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Auszug: „Die Odyssee eines Manuskriptes“

25. November 2011

Wir freuen uns hier einen Auszug aus der aktuellen Barrikade Nr.6 zu dem wichtigen Thema der Veröffentlichung von Texten Rudolf Rockers – hier zu „Nationalismus und Kultur“ – präsentieren zu können. Wie bekannt, hält der „Privatier“ Heiner Becker die Rechte an Rudolf und Milly Rocker. In dieser „Eigenschaft“ zeigte er vermeintliche Publizisten von Texten Rockers bei der Polizei an, die umfassende Ermittlungen durchführte. Zahlreiche Texte der beiden Rockers sind wegen Becker nicht mehr öffentlich zugänglich.  – Die vollständige Fassung dieses Artikels findet sich im Heft.

Über die Umstände und Widrigkeiten der deutschen Erstveröffentlichung von Rudolf ROCKERs ‚Nationalismus und Kultur’ 1949 in Hamburg

Im Jahre 1949 erscheint im jungen, drei Jahre vorher erst gegründeten Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik, dem Verlag Friedrich Oetinger, in Hamburg die deutscher Erstausgabe von Rudolf Rockers kulturhistorisches Werk ‚Die Entscheidung des Abendlandes’. Der Titel sollte »ein Gegengewicht zu Spenglers ‚Untergang des Abendlandes’« darstellen und wurde kurz vor Drucklegung vom Verlag geändert. Dieser Artikel  dokumentiert die widrigen Umstände dieser deutschen Erstausgabe. Bereits 2002 erschien ein kleiner ‚Exkurs: ‚Die Entscheidung des Abendlandes’ von Rudolf Rocker’ im spannenden Buch von Hans-Jürgen Degen über ‚Anarchismus in Deutschland 1945-1960: die FFS’ zu lesen. Hier folgt nun eine umfangreiche Dokumentation, die sich auf die verlegerischen und organisatorischen Probleme konzentriert.

(…)

Ausblick – Fazit

Im übrigen erfahren wir über die wiederholten Verhöre Rockers durch US-Untersuchungsbeamte und die Androhung der Ausweisung aus den USA. Helmut Rüdiger schreibt über diese »endlosen Scherereien«: »1946 wurde Rocker aufgefordert, die USA zu verlassen. In vielen Briefen schildert er sinnlose Verhöre. Er wollte sein Lebenswerk in dem neuen Heim abschließen, das er mit Mühe aufgebaut hatte, und sah keinerlei Möglichkeit, sich als außerhalb aller Parteien stehender Schriftsteller im Alter von 73 Jahren eine neue Existenz in dem zerstörten Deutschland aufzubauen. (…) Schliesslich verlangte irgendeine Kommission eines zuständigen Gerichtshofes Exemplare seiner Hauptwerke, die man studieren wollte um zu untersuchen, ob Rocker der amerikanischen Gastfreundschaft würdig war. Dann wurde es still, aber einen Bescheid erhielt er nie.«

Gegen Ende seines Lebens schreibt Rudolf Rocker im Schlußwort seiner  Lebenserinnerungen: »Ich bin zufrieden, daß es mir vergönnt war, dieses Buch (…) zu Ende zu bringen. Das will jedoch nicht besagen, daß damit meine Tätigkeit ihr Ende erreicht hätte. Noch lebe ich, was für mich dasselbe bedeutet wie: Noch kämpfe ich. Wer das Leben anders auffaßt, hat es schlecht verstanden.«

Als 78-jährigem Mann (1951) stand ihm der Verlust seiner Lebensgefährtin Milly im Jahre 1955 erst noch bevor – und dennoch kämpfte er weiter, denn er hatte zwischenzeitlich bereits ein weiteres Buch geschrieben, ‚Max Nettlau, el Herodoto de la Anarquía’, das 1950 in Mexiko erschien – und erst 1978 in Deutschland als ‚Max Nettlau: Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegung’ im Westberliner Karin Kramer Verlag.

Für Rockers ‚Erinnerungen’ suchte Georg Hepp noch im September 1957 einen deutschen Verleger für den in England veröffentlichten, gekürzten mittleren Band (zuerst erschien dieser Teil als ‚In Sturm’ auf jiddisch 1952, englisch dann als ‚The London Years’ 1956).

Ein weiteres Manuskript, das er kurz vor seinem Tode am 13. September 1958 als 85-Jähriger in Crompond, New York, noch fertigstellte, ist umstritten. Weder der Titel noch der Umfang dieses Werkes sind bekannt, allerdings schreibt D.A. Santillan im Nachwort zu dem bei Suhrkamp 1971 erschienen Auszug aus Rockers Memoiren: »Noch vor ihrem Abschluß gab er uns das Versprechen, eine Botschaft an die junge Generation zu hinterlassen, in der er ihr sagen wollte, daß die Epoche, in die wir eingetreten waren, nicht mehr die gleiche ist, die wir einst gekannt hatten, und daß daraus Konsequenzen zu ziehen seien; es müßten neue Taktiken und Formen des Kampfes studiert werden, um mit den veränderten geschichtlichen Bedingungen fertig zu werden Rocker teilte uns mit, daß er so weit war, diese Botschaft, auf die wir alle mit Spannung warteten, niederzuschreiben.« Santillan schreibt jedoch, daß Rocker aufgrund seiner mittlerweile eingetretenen vollständigen Blindheit und Taubheit diese Arbeit nicht mehr vollenden konnte, es sei ihm unmöglich gewesen, »sich auf diese Arbeit zu konzentrieren.« Doch im April 1957 schrieb er: »Dein Buch (…) muß man in derselben Format wie Nacionalismo und die Memoiren rausbringen. (…) aber solches Buch von Dich, mit welcher ich in vornherein einverstanden bin, und einige Kapitel schon gelesen habe, werde ich gern übersetzen. Sobald Du fertiges Material hast und willst es schicken, werde ich in Ordnung bringen; so, wenn Du der Umarbeitung beendet hast, ist meine Aufgabe auch zu Ende und kann sofort an die Druckerei gehen.« [Santillan an Rocker, 23. April 1957]

Helmut Rüdiger bemerkt dazu, Rocker »hatte die Absicht, zu den kommenden Aufgaben einer modernen freiheitlichen Bewegung in einem besonderen Buche Stellung zu nehmen. Ursprünglich sollte dies im letzten Kapitel der Memoiren geschehen, aber dann entschloß sich Rocker, diese Betrachtungen gesondert niederzuschreiben. Damit war er in den letzten zwei Jahren intensiv beschäftigt, aber offenbar sind nur Fragmente dieser geplanten Arbeit vorhanden. Es ist wahrscheinlich, daß Santillán in Buenos Aires, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast alle neueren Werke Rockers herausgebracht und ältere Bücher neuaufgelegt hat, auch diese Aufzeichnungen in spanischer Sprache herausbringen wird. Leider sind alle diese Arbeiten in deutscher Sprache nicht zugänglich …« Rüdiger beendet seinen Artikel in der SAC-Tageszeitung Arbetaren mit dem Hinweis, daß Rocker noch »im Juni [1958] schreibt er, daß er sich nach längerer Krankheit wieder bedeutendbesser fühle, wieder ausgehen könne und ein wenig arbeiten wolle

Und Rockers langjähriger Freund A.C. Bakels schreibt, daß nicht Rocker selbst sein Manuskript ‚Nationalismus und Kultur’ aus Deutschland herausbrachte, sondern daß er es »nach einiger Zeit ins Ausland bringen« konnte. Milly soll Rudolfs Frage »Und meine Bücher und Papiere, meine Manuskripte?« am Abend vor der Flucht mit »Das Leben ist wichtiger« beantwortet haben. Und weiter schreibt er: »Er arbeitete bis zum Letzten. Noch vor kurzer Zeit schrieb er mir, daß seine Augen so schlecht geworden seien, aber daß er weiterarbeiten würde, weil doch „das verdammte Buch“ fertig werden sollte, bevor er diese Welt verließ.«

Ohne weitere »vorherige Leidenszeit überraschte « (Wiegand) ihn dann der Tod. Möglicherweise wurde Rockers letztes Werk wohl doch noch fertig.

Zwei Jahre nach Rockers Tod, im Jahre »1960 erhielt das IISG den ersten Teil des Rocker-Nachlasses von seinem Sohn Fermin Rocker. Dieser Teil umfaßte viele Briefe von und an Rocker, unter anderem seine Korrespondenz mit Max Nettlau, Emma Goldman und Alexander Schapiro und die Manuskripte seiner Bücher. Mehrere Ergänzungen folgten ab 1961, die letzte 1993.«

Die Nazis hatten 1933 in Berlin bereits vieles verbrannt, bevor es als niederländisches Staatseigentum vor den Flammen gerettet werden konnte, da Rocker dem Vorläufer des Amsterdamer IISG, dem Ökonomisch-Historischem Archiv im Haag seine Bibliothek bereits vor seiner Flucht verkauft hatte.

Edition Thélème sitzt auf den Rechten von Rudolf und Milly Witkop-Rocker

Am 3. Juli 1996 übertrug Fermin Rocker (*1907 – 2004), der Sohn von Milly und Rudolf, Heiner M. Becker alle Rechte am literarischen Werk seiner Eltern. Wegen der angeblichen Verletzung dieser Rechte bemühte Herr Becker im vergangenen Jahr nun Kripo und Staatsanwaltschaft Münster, u.a. gegen den Verfasser zu ermitteln.

Wir fragen uns nun, wann z.B. Rockers Kriegskommentare, die in La Protesta in Buenos Aires und 1943 als Buch (übersetzt durch Santillan) erschienen sind und seine jiddischsprachigen Beiträge für die New Yorker Freie Arbeiter-Stimme seit 1936 ins Deutsche übersetzt werden können. Leider scheint es gewiß, daß das Publikum bis ins Jahre 2029 warten muß, bis der Inhaber der Urheberrechte [die erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors erlöschen] an dem Werk von Rudolf Rocker und Milly Witkop-Rocker, Herr Heiner Becker, die Neu- und Wiederveröffentlichung ihrer Werke nicht mehr verhindern kann. Es ist mehr als bedauerlich, daß unter dem Vorwand, das Werk Rockers »schützen zu wollen«, die Schriften dieses großen, nie »fertigen Menschen« in der Hand eines Mannes verbleiben, der die Übertragung des Vermächtnisses nicht als Verpflichtung zur Veröffentlichung auffaßt, sondern als sein Privatvermögen.

[Folkert Mohrhof]

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Siehe auch: Frisch aus der Druckerpresse: Die anarcho-syndikalistische Streitschrift Barrikade

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