen Verhältnisse auch von der Ausbeutung abhängig sind. Der Einfluss ist wechselseitig.

Das Gegenmodell muss also mindestens so aussehen:

Hier haben wir es nicht mehr mit einem monokausalen Modell zu tun, stattdessen haben jetzt alle drei Variablen Einfluss auf den gesamten Zusammenhang. Aber zumindest ein Zusammenhang sollte noch bedacht werden: Das Personal ist teilweise selbst der Ausbeutung unterworfen, bzw. die Arbeiter_innen stellen selbst teilweise das ausbeutende Personal. Dies geschieht durch eine Internalisierung der Herrschaftsverhältnisse. Ohne einen minimalen Grad einer solchen Internalisierung wäre kapitalistische Produktion gänzlich unmöglich. Würde nur Dienst nach Vorschrift betrieben, ständen alle Räder still. Dem zufolge sollte das Modell so aussehen:

Allerdings ist auch dieses Modell eine stark vereinfachte Abbildung der sozialen Realität. So wird in diesem Bild zum Beispiel der Einfluss von anderen Herrschaftsformen wie Sexismus, Rassismus etc. auf das Personal (und somit auf den gesamten Zusammenhang) nicht mitgedacht. Auch das Widerstandspotential jener, die der kapitalistischen Ausbeutung unterworfen sind, und der Einflusses des Staates auf die Erhaltung des Zusammenhangs fehlen vollkommen. Das bedeutet, dass dieses Modell immer noch nicht für eine Gesamtkritik der Gesellschaft geeignet sein kann! Nur gewisse ökonomische Unterdrückungsmechanismen können in einem solchen Modell ohne allzu krasse Verkürzungen beschrieben werden.

Schuld und Freiheit

Wenn wir nun von einer solchen Vorstellung des kapitalistischen Zusammenhangs ausgehen, ist es absurd die Schuld rein auf die Schultern (gewisser Teile) des Personals zu legen. Denn auch dieses ist schließlich ein Produkt der sozialen Ordnung. Dies sah bereits Bakunin: „Since the social organization is always and everywhere the only cause of crimes committed by men, the punishing by society of criminals who can never be guilty is an act of hypocrisy or a patent absurdity. The theory of guilt and punishment is the offspring of theology, that is, the union of absurdity and religious hypocrisy… All the revolutionaries, the oppressed, the sufferers, victims of the existing social organization, whose hearts are naturally filled with hatred and a desire for vengeance, should bear in mind that the kings, the oppressors, exploiters of all kinds, are as guilty as the criminals who have emerged from the masses; like them they are evildoers who are not guilty, since they, too, are involuntary products of the present social order. It will not be surprising if the rebellious people kill a great many of them at first. This will be a misfortune, as unavoidable as the ravages caused by a sudden tempest, and as quickly over; but this natural act will be neither moral nor even useful.“ Bakunin 2005: 84f.

Auch Bakunins Darstellung ist eine Vereinfachung der Realität, so lässt er etwa der_m Einzelnen keinen Spielraum gegenüber der Determination, der Fremdbestimmung durch die Gesellschaft. In dem hier dargelegten wechselseitigen Modell bleiben dem Personal des Kapitalismus durchaus Spielräume in der Bestimmung der kapitalistischen Verhältnisse und diese werden auch genutzt. Das weitere Personal des Kapitalismus haben konkreten Interesse, die sie zu erreichen versuchen und innerhalb ihrer Spielräumen gelingt ihnen dies auch. Aber welche Interessen sie überhaupt haben und wie diese erfüllbar sind hängt von den kapitalistischen Verhältnisse und weiteren Variablen, die in unserem Modell fehlen, ab.

Das bedeutet: Dem Personal kann durchaus Verantwortung aufgelastet werden, jedoch hat dies seine Grenzen, denn das Personal ist eben selbst ein Ergebnis der sozialen Ordnung! Hier gilt es, meines Erachtens, sich den radikalen Freiheitsbegriff des Anarchismus in Erinnerung zu rufen: Radikale Freiheit existiert als der Freiheit aller, einer freien Sozialität. „Die Radikalität liegt in der Konzeption der Freiheit bei Bakunin, sie ist nur möglich in der Einheit von individueller, politischer und sozialer Freiheit. Die Freiheit des Individuums und die Freiheit als Organisationsprinzip der Gesellschaft sind bei Bakunin kein Widerspruch, da sich die Freiheit nur innerhalb der Gesellschaft realisieren lässt.“ Mümken 2003: 265

Das bedeutet nicht zuletzt, was wir bereits bei Bakunin lesen konnten: Da das Personal des Kapitalismus selbst nicht frei ist, schließlich lebt es in keiner freien Gesellschaft, kann ihm auch nicht die alleinige Verantwortung an den Verhältnissen zugeteilt werden. Die Verhältnisse verantworten sich auch selbst.

Eine emanzipatorische Kapitalismuskritik hat daraus ihre Konsequenzen zu ziehen und den gesamten kapitalistischen Zusammenhang ihrer Kritik zu unterwerfen.

Auf dass die Debatten lebendig werden, Praxis stiften und die Verhältnisse ändern.

Quellen:
Bakunin, Michail (2005): Programm of the International Brotherhood. In: Graham, Robert (Hg.): Anarchism: A Documentary History of Libertarian Ideas, Volume One: From Anarchy to Anarchism (300CE-1939). Montreal/New York/London: Black Rose Books: 84-86.

Horn, Klaus (1974): Gesellschaftliche Produktion von Gewalt. Vorschläge zu ihrer politpsychologischen Untersuchung. In: Rammstedt, Otthein (Hg.): Gewaltverhältnisse und die Ohnmacht der Kritik. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag: 59-106.

Mümken, Jürgen (2003): Freiheit, Individualität und Subjektivität. Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive. Frankfurt am Main: Verlag Edition AV.

36 Kommentare leave one →
  1. Wobblie permalink
    14. April 2012 18:58

    „Die arbeitende Klasse und die ausbeutende Klasse haben keine gemeinsamen Interessen. Es kann keinen Frieden geben, solange Hunger und Not unter Millionen von Arbeitenden zu finden sind und die wenigen, aus denen die ausbeutende Klasse besteht, alle guten Dinge des Lebens besitzen. Zwischen diesen Klassen muß der Kampf weitergehen, bis die Arbeiter der Welt sich als eine Klasse organisieren, die Produktionsmittel in Besitz nehmen, das Lohnsystem abschaffen und in Einklang mit der Erde leben.“ aus der Präambel der IWW

    • 14. April 2012 19:20

      In dieser Präambel steckt einiges drinnen und sie sollte, meines Erachtens, nicht zu oberflächlich verstanden werden.
      Meine Interpretation ist, dass die abstrakten Klassen keinen gemeinsamen (strukturalen) Interessen bzw. gegenläufig haben. Diese These lässt sich durchaus, auch sozialwissenschaftlich, halten (in der Industriesoziologie ist vom Transformationsproblem die Rede).
      In der konkreten Situationen ist es aber schwieriger, so könnte zum Beispiel zwei männlichen* Personen aus zwei unterschiedlichen Klassen das gemeinsame Interesse zur Erhaltung des sexistischen Normalzustands unterstellt werden.

      Allerdings halte ich eine Trennung in strikt zwei Klassen ohne Übergänge für kaum anwendbar im Alltag…

      • Erik Alfredsson permalink
        15. April 2012 00:29

        Ich glaube es war Savigny der sagte, daß „ein Blick in das Gesetz die Rechtskenntnis fördert“.

        Die hier von „Wobblie“ vertretene Interpretation der IWW-Preamble ist zwar sehr sympathisch, aber offenbar falsch:
        „Take possession of the earth“ meint leider nichts von der esoterischen „Mutter Erde“. — wo bitte hast Du den „Einklang“ her… ?

        „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager.“ (Marx/Engels: Manifest)
        Diese Trennung hält „tuli“ für „kaum anwendbar“.

        Der Alltag sieht anders aus.

      • günther permalink
        15. April 2012 11:26

        @ tuli. ist antisemitismus eine, oder die therorie der arbeiterklasse? wenn ich arbeite und ausgebeutet werde und mich mit kollegen unterhalte, wie wir diesen zustand ändern könnten, ist ein gespräch schon antisemitisch? wo fängt der antisemitismus bei lohn- und arbeitskämpfen für dich an?
        und bei wem muss ich um erlaubnis fragen , wenn ich meine ökonomische
        und politische situation (anarchie ) ändern möchte? gib doch mal adressen. gewerkschaften, oder ähnliches sind dann ja auch wohl überflüssig. ach ja ein gewisser jürgen mümmken sollte doch mal die geschichte der westdeutschen arbeiterbewegungen lesen, literatur dazu gibts reichlich und klassenkämpfe auch. bis demnächst auf zwei
        verschiedenen seiten.

  2. 15. April 2012 12:42

    @Erik Alfredsson
    “Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager.” (Marx/Engels: Manifest)
    Das ist ein sehr alter Satz, auch in der Werkgeschichte von Marx. In seiner Analyse des Kapitalismus vertrat Marx durchaus die Existenz von „Mittelklassen“ (so seine Bezeichung im Kapital), er ging allerdings davon aus, dass diese Mittelklassen über die Zeit verschwinden würden.
    Eine Vorhersage die so nicht eingetreten ist, was Marx als Mittelklasse bezeichnet hat existiert heute noch.

    Marx hat auch keine ausgefeilte Theorie der Klassen zu bieten, das Kapital bricht genau da ab wo er beginnt eine solche zu entwickeln. Marx als Todschlag-Argument in Bezug auf Klassen zu präsentieren ist also unsinnig, weil Marx selbst hier undeutlich und widersprüchlich ist.

    Nun mag es sein, dass dir in deinem Alltag genau zwei Klassen erscheinen, mir jedenfalls erscheinen sie so nicht in meinem Alltag. Damit sage ich nicht, dass keine Klasse der Ausbeuter_innen und keine der Ausgebeuteten existiert, sondern dass es Übergänge gibt, die Trennlinie nicht immer scharf ist.

    @günther
    Ich war absichtlich äußerst zurückhaltend mit dem Begriff des Antisemitismus und bin kein Freund eines inflationären Gebrauches. Das einzige was ich sage ist, dass gewisse Vorstellungen einen Nähe zu antisemitischen Vorstellungen haben, und weiters sage ich, dass wir diese Vorstellungen gar nicht brauchen, denn es gibt besser an die Realität angepasste Modelle.

    Das Problem ist eben, dass es nicht den einen Punkt gibt, ab dem gesagt werden kann: „hier, hier fängt der Antisemitismus an“ sondern der Antisemitismus baut auf Strukturen auf, die für sich *nicht* antisemitisch sind, aber in einem gewissen Kontext sein *können*.

    Und wenn es nach mir geht musst du niemensch nach Erlaubnis fragen. Ich verteile hier auch keine Absolutionen und Lizenzen für die Revolution, sondern versuche lediglich zwei Vorstellungen vom Kapitalismus darzustellen und zu erklären, warum ich eine für besser als die andere halte und was die Konsequenzen daraus sind.
    Wenn du meine Argumente nicht annimmst, aus welchen Gründen auch immer, ist dies deine Sache.

  3. municwob permalink
    15. April 2012 12:43

    Erik, das hat schon seine Richtigkeit. Ich finde es auch sympathisch, aber es hat sicher nichts mit Esoterik zu tun, sondern mit der derzeitigen Zerstörung des einzigen Ortes, an dem wir leben können. Die Ausbeutung der Arbeit und der Natur ist ein identischer Prozess, der Kampf gegen beides muss verbunden werden. Mit der Neuformulierung wurde erfreulicherweise das vor hundert Jahren weitverbreitete (industrie-esoterische)
    „Inbesitznehmen der Erde“ ersetzt.

    Die Präambel der IWW wurde nur zweimal geändert und seit 1991 lautet der zweite Absatz:
    „Between these two classes a struggle must go on until the workers of the world organise as a class, take possession of the means of production, abolish the wage system, and live in harmony with the earth.“

    An dieser Änderung hatte nicht zuletzt Judi Bari Anteil. Ihr Name steht für die gemeinsamen Aktionen von „Earth first“ und IWW gegen die Abholzung der Redwood Forests an der Westküste der USA. Gegen sie wurde ein Bombenattentat verübt und infamerweise ihr selbst in die Schuhe geschoben. In dem Zusammenhang ist folgender Artikel interessant:
    http://www.iww.org/en/content/federal-court-orders-fbi-turn-over-evidence-independent-forensic-analysis-1990-judi-bari-car
    Es wäre sehr zu wünschen, dass der neue Dokumentarfilm über das Attentat gegen Judi Bari in den deutschsprachigen Raum Eingang findet:
    http://whobombedjudibari.com/

    • Erik Alfredsson permalink
      19. April 2012 19:32

      Potzblitz!

      Auf den ersten Blick sieht es beinahe so aus, als ob ich geirrt hätte.

      Insofern ist der Einwand von „municwob“ richtig.

      But we have to face the facts.

      Seitdem die ehemaligen Arbeiter-Organisationen IWW, CNT. oder FAU(D) von Spinnern aus der Mittelschicht übernommen wurden, geht es einfach nur bergab.

      @“tuli“
      Meistenteils hast Du recht.
      Leider. [;-)]

  4. Granado permalink
    15. April 2012 12:44

    Mit der Parole „Verkürzte Kapitalismuskritik (durch Personalisierung)“ verdammen die Antideutschler gewöhnlich jeden konkreten Arbeitskampf, machen die Menschen aller Klassen gleich verantwortlich für den Kapitalismus und schließlich, schon weil mehr Menschen, erst recht die Proletarier. Konsequenz: Kapitalismus verschwindet, wenn niemand mehr an ihn glaubt.

    • misery permalink
      16. April 2012 00:02

      tjö, soweit der konkrete arbeitskampf sich plötzlich nicht gegen strukuren wenden, sondern gegen einzelne personen, ist es nicht falsch, diesen kampf zu kritisieren. auch gustav landauer machte proletarier für kapitalismus verantwortlich und verabscheute sie gleichermaßen wie „kapitalisten“. ein vorleufer der antideutschler?

    • 16. April 2012 10:00

      danke. m.

  5. misery permalink
    15. April 2012 23:41

    @günther: es wird auch DIE theorie der arbeiterklasse bleiben, wenn diese sich nicht abgewöhnt, immer die arbeiterklasse sein zu wollen und darauf noch stolz zu sein.
    dir, als einem, der anscheinend viel literatur über die geschichte ausgerechnet der deutschen arbeiterbewegung studiert hat, dürfte nicht entgangen sein, wie – unter anderem – xenophob und reaktionär die besagte klasse manhmal war, oder? mümken hin oder her.

    • 16. April 2012 09:58

      das is nu wirklich DER Schwachsinn, zu dem dich Günther hoffentlich provozieren wollte! danke für die Offenheit! Antisemitismus als Theorie der Arbeiterklasse, so was können sich nur antideutsche spinner ausdenken, und hey, anti-deutsch bin ich übrigens auch – im punk- sinne dieses wortes, da ich nun mal antinational bin, folgt das daraus. (sagt captain obvious)..
      Im übrigen zu dieser diskussion sind es nicht zuletzt die „bürgerlichen“ selber, die in jedweder krise erschrocken feststellen, daß „die mittelklasse“ (es heisst mittelschichten, ihr deppen!) wegbricht, ergo wegbrechen.
      und wer in der libertären vorstellung revolutionärer umwälzung aufgepasst hat, wird feststellen, dass die arbeiter die produktion nicht als klasse, stellvertreten durch eine partei und damit die verfügungsgewalt wieder an eine elite, vorhaut, oder avantgardewasauchimmer abgetreten, sondern real als werkstatt, fabrik, betrieb übernehmen.
      da ist eurer altbacken formulieres klassendings obsolet gegenüber einer vorstellung, die die „am werk tätigen“ alle von unten einbezieht, da, wo menschen menschen einbeziehenm direkt vor ort.
      wobei das rauswerfen ganz konkreter kapitalisten im preis mit drin ist – „antisemitisch?“ ok, wenn ihr meint… dann heult doch.

      • günther permalink
        16. April 2012 21:54

        @mistersweat. genau lass uns die mittelschicht wegputzen. die waren bis jetzt doch MITführend an jeder sauerei beteiligt. sei es theoretisch, du liest ja, wer hier alles so schreibt. und praktisch: denk an die schreibtischtäter der nazis. also weg damit.endlich wieder durchatmen.

      • misery permalink
        19. April 2012 14:21

        „“antisemitisch?” ok, wenn ihr meint… dann heult doch.“
        – ich danke auch für diese offenheit!

      • 20. April 2012 08:50

        @ misery: meine offenheit besteht- für misinterpretinnen noch mal langsam- darin, dass ich es nicht der selbsterheiligten „definitionsmacht“ ideologischer streikverhinderer überlasse, was ich für in der tat antisemitisch halte, und was eben nicht. sonst müsste man z.B. „direkte aktion“ umschreiben in „strukturell veränderung andenkende-(äh,oder lieber doch nicht-) aktion“ a la „nazis wegbassen“ ö.ä.
        aber es ist immer wieder interessant, wie man mit aus dem zusammenhang reissen von zitaten ein gaanz fieses bild erzeugen kann, anstatt verstehen zu wollen, nich war? auch für fiese Oddenheit danke ich…

    • günther permalink
      16. April 2012 21:39

      @ misery rate mal, wo ich geboren bin, welche sprache ich spreche, wo ich meine ausbildung gemacht habe und in welchem land ich gelernt hab, mich zu wehren? ich finde dieses land und seine geschichte noch immer recht spannend. du wirst mir jetzt auch bestimmt sagen können, welche geschichte von welchem land und wo und wie ich für MEINE freiheit und die meiner freunde und freundinnen arbeiten könnte und wo man garantiert von gewissen arroganten arschlöchern verschont würde.

      • 17. April 2012 00:57

        chapeau!

      • misery permalink
        19. April 2012 14:23

        soll das ne frage, ne ansprache, ne klarstellung, ein argument dafür oder dagegen sein? und rate mal, wo ich geboren bin. LOL tut das irgendwas zur sache?

  6. 16. April 2012 09:23

    @Granado
    Es ist mir durchaus bewusst, dass dieses Konzept von gewissen Strömungen verwendet wird um eine Deutungshoheit über politische Kämpfe zu gewinnen. Dies ist nicht was ich hier möchte. Mir ging es eben darum diesem Konzept wieder schärfere Konturen zu geben, denn ich halte es für immer noch wertvoll.

    Vielleicht ist das Problem, dass wir immer irgendeiner Klasse die „Verantwortung“ für den Kapitalismus geben wollen. Mir persönlich ist nicht so wichtig, wer für die Scheiße verantwortlich ist, sondern wie wie sie wieder loswerden.

  7. Buchstabensuppensüchtiges VoKü-Bodenpersonal des veganen Welt-ZK permalink
    16. April 2012 12:54

    Innen an Aussen

  8. Spitzenpersonal permalink
    16. April 2012 14:30

    Fritz Brupbacher
    Marx und Bakunin: Ein Beitrag zur Geschichte der Internationalen Arbeiterassoziation
    Politische Aktions-Bibliothek – Herausgegeben von Franz Pfempfert – Verlag der Wochenschrift „Die Aktion“ – 1922 — 226 Seiten
    http://ia600206.us.archive.org/11/items/2917094.0001.001.umich.edu/2917094.0001.001.umich.edu.pdf (76 MB)

  9. Granado permalink
    16. April 2012 15:25

    Klasse, anders als Stand, ist erstmal die formale Gruppierung nach dem einen oder anderen Merkmal. Als gesellschaftliche Kategorie sehe ich dabei typische Erfahrungschancen, die bestimmte Bewußtseinslagen und Handlungsoptionen fördern; besondere Lebenskonstellationen gibt’s aber immer.
    Marx hat nicht die Subjekte festgeschrieben (darum bricht das Klassenkapitel ab), sondern analysierte das feindliche Zwangssystem auf 1000 Ansatzpunkte zum Eingreifen hin. In der grundsätzlichen Analyse des Kapitalismus sah er die Tendenz auf 2 Klassen, in aktuellen Analysen (z.B. 18. Brumaire) behandelte er ein Dutzend Klassen.
    Gegenüber Landauers Anarchismus der Absonderung (ähnlich Laotse) plädiere ich für Dschuang Dsi.
    Gegenüber dem Starren auf Strukturen gilt es, in 1000 Akten die Mechanik zu unterbrechen, neue Selbstverständlichkeiten zu erringen, kleine und große Erfolgserfahrungen des Widerstehen-Könnens, eigene Perspektiven aufzustellen (Selbstermächtigung) – eben der Guerrillakampf im Betrieb und in sonstigen Lebensbedingungen.

    • 17. April 2012 01:12

      gut!;-)

    • 17. April 2012 11:16

      Esoterik ist heilbar.

      • Granado permalink
        17. April 2012 12:16

        Jungchen, du bist ein typisches Opfer des Internets: kurzatmiges Fischen, bevor man lesen lernt (so wie Taschenrechner für Erstklässler). Übrigens sind die Übersetzungen Richard Wilhelms nicht zu empfehlen (und der Diederichs-Verlag auch nicht).

      • 18. April 2012 02:07

        Opilein, wann wurde Dir denn der Humor operativ entfernt?

      • Granado permalink
        18. April 2012 15:38

        @Bienenwilhelmine
        Wenn du groß bist, lernst du vielleicht auch noch, Biene Willys Link auf zeno.org zu beachten.

      • Brumm brumm permalink
        18. April 2012 18:25

        Du bist ein echter Brüller.
        HAHAHAHAHAHAHAHAHA

  10. Roland Ionas Bialke permalink
    18. April 2012 11:13

    Wenn Person A ein Haus kauft, mit Gewalt das Haus entmieten lässt und 20 Personen daraufhin ihre Bleibe verlieren. Wenn Person A dann das Haus verkauft und eine Miliionen Euro Gewinn dabei macht, dann kann Person A mit dem Geld auf Kosten der 20 Personen über 30 Jahre lang gut leben.

    Da lässt sich LOGISCHERWEISE Kapitalismus personalisieren. Und der Person muss das Geld – das Geld und nicht die körperliche Unversehrtheit – weggenommen werden. Und letztendlich unter allen 21 Personen nach ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen in hierarchiearmer gemeinschaftlicher Entscheidung aufgeteilt werden.

    So einfach ist das, so kurz und knapp ist das.

  11. Roland Ionas Bialke permalink
    18. April 2012 11:58

    Letztendlich habt Ihr aber etwas beschrieben, was Bloch schon vor einiger Zeit geschrieben hat: Nämlich von der Ungleichzeitigkeit. Verschiedene Personen in unterschiedlichen Prozessen und auf unterschiedlichen Stufen der Ausbeutung versuchen „ungleichzeitig“ der Ausbeutung zu widersprechen, was dazu führt, dass jeweils woanders „Schuldige“ gefunden werden und die eigene Rolle im Widerspruch nicht oder nur kaum analysiert und bekämpft wird.

    Brecht meinte einmal: „Erst das Fressen, dann die Moral.“ D.h. dass bestimmte (Nicht-)Verhaltensweisen durch die Nichtbefriedigung von Bedürfnissen verursacht werden. (Hierzu empfehle ich: „Abraham Maslow – A Theory of Human Motivation“.) Man muss aber dazu wissen, dass Goebbels und Brecht von der gleichen Person, der gleichen Quelle, beeinflusst wurden und deren Idee-Ausrichtungen massgeblich von Agentin 129 des NKWD stammen. Das liegt auch daran, dass die Beiden eben auch Bedürfnisse hatten, die sie befriedigt haben mussten, bevor es an irgendwelche Theorien ging. Wenn aber Goebbels und Brechts Bedürfnisse Frauengeschichten und Schaumwein bedeuteten, können sie dann wirklich über ihre Bedürfnisse diskutieren, mit Menschen, die (erstmal) nur ein warmes Bett und einen Kanten Brot zum Essen brauchen?

    Ihr habt in Eurer Vereinfachung die Erbschuld vergessen. Für die Personalisierung von Kapitalismus ist die Erbschuld nämlich von Bedeutung. Wenn Wir nämlich erkämpfen, dass in Deutschland und Swasiland gleiche Rechte herrschen, dann herrschen dort noch nicht die gleichen Voraussetzungen. Für eine Überwindung von Privilegien sind aber gleiche Voraussetzungen bedeuten. Die unterschiedlichen Voraussetzungen wurden aus dem alten bzw. zu bekämpfenden System „geerbt“

    Wenn Wir beispielsweise zwei 30-jährige Männer, einer aus Swasiland und einer aus Deutschland haben, dann dürfte der aus Deutschland gut trainiert und gut genährt sein. Er wäre gesundheitlich gut versorgt, gebildet, kann also schreiben, und seine drei Kinder sind wohl auf. Der Mann aus Swasiland hingegen wäre hingegen abgemagert, verhärtet. Er hätte massive gesundheitliche Probleme, relativ ungebildet, kann nicht lesen und schreiben. Ausserdem ist eines seier drei Kinder gestorben. Hier werden die unterschiedlichen Voraussetzungen deutlich. Gleiches Recht muss also unter Beachtung der Erbschuld „ungleiches Recht“ bedeuten. — Und das Wichtigste habe ich ja vergessen: Die durchschnittliche Lebenserwartung im Swasiland lag noch vor kurzem bei 28 Jahren. D.h. der Vergleich ist an sich unmöglich.

    Dass alles was gegen eine sofortige weltweite „Gleichberechtigung unter Berücksichtigung der Erbschuld“ ist, mit Mord gleichgesetzt werden kann, sollte erkennbar sein. Und auch hier kann personalisiert werden. Wer – nach Maslow – seine unteren Bedürfnisse befriedigt hat und noch darauf aufbauende Bedürfnisse befriedigt – obwohl seine Mitmenschen woanders ihre unteren Bedürfnisse nicht befriedigen können – der nutzt seine Privilegien aus, bereichert sich daran und ist an der Ausbeutung und Ermordung von Menschen schuld.

    Die Frage hierbei ist nur: Wer definiert was „untere Bedürfnisse“ sind? Was sind „untere Bedürfnisse“ bzw. Grundbedürfnisse?

  12. Roland Ionas Bialke permalink
    18. April 2012 12:07

    Verzeihung, die richtige Codiernummer der NKWD-Agentin lautete: A229

  13. 18. April 2012 17:40

    bruhaha- gerade gefunden! weg mit der mittelschicht.. :
    http://www.nachrichtenspiegel.de/2010/07/08/weg-mit-der-mittelschicht/
    u.a. schreibt da ein bürgerlicher (selbstgeoutet) : „Diese ganze “harter-einsamer-Kämpfer-Nummer”, die spätestens mit dem ersten Bandscheibenvorfall nur noch lächerlich wirkt, erlaubt einem kein Gemeinschaftsgefühl mehr … der Mensch an sich wird zum Ausgestoßenen – trotz seiner Träume und Phantasien von Reichtum und Wohlstand, seinem scheinbaren Fleiß und seiner ständig überdurchschnittlichen Ordentlichkeit, die manchmal so wirkt, als erwarte man stündlich den Besuch des Reichswohnraumministers zur Inspektion….“

  14. misery permalink
    19. April 2012 21:34

    auch ein schönes fundstück: friedrich nietzsche, zur genealogie der moral

    „Den Psychologen voran ins Ohr gesagt, gesetzt daß sie Lust haben sollten, das Ressentiment selbst einmal aus der Nähe zu studieren: diese Pflanze blüht jetzt am schönsten unter Anarchisten und Antisemiten, übrigens so wie sie immer geblüht hat, im Verborgnen, dem Veilchen gleich, wenn schon mit andrem Duft. Und wie aus Gleichem notwendig immer Gleiches hervorgehn muß, so wird es nicht überraschen, gerade wieder aus solchen Kreisen Versuche hervorgehen zu sehn, wie sie schon öfter dagewesen sind, die Rache unter dem Namen der Gerechtigkeit zu heiligen – wie als ob Gerechtigkeit im Grunde nur eine Fortentwicklung vom Gefühle des Verletzt-seins wäre – und mit der Rache die reaktiven Affekte überhaupt und allesamt nachträglich zu Ehren zu bringen.“

    LOL erneut

    • günther permalink
      20. April 2012 18:20

      @ misery . ich hab`mir mir bei nietzsche auch immer rausgesucht, was mir passte.ist ja auch einfach. georg kreisler hatte einschönes lied. der refrai endete „und was denkst du?“

      • günther permalink
        20. April 2012 18:23

        korrektur : refrain endete

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