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100 Jahre CNT – Berichte von 1931 – Vorboten der Revolution (3/8)

2. Juli 2010

Dieses Jahr feiert die traditionsreiche anarcho-syndikalistische Gewerkschaft Spaniens, die Confederacion Nacional del Trabajo (CNT), ihren 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir uns entschlossen, einige historische Berichte über die Entwicklung und Kämpfe der wohl bekanntesten anarcho-syndikalistischen Organisation der Welt zu veröffentlichen. Es handelt sich dabei um Beiträge, die in der Wochenzeitung der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), „Der Syndikalist“, erschienen sind. Gibt es über die soziale Revolution des Jahres 1936 zahlreiche Bücher, Artikel und auch Filme, so ist das Wirken der CNT vor dem Juni 1936 weitaus weniger dargestellt und analysiert. Doch alle Erfahrungen, Streiks und Aufstandsversuche vor der Revolution haben auch dazu beigetragen, dass diese schließlich von den Arbeitern und Bauern erfolgreich durchgeführt wurde, ehe sie schließlich von einer stillschweigenden Allianz aus Kommunistischer Partei, Faschisten, Kirche, Kapitalisten und den bürgerlichen Demokratien zerstört und militärisch besiegt wurde. Es soll an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, daß auch die CNT Fehler machte, die dazu führten, dass sie ihre Machtposition verlor und sich ihr Einfluß verringerte.

In 8 Folgen unter dem Titel „Vorboten der Revolution“ begleiten wir die Kämpfe der AnarchosyndikalistInnen Spaniens. Jeden Monat werden wir einen weiteren historischen Text aus dem „Syndikalist“ veröffentlichen. Hier folgt der 3. Teil.

Red. Syndikalismus.tk


Eusebio C. Carbo: Das Zellengefänginis von Barcelona

Am 14. April [1931], im Augenblick der Proklamation der Republik, brachen die Massen mit Gewalt in das Zellengefängnis von Barcelona ein, um es ganz zu räumen. Die meisten Fenster hatten keine Scheiben, und die meisten Zellen keine Türen mehr. Es gab aber auch noch andere Schäden, so dass das Gefängnis ohne jeden „Komfort“ und fast ohne Sicherheit war. Dieses Werk der Massen, am 14. April begonnen, wurde am 2. August vollendet durch die im Gefängnis befindlichen Kameraden selbst anlässlich der Revolte beim Besuch des Präfekten, einer Revolte, die zur Ursache des letzten Generalstreiks wurde. Die Türen, die noch vorhanden waren, wurden herausgerissen. Andererseits sorgte eine Feuersbrunst dafür, dass das Gefängnis unbenutzbar wurde. Man musste schnell an die notwendigen Reparaturen denken, um es wieder instandzusetzen. Mehrere Unternehmer wurden dazu aufgefordert, aber sie lehnten ab in der Befürchtung, dass angesichts dieser Arbeit ihre Arbeiter in den Streik treten würden. Sie hatten Recht. Ein Unternehmer fragte seine Arbeiter, ob sie zu einer solchen Arbeit bereit seien. Das wurde glatt abgelehnt!

Dann wurden Schritte unternommen zur Fühlungsnahme mit der Organisation, damit sie zu der Arbeit ihre Einwilligung geben oder diese selbst übernehmen wolle. Vergebliche Liebesmühe! Trotz der großen Arbeitslosigkeit wollte die Organisation der CNT nichts von dieser Sache wissen. Es ist nicht ihre Aufgabe, Gefängnisse instandzusetzen! Ihre Rolle ist es vielmehr, sie zu zerstören! Nun sollten die Türen, die Fenster, die Gitter nach Palma de Mallorca auf den Baleareninseln transportiert werden, wo es, wie es schien, einen Unternehmer gab, der die Arbeit übernehmen wollte. Aber im Hafen von Barcelona wollten die Arbeiter das Material nicht auf das Schiff verladen! Es waren die Leute Largo Caballeros, die es schließlich taten. Aber bei der Ankunft in Palma verweigerten unsere Kameraden die Entladung des Schiffes. Soldaten wurden an Stelle der Arbeiter eingesetzt. Wenn die Reparaturen nun wirklich gemacht werden sollten – was aber noch durchaus nicht feststeht – so wird es einen Streik der Seeleute auf der Strecke Palma-Barcelona geben in dem Augenblick, in dem man die Fenster, Türen, Gitter usw. transportieren will!

Jeden Tag Ausgang, das ist Revolution

Was die Gefängnisse betrifft, so hat die Arbeiterschaft von Katalonien eine glorreiche Tradition. Einige schlagende Einzelheiten! Im Jahre 1904 ordnete der Staat den Bau eines Frauengefängnisses in Barcelona an. Die Arbeiten begannen. Der Unternehmer hatte ein Jahr Zeit für die Ausführung. Aber es geschah fünfzig, sechzig, hundertmal, ich weiß es nicht genau – sobald die Mauern sich ein, zwei, drei Meter vom Boden erhoben, – in der Nacht kam regelmäßig jemand, der sie wieder umlegte! Jede Überwachung war unnütz. 1914, nachdem die Arbeiten noch manchesmal wiederbegonnen und wiedereingestellt worden waren, wollte man noch einmal ernsthaft beginnen. In der Tat stiegen die Mauern diesmal mehr als drei Meter hoch, die Arbeiter konnten ihr Handwerk nicht verrichten, da die Überwachung zu stark war. Wird es diesmal etwas werden mit dem Frauengefängnis? So fragte sich alle Welt. Einen Regentag ausnützend, brachen aber Männer und Frauen plötzlich in den Bauhof ein – und innerhalb einer Stunde waren die Mauern wieder dem Erdboden gleichgemacht. 1931 ist man mit dem Frauengefängnis in Barcelona genau so weit wie 1904 und 1914. Primo de Rivera wollte es unter der Diktatur um jeden Preis fertig stellen. Er ließ Maurer und Bauarbeiter anwerben (…). Aber er hatte kein Glück. Die Arbeiter lehnten den Bau ab! Wird die Republik die Hindernisse dieses Gefängnisbaues überwinden? Wird sie stärker sein als die Diktatur?

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 47/1931

Erich Mühsam: Spanien (1931)

Einmal reift die Saat der Rache,

einmal muß der Morgen tagen,

da für unsre heilige Sache

himmelauf die Flammen schlagen.

Einmal schafft der Zorn sich Raum,

weckt zur Tat den Freiheitstraum.

Finsternis und Ketten löst er.

Seht, in Spanien brennen die Klöster!

Schwaden ziehn in düstrer Wolke

Glutgerötet übers Land.

Stürme, aufgepeitscht vom Volke,

schüren den Zerstörungsbrand.

Seht, das Strafgericht, das rasche,

ist am Werk, die Schmach zu rächen,

und die Stätte der Verbrechen

Torquemadas sinkt in Asche.

Ob Sevillas Kathedrale

hehrer Küste Schätze berge,

schert euch nicht um Goldpokale!

Feuer an der Freiheit Särge!

Mag ihr Prunk in Trümmer poltern!

Denkt an ihre Ketzerfoltern!

Denkt an ihre Scheiterhaufen!

Feuer soll die Freiheit taufen!

Feuer sei des Volkes Tröster!

Seht, in Spanien brennen die Klöster!

Rote Glut in düstern Schwaden-

Könige flüchten, Pfaffen zittern.

Einmal muß sich in Gewittern

jedes Volkes Zorn entladen.

In die Schlösser schlagen Blitze,

in Altar und Beichststuhl ein.

Auch der Gutsherrn Räubersitz

rötet schon ein Feuerschein.

Bischofsmütze, Möncheskutte

gebt den Flammen zum Verzehr!

Ach, die Heiligen unterm Schutte

wirken keine Wunder mehr!

Wunder wirkt aus andern Sonnen

als aus hölzernen Madonnen.

Wo das Volk sein Land bestellt,

wo der Kinder Zukunftswelt

Glaube ist und Zuversicht,

da bedarfs der Götter nicht.

Ferrers Saat ist aufgegangen.

Er ist nicht umsonst getötet.

Freiheit ist des Volks Verlangen.

Spaniens Nacht, vom Brand gerötet,

kämpft dem Freiheitstag entgegen.

Löscht nicht vor der Zeit die Flammen!

Rettet keine Zwingruinen!

Pfaffenherrschaft bricht zusammen.

Aber ihr – im Morgenregen

Nehmt das Land und die Maschinen!

Dieser Tag wird euer größter.

Seht, in Spanien brennen die Klöster!

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 22/1931.

Wer da wohl immer annimmt, Mühsam sei gewaltfreier Pazifist gesesen 🙂

Revolution in Spanien

Der revolutionäre Syndikalismus auf Vorposten!

Die Dinge in Spanien haben den Lauf genommen, den sie nehmen mussten. Die Republik ist zur Tatsache geworden. Es wäre indessen falsch, diese Entwicklung auf das Konto des Stimmzettels zu setzen, wie es die Sozialdemokratie allgemein tut. Die spanischen Gemeindewahlen vom 12. April bildeten nur den letzten äußeren Anlaß zum Zusammenbruch der Monarchie. In diesen Wahlen erreichten die republikanischen Parteien in den Städten ungefähr eine Zweidrittelmehrheit, während die Monarchisten in der Minderheit blieben. Das war ein Barometer für die Monarchie, an dem sie den Stand ihrer Unpopularität messen konnte. Was den König zu seiner Abdankung zwang, war die Furcht vor dem unmittelbaren revolutionären Druck der proletarischen Massen. So erfolgte die freiwillige – wie es nachträglich hieß: vorläufige – Abdankung des Monarchen unmittelbar nach den Wahlen. Es bildete sich eine neue Regierung aus sozialdemokratischen und republikanischen Politikern. Arbeitsminister wurde der Vorsitzende der keineswegs sehr bedeutenden reformistischen Gewerkschaften Spaniens, Largo Caballero. Die neue Regierung erließ ein vorläufiges Statut, in dem sie ihre demokratischen Prinzipien verkündete. In diesen Prinzipien wird feierlich das Privateigentum, andererseits die Gewissens- und Glaubensfreiheit sanktioniert und von einer offiziellen Anerkennung der Gewerkschaften gesprochen. Wenn wir uns auch über den Charakter der spanischen Republik durchaus nicht im unklaren sind, so halten wir es doch für dringend notwendig, daß die revolutionäre Arbeiterschaft die Freiheit der gewerkschaftlichen Organisation und Propaganda, die ihr bisher noch versagt blieb, erzwingt. Sache der spanischen Anarcho-Syndikalisten wird es sein, die Regierung beim Wort zu nehmen, volle Freiheit für die gewerkschaftliche Arbeit zu verlangen und diese Freiheit in aller Öffentlichkeit für die Gewinnung und Erziehung der Massen zum sozialrevolutionären Kampfe im Sinne des freiheitlichen Sozialismus zu nutzen. Es eröffnet sich für den spanischen Syndikalismus eine neue Epoche revolutionärer Tätigkeit. Die politischen Rechte, deren die spanische Arbeiterklasse für ihren Kampf bedarf, sind ihr nicht freiwillig in den Schoß gefallen, sondern sind das Resultat monatelanger revolutionärer Kämpfe; sie werden der Arbeiterklasse und besonders unseren Organisationen des Anarcho-Syndikalismus auch nur dann für die Dauer garantiert sein, wenn sie ständig in revolutionärer Kampfbereitschaft stehen. Diese Aufgabe erfüllt unsre spanische Bewegung. Alle Versuche der Regierung, die ihr unbequeme antiautoritäre proletarische Bewegung abzuwürgen und zurückzudrängen, stoßen von Anfang an auf den heftigsten Widerstand. Offene revolutionäre Kämpfe in den verschiedensten Städten sind aus diesen Gründen bereits ausgebrochen. Stark ist auch der Widerstand gegen die neue Madrider Regierung, die die Republik straff zentralistisch von Madrid aus regieren will, während z.B. in Katalonien und anderen Teilen Spaniens stürmisch der Wille nach föderalistisch-regionaler Gliederung und Autonomie zum Ausdruck gebracht wird.

Wir begrüßen unsere spanischen Kameraden, erklären uns mit ihnen solidarisch und fordern sie auf, in diesem bedeutenden Augenblick der Geschichte Spaniens und der internationalen Arbeiterbewegung stets die Ziele des revolutionären Anarcho-Syndikalismus fest im Auge zu behalten und als Avantgarde unserer Internationale für die freiheitliche Sache eine Gasse zu bahnen!

"Wir löschen heut nur unsern Durst, gell Andi?" "Aber immer doch!"

Wie uns das Sekretariat der IAA mitteilt, hat es sofort nach dem Umschwung in Spanien an unsere spanische Bruderorganisation, die CNT, ein Telegramm folgenden Inhalts gesandt:

„Beglückwünschen zur Befreiung politischer Gefangener. Hoffen auf baldige Abhaltung des nationalen Kongresses der CNT und des internationalen Kongresses der IAA in Spanien.“

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 17/1931.


Teil 1 der Serie

Teil 2 der Serie

Zur Sonderseite „Ein Jahrhundert CNT“ geht es hier (Homepage in spanisch)

One Comment leave one →
  1. Nestor Burma permalink
    2. Juli 2010 07:30

    Mist. Festgelesen. Komm jetzt zwar etwas später zur Arbeit aber das wars Wert. Super Beitrag, geiler Text vom Erich. Der schreibt was Sache ist.

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