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100 Jahre CNT – Berichte von 1931 – Vorboten der Revolution (4/8)

3. August 2010

Dieses Jahr feiert die traditionsreiche anarcho-syndikalistische Gewerkschaft Spaniens, die Confederacion Nacional del Trabajo (CNT), ihren 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir uns entschlossen, einige historische Berichte über die Entwicklung und Kämpfe der wohl bekanntesten anarcho-syndikalistischen Organisation der Welt zu veröffentlichen. Es handelt sich dabei um Beiträge, die in der Wochenzeitung der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), „Der Syndikalist“, erschienen sind. Gibt es über die soziale Revolution des Jahres 1936 zahlreiche Bücher, Artikel und auch Filme, so ist das Wirken der CNT vor dem Juni 1936 weitaus weniger dargestellt und analysiert. Doch alle Erfahrungen, Streiks und Aufstandsversuche vor der Revolution haben auch dazu beigetragen, dass diese schließlich von den Arbeitern und Bauern erfolgreich durchgeführt wurde, ehe sie schließlich von einer stillschweigenden Allianz aus Kommunistischer Partei, Faschisten, Kirche, Kapitalisten und den bürgerlichen Demokratien zerstört und militärisch besiegt wurde. Es soll an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, daß auch die CNT Fehler machte, die dazu führten, dass sie ihre Machtposition verlor und sich ihr Einfluß verringerte.

In 8 Folgen unter dem Titel „Vorboten der Revolution“ begleiten wir die Kämpfe der AnarchosyndikalistInnen Spaniens. Jeden Monat werden wir einen weiteren historischen Text aus dem „Syndikalist“ veröffentlichen. Hier folgt der 4. Teil.

Red. Syndikalismus.tk

Die letzten Vorgänge in Spanien

Die CNT bewaffnet die Arbeiterklasse!

Blutige Zusammenstöße am 1. Mai in Barcelona

Am 1. Mai demonstrierten etwa 100.000 Arbeiter in Barcelona unter der Führung der syndikalistischen Confederacion Nacional del Trabajo und der anarchistischen Föderation Iberiens für die proletarischen und revolutionären Forderungen. Von mehreren Stellen wurde zur Arbeiterschaft gesprochen. Die Hauptdemonstration wurde im Theaterpalast de Bellas Artes abgehalten. Nach Schluß der Versammlungen begab sich die Menge zum Platze der Republik, wo provokatorische Elemente und die Polizei auf die friedlichen Demonstranten schossen. Mehrere Demonstranten und einige Polizeibeamte wurden verwundet, ein Sicherheitsagent wurde getötet. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Polizeikräften.

Nach kurzer Zeit trafen Truppenabteilungen auf dem Kampfesplatz ein. Die Soldaten stellten sich zwischen Arbeiter und Polizei und nahmen eine freundliche Haltung für die Arbeiter ein. „Solidaridad Obrera“ schrieb von Fraternisierung zwischen Arbeitern und Soldaten. Die Polizei war machtlos und zog sich zurück. Sie konnte nicht im entferntesten daran denken, Verhaftungen vorzunehmen obwohl einer der ihrigen getötet wurde. Hieraus geht hervor, dass die Arbeiter siegreich waren und die Straße behaupteten.

Die Demonstranten zogen vor das Regierungsgebäude, wo erst Staatsrat Casanovas und dann Präsident Macia zu der Menge sprach. Macia erklärte, dass er niemals gegen die Arbeiter vorgehen würde, solange er seinen Posten innehabe. Er verurteilte das Auftreten der Polizei und fügte hinzu, dass er, wenn er anwesend gewesen wäre, dafür gesorgt hätte, daß die Polizei keine Brutalitäten hätte begehen können.

Die syndikalistische Organisation gibt sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Sie erklärt in ihrer Zeitung „Solidaridad Obrera“, dass diese Ereignisse noch einmal beweisen, wie notwendig es für die Arbeiter ist, sich zu bewaffnen. Die Situation in Spanien erfordert, dass die Arbeiter nicht mit verschränkten Armen dastehen und ruhig zusehen, wie ihre Gegner bis zu den Zähnen bewaffnet sind. Wären die Arbeiter am 1. Mai bewaffnet gewesen, dann hätten es die Provokateure nicht gewagt, in die Massen zu schießen. Auf ihrer Reichskonferenz am 23. April in Madrid haben die syndikalistischen Organisationen beschlossen, Verteidigungskader innerhalb der CNT zu bilden.

Die CNT erklärt außerdem noch, dass die verantwortlichen Elemente für diese blutigen Zusammenstöße vom 1. Mai zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Das Proletariat Barcelonas war von einem prächtigen Geist der der Solidarität und des Edelmuts beseelt. Es hat sich von keiner Seite provozieren lassen, sondern mit eleganter Geste jede Provokation von sich gewiesen. Die Haltung der Soldaten zeigt, dass bei kommenden ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Kapitalisten die Soldaten sich auf die Seite der Arbeiter stellen werden.

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 20/1931

He, falsches Bild, das ist nicht Spanien!

Außerordentliche Reichskonferenz der syndikalistischen Organisation in Madrid

Die syndikalistische Confederacion Nacional del Trabajo hielt eine außerordentliche Reichskonferenz in Madrid ab, wo wichtige Fragen für die Organisierung des span

ischen Proletariats und für die Stellung zur gegenwärtigen Lage im Lande behandelt wurden. Es wurde beschlossen, einen außerordentlichen Kongreß vom 10. bis 13. Juni in Madrid abzuhalten, und im Anschluß daran soll der Internationale syndikalistische Kongress stattfinden.

Bis zur Abhaltung des Reichskongresses der spanischen Syndikalisten hat die Reichskonferenz zu den dringenden Tagesfragen folgende Stellung eingenommen:

Um zu verhindern, dass sich die Reaktion wieder festsetzt und um ihre Organisation, die Confederacion Nacional del Trabajo, zu verteidigen, ist es erforderlich, dass Verteidigungskader gebildet werden. Diese sollen örtlich, provinzial und national gegliedert sein, aus den Reihen der Arbeiterschaft hervorgehen und unter der Kontrolle der Condederacion Nacional del Trabajo stehen.

Von der gegenwärtigen republikanischen Regierung wird erwartet, dass sie allen proletarischen Organisationen vollste Freiheit für ihre Organisation, Propaganda und Presse gewährleistet.

Alle Organisationen, die der Monarchie gedient haben und die Arbeiter und deren Organisationen verfolgten und zahlreiche Genossen mordeten; die für den Sturz der Bourbonenherrschaft kämpften, sollen entwaffnet werden.

Die öffentliche Meinung soll bearbeitet werden, damit von den vorherigen Regierungen und Mächten, die Hunderte von Genossen in der Unterdrückungsperiode mordeten. Rechenschaft gefordert werden kann.

Auf wirtschaftlichem Gebiete wurden folgende Dringlichkeitsforderungen gestellt:

Einführung des Sechsstundentages, um die Erwerbslosigkeit einzudämmen.

Enteignung der Großgrundbesitzer, damit die Landarbeitergewerkschaften das Land kollektiv bearbeiten, bis die Sozialisierung des Bodens erreicht ist.

Einführung von Mindestlöhnen, die den Forderungen des Tages entsprechen.

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 20/1931

Sonderbericht

In Barcelona haben die Genossen ein freiheitliches Korrespondenzbüro organisiert, das sich die Aufgabe gestellt hat, im Inland und vor allem auch im Ausland der Wahrheit entsprechende Nachrichten über Spanien und über die Kämpfe des Proletariats zu verbreiten. Eine proletarische Nachrichtenstelle für die ausländische Presse ist umso erforderlicher, als gerade über Spanien die unglaublichsten Falschmeldungen von bürgerlicher und von sozialdemokratischer sowie kommunistischer Seite im Ausland verbreitet werden. Wir begrüßen daher die Initiative der spanischen Genossen und hoffen, dass es ihnen gelingen wird, die proletarische Öffentlichkeit über die wirklichen Verhältnisse in Spanien aufzuklären. Die Adresse der Nachrichtenstelle ist: Rafael Martinez (U.C.), Calle Guardia 12 pral. Barcelona.

Soeben traf der erste Bericht des Nachrichtenbüros ein, den wir nachfolgend zum Abdruck bringen:

Die Regierung von Madrid ist vollauf damit beschäftigt, das neue politische Regime zu verankern. Die katalonische Regierung muß sich außerdem noch mit einer neuen Regelung des Wirtschaftslebens befassen. In Katalonien ist nämlich die Industrie am weitesten fortgeschritten. Daraus ergeben sich andere Probleme als im übrigen Spanien, wo die bisherigen Bodenbesitzverhältnisse jede fortschrittliche Entwicklung gehemmt hatten. Angesichts der fast mittelalterlichen Verhältnisse, die bisher in Spanien auf dem Lande geherrscht hatten, wird es eine längere Zeit dauern und energischer Erziehungsarbeit bedürfen, um die Verhältnisse und die Bevölkerung dem Fortschritt zugänglich zu machen. In Katalonien dagegen kann die Entwicklung zur Freiheit rascher vor sich gehen.

...das auch nicht...

Während sich die neuen Regierenden mit einer Fülle von organisatorischen Staatsaufgaben beschäftigen, sind die siegreichen Parteien und Volksteile drauf und dran, ihre Errungenschaften auszubauen.

Am stärksten tritt die Aufbautätigkeit der freiheitlichen Confederacion Nacional del Trabajo in Erscheinung. Diese Organisation, die den stärksten Teil der Arbeiterbewegung des Landes darstellt, war während der Diktatur verboten und bestand nur in Geheimbünden weiter. Sie hat es indessen verstanden, sich intakt zu halten. Seit Ausrufung der Republik und seit Bestehen der freien Meinungsäußerung, der Presse- und Koalitionsfreiheit drängen sich die Massen zu dieser Organisation. Täglich kommen die Arbeiter in Massen, um sich in ihre Industriegewerkschaften aufnehmen zu lassen.

Die Mächte der Vergangenheit werden immer mehr zurückgedrängt, während die Kräfte, die einer neuen, freien Zukunft zustreben, immer stärker anwachsen. All das geht in scheinbarer Ruhe vor sich, da die politischen Freiheiten von den Behörden nur wenig eingeschränkt werden. Ein Beleg hierfür ist das große Meeting, das im größten Theater Barcelonas abgehalten wurde, an dem gegen 10.000 Personen teilnahmen. Die Einberufer waren die syndikalistische Organisation und die anarchistischen Gruppen, und die Reden der Anarchisten und Syndikalisten wurden durch Radio verbreitet. Anwesend war auch der gelehrte Bibliograph des Anarchismus, Dr. Max Nettlau.

Die Anarchisten arbeiten gemeinsam mit der CNT, um alle Angriffe gegen die Organisation zu verteidigen und um den revolutionären Geist in den Gewerkschaften aufrechtzuerhalten. In allen Orten bilden sich zahlreiche Gruppen von gut bewaffneten Anarchisten, die bereit sind, im gegebenen Zeitpunkt in den Kampf für die Enteignung der Bourgeoisie und der Kapitalisten zu treten, um die reaktionären Kräfte zu entwaffnen und eine neue freiheitliche Gesellschaftsordnung zu errichten. Diese anarchistischen Gruppen bilden über ganz Spanien die Anarchistische Föderation Iberiens, die sich bis nach Portugal erstreckt

Oiga Chico! Por favor, donde esta la officina de la CNT?

Doch der Zersetzungsprozeß der alten Gesellschaft geht langsam vor sich und stellt an die Geduld der Revolutionäre harte Proben. Zieht man indessen in Betracht, dass man Gebräuche, Sitten und Einrichtungen mit tausendjähriger Vergangenheit zerstören und neue Gesellschaftsformen an deren Stelle setzen muß, dann wird man begreifen, dass eine gewisse Zeit hierfür erforderlich ist.

Freiheitliches Nachrichtenbüro

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 20/1931

Teil 1 der Serie

Teil 2 der Serie

Teil 3 der Serie

Zur Sonderseite „Ein Jahrhundert CNT“ geht es hier (Homepage in spanisch)

2 Kommentare leave one →
  1. Syndikalist-A permalink
    3. August 2010 15:47

    Zu den Ereignissen des 1.Mai 1931 findet man auch in der Durrutti-biografie von Abel Paz einige interessante Ereignisberichte!

  2. 3. August 2010 18:27

    Vorher

    Nachher

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