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Zu den Ereignissen am 11. November in Warschau: Repression und Hysterie

17. November 2011

Bei Protesten gegen den sog. Patriotischen Marsch anlässlich des polnischen Unabhängigkeitstages am 11. November kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Bullen, hooliganverstärkten Nazis/ sog. PatriotInnen und protestierenden AntifaschistInnen. Es gab insgesamt 210 Festnahmen, davon ca. die Hälfte „Ausländer“, unter Ihnen eine bisher unbekannte Anzahl an Berliner AntifaschistInnen. Die konservativen polnischen Massen-Medien sprachen im Vorfeld von zureisenden „Deutschen“, die in Warschau einen eigenen Marsch gegen den Polnischen Unabhängigkeitsmarsch planten (was in Anbetracht geschichtlicher Zusammenhänge von weiten Bevölkerungsteilen mit Entsetzen aufgenommen wurde) und verdrehten damit die Anreise von Berliner Antifas ins völlig Bizarre.

Die Neofaschisten und Nationalkonservativen Organisatoren des seit Jahren stattfindenden „Marsch der Unabhängigkeit“ hatten im Vorfeld viel im rechtsoffenen Hooliganspektrum mobilisiert, während es sich bei denjenigen, die den Aufmarsch durchs Stadtzentrum zu verhindern suchten, um ein breites Bündniss (nach Dresdner Vorbild) mit antifaschistischem Konsens handelte.

Bereits seit dem frühen Morgen waren gewaltbereite Faschos in der gesamten Innenstadt unterwegs, nachdem anreisende Antifabusse zunächst lange von den Bullen aufgehalten wurden (der Fahrer eines Busses aus Krakow wurde sogar bei einem Zwischenstop von sog. Patrioten mit Pfeffergas angegriffen) begann die Blockade sich ab 12h zu positionieren. Es waren ca. 1500 BlockiererInnen und ebensoviele Faschos anwesend. Da die Nazis mit aller Gewalt versuchten, ihren Marsch durchzuführen, kam es bald zu riotartigen Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Bullen. Nazis versuchten mit Eisenstangen die Blockade anzugreifen, konnten aber von engagierten Atifas zurückgedrängt werden. Der Nazimarsch kam nicht bis zum Stadtzentrum, insofern war die Blockade erfolgreich. Am Nachmittag wurde die Situation höchst unübersichtlich : Überall aggressive Nazi/Hooliganbanden, die teilweise auch Journalisten angriffen (Ein Übertragungswagen der TVN24 brannte komplett aus , ein Auto des Polnischen Radios wurde zerstört). Leider konnten nicht alle AntifaschistInnen gut aus dem Innenstadtbereich rauskommen, nachdem die Blockade aufgelöst war wurden mehrere AktivistInnen von Nazis angegriffen und relativ übel zugerichtet. Am Nachmittag kam es im Stadtteil „novy swiat“ zu starken Auseinadersetzungen zwischen Antifas und Bullen. Hierbei wurden viele Antifas – darunter auch viele aus Berlin- festgenommen. (Nach einem Bericht auf Indymedia Deutschland)

Der Kommentar eines teilnehmenden Antifaschisten aus Deutschland gibt detaillierte Angaben über Zahlenverhältnisse und Gewalt bei den Angriffen von Polizei und Faschisten: „Der Marsch konnte zwar nicht ungestört und wie geplant stattfinden, trotzdem war es kein wirklich guter Tag. Etliche Tausend (6-9 vlt?) Nazis, Hools, kath. Fundis oder Patrioten vereinigt, viele bewaffnet. Die Blockade vlt. 2,5-3000 Leute, davon gerade mal 700 Antifas. Echt bitteres Kräfteverhältnis in Polen. Hätten die Bullen die Faschos nicht bei Angriff auf die Blockade gestoppt, hätte es ohne jede Übertreibung Tote auf unserer Seite gegeben. Nächstes Jahr unbedingt, viel viel mehr Leute mitfahren! Und den polnischen Bürgern besser vermitteln warum Antifas anreisen, die Missverständnisse waren ja mal super scheiße.“ (Kommentar von afitna auf Indymedia).

Zu den Ereignissen gibt es nun eine Stellungnahme der polnischen Anarcho-Syndikalisten der ZSP (IAA-Sektion).

Stellungnahme zu den Ereignissen am 11. November in Warschau: Repression und Hysterie

Wir möchten uns bei all denjenigen bedanken, die nach Warschau gekommen sind, um sich mit dem Widerstand gegen die an diesem Tag abgehaltenen rechtsradikalen Kundgebungen solidarisch zu zeigen. Wir verfolgen das gleiche Ziel: eine Welt in der sich die Menschen gegen Neonazismus, Nationalismus, Rassismus und faschistische Ideologien vereinigen und diese Ideen auf der Müllhalde der Geschichte verschwinden. Wir verurteilen die vielen Zwischenfälle, die es rund um die Blockaden gegeben hat. Zuerst kritisieren wir jedoch die Medien und die Hysterie, die sie über die Beteiligten an den Blockaden, besonders denjenigen aus Deutschland, davor, währenddessen und danach verbreitet haben. Sie haben von Anfang an eine falsche Imago über diese Leute erzeugt. Die anreisenden AntifaschistInnen aus Deutschland wurden als paramilitärische Gruppen beschrieben. Doch zwischenzeitlich trainierten in Polen tatsächlich paramilitärische Einheiten, allerdings in den Ausbildungslagern der Rechtsradikalen. Das wird allerdings kaum wahrgenommen und natürlich verbreiteten die Medien über diese Leute, die sich ebenso für den 11. November in Warschau angemeldet hatten, keine Hysterie.

Zweitens verurteilen wir die Polizei und den Staat, der sie zu ihren Taten bevollmächtigt. Die antifaschistischen Verhafteten von Nowy Swiat, von denen die meisten gerade erst in der Stadt angekommen waren und überhaupt nichts getan hatten, verbrachten Zeit im Gefängnis, wo sie auf verschiedene Art und Weise mißhandelt worden sind. Einige wurden bedroht, unsachgemäß durchsucht, geschlagen und verbal beleidigt. Verschiedene Fälle von Polizeigewalt ereigneten sich auf der Polizeiwache Wilcza St. Während der Demonstration konnten wir die Polizei dabei beobachten, wie sie eine LRAD [akustische Waffe] in Stellung brachten, deren Einsatz gegen DemonstrantInnen in Polen nicht gestattet ist. Die Polizei benutzte Wasserwerfer, Tränengas und Gewalt und es sollte angemerkt werden, dass die Regierung solche Demonstrationen dazu benutzt um Gesetze zu verschärfen und die Aufrüstung der Polizei zu rechtfertigen. Die zunehmende repressive Macht des Staates und die Polizeigewalt haben viel mit den Fantasien der Faschisten gemein.

Wir kritisieren die Medien für die Veröffentlichung von Falschaussagen des Polizeisprechers Mariusz Sokolowski. Wir wundern uns, dass keiner der JournalistInnen nach den Waffen gefragt hat, welche die deutschen Protestierenden laut Pressemeldungen bei sich gehabt haben sollen, obwohl doch bei keinem der Verhafteten eine Waffe gefunden worden ist. Wie kann es sein, dass die Busse der Anreisenden dreimal ergebnislos durchsucht worden sind, sie dann aber, den Worten von Sokolowski nach, in Warschau mit Waffen erschienen sein sollen? Will Sokolowski etwa sagen, dass die ausführenden Beamten die Busse mit den Waffen nach Warschau rein ließen. Diese Version der Ereignisse ist sicher unglaubwürdig.

Drittens kritisieren wir das Verhalten der Gruppe Krytyka Polityczna. Als die ausländischen AntifaschistInnen in Nowy Wspanialy Swiat gewesen sind, dem Platz wo sie verhaftet wurden, sprach ein Mitglied der Gruppe zuerst mit der Polizei und dann mit den Angereisten und versicherte ihnen, dass wenn sie den Ort ruhig verlassen würden, die Polizei lediglich ihre Identät überprüft und  sie dann zur Demonstration gehen lässt. Stattdessen wurden sie verhaftet, inhaftiert, bedroht, geschlagen und vor Gericht gestellt. Wenn den Leuten von Krytyka tatsächlich von der Polizei zugesagt worden wäre, dass den angereisten DemonstrantInnen nichts passiert, dann hätte es einen öffentlichen Aufschrei geben müssen als dies nicht geschah. Stattdessen hören wir Ausreden. Desweiteren unternahm Krytyka Polityczna alles, um sich von den angereisten DemonstrantInnen zu distanzieren, da die ganzen Ereignisse ihr öffentliches Image ankratzen. Solidarität für die Verhafteten haben sie keine gezeigt. Zuletzt wollen wir unsere entschiedene Ablehnung gegen die Worte des Präsidenten Bronislaw Komorowski über die Anwesenheit deutscher AntifaschistInnen kundtun. Der Präsident verneinte, dass es in Polen ein Problem mit dem Faschismus gibt. Er ging sogar so weit zu behaupten, dass die ONR [Nationalradikales Lager] nicht als faschistische Organisation anzusehen ist. Das zeigt wie groß das Problem in Polen tatsächlich ist. Jaroslaw Kaczynski und andere PolitikerInnen bezeichneten die Anwesenheit deutscher AntifaschistInnen in Warschau als Schande für Polen. Sie verloren kein Wort über die große Gruppe angereister Neonazis: Combat 18, Blood and Honor, Jobbik, Forza Nuova, 1389 und UNA-UNSO.

Das neoliberale Establishment, das sich noch während der Regierungszeit von Lech Kaczynski über dessen rechten Tendenzen international echauffierte, wäscht sich rein und weigert sich einzugestehen, dass die heutige Regierung auch nicht viel besser ist. Wir verurteilen all diejenigen, die sich an dem Schweigen beteiligen und Entschuldigungen für die nationalistische Ideologien in Polen vorbringen.

ZSP-IAA Warschau

Quelle: Inoffizieller IAA-Blog

Fotos von den Aktionen und Ereignissen finden sich hier:

http://www.flickr.com/photos/pm_cheung/sets/72157627984373097

http://www.flickr.com/photos/boeseraltermannberlin/sets/72157627982989517

http://www.flickr.com/photos/rassloff/sets/72157628104202112/with/6335909662/

2 Kommentare leave one →
  1. Deutscher Satan in Warschau permalink
    22. November 2011 14:45

    Deutscher Satan in Warschau
    Die versuchte Beteiligung deutscher Antifaschisten an einer Demo gegen Rechte in Warschau sorgt für innenpolitische Turbulenzen

    http://www.heise.de/tp/blogs/8/150838

  2. "Tritte, Beleidigungen und Erniedrigungen" permalink
    22. November 2011 14:46

    „Tritte, Beleidigungen und Erniedrigungen“

    Antifaschisten beklagen Menschenrechtsverletzungen in polnischer Haft

    http://www.heise.de/tp/blogs/8/150880

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