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Syndikalisten gegen Kropotkin (1915)

22. Februar 2011

Das Bremer Institut für Syndikalismusforschung betreibt seit kurzem neben ihrer umfangreichen Webseite auch einen eigenen Blog. Diesem entnehmen wir den folgenden Artikel über die Parteinahme Peter Kropotkins für die Beteiligung am 1. Weltkrieg und dessen Ablehnung durch die Syndikalisten Deutschlands. Ein historisches Dokument, das zeigt dass auch große Namen irren können und ein Beweis der revolutionären, antinationalistischen und antimilitaristischen Haltung der revolutionären- und Anarcho-Syndikalisten in Deutschland.

Dokument der Syndikalisten in Deutschland zu Parteinahme  Peter Kropotkins im 1. Weltkrieg

In der Wiener Zeitschrift „Grundrisse“, Nummer 36 erschien im November 2010 eine Rezension zum Buch „Generalstreik!“. Der dort vorgestellten konsequenten kriegsgegnerischen Haltung der Syndikalisten in Deutschland zum 1. Weltkrieg stellte der Rezensent Philippe Kellermann gegenüber: „Im Übrigen müsste man aus anarchistischer Perspektive auch der Frage nachgehen, wie es dazu kommen konnte, dass auch AnarchistInnen wie Kropotkin oder Teile der französischen SyndikalistInnen sich im Ersten Weltkrieg nicht antimilitaristisch verhalten haben.“

Zwar möchte ich es nicht „komplexer erklären“, was aber den eigentlichen Untersuchungsgegenstand (Syndikalismus, nicht Anarchismus) des Buches betrifft, im Folgenden eine Stellungnahme der „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ (FVDG) aus dem Jahre 1915 dokumentieren. Erschienen ist sie im „Mitteilungsblatt der Geschäftskommission der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“, Nr. 28 vom 20. Februar 1915.

Helge Döhring

„Auch ein Kriegsopfer

Über die Stellungnahme Peter Kropotkins zum gegenwärtigen Kriege besteht unter unseren Genossen vielfach Unklarheit. Wir halten es deshalb zur Klärung dieser Sache, die uns allen mehr oder minder nahe gehen muß, für ersprießlich, eine Preßäußerung des berühmten russischen Gelehrten wiederzugeben, die seinen totalen Meinungswechsel ebenso deutlich wie peinlich illustriert. Kropotkin schreibt in dem französischen Blatte „Dépeche de Toulouse“:

‚Die wahren Friedensfreunde (?!) müssen nunmehr, seit dem Augenblick, dass sie diese Tragödie nicht verhindern konnten – und ich für meinen Teil habe seit Jahren getrachtet, das zu tun, indem ich stets auf die deutsche Gefahr hinwies -, mit aller Kraft für die vollkommene Zerschmetterung des preußischen Militarismus kämpfen, dessen Sieg den Frieden für mindestens ein Jahrhundert unmöglich machen würde. Für unsere Generation ist das eine Frage auf Leben oder Tod. Und was den Internationalismus betrifft, so darf nicht vergessen werden, dass die Idee der gegenseitigen Hilfe zwischen den Nationen dem Kosmopolitismus entgegensteht, der keine andere Bedeutung haben kann als die törichte und unmögliche Vernichtung aller Nationalitäten. (Genau dasselbe behaupten auch die sozialdemokratischen Chauvinisten in allen Ländern, Übers.) Der Kosmopolitismus kann für die Teutonen geeignet erscheinen, die davon träumen, aus der Welt ein germanisches Reich zu machen, aber nicht für die andern Völker, für die Romanen am allerwenigsten.

Aber der Internationalismus verpflichtet die Kulturnationen, gemeinsame Sache zu machen gegen das mächtige Volk, das ohne Grund ein kleines Volk überfällt, gegen ein Österreich, das Serbien ersticken möchte, gegen ein Deutschland, das die Rechte von Belgien und Luxemburg mit Füßen tritt. Übrigens verpflichten unsere internationalistischen Prinzipien uns, dafür zu sorgen, dass die Verträge zwischen Nationen (hier also das kulturschänderische Bündnis zwischen den russischen, englischen und französischen Regierungen, Übers.) ebenso heilig sind, wie die Übereinkommen, die wir für die zukünftigen freien Gemeinschaften erstreben.

Mit einem Wort – sagt Kropotkin zum Schluß – es gibt augenblicklich nur zwei Heerlager: das der Barbaren und das der Kulturmenschen (!). Und ich will nur für die letzteren Sympathie fühlen. Über den Ausgang des Krieges existiert nicht der geringste Zweifel. Der Kampf wird schwer und langwierig sein, vor allem im Osten, aber die Kultur (d.h. also der Dreiverband) wird schließlich siegen.’

Wie man sieht, hat Kropotkin die Kämpferreihen des vaterlandslosen revolutionären Sozialismus nur verlassen, um zu den Kriegshetzern gefährlicher Sorte überzulaufen. Denn dass seine ‚Vernichtung des preußischen Militarismus’ die Verlängerung des fürchterlichen Völkerschlachtens auf lange Jahre hinaus bedeutet, dürfte ihm wohl selbst am klarsten sein. Wir müssen uns jetzt jedes weitere Wort der Kritik versagen, und nur der herbe Gedanke drängt sich uns auf, wie viel besser es doch um den großen Namen mancher Leute bestellt sein würde, wenn sie zur rechten Zeit gestorben wären.“

Blog des Instituts für Syndikalismusforschung

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