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Neuerscheinung: Der geplante Tod einer Fabrik – Der Kampf gegen die Schliessung der Karton Deisswil

18. Dezember 2010

Vor kurzem veröffentlichte der junge Berner Apropos-Verlag ein Buch von Interesse für alle ArbeiterInnen. Es behandelt den Arbeitskampf bei der Kartonfabrik Deisswill, im gleichnamigen Schweizer Ort, in der Nähe von Bern. Die Erfahrungen dieses Arbeitskampfes, bei der Solidarität über die Betriebsbesetzung und bis zum kontraproduktiven, gegen die Interessen der ArbeiterInnen gerichteten Verhalten von Gewerkschaftsfunktionären, finden sich in dem Buch „Der geplante Tod einer Fabrik. Der Kampf gegen die Schliessung der Karton Deisswil“ wieder. Das Buch wurde von Unterstützern des Arbeitskampfes verfasst und beinhaltet als Herzstück Gespräche mit 11 der am Arbeitskampf beteiligten Kollegen. In ihren „Bemerkungen zur Wissenschaftlichkeit des Buches“ betonen die Herausgeber, das ihre Arbeit den ArbeiterInnen der Kartonfabrik dienen soll. Denn: „… Wissenschaft dient immer bestimmten gesellschaftlichen Interessen. Mögen diese auch verschleiert sein und nicht direkt als Auftraggeber oder Geldgeber wissenschaftlicher Projekte in Erscheinung treten. Wir ziehen es vor, unsere Ansichten und Absichten nicht zu verheimlichen und erklären offen, dass unsere Untersuchung jenen dienen soll, denen dieses Buch gewidmet ist: Den ArbeiterInnen der ehemaligen Karton Deisswil AG – und darüber hinaus allen andern ArbeiterInnen, deren materielle Existenz von Entlassung und Arbeitslosigkeit bedroht ist.“

Im Folgenden veröffentlichen wir das Vorwort des Buches und die „Bemerkungen zur Wissenschaftlichkeit des Buches.“

Der geplante Tod einer Fabrik – Netzwerk Arbeitskämpfe

ISBN 978-3-905984-02-6 | Seiten: 221 | Preis: Fr. 13,50, Euro: 10,00

Zu beziehen u.a. über den Verlag aproposverlag.ch

Vorwort – Zu diesem Buch

Jemand kauft eine Fabrik und verpflichtet sich, sie nicht zu betreiben. Eine funktionierende, rentable Kartonfabrik mit einer hoch motivierten Belegschaft, die keinen Karton mehr herstellen darf. Was wie eine erfundene Geschichte anmutet, hat sich im Frühsommer 2010 im bernischen Deisswil in der Schweiz genau so abgespielt. Das vorliegende Buch zeichnet diese Geschichte nach. Im ersten Teil wird die Geschichte der Schliessung erzählt, werden deren Hintergründe erhellt sowie mögliche Lehren daraus gezogen. Es folgen weitere Schilderungen aus der Sicht jener, die von aussen versucht haben, den Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter in Deisswil zu unterstützen. Die einzelnen Texte sind nicht aufeinander abgestimmt. Unterschiedliche Sichtweisen und gelegentliche Überschneidungen sind durchaus erwünscht. Denn das Buch beansprucht für sich weder ‚Objektivität‘, noch eine ‚absolute Wahrheit‘ (die es beide nach unserer Überzeugung ohnehin nicht gibt), sondern will zur Diskussion anregen und Partei ergreifen. Die meisten von uns sind Mitglied einer Gewerkschaft – sei es Unia, vpod oder SEV.1 Der Streik in den SBB-Werkstätten von Bellinzona im März 2008 hat gezeigt, dass Arbeitskämpfe gewonnen werden können, wenn sie von den Belegschaften selbstermächtigt geführt werden. Im Anschluss an diesen Streik ist an mehreren Treffen in Bellinzona die Vernetzungsinitiative Schaffen wir zwei, drei, viele Officine! entstanden. Als Teil dieses Netzwerks unterstützen wir Belegschaften, die damit anfangen, zu weiteren Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen, zu Massenentlassungen und Betriebsschliessungen kollektiv Nein zu sagen. So auch in Deisswil.

 

Die dort gemachten Beobachtungen und Erfahrungen fliessen in dieses Buch ein. Durch die schonungslose Darstellung von Stärken und Schwächen wird eine Idealisierung des Kampfes gegen die Schliessung der Karton Deisswil vermieden. Wir sind uns der Gefahr bewusst, dass Teile dieser Darstellung, aus dem Zusammenhang herausgerissen, von unternehmerfreundlichen Kreisen dazu verwendet werden könnten, grundsätzlich gegen die Gewerkschaften Stimmung zu machen. Dieser Gefahr kann nicht durch Verschweigen, Schönfärberei und Potemkinsche Dörfer begegnet werden. Gleichzeitig widerlegt unsere kompromisslose Offenheit auch den Mythos von der grundsätzlich ‚kämpferischen Basis‘ und einer ‚verräterischen Gewerkschaftsführung‘.

Die Gründe für verlorene Arbeitskämpfe sind vielschichtiger und liegen tiefer. Das Buch liefert darum keine Patentrezepte. Eine ernsthafte und unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Thema kann dennoch Belegschaften, die zum Widerstand entschlossen sind, wertvolle Hinweise für einen erfolgreichen Arbeitskampf liefern. Das Herzstück des Buches besteht aus Gesprächen mit elf Arbeitern der ehemaligen Karton Deisswil AG. Von ihnen wollten wir wissen, wie sie die Ereignisse um die Schliessung ihrer Fabrik erlebt haben. Denn in erster Linie sollen die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Ihnen soll dieses Buch zu einer Stimme verhelfen – genau genommen nicht eine Stimme, sondern ein vielstimmiger Chor, der das Unrecht anprangert, das ihnen geschehen ist. Wir wollen jenen eine Stimme geben, die normalerweise wortlos bleiben, weil ihre Meinung nicht gefragt ist, weil ihre Befragung sich auf ein Stimmrecht beschränkt, das darin besteht ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ auf den Stimmzettel zu schreiben. Die Stimmen der Arbeiter auf den Tondokumenten sind für uns Zeitzeugnisse von unschätzbarem Wert. In diesem Buch abgedruckt ist jeweils eine bearbeitete Version, die wir den Befragten zur Genehmigung vorgelegt haben und die möglichst keine Rückschlüsse auf die jeweilige Person zulässt. Denn in unserer Gesellschaft herrscht Freiheit. Meinungsäusserungsfreiheit und vor allem die Freiheit, missliebigen Beschäftigten zu kündigen oder sie gar nicht erst anzustellen. Unter diesen Voraussetzungen zieht es meistens vor zu schweigen, wer es sich nicht leisten kann zu sprechen, weil die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung nicht gesichert ist. Diesen Machtverhältnissen haben wir Rechnung tragen müssen. Aus diesem Grund bleiben in diesem Buch, ausser einigen Wenigen, alle andern, die daran mitgewirkt haben, anonym. Danken möchten wir an dieser Stelle insbesondere den elf Arbeitern, die sich für die Gespräche zur Verfügung gestellt haben. Im Weitern allen, die bei der Transkription der Gespräche, beim Lektorat oder sonst in irgendeiner Form mitgeholfen haben. Eine Zeittafel sowie einige Dokumente, die entweder nicht öffentlich zugänglich oder für das Verständnis des Inhalts von Bedeutung sind, bilden den Abschluss des Buches.

Maurizio Coppola, Ursin Della Morte, Rainer Thomann, Urs Zbinden und weitere UnterstützerInnen der ArbeiterInnen der ehemaligen Karton Deisswil AG im Herbst 2010

Bemerkungen zur Wissenschaftlichkeit des Buches

Es wäre möglich, dass die Wissenschaftlichkeit dieses Buches in Abrede gestellt wird, weil wir nicht gängigen wissenschaftlichen Vorgehensweisen und Denkmustern folgen. Dazu einige Bemerkungen: Es gibt unserer Meinung nach keine abgehobene ‚Objektivität’, die gewissermassen im ‚luftleeren Raum’ steht. Wissenschaft folgt immer dem gesellschaftlichen Konsens, beziehungsweise der vorherrschenden Lehrmeinung. Ebenso dient Wissenschaft immer bestimmten gesellschaftlichen Interessen. Mögen diese auch verschleiert sein und nicht direkt als Auftraggeber oder Geldgeber wissenschaftlicher Projekte in Erscheinung treten. Wir ziehen es vor, unsere Ansichten und Absichten nicht zu verheimlichen und erklären offen, dass unsere Untersuchung jenen dienen soll, denen dieses Buch gewidmet ist: Den ArbeiterInnen der ehemaligen Karton Deisswil AG – und darüber hinaus allen andern ArbeiterInnen, deren materielle Existenz von Entlassung und Arbeitslosigkeit bedroht ist. Für sie haben wir keine Mühe gescheut und in der kurzen Zeit von dreieinhalb Monaten alle uns verfügbaren Quellen erschlossen: Medienberichte studiert, Aussagen verschiedener Akteure zu verschiedenen Zeiten miteinander verglichen und vor allem Gespräche mit Betroffenen geführt, die im Buch dokumentiert sind. Die unausgesprochene Fragestellung unserer Untersuchung lautete: Aus welchen Gründen wurde die Karton Deisswil geschlossen? Sind die angeblichen Gründe von ‚wirtschaftlicher Notwendigkeit’ aufgrund ‚weltweiter Überkapazitäten’ stichhaltig? Oder gibt es andere, gewichtigere Gründe, die für die Schliessung entscheidend waren und in der öffentlichen Diskussion verborgen geblieben sind? Die Antwort auf diese Fragen, so sind wir überzeugt, ist im Buch klar dargelegt und hinreichend belegt worden.

Weiter sind wir den Gründen für die Niederlage der DeisswilerInnen im Kampf gegen das endgültige Aus ihrer Fabrik nachgegangen. Eine eindeutige und schlüssige Erklärung dafür ist schwierig. Das Buch liefert vor allem Grundlagen für eine vertiefte Diskussion darüber und widerlegt beispielsweise den in linken Kreisen verbreiteten Mythos von der grundsätzlich ‚kämpferischen Basis’ und einer ‚verräterischen Gewerkschaftsführung’. Besonders auch dazu hat es im Buch verschiedene Denkansätze, die mit gängigen Vorstellungen brechen. Denn die Gründe für verlorene Arbeitskämpfe sind vielschichtig und liegen tiefer. Sie zu erforschen ist im Buch zumindest in Ansätzen gelungen. Besonders die Gespräche mit den Arbeitern gewähren diesbezüglich tiefe Einblicke, die sonst verschlossen geblieben wären. Die mit den Arbeitern der ehemaligen Karton Deisswil AG geführten Gespräche wurden nach den in der Sozialwissenschaft üblichen Standards geführt. Methodische Überlegungen zur Interviewführung werden im Kapitel ‚Einführung in die Gespräche’ skizziert. Im Gegensatz zu sozialwissenschaftlichen Methoden wurden jedoch die Aussagen keiner systematischen Auswertung und Gegenüberstellung unterzogen. Wir erachteten es als aussagekräftiger, die Stimmen der Arbeiter tel quel zu belassen. Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – das wäre in der kurzen Zeit, die wir zur Verfügung hatten, auch gar nicht möglich gewesen. Darum sind wir stets dankbar für weitere Hinweise und Quellen, die im Buch nicht berücksichtigt worden sind.

Siehe auch

„Wir Arbeiter wurden verraten und verkauft“ – Arbeiter kehren unbrauchbarer Gewerkschaft den Rücken vom 23. November 2010 auf Syndikalismus.tk

2 Kommentare leave one →
  1. aufmerksamer leser permalink
    19. Dezember 2010 02:55

    euer link zum apropos-verlag führt nicht zum apropos-verlag.
    bitte korrigieren, danke!

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