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Eingesandt: „Mit den Kommunisten hatte ich fast überall heftige Zusammenstöße“

9. März 2010

Rudolf Rocker.

Hier ein lebendiger Beitrag zur Praxis bei Agitationsrundreisen, verfasst von Rudolf Rocker. 300 Zuhörer hieß „mäßig besucht“! Vor 90 Jahren ging die Post ab, aber schaut selbst:

Von der Agitation

Rudolf Rocker:

Elberfeld, den 2. Dezember 1920

Nun hatte ich 13 Versammlungen hinter mir und noch 8 vor mir, bevor es wieder heimwärts geht. Ich weiss nicht, ob man euch schon über den bisherigen Verlauf meiner Reise geschrieben hat, jedenfalls kann es nichts schaden, wenn ich hier kurz meine Eindrücke schildere. Meine erste Versammlung in Hövel war mäßig besucht, obwohl die Genossen dortselbst mir versicherten, dass die Parteiversammlungen während der letzten Monate viel schlechter besucht werden.

In Lünen hatte ich einen brechend vollen Saal, desgleichen in Dortmund. Die Versammlung in Gelsenkirchen war ein Durchfall, da sie systematisch boykottiert wurde. Die verschiedenen Parteien hatten nämlich zur selben Zeit nicht weniger als neun Mitgliederversammlungen einberufen, so dass unsere Versammlung in der Stadthalle nur von ungefähr 300 Personen besucht war.

Die Versammlung in Wattenscheid war gut. Auch Bochum war nicht schlecht. Glänzend waren die Versammlungen in Mülheim. In Essen sprach ich vor ungefähr 300 Personen. Die Versammlung in Hamborn war sehr gut besucht.

In Düsseldorf sprach ich vorgestern vor einer riesigen Versammlung im Kaisersaal der Tonhalle für die Freidenker. Das ist um so bemerkenswerter, als für diese Versammlung nur Karten ausgegeben wurden und keine Plakate, Handzettel oder Zeitungsinserate erschienen waren. Auch meine Versammlung in Elberfeld war sehr gut besucht. Morgen spreche ich in Remscheidt, dann in Solingen, danach in Wiesdorf, Köln, Düsseldorf, Krefeld, Hochemmerich und Duisburg.

Mit den Kommunisten hatte ich fast überall heftige Zusammenstöße. In Lünen hatte ich sage und schreibe 16 Diskussionsredner abzufertigen, was ich auch nach allen Regeln der Kunst besorgt habe. In Dortmund trat mir der blinde Schönlank [kommunistischer Schriftsteller] entgegen. Er war sehr sachlich und anständig, wie überhaupt die ganze Versammlung in dem brechend vollem Saale ein Genuss war. In Gelsenkirchen trat mir Barthels, einer der Hauptmatadoren der Gelsenkirchener Richtung [gemeint ist die kommunistisch-unionistische FAU-G, ging später in der KPD auf] entgegen. Auch er war sehr vorsichtig, überschüttete mich in der Einleitung seiner Rede mit einer Masse Komplimente, hatte aber sonst wenig zu sagen. In Wattenscheid erwarteten wir eine große Redeschlacht. Von Essen und anderwärts waren Redner der KPD erschienen, um mit mir abzurechnen. Ich sprach über das delikate Thema: „Die dritte Internationale“. Aber als ich mit meinem Vortrag zu Ende war, meldete sich niemand zur Diskussion.

In Bochum waren eine Menge Kopfarbeiter erschienen. Drei derselben, Anhänger Silvio Gesells, ergriffen das Wort, und da die Kommunisten stumm blieben, so bekam die Debatte einen höchst sachlichen und interessanten Charakter.

Die Versammlung in Mülheim war glänzend. Auch dort waren die Kommunisten der ganzen Umgegend erschienen, um ihr Mütchen an mir zu kühlen, aber sie werden an mich denken, so lange sie leben.

In Essen trat mir Hammer entgegen. Auch er war sehr vorsichtig mit seinen Ausführungen, aber auch seine Vorsicht konnte ihm nicht viel helfen.

Und nun Hamborn. Grosser Gott, Hamborn! Ich glaubte bis jetzt, in der Völkerkunde und mit den Sitten und Gebräuchen wilder Stämme leidlich beschlagen zu sein. Das war ein Irrtum. Ich wußte, dass es auf der Welt Botokuden, Buschneger, Apachen, Zulukaffern, Hottentotten usw. gab, jetzt weiss ich auch, dass es Hamborner gibt. Die Stadthalle war voll. Die Kommunisten hatten überall die Nachricht verbreitet, dass Dr. Levi mir entgegentreten würde, der gerade hier weilte. Aber es kam anders. Die Anhänger der KPD hatten sich vorgenommen, die Versammlung unter allen Umständen zu sprengen. Schon während meines Vortrages hatte ich zahlreiche Unterbrechungen, doch gelang es mir, die Schreier immer wieder stumm zu machen. In der Diskussion meldeten sich zwei junge „Russen“ [saloppe Bezeichnung für Kommunisten, Abel Paz nannte sie „Chinesen“], dumme, freche, unverschämte Bengel und ließen nun die haarsträubendsten Tiraden vom Stapel. Als ich endlich das Schlusswort ergriff, entstand ein wahres Pandämonium (Reich der bösen Geister). Man heulte, johlte, grölte, übte sich in allen Lauten der verschiedenen Tiersprachen. Ich betrachtete mir die Bescherung eine Zeitlang, und als die wilde Horde endlich gezwungen war, notgedrungen Atem zu schöpfen, legte ich los. Die Kerle waren zuerst sprachlos, als ich mit ihnen ins Gericht ging. Dann fingen sie wieder an zu heulen. Ich aber behauptete meinen Platz und zeigte den Brüdern, dass ich ihnen unter keinen Umständen nachgeben würde. Und sie wurden kleiner und kleiner, trotzdem ich sie mit Keulen lauste. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht soviel geschimpft wie in Hamborn. Zuletzt wurde es ganz still, so dass ich den Kerlen in größter Ruhe ein besonderes Patent auf ihre übermenschliche Dummheit ausstellen konnte, und damit war die Sache zu Ende. Auch ich war zu Ende mit meiner Kraft, denn unter solchen Bedingungen standzuhalten, ist wahrlich keine Kleinigkeit. Trotzdem sprach ich abends noch in einer Sitzung der Vertrauensleute.

In Düsseldorf sprach ich über „Freie Erziehung im Sinne Ferrers“. Eine ideale Versammlung. Der Gesangverein mit seinem vortrefflichen Dirigenten leitete die Sache ein mit einem weihevollen Gesang, eigene Komposition des Dirigenten. Darauf sprach ich 1 3/4 Stunden lang vor einer riesigen Menge, die so stil war, dass man eine Feder hätte zu Boden fallen hören. Zur Aussprache meldete sich niemand. Auch meine Versammlung in Elberfeld war sehr gut. In der Diskussion sprachen ein Anhänger der KAPD, zwei Lehrer, ein Physiokrat [Gesell-Anhänger], ein Vertreter der Kaufmannschaft und ein Mitglied der Drei-Gliederung [Anthroposoph]. Die Aussprache war würdig und interessant R[udolf].R[ocker].

Aus „Der Syndikalist, Nr. 48/1920.

7 Kommentare leave one →
  1. 9. März 2010 19:33

    Gerade durch Zufall gefunden: Liste der von den Nazis verbotenen Autoren, ganz schön viele Syndikalisten darunter……

  2. glouton permalink
    10. März 2010 02:27

    Schöner Text, zeigt er doch die unterschiedlichen Stimmungen jeweils auf. Gerade Hamborn – wo eine starke syndikalistische Fraktion vorhanden war – super, dieser Eindruck.
    @Boy George: Bei den Syndikalisten wurden auch meist „sämtliche Schriften“ verboten. Kein Wunder allerdings.

  3. 10. März 2010 19:07

    Einfach geil: „sie mit Keulen lauste“!
    Da hat Rudolf ein altes Sprichwort komprimiert:
    „Narren muß man mit Kolben lausen, oder mit Keulen grüßen.“

  4. Markus permalink
    13. März 2010 17:14

    Ich kann den Rudolf da gut verstehen. Ich habe mit Marxisten auch dauernd heftige Zusammenstöße. Komisch, wo ich doch ausdrücklich einen „very open Anarchism“ vertrete, der es als sehr wichtig ansieht, dass der libertäre Sozialismus stets versucht von allen anderen sozialen Bewegung und philosophischen Strömungen dazu zu lernen, auch von den Marxisten. Die relative Überlegenheit des libertären Sozialismus in Theorie und Praxis gegenüber anderen Strömungen des politischen Denkens wie z.B. Liberalismus, Marxismus, Poststrukturalismus und Kommunitarismus sollte uns niemals zu der gleichen einseitigen, überheblichen und dogmatischen Haltung verleiten, die die AnhängerInnen dieser Strömungen oft an den Tag legen. Rudolf Rocker betonte stets, dass in dieser Welt nichts sich selbst genügt. Nur der engstirnigste Dogmatiker könnte glauben, die eigene Weltanschauung besäße bereits alle Wahrheiten und es ließe sich nichts von anderen dazu lernen.
    Die relative theoretische Überlegenheit des libertären Sozialismus hat bei den Vertretern konkurrierender Strömungen des politischen Denkens stets eine derart massive Verunsicherung hervorgerufen, dass sie in der Regel mehr durch Verleumdungen als durch rationale Diskussionen versuchen die Hegemonie ihres Standpunktes sicherzustellen. Die zentrale Diskursstrategie, die die Gegner des Anarchismus der relativen theoretischen Überlegenheit des libertären Sozialismus meist entgegenstellen, ist die Behauptung der libertäre Sozialismus sei theorielos, eine Behauptung, die angesichts der Reichhaltigkeit und Qualität libertärer Theoriebildung zwar keinerlei argumentativen Gehalt aufweist, aber eben die Funktion erfüllt die Hegemonie der eigenen Anschauung zu schützen. Nicht, dass es in der libertären Theoriebildung keinerlei Theoriedefizite gäbe, aber die sind insgesamt nicht so gravierend wie die Theoriedefizite in den konkurrierenden Strömungen des politischen Denkens, insbesondere die des klassischen Marxismus. Hin und wieder kommt es sogar vor, dass AnhängerInnen konkurrierender Weltanschauungen unter dem Vorwand die angebliche „Theorielosigkeit“ des Anarchismus beheben zu wollen ihre eigene Ideologie in die libertäre Bewegung hineinzutragen versuchen. Insbesondere Marxisten tun das gerne und sie verfahren dabei stets genauso anmaßend, wie die Leninisten, wenn diese das „richtige Klassenbewusstsein“ in die Arbeiterklasse hineintragen wollen. Hier gilt es für Anarchisten und Anarchosyndikalisten stets wachsam zu sein. Die große Offenheit und Toleranz des libertären Sozialismus, seine unübertreffliche Fähigkeit Erkenntnisse aus allen anderen sozialen Bewegungen, wissenschaftlichen und philosophischen Strömungen einzubeziehen und zu integrieren darf niemals zu einer repressiven Toleranz gegenüber den ungaren Welt- und Gesellschaftserklärungen des Marxismus führen, die ein Erkenntnis- und Veränderungsinteresse nicht nur massiv behindern, sondern teilweise bedrohlich sind. Würde aus einer solchen repressiven Toleranz nämlich eine offene Flanke zu vulgärmarxistischem Müll wie „Basis-Überbau-Modell“, „materialistische Geschichtsauffassung“, „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, „Diktatur des Proletariats“ usw., dann würde der libertäre Sozialismus zu einer vulgärmarxistischen Sekte verkommen. Insbesondere der Anarchosyndikalismus ist durch solche Versuche vulgärmarxistischer Unterwanderung seiner eigenen theoretischen Grundlagen stets bedroht und es kann daher gar nicht hoch genug geschätzt werden mit welcher Vehemenz Rudolf Rocker und andere anarchosyndikalistische TheoretikerInnen das Menschen-, Welt-, Geschichts- und Gesellschaftsbild des Marxismus stets zurückgewiesen haben.
    Als Philosophie ist der klassische Marxismus eine einzige Katastrophe und allein ihm auch nur den Status einer Philosophie zuzusprechen ist schon verfehlt.
    Bedeutsame Errungenschaften bietet der Marxismus hingegen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, insbesondere der Kapitalismusanalyse und -kritik. Diese nicht zu rezipieren und einzubeziehen wäre für Anarchisten und Anarchosyndikalisten eine riesige Dummheit. Nur in der Synthese der besten Aspekte der Kapitalismuskritik aus Marxismus und Anarchismus entsteht m.E. ein brauchbarer Ansatz zur Überwindung des Kapitalismus. Auch gibt es zahlreiche bedeutende marxistische DenkerInnen, die die engen Grundlagen des klassischen Marxismus (Basis-Überbau-Modell, Historischer Materialismus usw.) gesprengt haben und die mir persönlich genauso am Herzen liegen wie viele anarchistische DenkerInnen. Ein bedeutender marxistischer Philosoph ist allerdings eigentlich schon kein wirklicher Marxist mehr. (Auch Karl Marx selbst betonte ja einmal, dass er kein Marxist sei, was jetzt allerdings nicht bedeuten soll, Marx sei ein bedeutender Philosoph gewesen.) Auch von den verschiedenen freiheitlich-marxistischen Strömungen (z.B. Kritische Theorie, Rätekommunismus, Operaismus, Postoperaismus, wertkritischer Marxismus oder Post-Marxismus) können Anarchisten und Anarchosyndikalisten durchaus einiges lernen, wenn auch dazu bemerkt werden sollte, dass die Marxisten, einschließlich der freiheitlich-marxistischen Strömungen insgesamt wohl noch weitaus mehr von uns lernen können
    Die richtige und wichtige Wertschätzung für die wirtschaftswissenschaftlichen Leistungen von Karl Marx, für die Errungenschaften verschiedener die engen Grenzen des Marxismus überschreitender marxistischer DenkerInnen sowie für verschiedene freiheitlich- marxistische Strömungen darf jedoch niemals dazu führen, dass der zeitgenössische Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus auch nur die geringsten Konzessionen gegenüber dem abstrusen Menschen-, Welt-, Geschichts- und Gesellschaftsbild des klassischen Marxismus macht. Diese an Unwissenschaftlichkeit und Einseitigkeit nicht zu überbietende Ideologie, die der klassische Marxismus insbesondere unter dem Einfluss von Friedrich Engels (Engels war der erste Vulgärmarxist) hervorgebracht hat, ist mit den theoretischen Grundlagen des libertären Sozialismus absolut unvereinbar und hier gilt das Motto: Wehret den Anfängen!
    Menschliche Individuen sind in dieser Sichtweise nichts als Klassenwesen, deren Bewusstsein allein vom ökonomischen Sein bestimmt wird, alle kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Menschheit sind im wesentlichen nur Überbau-Phänomene der ökonomischen Basis, die ganze menschliche Geschichte wird durch nichts anderes als die technologische Entfaltung der ökonomischen Produktivkräfte gemäß den ehernen Gesetzmäßigkeiten der materialistischen Geschichtsauffassung vorangetrieben, es gibt kein Bewusstsein einer universellen Humanitas, sondern nur eine soziozentrische Klassemoral, in der jedes Verbrechen erlaubt ist, wenn es zum Vorteil der eigenen Klassenposition begangen wird, selbständiges und kritisches Denken innerhalb der Arbeiterklasse ist überflüssig, weil ja doch nur das Sein das Bewusstsein bestimmt usw.
    Dieses voraufklärerische Weltbild, dass tendenziell auf einer Stufe steht mit dem mythologischen Weltbild jener religiösen Fundamentalisten, die im Mittelalter die Bibliotheken ihrer Zeit abfackelten, darf keinerlei Eingang in die anarchistische und anarcho-syndikalistische Theoriebildung erhalten, weder in seinen extremen, noch in seinen gemäßigten Formen.
    Jedem halbwegs vernünftigen Menschen stellt sich hier ohnehin die Frage: Wer kann ein Bedürfnis nach einem solchen Weltbild haben?
    George Orwell schrieb einmal in einer denkwürdigen Passage über marxistische Intellektuelle folgendes: „Wenn ich mir manchen Sozialisten ansehe – ich meine den intellektuellen, Traktate-schreibenden Typ Sozialisten, mit seinem Pullover, seinem strubbeligem Haar, und seinen Marx-Zitaten – dann frag ich mich was zum Teufel sein wahres Motiv ist. Es ist oft schwer zu glauben dass es die Liebe zu irgend jemandem ist, besonders zur Arbeiterklasse, von der er von allen Leuten am weitesten entfernt ist. Das unterschwellige Motiv von vielen Sozialisten ist, wie ich glaube, einfach ein überentwickelter Sinn für Ordnung. Die gegenwärtigen Zustände stoßen sie nicht ab weil sie Leid verursachen, noch weniger, weil sie Freiheit unmöglich machen, sondern weil sie unordentlich sind; was sie im wesentlichen wünschen ist die Welt auf sowas wie ein Schachbrett einzugrenzen.“ (George Orwell)
    Hüten wir uns davor, dass solche marxistischen Intellektuellen jemals die informellen Führer der anarcho-syndikalistischen Bewegung werden.
    „Und obgleich wir den ungeheuren Diensten volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, die sie der Internationale geleistet haben und selbst jetzt noch leisten, so werden wir doch bis aufs Messer bekämpfen ihre falschen autoritären Theorien, ihre diktatorischen Anmaßungen und jene Manier (…) unreiner Beleidigungen und infamer Verleumdungen.“ (Michael Bakunin)

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