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Jacobs-Uni Bremen: Nocheinmal Millionen Euro aus öffentlichen Geldern für reiche Elite-Studenten?

21. September 2011

Hier lassen Kapitalisten und Reiche ihren Nachwuchs studieren. Die Jacobs-University in Bremen, eine „Elite-Uni“ für die „Besserverdienenden“.

Bremens Private »Jacobs University« verlangt wieder öffentliches Geld. Private Sponsoren wenig spendabel.

Am 17. September feierte die private »Jacobs University Bremen« mit einem pompösen Dinner für 1500 geladene Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in der oberen Rathaushalle ihr zehnjähriges Jubiläum. Der Gründungsmythos der neuen University hatte vorgesehen, in Bremen nach dem Vorbild von Harvard und Stanford eine private Elite-Universität zu errichten. 500 Millionen Euro wollten die Gründer einsammeln und aus den Zinsen des Stiftungskapitals, aus Studiengebühren und Drittmitteln den Universitätsbetrieb finanzieren. Die am Anfang »International University Bremen (IUB)« genannte Hochschule sollte neben der Universität Witten-Herdecke die zweite private Volluniversität mit mehreren Fakultären in Deutschland werden. Ein »Leuchtturm« in der öden deutschen Hochschullandschaft sollte sie sein und dank hoher Studiengebühren (rund 20000 Euro pro Studienjahr) mit Exklusivität, Exzellenz und Internationaliät glänzen.

Allerdings konnte das Stiftungskapital nie eingesammelt und die Finanzierung nie solide begründet werden. Schon Anfang 2002 bezweifelte der Wissenschaftsrat, daß sich die neue Uni dauerhaft würde tragen können. Als das Manager Magazin im September 2006 dann einen spektakulären Verriß unter der Überschrift »Wasser bis zum Hals« brachte und von einem »munteren Dahinwurschteln ohne Finanz- und Busineßplan« berichtete, war das Scheitern des ganzen Projekts in Sichtweite (vgl. Spiegel online vom 25. März 2007). In letzter Minute betrat damals der Kaffee- und Leiharbeitsunternehmer (Adecco) Klaus J. Jacobs als Großsponsor die Bühne. 200 Millionen Euro versprach er als Spende aus seiner Jacobs-Foundation, woraufhin die Uni sich dankbar in »Jacobs University« umbenannte.

Seine Spende allerdings zahlte er zunächst in Raten von jährlich 15 Millionen Euro und versprach die Auszahlung der restlichen 125 Millionen für das Jahr 2011. Zur Bedingung machte er, daß auch das Land Bremen sich mit 25 Millionen, verteilt auf fünf jährliche Raten, an der Rettung beteilige. Im Haushalt ausgewiesen wurden die Zahlungen nie. In einer Anfrage vom 1. Oktober 2007 hatte Die Linke in der Bürgerschaft eine präzise Auskunft über die Höhe und die Abfolge von öffentlichen Bremer Finanzmitteln für die Privatuni sowie über die Absprachen bzw. Verträge für die Zahlungen verlangt. Die Antwort blieb vage. Der Bremer Senat würde »im Rahmen seiner Möglichkeiten die Sicherung und Weiterentwicklung der Jacobs University unterstützen«; aber Absprachen oder Verträge darüber gäbe es nicht. Weiter hieß es in der Senatsantwort: »Der Sponsor hat allerdings die Erwartung geäußert, daß die Wertschätzung für die Jacobs University und die angekündigte Spende auch in einem Engagement des Landes ihren Ausdruck findet.« So kam es dann auch. Wie der Weserkurier am 29. Februar 2008 berichtete, wurde dafür gesorgt, daß die Forderungen des Kaufmanns und Milliardärs Klaus J. Jacobs erfüllt wurden. »Angesichts des privaten Engagements kann man eine solche Bitte nicht ausschlagen«, hatte der Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) dazu erklärt.

Aktuell steht dem Stadtstaat wieder ein ähnliches Manöver bevor. Hinter den Kulissen wurde auf der Jubiläumsveranstaltung bekannt, daß die Privatuni schon wieder Finanzierungsprobleme habe und es schon »ein etwas konkreteres Sondierungsgespräch mit einem handverlesenen Kreis von Koalitionspolitikern gegeben« habe. Das Thema ist natürlich heikel, denn in einem der ärmsten Bundesländer seien eben, so der Weserkurier, »weitere Millionen für eine Privatuni schwer zu vermitteln«.

Den eigentlichen Grund für die erneute Bitte um öffentliches Geld aber konnte die taz in ihrem Bericht vom 17. September nennen. Der Spender der 200 Millionen weigert sich, die jetzt fällige Schlußrate von 125 Millionen tatsächlich auszuzahlen. Eine Sprecherin der Jacobs-Foundation, so die taz, habe erklärt, daß die Auszahlung sich um mindestens sechs Jahre verzögern werde. Der Wert des Kapitalstocks und die Zinssätze seien wegen der Wirtschaftskrise 2008/2009 »extremen Schwankungen« ausgesetzt gewesen, das Umfeld für privates Fundraising sei in Mitleidenschaft gezogen worden. Reimar Lüst, ehemaliger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, einer der »Gründerväter« der Privatuni und jetzt ihr erster Ehrendoktor, verweigerte auf die Frage, wieviel denn nun tatsächlich an Spenden eingesammelt werden konnte, mit dem Hinweis auf das Betriebsgeheimnis die Antwort. Die Höhe des jährlichen Defizits der Privatuni mochte er – mit der gleichen Begründung – ebensowenig beziffern.

Also muß wohl wieder das arme Haushaltsnotlagenland Bremen in den Schuldentopf greifen. »Die Wirtschaft« jedenfalls hält ihre Portemonnaies geschlossen. So lobte zwar der Präses der Bremer Handelskammer, Otto Lamotte, in seiner Rede auf der Jubiläumsveranstaltung die Privatuni in den höchsten Tönen (»… steht weltweit für Exzellenz, Transdisziplinarität, Interaktivität, Globalität und Unabhängigkeit«), stellte aber nur eine Spende in der Höhe von einer Million Euro in Aussicht.

Sönke Hundt, Bremen, Junge Welt vom 21.09.2011

2 Kommentare leave one →
  1. Das Neueste aus dem Staat der Glücklichsten mit den reichstenen Armen aller Zeiten permalink
    27. September 2011 11:04

    Glücksatlas – Bernd Raffelhüschen (Finanzwissenschaftler !!!)und seine zweifelhafte Studie im Heute Journal mit Claus Kleber vom 20.9.2011 im ZDF.

    Diese unseriöse „Glücksatlas“ Propaganda kam auf allen Kanälen den ganzen Tag! Diese Gehirnwäsche und Meinungsmache nervte wirklich!

    „Glücksatlas“ auf allen Kanälen — ein weiterer Beleg für die weite Verbreitung des gesteuerten Kampagnenjournalismus.

    weiterlesen http://www.nachdenkseiten.de/?p=10783

  2. +++ Die Bildung als Widersacher des Geistes ~ Vortrag Magnus Klaue +++ Die alternativlose Universität ~ Zur Kritik des Studierens, der Universität & der Wissenschaft +++ permalink
    22. Mai 2016 01:48

    Die Bildung als Widersacher des Geistes ~ Vortrag Magnus Klaue

    „Alle rufen nach Bildung. Nicht erst seit den studentischen Protesten, den diversen Pressekonferenzen und Universitätsversammlungen der Rektoren im Oktober kann man den Eindruck gewinnen, die Bildung in Österreich sei dabei, zum höchsten nationalen Heiligtum zu werden und selbst dem alpinen Schilauf den Platz streitig zu machen. Da das „bildungspolitische Bild tragisch und erschütternd“ sei, wie ein Rektor feststellt, sollte es, wie ein anderer sekundierte, „eine nationale Strategie geben“ wie für „Schifahrer auch“, um dieser Misere abzuhelfen. Schließlich sind Bildungsausgaben Zukunftsausgaben, die weiter reichen als bis zur nächsten Weltmeisterschaft.

    Aber auch die Studierenden bemängeln hauptsächlich, dass die momentane Bildungspolitik verkenne, wie groß der „gesellschaftliche Wert von Bildung“ sei, und fordern Bildung für alle und wollen gar der „Bildung an sich“ zu ihrem Recht verhelfen. Dieser bildungspolitische Amoklauf, in dem sich Lehrer, Forscher und Studenten der Sache nach weitgehend einig sind, zeugt von einer frappierenden Geschichtsvergessenheit.

    Bezeichnet doch der bei Goethe und Humboldt noch im Sinne emphatischer Individuation verstandene Begriff der Bildung in Deutschland spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine Reihe von Schandtaten. Insbesondere richtet er sich gegen den „Geist“, dessen Wurzellosigkeit, Flüchtigkeit, Insistenz und zersetzender Kraft mit der Bildung ein Prinzip intellektueller und sittlicher Bodenhaftung gegenübergestellt werden soll.

    Wie die Dichotomisierung von Bildung und Geist sich im deutschen Sprachraum historisch entwickelt hat, wie sie mit dem Kapitalverhältnis bzw. dessen falscher Aufhebung zusammenhängt, und weshalb die „Geisteswissenschaften“ heute völlig zurecht durch die „Kulturwissenschaften“ ersetzt werden, möchte der Vortrag in Rekurs auf die Verteidigung des Bildungsbegriffs bei Horkheimer und Adorno zu klären versuchen.

    Magnus Klaue lebt in Berlin, arbeitet für die Jungle World und ist Koautor des Bandes „Gegenaufklärung. Der poststrukturalistische Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“, der demnächst im ça ira-Verlag erscheint.“ (Text, Quelle & MP3: https://audioarchiv.wordpress.com/201…)

    http://www.ca-ira.net

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    Die alternativlose Universität ~ Zur Kritik des Studierens, der Universität & der Wissenschaft

    „Die wissenschaftliche Veredelung des gesellschaftlichen Unglücks ist Thema der nächten Minuten. Wir hören Gedanken des Leipziger AK Gesellschaftskritik zur Kritik des Studierens, der Universität und der Wissenschaft.“ (MP3, Text & Quelle: https://www.freie-radios.net/62286)

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