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Freizeit und Faulheit trotz Volksfront und Revolution

26. November 2011

Buchrezension: „Gegen die Arbeit – über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38“

Disclaimer: Hierbei handelt es sich um die persönliche Meinung eines Fellow Workers und ist nicht zwangsläufig die Position der IWW oder einer unserer Orts- und/oder Betriebsgruppen. Dieser Artikel wurde rein zu Informationszwecken veröffentlicht.

von Heiner Stuhlfauth, in gekürzter Form im November 2011 im ak # 566 erschienen.

Wer Geschichtsbücher zu Zwecken der Erbauung liest, kann durch die Lektüre dieser Untersuchung schwer verstört werden. Hier wird ein altes operaistisches wie situationistisches Axiom – die Arbeiter lieben die Arbeit nicht – anhand der revolutionären Volksfront in Katalonien 1936-1939 sowie der parlamentarisch-bürgerlichen Variante der gleichen Zeit in Paris sehr gewissenhaft nachgewiesen und mit einer Fülle von Material illustriert. So hatte die anarcho-syndikalistische CNT Probleme, in den von ihr kontrollierten Betrieben eine Produktivitätssteigerung herbei zu führen, obwohl sich die ArbeiterInnen Kataloniens extremstem Druck und kaum zu leugnenden Sachzwängen durch den Bürgerkrieg ausgesetzt sahen. Seidmann untersucht die Geschichte der Arbeiterinnen dieser Zeit nicht anhand der politischen Spaltungslinien der Linken, wie sie in den Maitagen 1937 in Barcelona als bewaffneter Konflikt zu Tage trat. Er unterscheidet vielmehr zwischen Vertretern eines industriellen Produktivismus, welche die damalige Linke gleich welcher Richtung dominierten, und davon weitgehend autonomen ArbeiterInnen, die sich dem Diktat der Effizienzsteigerung widersetzten.

Seidmann fördert dabei erstaunliches zu Tage: Arbeitslager und quasi staatlichen Zwang gab es auch unter anarchosyndikalistischer Hegenomie, genauso wie Wendehälse, die nach der (vorerst) geglückten Revolution 1936 massiv in die CNT eintraten. Maßgebliche Figuren der CNT wie Abad de Santillàn schauten mit Bewunderung auf die Autoproduktion und Stadtplanung in den USA. Man versuchte die Methoden und Ansichten von Vordenkern wie Le Corbussier und kaltherzigen Schleifern wie Taylor und Ford zu rezipieren und für sich umzusetzen, versuchte Ingenieure für sich zu gewinnen, und stieß dabei auf in etwa die gleichen Probleme, wie sie kapitalistische Unternehmer antreffen. Die Arbeiter reagierten mit verschiedensten Formen der Renitenz.In Paris brach unter der politischen Herrschaft der Volksfront die Produktivität ein. Mehr Beschäftigung durch kürzere Arbeitszeiten, der freie Samstag, die Erfindung des Urlaubs und der Freizeit – all das erkämpften sich die ArbeiterInnen, teils unter Rückendeckung der kommunistisch geprägten CGT. Sie dankten es der Regierung unter Leon Blum keineswegs durch fleißigeres, intensiveres Arbeiten. Auch nicht, als die Kriegsgefahr durch das auf Hochtouren rüstende Deutschland immer deutlicher wurde.

So ist das oben erwähnte Axiom – Arbeiter lieben die Arbeit nicht – zugleich ein Paradoxon: Erst Produkte wie die fließbandgefertigte und damit erschwingliche Wachmaschine befreien uns AbeiterInnen von der Mühsal der Hausarbeit, so wie eine fließbandgefertigte Kalashnikov der spanischen Revolution gute Dienste hätte leisten können. Mangelnde Produktivität führt zur Konservierung oder Wiedereinführung der archaischer Plackerei, aber das macht die Fließbandarbeit nicht angenehmer.

Dieses absolut lesenswerte Buch, das bereits 1991 in den USA erschien und erst jetzt auf Deutsch vorliegt, hinterlässt viele Fragen und manche Enttäuschung über die Dynamik des Sozialismus und die Möglichkeiten der Selbstverwaltung. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er keine Antworten präsentieren will, oder in Häme über politische Gegner verfällt, wie sie in operaistischen Zirkeln anzutreffen ist, sondern bei einer nüchternen, fairen Untersuchung bleibt.

Michael Seidmann, „Gegen die Arbeit – über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38“, Verlag Graswurzelrevolution, 2011.

Quelle: Wobblies (IWW).de

3 Kommentare leave one →
  1. Noam Chomsky on "Work", Alienation and Human Creativity permalink
    27. Dezember 2013 23:30

    Noam Chomsky on „Work“, Alienation and Human Creativity

    Inspiring video of Chomsky explaining the difference between „work“ in a capitalist society and creative work under your own control.

  2. Die Sklaverei der Arbeit permalink
    16. Juli 2015 22:31

    Die Sklaverei der Arbeit

    „„Arbeit ist eines freien Bürgers unwürdig.“ So brachte Aristoteles die Haltung der kleinen Oberschicht freier Männer seiner Zeit auf den Punkt. Sie hatten leicht reden, denn Sklaven und Frauen nahmen ihnen die Arbeit ab. Seither hat die Haltung zur Arbeit viele Wandlungen erfahren. Mit Beginn der Neuzeit erfuhr sie gar religiöse Weihen. Das sprichwörtliche protestantische Arbeitsethos stand an der Wiege des Kapitalismus und sowohl Arbeiterbewegung wie Nationalsozialismus haben die Arbeit förmlich verherrlicht. Auch heute ist der Kult um sie ungebrochen. Doch geht es uns wirklich gut mit ihr, wenn wir zum Arbeitsbeginn schon den Feierabend herbeisehnen?

    Was Millionen Menschen eigentlich mit ihrem Leben anfangen könnten und in Jugendjahren vielleicht sogar einmal wirklich gewollt haben, hat keinen Bestand vor dem kalten Gott des ununterbrochenen Geld-verdienen-und-Geld-ausgeben-müssens­. Kein Gott hat je größere Opfergaben verlangt und erhalten als dieser: Zerstörte Lebensentwürfe und gebrochene Rückgrate, Erniedrigungen und Gemeinheiten, ruinierte Gesundheit, Verzweiflung und Demütigung, Sucht und Wahnsinn, Mord und Selbstmord, Vernichtung von Mensch und Natur… Anders als zu Aristoteles‘ Zeiten haben wir heute die technischen Voraussetzungen, um alle Menschen weltweit von der Sklaverei der Arbeit zu befreien. Aber ausgerechnet jetzt schreit alles nach “Arbeit, Arbeit, Arbeit”. Wie verrückt sind wir eigentlich und die Welt, in der wir leben? Oder stimmt gar der alte Punker Spruch ‚Arbeit ist Scheiße’?

    Der Vortrag zeichnet die historische Entwicklung des Arbeitsbegriffs von der Sklaverei über den NS bis heute nach.“ (Quelle, Text & MP3: http://emafrie.de/audio-die-sklaverei… )

  3. FAUL! ~ Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft permalink
    11. Februar 2017 17:33

    FAUL! ~ Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft

    Faul zu sein gilt in unserer Gesellschaft als negative Eigenschaft. Aber wieso eigentlich? Der Soziologe Hans-Albert Wulf hat zur Geschichte des Ressentiments gegen den Müßiggang geforscht. Mit ihm haben wir über sein im letzten Jahr veröffentlichtes Buch „Faul! Der lange Weg in die Arbetisgesellschaft“ gesprochen.

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