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Joachim Paschen ist wieder da – „Hamburger Aufstand“ von 1923

29. Oktober 2010

Ausriss: taz-Nord vom 23.10.2010.

Auf Syndikalismus.tk berichteten wir wiederholt über das Buch des reaktionären Hamburger Historikers Joachim Paschen über die Revolution in Hamburg 1918/19. Dieser hat nun mit einer weiteren Veröffentlichung nachgelegt. Thema ist diesmal der kommunistische „Hamburger Aufstand“ von 1923. Zu dem Buch und seiner unkritischen Kurzvorstellung in der Hamburger taz verfassten zwei Genossen des Hamburger Archivs Karl Roche einen Leserbrief an die Zeitung. Wir geben diesen hier wieder mit der Überzeugung, dass es wichtig ist den reaktionären Wissenschaftlern fundiert und konsequent entgegenzutreten um die Geschichte nicht von ihnen verleugnen zu lassen. Die beiden Genossen machen dies hier auf vorbildliche Weise.

Joachim Paschen ist wieder da – „Hamburger Aufstand“ von 1923

Offener Brief an die TAZ Nord

Betr. »Zweite Revolution« von MATT (Buch- und Veranstaltungshinweis), TAZ Nord, 23./24. 10 2010, S. 47

Die in der TAZ kommentarlos angekündigte Vorstellung des Buches von Joachim Paschen »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt« durch den Verfasser im Abaton erstaunt. Daß »nur knapp … eine zweite Revolution verhindert« wurde (wie MATT offensichtlich aus der Veranstaltungsankündigung abschreibt), ist eine mehr als maßlose Übertreibung des Hamburger Aufstands der KPD von 1923, der letztlich ein Putschversuch war und blieb und später zur Thälmann-Legende des ‚Hamburger Oktobers‘ verklärt wurde – Ernst Thälmann, damals Hamburger KPD-Vorsitzender, hatte an dem Putschversuch übrigens keinen Anteil.

Die gesamte seriöse Geschichtsforschung (z.B. das 1983 von der Hamburger Landeszentrale für Politische Bildung herausgegebene Buch von Angelika Voß, Ursula Büttner und Hermann Weber, »Vom Hamburger Aufstand zur politischen Isolierung. Kommunistische Politik 1923 – 1933 in Hamburg und im Deutschen Reich«) geht davon aus, daß die KPD-Führung (vor allem unter dem Druck der KPdSU und der von ihr beherrschten »Kommunistischen Internationale«) im Herbst 1923 durchaus Aufstandspläne wälzte (allerdings auch – zurecht, wie sich dann am 8./9. November 1923 zeigte – mit einem Rechtsputsch in Bayern rechnete). Nach der Bildung von ‚Arbeiterregierungen‘ in Sachsen und Thüringen (Koalition von SPD und KPD) wurden durchaus Versuche unternommen, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Allerdings zeigte sich sehr schnell, daß weder die KPD als Organisation noch die Arbeiterklasse in Deutschland dazu in der Lage oder Willens war. Die KPD-Führung sandte daraufhin Kuriere, um den Aufstandsversuch abzublasen.

Der Aufstandsversuch in Hamburg fand wahrscheinlich nur deshalb statt, weil die Kuriere zu spät eintrafen oder die maßgeblichen Leute nicht trafen – ein simpler Kommunikationsfehler mit schwerwiegenden Folgen. So wurden nicht nur die KPD und ihre Unterorganisationen, sondern auch die anderen revolutionären Organisationen (Anarcho-Syndikalisten, Unionisten, Linkskommunisten) im Deutschen Reich bis zum 1. März 1924 verboten.

TAZ-Autor MATT scheint von alledem offensichtlich keine Ahnung zu haben – wo doch selbst bei der deutschen Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Aufstand) einige harte Fakten zu bekommen sind.

Zum Autor Joachim Paschen ist auch noch einiges zu sagen. Als langjähriger Leiter der inzwischen aufgelösten Hamburger Landesbildstelle und – bis Herbst 2009 – Prüfer für Lehramtskandidaten im Fach Geschichte (ebenfalls Hamburg) ist er nicht irgendwer. Zudem hat er mehrere Bild-Bände über Hamburg im III. Reich veröffentlicht. Im Jahre 2008 erschien schließlich seine Geschichte der Hamburger Revolution: »Freiheit und Brot. Die Revolution 1918/19 in Hamburg«. Das Buch wurde übrigens von Ursula Büttner in der jüngsten Ausgabe der »Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte« verissen – warum?

Der Leitfaden von Paschens Buch sind offensichtlich die Publikationen des rabiaten Antisemiten und deutschvölkisch-monarchistischen Revolutionsfeindes F. C. Holtz, der 1919 bis 1921 das Wochenblatt »Hamburger Warte« herausgab – in seinen besten Zeiten mit eine Auflage von mehr als 50.000 Exemplaren – und u.a. den militant-antisemitischen »Bismarck-Bund« gründete, der sich im Sommer 1923 mit einem antisemitischen Pogrom in der Grindel-Allee (damals eines der jüdischen Zentren Hamburgs) ‚profilierte‘.

Wegen seiner offensichtlichen Verwicklung in den Kapp-Putsch (März 1921) ‚emigrierte‘ Holtz nach München, wo er die (in Preußen und anderen Bundesstaaten verbotene) »Hamburger Warte« unter dem Titel »Fridericus« weiterführte. Als ihm nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8./9. November 1923 der Boden zu heiß wurde (der Preußen- und Hitler-Fan war Gegner des bayerischen Seperatismus, dem schon der Hitler-Putsch zum Opfer gefallen war), zog er nach Berlin, wo der »Fridericus« eines der wichtigsten und lautesten antisemitisch-antirepublikanischen Revolverblätter wurde. Seine ‚Verdienste‘ um die ’nationale Sache‘ lobte 1934 der NS-Schriftsteller Wilhelm Freiherr von Müffling in seiner Schrift »Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland«. Und F. C. Holtz selbst stellte seinen Anteil am Sieg der NSDAP auch nicht unter den Scheffel – sein ein Jahr nach seinem Tod 1939 posthum erschienenes Buch »Nacht der Nation« läßt keine Fragen offen.

Joachim Paschens Buch über die Revolutionszeit in Hamburg 1918/19 kann – feindlich formuliert – auf jedem NPD-Büchertisch problemlos seinen Platz finden, wenn die PGn es verkraften, daß das antisemitische Element fehlt. Freundlich formuliert: Es ist vom Forschungsstand etwa auf dem Niveau der frühen 50er Jahre, als das Dogma ‚Demokratie oder Bolschewismus‘ für die historische Diskussion in der BRD um die Revolution 1918/19 galt.

Der TAZ-Ankündigung der Veranstaltung zum Hamburger Putsch der KPD 1923, auf die sich dieser Beitrag bezieht, ist zu entnehmen, daß Joachim Paschen offensichtlich die Linie, die er mit seinem Buch »Freiheit und Brot« eingeschlagen hat, weiterführen will. Freundlich formuliert – und nur aufgrund der TAZ-Ankündigung – scheint Paschen weiter auf den Niveau der frühen 50er Jahre zu verharren.

Der TAZ-Nord schließlich kann man nur empfehlen, alles, was mit historischen Themen zusammenhängt, kompetenten Leuten vorzulegen. Dann erübrigen sich solche langen Leserbriefe – und es stände einer (ehemals linken, radikalen – und heute meist noch) linksliberalen Zeitung an, nicht auf einen dezidiert auf der anderen Seite Stehenden hereinzufallen.

Mit freundlichen Grüßen

Folkert Mohrhof, Jonnie Schlichting 

Archiv Karl Roche

[www.archiv-karl-roche.org]

Siehe auch:

Der Konterrevolutionär StD. Dr. Paschen vom 12. September 2009 auf Syndikalismus.tk


10 Kommentare leave one →
  1. 29. Oktober 2010 13:02

    Wirklich klasse Zusammenfassung der von Paschen geschichtsgeklitterten Gegebenheiten!
    Danke für eure unermüdliche Recherchetätigkeit- und ich häng das mal an die älteren Artikel dran- als Ergänzung zum letzten Paschen- Outing!

  2. 29. Oktober 2010 20:21

    So geht einem, wenn so eine kleine Proleten-Zeitschrift wie die BARRiKADE eine Rezensionsexemplar vom Paschen-Buch anfordert. Plötzlich wird es sehr „akademisch und wissenschaftlich“ …

    Sehr geehrter Herr Mohrhof

    Besten Dank für Ihre Anfrage und Ihr Interesse an unserer Publikation.

    Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir aufgrund der kleinen Auflagen unserer wissenschaftlichen Bücher jeweils nur über wenige Rezensionsexemplare eines Titels verfügen und Rezensionsexemplare deshalb nur für Buchbesprechungen in akademischen Zeitschriften vergeben können.

    Wir danken für Ihr Verständnis und verbleiben

    mit freundlichen Grüssen

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    Fax ++41 (0)32 376 17 27
    mailto: c.blatter@peterlang.com

    • 29. Oktober 2010 23:16

      also sind leute, die sich den stress machen, in sachen eigene-also arbeitergeschichte jedes noch so schlampige archiv durchzuwühlen, nicht „akademisch“ genug, ja unwürdig, ein rezensionsexemplar zu kriegen. warum haben die nicht gleich geschrieben, „wer uns historisch so auseinandernimmt, kriegt nix, basta“- harrharr.
      akademisch arschvoll können sie aber kriegen- diesmal ohne mensur…

      • Wollt Ihr die totale Mensur? permalink
        30. Oktober 2010 04:42

        OHNE? Spinnst wohl! Solange in die Fresse bis …

      • 30. Oktober 2010 16:42

        … bis dieser Hohlschädel abgefrühstückt ist.

  3. 1. November 2010 15:16

    laut einem Statements der „Reinigungs-Opposition der KPD“ (linksoppositionelle KPD-Gruppe in Schiffbek, heute Teil von Billstedt, wo der Aufstand am ehesten eine Basis hatte) von 1926 oder 1927 lag Ernst Thälmann während des Aufstandes „besoffen in der Kotze seiner Wurstzipfel“

    • Schwarzrote Wünschelrutengängerin permalink
      1. November 2010 19:02

      Quelle??? Danke.

      • 2. November 2010 12:11

        Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. Gekürzte Studienausgabe. Frankfurt/Main 1971, S. 159. … Quellenverweis dort: StA Bremen IV 4 e, Bd. 6.

      • Neugieriggewordener permalink
        3. November 2010 02:38

        Das zeugt doch von einem sehr bedeutungsvollen Moment der kommunistischen Weltgeschichte.
        Ist da ein Textauszug auf Eurer Seite? Wenn nicht, warum?

  4. Bonaventura permalink
    29. November 2010 04:10

    Just for the record: Das Buch von Paschen zur Hamburger Revolutionszeit heißt „Frieden, Freiheit, Brot!“. Aber mehr Reklame bekommt er nicht!

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