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Sarrazin-Dossier – Erinnerung an die Faktenlage

8. Januar 2011

"Ich denke, dass man natürlich eigentlich weiß, dass man diejenigen, die dafür verantwortlich sind, die eigentlich genau aus der Gruppe kommen, für die Herr Sarrazin selber hätte sprechen können, nämlich aus der Gruppe der Finanzwelt, dass man diese Menschen letztlich nicht dafür zur Rechenschaft ziehen kann. Und vielleicht besteht hierin im Grunde genommen soetwas wie ein Ausweg, dass man sich eine andere Gruppe als Schuldigen sucht, das ist ja auch eine ganz klare Sündenbocktradition, die nicht nur in Deutschland, sondern in sehr vielen anderen Ländern weltweit so funktioniert."

Der folgende Beitrag wurde als Kommentar unter die zweite Ausgabe des Schwarzroten Tickers gepostet. Da er aber so gründlich recherchiert wurde und umfangreich informiert, haben wir uns dazu entschlossen ihn als eigenständigen Beitrag zu veröffentlichen. Dieser Artikel des Genossen Bonaventura kann immer wieder als Referenz bei den Auseinandersetzungen mit Sarrazin und Co. herangezogen werden.

Schon im Dezember 2010 hat eine Studiengruppe an der Berliner Humboldt-Universität die statistischen Grundlagen des Bestsellers von Thilo Sarrazin, »Deutschland schafft sich ab«, einer für den Autor überaus peinlichen Kritik unterzogen – Naika Foroutan (Hrg.), Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand. Das Dossier und weitere Materialien sind unter dieser Adresse zu bekommen:

http ://www.heymat.hu-berlin.de/sarrazin-dossier-news

Das Dossier faßt die »Zentralen Ergebnisse« wie folgt zusammen (S. 12-15):

– Sichtbare Dynamik der Bildungsverläufe

Die konsequent vertretene These Thilo Sarrazins, dass speziell bei der Gruppe der Muslime in Deutschland keine positive Entwicklung der Bildungssituation zu konstatieren sei, die auf kulturelle Grundmuster der Sozialisation zurückzuführen ist, findet keine Entsprechung im statistischen Datenmaterial und ist empirisch nicht haltbar. Die Dynamik des Bildungserfolges ist über die Generationenfolge klar erkennbar und müsste in eine Zukunftsprognose als solche mit einfließen.

– Bildungsanstieg bei zweiter Generation

Empirisch ist nachweisbar, dass bei sämtlichen Zuwanderungsgruppen mit muslimischem Migrationshintergrund, die Angehörigen der zweiten Generation deutlich häufiger als ihre Elterngeneration das deutsche Schulsystem mit einem Schulabschluss verlassen. Dies widerspricht der These Sarrazins, dass es auch über die Generationenfolge hinweg keine positive Entwicklung gäbe.

– Personen mit türkischem Migrationshintergrund liegen zurück, aber Dynamik des Bildungsaufstiegs am höchsten

Laut Mikrozensus 2008 haben in der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund 22,4% der Bildungsinländer einen höheren Bildungsabschluss (Abitur oder Fachabitur). Die erste Generation der Gastarbeiter hatte hingegen nur zu 3% einen höheren Bildungsabschluss. Dies ist ein Bildungsanstieg von ca. 800%, obwohl gerade diese Gruppe von Sarrazin als besonders lernunfähig dargestellt wurde.

– Höhere Bildungsaspiration bei Familien mit türkischem Migrationshintergrund

Sarrazin unterstellt dieser Gruppe auch Lernunwilligkeit. Dennoch wird gerade Familien mit türkischem Migrationshintergrund eine höhere Bildungsaspiration im Vergleich zu Familien ohne Migrationshintergrund beim gewünschten Schulabschluss Abitur attestiert.

– Angleichung der Bildungssituation über die Zeit

Die PISA-Studie 2009 stellt einen Rückgang der Disparitäten durchinen stetigen Bildungsanstieg bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund fest, während im Erhebungszeitraum bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund kaum Kompetenzsteigerungen zu verzeichnen sind.

– Zahl der Personen mit türkischem Migrationshintergrund höher bei Hartz IV, aber niedriger als dargestellt

Hier sind die größten Schwächen innerhalb der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund zu beobachten, die laut Mikrozensus 2008 zu 9,5% ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Hartz-IV bestreiten, während dies bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund nur zu 3,5% zutrifft. Dennoch steht diese Zahl der durch Sarrazin suggerierten Hartz-IV-Quote von 40% stark abweichend gegenüber.

– Sprachkenntnisse bei großer Mehrheit gut

Der Vorwurf Sarrazins, gerade die Personen mit türkischem Migrationshintergrund würden sich nicht bemühen, Deutsch zu lernen, ist empirisch nicht haltbar. Allensbach hat im letzten Jahr für 70% der Personen mit türkischem Migrationshintergrund gute bis sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache ermittelt.

– Kopftuchtragen hat abgenommen

Entgegen der geäußerten Annahmen von Thilo Sarrazin, dass das Kopftuch über die Generationenfolge in Deutschland zunehme, nimmt die Häufigkeit des Kopftuchtragens in der zweiten Generation signifikant ab. 70 Prozent der Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund tragen kein Kopftuch. Fast 23 Prozent geben an, immer ein Kopftuch zu tragen.

– Über 90% der Schüler nehmen am Schwimmunterricht teil

Gerade der Schwimm- und Sportunterricht wird von Sarrazin als ein Kriterium für die Verweigerung der kulturellen Integration markiert. Dabei liegt die Zahl der Kinder, die an diesen Angeboten nicht teilnehmen bei 7-10%. Auch hier wird eine Phantomdebatte geführt, die den empirischen Erkenntnissen nicht gerecht wird.

– Nachbarschafts- und Freundschaftskontakte

Obwohl Sarrazin sich vertiefende Parallelgesellschaften und Abschottung prognostiziert, werden die Kontakte von „Muslimen“ zu Personen deutsch-deutscher Herkunft in der Nachbarschaft empirisch als zahlreich dargestellt; in fast allen Gruppen der Muslime haben mehr als drei Viertel der Befragten häufig Freundschafts- oder Nachbarschaftskontakte. Auch die Kontakte am Arbeitsplatz sind hoch. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) hat gemessen, dass die Personen mit türkischem Migrationshintergrund sich am liebsten deutsche Nachbarn wünschen, während bei der Gruppe der deutsch-Deutschen der Wunsch nach türkischen Nachbarn an letzter Stelle rangiert.

– Keine „Opfer-Mentalität“ sondern aktive Selbstkritik

Die Verantwortlichkeit für gelingende Integration wird selbst in bestimmten Kreisen türkischer Herkunft, die unter dem Generalverdacht der ‚Integrationsverweigerung‘ oder gar der ‚Integrationsunfähigkeit‘ stehen, in deutlich höherem Maße der Zuwandererbevölkerung und damit sich selbst zugeschrieben und nicht der Mehrheitsbevölkerung. In der zweiten Zuwanderergeneration verstärkt sich diese Einschätzung.

– Interethnische Partnerschaften

Thilo Sarrazin unterstellt speziell der Gruppe der Muslime eine Verweigerungshaltung gegenüber interethnischen Partnerschaften.Auch hier widersprechen die Trends der Entwicklung seinen Aussagen. Unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen der ersten und der folgenden Einwanderergeneration wird auch für „die Muslime“ eine Tendenz zu mehr interethnischen Partnerschaften in späteren Generationen erkennbar. Besonders ab der zweiten Generation steigt die Zahl der binationalen Partnerschaften. Zahl interreligiöser Ehen bei muslimischen Männern am höchsten. Trotz eines rückläufigen Trends haben muslimische Männer im Vergleich von Christen und Muslimen die stärkste absolute Tendenz, Frauen außerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft zu ehelichen. 33,5% der muslimischen Männer heirateten im Jahr 2008 eine nicht-muslimische Frau.

– Interethnische Partnerschaften bei Deutschen ohne Migrationshintergrund gering

Die deutsch-Deutschen heiraten zu 92% Deutsche OHNE Migrationshintergrund.

Kriminalitätsrate nicht in Abhängigkeit zur Religiosität

Der von Sarrazin suggerierte Zusammenhang zwischen Islam und Kriminalität in Deutschland wird von seriösen Forschungseinrichtungen und der Polizei zurückgewiesen. Vielmehr gelten sozio-strukturelle Bedingungen und Gewalterfahrung in der Familie als zentrale Motive für Jugendkriminalität.

– Deutschland droht zum Auswanderungsland zu werden

Während Thilo Sarrazin befürchtet, Deutschland würde durch die stetige Zuwanderung bald in seinen Strukturen nicht mehr erkennbar sein und zukünftig mehrheitlich aus arabisch- und türkisch-sprechenden muslimischen Menschen bestehen, konstatiert die Statistik, dass gerade bei der Gruppe der Personen mit türkischem Migrationshintergrund seit acht Jahren ein negativer Wanderungssaldo zu verzeichnen und die Nettozuwanderung von türkischen Staatsangehörigen seit 2002 rückläufig ist.

– Zuwanderungselite wendet sich ab

Bei Studierenden mit türkischem Migrationshintergrund äußern 36% Prozent den Wunsch, in die fremde Heimat der Eltern abzuwandern.

Ergänzend dazu sei noch auf ein Interview von Alexandra Mangel mit der Herausgeberin des Dossiers, Naika Foroutan, im ‘Deutschlandradio Kultur’ vom 7. 1. 2011. hingewiesen:

http ://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1359391/

Allem Vertrauen in die Macht der Argumente zum Trotz scheint auch Frau Foutran sich nicht ganz sicher zu sein, ob die Tatsachen gegen wohlbewährte Vorurteile ankommen können, denn »das Gefühl, das die Menschen haben, widerspricht offensichtlich der Faktenlage, und das scheint einige Menschen tatsächlich weiter vor den Kopf zu stoßen«.

Erfreulich klar ist ihre Analyse der Funktion solcher Machwerke wie das des Herrn Sarrazin, wobei sie sich nicht scheut, Roß und Reiter zu nennen: »Ich glaube tatsächlich, dass es ein großes Potenzial an Verunsicherung in der deutschen Bevölkerung gibt. Das hängt mit vielen Sachen zusammen, nicht zuletzt auch mit der vergangenen Wirtschafts – und Finanzkrise, die natürlich bei sehr viele n Menschen Angst vor Abstieg, auch nicht nur Abstieg, sondern auch Verlust der Zukunft oder Verlust des Arbeitsplatzes einhergegangen ist. Und ich denke, dass man natürlich eigentlich weiß, dass man diejenigen, die dafür verantwortlich sind, die eigentlich genau aus der Gruppe kommen, für die Herr Sarrazin selber hätte sprechen können, nämlich aus der Gruppe der Finanzwelt, dass man diese Menschen letztlich nicht dafür zur Rechenschaft ziehen kann. Und vielleicht besteht hierin im Grunde genommen soetwas wie ein Ausweg, dass man sich eine andere Gruppe als Schuldigen sucht, das ist ja auch eine ganz klare Sündenbocktradition, die nicht nur in Deutschland, sondern in sehr vielen anderen Ländern weltweit so funktioniert.«

KOMMENTAR

Es ist »falsch, der Propaganda die Vielseitigkeit etwa des wissenschaftlichen Unterrichts geben zu wollen«, es geht nicht darum, »objektiv auch die Wahrheit, soweit sie den anderen günstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinärer Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern [sie soll] ununterbrochen der eigenen … dienen«. Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1938 S. 198 & 201

11 Kommentare leave one →
  1. Bonaventura permalink
    9. Januar 2011 00:09

    Zuviel der Ehre – ich habe die Sachen nur zusammenkopiert. Die unter den links angegebenen Quellen sind aber wirklich die empirische Widerlegung des Herrn Sarrazin – und wenn die Vernunft irgendeinen Platz in dieser Debatte hat (nicht nur unter uns, sondern in der Gesellschaft, in der wir leben), dann kann dieses Geseiere der ‚upper middle class‘ – wie es im angelsächsischen Bereich heißt – abgewatscht werden. Das ist zumindest meine Hoffnung. Und natürlich, daß Herr Adolf H. unrecht hat. Ich bin mir allerdings nicht so ganz sicher. Aber die Hoffnung stirbt als vorletztes. Danach der/die Hoffende.

    • Bonaventura permalink
      9. Januar 2011 15:46

      Sehr guter und fundierter Artikel – unbedingt lesen und verbreiten!

      In meinem Archiv habe ich eine unveröffentlichte Magisterarbeit (Uni Bielefeld, Fakultät f. Geschichtswissenschaft) von Martin Hahn, »Eugenik und Sozialismus. Gesundheits- und Bevölkerungspolitik der SPD in der Weimarer Zeit« (1988), in der auch die ideengeschichtlichen und institutionellen Vorarbeiten aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg aufgearbeitet werden. Sollte über Fernleihe zu bekommen sein – und vielleicht schafft es mal jemand, die Arbeit ins Netz zu stellen, denn sie wirklich gut.

      Man kann natürlich für die Diskussionen vor dem NS eine gewisse Naivität unterstellen, aber wenn man sich die Praxis im sozialdemokratischen Musterländle Schweden bis weit nach Ende des NS anschaut, kann einem Angst und Bange werden.

    • günther und willly huhn permalink
      1. Februar 2011 14:18

      wie gehabt, spd=nationalsozialistische partei. aber immerhin die erste.

  2. Granado permalink
    10. Januar 2011 13:46

    Eine BIFFF-Quelle:
    (Eugeniker Magnus Hirschfeld:) „Man muß Hitlers Experimente abwarten“
    von Volkmar Sigusch, Spiegel 20/1985
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513911.html

  3. 10. Januar 2011 17:27

    Wo wir gerade bei Sarrazin waren: Sarrazins Frau ist Grundschullehrerin in Berlin und … da haben sich zwei gefunden. Kinder laufen weinend aus ihrem Unterricht zum Schulleiter, Eltern drohen mit Schulwechsel, falls die Frau dort bleiben darf, es läuft eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen sie… aber natürlich passiert gar nichts. Wo kämen wir da auch hin. Stattdessen hat Sarrazins Parteikumpel und Bildungssenator Zöllner den zuständigen Schulaufsichtsbeamten versetzt.
    Der CDU-Abgeordnete Sascha Steuer sagte damals: „Sollte Zöllner die Versetzung eines Schulaufsichtsbeamten veranlasst haben, damit die Frau seines Parteigenossen an ihrer Schule bleiben kann, wäre das ein an Dreistigkeit nicht zu überbietender Genossenfilz.“
    Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Die Korruption und der Filz in der SPD ist so schlimm, dass sich schon die CDU (!!) als moralische Instanz aufspielen kann! Un-glaub-lich.
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/sarrazins-ehefrau-soll-schueler-schlecht-behandelt-haben/3694344.html

  4. Uckermärker permalink
    20. Januar 2011 23:11

  5. 31. Januar 2011 00:16

    Brillianter Kommentar von Denis Scheck zu Sarrazins Buch in »Druckfrisch« (ARD, So., 30. 1. 2011, 23:35):
    »Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab“
    Dieses Buch erinnert mich fatal an Berechnungen französischer Skeptiker aus dem 18. Jahrhundert, die präzise darlegten, dass bei weiterer Zunahme des Individualverkehrs zu Pferde Paris im Jahre 1900 unweigerlich unter Tonnen von Pferdemist ersticken würde. In einem aber hat Thilo Sarrazin leider wirklich recht: In hundert Jahren ist die derzeitige erwachsene Bevölkerung Deutschlands zweifellos ausgestorben. Lassen Sie uns die Zeit bis dahin also nutzen und bessere Bücher lesen!«

    • Zynischer Skeptiker permalink
      31. Januar 2011 14:10

      Wenn der heutige weltweite Individualverkehr zu Pferde stattfinden würde, dann würde nicht nur Paris unter Tonnen von Pferdemist ersticken. Wir haben uns mit der Prognose für das Jahr 1900 um ein paar Jahrzehnte verschätzt, mag sein. Dafür wird die Umwelt heutzutage mit Millionen Tonnen Schadstoffen aus dem Autoverkehr belastet, zum Glück können die, im Gegesatz zu Pferdemist, fliegen.

  6. 29. August 2011 14:32

    Quer: Der Islam schafft sich ab

    Der Historiker, Politologe und Autor des Buchs „Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose“ Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Christoph Süß über das Thema Islam.

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