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Die Welt: „Fast jeder Zweite stellt die Demokratie in Frage“

27. Dezember 2009

Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmannstiftung und Vorsitzender der Bertelsmann AG (Mediengruppe). Er war Manager u.a. bei BASF und Initiator der nationalistischen und „sozialpartnerschaftlichen“ „Du-bist-Deutschland“-Kampagne.

Worte sind Waffen. Und wenn sie von pro-kapitalistischen Medien benutzt werden ist klar in welche Richtung sie zielen. Die pro-kapitalistische, rechte Welt berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über eine „neue Studie“ im Auftrag der berüchtigten Bertelsmannstiftung. In „tiefenpsychologischen“ Gesprächen mit 100 Teilnehmenden ging es um die soziale Situation in der Bundesrepublik und die Perspektiven der Menschen. Wer das Ohr am Puls der Zeit hat kann vom Ergebnis der Studie nicht wirklich überrascht sein. Denn die Befürworter des kapitalistischen Systems werden ständig weniger. In Kreisen der prekären und lohnarbeitenden Klasse sind die Fürsprecher des Kapitalismus kaum noch zu hören. Und so hat die Studie bereits 25% der Bevölkerung als Menschen „herauskristallisiert“ die „grundsätzlich das Vertrauen in das System verloren haben“. Allerdings gibt der Artikel keinen Hinweis aus welcher gesellschaftlichen Klasse die Fragebeantworter stammen. Das ist auch Logisch, denn Begriffe wie „Klasse“ meidet die kapitalistische Presse in aller Regel. Und so wird alles undurchschaubar zusammengeschissen, der Banker mit dem Erwerblosen und die Zeitung spricht schlicht von Prozent und von „den Deutschen“.

Was damit bezweckt wird ist klar. Es geht um die unterschwellige Beeinflussung der Leser mit dem schon seit jeher falschen, verlogenen und der jeweiligen Herrschaft dienenden Begriff der Nation. „Wir sitzen alle in einem Boot“. Der Ausbeuter und der Ausgebeutete. Und es lenkt von der Realität ab. Hier geht es nicht um „deutsch“ oder nicht. Es geht um Arm und Reich. Ausgebeuteter und Profiteur. Unten und Oben.

Und wie selbstverständlich kommt die Autorin des Welt-Artikels nicht umhin durch die Blume mitzuteilen dass diese 25%  Systemablehner „kein Selbstbewusstsein haben“. Denn andere 20% aus einer dritten Gruppe „glauben an die eigene Leistungskraft“. Ganz so, als ob es einen Zusammenhang zwischen der Ablehnung des kapitalistischen Ausbeutungssystems und der eigenen Leistungskraft gebe, welcher sich gegenseitig ausschließt.

Was die Studie weiterhin vorhersagt ist das Auftreten einer neuen Massenbewegung, deren Vorläufer bereits ersichtlich seien in der Studentenbewegung (für eine kostenfreie und wirkliche Bildung), sowie der „Piratenpartei“, (welcher es um Freiheitsrechte geht). Diese Bewegung „wird noch stärker als die Ökologie-Bewegung in den Achtziger-Jahren“ behauptet einer der Meinungsforscher.

Das Besetzen ist nur ein erster Schritt der sozialen Revolution: Die Selbstverwaltung der Betriebe ist ein elementarer Baustein der freien Gesellschaft.

Ergebnisse aus der Bertelsmann-Stiftung und Artikel aus der Welt werden natürlich vorwiegend von der Oberschicht, den Kapitalisten und der Regierung gelesen. Und so ist klar wem diese Studie ein weiteres mal Gedanken auf den Weg geben soll. Dem Staat und den Kapitalisten. Diese bereiten sich seit Jahren auf soziale Unruhen vor. Nahezu unbemerkt wurde und wird die Polizei aufgerüstet, erhält weitere Befugnisse. Bundeswehr-Einheiten werden flächendeckend im Land verteilt, deren Aufgabe es ist, gegen streikende und aufständische Menschen vorzugehen. Telefon- und Internetüberwachung ist die Regel.  Der gläserne Mensch ist eigentlich schon perfekt. Zum 1. Januar kommt zusätzlich ELENA. Der elektronische Entgeltnachweis, der auch die Beteiligung an Streiks, Fehlzeiten usw. erfasst und damit ein deutliches Profil jedes Lohnabhängigen erstellt.

Damit diese, von den Forschern erwartete Massenbewegung, eine positive Kraft in unserem Sinne werden kann, müssen wir noch stärker dort hervortreten, wo wir uns befinden: In der Schule, am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis. Neben der Thematisierung der sozialen Realität muss es uns darum gehen die Perspektive einer freien und gerechten Gesellschaft zu vermitteln. Die klare Alternative einer freien Gesellschaft anstelle der bedrückenden Realität des kapitalistischen Alltags in unseren Diskussionen, Gesprächen und Veröffentlichungen durchscheinen lassen und mit den KollegInnen und Menschen zusammen an deren Erreichen arbeiten, sie einbeziehen, mit ihnen den revolutionären, anarchosyndikalistischen Radius vergrößern. Das heißt: Sich der ökonomischen Macht bewusst werden. Die Kraft des Generalstreiks ins Gespräch bringen. Die Vorzüge der gesellschaftlichen Selbstverwaltung herauszustellen und im Alltag Solidarität zu üben.

Klassenkampf  – Selbstorganisation – soziale Revolution!

Leistungskraft gegen Staat, Kapitalismus und Kapitalisten!

Gegenseitige Hilfe und Solidarität!

Hier nun der Artikel aus der Welt vom 27.12.2009

Neue Studie: Der dramatische Vertrauensverlust der Deutschen

Von Simone Meyer

Soziale Marktwirtschaft, Bildungssystem, repräsentative Demokratie – die Deutschen sind immer skeptischer, wenn es um die großen Institutionen der Gesellschaft geht. Eine neue Studie registriert einen dramatischen Vertrauensverlust bei vielen Menschen. Doch Forscher sehen eine Chance.

Nach dem Krisenjahr 2009 haben die Deutschen weniger Hoffnung als je seit dem Zweiten Weltkrieg. 70 Prozent der Befragten in einer neuen Studie, die der „Welt am Sonntag“ vorliegt, zählen weder auf die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft noch auf das Bildungssystem und das soziale Netz. Fast jeder Zweite stellt deswegen die repräsentative Demokratie infrage.

„Selbst die soziale Marktwirtschaft wird längst nicht mehr so positiv gesehen wie früher“, sagt der Meinungsforscher Peter Kruse, Leiter des Bremer Unternehmens nextpractice, das die Studie anhand von Tiefeninterviews für die Bertelsmann Stiftung erstellte. Fazit: Die Regierung kann derzeit tun, was sie will – bei den Menschen kommt kaum etwas an.

Weder das Bankenrettungspaket noch die Abwrackprämie seien in den Augen der Bürger geeignete Mittel gewesen, um die Krise zu bewältigen. „Auch das Steuersenkungspaket ist keine vertrauensbildende Maßnahme“, sagt Kruse. „Fast das Einzige, was die Menschen derzeit als wirksam bewerten, ist die Entlastung der Familien.“ Auch Investitionen in Bildung und regenerative Energien erfüllten in den Augen der Befragten noch ihren Zweck. „Hinter dem ganzen Frust wächst eine extreme Bereitschaft, sich zu beteiligen, aber nicht mehr auf den klassischen Wegen in den Parteien“, folgert Kruse. Die Menschen suchten nach neuen Formen des Mitmachens. „Partizipation ist das große Thema der nächsten Jahre“, sagt er voraus.

In der Untersuchung kristallisieren sich vier unterschiedliche Wertemuster heraus: Rund ein Viertel der Befragten, man kann sie als Systemkritiker bezeichnen, hat grundsätzlich das Vertrauen ins System verloren, weil das soziale Netz nicht mehr funktioniere. Weitere 24 Prozent, bodenständige Menschen, sind zwar ebenfalls enttäuscht und fordern mehr Planungssicherheit, glauben aber noch an die Demokratie.

Bei allen Problemen hat immerhin noch jeder Dritte die Hoffnung nicht aufgegeben und ist in erster Linie von seiner eigenen Leistungskraft überzeugt. Neben diesen Selbstbewussten erkennt man eine vierte Gruppe von Aktiven (20 Prozent), die bei aller Frustration gewillt sind, an der Gesamtlage etwas zu ändern. „Da formiert sich eine mächtige neue Kraft, die auf moderne Formen der Beteiligung setzt“, sagt Kruse. „Die wird noch stärker als die Ökologiebewegung der Achtzigerjahre.“

In Kombination mit neuen Kommunikationsmitteln organisiere sich dieser Prozess an Parteien und klassischen Medien vorbei. „Das werden Massenbewegungen innerhalb kürzester Zeit.“ Erste Formen seien bereits erkennbar, etwa die Piratenpartei oder die wochenlangen Demonstrationen von Studenten. Doch noch stehe die Politik solchen Phänomenen relativ hilflos gegenüber. „Die nächste Bundestagswahl wird richtig spannend“, sagt Kruse, „und sie wird nicht harmonisch.“

Dass sich das Vertrauen der Deutschen auf einem Tiefstand befindet, rührt kaum von der Wirtschaftskrise her. „Schon seit rund 40 Jahren geht es stetig bergab mit dem Vertrauen“, erklärt Projektmanager Jan Arpe, der die Studie für der Bertelsmann Stiftung betreut hat. „Das lag an den Begleiterscheinungen der Globalisierung.“

Mit den Sechziger- und Siebzigerjahren hätten die meisten Menschen Solidarität, das Schlagwort „Wohlstand durch Wachstum“, Kompetenz und Glaubwürdigkeit der Entscheidungsträger in Verbindung gebracht. „In den Neunzigerjahren gab es dann eine große Fixierung auf die Förderung von Leistungseliten – immer mehr, immer schneller, mehr Leistung.“ Sowohl Politik als auch Wirtschaft hätten sich dabei, so empfänden es viele der Befragten, zu einem vom Bürger entkoppelten System entwickelt.

„Heute sprechen die Menschen von Profitgier, Raubbau an Mensch und Umwelt, ungezügeltem Egoismus.“ In den kommenden Jahren aber, glaubt Arpe, werde die Resignation der Bürger wieder leicht zurückgehen. Laut Studie seien den Menschen die Familie und wertschätzende Formen der Zusammenarbeit zunehmend wichtig.

Der Seelenlage der Deutschen widmet sich in der Bertelsmann Stiftung seit Herbst 2008 die Arbeitsgruppe „Perspektive 2020“, die sich vor allem mit den mittel- und langfristigen Auswirkungen der Finanzkrise befasst. Für die aktuelle Studie zum Vertrauen wurde dabei eine Methode angewandt, die Kruse als „Frühwarnsystem“ bezeichnet.

Die Forscher haben 100 repräsentativ ausgewählte Bürger in tiefenpsychologischen Gesprächen zu bestimmten Schlagworten erzählen lassen. Zwar ist bei diesen Tiefeninterviews die Zahl der Befragten wegen der Aufwendigkeit des Verfahrens geringer, doch decken sich die Ergebnisse mit Resultaten anderer repräsentativer Umfragen, bei denen freilich nicht so gründliche Gespräche geführt wurden wie in der neuen Studie.

Link zum Artikel bei Welt-Online

3 Kommentare leave one →
  1. Pionier der Demokratie permalink
    28. Dezember 2009 04:05

  2. Scheibenwischerin permalink
    29. Dezember 2009 21:44

  3. Robert Griess: Piratenpartei entert Deutschland permalink
    20. Mai 2013 21:42

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