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Dokumentiert: Keine Solidarität mit den „anarchistischen“ BriefbomberInnen

27. Dezember 2010

[Anmerkung: Dieses Communiqué bezieht sich bewusst nicht auf die letzten Anschläge vom 23. Dezember in Rom. Für uns scheint die anarchistische Urheberschaft fraglich, da sich wie bereits bei einer Anschlagsserie 2003 die ominöse „Federazione Anarchica Informale“ (FAI) dazu bekannte. Wohl kaum zufällig trägt diese dasselbe Kürzel wie die Federazione Anarchica Italiana, die sich bereits von den Ereignissen im Jahr 2003 schärfstens distanziert und den Verdacht geäussert hatte, dass es sich bei der anderen „FAI“ um eine staatliche Phantomorganisation handeln könnte. Tatsächlich lassen sich in der jüngeren italienischen Geschichte mehrere Beispiele finden, bei denen Attentate dieser Art unter falscher Flagge durchgeführt wurden. Erinnert sei nur an den durch den Staat in Auftrag gegebenen Bombenanschlag auf die Piazza Fontana in Mailand 1969, der den örtlichen AnarchistInnen in die Schuhe geschoben wurde. Auch lässt das Bekennerschreiben der „FAI“ zu den Anschlägen am 23.12. aufhorchen, in der es in für eine angeblich „informelle“ Organisation völlig untypischen Worten heisst: „Lang lebe FAI, lang lebe die Anarchie!“]

Die Frage der Gewalt spielte im anarchistischen Diskurs schon immer eine grosse Rolle. Wie sollte der urtümlichste und rohste Ausdruck von Macht mit der Lehre der Herrschaftslosigkeit in Einklang gebracht werden? Kann eine anarchistische, revolutionäre Strategie Gewalt beinhalten? Es ist davon auszugehen, dass der libertäre Weg, der immerhin die Enteignung der Besitzenden und die Überwindung materieller Privilegien beinhaltet, auf brutalen Widerstand derjenigen stossen wird, die sich diesen Gütern beraubt sehen. Ein Herrschaftsverhältnis beruht immer auf (unscheinbarem oder offensichtlichem) Zwang. Und dieser schliesst immer auch Gewalt ein, der wir nur als starke revolutionäre Massenbewegung entgegentreten können.

Doch sollten wir uns als bewusste Anarchistinnen und Anarchisten davor hüten, das Mittel der Gewalt zum Zweck werden zu lassen. „Die wahre anarchistische Gewalt hört auf, wo die Notwendigkeit der Verteidigung und der Befreiung aufhört. Sie wird durch das Bewusstsein getragen, dass die Individuen, einzeln betrachtet, wenig oder überhaupt nicht verantwortlich sind für die Position, die Erbe und Umwelt ihnen verschafft haben.“ Diese Worte vom italienischen Anarchisten Errico Malatesta haben auch fast Hundert Jahre nach ihrer Niederschrift nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Sie verbieten es, im Rahmen einer libertären Praxis FunktionsträgerInnen im Kapitalismus ihrer blossen Funktion Willen zu verletzen oder gar zu töten. Wie wir meinen, sollte das für jede Person mit einer anarchistischen Auffassung eine Selbstverständlichkeit sein.

In den letzten Monaten haben sich allerdings auch im Zusammenhang mit der Schweiz Ereignisse gehäuft, die dieses libertäre Prinzip im Namen des Anarchismus in Frage stellen. Die Rede ist hier nicht von den rhetorisch durchaus gelungenen, doch inhaltlich oft verworrenen Aufrufen im Stile von „Schlagt die Polizisten, wo ihr sie trefft“, die von irgendwelchen windigen Revoltierenden als Akt des individuellen Widerstandes auf Mauern geklebt und auf Websites veröffentlicht werden. Auch nicht gemeint sind die zahlreichen, aber in ihrer Form sich treu bleibenden Schweizer Solidaritätsaktionen für Billy, Costantino und Silvia, deren antizivilisatorischen Ergüsse wir höchstens mit Belustigung zur Kenntnis nehmen. Doch werden wohl auch aus eben diesen Zusammenhängen diejenigen Aktionen beklatscht, die in ihren Folgen weit über das Mass von Farbanschlägen und dem Aufschlitzen von Autoreifen hinausgehen.

Wir denken an die Briefbomben, die in den vergangenen Monaten an diverse staatliche Einrichtungen, insbesondere Botschaften, versandt wurden. Darauf hoffend, dass dabei einE wichtigeR BeamteR beim Öffnen des Briefs versehrt wird, sollte die Inhaftierung der drei Genannten symbolisch „gerächt“ werden. Eine solche Praxis zeugt nicht nur von politischer Dummheit, sondern auch von grosser Feigheit und Inhumanität. Im besten Falle aus Naivität, im schlimmsten aus Berechnung wurde ebenso in Kauf genommen, dass auch eine einfache Zuträgerin oder ein subalterner Sekretär verletzt wird. Damit reihen sich die AbsenderInnen ein in die lange Reihe von skrupellosen VerbrecherInnen, die im Dienste des Kapitals Angehörige der ArbeiterInnenklasse verfolgt und getötet haben. Diese Taten sind mitnichten revolutionär, sondern Ausdruck der politischen Reaktion. Uns bleibt angesichts der Infamie solcher Aktionen nur das Eine: Keine Solidarität mit den „anarchistischen“ BriefbomberInnen – niemals, nie!

Es ist tragisch, dass der europäischen KapitalistInnenklasse, die sich noch vor wenigen Jahren linksradikale Gruppierungen schaffen musste, um die Bevölkerung auf einen repressiven Kurs einzustimmen, das Spiel heute so einfach gemacht wird.

Für uns alle ist es schwierig, adäquat auf ein politisches und soziales Klima zu reagieren, dass uns als ausgebeutete und mitfühlende Menschen in die Verzweiflung treiben muss. Dies sollte aber nicht Anlass sein, uns in die alten Illusionen der „Propaganda der Tat“ zu retten, und durch individuelle Gewaltakte die Gesellschaft ändern zu wollen. Deren Folgen werden Repression, Eskapismus und eine noch grössere Hoffnungslosigkeit sein, und nicht der Aufstand der Massen. Ebenso falsch ist es, die Unstrukturiertheit zum allgemeinen Handlungsprinzip von Anarchistinnen und Anarchisten zu erheben, wie es von unseren „aufständischen“ Genossinnen und Genossen gefordert wird. Ist jedeR nur sich selber verantwortlich, leistet das individuellen unberechenbaren Aktionen Vorschub, anstatt einer solidarischen Praxis, die stetig auf die soziale Revolution hinarbeitet, zur Entfaltung zu verhelfen.

Nur gemeinsam, durch organisierten und zielgerichteten Klassenkampf können wir dem kapitalistischen System die Stirn bieten. Einigkeit in der Theorie und Stringenz in der Praxis, föderalistische Strukturen und individuelle Disziplin sind die Qualitäten von solidarisch kämpfenden Anarchistinnen und Anarchisten, die tatsächlich die soziale Revolution – und nicht die totale Repression – wollen. Der Arbeitsplatz und die Schule, die Nachbarschaft und das Begegnungszentrum, die Strasse und das Flüchtlingsheim: Dies sind die Plätze unserer libertären Agitation, der Organisierung und des Kampfes – nicht die Spalten der bürgerlichen Medien, die nur darauf warten, mit reisserischen Schlagzeilen über den letzten Anschlag von Revoltierenden zu berichten.

Ende Dezember 2010

Libertäre Aktion Winterthur

Quelle: Webseite der LAW

8 Kommentare leave one →
  1. Jamie Balius permalink
    27. Dezember 2010 17:28

    DANKE für diese (leider immer wieder nötige) Klarstellung!

  2. Jamie Balius permalink
    27. Dezember 2010 17:45

    Zur permanenten Konterrevolution des Staates und seinen Undercover-Aktionen siehe u.a. den Artikel zur „Strategie der Spannung“:
    http://de.anarchopedia.org/Strategie_der_Spannung

    Buch von Dario Fo: „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ (Rotbuch Verlag) über den ermordeten Anarchisten Giuseppe Pinelli:
    http://www.buchtips.net/rez2129-zufaelliger-tod-eines-anarchisten.htm

    siehe auch das Buch von Luciano Lanza: „Bomben und Geheimnisse“ (Edition Nautilus)
    http://www.edition-nautilus.de/programm/politik/buch-978-3-89401-332-5.html
    und: http://www.edition-nautilus.de/xbilder/xmedia/Vorwort_zu_Bomben_und_Geheimnisse.pdf

    Eintrag zu Giuseppe Pinelli: http://de.anarchopedia.org/Giuseppe_Pinelli

  3. 27. Dezember 2010 17:46

    Ich glaube auch nicht an die Täterschaft von Anarchisten, (auch wenn es verschiedenerseits Bekloppte gibt, die sich zu Unrecht so nennen). Das ganze sieht mir zu sehr nach der „Strategie der Spannung“ aus, die der italienische Staat schon zuvor mit diesen Methoden hat „walten“ lassen! Wenn es nötig sein sollte, einen Kriegsverbrecher, staatlichchen Mörder oder ähnlichen Schreibtischtäter zum Ableben zu befördern, wären Anarchisten in der Lage, keine Poststellenmitarbeiter zu verletzen. Kollateralschäden verursachen staatliche Mörder, Und- der Zwerg reinigt nicht die Kittel!!!

    • anarcho permalink
      31. Dezember 2010 11:24

      Ich fürchte, da machen wir es uns zu einfach. Gerade in Italien und auch in Griechenland gibt es eine insurrektionalistische Tradition, in die halt auch diese Anschläge passen und die Ziele Schweiz , Chile und Griechenland ergeben aus der Ecke durchaus Sinn. Ich fürchte eher, da agiert tatsächlich eine anarchistische Splittergruppe als (unfreiwillige) HelferInnen für Berlusconi, dem in seiner aktuellen Situation gerade nix besseres passieren kann…

      Auch in Griechenland wird sich der weitere Verlauf der Bewegung daran entscheiden, ob weiterhin auf Bomben oder auf soziale Organisierung (oder auf beides?) gesetzt wird. Aktuell reißt es eine Menge ArbeiterInnen in die Tiefe und sie sind zunehmend auf karitative Hilfe der Kirche angewiesen – welche Kraft wohl der Anarchismus als soziale Organisierung gewinnen könnte, wenn stattdessen anarchistische Initiativen in den Stadtteilen diese Rolle übernehmen würden? Remember, remember the CNT – die war auch nicht so stark, weil sie dufte Propaganda machte, sondern weil es ihr gelang, die Gegenseitige Hilfe im realen Leben zu verankern. Griechenland würde hierfür das Potential bieten, mal schauen was die GenossInnen daraus machen.

  4. Jamie Balius permalink
    27. Dezember 2010 17:59

    Gladio (ital., von lat. gladius „Schwert“), eigentlich Stay-behind-Organisation, war eine paramilitärische Geheimorganisation der NATO, der CIA und des britischen MI 6
    siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gladio

    In memoriam Pietro Valpreda ein Opfer des Staatsterrors:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Pietro_Valpreda

  5. 27. Dezember 2010 22:39

    „Pflicht“programm

    Italiens blutiges Staatsgeheimnis – mit Dario Fo
    http://www.youtube.com/user/syndikalismusTV#grid/user/2F9C92BD4C6E2CC7

    Der Klassiker

    Schwarzer Terror In Italien – Gladio NATO-Geheimarmee
    http://www.youtube.com/user/syndikalismusTV#grid/user/69AAAD3C6EC9ADD0

  6. chiflado permalink
    28. Dezember 2010 00:42

    http://radiochiflado.blogsport.de/

    gibts ne erklärung der original FAI die sich schon 2003 zur „informellen anarchistischen föderation “ geäussert hatte — des weiteren ein artikel aus „the nihilist“ der ähnlich argumentiert

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  1. Was mir heute wichtig erscheint #241 - trueten.de - Willkommen in unserem Blog!

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