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Ferdinand Pelloutier, ein Vorläufer des Syndikalismus

6. Oktober 2010

Den folgenden Beitrag des italienischen Anarcho-Syndikalisten Armando Borghi (1882-1968), Gründer der anarchosyndikalistischen Zeitung „Guerra di Classe“ und Genosse der Unione Sindacale Italiana (USI) , entnehmen wir der Webseite Syndikalismus in Berlin. Es handelt sich bei Borghis Text um eine Abschrift aus der Internationale, dem theoretischen Organ der syndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA), aus dem Jahr 1924.

Von Armando Borghi.

Unsere Berliner Internationale Arbeiter-Assoziation wünscht für den 13. März dieses Jahres eines Aufsatz zur Erinnerung an Ferdinand Pelloutier, der in der Geschichte der revolutionären syndikalistischen Arbeiterschaft tiefe Spuren hinterlassen hat.

Dieser Name hat in der internationalen Arbeiterbewegung einen guten Klang und obgleich die Welt oft gar zu schnell die Vorkämpfer ihrer eigenen unterdrückten Klasse vergisst, dürften doch gerade die Jüngsten in den proletarischen Kämpferreihen nicht in Unkenntnis darüber sein, welche bedeutende Rolle Pelloutier in der syndikalistischen Bewegung gegen das Politikantentum gespielt hat.

Eine Reihe mir bekannter Schriftsteller erkannte das an. So findet George Sorel in seinem Buche „Betrachtungen über die Gewalt“ Worte der Bewunderung für Pelloutier und betrachtet den Eintritt der Anarchisten in die französische syndikalistische Bewegung als eine Tatsache von großer Bedeutung. Giuseppe Prezzolini, ein sehr ernster italienischer Schriftsteller, der eine Zeitlang den französischen Syndikalismus studierte, spricht in seinem Buche von Pelloutier als einen Helden des Syndikalismus. Auch darf ich nicht versäumen, die herrlichen Worte Pietro Coris, des großen italienischen Redners und anarchistischen Dichters zu erwähnen, die er über unsern Vorkämpfer in dem Vorworte eines ins Italienische übersetzte Werkes Pelloutiers über den Syndikalismus schrieb.

In Paris und in ganz Frankreich ist der Name Pelloutier un-löslich mit der Geschichte des Syndikalismus verbunden und im Gewerkschaftshaus, in der Rue Grange aux Belles, gerade dort, wo die Revolverkugeln der Kommunisten unsere Genossen trafen, gibt es einen Saal, der dem Namen Pelloutier gewidmet wurde.

Der Name unseres Vorkämpfers wurde also nicht vergessen, man kann sogar sagen, dass er heute noch eine größere Bedeutung gewonnen hat und zwar infolge der Wertschätzung, die unsere Ideen zuteil wurde und der Widerstände, die sie entfesselten, der Ideen, deren treuester und eifrigster Verkünder Pelloutier war. Es gibt unter uns so viel Finsternis in den neuaufblühenden und doch wurzellosen politischen Dogmen, es gibt so viel Verschlagenheit bei den Irreführenden und – gestehen wir es offen – es gibt so viel Naivität bei den Irregeführten, dass jene Männer, die der syndikalistischen Arbeiterbewegung treu geblieben sind, in der Erinnerung an unsere großen Toten, die zugleich Führer und Lehrer waren, nicht nur Trost, sondern auch Ansporn für den Kampf und für die Agitation unter den irregeführten Massen finden.

Der Appell, den also die I.A.A. in ihren Sektionen ertönen lässt, sich ihrer Vorkämpfer zu erinnern, ist eine Notwendigkeit. Die Erinnerung an einen Namen wie Pelloutier trägt ein besonderes Merkmal, eine besonders klar ausgeprägte Ausdrucksform, die jede Möglichkeit der Konfusion zwischen der revolutionären syndikalistischen Arbeiterschaft und den Irreführungen der wirklichen und vermeintlichen Politikanten ausschließt. Denn auch unter uns gibt es Genossen, die sich verleiten lassen und glauben, dass die Idee allein, den Gewerkschaften anzugehören, an sich gut sei, ohne auf den Inhalt derselben wert zu legen. O heilige Einfalt!

Glaubt ihr denn, wenn zum Beispiel die Polizei oder die Kerkermeister eine Gewerkschaft gründen, um vom Staate bessere Entlohnung für ihre infame Berufstätigkeit zu bekommen, dass diese Menschen Syndikalisten geworden sind? So haben auch die Politikanten und die Pfaffen vieler Länder Arbeiterorganisationen gegründet, um diese letzten Endes besser für die Interessen der herrschenden Klasse oder des Staates (ob jener nun gelb oder rot ist, ist einerlei – denn nicht alle Staaten sind rot – – von Arbeiterblut) missbrauchen zu können. Deshalb haben diese nicht die geringste Geistesverwandtschaft mit dem Syndikalismus. Das Beispiel ein und derselben Flasche, die entweder Wein oder Wasser oder gar Petroleum enthält, ist hier einleuchtend! Wir haben es hier nicht mit einer etymologischen Frage zu tun, sondern lediglich mit der Klarheit der Ausdrücke, die dazu dienen, die Ideen begrifflich in leicht verständliche Form zu kleiden. Fragen von historischer Bedeutung, aus deren Beantwortung sich die Wurzel über den natürlichen Ursprung der Bewegung finden lässt.

Ursprünglich bedeutete Syndikalismus Vertrag, im Gegensatz zu den philosophisch-politischen Theorien, die die neuen politischen Vereine in Italien ausüben. Ob es nun Syndikate der Partei oder selbst der Regierung, oder ob sie genossenschaftlicher Natur sind, immer sind es unechte, konservative oder gar reaktionäre Verbände. Genau wie jene, die sich Vereine oder Genossenschaften nennen, ohne eine klare Zielsteuerung erkennen zu lassen. Ihre Betätigungsmethoden kann man philanthropisch, pazifistisch nennen, sie können sich der Werke der Nächstenliebe befleißigen oder Protektionswirtschaft betreiben, aber sie können niemals als syndikalistische Aktionen bezeichnet werden.

Von Syndikalismus kann man nur reden, wenn die Ideen der sozialen Umgestaltung von der Aktion der proletarischen Angriffsfronten getragen werden und auf dem Boden des Klassenkampfes stehen. Für den Syndikalismus wirken heißt, wenn man dem Proletariat von der Vormundschaft der Parteien, der Protektion der Philanthropen, der Illusion des Parlaments, der Gaunerei der sozialen Reformen, der Sterilität der Gewerkschaften, der Gefahren des Zentralismus erzählt. Und wenn man so den Syndikalismus verständlich macht, dann erklären Pfaffen, Unternehmer, Reformisten, Parlamentarier, Sozialdemokraten und alle übrigen Streber zu den Staatskrippen, dass sie alle unbedingt antisyndikalistisch sind und den Syndikalismus für die schlechtesten, den abscheulichsten Betrug halten, der je gegen die heilige Ordnung der Gesellschaft verübt wurde.

Weil aber der Name Pelloutier in Frankreich wie ein leitender Stern erglänzt, wollen wir ihn uns seinen Werdegang der Arbeiterschaft in der Internationale näherbringen.

* * *

Nach einer Jugend der Studien und der demokratischen Illusionen kam Pelloutier etwa im Jahre 1892 aus der Provinz nach Paris, wo er 25 Jahre früher, im Jahre 1867, geboren wurde. Hier entwickelten sich in ihm alle Energien seines rebellischen Tempe-raments und seines für alles Neue empfänglichen Geistes. Er trat den Sozialisten näher, aber kaum hatte er mit deren politischen Kreisen Fühlung genommen, regte sich schon sein Misstrauen. Auf dem nationalen sozialistischen Kongress von St. Nazaire bezeichnete man ihn bereits als einen Ketzer. Währen die Parteiführer nur an die Wahlen dachten und von anderen Nichtigkeiten redeten, schlug er eine Abstimmung vor für den Generalstreik. Eine Idee, die schon in den Reihen der Internationale erörtert wurde.

Die 1880 entstandenen politischen Parteien taten aber alles, um die Verbreitung jener Idee zu verhindern. Pelloutier entwickelte sich sehr bald zum antistaatlichen Sozialisten, wurde Anarchist. Er führte den Kampf auf revolutionär-gewerkschaftlicher Grundlage, um die Bewegung zu erweitern und zu vertiefen, und er war es, der ihr zur Leitidee die direkte Aktion gab. Er propagierte unermüdlich den Gedanken des Generalstreiks. Er warnte die Arbeiterschaft vor den Illusionen der sozialen Gesetzgebung. Er betrieb die Ausschließung der kompromittierten Parlamentarier aus den Selbstverwaltungen der proletarischen Kampfverbände. Gleichzeitig versuchte er die Vorteile, die durch direkte Aktionen errungen wurden, zu befestigen. Zu alledem kam sein heißes Bemühen, in den Massen die Reife zur Übernahme der Gesamtproduktion zu fördern und neue gesellschaftliche Gebilde unter Ausschluss der Staatsgewalt, der Diktaturpossen, der Autorität und der hemmenden Zentralisation aufzubauen. Die Idee der Arbeiterbörsen, die er schuf und in Wirklichkeit umsetzte, und die föderierten freien Kommunen nähern sich im Geiste der Sowjetidee mit dem Unterschiede, dass sein Gedankengang durchaus herrschaftslos kommunistisch, also im engsten Sinne des Wortes antistaatlich war. Die Lehre von Proudhon, die in Frankreich so reiche Spuren hinterließ, verband er mit dem Idealismus eines Bakunin. Das Proletariat hat die Gabe, aufrichtige Männer, die sich ihm mit Hingebung nähern, sehr schnell zu verstehen. Nun folgten Pelloutier zehn Jahre des erbittertsten, fieberhaft erregten Klassenkampfes, in denen er die unfruchtbare Politik der Parlamentarier für die Arbeiterbewegung bloßlegte. Das und nichts anderes ist der revolutionäre Syndikalismus, der danach strebt, die unterdrückte Klasse zu einer selbstständigen und befreienden Macht zu bringen, die nicht andere regieren will, aber auch nicht regiert werden will, sondern darauf hinsteuert, eine Gesellschaft von freien Produzenten unter freiem Austausch der Produkte zu bilden. Die Föderation der Arbeiterbörsen in Frankreich war Pelloutiers Werk. Pelloutiers Leben war kurz, aber trotzdem nicht erfolglos.

Schon in der Kindheit zog Pelloutier sich ein Lungenleiden in dem Seminar zu, wo er als Knabe im Internat aufgezogen werden sollte. Diese persönlichen Angaben verdanken wir Pelloutiers Bruder, der in einem seiner Bücher uns darüber berichtet. Pelloutiers fruchtbares Leben wurde nur allzu kurz bemessen. Sein unruhiges, arbeitsreges Temperament ging bis zum letzten Atemzuge von 1892 bis 1901 im erbittertsten Klassenkampf für die revolutionäre Bewegung auf. Pelloutier hinterließ uns eine Reihe wertvoller Bücher: „Das Leben der Arbeiter in Frankreich“, „Die Geschichte der Arbeiterbörsen in Frankreich“ und andere. Das Letztgenannte Buch sollte ganz besonders von allen Genossen, insbesondere von den Kameraden der anderen Länder, gelesen werden. Auch die Kollektion der Zeitschrift „l´Ouvrier des Deux-Mondes“, eine Zeitung für die Arbeiterschaft beider Hemisphären, gegründet und geleitet von Pelloutier, enthält interessante und wertvolle Arbeiten.

Pelloutier wohnte dem internationalen Kongress in London 1896 bei, wohin ihn sein entschlossener Kampfesmut gegen den Parlamentarismus zog. Hier wurde er in seinen Ideen von Malatesta, Luise Michel, Pietro Gori, Landauer, Domela-Nievenhuis und anderen Genossen aus dem antiparlamentarischen Lager unterstützt. Er kam als Delegierter der französischen Genossen. Der Kongress endete mit einem gänzlichen Misserfolg der Parlamentarier. Trotz der Gegenwart der bekanntesten Köpfe der Sozialdemokraten, unter ihnen der gegenwärtige Präsident der französischen Republik, Mitterand, erklärte sich die Majorität der französischen Sektion gegen den von den Parlamentariern gewollten Ausschluss und gegen das politische Sektierertum. Es wäre interessant, aus den damaligen Zeitschriften die inhaltlosen Behauptungen und lächerlichen Einwände der Parlamentssozialisten gegen die revolutionäre Bewegung und ihre Kampfmethoden nachzudrucken.

Es ist bis zu seinem Ende das Verdienst unseres Pelloutier gewesen, die Entwicklung des Syndikalismus mit allen Kräften zu fördern. Es kann sogar gesagt werden, dass die spätere Entwicklung des Syndikalismus in Frankreich in der Richtung des Zentralismus bei der Gründung der Konföderation der Arbeit nicht erfolgt wäre, wenn der Einfluss Pelloutier durch dessen allzu frühen Tod nicht ausgeschaltet worden wäre.

Mit der Gründung der Arbeiterföderation auf zentralistischer Basis kam die ganze Arbeiterbewegung auf eine schiefe Ebene. Immer mehr entfernte sie sich von den internationalen Grundsätzen des Syndikalismus. Schon im Jahre 1913 getrauten sich die Franzosen beim Londoner Kongress nicht zu intervenieren, aus der Furcht, es mit Legien, Sassenbach und anderen fragwürdigen Genossen zu verderben. Und stillschweigend verzichteten die Franzosen im Jahre 1914 darauf, das Banner des Syndikalismus rein zu halten, obwohl die Syndikalisten vieler Länder auf ihren Posten blieben. Damals wurden Pelloutiers Ideen verraten und verkauft. Es war ein bedeutungsvoller Moment, als aus dem Chor der Kriegsbewunderer die Stimme Georges Yvetots ertönte. Ein Mann, der bis zu Pelloutiers Tode dessen treuer Kamerad und Fortsetzer seiner Lebensarbeit gewesen war.

Der Name Pelloutier ist unlösbar mit dem revolutionären, internationalen Syndikalismus verknüpft und darf daher nicht in der Sammlung fehlen, die unsere I.A.A. zusammenstellt. Der Gedanke, diesen großen Genossen eine Erinnerungstafel zu weihen, war gut. Möge sein Andenken bahnbrechend sein und bleiben.

Quelle: Die Internationale, 1. Jahrgang, Nr.1, März 1924

Übernommen von der Webseite „Syndikalismus in Berlin“

2 Kommentare leave one →
  1. TV: Fernand Pelloutier und die Arbeitsbörsen - [labournet.tv] permalink
    11. Dezember 2015 09:37

    http://de.labournet.tv/video/6933/fernand-pelloutier-und-die-arbeitsboersen

    Fernand Pelloutier war Journalist und Sozialrevolutionär im Frankreich des
    ausgehenden 19. Jahrhunderts.

    Als früher Verfechter anarcho-syndikalistischer Ideen ist
    Pelloutier bekannt für seinen Anteil an der Entstehung der Arbeitsbörsen
    und für seine Verteidigung des Generalstreiks als effektivstes Mittel, um
    eine revolutionäre Situation herbeizuführen. 1882 schrieb er den Text
    „Über die Revolution durch den Generalstreik“, in dem er dem Generalstreik
    den Vorzug gibt vor terroristischen Aktionen oder Aufständen. „Vertraut
    darauf, bald sind die Kassen der Arbeiter gut genug gefüllt für den
    Generalstreik, der die alte Welt bezwingt“, schreibt er 1889.

    Als Journalist und Schriftsteller untersuchter er intensiv die
    Arbeitsbedingungen der Arbeiter_innen in Frankreich, – auch die der Frauen -,
    um zu begreifen, welche Möglichkeiten es für Bewegungen von unten gab. Er
    lehnte Parlamentarismus ab, erklärte sich – sehr sehr ungewöhnlich für
    seine Zeit – als Verfechter feministisicher Ideen und stellte sich während
    des Dreyfus Prozesses gegen das antisemitische Lager.

    Seine Ideen beeinflussen die anarcho-syndikalistische Bewegung bis heute.

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