Zum Inhalt springen

Jock Palfreeman in Bulgarien zu 20 Jahren Haft verurteilt – Selbstverteidigung ist kein Angriff

18. März 2010

Jock Palfreeman in Bulgarien zu 20 Jahren Haft verurteilt

Selbstverteidigung ist kein Angriff

Jock ist ein junger Australier, der nach ungefähr zwei Jahren Untersuchungshaft im Zentralgefängnis in Sofia, Bulgarien, am 2. Dezember 2009 des vorsätzlichen und des versuchten Mordes mit “antisocial” (hooligan) Absicht für schuldig gesprochen wurde.

Er wurde zu 20 Jahren Haft und 450 000 Leva (ca. 230.000 Euro) Geldbuße verurteilt.

Im späten Dezember 2007 war Jock in Sofia unterwegs. Ziemlich spät in dieser Nacht bemerkte er eine Gruppe von mindestens 15 Männern, die zwei Roma angriffen. Bei dieser größeren Gruppe handelte es sich um Fußballhooligans mit neonazistischen Tendenzen und dieser Angriff war offensichtlich eine rassistische Attacke (Roma sind in Bulgarien von schwerwiegender Verfolgung betroffen). Jock ist dazwischen gegangen wobei die Roma flüchten konnten. Die Gruppe wandte sich nun Jock zu und attackierte ihn mit Pflastersteinen. Er verteidigte sich selbst mit einem Messer, wobei er einen Angreifer tötete und einen anderen verwundete. Schlecht für ihn, dass es sich bei dem Getöteten um einen Angehörigen einer wohlbekannten Bulgarischen Familie, die hohes Ansehen genießt, handelt.

Zwei Jahre später wird er nun also für schuldig befunden, nach einem Gerichtsverfahren mit dubiosen Praktiken, fehlendem Filmmaterial, veränderten Zeug_innenaussagen, das Ausbleiben von Vernehmungen von Schlüsselzeug_innen, Verschwörung innerhalb der Gang und geradezu eindeutig bei den Bullen, andere Beweise wurden vom Gericht abgelehnt, Missachtung der Verfahrensordnung und Jocks Rechten. Jocks Stellungnahme nach seiner Verurteilung: “Die Entscheidung des Stadtgerichts von Sofia vom zweiten Dezember 2009 verhält sich im völligen Widerspruch zu allen verfügbaren Beweisen, die dem Gericht vorgelegt wurden. Angesichts aller neutralen Augenzeugenberichte, den Aussagen der Polizei, forensischen Untersuchungen, psychologischen Untersuchungen, Blutalkoholtestergebnissen und den CCTV Videoaufnahmen, die meine Version der Dinge, Wort für Wort, mit meiner Aussage in Übereinstimmung bringen, hat mich das Gericht trotzdem des Angriffs auf eine Gruppe ohne vorhergehende Provokation und/oder Grund und des vorsätzlichen Mordes an einem Mann wie des versuchten Mordes an einem anderen für schuldig erklärt. Das ist nicht nur eine Scheußlichkeit des Rechtswesen und gegenüber meinem Recht auf einen fairen und objektiven Prozesse, sondern bedeutet gleichzeitig auch grünes Licht für Fußballhooligans mit ihren Attacken auf andere gesetzestreue Mitglieder der Gesellschaft, vor allem ethnische Minderheiten, die in Bulgarien, der EU und der ganzen Welt Hauptziele solcher Gruppen sind, weiterzumachen.“

Am 19.02. wurde Jock auf unbestimmte Zeit in Isolationshaft verlegt.

Isolation bedeutet, dass Jock sich in Iso-Haft befindet und keinen Kontakt zu anderen Inhaftierten hat. Des weiteren keinen Zugang zu Büchern, Radio oder Fernsehen. Er kann weder arbeiten noch studieren oder die Gefängnissporthalle benutzen. All seine Mahlzeiten müssen in der Zelle zu sich genommen werden. Die einzige Möglichkeit die Zelle zu verlassen sind die 90 Minuten in denen er alleine Übungen im Gefängnishof machen kann. Jocks Iso-Haft ist das Ergebnis eines im Juni 09 eingeführten Gesetzes, das besagt, dass jede_r ausländische Gefangene_r, die/der eine Gefängnisstrafe von mehr als 15 Jahren bevorsteht in Iso-Haft untergebracht werden soll, bis ein endgültiges Urteil über sie/ihn gefällt wurde. Bis jetzt wurde Jock vom City Co verurteilt, jedoch wurde Einspruch eingelegt: Erstens, in einer Anhörung beim Oberen Gerichtshof und dann vielleicht sog beim Obersten Gerichtshof. Mit anderen Worten: Sollte der Prozess, wie zu erwarten, weitere zwei Jahre andauern, könnte Jock für die Zeit seiner Berufung in Iso-Haft bleiben. Vorige Ankündigungen, dass er in Iso-Haft verlegt werde – von denen es einige gab – wurden vielleicht deshalb nicht umgesetzt weil der Gefängnisleitung von Anwält_innen klar gemacht wurde, dass eine solche Behandlung im Gegensatz zu gelten Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtserklärung stehen.

Schreibt ihm:

Jock Palfreeman

Soa Central Prison

21 Gen. N. Stoletov Bul.

So a 1309

Bulgaria

Übersetzung von Infos der Soliwebsite: www.freejock.net

Artikel übernommen aus der Frühjahrsausgabe 2010 der „Entfesselt“

16 Kommentare leave one →
  1. Onkel Stay permalink
    18. März 2010 09:05

    Hätt er mal lieber einen Kurs in „gewaltfreier Kommunikation“ besucht wie er in der Graswurzelrevolution so oft gelobt und beworben wird. Die Nazis hätten sich sicherlich auf ein vernünftiges Gespräch eingelassen und zumindest ihren Rassismus überdacht. Man muss nur gewaltfrei und pazifistisch auf die gewalttätigen Menschen zugehen. Und wenn sie einen Angreifen dann sollte man sich nicht wehren. Mit dem Wehren stellt man sich auf die selbe Stufe.

    • ert permalink
      19. März 2010 17:01

      das ist jetzt aber Zyniysmus, oder? Ernst kann das ja nicht gemeint sein!

  2. @ onkel stay permalink
    18. März 2010 12:58

    ein Kommentar den du besser hättest stecken lassen. Polemik auf unterstem Niveau. Ich kenne genug GraswurzlerInnen die beurteilen können, wann sie sich – wenn nötig mit Gewalt – verteidigen müssen!

    • Old-School permalink
      18. März 2010 14:24

      Sorry Leute, klar ist das Polemik gegen die Graswurzler. Aber es hat ja einen waren Kern. Viele wissen das nicht mehr wie sich die Graswurzelrevolution denunziatorisch verhalten hat. Sei es bei den Startbahnschüssen damals in Frankfurt oder auch noch bei Anti-Castor Aktionen, wo sich GWRler und X-tausend-mal-Quer-Gutmenschen gegen Autonome und Anarchisten gestellt haben. Das darf man nicht vergessen, den es zeigt, das man auf diese „GenossInnen“ weder zählen noch sich auf sie verlassen kann. (Von Ausnahmen natürlich abgesehen). Aber viele von denen – und ich kenne die Teils seit Jahrzehnten – haben eine total ausgeprägte Dominanz-Mentalität, die kein anderes Verhalten, als das, das sie selber für gubt heissen, zulässt. Schaut doch nur mal in die Ausgaben der GWR nach dem Gipfeltreffen in Rostock. Reine Hetze gegen andere Methoden als die erfölglosen und pseudo-moralischen pazifistischen. Ne ne… da steckt viel Wahrheit in der Polemik von dem Onkel Stay (der sicherlich nicht DER Stay ist).
      So.. und jetzt schreib ich dem Genossen ne Postkarte mit nem schönen Naturmotiv. Was er gemacht hat ist nämlich völlig korrekt.

  3. Micha permalink
    18. März 2010 13:17

    Das ist keine Polemik. Gewalt erzeugt doch nur Gegengewalt. Und einen Menschen umbringen ist das selbe, wie einen Menschen umzubringen! Onkel Stay hat recht, Gewaltfreiheit vorleben, das muß unsere Losung sein.

    • 18. März 2010 15:24

      Keine Gewalt ist (oft) einfach auch keine Lösung (die Ärzte) – zumindest, so lange die Gewaltmonopolisten bestimmen, was Gewalt ist!
      Wenn z. B. gewisse Graswurzler denunziatorisch in deren Kerbe hauen, bleibt da nix mehr von Solidarität mit kämpfenden Kollegen/Genossen übrig.

      „Prinzipielle“ Gewaltfreiheit, so wichtig ich sie finde, kann nicht bedeuten, daß grundsätzlich jedes sich wehren darauf abgeklopft wird, ob es nun pc ist! – da ist der Titel des Artikels schon sehr berechtigt.
      Das Gegenstück dazu wäre, salopp ausgedrückt, auch wahr: “ Der Zwerg reinigt nicht die Kittel.“ – oder so, Namensvetter 😉

  4. Ghandi mit Gh permalink
    18. März 2010 14:15

    Z.B. Ilse Schwipper in einem Nachruf nachträglich zu einer eigentlich Gewaltfreien zu erklären, das schafft nur die GWR 🙂

    • Markus permalink
      18. März 2010 22:23

      Ich persönlich halte die Position des Anarchisten Errico Malatesta zur Gewaltfrage für die richtige: Er schrieb: „Dennoch ist die anarchistische Gewalt die einzige, die zu rechtfertigen ist, die einzige, die nicht verbrecherisch ist. Ich meine natürlich die Gewalt, die wirklich die anarchistischen Merkmale trägt und nicht die eine oder andere Tat blinder und sinnloser Gewalt, die den Anarchisten zugeschrieben wurde oder sogar tatsächlich von Anarchisten begangen wurde, die sich entweder durch infame Verfolgungen in die Enge getrieben sahen, oder infolge einer übermäßigen, vom Verstand nicht gemäßigten Empfindsamkeit angesichts der sozialen Ungerechtigkeiten, durch den Schmerz angesichts des Schmerzes anderer, blind geworden waren.
      Die wahre anarchistische Gewalt (…) wird durch das Bewusstsein getragen, dass die Individuen einzeln betrachtet, wenig oder überhaupt nicht verantwortlich sind für die Position, die Erbe und Umwelt ihnen verschafft haben. Diese Gewalt ist nicht von Hass, sondern von Liebe beeinflusst, und sie ist gut, weil sie auf die Befreiung aller abzielt und nicht auf die Ersetzung der Herrschaft der anderen durch die eigene.“

      „Alle für den Sieg notwendige Gewalt und nichts, was darüber hinausgeht. Wer an die revolutionäre, befreiende Kraft von Repression und Grausamkeit glaubt, hat die gleiche rückschrittliche Mentalität wie die Juristen, die glauben, dass man Verbrechen durch harte Strafen verhindern und die Welt moralisch bessern könnte. Müsste man, um zu siegen, auf öffentlichen Plätzen Galgen errichten, so will ich lieber untergehen.“

      „Das Interesse ist stets konservativ, revolutionär ist nur das Ideal.“

      (alle Zitate in: Erico Malatesta – Gesammelte Schriften, Band 2)
      (Ich muss schon jetzt darüber grinsen, wenn ich daran denke, dass nun bestimmt bald der Vorwurf laut wird, der anarchokommunistische Revolutionär und Theoretiker Malatesta sei eben ein Hippie gewesen, da er doch das Ideal über das Interesse und die Menschenliebe über den Hass stellt. In Wahrheit sind dies die typischen Einstellungen in fast allen bedeutenden anarchistischen Schriften.)
      Für Malatesta war Gewalt nur in zwei Kontexten gerechtfertigt:
      1. Zur Verteidigung von Leib und Leben
      2. Zur Durchsetzung und Verteidigung anarchistischer Ziele gegenüber konterrevolutionärer Gewalt im Kontext einer KOLLEKTIV getragenen Revolution.
      Bezüglich der eventuellen Notwendigkeit von Gewalt in revolutionären Situationen galten für Malatesta außerdem zwei strikte Grundsätze: Nur soviel Gewalt wie nötig und keinen Millimeter mehr. Und außerdem: Gewaltsame Aktionsformen sind nur dort gerechtfertigt, wo gewaltfreie Aktionsformen alleine nicht zum Erfolg führen können.
      Das scheint mir persönlich eine recht ausgewogene vernünftige Einstellung zu sein.
      Die obige Polemik gegen die Graswurzel-Genossen halte ich als Diskussionsbeitrag über die Gewaltfrage für nicht sehr gelungen. Dort wird suggeriert das gewaltfreie Aktionskonzept der Graswurzler sähe vor, dass mensch sich nicht gegen gewaltsame Angriffe von Nazis mit Gewalt wehren dürfe. Das entspräche dem obigen Punkt 1, der Verteidigung von Leib und Leben. Der Graswurzel-Anarchismus beruht in seinen theoretischen Grundlagen unter Anderem auf den Schriften der gewaltfreien Anarchistin Clara Wichmann. Diese schrieb im Jahre 1919: „Gewiss: Kein einziger Grundsatz in der Welt kann bis in seine äußersten Konsequenzen durchgeführt werden: weder Vegetarismus, noch freie Erziehung, noch Gewaltlosigkeit. Aber was soll nun die Folgerung daraus für die Praxis unseres Lebens sein? Sollen wir daher nun auch jeden Versuch in dieser Richtung unterlassen, oder im Gegenteil den neuen Grundsatz anerkennen, um bald zu erkennen, dass mit jedem Versuch in dieser Richtung unsere Kraft dazu wachsen wird?
      Die gewöhnliche Redensart ist die: (…) „Ich strebe nicht nach Gewaltlosigkeit, denn wenn ich sehe, wie ein Kind ermordet wird, werde ich Gewalt anwenden, um dies zu verhindern.“
      Diese Redensart ist sehr einfach und hätte man sie immer angewendet, so wäre die Menschheit nicht einen Schritt vorwärts gekommen. Ein Fortschritt ist nur dann möglich, wenn es „Toren“ gibt, die glauben, gut daran zu tun, wenigstens so weit nach ihren Grundsätzen zu leben, als es ihnen möglich ist.
      Und die „äußerste Konsequenz“ der Auseinandersetzung von X. würde sein, dass die Menschen bis in alle Ewigkeit hätten Kannibalen bleiben sollen, weil sie die Grundsätze von Nicht-Töten und Nicht-Verschlingen ja doch nicht konsequent durchführen können.
      Mit allen diesen Redensarten über unmögliche äußerste Konsequenzen verdunkelt man die wesentliche Frage und das ist sowohl das Bequeme, wie das Gefährliche dieser Redensart. Wenn wir heutzutage die Frage der Gewaltlosigkeit besprechen, dann handelt es sich nicht darum, ob wir im äußersten Fall – einem Tiger oder Kindermörder gegenüber – Gewalt anwenden werden, sondern darum: ob wir die Gewalt zu einem steten Bestandteil unserer Propaganda und unserer Kampfmethoden machen wollen?“
      (In: Clara Wichmann – Der Weg der Befreiung)

      Ich glaube, es wird sich wohl kaum irgendein gewaltfreier Anarchist innerhalb wie außerhalb der Graswurzelbewegung finden, der hierzu andere Ansichten vertreten würde. Das Aktionskonzept des gewaltfreien Anarchismus hat nichts damit zu tun, dass mensch sich wehrlos von Nazis angreifen lassen müsste, zusehen müsste, wie eine Frau vergewaltigt wird oder wie ein Kind ermordet wird oder ähnliches. Das in solchen Situationen Gewalt gerechtfertigt und notwendig ist, darüber dürfte es zwischen der überwältigenden Mehrheit gewaltfreier Anarchisten und solchen Anarchisten, die eine Orientierung an ausschließlich gewaltfreien Aktionsformen ablehnen, wohl keinerlei Dissens geben. Nichts was ich jemals in der GWR gelesen habe und kein gewaltfreier Aktivist, mit dem ich je ein Gespräch geführt habe, hat jemals etwas anderes behauptet.
      Was Gewalt zur Verteidigung von Leib und Leben angeht, da dürfte weitgehende bis vollständige Einigkeit zwischen beiden Fraktionen bestehen. Es ist der zweite Punkt, der hingegen strittig ist: Gewalt zur Durchsetzung und Verteidigung anarchistischer Ziele gegenüber konterrevolutionärer Gewalt im Kontext einer kollektiv getragenen Revolution.
      Gewaltfreie Anarchisten und Anarchistinnen glauben, dass zumindest für den Kontext der westlichen Gesellschaften eine Orientierung an ausschließlich gewaltfreien Aktionsformen genauso effektiv oder effektiver ist als eine Strategie, die auch gewaltsame Aktionsformen einschließt. Besonders groß ist der Unterschied zu dem, was viele Anarchosyndikalisten und Anarchosyndikalistinnen in dieser Hinsicht für richtig halten, freilich nicht. Auch wir arbeiten in der Praxis schwerpunktmäßig mit gewaltfreien Aktionsformen wie Streiks, Boykott, Sabotage, Arbeit nach Vorschrift, Demonstrationen, Bildungs- und Kulturarbeit usw. Der einzige Unterschied liegt darin, dass ein Teil von uns, nicht ganz so optimistisch ist, ob im Falle einer erfolgreichen sozialen Revolution (die zur Zeit ohnehin in weiter Ferne liegt) sich konterrevolutionäre Kräfte tatsächlich ausschließlich mit gewaltfreien Aktionsformen vollständig besiegen lassen. Die tatsächliche allgemeine Praxis der Anarchosyndikalisten ist hingegen ähnlich gewaltfrei wie die der Graswurzler. Daher finde ich, dass die Differenz zwischen beiden hier künstlich aufgebläht wird.
      Darüber hinaus: Warum sollten gewaltfreie Anarchisten und Anarchistinnen denn eine gleichwertige Anerkennung auch gewaltsamer Aktionsformen an den Tag legen, wenn sie diese einfach für falsch halten. Haben sie kein Recht auf ihre eigene Meinung? Ich finde ganz im Gegenteil: sie sollen ihre Meinung mit guten und starken Argumenten zu vertreten versuchen und wir, die nicht an eine ausschließlich gewaltfreie Revolution glauben, tun das gleiche. Dann kann etwas Vernünftiges dabei rauskommen. Die Graswurzler brauchen meine andere Haltung zur Gewaltfrage nicht „anerkennen“, sie können, insofern sie anderer Meinung sind, versuchen dagegen zu argumentieren. Auf ihre Anerkennung oder Nicht-Anerkennung meiner Haltung zur Gewaltfrage pfeife ich, auf gute Argumente nicht.
      Darüber hinaus sei nur einmal darauf verwiesen, dass auch der klassischen FAUD oft vorgeworfen wurde, sie bewerte gewaltfreie Aktionsformen zu hoch, die Ankläger waren meist Marxisten, die mit Gewalt weniger Probleme hatten. In keiner anderen klassischen revolutionären Organisation im damaligen Deutschland ist so vehement die Position vertreten worden, dass gewaltfreie Aktionsformen wo immer möglich gewaltsamen vorzuziehen sind, wie in der FAUD. Und unsere Genossinnen und Genossen bekamen z.T. genau die gleichen Sprüche – in diesem Fall von Marxisten – zu hören, die heute die Graswurzler zu hören kriegen. Anarchosyndikalisten und Graswurzel-Anarchisten sollten sich in gegenseitigem Respekt kritisieren, voneinander lernen und konstruktiv zusammenarbeiten.
      Das wirkliche Problem im eigenen libertären Lager sind die Lifestyle-Anarchisten und die Vulgärmarxisten.

  5. glouton permalink
    18. März 2010 23:51

    @Markus: hört sich alles schön und gut an. Ich bin trotzdem der Meinung, dass eine rigorose Ablehnung der Gewalt – auch in den von Dir beschriebenen Zusammenhängen – in manchen Fällen ganz einfach schädlich ist – und zwar richtig schädlich. Dies ist auch nicht fallbezogen – ganz einfach, weil es gegnerische Strömungen gibt, die sich hauptsächlich auf Gewalt gründen, für die Gewalt der Handlungsmaßstab ist. Es kann somit hierbei auch nicht um konkrete „Nazigewalt“ gehen – wo eine Abwehr für die allermeisten verständlich ist. Es geht auch um die dahinter stehende Ideologie. Wenn man hier nach Massgabe „so wenig Gewalt wie möglich“ vorgeht, wird man von vornherein unterliegen und sich Probleme schaffen. Hier geht es um so hartes Durchgreifen wie nur möglich in den Anfängen, um nicht später ein grosses Problem zu bekommen. Die FAUD hatte damit durchaus Schwierigkeiten (allein die Diskussion um die „Schwarzen Scharen“) – daher würde ich diesen Standpunkt auch wirklich nicht als nachahmenswert betrachten.

    • Markus permalink
      19. März 2010 01:02

      Hallo glouton,
      mein Standpunkt ist nicht „sowenig Gewalt wie möglich“, sondern „soviel Gewalt wie nötig, aber kein bisschen mehr“. Bei dem meisten, was ich hier geschrieben habe, ging es mir darum sowohl die verschiedenen Standpunkte als auch die Gemeinsamkeiten klar herauszuarbeiten um die Debatte zu versachlichen.
      Grundsätzlich bin ich von Deinem Standpunkt nicht zu weit entfernt, aber ich würde es formulieren „Hier geht es um so hartes Durchgreifen wie NÖTIG in den Anfängen, ABER NICHT MEHR“. Vermutlich meinen wir aber das Gleiche.
      Darüber hinaus sollte nicht vergessen werden, dass auch, wenn wir keine ausschließlich gewaltfreie Strategie befürworten, doch anzuerkennen ist, dass im gewaltfreien Spektrum viele wirksame und zweckhafte Aktionsformen entwickelt, erprobt und erforscht worden sind. Gewaltfreie Aktionsgruppen und gewaltfreie kritische Friedensforscher haben das Spektrum praktischer Widerstandsmöglichkeiten enorm bereichert und mensch muss keinesfalls gewaltfrei sein um jede weitere Möglichkeit widerständiger Praxis, die in irgendeinem Kontext wirksam ist, zu begrüßen.
      Ich lasse mir kein Gewaltlosigkeitsdogma vorschreiben, aber ich versuche auch nicht meine Haltung zum Dogma für gewaltfreie AktivistInnen zu machen. Jeder hat ein Recht auf seine Meinung, den Rest klärt eventuell eine gute Diskussion, falls von beiden Seiten gewünscht. Kein Grund für gegenseitige Anmache.
      Darüber hinaus ist m.E. einiges an der Kritik, die die Graswurzler an dem manchmal blinden militanten Aktionismus in manchen autonomen Zusammenhängen kritisiert haben, berechtigt.
      Ich finde, wenn die Graswurzler kritisiert werden, dann sollte auch „Steinewerfen als Selbstzweck“ und ähnliches, was in autonomen Kreisen manchmal vorkommt genauso kritisiert werden. (Damit ist nicht gemeint jede militante autonome Aktion sei Selbstzweck, sondern manche.) Beides, weder absolute Gewaltfreiheit noch pubertäre Militanzrituale sind in meinen Augen eine ernsthafte und realistische Form revolutionärer Praxis.

  6. 19. März 2010 23:24

    Zitat: „Beides, weder absolute Gewaltfreiheit noch pubertäre Militanzrituale sind in meinen Augen eine ernsthafte und realistische Form revolutionärer Praxis.“

    Damit ist zum theoretischen hier eigentlich alles gesagt…

    Praktisch hat Jock Palfreeman meine volle Solidarität, was bei den hin und her-Überlegungen hier wohl ein gutes Stück zu kurz kommt!

    S´wäre besser, die Täter kriegen mit, daß wir alle nie wieder gewillt sind, uns wie Opfer zu verhalten, die dene die Täterrolle erst ermöglicht.

  7. glouton permalink
    20. März 2010 00:05

    @Markus: da sind wir tatsächlich fast einer Meinung (aber doch nicht ganz 🙂 ).
    Zu „autonomer Militanz“ sage ich jetzt aber nichts mehr, sonst werd ich nämlich zynisch, unsachlich, ausgrenzend, intolerant, agressiv, gewalttätig o.ä. Jedenfalls ist es etwas womit ich nichts anfangen kann.

  8. WAS permalink
    19. November 2011 01:32

    gibt es Neues?

  9. ASJ-Filmtipp permalink
    16. Dezember 2013 23:24

    Zwei Klassen
    Beitrag zur „Eurovision Film Week“

    „Zwei Klassen“ (Originaltitel „N1“) ist der bulgarische Beitrag zu der erstmalig stattfindenden Eurovision Film Week der EBU (European Broadcasting Union).

    Der Debütfilm zeigt die Auseinandersetzungen zwischen Schülern zweier Schulen in Sofia, die im gleichen Gebäude untergebracht sind. Während die eine Klasse zu einer Eliteschule der Oberschicht gehört, kommen die Schüler der anderen Schule aus normalen und ärmlichen Verhältnissen. Der Konflikt eskaliert trotz der Bemühungen eines engagierten Lehrers, der zwischen den Gruppen zu vermitteln sucht.

    Der erste „Hip-Hop“-Film Bulgariens zeigt ungeschminkt die soziale Realität von Jugendlichen in Sofia. Der Film wurde 2011 als bester bulgarischer Spielfilm ausgezeichnet.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2038310/Zwei-Klassen%22

Trackbacks

  1. Freiheit für Jock! – Selbstverteidigung ist kein Angriff! « FAU Stuttgart

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: