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Geschichte der IAA (Teil 2)

17. Mai 2011

Geschichte der IAA (Teil 2)

Rudolf Rocker: „Der Sozialismus und die Grundsätze der IAA“

Dies ist der zweite Teil einer Serie von 11 Teilen über die IAA, die den Kapiteln der Schrift „I. A. A. – 10 Jahre Internationaler Klassenkampf“ entsprechen. Eine Gedenkschrift zum 10-jähringen Bestehen der Internationalen Arbeiter-Assoziation von 1921-1931, mit Berichten von Augustin Souchy, Rudolf Rocker, Alexander Schapiro, Albert Jensen, Arthur Müller-Lehning, Pierre Besnard, Eusebio C. Carbo, Avelino Gonzalez Mallada, Armando Borghi, Gerhard H.W.: (d.i. Gerhard Wartenberg). Diese Schrift erschien 1932 in „Der Syndikalist“.

Rudolf Rocker

DER SOZIALISMUS UND DIE GRUNDSÄTZE DER IAA

Es ist bezeichnend, dass gerade heute so oft und so nachdrücklich von der „Einheitsfront des Proletariats“ gesprochen wird, heute, wo der blinde Bruderhass der sozialistischen Parteien untereinander die Arbeiterbewegung aller Länder bis zu einem Grade zersplittert hat, von dem man sich vor dem Kriege keine Vorstellung machen konnte. Nie vorher war die Arbeiterschaft geistig und organisatorisch so zerklüftet und zerrissen, nie vorher hatte sie ihr großes Endziel, die Überwindung der kapitalistischen Staats- und Gesellschaftsordnung so sehr aus dem Auge verloren, um ihre Kräfte im inneren Streitigkeiten zu verzetteln, ihre Aktionsfähigkeit nutzlos zu vergeuden, die sie gerade heute nötiger hätte als je zuvor. Denn nie vorher drohte ihr eine solche Gefahr, nie vorher stand ihre ganze nächste Zukunft so sehr auf dem Spiele wie heute, wo Faschismus und Monopolkapitalismus die ganze Welt unter ihre Füße zu treten versuchen.

Um diese Gefahr zu bannen, kann den Arbeitern die sogenannte „Einheitsfront“, die gerade von denen am lautesten gepredigt wird, die bisher zu der jetzigen Zersplitterung der Arbeiterbewegung am meisten beigetragen haben, wenig helfen; denn es ist nicht der Rahmen der äußeren Organisationsform, der hier Rettung bringen kann, sondern vor allem die klare Erkenntnis des großen Zieles und der taktischen Mittel, welche diesem Ziele angemessen sind. Wer nur in der Organisation sein Heil sucht und sich einredet, dass man lediglich durch ein mechanisches Zusammenfassen der werktätigen Massen dem großen Ziel der sozialen Befreiung näherkommen könne, täuscht sich und andere. Organisation ist nie Ziel und Zweck, sondern immer nur Mittel zum Zweck, Weg zum Ziel, Werkzeug für die Verteidigung der geistigen und materiellen Bestrebungen der Arbeiterklasse. Eine Organisation erfüllt nur dann ihren Zweck, wenn sie von einem klaren Ziel getragen wird und vor allem, wenn sie von jenem tiefen Glauben an die Gerechtigkeit einer Sache beseelt wird, der bisher noch stets die treibende Kraft aller großen gesellschaftlichen Umwälzungen in der Geschichte gewesen ist. Nur wenn sie durchdrungen ist von jenem lebendigen Geiste, der aus sich heraus immer Neues schafft und sich in keiner toten Dogmatik festläuft, hört sie selber auf, ein mechanischer Begriff zu sein und wird eine durch die sozialen Zusammenhänge des Lebens bedingte Erscheinung, ein organisch Gewordenes und stets Werdendes, das in den unzähligen und mannigfachen Bedürfnissen der Menschen seine Wurzel findet.

Die innere Einheit des werktätigen Volkes bedeutet daher kein willkürliches Zusammenkoppeln einander widerstrebender Elemente unter dem Zwange einer geistlosen Disziplin, die nur von der Zahl, nie von der inneren Überzeugung ausgeht; sie muss vielmehr dem Gesamtbedürfnis eines gemeinschaftlichen Zieles entspringen, das in jedem Einzelnen seinen Ausdruck findet. Nicht darauf kommt es an, alle unter einen Hut zu bringen, sondern darauf, dass ein Ziel klar erkannt und der Weg, der zu ihm führt, mit ungetrübter Erkenntnis und innerer Überzeugung beschritten wird. Aber gerade deshalb wird eine politische Partei am aller wenigsten imstande sein, die Werktätigen als Klasse zusammenzufassen, denn Partei bleibt immer Teil, Bruchstück eines Ganzen, das bewusst oder unbewusst dem Ganzen seine Sonderziele von außen aufzudrängen sucht. Nicht die   e i n e   Organisation ist das Entscheidende, sondern die Gemeinschaftlichkeit der Bestrebungen, der Ziele und Methoden.

Wenn die IAA vor zehn Jahren trotz der bereits bestehenden internationalen Verbindungen der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen großer Teile der Arbeiterschaft ins Leben getreten ist, so war es nicht deshalb, weil ihre Gründer den vorhandenen internationalen Gebilden ohne Not noch ein anderes Gebilde beigesellen wollten, sondern weil sie fest davon überzeugt waren, dass es sich zwischen ihnen und den anderen in erster Linie um zwei verschiedene Auffassungen des Sozialismus handelte, die sich auch verschieden in der ganzen Stellung der Arbeiterbewegung und ihrer Methoden auswirken müssen. Eine ganze Anzahl der Landesorganisationen, die der IAA heute angeschlossen sind, glaubten damals, als der Weltkrieg zu Ende war, in der neu gegründeten „Roten Gewerkschafts-Internationale“ eine gemeinschaftliche Basis für die soziale Befreiung der Arbeiterklasse und der Menschheit im allgemeinen finden zu können, aber sie mussten bald einsehen, dass ihre Bemühungen aussichtslos waren, wenn sie sich nicht unter die Diktatur einer politischen Partei stellen und damit ihre alten Grundsätze kampflos preisgeben wollten.

Vor allem kommt es darauf an, welche Auffassung man über den Sozialismus hat, welche Vorstellungen man mit dem Begriff einer sozialen Revolution verbindet. Der moderne Sozialismus entstand in einer Zeit, als es den tieferen Beobachtern des gesellschaftlichen Lebens immer klarer wurde, dass politische Verfassungen und Änderungen der Regierungsformen nicht imstande sind, jenem großen Problem auf den Grund zu kommen, das wir die „soziale Frage“ nennen. Man erkannte, dass eine gesellschaftliche Gleichstellung der Menschen, trotz der schönsten theoretischen Voraussetzungen, nicht möglich ist, solange die Menschen auf Grund ihres Besitzes oder ihrer Besitzlosigkeit in verschiedene Klassen getrennt sind, deren Existenz jeden Gedanken einer wirtschaftlichen und sozialen Gemeinschaft von vornherein ausschließt. So entwickelte sich die Erkenntnis, dass nur durch die Beseitigung des Besitzmonopols und die Gemeinschaftlichkeit der Produktionsmittel, mit einem Wort durch die Reorganisation der gesamten Wirtschaftsbedingungen ein Zustand sozialer Gerechtigkeit zu schaffen sei, wo die Gesellschaft wirklich Gemeinschaft wird und die Arbeit nicht mehr dem Zwecke dient, die Besitzinteressen kleiner Minderheiten zu fördern, sondern die Bedürfnisse aller zu befriedigen.

Aber der sozialistische Gedanke, der so in den Köpfen hervorragender Geister entstanden war, die sich bemühten, die Gegensätze des gesellschaftlichen Lebens zu entwirren, konnte nur eine Bedeutung gewinnen, wenn er seinen geistigen Niederschlag in einer großen, allgemeinen Bewegung fand, die bestrebt war, die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse von Grund aus zu ändern und eine neue soziale Ordnung aufzubauen. Dieses konnte nur eine Bewegung der werktätigen Massen sein, nicht weil der Arbeiter von Natur aus ein besserer Mensch und den Ideen sozialer Gerechtigkeit zugänglicher ist als andere, sondern weil er durch seine schöpferische Tätigkeit die ganze Gesellschaft in den Angeln hält und jeden Tag zu neuem Leben erweckt. Durch die Verbindung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung wurde sozusagen erst die Möglichkeit geschaffen, die kapitalistische Gesellschaft zu überwinden und einer neuen sozialen Ordnung der Dinge den Weg zu ebnen.

Aber sobald der Sozialismus anfing, seine Kräfte zu sammeln und eine Bewegung zu werden, traten auch sofort gewisse Ideenunterschiede zutage, die durch die soziale Umwelt bedingt waren, deren Einflüssen sich auch der Sozialist nicht entziehen konnte. Es gab besonders zwei große politische Geistesströmungen, die für die Entwicklung der sozialistischen Ideen und Bewegungen von entscheidender Bedeutung gewesen sind: der Liberalismus, der besonders die vorgeschrittenen Geister in den anglo-sächsischen Ländern mächtig anregte, und die Demokratie in dem neueren Sinne, wie sie Rousseau in seinem „Gesellschaftsvertrag“ zum Ausdruck gebracht hatte. Während der Liberalismus in seinen sozialen Betrachtungen vom Einzelwesen ausging und die Betätigung des Staates auf ein Minimum begrenzen wollte, fußte die Demokratie in einem abstrakten Kollektivbegriff, dem Rousseauschen „Gemeinwillen“, den sie im nationalen Staate zu verankern suchte. Den Trägern des Liberalismus kam es vor allem darauf an, dem Menschen eine bestimmte Sphäre zu sichern, in die der Staat nicht eindringen konnte und sie sich in dem Maße erweiterte, als die gesellschaftlichen Funktionen des Staates eingedämmt und durch eine höhere soziale Entwicklung immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurden. Die moderne Demokratie aber, welche durch die französische Revolution einen so mächtigen Aufschwung genommen hatte, suchte von Anfang an das Gebiet der staatlichen Betätigung möglichst zu erweitern, damit der sogenannte „Gemeinwille“ in allen Phasen des gesellschaftlichen Lebens richtig zum Ausdruck komme.

Liberalismus und Demokratie waren zunächst nur politische Begriffe, und da die große Mehrheit ihrer ursprünglichen Träger an dem Besitzrecht im alten Sinne festhielt, so mussten sie beide versagen, sobald man aus dem Gebiete der Theorie in die praktische Wirklichkeit des Lebens trat: die Demokratie mit ihrer Fiktion einer „Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz“, der Liberalismus mit seiner „Wahrung der persönlichen Rechte des Einzelwesens“. Solange Millionen Menschen gezwungen waren, ihre Arbeitskraft den Monopolisten zu verkaufen und zum grässlichsten Elend verdammt waren, wenn sie keinen Käufer fanden, solange war die sogenannte „Gleichheit vor dem Gesetz“ nur eine fromme Lüge, da ja die Gesetze von jenen gemacht wurden, welche die wirtschaftlichen Reichtümer der Gesellschaft ihr eigen nannten. Solange konnte aber auch vor einer „Wahrung der persönlichen Rechte“ keine Rede sein, denn man besitzt kein persönliches Recht, wenn man gezwungen ist, sich dem wirtschaftlichen Diktat eines anderen zu unterwerfen oder zu verhungern. Nichtsdestoweniger haben beide Richtungen auf die Entwicklung des Sozialismus und der sozialistischen Bewegung den stärksten Einfluss ausgeübt und ihm seinen politischen Stempel aufgedrückt.

Während die Anhänger des sogenannten Staatssozialismus alles daran setzten, die gesellschaftlichen Umformungen in die Hände des Staates zu legen und aus diesem Grunde die „Eroberung der politischen Macht“ auf ihre Fahnen schrieben, ja diese als erste Voraussetzung für die Verwirklichung des Sozialismus betrachteten, erklärte der freiheitliche Flügel des Sozialismus, dass der Staat jener Aufgabe nie gewachsen sei, da er ja nur der Bundesgenosse und Beschützer der Monopolwirtschaft sei und man den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben könne. Staat und Besitzordnung sind miteinander verwachsen wie das siamesische Zwillingspaar, man kann dem wirtschaftlichen Monopolismus nicht den Krieg erklären, ohne die staatliche Ordnung der Dinge zu berühren, denn wirtschaftliche Ausbeutung und politische und soziale Unterdrückung sind in der Geschichte stets Hand in Hand gegangen. Deshalb muss der Kampf des Sozialismus gegen die bürgerliche Eigentumsordnung auch in derselben Zeit ein Kampf gegen ihren Beschützer, den Staat, sein, und wenn die erstere einst unter diesem Anprall der revolutionären Kräfte zusammenbrechen wird, dann ist erst recht die Daseinsberechtigung des Staates verwirkt, der ja nur der Verteidiger und Schöpfer der Monopolwirtschaft ist.

In der ersten Internationale, in der sich zum erstenmal alle Richtungen der Arbeiterbewegung und des Sozialismus in einem großen Bunde zusammenfanden, waren es diese Fragen und ihre notwendigen Begleiterscheinungen, die zu jener großen Spaltung der Arbeiterbewegung führten, deren Wirkungen sich noch heute fühlbar machen. Und wie heute diejenigen, welche für die gegenwärtige Zersplitterung der Arbeiterklasse in erster Linie verantwortlich sind, am lautesten nach der „Einheitsfront des Proletariats“ schreien, so haben damals dieselben Männer, die das schöne Wort prägten von der „Befreiung der Arbeiterklasse, die das Werk der Arbeiter selber sein müsse“, die Arbeiterschaft praktisch zur Ohnmacht verurteilt, indem sie ihr die Beteiligung an der parlamentarischen Politik des bürgerlichen Staates als obligatorische Pflicht aufgedrängten und damit die Spaltung der Internationale provozierten.

Die Entwicklung, welche die Arbeiterbewegung nach dem Untergang der ersten Internationale in den meisten Ländern genommen hat, hat uns die verhängnisvollen Ergebnisse dieser Taktik mit aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Durch die Beteiligung an der Politik des bürgerlichen Staates ist die Arbeiterschaft nirgends dem Sozialismus auch nur um Haaresbreite näher gekommen, wohl aber ist der Sozialismus, dank dieser Methode, völlig verflacht und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt worden. Das alte Wort: „Wer beim Papste isst, stirbt daran!“ hat sich auch hier bewahrheitet. Wer vom Staate isst, geht darin zugrunde, denn die Beteiligung an der parlamentarischen Politik wirkte wie ein schleichendes Gift auf die Arbeiterbewegung und den Sozialismus und tötete vor allem ihren Glauben an die Notwendigkeit des schöpferischen Tuns, ihre Entschlusskraft zum Selbsthandeln, indem sie ihr den verderblichen Wahnglauben einimpfte, dass alles Heil von oben komme. Wie verhängnisvoll sich dieser Wahn gerade in Deutschland auswirkte, wo er am tiefsten in den sozialistisch organisierten Massen Wurzeln geschlagen hatte, haben wir nach dem Kriege am besten beobachten können. Sogar ein bürgerliches Blatt wie die „Frankfurter Zeitung“ durfte mit Recht schreiben, dass bisher keine Revolution so beschämend arm an schöpferischen Ideen gewesen sei als die Novemberrevolution von 1918. Keine einzige Spur einer großen wirtschaftlichen oder auch nur einer politischen Idee, ein vollständiges Versagen der Arbeiterbewegung, die Millionen politisch und gewerkschaftlich organisierter Arbeiter zählte, und ein langsames Hinabgleiten in den Sumpf der heutigen Reaktion, ohne dass man auch nur einen ernsthaften Versuch machte, dem Übel zu wehren. Das hineinwachsen in den heutigen Staat, die Herabwürdigung der Arbeiterbewegung zum Bestandteil dieses Staates konnten zu keinem anderen Ergebnis führen.

Eine der wichtigsten Ursachen dieser eingerissenen Ideenverwirrung ist die grundfalsche Auffassung von der untergeordneten Bedeutung des Staates, die zu einer vollständigen Verkennung der machtpolitischen Faktoren in der Geschichte geführt hat. Unter dem Einfluss des marxistischen Dogmas von der alles überragenden und alles entscheidenden Bedeutung der jeweiligen Produktionsverhältnisse hat man sich daran gewöhnt, die verschiedenen Staatsformen und alles andere nur als den „juristischen und politischen Überbau“ einer bestimmten ökonomischen Struktur der Gesellschaft zu betrachten und glaubt in dieser „ökonomischen Struktur“ den Schlüssel für alles gesellschaftliche Geschehen gefunden zu haben. In der Wirklichkeit gibt uns jeder Abschnitt der Geschichte tausend Beispiele, wie durch gewisse Staatsformen und bestimmte machtpolitische Bestrebungen kleiner Minderheiten die ökonomische Entwicklung eines Landes oft auf Jahrhunderte hinaus zurückgeworfen oder in bestimmte Formen gezwängt wurde.

Spanien war vor der Entstehung der klerikalen Monarchie eines der industriell vorgeschrittensten Länder Europas. In manchen Wirtschaftszweigen, wie z. B. in der Seidenweberei, in der Erzeugung feiner Tücher und ausgezeichneter Stahlwaren usw. nahm es den ersten Platz ein. Alle Handwerke standen in voller Blüte, das ganze Land glich einem blühenden Garten, der durch eine wunderbare und weitverzweigte Kanalisation fruchtbar gehalten wurde. Hundert Jahre nach dem Triumph der christlichen Monarchie waren die meisten Industrien verschwunden; und was noch von ihnen übrig geblieben war, existierte in kümmerlichen Formen weiter. In vielen Handwerken war man zu den primitivsten Methoden zurückgekehrt. Die Landwirtschaft ging zugrunde, Kanäle und Landstraßen gerieten in Verfall, und das ganze Land verwandelte sich in eine Wüste. Bis zum heutigen Tage hat sich Spanien von diesem furchtbaren wirtschaftlichen Rückgang nicht erholt. Die machtpolitischen Bestrebungen einer bestimmten Kaste hatten die wirtschaftliche Entwicklung auf Jahrhunderte brachgelegt.

Die sogenannten Albigenserkriege [1], welche das südliche Frankreich, damals der kulturell und wirtschaftlich entwickeltste Teil von ganz Europa, in Schutt und Trümmer legten und seine ökonomische Entwicklung auf lange Zeit zurückwarfen, verdanken ihre Entstehung den machtpolitischen Bestrebungen des Papsttums, die von den französischen Königen deshalb unterstützt wurden, weil sie ihren eigenen politischen Einheitsbestrebungen günstig waren. Und hat nicht die absolute Monarchie durch ihre sogenannten „Wirtschaftsregulationen“ und „industriellen Gesetzgebungen“, die jede Abweichung von den vorgeschriebenen Produktionsmethoden auf das strengste bestrafen und keine neuen Erfindungen zuließen, die wirtschaftliche Entwicklung in Europa um Jahrhunderte gehemmt?

Und sind es nicht machtpolitische Bestrebungen, die bis heute jeden Ausweg aus der gegenwärtigen Krise immer wieder vereitelt haben und die Zukunft ganzer Länder politisierenden Generalen und anderen machtpolitischen Abenteurern auslieferten? Einen anderen Beweis bietet das heutige bolschewistische Russland, wo die machtpolitischen Bestrebungen einer bestimmten Partei bisher jeden wahrhaft sozialistischen Aufbau der Wirtschaft unterbunden und das Land der furchtbarsten Staatssklaverei und einem aufkommenden Staatskapitalismus in die Arme jagten, deren Tragweite für die zukünftige Entwicklung Europas die meisten kaum ahnen. Es handelt sich daher in den ganzen heutigen Bestrebungen der Arbeiterschaft um zwei verschiedene Auffassungen des Sozialismus, die bereits in der Vergangenheit ihre Rolle spielten, für die Zukunft aber von entscheidender Bedeutung sind. Wirtschaftliche Gleichheit ist noch keine Befreiung. Auch im Gefängnis, im Kloster, in der Kaserne besteht ein ziemlich hochentwickelter Grad von wirtschaftlicher Gleichheit: die gleiche Wohnung, die gleiche Uniform, das gleiche Essen, der gleiche Dienst. Der alte Inkastaat in Südamerika und der Jesuitenstaat von Paraguay hatten die gleichmäßige wirtschaftliche Versorgung aller Einwohner in ein festes System gebracht, aber trotzdem herrschte dort der schlimmste Despotismus und der Einzelne war nur der Automat eines höheren Willens. Aus diesem Grunde wäre ein Sozialismus ohne Freiheit vielleicht die schlimmste Sklaverei, die man sich überhaupt vorstellen kann. Der Drang zur sozialen Gerechtigkeit kann sich nur entfalten, wenn er in dem persönlichen Freiheitsgefühl des Menschen seinen Ursprung findet, mit anderen Worten: Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein.

In dieser Erkenntnis liegt die eigentliche und tiefste Existenzberechtigung der IAA und der ihr angeschlossenen Landesorganisationen. Der Kampf, der sich heute zwischen den verschiedenen kommunistischen Parteien und der Sozialdemokratie abspielt, hat trotz der Heftigkeit, mit der er geführt wird, keine tiefere grundsätzliche Bedeutung, und er wird nur so lange fortgesetzt werden, als die russische Regierung in jenen Parteien ein passendes Werkzeug ihrer äußeren Politik erblickt und sie in diesem Sinne beeinflussen wird. Kommunisten und Sozialdemokraten stehen grundsätzlich auf dem selben Boden und unterscheiden sich auch in ihren taktischen Mitteln nicht wesentlich voneinander. Beide sind Staatssozialisten und erstreben einen Zustand, den man nur als Staatskapitalismus bezeichnen kann. Die Ausführungen prominenter sozialdemokratischer Führer auf dem Kongress der österreichischen Sozialdemokratie bestätigen diese Auffassung. Deshalb darf man sich durch die bittere Außenseite dieses Bruderkampfes nicht blenden lassen; auch die Kämpfe zwischen Lassalleanern und Marxisten wurden seinerzeit nicht mit Glacéhandschuhen geführt; die Frage ist, ob eine gemeinschaftliche Basis für eine eventuelle Vereinigung gegeben ist, und darüber besteht kein Zweifel.

Für die IAA besteht eine solche Basis heute weniger als je. Nie zuvor hatte der freiheitliche Sozialismus eine solche moralische Bedeutung als gerade heute, wo die ganze Welt von einer wütenden Reaktion heimgesucht wird, die nicht nur in den Kreisen der Regierungen ihre Stützen findet, sondern tief hinein in die Massen der Völker greift und sie mit dem Geiste der Staatsgläubigkeit erfüllt. Das furchtbarste Übel unserer Zeit ist nicht die politische Reaktion, die heute überall in der Form des Faschismus oder ähnlicher Bestrebungen die Gesellschaft bedroht; die größte Gefahr ist die geistige Reaktion, welche die Menschen für jene Bestrebungen empfänglich macht. Aus diesem Grunde ist auch das kleinste Zugeständnis, das heute dem faschistischen Nationalismus oder dem russischen Staatskapitalismus gemacht wird, ein verlorenes Stück Feld für den Sozialismus, ein Verrat an der menschlichen Freiheit, ein Dolchstoß gegen die soziale Revolution der Zukunft.

Solange die IAA dieser Auffassung eines herrschaftslosen Sozialismus treu bleibt, ist ihre Existenz nicht nur berechtigt, sondern von der allergrößten Notwendigkeit, einerlei, wie groß oder wie klein die Zahl ihrer Anhänger im Vergleich mit den Parteien und Richtungen des autoritären Sozialismus immer sein möge. Nicht auf die Zahl kommt es an, sondern auf den Geist einer Bewegung, auf das, was in die Zukunft weist und neue Sehnsucht in den Herzen der Erniedrigten und Beleidigten erweckt wird, damit sie aus eigener Kraft den Weg finden, der sie ins Neuland des Sozialismus führen wird.

Die IAA verspricht den Armen dieser Erde kein Paradies, das ihnen kampflos seine Türen öffnen wird. Jeder Fußbreit Boden muss erstritten werden; kein Recht fällt den Unterdrückten im Schlafe in den Schoß, sondern nur durch rastlose, unermüdliche Arbeit, die keinen Augeblick das große Ziel aus dem Auge verliert, zu dem wir streben. Und wie die Reorganisation der neuen Gesellschaft nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann, da kein wie immer gearteter Staat zu dieser Aufgabe fähig ist, so kann ihnen in ihren Kämpfen gegen politische und wirtschaftliche Unterdrückung nur die direkte Aktion als Mittel dienen. Methoden sind keine nebensächlichen Fragen, deren Bedeutung durch die Umstände selbst entschieden wird. Umstände entscheiden über die äußeren Formen der Methoden, aber nie über ihren eigentlichen Charakter. Die Methoden einer Bewegung sind stets das Ergebnis ihrer Ziele und Grundsätze. Wer die Eroberung der politischen Macht als Vorbedingung für die Verwirklichung des Sozialismus betrachtet, der wird auch der Tagespolitik des heutigen Staates die Beteiligung nicht versagen können. Wer aber begriffen hat, dass nicht die Eroberung, sondern die Beseitigung der Macht aus dem Leben der Gesellschaft das politische Ziel des Sozialismus sein muss, wenn er sich nicht selbst aufgeben will, der muss auch im Kampfe ums tägliche Brot und um jedes Stückchen Freiheit andere Wege gehen, denn er weiß, dass jedes Recht erkämpft werden musste und niemals ein Almosen des Staates gewesen ist. Nicht um die Eroberung der Macht geht es für die Arbeiter, sondern um die Eroberung des Grund und Bodens, um die Eroberung der Betriebe, um das Schaffen einer Gesellschaft, die weder die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, noch die Herrschaft des Menschen über den Menschen kennen wird. Das ist das Ziel, das ist der Weg der Internationalen Arbeiter-Assoziation. Sie dient keiner Partei, keinem Staate; sie ist kein Werkzeug für eine wie immer geartete Diktatur, die immer wieder zu der Entwicklung einer neuen herrschenden Kaste führen muss und den Weg zur Befreiung durch neue Hindernisse verrammelt. Nur in diesem Sinne gilt für sie das Wort: „Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiter selbst sein!“ Die Befreiung der Arbeit aber vom Joche der Ausbeutung und der politischen Versklavung wird die Befreiung der ganzen Menschheit sein.

R. Rocker.

[1] Der Albigenserkreuzzug (1209 bis 1229) war ein von Papst Innozenz III. initiierter Kreuzzug gegen die Katharer in Okzitanien (Südfrankreich). Die Katharer wurden auch als Albigenser bezeichnet. Er leitete den Untergang der Katharer ein und brachte als politisches Ergebnis die Eingliederung Okzitaniens in den Herrschaftsbereich der französischen Krone. Im Unterschied zu anderen Kriegen, die gegen die Katharer und andere christliche Häresien unternommen wurden, besaß nur der Albigenserkreuzzug von 1209-1229 den offiziellen Status eines Kreuzzugs. Der Albigenserkreuzzug war der einzige Ketzerkreuzzug, der gegen ein christliches Land geführt wurde. WIKIPEDIA

Siehe auch:

Geschichte der IAA (Teil 1)

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