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Hebammen in der Region Freiburg streiken: Wenig Geld und oft rund um die Uhr im Einsatz.

10. Dezember 2010

„Fast jede dritte Kollegin hat aufgegeben“

Ein Gespräch mit Mela Pinter. Sie ist Hebamme im Geburthaus Mayenrain in Freiburg und Mitglied des Deutschen Hebammenverbands.

Die Hebammen in der Region Freiburg wollen bis zum 23. Dezember streiken. Sind die Arbeitsbedingungen so schlecht und das Monatseinkommen so gering, daß Sie zu so drastischen Mitteln greifen?

Ich bin freiberufliche Hebamme – und biete das gesamte Spektrum an: Von der Schwangerschaftsgymnastik über die Geburtshilfe bis zur Nachbetreuung. Zusammen mit drei Kolleginnen arbeite ich im Geburtshaus Mayenrain im Team. Da wir rund um die Uhr Bereitschaft haben, können wir bei Komplikationen sofort zur Stelle sein – allerdings kommen so auch lange Arbeitszeiten zustande. Jede von uns hat darüber hinaus wöchentlich an drei aufeinander folgenden Tagen Rufbereitschaft.

An normalen Arbeitstagen sind wir von acht bis 17 Uhr ansprechbar; abends finden oft noch Kurse statt, hin und wieder kommt eine Nachtschicht hinzu. Wir versuchen, zumindest jedes zweite Wochenende frei zu haben. Für diesen Einsatz verdiene ich im Monat 1600 bis 1800 Euro netto. Der Stundenlohn beträgt 7,54 Euro – allerdings muß ich davon noch Steuern zahlen.

Können Sie den Ablauf eines besonders hektischen Arbeitstags schildern?

Ich nehme mal den Mittwoch vergangener Woche: Tagsüber kamen viele Frauen ins Geburtshaus mit Fragen zur Vor- und Nachsorge, ständig klingelte das Telefon. Abends mußte ich von 19.00 bis 21.00 Uhr einen Kurs leiten. Dann fuhr ich nach Hause, wurde aber schon um 22.30 Uhr zu einer Frau gerufen, die ihr erstes Kind bekam.

An diesem Abend hatten wir den ersten Wintereinbruch – ich konnte in dem Schneechaos also nur im Schneckentempo zu dem 25 Kilometer entfernten Ort fahren. Als ich ankam, war die Frau schon weit in den Wehen, das Kind wurde gegen zwei Uhr morgens geboren. Gegen 5.30 Uhr war alles versorgt, und ich konnte nach Hause fahren – wieder im Schleichgang. Als ich das Auto abgestellt hatte und durch den Schnee stapfte, dachte ich mir noch: »Mein Gott, was für ein Beruf!«

Dann konnte ich einige Stunden schlafen, um 14.00 Uhr fuhr ich dann noch einmal zu der Frau, die gerade das Kind bekommen hatte. Anschließend mußte ich noch einiges im Geburtshaus erledigen. Und in der Nacht darauf kam um 23.45 Uhr wieder ein Anruf, dieses Kind kam um 2.30 Uhr zur Welt.

Haben Sie so etwas wie ein Privatleben? Können Sie Ihre Freizeit planen?

Ich bin verheiratet und habe erwachsene Kinder, meine Familie ist flexibel. Wenn ich eine gute Vertretung habe, kann ich sogar meinen Urlaub planen – dazu muß ich aber wegfahren. Wenn ich im Ort bleibe, wird nichts aus der Erholung.

Ist die Nachfrage nach Ihren Diensten immer so groß, wie gerade geschildert?

Es gibt großen Bedarf an Hebammen, die Verunsicherung junger Mütter hat zugenommen. Sie sind ängstlicher als vorherige Generationen.

Die Krankenkassen haben unlängst die Erstattung für einen Wochenbettbesuch um sage und schreibe 48 Cent auf 27 Euro brutto angehoben. Was fordern Sie?

Wir wollen 30 Prozent mehr Honorar. Bei den Kassen sagt man zwar: »Wir geben Ihnen recht, Sie bekommen zu wenig.« Aber wenn es bei den Verhandlungen um unsere Gebühren geht, heißt es: »Für Hebammen ist kein Geld da.« Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) hat kürzlich einen offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) geschrieben. Darin heißt es sinngemäß: Während der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung für Hebammenhilfe nur 360 Millionen Euro jährlich ausgibt, schüttet man über die niedergelassenen Kassenärzte ein Füllhorn von zusätzlich einer Milliarde Euro aus. Rein rechnerisch darf sich jeder der 150000 Kassenärzte über 6700 Euro mehr im Jahr freuen. Und unsereins bekommt für eine Geburt, die im Durchschnitt 13 Stunden Arbeitszeit in Anspruch nimmt, 630 Euro brutto!

Ist Ihr Berufstand gefährdet?

Fast schon jede dritte Kollegin hat ihren Beruf aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Der Bedarf an Hebammen ist aber groß – unser Geburtshaus kann der Nachfrage kaum noch nachkommen. Wenn jedoch immer mehr freiberufliche Hebammen aufgeben, sind Frauen gezwungen, in eine Klinik zu gehen. Damit fällt die individuelle Betreuung weg, die wir leisten. Es sollte aber weiter die Garantie geben, daß sich jede Frau aussuchen kann, wo sie ihr Kind zur Welt bringt: in der Klinik, zu Hause oder im Geburtshaus. 

Das Gespräch führte Gitta Düpertahl und erschien am 10.12.2010 in der Jungen Welt

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