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Kurt Tucholsky: Nie allein

26. Juli 2010

Eindrückliche Zeilen von Kurt Tucholsky. In wie vielen Ländern der Welt ist die hier beschriebene Situation noch heute so? Und auch in Deutschland gibt es das noch immer. Und soll staatlich beschlossen ausgeweitet werden. Nach dem Willen der Regierenden sollen HartzIV-Angehörige in Kasernen einquartiert werden.

Nie allein

Eine Seite des Proletarierschicksals aller Länder wird niemals beschrieben – nämlich die Tragik, die darin liegt, daß der Proletarier nie allein ist. So ist sein Leben: Geboren wird er im Krankenhaus, wo viele Mütter kreißen, oder in einem Zimmer, wo ihn gleich die Familie mit ihrem Anhang, den Schlafburschen, umwimmelt,; so wächst er auf, und es ist noch eine bessere Familie, wo jeder sein eigenes Bett hat; alle aber, die so leben, leben ständig das Leben der anderen mit und sind nie allein. So ist seine Welt; sein Haus hat viele Höfe, und unzählige Familien wohnen hier, kommen und gehen, schreien und rufen, kochen und waschen, und alle hören alles, jeder nimmt am Schicksal des anderen auf die empfindlichste Art teil, in der dies möglich ist: nämlich mit dem Ohr. Das Ohr des Proletariers lernt Geräuschlosigkeit nur in der Einzelhaft kennen. Im Maschinensaal arbeitet er mit den andern; im Stollen mit der Belegschaft; am Bau mit den andern – nie ist er allein. Zu Hause nicht – nie ist er allein. Noch, wenn er stirbt, stirbt er entweder in so einem schmierigen Loch oder im Krankenhaus – und ist auch dann nicht allein. Man sage nicht, dass „die Leute dies gewöhnt seien“ – das erinnert an den Ausspruch jenes Kellners, der da beim Austernservieren sagt: “Ja, die Austern sterben sofort, wenn man die Schale öffnet. Aber sie sind das gewöhnt!“ An so ein Leben, in dem man nie allein ist, gewöhnt man sich nicht; man lebt es bitter zu Ende.

Das hat gar nichts mit einem falschen Bürger-Ideal zu tun; Kollektivität und Solidarität stehen auf einem andern Blatt. Die französischen Bauern umgeben ihre Besitzungen gern mit einer hohen Mauer; deutsche Kleinsiedler haben eine immense Vorliebe für den Zaun, weil er ihnen Symbol für das Eigentum ist… die neue Generation in Rußland hat ein neues Lebensgefühl in die Welt gerufen und ist sich vielleicht weniger feind, als das sonst unter Menschen üblich ist. Klassengenossen sollen solidarisch sein und kollektiv arbeiten und leben, gewiß. Aber gibt es ein menschliches Wesen, das da mehr sein will, als nur Arbeitsmotor, Fortpflanzungsapparat und Verdauungsmaschine, und das nicht den Wunsch hätte, einmal, nur ein einziges Mal, allein zu sein?

Hier liegen nicht nur die Körper zusammen – hier dünsten auch die Seelen aus, und weil für keine Platz genug da ist, so ziehen sie sich zusammen und werden beengt, bedrängt, manchmal klein. Wieviel Mut, wieviel Energie gehört dazu, um unter so niedriger Decke noch zu hoffen, zu arbeiten, den Gedanken des Klassenkampfes nicht trübe verglimmen zu lassen!

Die Frau, die Kinder – auch sie nie allein. Der Mensch von 1929 ist nicht mehr allein wie auf einer Ritterburg oder in einer Eremitenklause. Wie de Waben sitzen die Wohnungen in den Mietshäusern beieinander – Ist der Proletarier nicht sehr stark, ist er nicht durchdrungen von dem Gedanken, für seine Klasse zu kämpfen, dann entsteht eben jene Welt: „Drittes Quergebäude, rechts, zweiter Hof“… In dem ewig dunkeln Gang hängen nicht nur die Eimer an den Wänden, an diesen Wänden klebt auch zäher Klatsch, Niedrigkeit, die aus der Not kommt, die Menschen knurren sich an, weil sie zu nah beinanderwohnen – wie kümmerlich die Versuche, in solchen Ställen so etwas wie ein „Heim“ aufzubauen. Das muß dem Nächsten abgerungen werden, und es wird ihm abgerungen, unter steten Kämpfen, unter Seelenqual und Bitternis. Nie sind diese Leute allein.

Lebt der deutsche Arbeiter so -? Ein großer Teil lebt so und tut seine Arbeit und hat Sehnsucht nach einem andern Leben und quält und schindet sich und ist nie allein.

2 Kommentare leave one →
  1. 26. Juli 2010 10:47

    Und die MLPD feiert das auch noch, nie allein zu sein…..

    Ein Rotfuchs will ich sein!

    Refrain:

    Ein Rotfuchs ist nie allein
    Ein Rotfuchs will ich sein
    Was uns zusammen hält
    Der Kampf für eine bessre Welt
    Gemeinsam im ganzen Land
    sind wir ein echt starker Verband!

    1. Strophe

    Papa tut seit Tagen der Magen weh,
    weil Opel Leute feuern will
    „Ich bau die Autos wenn ich auf der Arbeit steh“
    sagt er und wird ganz still
    Opel sagt: „Zehntausend sollen gehen
    Wir sind denen Einerlei
    Streik ist die Antwort! Zusammenstehn’!
    Und wir Kinder sind dabei

    Refrain

    2. Strophe

    Beim Fußball denkt mancher „Ich bin der Star,
    weil ich gut spielen kann“
    doch nur gemeinsam wird der Sieg wahr
    drum gehen wir als Mannschaft ran
    Zu „Mama mach mal“ sagen wir Nein
    Wir lassen uns nicht bedienen
    Dass faul sein cool ist, ist nur ein Schein
    Wir woll’n dem Volke dienen

    Refrain

    3. Strophe

    „Dafür bist du zu klein“ hören wir nicht gern
    wir traun uns selbst was zu
    von der Kasse bis zur Leitung können wir alles lern’
    und sind REBELLEN im nu
    Unsere Hände sind klein, doch unsere Träume groß
    Wir greifen nach den Sternen
    Eine bessere Welt fällt uns nicht in den Schoss
    Drum heißt es kämpfen lernen

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