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Eure Brieftaschen genügen nicht mehr … !

25. November 2011

Einen aufschlussreichen Artikel zum Thema „Illegalismus“ und der „Arbeiter der Nacht“ haben wir beim Radio Chiflado gefunden. Der Beitrag gibt einen guten Überblick und ist alles andere als Trocken geschrieben.

Für die einen ging der Weg zur Revolution durch die Brust der Könige ……für andere durch die Kassen der Kapitalisten.

eine Praxis der individuellen Wiederaneignung sogenannter „Illegalisten“ , die heute kollektiv notwendig erscheint.

Wenn die Gesellschaft uns das Nötigste, was wir zum Leben brauchen, vorenthält, sind wir berechtigt es uns zu nehmen ,wo es im Überfluss vorhanden ist.“
Was vom Wagen fällt, gehört dem, der dem Wagen folgt“ (Die Borribles)

Eigentum ist Diebstahl war die Parole, als sich vor einigen Jahren aus Spanien eine Idee ausbreitete, die unter dem Namen „Yomango“ (Ich klaue) auch in andere Städte bis nach Mexiko und Argentinien kam und hierzulande der „Umsonstökonomie“ einen neuen Schub gab.

„http://blip.tv/visionontv/dancing-in-the-aisles-while-drinking-champagne-700458″>(Klauaktion Tango Mango)

Eigentum ist Diebstahl – die von Proudhon geprägte Formel, bezogen auf den so genannten „unverdienten Vorteil“, soll heißen: die Ausbeutung der Arbeitskraft des anderen und die dadurch entstandene soziale und ökonomische Ungleichheit hatte schon früh Anarchist*innen dazu verleitet, diese Ungleichheit durch Diebstahl, Einbruch und Raub im Sinne einer revolutionären Strategie zu bekämpfen.

Von dieser barbarischen Ungleichheit müsstet Ihr nun überzeugt sein. Verschlimmert euer Unrecht nicht noch, indem ihr die, die nichts haben, dafür bestraft, dass sie es wagten, dem etwas wegzunehmen, der alles hat. Ich spare mir weitere Worte zur Erweckung der Einsicht, dass es eine abscheuliche Grausamkeit ist, Diebe zu bestrafen. Bestraft den Mann, der nachlässig genug ist, sich bestehlen zu lassen. Doch sprecht keinerlei Strafe gegen den Dieb aus. Bedenkt, dass er, als er es vollbrachte, nichts tat, als dem ersten und vernünftigsten aller Triebe nachzugehen – dem der Erhaltung seiner Existenz.“(Marquis de Sade)

Illegalisten“ wurden sie genannt, die vorwiegend männlichen Anarchisten, die sich im frühen 20. Jh. dieser Ungleichheit durch Diebstahl unter der Theorie der „individuellen Wiederaneignung“ widersetzten. Auch sie waren anfangs wie die syndikalistischen Genossen und die Arbeiter im Allgemeinen in der Falle. Für Peanuts ihre Arbeitskraft verkaufen oder hungern. Nun nahmen sie diesen Weg dieser „direkten Aktion“.

Müde des Wartens auf revolutionäre Veränderungen, verzweifelt oft, drückten sie dadurch ihre persönliche Verachtung gegenüber der bestehenden Gesellschaft aus, ständig in der Gefahr von Denunzianten und Agenten gestellt zu werden.

In Frankreich reagierten die Herrschenden auf diese Aktionen drastisch. Lange, grausame Gefängnishaft bis hin zur Guillotine. Hunderte von ihnen, verbannt in die Strafkolonien, Todeslagern gleich. Viele gingen danach in die Lohnarbeit – und in den Syndikalismus.
Für andere wurde die Revolte gegen den Betrug und den Diebstahl der Unternehmer und die sie stützende Gesellschaft mehr und mehr eine rein ökonomische Angelegenheit. Gefangen in einem Kreislauf von reinem Gangstertum und dessen Verdrängung.

Da das Kollektiveigentum von einigen wenigen angeeignet worden ist, warum sollen wir dann diese Eigentum im einzelnen respektieren, wenn es im Ganzen nicht anerkannt wird. Es gibt also ein absolutes Recht zu nehmen und es muss sich dadurch eine neue Moral im Denken und Handeln durchsetzen“ (Clément Duval)

Clément Duval gehört wohl zu den Ideengebern der „individuellen Aneignung“. Nachdem er beim Militär schwer verwundet wurde, unmöglich zu arbeiten und seine Familie zu ernähren und sich selber notwendige Medikamente zu kaufen, wurde er zum Dieb. Nachdem er für den Diebstahl von 80 Francs ein Jahr im Gefängnis war, schloss er sich der anarchistischen Gruppe „Die Panther von Batignolles“ an und entwickelte mit ihnen nun ertragreichere Aneignungen. Beim Versuch, gestohlene Ware zu verhökern, wurde er von der Polizei festgenommen und vor Gericht gestellt. In einer großen Menge von Unterstützer*innen rief er dem Gericht zu:
“Diebstahl ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Wenn die Gesellschaft uns das Recht verweigert, es uns zurückzugeben, müssen wir es uns nehmen. Lang lebe Anarchie

Er wurde, auch weil er bei der Festnahme einen Polizisten verletzt hatte, auf das Straflager von Französisch- Guyana gebracht. Wohl eher aus Zufall überlebte er das Massaker an seine Genossen 1890.

Guyana war ein echtes Höllenloch, ein schmutziger Abgrund der Gewalt, verstärkt noch durch das heiße und feuchte tropische Klima. Guyana war Zwangsarbeit mit Fußfesseln, wo die Gefangenen ihre Gesundheit, viele ihre Dignität verloren. Die meisten starben an der Erniedrigung, gebrochen durch die Wächter, wie Tiere behandelt.

http://taibo.podspot.de/post/die-anarchisten-von-franzosisch-guyana-1

Duvals weiterer Aufenthalt in Guyana ist die Geschichte seines Kampfes. Er rebellierte gegen die Ungerechtigkeiten, half den anderen Mitgefangenen, demaskierte Spione und Provokateure. Er blieb 14 Jahre auf Guyana. In dieser Zeit versuchte er mehr als 20 Mal zu flüchten – jede Chance, jedes Mittel ergreifend, auf Rettungsflössen, auf gestohlenen oder geduldig gebauten Booten. Am 14 April 1901gelingt ihm dann mit acht anderen Gefangenen die Flucht. 1935 stirbt er in New York.

Die Asch eines Diebes liegt hier in einem Krug. Ihn ließ der Senat seines Städtchens verbrennen. Er hatte noch nicht gestohlen genug, um seine Unschuld beweisen zu können.

Literarisch veredelt wurden die „Illegalisten“ durch den 1897 erschienenen Roman „Der Dieb“ von Georges Darien.

Ob der wohl bekannteste Illegalist, Alexandre Marius Jacob, das Buch gelesen hatte, ist nicht bekannt – für ihn war ein ganz anderes Buch maßgeblich. Das Adressbuch der so genannten feinen Leute – den „sozialen Parasiten“ und meinte damit die Angehörigen der Kirche, des Adels, des Militärs und der Justiz, denen seine ganze Leidenschaft gehörte. Denn durch Jacob kam es nun zu einer Systematisierung, ja „Wissenschaftlichkeit“ der individuellen Aneignung. War es vorher eher der Bereich des Diebstahles und der Kleinkriminalität, eher Ausdruck einer Revolte, nun wurde es eine zielgerichtete, revolutionäre Taktik, Planung, Logistik einer Gruppe. Zwei Einbrüche pro Woche, eine Beute von rd. 5 Millionen Goldfrancs – die sich „Arbeiter der Nacht“ nennende, sich regelmäßig vergrößernde Gruppe hatte es wohl insgesamt auf 1000 Einbrüche gebracht.  In dieser Zeit zwischen 1896 und 1903 – im Jahr seiner endgültigen Festnahme und der Deportation nach Guyana – hatte sich allerdings die libertäre Szene verändert. Für die „Illegalisten“ bestand die Gesellschaft nur aus Ausbeutern und Ausgebeuteten – am besten, sie gehörten keiner der beiden Lager an. Und es gab keine Klassen – die Hoffnung ruhte auf den Deklassierten, mit denen am ehesten Bündnisse zu schließen waren.
Nun hatten sich einige Syndikate – in Frankreich als CGT – zusammengeschlossen. Viele sahen ihre Hoffnungen im „revolutionären Syndikalismus“. So mutete die „Verteidigungsrede“ von Jacob fast schon wie ein Abgesang auf die Zeit des „Illegalismus“ und der individuellen Aneignung an:
Die Gesellschaft währte mir drei Existenzmittel. Die Arbeit, die Bettelei und der Diebstahl. Die Arbeit widerte mich keineswegs an, was mich anwiderte, war, Blut und Wasser zu schwitzen für ein Almosen an Lohn, Reichtümer zu schaffen, die anderen vorbehalten war. Bettelei ist Erniedrigung, Verneinung jeglicher Würde. Um das Recht auf Leben aber bettelt man nicht – man nimmt es sich.
Der Diebstahl – das ist Rücknahme, die Wiederaneignung der Besitztümer. Ich habe es vorgezogen, mich aufzulehnen, indem ich den Reichen den Krieg erklärte und ihren gestohlenen Besitz angreife.“

Aber erst zehn Jahre später sollte die Zeit der Illegalisten mit einem riesigen Spektakel zu Ende gehen.

„Den Malocher verschon, doch den Reichen bestiehl. Als wahrer Kavalier setz die Brechstange an. Nimm ihn aus, den Bourgeois, den zynischen Kumpan. So lautet, kurz gesagt, das oberste Prinzip was zu beachten ist als anständiger Dieb.

In dieser Zeit wuchs die neue parlamentarische Linke. Der Sozialismus breitete sich aus – nun geriet auch die CGT unter ihren Einfluss und den der Kommunisten. Und mit ihm fiel der Lebensstandard der Arbeiter*innen. Das Bürgertum hatte nun keine Angst mehr, denn die Arbeiter*innenbewegung bewegte sich weg vom revolutionären Syndikalismus, hin zum reformistischen Sozialismus. Unter dem wohl bekannten Vorwand einer „Wirtschaftskrise“ wurden die Löhne gekürzt, die Aufmüpfigen entlassen.
Einer von ihnen war Jules Bonnot, Automechaniker und Anarchist. Eines Tages, nach einer weiteren Entlassung, stürmte er in ein Cafe am Montmartre und rief den Karten spielenden Erwerbslosen zu:
Sind wir nicht alle krank und müde von dieser elenden Existenz? Hier hockt ihr nun, mal mit einem gestohlenen Rad hier, einigen wenigen geklauten Münzen da, ja, manche sich sogar danach bückend. Zuvor lächerliche Löhne nach einer langen Woche harter Arbeit – und was ist das Ergebnis? Nichts ! Ihr sprecht von Revolution und Illegalität? Aber was tut ihr?“
– „Was glaubst du was wir tun sollen? Banken ausrauben?“
„Genau das!!!!“

Unterstützung dabei fand er bei einer Gruppe Illegalisten rund um die Zeitschrift „Die Anarchie“, editiert von Kibaltschitsch der sich später als „Victor Serge“ einen Namen machte.

Die Gruppe war professionell ausgebildet, neben Bonnot, ein hervorragender Fahrer und Mechaniker gab es unter anderem Soudy, wegen seiner syndikalistischen Tätigkeit entlassen und ein von der französischen Armee exzellent ausgebildete Waffenexperte und Scharfschütze. Diese Kombination war es dann auch, die ihren Ruf legendär und anrüchig zugleich machte. Insgesamt waren sie wohl 20 Anarchisten und Anarchistinnen, die wohl die ersten waren, die mit einem Auto Banküberfälle durchführten. Die Polizei schaute anfangs ziemlich verwirrt und machtlos mit ihren Fahrrädern hinterher.

Das änderte sich, als die bürgerliche Gesellschaft durch die Tätigkeiten der Anarchist*innen wieder Angst um ihren Schmuck und ihre Autos hatte und eine härtere und effektivere Bekämpfung forderte. Es entstanden die „Tigerbrigaden“, Eliteeinheiten, ausgebildet im Nahkampf, nur ihrer eigenen Ethik verpflichtet.

Immer gewagter wurden nun die Überfälle. Mit jedem Mord, auch an Boten und Angestellten, entfernten sich die Menschen um Jules Bonnot aus ihren eigentlichen Hintergründen. Am Ende blieb nur das „Es gibt keine Unschuldigen“ eines Emile Henry.

Und der Versuch einiger Insurgenten um die Zeitschrift „Social War“ um Solidarität.
Was sollten sie denn tun inmitten des Reichtums und des sie umgebenden Luxus? Verhungern? Stattdessen sich den Reichtum, der auch der ihrige war, zurückzuholen, es war nicht ihr Recht, nein, es war ihre Aufgabe, dies zu tun.
Betreffs der schrecklichen Morde, in welche sie von den Bluthunden des Gesetzes getrieben wurden, wer kann sie verantwortlich machen?

Jetzt lerne ich eine Menge
Inmitten derer, die gleich gekleidet sind
Ausser, was wohl das richtige Verbrechen ist
Um nicht als Krimineller zu gelten.
Sie haben uns gelehrt uns zu wundern
über die Menschen, die Brot stehlen
Jetzt wissen wir, dass es ein Verbrechen ist
Nicht zu stehlen, wenn man hungrig ist
Jetzt wissen wir, dass es ein Verbrechen ist
Nicht zu stehlen, wenn man hungrig ist.
“ (Fabrizio de André)

Individuelle und kollektive Wiederaneignung findet bis heute statt und die Anarchist*innen sind diejenigen, die dabei sind und dazu ermuntern. Das gemeinsame Beschaffen von Waren des täglichen Überlebens, das kollektive Abzweigen von Strom oder Benzin im Trikont und anderswo, das Kopieren von Software, das Organisieren von kostenlosen Fahrten gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zu den Aktionen, die schon in die gesellschaftlichen Änderungen gehen. Die Haus- oder Landbesetzungen in Brasilien, Südafrika … die Aktivitäten in Mexiko.

So wenig wie die Geschichte und die Erfahrung der Illegalisten oder einzelne Bewegungen im Trikont romantisiert werden können und dürfen, wäre das doch eher ein Eingeständnis der eigenen Resignation, so wenig sollten wir uns dem Mythos eines glorifizierten „mala vida“ und des Verherrlichen des Gangsters als „sozialen Rebell“ ergeben – ohne Träume oder Hoffnungen auf reale Veränderungen.

Die Illegalisten scheiterten, wie letztlich „Yomango“ scheitern musste, konnten sie doch an dem Fortbestand der kapitalistischen Produktionsweise nichts ändern. Letztere wiesen, bewusst oder unbewusst daraufhin, als sie die wiederangeeigneten Produkte mit ihrem eigenen Label versahen.

„Ich glaube nicht, dass Illegalismus das Individuum in der heutigen Gesellschaft befreien kann. Im Grunde ist Illegalismus als Akt des Aufbegehrens mehr eine Sache des Temperaments als das einer politischen Lehre „ (Jacob)

Und wir möchten hinzufügen –auch die Idee eines Warenkonsums ohne Geld bleibt im hiesigen System der Logik der Waren angehaftet – solange sie die Produktionsverhältnisse unangetastet lässt – und dies kann nur im Zusammenhang mit den revolutionären Bewegungen entstehen. Die sich nicht nur wieder die Produktionsmittel aneignen, sondern auch viele davon zerstören, in dem sie andere Formen der Produktion finden müssen.

Und so lange gilt: individuelle und noch besser kollektive und solidarische Wiederaneignung ist nicht nur das Recht, sondern die Aufgabe. Und – lasst euch nicht erwischen!!!!

Quelle: Radiochiflado (Dort auch mehr Abbildungen zum Thema)

3 Kommentare leave one →
  1. Mr. 100 % permalink
    27. November 2011 23:34

    Was die KPdSU nie schaffte, demonstriert Putin mit seiner gelebten Demokratie

    100 Prozent für „Präsident Putin“

    http://www.tagesschau.de/ausland/putin336.html

  2. 7 marzo de 1921 En recuerdo del levantamiento de Kronstadt, texto de Makhno permalink
    28. November 2011 11:38

    7 marzo de 1921 En recuerdo del levantamiento de Kronstadt, texto de Makhno

  3. punk permalink
    8. Dezember 2011 00:17

    1982 slime – störtebeker

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