Zum Inhalt springen

Sylvin Rubinstein ist tot

5. Mai 2011

In der Nacht zum 30. April starb in Hamburg Sylvin Rubinstein im Alter von 98 Jahren. Er wurde am 4.5. auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf begraben.

“Es war ein schwerer Abschied von einem mutigen Leben” schreibt sein Biograph Kuno Kruse in einer Email. Kruse berichtet über seine ersten Begegnungen mit Sylvin: „Als mir Sylvin Rubinstein seine Geschichte erzählte, blieb sie mir so unfassbar, dass ich sie kaum glauben mochte: Ein Mann, der in Frauenkleidern für seine Schwester tanzte, weil sie ermordet wurde; ein Major der Wehrmacht, der Anfang der 40er Jahre in Polen unter seinen Kameraden einen Widerstandskreis aufbaute, der gemeinsam mit polnischen Partisanen gegen die Nationalsozialisten kämpfte und jüdische Kinder versteckte. Dieses Leben musste dokumentiert werden. Und dieser Mensch, dessen Sprache die Bewegung ist, der Atemlosigkeit entstehen lässt und Trauer, unter deren Last er selbst zusammenbricht und die er doch täglich zu bezwingen sucht. Marian Czura und ich reisten mit ihm an die Orte seiner Erinnerung. Immer wieder brach er aus, stieß die Kamera um, die er kaum ertragen konnte, haderte mit uns, die wir ihn immer wieder seinen Erinnerungen aussetzten, meinte Misstrauen zu spüren, wenn wir immer wieder nachfragten. Wir kamen an einen Ort in Polen, in dem die Alten ihren Enkeln von dem Mann erzählten, der die Juden versteckte und in Frauenkleider verhüllt Attentate verübte. Wir stießen auf alte Amateurfilme, die den Major und seine Truppe zeigten, und ihn, wie er in Frauenkleidern getarnt 1942 in der Kleinstadt agierte. Und endlich fassten wir das Unfassbare.“

Sylvin kam im Januar 2008 zu zwei Veranstaltungen nach Stuttgart und Stetten im Remstal und war eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten, die wir je zu Gast hatten – Tänzer, Widerstandskämpfer, Internationalist und Zeuge des Jahrhunderts.

Was bleibt ist das Buch von Kuno Kruse “Dolores & Imperio – Die drei Leben des Sylvin Rubinstein” (leider nur noch antiquarisch erhältlich) und der dazugehörige Film.

Siehe auch den Eintrag auf der Wikipedia

erstellt am 4. Mai 2011 · auf: http://www.die-anstifter.de/?p=9758

Film: „Er tanzte das Leben“

Deutschland 2003, von Marian Czura, 90 Min.

Der Film erzählt das bewegte Leben des heute in Hamburg St. Pauli wohnenden, 1914 bei Moskau geborenen jüdischen Flamencotänzers Sylvin Rubinstein. Mit seiner Zwillingsschwester wurde er in den großen Varietés Europas gefeiert. Beide fliehen aus dem Warschauer Ghetto. Sie sahen sich nie wieder. Nach dem Krieg, in Deutschland, wurde er auf der Bühne zu Dolores. Ihr huldigt und gedenkt ihr im Tanz.

Aufführung: Sonntag, 15. Mai 2011, 17 Uhr Kommunales Kino METROPOLIS, Steindamm 52/54 – 20099 Hamburg http://de.wikipedia.org/wiki/Er_tanzte_das_Leben

6 Kommentare leave one →
  1. J.B. permalink
    5. Mai 2011 09:39

    Imperio und Dolores – Sylvin Rubinstein und der Flamenco

    Einleitung

    Was hat Crossdressing mit einem alten jüdischen Flamencotänzer aus St. Pauli zu tun? Was mit den Grausamkeiten des zweiten Weltkrieges und dem Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht?

    Was verbindet den Tod einer jungen Jüdin mit einem alten Mann?

    Flamenco!

    Sylvin Rubinstein!

    Ob er noch lebt?

    Ich weiß es nicht. Aber ich finde es wichtig, dass er gelebt hat und dass seine Geschichte bekannt ist. Insbesondere bei den Menschen, die das gleiche tun wie er: in die Rolle einer Frau schlüpfen. Gerade weil er es aus ganz besonderen Gründen tat.

    Transen sollten Sylvin Rubinstein kennen!
    Anfänge

    Sylvin und seine Zwillingsschwester Maria wurden 1914 als Kinder einer jüdischen Tänzerin geboren. Der Vater soll der russische Fürst Dodorow gewesen sein, der während der Revolution ermordet wurde.

    Sie wuchsen im polnischen Exil und in Lettland auf. Als die Mutter ihr Talent zum Tanzen erkannte, sandte sie die Kinder zu Madame Litwinowa, der großen russischen Solistin, nach Riga.

    Kaum flügge, pfiffen sie auf das klassische Ballett.
    Der Flamenco uns hat gelegen. Er ist maurisch, ist hebräisch, und die Zigeuner haben ihn bewahrt.“

    Als Flamencotänzer Imperio und Dolores feierten Sylvin und Maria in den Varietés der 1930er Jahre Triumphe zwischen Berlin und Buenos Aires.

    Rubinstein war schon öfter in Frauenkleider gestiegen war, wenn statt ihm und seiner Schwester zwei Tänzerinnen engagiert werden sollten.
    Krieg

    Dann kamen die Nazis nach Polen und das Grauen begann Im Herbst 1940 wurden alle Juden ins Ghetto getrieben. Tagelang kauerten Sylvin und Maria in einem überfüllten Treppenhaus. Sylvin erkannte damals: „Hier finden wir nur den Tod.“

    Die Zwillinge flüchteten aus dem Ghetto und tauchten im „arischen“ Teil Warschaus unter. Seine Schwester war nach Osten aufgebrochen.
    Sie wollte gehen, die Mama holen, Sala und die Kinder. Und ist nie gekommen wieder.“

    Das war 1942. Sie fuhr nach Brody in Galizien, dort, wo heute die Ukraine ist. Sie hatte zu ihm gesagt: „Ich komme durch, ich sehe nicht jüdisch aus.“

    Er hat sie nie wiedergesehen. Ebensowenig wie seine Frau Sala Gutmann mit ihren Kindern und seine Mutter.
    Ich habe vielleicht nur überlebt, weil ich anderen geholfen habe.“

    Rubinstein hatte eine unglaubliche Kraft zum Widerstand. Er engagierte sich im Warschauer Ghetto und geriet später an Major Kurt Werner, der vor dem Krieg Grundschullehrer in Berlin-Kreuzberg war. Werner arbeitete für den britischen Geheimdienst. Von Berlin aus, wohin Rubinstein 1942 unter dem Decknamen Sylvin Turski als ungarischer Ostarbeiter gekommen war, arbeitete er später in Polen im Widerstand.
    Es war eine heißes Leben. Aber ich bin eine Hyäne. Ich hab das gerne gemacht“

    Er versteckte jüdische Kinder in Klostern, stahl Papiere , die aus Jüdinnen Arierinnen machten, besorgte Waffen für den Widerstand oder Lebensmittel.

    Maria Theresa Cordelli gehörte dabei zu seinen Glanzrollen: als elegante italienische Journalistin begleitete er sehr viel unverdächtiger den Major als dies der jüdische Tänzer konnte.

    Für Rubinstein war es selbstverständlich, daß man dagegen kämpfen mußte, als primitive Menschen über die NSDAP in Machtpositionen gelangt waren und sich als Schlächter austobten.
    Wirtschaftswunder

    Nach dem Krieg zog nach Hamburg und hat auf dem Kiez als Flamenco-Tänzerin gearbeitet, denn einen Tänzer wollte niemand einstellen, und eine Partnerin wie seine ermordete Zwillingsschwester konnte er sowieso nicht finden.

    Immer noch auf die Rückkehr der geliebten Zwillingsschwester wartend, tanzte er fortan unter ihrem Künstlernamen Dolores allein den Flamenco.
    Ich habe die Palucca getroffen, sie nähte mir einen wunderbaren Fummel, um mein Ziel zu erreichen, wie meine Schwester zu sein.“

    Dolores wurde Legende in den Varietétheatern von St. Pauli. Das war in den Jahren des Wirtschaftswunders, als in jedem deutschen Hausflur eine Spanierin hing, die man wieder „rassig“ nennen durfte.

    Königin Juliana der Niederlande saß in der Loge, auch Kaiser Haile Selassie. In der Garderobe wartete die Millionenerbin Barbara Hutton. Und fragte, wo jemand so tanzen gelernt hat. Und Dolores antworte: Bei Madame Litwinowa von der Zarenoper.

    Viele Männer haben sich in ihn verliebt. Dolores fuhr vom Varieté zur wenig entfernten Wohnung immer mit einem Taxi, um etwaigen Verehrern zu entkommen.

    Er spielte die keusche Tänzerin, die man zum Plaudern auf Drinks einladen konnte, die er statt zu trinken natürlich diskret entsorgen mußte. Und wer nicht geglaubt hat, daß Dolores ein Mann war, durfte auch für Bargeld mal unter ihren Rock schauen. Eingelassen hat er sich mit Dolores Verehrern nicht.

    Und es gab eine adelige Lesbe, die Dolores in der Garderobe ihre Liebe erklärte und auf Rubinsteins Einwand, er sei ein Mann, erwiderte: Spinn nicht rum, Mädchen.

    Seine Kollegen meinten es nicht immer gut mit ihm, wollten sowieso niemals nach Dolores vor das Publikum oder zerschnitten in der Garderobe auch schon mal seine Kleider.

    Als Stripperin Dolorita im Moulin Rouge hat er über so manchen Liebesbrief mit den Barfrauen den Kopf geschüttelt.

    Als der Varietefilm „Die Beine von Dolores“ 1951 in den Kinos lief, machte Sylvin den ersten Striptease auf der Großen Freiheit. Vor dem Finale schlängelte sich die Federboa keusch über Brust und Schritt. Unter dem Kleid trug Rubinstein perlenbestickte Dessous.
    Und ich habe gesagt, das unter die Perlen kostet 300 Mark, da können Sie sehen meine Scham. Und ich habe gezeigt die Eier.“
    Alter

    Der Name Rubinstein steht nicht an der Tür und auch nicht auf dem Briefkasten. Der alte Herr mit dem osteuropäischen Akzent, der einmal Dolores war, lebt, ängstlich zurückgezogen, mit seinen Gespenstern. Auf dem Kiez, wie sich St. Pauli nennt, kennen alle nur Dolores.

    Der alte Herr Rubinstein handelte mit Trödel.

    Er hatte 17 Katzen zu füttern und noch mehr Menschen, streunende“. Verarmte Künstler sind bei ihm untergekrochen. Dissidenten aus Osteuropa, später, nach dem Militärputsch in Santiago, Sozialisten aus Chile; einmal versteckte er einen, den die Polizei suchte, weil er mit der RAF sympathisierte. Noch später beherbergte er Flüchtlinge aus Sri Lanka.

    Viele Kostgänger hat Rubinstein in der Ausländerbehörde getroffen. 22 Jahre lang half er als Dolmetscher aus. Er spricht französisch, russisch, polnisch, ukrainisch, englisch, spanisch und deutsch mit einem Akzent, der seine Herkunft nicht verleugnen will. Jede Sprache steht für eine Lebensstation. In seinen Erinnerungen springt er zwischen ihnen hin und her. Nur wenn er Halt sucht an Worten, dann spricht Sylvin Rubinstein jiddisch.

    Einen deutschen Paß will er nicht, und deshalb ist er heute staatenlos.

    Den Menschen mißtraut er, doch hat sich Rubinstein Güte bewahrt. Er wirft die Deutschen nicht alle in einen Topf, verteidigt sie gegen Vorwürfe, wie er in diesem „Mörderland“ leben könne. „Es gibt viele, die mitgelitten haben. Ich habe sehr gute deutsche Freunde gehabt und auf dem Kiez wunderbare Menschen getroffen.“ Aber die Angst vor der Verfolgung wird er nicht los. „Soll ich vor den Neonazis nach Schweden fliehen?“

    Nur auf St. Pauli, unter Punks, Musikern, Grün- Alternativen und Huren fühlt sich Rubinstein sicher. „Das sind alles Kommunisten“, sagt er. Das ist sein Synonym für Menschen, „die den Juden nichts tun“.Für Rubinstein heißt Gut und Böse auch 50 Jahre später Kommunist oder Nazi.

    Flamenco
    Zum Flamenco muß man geboren sein.“

    Die Kostüme sind eine Mischung aus russisch- spanischen Stil- Elementen. Die typisch üppigen Volants der Roben sind aus grellbuntem Stoff für Babuschka- Röcke.

    Aus einem rosa Beutel holt Rubinstein seinen Schatz: Kastagnetten. „Eine Erinnerung an Carla Otero.“ Mit gelenkigen Fingern und elegantem Schlag bringt er sie in seinen Händen zum Klingen und Tanzen.

    Unter dem Tremolo der Hacken vibriert das Parkett. Die Kastagnetten schlagen wie die Klapper einer Schlange, wie ihr Kopf winden sich Hände. Paradies und Höllenqualen, alles kommt aus Schritten und Gebärden. Im Finale dann spannt eine grazile Armbewegung das Zigeunerkleid zu einem großen Fächer auf. In diesem Augenblick erfüllt die ganze Würde des Flamenco die welke Wohnung in Hamburg- St. Pauli.
    Ich werde den Leuten zeigen, was Flamenco ist: Erst komme ich wie eine große Blume. Kein Gesicht. Dann die Hände, die Kastagnetten. Zuletzt die Füße.“
    Was bleibt?

    Zum Glück ist die Geschichte von Sylvin Rubinstein aufgeschrieben und erzählt worden, bevor sie in in Vergessenheit geraten ist.

    Es gibt ein Buch

    Dolores & Imperio. Die drei Leben des Sylvin Rubinstein

    von Kuno Kruse

    Der Journalist war durch Zufall bei einer Reportage über Kieztypen auf Sylvin Rubinstein getroffen und hat die Geschichte dem Vergessen entrissen.

    Darauf aufbauend wurde ein Film produziert

    Er tanzte das Leben – Sylvin Rubinstein

    von Marian Czura und Kuno Kruse

    Auf der Homepage des Autors http://www.kunokruse.de/deutsch/leben.htm

    gibt es viele beeindruckende Bilder! von:www.julaonline.de/imperiodolores.htm
    —–
    Es war sehr beeindruckend Sylvin Rubinstein in der Roten Flora vor ein paar Jahren zu erleben, tanzen zu sehen. Und ich bin so froh ihn erlebt zu haben! Wie schön, daß ich durch einen Zufall, die Ausstrahlung des Films sichern konnte! [Immer diese verflixten technischen Probleme]. Es war faszinierend ihm zu zuhören, u.a. seinen Schönheitstipp für glatte Gesichtshaut: „Brennesseln armlang abschneiden, aufkochen(?) und dann immer in die Fresse!“ Werd ich nicht vergessen, überhaupt seine szenische Erzählweise…von Verfolgung zum Widerstand zu Schönheitstipps…einfach einmalig!

    Wie wundervoll das Kuno Kruse diese Geschichten in Buch und Film gerettet hat!

    Ich verneige mich vor einem wundervollen Menschen!

    —-
    Übrigens: Das St. Pauli-Archiv in Hamburg hat (bzw. hatte) den Film zu Sylvin Rubinstein zur Ausleihe. St. Pauli-Archiv e.V., Wohlwillstr. 28, 20359 Hamburg, Tel: 040 – 319 47 72.

  2. Er tanzte das Leben permalink
    5. Mai 2011 10:53

  3. 5. Mai 2011 19:32

    Sylvin Rubinstein,

    der einmal „Dolores“ war, ist am 30.04. gestorben.
    Es war ein schwerer Abschied
    von einem mutigen Leben.

    Jurek, Sara, Kuno, Micha, Tobias, Fritz,
    Sinje, Peggy, Danka, Jan und viele Freunde

    Er wird heute [04.05.11] um 11 Uhr auf dem jüdischen Friedhof
    in Ohlsdorf beerdigt. Bitte Kopfbedeckung und keine Blumen.

  4. C.R. permalink
    14. Mai 2011 17:18

    „Die Beine der Dolores“ von Kuno Kruse, DER SPIEGEL, Nr. 27/1998, Seite 162 ff.
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7925816.html

Trackbacks

  1. Sylvin Rubinstein (1913-2011) « Entdinglichung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s