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„Pflege deinen Klassenhaß“

17. Februar 2012

Der Stockholmer ZOB - um 12.00 gehts los ins Reichenviertel.

Unter diesem schönen Motto lud die schwedische Gruppe »Allt åt alla« (»Alles für alle«) für Sonnabend, den 28. 1. 2012, zu einer »Överklassafari« durch ein vielen unbekanntes Terrain am Rande der schwedischen Hauptstadt Stockholm – die Vororte der Reichen und sehr Reichen, »Solsidan« (»Sonnenseite«) und »Saltsjöbaden« (»Salzbad«).

I.

»Solsidan«, in dem die teuerste Villa Schwedens steht, ist zudem durch die gleichnamige populäre neue schwedische Fernsehserie über die Welt der ‚Reichen und Schönen‘ in letzter Zeit verstärkt ins Bewußtsein der schwedischen Öffentlichkeit gerückt. Jedenfalls waren die 65 Plätze des Safari-Busses schnell ausverkauft. Ähnliche Aktionen fanden übrigens zuvor in Malmö und Gothenburg statt und sind überaus populär, wie die englischsprachige schwedische Zeitung The Local am 16. 1. 2012 berichtete. Nicht bei allen, müssen wir ehrlicherweise sagen – so formierte sich in Malmö eine veritable Bürgerwehr, um die ‚Touristen‘ aus den ‚besseren Stadtteilen‘ fernzuhalten. Ganz so extrem ging es bei der Stockholmer Veranstaltung nicht zu. Aber auch hier gab es Kritik. Ein Anwohner erstattete im Vorfeld der ‚Safari‘ bei der Polizei Anzeige wegen »Verletzung der Privatsphäre«, allerdings erfolglos. Die Sprecherin der örtlichen Polizei erklärte gegenüber der Lokalzeitung Näcka-Värmdö Posten: »Jeder hat die Freiheit, sowas zu organiseren.«

Wohl vor allem jugendliche männliche Anwohner in Solsidan drückten ihren Unmut über die ‚Safari‘ mit Eierwürfen gegen den Bus aus. Näcka-Värmdö Posten gab einigen dieser jungen Menschen, die die kommende Elite Schwedens sein wollen, die Möglichkeit, sich auch anderweitig zu artikulieren: »Ich finde es traurig, daß Erwachsene ihre Zeit und ihr Geld benutzen, um hier raus zu kommen und zu gucken«, wird einer zitiert. Und ein anderer (mit wurfbereiten Eiern): »Ich verstehe nicht, was diese Kommunisten hier machen. Es ist doch nicht unsere Schuld, daß sie arm sind.« Ein zu einer Bewährungsstrafe verurteilter Unternehmer schließlich blockierte mit seinem Wagen eine Zeitlang den Safari-Bus. Shabane Barot, die Sprecherin von »Allt åt alla«, erklärte (nach The Local, 30. 1. 2012) gegenüber Dagens Nyheter: »Wir haben traurigerweise rassistische, sexistische und Haß-Kommentare von jungen Leuten erhalten, die in dem Gebiet leben. Es ist schrecklich, das zu lesen, was sie schreiben, aber es zeigt auch, daß es wichtig ist, diese Frage zu stellen, denn ihre Haltung kommt ja irgendwoher.«

II.

Man muß für diese Reaktionen aber auch ein gewisses Verständnis haben. Schon vor der ‚Överklassafari‘ waren die Residenten von Solsidan, wie Arbetaren (# 3, 19. 1. 2012) berichtete, durch einen – wie sich schließlich herausstellte – gefälschten Brief verunsichert worden. In diesem wurde mitgeteilt, daß die (reichen) Bewohner Solsidans aufgrund ihres Gesamteinkommens pro Haushalt, ihres Vermögens, ihrer Internetnutzung, dem (in Schweden für alle einsehbaren) Strafregister (belastningsregistret) »et cetera« durch die »Nationale Sicherheitsuntersuchung« (NTU 2010) des »Rates für Kriminalitätsverhütung« (Brottsförebyggande rådet – BRÅ) in die höchste Risikogruppe »Schwarz« eingestuft worden waren. Sie hätten eine hohe bis sehr hohe Tendenz zu Wirtschaftskriminalität, Verkehrs-, Drogen- und/oder Sexualstraftaten. Zur Vermeidung näherer Nachforschungen wurde empfohlen, telefonisch den Sachbearbeiter Lars Ahlmark zu kontaktieren – ein Angebot, das offenbar von einigen wahrgenommen wurde. Diese Anrufe sind mittlerweile im Internet zu bestaunen (wenn man schwedisch kann). Aber warum ist die bürgerliche Elite Schwedens (oder zumindest Stockholms) auf so einen schnöden Betrug reingefallen? Er paßt in das aktuelle Regierungs-Konzept der »Sicherheitsgesellschaft – die neue Politik der Verbrechensprävention der Allianz« (‚Allianz‘ ist der Name der derzeitig in Schweden regierenden bürgerlichen Koalition). Stolpert also die Elite eines Landes manchmal über die eigenen Füße? Offenbar. Es gibt noch Hoffnung. In einem Gespräch mit Arbetaren (# 3, 19. 1. 2012) erklärte Lars Ahlmark (oder eher ‚Lars Ahlmark‘), daß der Zweck dieser Aktion gewesen sei, die Klassenkonflikte zu beleuchten: »Wir ziehen der Oberschicht die Unterhose aus, um den Konflikt zwischen Arbeiterklasse und Oberschicht deutlich zu machen.« Menschen mit hohem Einkommen würden eher zu Verbrechen neigen als jene mit niedrigem. Dazu gibt es statistische Fakten. »Die Verbrechen, die wirklich Geld kosten, werden von den Reichen begangen. Wirtschaftsverbrechen nehmen zu, während z.B. Gewaltverbrechen abnehmen. Gleichzeitig steigt die Polizeipräsenz in Arbeiterstadtteilen.«

III.

Daniel Lindvall begab sich für Arbetaren, der Wochenzeitung der syndikalistischen schwedischen Gewerkschaft SAC, mit auf die Överklassafari. Hier die schönsten Impressionen aus seiner Reportage, die unter dem Titel »Schatten über Solsidan« in Arbetaren # 5 vom 1. Februar 2012 erschien: »Im kleinen Warteraum am Gate 15 herrscht eine erwartungsfrohe Ausflug-Stimmung. Die Mundwinkel weisen aufwärts und man isst die mitgebrachten Stullen. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 20 und 30, aber auch ältere Semester sind zu sehen, darunter die berühmte Gewerkschafterin Frances Tuuloskorpi. Man sieht direkt, wer Journalist ist, nicht nur wegen der Kamera-Ausrüstung. Sie bleiben unter sich und schwatzen an der Ausgangstür. „Journalisten auf Kommunisten-Safari“ denke ich ein wenig ungerecht. Die beiden großen Boulevard-Blätter des Landes sind vertreten, auch der öffentliche Rundfunk, und auch das Lokalblatt „Nacka-Värmdö-Posten“, das die Veranstaltung den Einwohnern von Solsidan bereits angekündigt hat. Unsere Reiseleiterin, Anna Svensson, 28 Jahre, Psychologiestudentin, begrüßt uns. Ihre elegante hellblaue Finnair-Stewardessen-Uniform hat sie mit Ohrringen und Halskette komplettiert (beides unecht, vermute ich). Sie bittet uns Journalisten, zuletzt einzusteigen, weil sie uns gerne in der Gruppe verteilen möchte. Wie schön, denke ich und warte geduldig. Das tun die anderen Journalisten nicht. Als ich einsteige, ist nur noch ein Platz frei: in einer 4er-Sitzgruppe, in der die anderen Journalisten zusammenhocken. […] Während die letzten Passagiere einsteigen, versucht ein Vertreter der Boulevardpresse Anna Svensson über die ideologische Herkunft von Allt åt alla  auszufragen. „Links“ und „sozialistisch“ stimmt sie zu. Aber sie lehnt es freundlich ab, die Gruppe näher zu definieren. […] Anna Svensson gibt das Tagesprogramm bekannt: Wir halten am Grand Hôtel, um einen Vortrag über das Abkommen von Saltsjöbaden zu hören, danach eine Führung durch das Villen-Viertel von Solsidan. Sie schließt mit einer Ermahnung: „Vor Ort gilt die Regel ‚gucken, aber nichts anfassen‘. Wir sind auf einer Safari, wie ihr wisst.“ […]  Bald sind wir am Grand Hôtel angekommen (…). In diesem Hotel, das bis 1999 dem Wallenberg-Clan [die reichste und einflussreichste Familie Schwedens, A.d.Ü.] gehörte, wurde die schwedische Klassenkollaboration begründet. Das Abkommen von Saltsjöbaden wurde 1938 unterzeichnet, in einer Suite, die zutreffenderweise „Gelber Salon“ genannt wurde. Die angedrohten Krawalle bleiben aus. (…) Lediglich einige pickelige Teenager mit Prinz-Daniel-Frisur und eifrig benutzten i-Phones. Jemand hat Eier als Wurfgeschosse dabei. Einer droht einem Journalisten mit dem Tode, falls sein Bild veröffentlicht wird. Das öffentliche Fernsehen und TV4 kommen zum Medienaufgebot hinzu.

[…] Wir halten an einer Kreuzung mit See-Blick. Hier im Admiralsvägen [Admirals-Weg] wohnen 13 Familien in einigen der teuersten Villen Schwedens. Eigentlich alle hier haben ihren Reichtum geerbt. Am weitesten verbreitet ist die Berufsgruppe „Risiko-Kapitalist“, und die meisten haben, mit wechselndem Erfolg, versucht, dem Finanzamt zu entkommen. Wirtschaftsstraftaten sind üblich, aber es gibt auch andere Formen der Kriminalität. „Verkehrsstraftaten sind ziemlich verbreitet, die Leute hier mögen es zu rasen, sowohl mit dem Auto als auch mit dem Motorboot, und das häufig betrunken“ berichtet Martin Fredriksson. Dann wird es Zeit, in den sicheren Bus zurückzukehren. Bei der Abfahrt vom Admiralsvägen klatscht ein letztes Ei auf die Fensterscheibe. Ein schwarzes Auto blockiert die Weiterfahrt. Meter für Meter fährt es im Zickzack vor uns her. Jemand läßt die Autonummer überprüfen [so etwas kann man als Privatperson in Schweden, A.d.Ü.]. Der Wagen ist auf einen bekannten Direktor zugelassen, der kürzlich zu einer Bewährungsstrafe und einer Geldbuße verurteilt wurde. Aber bald hat der Fahrer es satt und wir können heimwärts fahren. Danach gibt es Kaffee und ein Quiz. Als wir die idyllische Saltsjöbaden-Landschaft hinter uns gelassen haben, herrscht eine beinahe alberne Erleichterung im Bus. Für die meisten von uns war dies ein Besuch eines ziemlich unbekannten Ortes, bewohnt von der vielleicht raubgierigsten Spezies.«

IV.

In der gleichen Ausgabe kommentierte Daniel Wiklander, der verantwortliche Redakteur von Arbetaren, die Aktion:

Klassenunterschiede auf der Tagesordnung

Niemandem konnte entgehen, daß am 28. Januar eine Bus-Tour in den Stockholmer Vorort Solsidan arrangiert wurde. Die Aufmerksamkeit der Massenmedien war enorm und manche Zeitungen haben sogar spekuliert, daß eine professionelle PR-Agentur dahinter stecken müsse, weil die Botschaft so gut rüberkam.

Nun ist dies laut Veranstaltern nicht der Fall, aber wahrscheinlich wird die „Oberschicht-Safari“ von   „Allt åt alla“ von den PR-Agenturen des Landes gründlich studiert werden. In einem Interview in der PR- und Reklame-Fachzeitschrift Resumé sagt Gustav Ingman von „Alles für alle“, daß die durchschlagende mediale Wirkung daher rührt, daß man einen grundlegenden, aber verborgenen, Konflikt ans Tageslicht gebracht hat. Selbstverständlich ist der Klassenkonflikt nicht verborgen, wie er sich in Unsicherheit am Arbeitsmarkt, Segregation im Pflegebereich, der Schule und im Wohnungsmarkt zeigt. Hingegen legte „Alles für alle“ den Finger auf einen sehr wunden und verschwiegenen Punkt: Den Hass der Oberschicht auf die niederen Klassen. „Pflege Deinen Klassenhass“ lautete der Titel der Bus-Tour. Aber draußen in Saltsjöbaden und Solsidan wurde er schon immer gepflegt, nur nicht immer so deutlich. Doch es bedurfte nicht einmal der Drohung eines lautstarken Reclaim-Festes, wie in Malmö, wo man eine Bürgerwehr zusammentrommelte, um die Einwohner von Solsidan zum Aufschreien zu bringen. Eine ganz einfache Stadtrundfahrt reichte. Vielleicht ist der Mann, der mit seinem Auto die Straße blockierte, nicht repräsentativ für die Bewohner eines der reichsten Quartiere Schwedens. Vielleicht auch nicht der Unternehmer, der kürzlich bei Arbetaren anrief, um den verantwortlichen Herausgeber zu beschimpfen, weil die Bus-Reise im Veranstaltungskalender von Arbetaren abgedruckt war. Aber was er am Telefon sagte […], zeugt dennoch von einem latenten Hass auf die Arbeiterklasse, auf „Habenichtse“, der auftaucht, sobald die wohlhabenden Villen-Bewohner ein klein wenig geärgert werden.  Weiterhin wird deutlich, welchen Anspruch die Einwohner von Solsidan auf ihren Reichtum zu haben meinen. Sie haben sich ihr Vermögen erarbeitet, das können alle, so heißt es. Unausgesprochen sind Kritiker der Ungleichheit neidisch, faul und gescheitert.  […] Wir sollten niemals vergessen, daß diese Verachtung bei den Reichen lebt und gedeiht. Sie sehen auf uns herab, und die kleinste Infragestellung ihres Rechtes auf ihr bequemes Leben beantworten sie mit Bosheit und Entrüstung. Die Oberschicht-Safari nach Solsidan ist andererseits von der Gesellschaft beinahe zu Tode umarmt worden. […] Der Aktion glückte es, auf einfache Art und Weise, die Debatte um Klassenunterschiede auf die Tagesordnung zu bringen.  Dies ist an sich schon etwas wert. Daß die Bürger ihr Gesicht zeigten, ist ein weiterer Gewinn.

V.

Dagens Nyheter, eine der wichtigsten und größten schwedischen Tageszeitungen, die über die Överklassafari schon im Vorfeld recht umfangreich berichtet hat, bejammerte am 5. 2. 2012 in einem Kommentar von Peter Wolodarski »Ein gefährliches Experiment in praktischem Gruppenhaß«, während sich Robert Frank in seinem blog The Wealth Report beim Wall Street Journal wundert über »The Class War Tour … of Sweden?« (31. 1. 2012) – nämlich, daß dies möglich sei in einem Land, das berühmt wäre für seinen Mangel an Klassenkonflikten. »Die Idee paßt viel besser in die Vereinigten Staaten.« Immerhin. Was Schweden betrifft, so hat er nicht recht – trotzdem, immerhin.  Patric Rylander, die rechte Hand von Acko Ankarberg, der Parteisekretärin der schwedischen Christdemokraten (einer kleinen, aber wohletablierten Partei, gegen die die CSU ein Ausbund von Linksliberalismus ist), schlug auf seiner facebook-Seite gegen die Zumutungen der ‚Alles für alle‘-Verrückten zurück und empfahl eine »Underklassafari« – was ihm allerdings mehr Prügel einbrachte (auch und vor allem in seiner eigenen Partei) als Westerwelle für seine ’spätrömische Dekadenz‘ bei deutschen Harz-IV-EmpfängerInnen.

VI.

Als Resümee läßt sich sagen: mit wenig Aufwand und viel Phantasie kann man erstaunliche Resultate erzielen. Die Idee einer »Safari durch die Territorien der Reichen und (angeblich) Schönen« lädt direkt zur Nachahmung ein. Solsidan ist überall.

Erik Alfredsson/Jonnie Schlichting
Übersetzungen aus den Schwedischen von E.A.
Dank an Entdinglichung für den Hinweis auf The Local

16 Kommentare leave one →
  1. Folkert permalink
    17. Februar 2012 19:35

    Hut ab – geiler Bericht.
    Man sollte sie nicht nur wie Außerirdische besuchen und ihre Dekadenz dokumentieren – wie wär’s mit: Eier für die Schönen und Farbeier für die sweet homes of the rich bastards!
    Dies ist natürlich keine Aufforderung zur Gewalt à la „Entglast die Reichen!“, sondern die Aufforderung, etwas mehr Farbe in die armseligen Reichenghettos zu bringen.

  2. Nachtrag permalink
    18. Februar 2012 02:05

    Nachtrag:
    Um die Dimension der „Oberschicht-Safari“ verständlich zu machen, hier ein hübsches Filmchen aus „Rapport“, wo ausser zwei Oberschicht-Teenagern auch andere Einwohner von Solsidan („Die Sonnenseite“) zu Worte kommen. U.a. ein „hart arbeitender“ Risiko-Kapitalist (früher nannte man solche Leute „Spekulanten“), der „nicht weiss, was eine 40-Stunden-Woche ist“…
    „Rapport“ ist die Haupt-Nachrichtensendung im schwedischen Fernsehen, vergleichbar mit der ARD-tagesschau.

    http://miteroi.se/svt-gar-pa-overklassafari

  3. Jensen permalink
    20. Februar 2012 22:15

    Hass pflegen,nein.liebe pflege,jaaa.

  4. Jensen permalink
    20. Februar 2012 22:18

    Ihr seit weisse,liebe deinen nächsten wie dich selber.

  5. KULTiviere Deinen Klassenhass permalink
    4. März 2012 01:40

    Eat the Rich (1987)

  6. Granado permalink
    28. März 2012 17:58

    Gated Community: Snobs im Zoo (Hagenbeck)
    http://www.zeit.de/2011/52/DOS-Maria-und-Josef/komplettansicht?print=true
    Soziale Kluft: Maria und Josef im Ghetto des Geldes
    Die wohlhabendsten Deutschen mit den teuersten Häusern leben im Taunus bei Frankfurt: Banker, Manager, Industrielle. Was passiert, wenn man sie um Hilfe bittet? Die Schauspielerin Viola Heeß und unser Redakteur Henning Sußebach haben sich – als obdachloses Paar verkleidet – kurz vor Weihnachten auf den Weg gemacht.
    Von: Henning Sußebach | 26.12.2011 – 12:16 Uhr

    http://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen_Richtfest_fuer_Wohnungsbau_in_Hamburg_25164.html
    29.09.2006
    Gated Community: Richtfest für Wohnungsbau in Hamburg
    Für den Quartierpark Hagenbeck in Hamburg-Stellingen wurde am 29. September 2006 Richtfest gefeiert. Angrenzend an das Elefantengehege des Tierparks Hagenbeck werden in neun Gebäuden 204 Miet- und Eigentumswohnungen gebaut. Fünfzig Millionen Euro werden dafür ausgegeben. Entworfen wurden die Häuser von Spengler & Wiescholek und KBNK Architekten.
    Vier Gebäude wurden an die hessische Ärzteversorgung verkauft. Im Sommer 2007 können die 2- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen bezogen werden.
    Das Gelände ist autofrei und eingezäunt. Die Fassaden der 3- bis 4-geschossigen Häuser und werden von Holz, Glas, Metall und Aluminium geprägt. Die Dächer werden begrünt.
    Zum Thema: http://www.quartierpark.de

  7. Der Klassenkampf der Reichen --- Owen Jones über die Dämonisierung der Arbeiterklasse permalink
    29. Dezember 2012 21:31

    Der Klassenkampf der Reichen

    Diskussion Owen Jones über die Dämonisierung der Arbeiterklasse

    Von Christian Stache

    Als im August 2011 mehrere Tage Jugendliche auf den Straßen Londons rebellierten, waren sich die Medien schnell einig: Junge herumstreunende Arbeitslose aus den Sozialwohnungen der heruntergekommenen Stadtteile, die von Sozialhilfe leben und am Fließband Kinder produzieren, stürmen für neue Sneakers und teure Klamotten die Stadt. Die »barbarische Unterklasse« war kurzzeitig nicht mehr unter Kontrolle. Politische oder ökonomische Ursachen konnten diese Ereignisse im »England der Mittelschicht« gar nicht haben.

    Der junge englische Historiker und Journalist Owen Jones, macht mit seinem ersten Buch, das im vergangenen Jahr beim renommierten Verso-Verlag publiziert worden ist, solche und ähnliche gesellschaftlich akzeptierte und politisch nützliche Stigmatisierung der Arbeiterklasse zum Gegenstand kritischer Analyse. Der »chav« (in der im Juni 2012 erscheinenden deutschen Ausgabe wird der Terminus mit »Proll« übersetzt) ist seiner Untersuchung zufolge der Inbegriff des pejorativen (abwertenden) Arbeiter-Stereotyps, in dem alle bis dahin getrennten Ideologien über die Arbeiterklasse zusammenlaufen. Er ist faul, arbeitslos, schmutzig, unmoralisch, gewalttätig, sexuell triebhaft, drogenabhängig, kriminell und unberechenbar.

    Die – ideologische – Dämonisierung der Arbeiterklasse »ist Klassenkampf von oben«. Sie rechtfertigt die Hackordnung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie verschleiert die systemischen Ursachen für Armut, zerrüttete Familien, Gewalt und Drogenkonsum. Sie macht nicht die Politik und Ökonomie der herrschenden Klasse, sondern deren Opfer für ihre Situation individuell verantwortlich. Die New-Labour-Regierung attestierte z.B. den ArbeiterInnen in den alten industriellen Kernregionen, wo die Arbeitslosenzahlen überdurchschnittlich hoch sind, »mangelnden Ehrgeiz« bei der Arbeitssuche. Die Verhöhnung der »Prolls« ist auch nützlich zur Durchsetzung von Kürzungs- und Sparpolitik. PolitikerInnen üben sich daher im Populismus gegen die arbeitenden Klassen und die Marginalisierten.

    Jones insistiert jedoch darauf, dass »Ideologien gegen die Arbeiterklasse Teil einer Klassengesellschaft« und nicht der Ausgangspunkt des Übels sind. Letztlich könne es daher nicht nur darum gehen, diese Ideologien zu kritisieren. Der Brunnen, aus dem sie heraussprudeln, müsse trocken gelegt werden.
    30 Jahre neoliberale Konterrevolution

    Dass der »Klassenhass« von oben ein »integraler und weitgehend respektierter Teil der britischen Kultur« werden konnte, ist kein Zufall. Er ist das »Erbe« eines von den »one percent« seit über 30 Jahren unerbittlich geführten Klassenkampfes der Herrschenden »gegen alles, was mit der Arbeiterklasse assoziiert wird«. Sein Beginn ist in Britannien unwiderruflich mit der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher verbunden. Ihre Regierung setzte das politische, ökonomische und ideologische Klassenprojekt des Neoliberalismus maßgeblich auf die Schienen. (siehe auch David Harvey: Kleine Geschichte des Neoliberalismus; Rezension in ak 524)

    Die Thatcher-Administration legte die Steuerbelastung radikal von den Reichen auf die normale Bevölkerung um. Sie privatisierte Staatsunternehmen. »Alte Werte der Arbeiterklasse wie Solidarität wurden durch Ellenbogenindividualismus ersetzt«, individueller Reichtum glorifiziert und die Verantwortung für individuelles Scheitern privatisiert. Klassen und erst recht der Klassenkampf wurden staatsoffiziell für inexistent erklärt. Schließlich haben Margaret Thatcher und ihre Vasallen die Akkumulation durch Enteignung (Harvey) dadurch abgesichert, dass sie spätestens mit der Niederschlagung des Bergarbeiterstreiks von 1985/86 das organisatorische Rückgrat des britischen Proletariats – die Gewerkschaften – brachen. Es war die Zeit, »den Klassenkampf als Idee vollständig zu eliminieren, ihn aber in der Praxis radikal zu verschärfen«.

    »Das große und bis heute wirksame Erbe der Thatcher-Ära besteht darin, dass die Arbeiterklasse seitdem immer der Verlierer des Klassenkampfs geblieben ist.« Daran hat weder die klassische Labour Party noch New Labour etwas geändert. Im Gegenteil. Thatcher antwortete einst auf die Frage nach ihrem größten Erfolg: »Tony Blair und New Labour. Wir haben unsere Gegner dazu gezwungen, ihre Positionen zu ändern.«

    New Labour will die Lebensbedingungen der LohnarbeiterInnen nicht mehr verbessern, sondern die Mittelschicht und individuellen Aufstieg fördern. Auch für Labour existiert die Arbeiterklasse nicht mehr. Sie habe sich aufgelöst: Die respektablen ArbeiterInnen seien zur Mittelschicht dazugestoßen. Der Rest sei New Labours Analysen zufolge zu einem psychopathischen Mob verwahrlost. Entsprechend rief der Telegraph daher »Zur Verteidigung der Snobs« auf – »weil diese zumindest noch ehrenwerte Ziele besitzen.« Fitness-Studio-Betreiber in England nehmen diese Aufforderungen bisweilen ernst und bieten Kurse wie »Chav-Boxing für Manager« an.

    Wie es um die englische Arbeiterklasse heute bestellt ist, erfährt man dementsprechend in Britannien nicht mehr. Nicht in den Nachrichten. Nicht in der offiziellen Politik. Und auch nicht in der Wissenschaft, deren ProtagonistInnen sich vorrangig damit befassen, den Mythos der klassenlosen Gesellschaft im Kapitalismus fortzuschreiben. Die Lage der arbeitenden Klasse in England hat sich laut Jones im Vergleich zum Regierungsantritt der Monetaristen 1979 erheblich verändert. Infolge der Deindustrialisierung ganzer Regionen, des dramatischen Anstiegs der Beschäftigung im Dienstleistungssektor, des Ausbaus der Leih- und Zeitarbeit sowie des Niedriglohnsektors sei nicht mehr der klassische gelernte Industriearbeiter der Prototyp des heutigen Proleten.

    Seine Stelle hat der Call-Center-Agent eingenommen, der über keine Ausbildung verfügt, ständig seinen Arbeitsplatz wechseln muss, nicht gewerkschaftlich und erst recht nicht parteipolitisch organisiert ist und trotz Lohns nicht über die Runden kommt. Allerdings verabschiedet sich Jones weder von der theoretischen Erkenntnis der zentralen Position des Industrieproletariats, noch hält er Marx‘ Bestimmung der Arbeiterklasse für hinfällig. Sowohl das »alte« als auch das »moderne« Proletariat ist ein hoch fraktioniertes Kollektiv, dessen Angehörige doppelt »frei« sind.
    Versagen und Verantwortung der Linken

    Dass die Arbeiterklasse keine politisch relevante Heimat mehr in Britannien besitzt, hat sie Jones zufolge nicht nur der herrschenden Klasse und ihren Claqeuren in den Medien und politischen Projekten wie New Labour zu verdanken. Auch die liberale Linke hat es weitgehend aufgegeben, sie zu verteidigen. »In der gesamten Linken hat es in den letzten 30 Jahren eine Abkehr vom Klassenkampf und eine Hinwendung zur Identitätspolitik gegeben«, schreibt Jones. »Selbstverständlich sind die Kämpfe für die Befreiung der Frauen, Homosexuellen und ethnischen Minderheiten von außerordentlicher Bedeutung.« Aber sie waren »mit der Verdrängung des Klassenkampfes aus der Politik wunderbar zu vereinbaren«.

    Diese Entwicklung hat nicht nur zu einer Kulturalisierung und Ethnisierung von Klassenkonflikten geführt, von denen rechtspopulistische Bewegungen profitieren. Die liberale Politik des Multikulturalismus hat das Subjekt des Klassenkampfes nicht erweitert, sondern durch die Förderung schwarzer, weiblicher, homosexueller Mittelschichtsangehöriger ersetzt. Das Ergebnis: Heute lachen in den wohlsituierten Vierteln Londons weibliche Vorstandsvorsitzende gemeinsam mit den schwarzen NachbarInnen über die peinlichen »Prolls« im Fernsehen, z.B. wenn das »Chav«-Paar »Wayne und Waynetta Slob« ihr letztes Geld, das sie gerade vom Amt bekommen haben, für Alkohol und Zigaretten ausgeben.

    Ähnliche Elemente der Stigmatisierung und Abwendung von der Arbeiterklasse »unter Linken« sind auch in der Bundesrepublik keineswegs unüblich. Mit erschreckender Regelmäßigkeit wird klassenkämpferische Politik als verstaubtes theoretisches Überbleibsel orthodoxer ML-Sekten oder »verkürzte Kapitalismuskritik« denunziert. Das berühmte Bild, das 1992 während der Pogrome in Rostock-Lichtenhagen entstand, trug dazu bei, den rassistischen »Proll« in vollgepisster Jogginghose und Deutschlandtrikot als neues Feindbild der »emanzipatorischen« Linken zu etablieren. Und eine nicht unbeträchtliche Strömung der Neuen Marx-Lektüre zieht es vor, die Marxsche Theorie in Erkenntniskritik und »Zirkulationsmarxismus« umzuwandeln, um den Kapitalismus neu zu interpretieren, statt ihn durch den Klassenkampf zu überwinden. (siehe auch Gerhard Hanloser/Karl Reitter: Der bewegte Marx; Rezension in ak 534)
    Neue Klassenpolitik

    Ohne die Arbeiterklasse zu glorifizieren oder in die 1970er Jahre zurückkehren zu wollen, hält Jones eine neue Politik des Klassenkampfes für unerlässlich. Diese beginnt mit der Erkenntnis, dass es den Klassenkampf und das Proletariat überhaupt noch gibt, und mit der Kritik ideologischer Vorstellungen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen. Ein Großteil der politisch aktiven Linken muss sich eingestehen, dass sie weder politische noch persönliche Bindungen zur real existierenden Arbeiterklasse und zu den Marginalisierten besitzt und dass dies ein Problem ist.

    Darüber hinaus macht Jones zahlreiche Vorschläge, wie der Klassenkampf wieder aufgenommen werden könnte. Dazu zählt er eine Repolitisierung der Arbeitslosigkeit, eine Bestärkung von Klassenstolz, die Auseinandersetzung mit der Arbeiteraristokratie, die Organisation des »neuen« Proletariats usw. Diese Forderungen sollen mit einer Strategie gekoppelt werden, mit der »die Wirtschaft wirklich demokratisiert wird«: »Schlüsselsektoren könnten in gesellschaftliches Eigentum überführt und von den ArbeiterInnen und KonsumentInnen kollektiv verwaltet werden.« Eine solche »neue Klassenpolitik könnte der Beginn eines Prozesses sein, mit dem zumindest ein Gegengewicht gegen den hegemonialen und unhinterfragten Klassenkampf der Reichen geschaffen wird.«

    Owen Jones: Prolls – Die Dämonisierung der Arbeiterklasse. Verlag André Thiele, Mainz 2012. 300 Seiten, 18,90 EUR.

    ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 573 / 15.6.2012
    http://www.akweb.de/ak_s/ak573/35.htm

  8. Fuck&Roll permalink
    3. März 2013 01:20

  9. Gollum permalink
    4. März 2013 09:16

    Sehr geile Aktion! Mehr davon, das zieht!

  10. Arbeiterbewegung & Monarchie 1913 "Ihr werdet von uns zusammengeschossen!" permalink
    9. Mai 2013 10:06

    Arbeiterbewegung & Monarchie 1913 „Ihr werdet von uns zusammengeschossen!“

    Fundstück 1: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig, per Blutbad, und dann Krieg nach außen. Aber nicht vorher und nicht a tempo.“

    Neujahrsbrief (1905) Wilhelms II. an Bülow. — Quelle: Fritz Fischer: „Griff nach der Weltmacht“, Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, (1977), S.25.

    Fundstück 2:
    „Seid pflichtbewußt! Helft unserem Lande! Gedenket der Soldaten und ihrer Familien!
    Wer Geld hat der zeichne! Es ist kein Opfer, sein Geld mündelsicher zu fünf Prozent anzulegen.“

    Staatssekretär Philipp Scheidemann, Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD)
    Aus einem Propaganda-Flugblatt für die neunte Kriegsanleihe (1918)
    Quelle: „Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution“, Berlin (1929), S.174

    Vortrag: „Die Braunschweiger Arbeiterbewegung und das Herzogtum“.
    Referent: Dr. Bernd Rother, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung –
    Ort: Roter Saal, Schlossplatz 1, 38100 Braunschweig
    Veranstalter: Friedenszentrum Braunschweig e.V. und AK „jetzt schlägts 13“

    Mehr Infos:

    Klicke, um auf 130506_einladung_vortrag_braunschweiger_arbeiterbewegung.pdf zuzugreifen

  11. KULTiviere Deinen Klassenhass permalink
    29. September 2013 10:32

    Eat The Rich

  12. System Größenwahn -- Gier frisst Hirn permalink
    5. November 2013 21:49

    • Sei nachsichtig mit den Deppen permalink
      6. Januar 2015 00:46

      Sei nachsichtig mit den Deppen

  13. Klassenkampf im Dunkeln - Ein Gespräch Dietmar Dath & Thomas Ebermann permalink
    4. Juni 2016 02:45

    Klassenkampf im Dunkeln – Ein Gespräch Dietmar Dath & Thomas Ebermann

    „Der Sozialismus ist kein schwer verständliches und lückenhaftes Traumgebilde. Er ist die erreichbare Konsequenz geschichtlicher Erfahrungen – die praktische Aufhebung des bestehenden Unrechts.

    Das Ziel mag weit entfernt, und die Kräfte zur Erzwingung eines besseren gesellschaftlichen Zustands mögen schwach sein. Dennoch gilt es zu kämpfen, zu streiten, zu organisieren, zu propagieren, zu erfinden und auszuprobieren und es kommt darauf an, sich nicht dumm machen zu lassen von dem ganzen Mitmachgewürge, das mit der bestehenden Scheiße einverstanden ist.

    Dietmar Dath stellt an diesem Abend sein Buch Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen vor, erklärt wie all das gehen könnte und was auf dem Weg zu einem neuen Sozialismus zu tun wäre.

    Mit ihm diskutiert Thomas Ebermann.

    Gemeinsam werden sie einige sozialistische Übungen probieren und dem Publikum kein revolutionäres Geheimnis vorenthalten.
    Es wird gefachsimpelt, debattiert und gestritten, bis das Stuhlbein regiert.“ (Text & Quelle: http://golem.kr/?p=6849 | MP3: https://www.mixcloud.com/arne-kent/di…)

Trackbacks

  1. Mehr zur “Överklassafari” nach Solsidan und Saltsjöbaden « Entdinglichung
  2. Ein Diskussionsbeitrag des Syndikalistiska Ungdomsförbundet (SUF) zum Thema “Klassenhass” « Entdinglichung

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