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Aufstand des Mittelstandes? Proletarische statt neobürgerlicher Revolution!

20. Dezember 2009

In einem kleinen Beitrag in der aktuellen Ausgabe DIE ZEIT 52/2009 vom 17. Dezember druckt das Feuillton auf Seite 56 Ansichten des amerikanischen Philosophen und Mathematikers Boris Groys (1947 in Berlin geboren) ab – „Vom Sozialstaat profitieren am meisten die Reichen. Der Mittelstand hingegen hat das Nachsehen und wird bald den Aufstand proben“ (Zeit):

Revolution der Tugend

»Und in der Tat: Der westliche Sozialstaat war, historisch gesehen, in erster Linie eine Maßnahme gegen den Aufstand der Massen, gegen die kommunistische Gafhr, gegen die drohende totale Enteignung der vermögenden Klassen. (…) Der Sozialstaat, wie jeder Staat überhaupt, dient nämlich weder der Gerechtigkeit noch der Gleichheit, sondern vielmehr der Sicherheit. (…) Allerdings hat das Ende des Weltkommunismus bei vielen das Gefühl erzeugt, dass die Sicherheitslage sich verbessert hat und die Investitionen in die Pazifizierung der Massen dementsprechend gesenkt werden können. (…) Gibt es für die vermögenden Klassen einen anderen Grund, den Sozialstaat zu pflegen, außer der etwas antiquierten Aufgabe, die kommunistische Revolution zu verhindern? Nun, ich würde sagen, dass es diesen Grund gibt, denn es ist der Sozialstaat, dem die heutigen vermögenden Klassen ihr Vermögen verdanken.«

Weil der intellektuelle Mittelstand aufgrund seiner relativ geringen Kaufkraft – gegenüber der Massenkaufkraft der „Unterschichten“ – durch das System der heutigen Wirtschaft benachteiligt ist, erwartet Boris Groys demnächst eine Revolution. Eine »Revolution der Tugend« durch die Mittelschicht, die »in dem von ihr selbst geschaffenen Sozialstaat keine kulturelle Heimat findet und finden kann«. – »Erst wenn die Mittelschicht zu dieser Einsicht gelangt, kann man wirklich einen neuen politischen Kampf erwarten – eine neue Revolution der Tugend, die in der Tradition der Französischen Revolution und der russischen Oktoberrevolution stehen wird.«

Und dann folgt seine Vision:

»Entweder kehrt man zurück zu einer neomittelalterlichen oder neofrühbürgerlichen Ökonomie, die nur die Aristokratie und die reiche Bourgeoisie als Konsumenten kennt und die übrige Bevölkerung ihrem eigenen Schicksal überlässt. Oder, was viel plausibler ist, man kehrt zu einer dirigistischen, neokommunistischen Ökonomie zurück, die den Konsum der Armen am Markt vorbei regelt. In diesem Fall bekommt die Mittelschicht – als Staatsapparat – volle gesellschaftliche Macht, Achtung und Anerkennung, indem sie die spätkapitalistischen Profiteure des Sozialstaates ausschalten undselbst zum Objekt der Massenliebe wird.«

Die Rückkehr der roten Direktoren in einem diktatorischen System also.

Die Analyse des russischstämmigen Groys ist interessant, allerdings frage ich mich, woher er und seine „gebildeten Mittelschichts-Revolutionäre“ die Chuzpe* hernehmen, das Rad der Geschichte erneut zurückdrehen zu wollen? Auch dürfte die Angst vor „dem Kommunismus“ weiterhin eine reale sein, denn nur weil die bolschewistische Variante des Staatskommunismus –bakuninseidank! – gescheitert ist, ist der freiheitliche Kommunismus, die Anarchie, noch längst nicht von der Tagesordnung verschwunden. Der Misthaufen der Geschichte stinkt noch immer gewaltig zum Himmel und seine Widergänger sind längst nicht verschwunden. Aber kampflos werden sich „die Massen“ nicht ihre erkämpfte und erarbeitete Massenkaufkraft wieder entreißen lassen – für eine warme Suppe und ein Dach überm Kopf in einer sterilen Arbeiterunterkunft. Eine Armen-Rundumversorgung ‚von der Wiege bis zur Bahre’ wollte noch kein anständiger Sozialist. Und mit den Reichen werden wir auch alleine fertig, wenn wir uns um unsere eigenen Dinge kümmern anstatt uns von Politkadern vollquatschen zu lassen.

Folkert (ASK Hamburg)

(*) Chuzpe, aus dem jiddischen [chùtzpe] für „Frechheit, Dreistigkeit, Unverschämtheit“, ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit. Hier spricht man insbesondere von Chuzpe, wenn jemand in einer eigentlich verlorenen Situation mit Dreistigkeit noch etwas für sich herauszuschlagen
One Comment leave one →
  1. 20. Dezember 2009 21:47

    Seit heute gibt’s auch einen direkten Link zum Selberlesen, ich hatte abgetippt:

    http://www.zeit.de/2009/52/Armutsdebatte

    • Boris Groys, geboren 1947, ist Philosoph und Mathematiker. Er lehrt an der University of New York. Seine »Einführung in die Anti-Philosophie« ist jüngst im Hanser Verlag erschienen.

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