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100 Jahre CNT – Berichte von 1931 – Vorboten der Revolution (2/8)

2. Juni 2010

Dieses Jahr feiert die traditionsreiche anarcho-syndikalistische Gewerkschaft Spaniens, die Confederacion Nacional del Trabajo (CNT), ihren 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir uns entschlossen, einige historische Berichte über die Entwicklung und Kämpfe der wohl bekanntesten anarcho-syndikalistischen Organisation der Welt zu veröffentlichen. Es handelt sich dabei um Beiträge, die in der Wochenzeitung der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), „Der Syndikalist“, erschienen sind. Gibt es über die soziale Revolution des Jahres 1936 zahlreiche Bücher, Artikel und auch Filme, so ist das Wirken der CNT vor dem Juni 1936 weitaus weniger dargestellt und analysiert. Doch alle Erfahrungen, Streiks und Aufstandsversuche vor der Revolution haben auch dazu beigetragen, dass diese schließlich von den Arbeitern und Bäuern erfolgreich durchgeführt wurde, ehe sie schließlich von einer stillschweigenden Allianz aus Kommunistischer Partei, Faschisten, Kirche, Kapitalisten und den bürgerlichen Demokratien zerstört und militärisch besiegt wurde. Es soll an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, daß auch die CNT Fehler machte, die dazu führten, das sie ihre Machtposition verlor und sich ihr Einfluß verringerte.

In 8 Folgen unter dem Titel „Vorboten der Revolution“ begleiten wir die Kämpfe der AnarchosyndikalistInnen Spaniens. Jeden Monat werden wir einen weiteren historischen Text aus dem „Syndikalist“ veröffentlichen. Hier folgt der 2. Teil.

Red. Syndikalismus.tk

Spanien, seine Revolution und der Anarchosyndikalismus

Aus einem Vortrag von C(arl) Windhoff

Über Spanien, seine Revolution und den Einfluß des Anarcho-Syndikalismus, sowie über den Kongreß der „Confederacion Nacional del Trabajo de Espana“ (CNT) und den 4. Weltkongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) soll ich hier Bericht erstatten. Zum besseren Verständnis der spanischen Verhältnisse halte ich es für notwendig, zunächst die geographischen, wirtschaftlichen, geschichtlichen und religiösen Verhältnisse dieses Landes kurz zu beleuchten.

Das heutige Spanien ist nahezu so groß wie Deutschland, es umfasst 506.000 qkm. Die Einwohnerzahl beträgt 23 Millionen. Von der Bodenfläche des Landes sind zirka 25 Millionen Hektar unter Kultur. Die übrigen 25 Millionen Hektar sind Steppen, Ödland und kahles Gebirge.

An Erzen und Mineralien ist Spanien das reichste Land Europas. Die systematische Ausbeutung der Naturschätze fehlt, so dass nur ein kleiner Teil dieser ungeheuren Naturschätze gefördert wird.

Von dem kulturfähigen Boden liegen zur Zeit große Strecken unbearbeitet da, und tausende Landarbeiter sind in den letzten Jahrzehnten ausgewandert, vornehmlich wegen der in Spanien bezahlten niedrigen Löhne.

Die Regionen in Spanien

Diese hier kurz geschilderten Verhältnisse waren nicht immer so, wie wir noch sehen werden.

Die Geschichte Spaniens ist sehr wechselreich. Die Völker der Kelten, Römer und Westgoten stritten sich viele Jahrhunderte um den Besitz des reichen Landes.

In den Jahren 700 bis 710 fielen die Araber in Andalusien (Südspanien) ein, eroberten das Land und zerschlugen das Reich des letzten Gotenkönigs.

Die Araber eroberten dann nach und nach fast die gesamte pyrenäische Halbinsel.

Die arabischen Eroberer übten einen gewaltigen Einfluß auf die Kultur des Landes aus. Kunst und Wissenschaft blühten überall auf wie nie zuvor. Großartige Leitungen vollbrachten die Araber, insbesondere auf dem Gebiete der Architektur und des Städtebaues. Erwähnen möchte ich hier den alten Stadtbau von Toledo. Nicht nur diese Stadt selbst mit ihren gewaltigen Mauern, sondern auch eine Anzahl Gebäude innerhalb Toledos sind Zeugen der arabisch-mohammedanischen Baukunst.

Besonders zu erwähnen sind hier die Kathedrale in Toledo, erbaut 1227, dann die Brücke über den Tajofluß und insbesondere auch das Sonnentor.

Aber nicht nur in Toledo, sondern auch in vielen, vielen anderen Städten Spaniens finden wir heute noch stolze Zeugen arabischer Baukunst, so z.B. die Kathedrale in Sevilla, den Palast Alcazar in Sevilla.

Alcazar Maurischer Palast

In Cordoba steht eine der schönsten Moscheen, die zu den prachtvollsten Bauwerken der Welt zählt. Diese Moschee, erbaut 786-794, hat im Innern 1.200 Mamorsäulen, worauf die Gewölbe ruhen. Innerhalb dieser gewaltigen Moschee ist im 16. Jahrhundert, nachdem die Araber aus dem Lande herausgedrängt worden waren, eine katholische Kirche eingebaut worden.

Die Stadt Cordoba zählt heute etwa 70.000 Einwohner. Nach mohammedanischen Angaben soll Cordoba im 10. Jahrhundert eine Million Einwohner gezählt haben, ferner sollen dort vorhanden gewesen sein: 200.000 Häuser, 8.000 Paläste, 600 Karawansereien (Unterkunftshäuser), 900 öffentliche Bäder, 300 Moscheen, 80 öffentliche Schulen und eine großartige Bibliothek mit 600.000 Bänden.

Allem Anschein nach sind diese Angaben übertreiben, immerhin aber legen sie Zeugnis davon ab, dass die Stadt zur Zeit der Araberherrschaft in hoher Blüte stand.

Die Stadt Granada, im Süden Spaniens, im Jahre 756 von den Arabern erbaut, erlangte ebenfalls eine hohe Blüte und zählte damals schon einige Hunderttausend Einwohner, 50 hohe Schulen und 70 Bibliotheken waren vorhanden. Bei der Stadt Granada steht der von den Arabern aufgeführte, in architektonischer Hinsicht hochkünstlerische Wunderbau der „Alhambra“, der Weltruhm erlangte.

Alhambra

So könnte man noch viele alten Städte und stolze Bauten aus der Araberzeit anführen. Das arabische Volk legte im Lande auch viele Wasserleitungen an und bewässerte große Strecken der Ödländereien. Zur damaligen Zeit nannte man Spanien die Kornkammer Europas. Die arabische Periode bezeichnet man im allgemeinen heute als mohammedanisch-arabische Kulturperiode. Am Ausgang des Mittelalters wurde die Herrschaft der Araber mehr und mehr gebrochen, und sie war um das Jahr 1.500 überall erledigt.

An Stelle der niedergebrochenen Araberherrschaft dringt nun das Christentum vor. Die christliche Kultur zieht ins Land ein.

Es macht sich eine Anzahl christlicher Fürsten- und Königreiche breit, die durch ihre vielen, immerwährenden Kriege das Land mehr und mehr dem Ruin entgegenführten. Große, stolze Städte zerfielen und fruchtbare Länderstreiche verödeten mehr und mehr.

Viele Höhenzüge und Berge wurden abgeholzt und nicht wieder aufgeforstet. Das hatte zur Folge, dass der Humusboden mehr und mehr von den Höhen abgespült wurde, und die brennende Sonne Spaniens hat dann im Laufe der langen Jahre bewirkt, dass die ehemals bewaldeten Höhenzüge im Innern des Landes heute zum großen Teil weite, öde, kahle Gebirgszüge darstellen, wo jede Kultur abgestorben ist.

Mit dem Christentum machte sich nun auch der Klerikalismus, d.h. die politische und wirtschaftliche Herrschaft der Kirche und der Pfaffen breit. Hunderte Mönchs- und Nonnenklöster entstanden. Diese Klöster waren vielfach im Besitz des Grund und Bodens und betrieben die Ausbeutung der Bauern und Landarbeiter genau so, wie es die katholische Kirche und deren Vertreter zur Zeit des Mittelalters in Deutschland gemacht haben. Im Jahre 1887 wurden die Klöster in Spanien aufgehoben, aber einige Jahre später wiederum freigegeben.

Kathedrale von Sevilla

Wie die katholische Kirche und ihre Klöster sich in Spanien breitgemacht haben, dafür nachstehend einige wenige Beispiele. In Sevilla, heute 160.000 Einwohner, befinden sich 74 Kirchen und Klöster, eine große Kathedrale mit 5 Hauptschiffen, 37 Seiten Kapellen, 83 Altären und einer Orgel mit 5.000 Pfeifen. Dieser Prachtbau wurde aufgeführt vom Jahre 1.400 bis 1.500. In Toledo, etwa 25.000 Einwohner, befinden sich: eine große Kathedrale, 25 Kirchen, 19 Nonnenklöster (früher waren auch noch 87 Mönchsklöster vorhanden), 10 Hospitäler, 8 Erziehungsanstalten für adlige Mädchen, ein Bischhofspalast, ein Priesterseminar und ein Lehrerseminar.

Im ganzen Lande Spaniens befinden sich augenblicklich 95 religiöse Orden, über 3.000 Klöster und über 18.000 Kirchen.

Auch heute sind Kirchen und Klöster noch im Besitze von viel Grund und Boden und Kapital.

Die Erzbischhöfe und Bischöfe erhalten jährlich 30.000 bis 60.000 Pesetas Gehalt ohne ihre Nebeneinkünfte.

Der König und die Regierung waren immer der Kirche untertänig und dokumentierten dies bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, insbesondere bei öffentlichen Veranstaltungen wie Prozessionen und dergleichen mehr.

Der Klerus hat es immer verstanden, in all den Jahrhunderten in das politische Leben des Landes tonangebend einzugreifen.

Im Staatsbudget Spaniens waren in der Neuzeit die Ausgaben für den Klerus dreimal so hoch wie für das spanische Gerichtswesen. Auch für den öffentlichen Unterricht, für das Schulwesen wurde im Staatsbudget bedeutend weniger ausgeworfen als für den Klerus. Selbst die Kosten für die spanische Armee waren lange nicht so hoch wie die für den Klerus.

Mit dem Christentum war auch die Inquisition ins Land gezogen. Das Christentum resp. die katholische Kirche duldeten keine Zweifler und keine Andersdenkenden. Jeder Zweifler und jeder Andersdenkende wurde als Ketzer verschrieben, und die „heilige“ Inquisition ging dann gegen die Ketzer vor. Auch die Juden und die noch massenhaft im Lande verbliebenen Mohammedaner (Araber) wurden als Ketzer von der Inquisition verfolgt. An Strafen wurden von der Inquisition verhängt: Die Güterkonfiskation, das Prangerstehen, die körperliche Züchtigung, die grausamsten Folterungen, lebenslängliche Gefängnisstrafen, die lebendige Einmauerung und der Feuertod bei lebendigem Leibe.

Der Pfaffen Lieblingssport - die Garotte

Die Inquisition bediente sich bei dem Vorgehen gegen die sogennnten Ketzer der gemeinsten Mittel. Übel beleumdete Personen wurden gegen die Ketzer als Zeugen herausgeholt, wobei Meineide an der Tagesordnung waren, nur um die Ketzer überführen und verurteilen zu können. Die verhängten Strafen führten die Vertreter der katholischen Kirche aber nicht selbst durch, sondern insbesondere bei den schweren Strafen überließ man die Durchführung der weltlichen Macht. Die Inquisitoren und der Klerus erklärten. „Die Kirche lechst nicht nach Blut“.

Die Anfänge der „heiligen“ Inquisition datieren weit zurück. Einer der schlimmsten Inquisitoren in Spanien war der Augustinerpater Peter Arbues. Diesem Manne wurde im Jahre 1484 das Amt des Inquisitors im Bezirk Aragonien übertragen. In 1 ½ jähriger Tätigkeit hat dieser Augustinerpater es fertig gebracht, 8.800 Menschen zum Feuertode zu verurteilen. 90.000 sogenannte Ketzer wurden mit anderen, teils schweren Strafen bedacht. Dieses brutale Vorgehen des Inquisitionshäuptlings hatte zur Folge, dass er am 17. September 1485 in seiner Kirche von seinen Gegnern ermordet wurde.

Die katholische Kirche in Spanien hat diesen grausamen Inquisitor Arbues ständig als Märtyrer verehrt und ins Gebet eingeschlossen. Dem Papst Pius IX. blieb es vorbehalten, den Inquisitor Arbues im Jahre 1867 heilig zu sprechen.

Nach den im Jahre 1884 veröffentlichten Berichten sind in Spanien in den Jahren von 1481 bis 1834 durch die Inquisition insgesamt 34.658 Menschen hingerichtet und 288.214 Menschen zu anderen schweren Strafen verurteilt worden.

Auch in den Niederlanden (Holland), die damals unter spanischer Herrschaft standen, sind unter Philipp II. von Spanien in den Jahren 1550 bis 1566 insgesamt 50.000 Menschen durch die Inquisition gemordet worden. Es waren dies zum größten Teil Anhänger der Reformation, also nach Ansicht der katholischen Kirche sogenannte Ketzer.

Im Jahre 1808 wurde die Inquisition in Spanien durch Napoleon aufgehoben. Einige Jahre später aber, im Jahre 1814, stellte Ferdinand VII. von Spanien die Inquisition wieder her. Das katholische Volk widersetzte sich dem aber scharf, aber immerhin dauerte es bis 1834, dass die Inquisition dann endlich aufgehoben wurde.

Mit dem bisher Gesagten habe ich ein Stück aus der Kultur- und Blutgeschichte des spanischen Volkes dargelegt.

Plaza de la Cataluna

Und nun wollen wir dazu übergehen, einmal Umschau zu halten in der Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung.

Der Arbeiterschaft in Deutschland ist zum größten Teil die Geschichte der Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern Europas sowie auch in der gesamten Internationale ganz unbekannt. Insbesondere aber trifft dies zu auf die Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung. Auch die deutsche marxistisch-sozialistische Literatur weiß von der Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung im großen und ganzen gar nichts. Die Geschichte der spanischen Arbeiterschaft, insbesondere der CNT, ist ein immerwährender Kampf gegen Kirche, Reaktion, Staatsgewalt und Kapital und hat sehr viel Blut und Menschenleben gekostet.

Die spanische Arbeiterbewegung besteht seit 1840. Die ersten Gewerkschaften wurden von dem Weber Munts in Barcelona gegründet.

1855 erfolgte der erste Generalstreik der Industriearbeiter in Katalonien für die Anerkennung des Koalitionsrechtes. Dieser Generalstreik dehnte sich zum bewaffneten Aufstand aus. Die Bewegung wurde zwar durch den General Zapatero blutig unterdrückt, allein die Gewerkschaften existierten im geheimen weiter und konnten nie unterdrückt werden.

Im Jahre 1866 kam Guiseppe Fanelli, ein Freund Bakunins, nach Spanien, um dort die ersten Sektionen der I. Internationale zu gründen. Die Aufgabe fiel ihm sehr leicht, weil er in Spanien bereits eine entwickelte Arbeiterbewegung mit freiheitlichem und föderalistischem Charakter vorfand. Infolgedessen verbreitete sich die Internationale wie ein Wildfeuer über das ganze Land und zählte in kurzer Zeit über 70.000 Mitglieder, war also numerisch die stärkste und praktisch die aktivste Landesorganisation der I. Internationale.

Spanische Genossen mit Fanelli

Nach dem Haager Kongreß 1872, der die Spaltung der Internationale zur Folge hatte, schlug sich die ganze spanische Föderation, mit Ausnahme einer kleinen Lokalgruppe in Madrid, geschlossen auf die Seite Bakunins. Nach der Unterdrückung der kantonalistischen Revolution von 1873 und dem Siege der monarchistischen Reaktion wurden alle gewerkschaftlichen und kulturellen Organisationen der Arbeiter unterdrückt. Allein die Internationale lebte im geheimen weiter, hatte ihre geheimen Kongresse und publizierte während der ganzen Periode der Unterdrückung regelmäßig ihre geheimen Blätter, trotz der furchtbarsten Verfolgungen durch die Regierung.

1880 fielen die Ausnahmegesetze, und sofort lebten die Gewerkschaften wieder auf. Noch im selben Jahre fand der Kongreß von Barcelona statt, auf dem 60.000 Arbeiter vertreten waren, die sich für die direkte Aktion und zu den Ideen des anarchistischen Sozialismus bekannten.

Die Periode von 1881 bis 1886 war eine Zeit verhältnismäßiger Freiheiten für die Arbeiterbewegung, die sich damals stark entwickelte.

1886 traten wiederum große Verfolgungen gegen die organisierten Landarbeiter in Andalusien in Szene. Die Großgrundbesitzer ließen die Nachricht verbreiten, dass eine geheime Gesellschaft, die „mano negra“ (Schwarze Hand), gegen sie an der Arbeit sei. Unter einem Feldstein hätte man angeblich die geheimen Statuten der Gesellschaft entdeckt, aus denen hervorging, dass man es auf die Ermordung der Gutsbesitzer und die Plünderung ihrer Güter abgesehen hätte. Alle diese Gerüchte wurden in späteren Jahren als planmäßiger Schwindel entlarvt. Aber auf Grund dieser Fälschungen wurden acht Mitglieder der Feldarbeiterorganisation, darunter der Lehrer Ruiz, der Sekretär dieser Körperschaft, hingerichtet.

In den achtziger Jahren spielen sich dann auch große Kämpfe für die Durchführung des Achtstundentages ab. Zuerst waren es die Arbeiter in Barcelona, die den Achtstundentag eroberten. Im Jahre 1888 setzten dann die Maurer, Zimmerer, Schlosser und Ziegeleiarbeiter mittels direkter Aktion den Achtstundentag durch. Die Mamorarbeiter und Anstreicher erkämpften damals schon den Siebenstundentag.

Hierbei ist zu beachten, dass, nachdem die spanischen Arbeiter bereits den Acht- und Siebenstundentag durchgeführt hatten, im Jahre 1889 in Paris der Internationale Marxisten- und Sozialdemokratenkongreß zusammentrat und Stellung nahm zur Achtstundentag-Bewegung. Die in Paris versammelten Marxisten beschlossen, den 1. Mai als Weltfeiertag zur Propaganda für den Achtstundentag einzusetzen. Sie dachten nicht daran, den Achtstundentag mittels Kampf durchzuführen, wie es die spanischen Arbeiter und wie es auch schon ebenfalls in den achtziger Jahren die Arbeiter in Chikago getan hatten, sondern sie hofften, dass der Achtstundentag zu erreichen sei mittels Teilnahme an den Parlamentswahlen usw.

Nun wieder zurück zu Spanien. Im Jahre 1888 fand in den Kupfergruben von Rio Tinto ein Streik von 12.000 Bergleuten statt. Bei diesem Streik kam es zu blutigen Kämpfen mit dem Militär, wobei 57 Arbeiter erschossen und über 200 verwundet wurden. Die neue Periode der Unterdrückung führte zu einer ganzen Serie von Attentaten seitens der Arbeiter, die sich damit energisch gegen die Unterdrückungen zur Wehr setzten. Die Regierung antwortete mit Erschießungen.

Liceo Theater Realinszenierung Bonzentod

Nach dem Attentat im Liceo Theater in Barcelona im Jahre 1894 wurden die Genossen Archs, Bernart, Codina, Cerenela, Sabat und Sogas erschossen. Bald darauf stellte sich heraus, dass sie vollständig unschuldig waren und mit den Attentaten nichts zu tun hatten. 1893 fand in Jerez de la Frontera (Andalusien) ein Aufstand zur Befreiung der politischen Gefangenen statt. Die Hauptführer der Bewegung, Cerenela, Lebrijano, Bisqui und Zarzuela wurden garottiert. Zur Erklärung des Wortes „garottiert“ sei kurz folgendes gesagt: Der Verurteilte wird an einen starken Pfahl angebunden, an Händen und Füßen gefesselt. In Halshöhe sind die sogenannten Halseisen angebracht, die dann mittels Schrauben angezogen werden und so zur Erdrosselung des Delinquenten führen. Diese Hinrichtungsmaschinerie nennt man „die Garotte“.

Fermin Salvochea, der frühere Bürgermeister von Cadiz, der zu den Anarchisten übergetreten war und von den Bauern Andalusiens wie ein Heiliger verehrt wurde, wurde, trotzdem er zur Zeit des Aufstandes im Gefängnis saß, für diesen Ausstand als geistiger Leiter verantwortlich gemacht, und zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.

1896 fand die furchtbare Tragödie von Montjuich statt. Über 300 der besten Genossen wurden arretiert und in der „verfluchten“ Festung, die der Spanier Montjuich nennt, auf entsetzliche Weise gefoltert. Man riß den Gefangenen die Zunge aus, ließ andere verdursten, riß ihnen die Geschlechtsteile mit Zangen ab, brannte ihre Körper mit glühenden Eisen usw. Die Genossen Ascheri, Mas, Molas, Nogues und Alsina wurden unschuldig im Festungsgraben von Montjuich erschossen. Die ganze Welt erbebte vor Entsetzen, als diese Greueltaten bekannt wurden. In derselben Zeit unterdrückte die Regierung des Henkers Canovas del Castillo alle Gewerkschaften und sonstigen Organisationen der Arbeiter. Ein furchtbares Ausnahmegesetz bestimmte, dass jeder, der für die anarchistische Arbeiterbewegung durch Wort, Schrift oder Zeichnung Propaganda macht, zu 20 Jahren Kerker verurteilt werden sollte.

Am 6. August 1897 erschoß Angiolillo den Ministerpräsidenten Canovas de Castillo im Bade von Santa Agueda. Angiolillo verteidigte sich mit unerhörter Kühnheit vor dem Kriegsgericht von Vergara und starb wie ein Held auf der Garotte. Bald darauf trat die Bewegung, trotz der bestehenden Ausnahmegesetze, wieder in die Öffentlichkeit. Der Tod Canovas de Castillos hatte das Eis gebrochen, und die Reaktion war eingeschüchtert und wagte keinen Vorstoß gegen die Arbeiterbewegung, die dann auf ihrem Kongreß in Madrid im Jahre 1900 bereits wieder 56.000 organisierte Mitglieder zählte.

Im Jahre 1892 fand der große Generalstreik von Barcelona statt, der aus Solidarität mit den streikenden Metallarbeitern erklärt

Festung Montjuich

wurde und das Leben der ganzen Stadt vollständig lahm legte. Es war das erste Mal in der modernen Geschichte Europas, daß sich die ungeheure Macht des Generalstreiks so wunderbar manifestierte. Die Arbeiter siegten auf der ganzen Linie.

Die Zeit von 1900 bis 1910 war eine sehr kampfreiche. Nach dem Attentat Mateo Morrals auf den König im Jahre 1906 setzte eine kurze Zeit der Reaktion ein, die aber von den revolutionären Arbeitern mit aller Energie überwunden wurde.

1909 löste der Krieg in Marokko den Generalstreik der Arbeiter in Katalonien aus, der sich dann wiederum zum bewaffneten Aufstand entwickelte. Die Folge dieser Ereignisse war die Erschießung Francisco Ferrers.

Die Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten hatten in Spanien jahrzehntelang eine intensive Agitation gegen Militarismus und Krieg betrieben. Als nun gelegentlich des Marokkokrieges die Regierung wiederum Zehntausende junger Menschen als Kanonenfutter nach Marokko senden wollte, widersetzten sich dem die Arbeiter. Die Arbeiterfrauen aber mit ihren Kindern belagerten die Bahnhöfe und verhinderten die Abfahrt der Militärzüge. Es kam dabei zu Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht. Für alle diese Erscheinungen machte man neben vielen anderen Genossen den Gründer der freien Schulen, Francisco Ferrer, verantwortlich, und machte ihm auf Betreiben der Kirche den Prozeß, der dann mit der Erschießung endete. Von 1915 bis 1919 entwickelte sich die Confederacion Nacional del Trabajo mit ungeheurer Kraft und zählte bald wieder über eine Million Mitglieder. Eine revolutionäre Periode begann. Im Jahre 1920 setzte die Reaktion wieder ein.

1921 wurde die Verfassung in Spanien aufgehoben, und wiederum gab es neue Verfolgungen. Im Jahre 1922 leichte Besserung. Im Jahre 1923 kam die Militärdiktatur Primo de Riveras, die dann bis zum Jahre 1930 dauerte. Der Zweck dieser neuen Militärdiktatur war, den Anarcho-Syndikalismus, die Massenbewegung des spanischen Proletariats gegen Kirche, Staat und Kapital niederzuringen. Sofort wurden die Organisationen der CNT, deren Zeitungen und Versammlungen unterdrückt und im ganzen Lande streng verboten. Die Gewerkschaftshäuser wurden geschlossen. Die Reaktionäre aller Schattierungen standen stramm zusammen und gründeten unter dem Schutz der Polizei die Verbrecherorganisation „Camisas blancas“ (Weißhemden). Die systematischen Ermordungen unserer Genossen werden von dieser Verbrecherorganisation mit Hochdruck inszeniert. Zunächst wurden die Genossen Borrel und Segui, die geistigen Leiter der Bewegung, erschossen. Über dreihundert der besten Kämpfer der CNT fallen im Laufe der wenigen Jahre als Opfer der Meuchelmörder. Die CNT wehrt sich energisch, und es beginnt nun eine Zeit der Blutrache. Etwa zweihundert Reaktionäre fallen der Rache der Arbeiter zum Opfer, darunter der Ministerpräsident Dato und der Erzbischof von Saragossa, beide fanatische Arbeiterfeinde.

"Der Hemingway erzählt überall herum, wir kämpfen für die Republik." "Echt? Also ich kämpfe für die soziale Revolution, haste mal gerad 'ne Kippe? Danke."

Während dieser schweren Kämpfe, die die spanische Organisation durchkosten musste, bot das Sekretariat der Internationalen Arbeiter-Assoziation der CNT in Spanien finanzielle Unterstützung an. Die CNT lehnte diese Unterstützung ab mit folgender Erklärung: Wir danken euch für die Anerkennung, die ihr uns zollt, und für das Angebot der Unterstützung, aber wir müssen diese Unterstützung ablehnen. Wenn auch unsere Organisation unter der Herrschaft der Diktatur verboten ist, so lebt sie trotz alledem im geheimen weiter und ist vor wie nach in der Lage, die Opfer unserer Bewegung und deren Familien selbst zu unterstützen.

Während der Diktatur Primo de Riveras waren die sozialdemokratische Partei und deren Gewerkschaften, die immer nur kleine bedeutungslose Gruppen waren, nicht verboten, konnten sich frei bewegen, Versammlungen abhalten, und ihre Presse durfte erscheinen. Ja, noch mehr, die marxistische Bewegung in Spanien wurde von der Diktatur nach jeder Richtung hin unterstützt und aufgepäppelt, mit dem Erfolg, dass am Schluß der Diktatur 1930 die Sozialdemokratische Partei 30.000 Mitglieder und die sozialistischen Gewerkschaften 220.000 Mitglieder mustern konnten. Am stärksten war die sozialdemokratische Bewegung in der Hauptstadt Madrid, und es ist charakteristisch, dass gerade in Madrid auch die niedrigsten Löhne an Arbeiter gezahlt wurden. Der Durchschnittslohn beträgt in Madrid täglich fünf Pesetas. Anfang des Jahres 1930 folgte der Sturz Primo de Riveras. An seine Stelle trat General Berenguer. General Berenguer sah sich gezwungen, eine andere, etwas liberalere Taktik einzuschlagen. Die linksstehenden Politiker, die Demokraten-Republikaner erhielten Bewegungsfreiheit zugesichert, ihre Inhafierten wurden aus den Gefängnissen entlassen usw. Die CNT aber und deren Organe bleiben vor wie nach im ganzen Lande verboten. Die CNT störte sich daran aber nicht mehr, hielt Konferenzen ab in den verschiedensten Landesteilen, ließ ihre Wochenzeitungen wieder erscheinen und gab in Barcelona ihre Tageszeitung heraus, die es in kurzer Zeit auf einige zehntausende Leser brachte.

Dann wurde in Barcelona ein neues Landeskomitee gebildet und die Agitation im ganzen Lande mit Hochdruck betrieben.

Schreiben bis zum Sieg!

Am 1. Mai 1930 wurden in allen größeren Orten in Spanien insgesamt einige Hundert sehr stark besuchter Maidemonstrationsversammlungen abgehalten. Ende 1930 konnte die CNT bereits wieder 250.000 eingeschriebene Mitglieder zählen. Überall im Lande fanden dann große Streiks statt mit gewerkschaftlichen Forderungen, betreffend Erhöhung der Löhne und Verkürzung der Arbeitszeit. Besonders war dies in Katalonien und Andalusien der Fall.

Bei dem Militäraufstand in Jaka hat die CNT ebenfalls mitgewirkt durch Erklärung des Generalstreiks. Dann setzten die Kämpfe für die Freigabe der politischen Gefangenen ein. Die inhaftierten bürgerlichen Republikaner usw. waren bereits alle amnestiert. Die Syndikalisten blieben nach wie vor im Kerker.

Im April 1931 wurden die Gefängnisse von der Arbeiterschaft erstürmt und die Inhaftierten befreit. Anschließend daran wurden dann in den verschiedensten Landesteilen Klöster gestürmt und in Brand gesetzt. In diesen Klosterstürmen kam die alte Volkswut gegen den katholischen Klerus zum Ausbruch. Tatsache ist, dass selbst viele katholische Arbeiter sich an dem Sturm gegen die Klöster beteiligten.

Wenn die Organisationen der CNT nicht überall in die Ereignisse der politischen Revolution energisch eingegriffen hätten, dann hätte es mit der Erklärung der Republik noch Jahrzehnte dauern können, und der spanische König würde noch seinen Thron zieren.

Ab 10. Juni 1931 tagte in Madrid der Kongreß der Confederacion Nacional del Trabajo. Als Auftakt zu diesem Kongreß fand am 7. Juni in den Ausstellungshallen in Barcelona ein großes Eröffnungsmeeting mit 25.000 Teilnehmern statt. Zehn Redner der verschiedensten Nationen sprachen hier zu den Massen. Über den glänzenden Verlauf dieses Kongresses und die seitherigen Kämpfe in Spanien hat „Der Syndikalist“ laufend berichtet. Es ist notwendig, dass wir alle diese gewaltigen Ereignisse verstehen aus der großen Tradition des spanischen Proletariats heraus, wie sie hier geschildert wurde.

Das spanische Proletariat hat wie keine andere Arbeiterschaft irgendeines Landes im laufe langer Jahrzehnte ungeheure Anstrengungen gemacht, um sich durchzusetzen, und dabei ungeheure Opfer an Leben, an Gut und Blut gebracht. Die Reaktion, der Staat, die Kirche, das Kapital sind vor keinem der brutalsten Mittel zurückgeschreckt, um die Ideen des freien, herrschaftslosen Sozialismus in Spanien auszurotten. Alles hat nichts genutzt. Wir, die wir in Spanien waren, sind zu der Überzeugung gekommen, dass über kurz oder lang die Ideen des Anarcho-Syndikalismus sich durchsetzen werden, dass in Spanien der freie, herrschaftslose Sozialismus und Kommunismus marschiert. Der Tag wird kommen, wo die spanische Sonne scheinen wird auf ein großes, weites, freies Land mit freien Menschen.“

"Na, Süsser, haste am 19. Juli schon was vor?"

Aus: „Der Syndikalist“, Nr. 38/1931.

Zur Sonderseite „Ein Jahrhundert CNT“ geht es hier (Homepage in spanisch)

4 Kommentare leave one →
  1. Nestor Burma permalink
    2. Juni 2010 20:52

    Klasse Artikel, den ihr da aisgegraben habt. Auch die Darstellung gefällt. Nach zwei „Ausgaben“ ist es vielleicht zu früh ein Urteil zu fällen – aber bislang ist diese Reihe richtig gut.

  2. Schöne Sache permalink
    1. Juli 2010 10:02

    Hier ist ein spannendes Filmdokument:
    die Ereignisse des Aufstands von Casas Viejas in einer sowjetischen Filmfassung („Casas Viejas – Alte Häuser – heroisches Andalusien“ – Stummfilm mit russischen und spanischen Untertiteln, Fotografien: Arwatow, Konspekt: Perutschow, Regie: Boris Schumjatski, Spanien, Januar 1933). Boris Schumjatski, Leiter der sowjetischen Filmindustrie, wurde am 29. Juli 1938 in Moskau erschossen (http://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Sacharowitsch_Schumjazki).




  3. Korrektur permalink
    24. September 2010 09:45

    Wegen dem Al-Andalus Abschnitt.
    Mauren. Es waren Mauren (heutzutage grössenteils in Marokko ansässig), nicht Araber. Beides muslimische Völker, aber ansonsten so verschieden wie katholische Iren und katholische Sizilianer.

  4. tina permalink
    25. September 2010 19:43

    http://taibo.podspot.de/post/la-libertariacasas-viejas/

    bei „radio chiflado“ gabs unter dem Tirel “ la libertaria“ einen podcast über den o.a aufstand, des weiteren einen spanischsprachigen Film „El grito del sur“ (bei google video oder you tube)zu den ereignissen in casas viejas( das ehemalige soziale zentrum in sevilla nannte sich übrigens „casas viejas“9

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