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FAS: Was ist eigentlich eine Basisgewerkschaft?

27. Dezember 2009

Dem Thema „Was ist eigentlich eine Basisgewerkschaft“ widmet sich der folgende Artikel der Föderation der ArbeiterInnen Syndikate (FAS) aus Österreich. Der Text ist leicht verständlich geschrieben und eignet sich unserer Auffassung nach sehr gut zur Vermittlung dessen, was die Begriffe Basisgewerkschaft und Syndikalismus bedeuten. Interessant ist auch die Tatsache dass die FAS-GenossInnen ihre Gewerkschaft als „revolutionär-syndikalistisch“ im Gegensatz zu „anarcho-syndikalistisch“ (wie dies z.B. die FAU in Deutschland tut) bezeichnen. Die fettgesetzten Hervorhebungen im Text haben wir eingefügt.

Was ist eigentlich eine Basisgewerkschaft?

Es gibt eine Reihe von Unterschieden zwischen zentralistisch reformistischen Gewerkschaften wie dem ÖGB und föderalistisch revolutionär syndikalistischen Gewerkschaften wie der FAS. Demzugrunde liegen weniger unterschiedliche Weltanschauungen, als unterschiedliche Auffassungen über Gewerkschaftstätigkeit und die Rolle der Gewerkschaft in Betrieb und Gesellschaft. Die Weltanschauung wird natürlich von der Praxis beeinflusst und umgekehrt. Aber dazu später. Diese unterschiedliche Tätigkeit soll anhand der Gewerkschaftspraxis in Betrieb und Branche erklärt werden.

Der ÖGB bemüht sich, in den Betrieben Betriebsräte/PersonalvertreterInnen zu installieren. Jene sind fast immer Mitglieder einer (zumeist parteipolitischen) Fraktion im ÖGB (FSG, FCG/ÖAAB, UG, GLB, AUF etc.). Die Betriebsräte/PersonalvertreterInnen werden von der Basis gewählt (Wahlkampf inklusive), besitzen ein „freies Mandat“, sind aber per Gesetz dem Wohle der Belegschaft und dem Wohle des Betriebes verpflichtet. Gleichzeitig handeln sie aber auch im Auftrag ihrer Fraktion und teilen der Basis die Entscheidigungen der oberen ÖGB Ebenen mit. Sie fungieren also gewissermaßen als Vermittler zwischen der Basis, der Geschäftsführung, ihrer Fraktion und der ÖGB Leitung. Verorten sich wohl manche Betriebsräte/PersonalvertreterInnen sehr nahe an der Basis, so sind doch die meisten Betriebsräte/PersonalvertreterInnen näher an den vermeintlich mächtigeren Hebeln (was durch so genannte „Freistellungen“ und andere Vergünstigungen gefördert wird).

Anders verhält es sich mit der syndikalistischen Praxis. Eine syndikalistische Organisation ist bestrebt, Betriebsgruppen auf zu bauen. Betriebsgruppen stellen eine Form der selbstorganisierten Interessensvertretung dar. Nach dem Prinzip, dass die von einer Entscheidung direkt Betroffenen, diese Entscheidung auch selbst fällen sollten, ist eine Betriebsgruppe weitestgehend autonom. In der Betriebsgruppe hat jedes Mitglied eine Stimme und alle Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Diese Form der unmittelbaren, direkten Demokratie soll aber nicht nur innerhalb der Betriebsgruppe zur Anwendung kommen: Betriebsgruppen streben danach, Vollversammlungen aller Arbeitenden im Betrieb – egal ob Mitglieder der Betriebsgruppe oder nicht – abzuhalten, um direkte Demokratie zu ermöglichen und auszubauen. Die einzigen Einschränkungen denen eine Betriebsgruppe unterliegt, ist einerseits, dass ihr Vorgehen anderen ArbeiterInnen nicht schaden darf und dass sie andererseits nicht den gemeinsamen Prinzipien zuwider handelt und die Statuten nicht verletzt.

Während der ÖGB sein Augenmerk fast ausschließlich auf die Beziehung der Einzelmitglieder zum ÖGB und dessen VertreterInnen legt, ist der syndikalistischen Betriebsgruppe die Beziehung der einzelnen Mitglieder und aller Beschäftigten im Betrieb untereinander mindestens genauso wichtig.

Die nächste Ebene der syndikalistischen Organisation bildet die lokale Branchengewerkschaft (Syndikat). Auch hier sind alle Mitglieder gleichberechtigt. Es gibt keine Delegierung von oben nach unten. Es ist immer das gemeinsame Votum welches entscheidet, was wie von wem umgesetzt wird. FunktionärInnen und Delegierte sind den Beschlüssen der Basis verpflichtet und jederzeit abwählbar. Sie besitzen keinen Sonderstatus und können keine eigenmächtige Politik betreiben. Alle Syndikate gemeinsam sind die Basis der FAS. Sie entscheiden gemeinsam ohne Umwege die gemeinsame Vorgehensweise. Es gibt keine Zwischen – oder Neben – oder sonstige Hierarchien. Die FAS und die einzelnen Syndikate sind wiederum global mit revolutionären Basisgewerkschaften vernetzt, da auch der Kampf gegen Ausbeutung, Herrschaft und Unterdrückung ein globaler ist.

Die ÖGB Gewerkschaften sehen in der Regel weder im Betrieb, noch darüber hinaus eine Beteiligung der Mitglieder vor. Der ÖGB gleicht eher einer Versicherungsanstalt, welche auch verbilligte Gummistiefel und Rechtsberatung anbietet. Er ist eine „Service Gewerkschaft“. Demzufolge ist das Verhältnis der Mitglieder zur eigenen Gewerkschaft ein formal rechtliches. Über die Beziehung der Mitglieder untereinander gibt es nicht viel zu sagen. Zwar gibt es Fraktionen und Initiativen, welche die Basis mit ein beziehen. Aber auch diese scheitern regelmäßig an der vorgegebenen Hierarchie.

Die FAS bietet keinen Rechtsschutz und keine Vergünstigungen an. Sie baut auf die gegenseitige Hilfe der Mitglieder untereinander. Wissen, Erfahrungen und Ressourcen werden geteilt und es wird zur Selbsttätigkeit angehalten. Solidarität verkommt demzufolge nicht zu einer hohlen Phrase oder einer Versicherungsleistung, sondern ist unsere stärkste Waffe im Kampf für bessere Arbeits- und Lebensverhältnisse.

Während der ÖGB möglichst viele zahlende Mitglieder benötigt, um seine Angebote aufrecht zu halten, benötigt eine syndikalistische Gewerkschaft möglichst viele aktive Mitglieder (natürlich benötigt auch der ÖGB AktivistInnen und die FAS Geld. Die Prioritäten sind aber gegensätzlich). Im ÖGB gibt es unzählige Sekretariate, Referate, zwischen- und Nebenhierarchien. In der FAS gibts es keine Zentrale und keine Anweisungen von „oben“. Auf dem Kongress der Syndikate werden zwar FunktionärInnen gewählt, welche für verschiedene Bereiche zuständig sind. Diese haben aber keine Sonderstellung und sind dem Auftrag der Basis (also der Mitglieder der Syndikate) verpflichtet. Im Gegensatz zum ÖGB haben in der FAS, wie in anderen syndikalistischen Organisationen auch, politische Organisationen und Parteien keinen Platz. Parteimitglieder können zwar FAS Mitglieder sein, dürfen aber weder Fraktionen bilden, noch FAS-Funktionen übernehmen.

Während im ÖGB ein Arbeitskampf von oben verordnet und beendet werden kann, zumindest aber von oben bewilligt werden muss, gibt es in den FAS Syndikaten und Betriebsgruppen keine Möglichkeit und Notwendigkeit der Einmischung von außen oder von „oben“ solange sich die jeweiligen Einheiten an die Prinzipien und Statuten halten. Niemand darf an Stelle der direkt Betroffenen tätig werden, außer auf ausdrücklichen Wunsch und im Rahmen eines bindenden Auftrages derselben.

Eine seiner Hauptaufgaben, neben der Sicherung der „betrieblichen Mitbestimmung“, sieht der ÖGB darin, Kollektivverträge auszuhandeln. Das passiert im Rahmen der „Sozialpartnerschaft“. Auch hierzu benötigt der ÖGB eine große Anzahl von Mitgliedern, die zwar passiv gehalten werden, aber auf dem Papier „hinter ihm stehen“. Eine Wahl des Verhandlungsteams oder irgendein Einfluss auf die Verhandlungen durch die Mitglieder ist nicht vorgesehen. Man spricht zwar ab und an von einem „hohen Organisierungsgrad“, praktisch handelt es sich aber dabei überwiegend um passive Mitglieder (oder auch „Karteileichen“). Der ÖGB begreift sich selbst als gesellschaftliche Kraft, welche den Interessensgegensatz zwischen Kapital und ArbeiterInnen anerkennt und vorgibt, die Interessen der ArbeiterInnen zu vertreten. Er tut dies aber im Rahmen eines „Interessensausgleichs“ und empfiehlt sich Staat und Kapital als „ordnungspolitische Macht“.

Das heißt nicht, dass im Umkehrschluss SyndikalistInnen gegen Ordnung sind oder destruktiv orientiert sind: Auch die syndikalistische Gewerkschaft versteht sich als Interessensvertretung, oder besser Interessensgemeinschaft. SyndikalistInnen betonen hier aber die Solidarität, welche als gemeinsamer Kampf für gemeinsame Interessen definiert ist. Diese gemeinsamen Interessen werden von allen auch gemeinsam formuliert.

Anstatt als um „Ausgleich“ bemühte BittstellerInnen aufzutreten, bevorzugen SyndikalistInnen Direkte Aktion (also Aktionen, welche die direkt Betroffenen selbst ohne Vermittlung durch StellvertreterInnen beschließen und anwenden). Natürlich verhandeln auch SyndikalistInnen. Nur haben SyndikalistInnen die umfassende soziale Selbstverwaltung und die Abschaffung von Unterdrückung, Herrschaft und Ausbeutung zum Ziel. Deshalb können SyndikalistInnen z.B. keine Verträge, die Arbeitskämpfe verbieten („Friedenspflicht“), abschließen. Das einzige Abkommen, das dauerhaft mit dem Kapital geschlossen werden kann, ist die vollständige Übertragung der Betriebe an die organisierte ArbeiterInnenschaft.

Der Syndikalismus fühlt sich der Revolte verpflichtet – Der Revolte gegen ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, dass nicht uns dient, sondern dem wir dienen müssen. Somit ist die Aufgabe der syndikalistischen Gewerkschaft, die Vorbereitung und langfristig das Erkämpfen der ökonomischen und sozialen Selbstbestimmung. Die „betriebliche Mitbestimmung“, welche uns ArbeiterInnen heute zugestanden wird und über StellvertreterInnen ausgeführt wird, mag manche Vorteile haben und ist es des Öfteren auch wert, verteidigt zu werden. Sie ist aber kein geeignetes Mittel, unsre Interessen im Hier und Jetzt zu wahren und ein besseres Morgen zu erkämpfen. Diese Aufgabe können nur die Betriebsgruppen und föderierten lokalen Branchengewerkschaften, bestehend aus gleichberechtigten Mitgliedern unter Anwendung direkter Demokratie und direkter Aktion erreichen.

LISA-FAS

Dieser Beitrag findet sich hier auf der Homepage der FAS

10 Kommentare leave one →
  1. Anarchosyndikalist permalink
    27. Dezember 2009 16:27

    Guter Artikel von den GenossInnen aus dem Alpenstaat, aber leider wird nur der sozialdemokratisch-syndikalistische ÖGB abgewatscht, wie dies auch meistens in Artikeln über den sozialdemokratisch-syndikalistische DGB geschieht, und die anderen reaktionären Gewerkschaften bleiben unbeachtet und unerwähnt.
    Der staatssyndikalistische und kapitalhörige Charakter des ÖGB wird deutlich hervorgehoben und vom revolutionär-syndikalistischen FAS konterkariert.

    Eine Frage hat sich mir aber aufgedrängt, bei folgendem Satz:
    „……. gibt es in den FAS Syndikaten und Betriebsgruppen keine Möglichkeit und Notwendigkeit der Einmischung von außen oder von „oben“ solange sich die jeweiligen Einheiten an die Prinzipien und Statuten halten.“
    Wer greift denn, wenn sich nicht an die Prinzipien und Statuten gehalten wird, plötzlich von „oben“ ein? Wie ist das denn in der FAS vorgesehen?

    • Hennes W. permalink
      27. Dezember 2009 18:43

      Laß doch bitte einfach stecken, danke 🙂

      Anmerkung Syndikalismus.tk: Ja, dem frommen Wunsche schließen wir uns an.

    • ert permalink
      30. Dezember 2009 12:18

      Hi,

      Es gibt in Österreich keine „anderen reaktionären Gewerkschaften“. Es gab mal eine rechtsradikale Polizeigewerkschaft namens „AUF“, die ist aber mittlerweile wieder im allmächtigen ÖGB „organisiert“. Weiters gibt oder gab es eine LehrerInnengewerkschaft, welche aber seit längerer Zeit kein Lebenszeichen von sich gegeben hat. Sonst gibt es nur die sehr junge IWW-Austria, welche aber wohl kaum gemeint sein kann…

      Der Eingriff von „oben“ ist unter Anführungszeichen gesetzt, weil es ihn eben bei der FAS nicht gibt, beim ÖGB schon.

      Eine Betriebsgruppe kann selbstverständlich nur von einem Syndikat aufgenommen oder ausgeschlossen werden und ein Syndikat nur von einer Regionalkoordination oder der Föderation.

  2. ert permalink
    30. Dezember 2009 12:22

    Anmerkung: Die Beizeichnung „revolutionär syndikalistisch“ ist die Wahl des Autors. Die meisten FASlerInnen würden wohl Anarcho-Syndikalismus bevorzugen!

  3. Nestor Burma permalink
    30. Dezember 2009 12:42

    Hallo Ert. Danke für die Ergänzungen. Wollte dir im anderen Strang bezgl. Diskussion im Netz schon längst geantwortet haben. Hab aber noch keine Zeit dazu gefunden. Jedenfalls find ich´s persönlich schön das die meisten in der FAS sich beim Anarcho-Syndikalismus verorten. Denn der Anarcho-Syndikalismus schließt die gesellschaftliche Perspektive gleich mit ein (anarchistische Gesellschaft)anstatt beliebig (revolutionär – und dann?) zu bleiben.

    • ert permalink
      30. Dezember 2009 13:12

      hallo nestor Burma,

      Welches Schlagwort man benutzt ist im Grunde egal, würde ich meinen. Die gesellschaftliche Perspektive sollte ja ohnehin nicht mit einem Wort beschrieben werden.
      Selbst lehne ich, obwohl Anarchist, mittlerweile den Begriff „Anarcho“ ab, finde aber, dass eine Diskussion darüber vergeudete Zeit ist. Da ist’s mir lieber, jedeR nennt es wie er/sie es will, solange man dasselbe meint und tut…

      • Anarchosyndikalist permalink
        30. Dezember 2009 17:04

        Hallo Ert, danke für die prompte Antwort – trotz der beiden „Frommen“ – war für mich etwas irritierend formuliert. Hätte mich aber auch schwer gewundert 😉

        Das es in Austria gar keine anderen Gewerkschaften neben dem ÖGB gibt wusste ich noch garnicht (so nah und doch so fern). Da ist der Staatssyndikalismus bei Euch noch ausgeprägter als in der BRD, so eine Monopolstellung hatte da wohl eher der staatssyndikalistsiche FDGB in der DDR. Bezeichnend für diese staatssyndikalistsichen MonopolistInnen vom ÖGB ist dann aber auch, dass sie die faschistisch-syndikalistische Bullengewerkschaft als Kröte noch geschluckt haben. Hier schickt sich gerade der staatssyndikalistische DGB an im Bahnbereich seine Monopolstellung auszubauen. https://syndikalismus.wordpress.com/2009/11/01/feindliche-dgb-ubernahme/

        Auch wenn es der Allgemeinheit mindestens so unbekannt ist wie der Anarchosyndikalismus, es gab damals eine revolutionär-syndikalistische Bewegung in Russland, die sich vom Anarchosyndikalismus deutlich unterschieden hat, sie rekrutierte sich mehr aus dem Umfeld der russischen SozialrevolutionärInnen. Es sind schon zwei verschiedene, aber stark verwandte Bewegungen, ähnlich different wie zum IWW der alten Tage. Mehr als eine E-Mailadresse, die über die BRD verwaltet wird, hab ich noch nicht von der „sehr junge IWW-Austria“ mitbekommen, läuft da mehr, seid Ihr im Kontakt? Wie Du/Ihr sicher wisst, gab es in der BRD fruchtbare Zusammenarbeit zwischen FAU und IWW bei Aktion gegen Starbux.

        Antistaatssyndikalistische Grüße an alle GenossInnen in den Alpen.

      • Arthur Zapp permalink
        31. Dezember 2009 12:06

        Nun ist doch gut, das liest doch niemand mehr…..

        Anmerkung Syndikalismus.tk: Das lass mal die Leute selber entscheiden.

      • Arbeiter permalink
        31. Dezember 2009 15:52

        Nett das Du mal vorbeigezappt bist Arthur ……. zapp einfach weiter ………

        Nieder mit dem Staatssyndikalismus!
        Für den Anarchosyndikalismus!

  4. 31. Dezember 2009 11:10

    hi,

    Nun ja, die FPÖ wird ja in Österreich im „demokratischen Spektrum“ verortet, wohl weil sie „demokratische Wahlen“ gewinnen (sorry, wegen der „“ (-;).
    Auch wenn der ÖGB offiziell eine antifaschistische Organisation ist und real dort auch viele AntifaschistInnen „organisiert“ sind, hat man anscheinend kein gröberes Problem mit FPÖ Fraktionen…
    Das Monopol des ÖGB wird kaum in Frage gestellt und er sieht sich noch viel mehr als der DGB als systemtragende Institution (man ist stolz auf dieextrem niedrige Streikquote).
    Die IWW in Österreich ist noch jung und kleiner als die FAS, wächst aber stetig. Es gibt einen Blog: http://www.iwwaustria.wordpress.com und eine eigene E-Mail Adresse (siehe Blog).
    Die Zusammenarbeit mit der FAS ist gut, es gibt auch Doppelmitgliedschaften.

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