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„Kollateralschäden“- Von Wikileaks veröffentlichte Geheimdokumente geben Aufschluß über zivile Opfer der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan

28. Juli 2010

Nach Erkenntnissen des Büros des afghanischen Präsidenten sind 52 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, bei einem Angriff der NATO auf ein Dorf in der Provinz Helmand getötet worden. Ein Kampfhubschrauber hatte am Freitag voriger Woche mehrere Gebäude mit Raketen beschossen, in denen Bewohner Schutz gesucht hatten. Ein Sprecher der internationalen Besatzungstruppen, ISAF, behauptete, das Dorf liege »mehrere Kilometer von einer Stelle entfernt, wo wir ein Gefecht mit feindlichen Kämpfern hatten«. Ein Untersuchungsteam habe »keine Hinweise auf Verluste unter der Zivilbevölkerung« gefunden.

Das Leugnen solcher »Kollateralschäden« der Aufstandsbekämpfung ist für die NATO Routine. Die in der Nacht zum Montag von Wikileaks veröffentlichten US-amerikanischen Geheimdokumente enthalten nach einer Zählung der britischen Tageszeitung Guardian Berichte über 144 Zwischenfälle, bei denen unbeteiligte Zivilpersonen getötet und verletzt wurden. Auffällig seien die großen Unterschiede zwischen den Verlaufsschilderungen für den internen Gebrauch und den offiziellen Presseverlautbarungen der ISAF, schreibt der Guardian. Außerdem würde aus den Geheimdokumenten eine Reihe von derartigen Vorfällen ersichtlich, die bisher von der NATO erfolgreich verschwiegen worden waren.

Neben zahlreichen »Kollateralschäden« durch Luftangriffe, denen Tausende afghanischer Nicht-Kombattanten zum Opfer fielen, beschießen die NATO-Truppen oft PKWs oder Busse, weil die Fahrer angeblich zu nahe an einen Militärkonvoi herankamen, nicht schnell genug den Weg frei machten oder ein Haltesignal übersahen. Unter den jetzt veröffentlichten Geheimdokumenten ist ein Bericht über französische Soldaten, die am 2. Oktober 2008 einen Bus mit Kindern beschossen und acht von ihnen verletzten. Bei einer ähnlichen Aktion töteten oder verletzten US-Truppen 15 Fahrgäste eines Busses. Am 16. August 2007 beschossen polnische Soldaten, anscheinend als »Vergeltung« für die Explosion einer Straßenmine, ein afghanisches Dorf. Fast alle Gäste einer Hochzeitsfeier wurden dabei getötet.

Durch die Veröffentlichung der Geheimdokumente werden erstmals konkrete Einzelheiten über die Einsätze der US-amerikanischen Spezialtruppe Task Force 373 bekannt. Angeblich soll diese sogenannte Topziele, Mitglieder der obersten Führung von Taliban und »Al-Qaida«, festnehmen oder töten. Aus der Tatsache, daß sich allein aus den jetzt bekannt gewordenen Dokumenten eine »Kill-or-Capture«-Liste mit 2000 Namen ergibt, wird deutlich, daß es keineswegs nur um die Führungsebene der Aufständischen geht.

Einheiten der Task Force 373 sind seit Monaten auch im nordostafghanischen Zuständigkeitsbereich der deutschen Bundeswehr aktiv. Wie weit sie bei ihren Einsätzen mit den Deutschen zusammenarbeiten, ist offiziell nicht bekannt. Kriegsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte bei einem Truppenbesuch im November 2009 lediglich vielsagend, er sei »für jede Hilfe der US-Armee dankbar«. Die FDP-Militärexpertin Elke Hoff erklärte zu den jetzt veröffentlichten Dokumenten gegenüber Spiegel online, die gezielten Tötungen in Afghanistan seien »nicht neu« und könnten »keinen ernsthaft überraschen«. Sie erwarte auch gar nicht, »daß die Bundesregierung uns als Parlamentarier über die Spezialeinheiten aller Partner informiert«.

Aus den von Wikileaks ins Internet gestellten Berichten wird deutlich, daß es auch bei den Einsätzen der Task Force 373 immer wieder »Kollateralschäden« gibt. Beispielsweise tötete eine Spezialeinheit am 11. Juni 2007 bei einem Feuergefecht sieben afghanische Polizisten und verletzte vier weitere. Der Vorfall wurde verheimlicht. Kurz darauf, am 17. Juni 2007, griff die Task Force 373 eine religiöse Schule, in der sie Talibankämpfer vermutete, mit Raketen an. In den Trümmern wurden jedoch sieben tote Kinder gefunden. Ein achtes, schwer verletztes Kind starb wenig später. Es gab keine Anzeichen, daß sich wirklich Taliban im Objekt befunden hätten.

Knut Mellenthin, jw vom 28.07.2010

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  1. 23. Oktober 2010 14:14

    Knapp 400.000 Dokumente im Netz
    WikiLeaks enthüllt US-Berichte zum Irak-Krieg

    Die Internetplattform WikiLeaks hat auf ihrer Website nach eigenen Angaben fast 400.000 Geheimdokumente der US-Streitkräfte zum Irak-Krieg veröffentlicht. Das entspreche 200.000 Seiten Material über den Zeitraum vom 1. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2009, teilten die Betreiber mit. Für diesen Samstag kündigten sie eine Pressekonferenz in London an.

    Zuvor hatten bereits mehrere Medien übereinstimmend über die Akten berichtet, darunter die „New York Times“, „Spiegel“, die britische Tageszeitung „Guardian“ und der arabische Fernsehsender „Al Dschasira“.
    Belege für Folter und Missbrauch?

    Nach Angaben des „Guardian“ belegen die Dokumente, dass es US-Behörden unterlassen hätten, Hunderten von Berichten über Missbrauch, Folter, Vergewaltigung und Mord nachzugehen, in die irakische Polizisten und Soldaten verwickelt gewesen seien.

    Zudem sollen Informationen über eine US-Helikopter-Besatzung vorliegen, die irakische Aufständische getötet habe, obwohl diese sich ergeben hätten. Des Weiteren zeugten die Dokumente von bisher unbekannten Zwischenfällen, bei denen mehr als 15.000 Zivilisten getötet worden sein sollen. Amerikanische und britische Regierungsstellen hätten immer bestritten, dass es offizielle Statistiken über Opfer gegeben habe, schreibt der „Guardian“.

    Bei dem „Leck“ handele es sich offenbar um dieselbe Quelle, die bereits im Juli mehr als 75.000 geheime US-Dokumente zum Afghanistan-Krieg öffentlich gemacht habe.

    WikiLeaks-Gründer Julian Assange sagte dem US-Nachrichtensender CNN, die Papiere stellten „Beweise für Kriegsverbrechen“ dar, die Koalitionstruppen und der irakischen Regierung begangen worden seien. Er bestritt eine Gefährdung von US-Soldaten und irakischer Zivilisten. Durch die Veröffentlichung der Dokumente zum Afghanistan-Krieg sei niemand zu Schaden gekommen. Assange wandte sich damit gegen die US-Regierung.

    Außenministerin Hillary Clinton hatte WikiLeaks scharf angegriffen. Sie verurteile es „klar und eindeutig“, sollten geheime Unterlagen zugänglich gemacht werden, sagte sie. Solche Enthüllungen gefährdeten Leben und bedrohten die nationale Sicherheit der USA „und derer, die mit uns zusammenarbeiten“.

    „Nachrichten von gestern“

    Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Chris Perrine, sagte, er rechne nicht damit, dass es „große Überraschungen“ geben werde und fügte hinzu: „Das sind alles Nachrichten von gestern.“ Über das meiste sei bereits sehr ausführlich berichtet worden.

    Der Irak-Krieg begann im März 2003 mit der Invasion der USA, Großbritanniens und verbündeter Staaten. Deutschland, Frankreich und Russland stellten sich gegen die sogenannte Koalition der Willigen. Die Invasion erfolgte ohne Legitimation durch den UN-Sicherheitsrat. US-Präsident Barack Obama erklärte den Krieg am 31. August 2010 offiziell für beendet.

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