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Camillo Berneri – Der Arbeiterkult (1934)

24. November 2009

Camillo Berneri (Geb. 28. Mai 1897): Herausgeber der italienischsprachigen anarchosyndikalistischen Zeitung „Guerra de Classe“ (Klassenkampf).Von Anhängern der Kommunistischen Partei am 6. Mai 1937 in Barcelona ermordet. Für die CNT und FAI betrieb er dort eine Radiostation.

Bei der Lek­tü­re des Bu­ches von Carlo Ros­sel­li (1), So­cia­lis­me libéral (Paris 1934) mach­te ich mir fol­gen­de Rand­no­ti­zen (ich über­set­ze): „Die pes­si­mis­ti­sche Be­ur­tei­lung des Men­schen, da die Masse nichts an­de­res ist als eine Summe kon­kre­ter In­di­vi­du­en. So­bald man die Masse für un­fä­hig hält, den Wert eines Kamp­fes um die Frei­heit, wenn auch nur in gro­ben und pri­mi­ti­ven Um­ris­sen, zu er­fas­sen, be­haup­tet man damit zu­gleich, daß der Mensch jeder Re­gung, die nicht streng uti­li­tä­rer Natur ist, ver­schlos­sen bleibt. Jed­we­dem Traum einer so­zia­len Er­lö­sung wird da­durch mit einem Schlag seine Grund­la­ge ent­zo­gen. Der Glau­be an de­mo­kra­ti­sche In­stink­te, der auf der An­nah­me einer We­sens­über­ein­stim­mung der Men­schen un­ter­ein­an­der und auf einem ver­nunft­ge­mä­ßen Op­ti­mis­mus be­züg­lich der mensch­li­chen Natur be­ruht, wird so ohne wei­te­res er­stickt.“ Ich habe nie­mals, ohne da­ge­gen Ein­spruch zu er­he­ben, die Nietz­sche ab­ge­kup­fer­te Hal­tung ei­ni­ger In­di­vi­dua­lis­ten to­le­riert, deren Be­stim­mung es schließ­lich ge­we­sen ist, als Se­kre­tä­re der Ar­beits­kam­mer oder auf einem noch schlim­me­ren Pos­ten zu enden, ge­nau­so­we­nig habe ich einem „fort­schritt­li­chen und be­wuß­ten“ Pro­le­ta­ri­at die Schu­he ge­putzt, nicht ein­mal auf einer Pro­pa­gan­da­ver­an­stal­tung. Der ein­schmeich­le­ri­schen Rede bol­sche­wis­ti­scher Bon­zen konn­te ich noch nie etwas ab­ge­win­nen.

In einem Ar­ti­kel der Azio­ne an­ti­fa­scis­ta vom Juni 1933 lese ich – und ich führe hier unter tau­send mög­li­chen Bei­spie­len nur ein ein­zi­ges an –, dass Gram­sci von pro­le­ta­ri­schem Geist be­seelt ist. Wo habe ich die­sen Aus­druck schon ein­mal ge­hört? Ich muß in mei­nem Ge­dächt­nis kra­men. Ja, genau. Das war in Le Pecq, wo mich ein­mal im Habit und im Schwei­ße eines Mau­rer­ge­hil­fen ein „Ver­ant­wort­li­cher“ der Kom­mu­nis­ten über­rascht hat. „Jetzt kannst du mal am ei­ge­nen Leib den pro­le­ta­ri­schen Geist ver­spü­ren, Ber­ne­ri!“ re­de­te mich die­ser an. Zwi­schen einem Sieb Sand und zwei Ei­mern fet­tem Mör­tel dach­te ich über den pro­le­ta­ri­schen Geist nach. Und wie so oft bei der Klä­rung eines Pro­blems stie­gen mir die im Ge­dächt­nis mei­nes Her­zens ver­gra­be­nen Er­in­ne­run­gen auf. Die ers­ten Be­geg­nun­gen mit dem Pro­le­ta­ri­at: dort such­te ich nach dem Roh­ma­te­ri­al für eine De­fi­ni­ti­on. Den pro­le­ta­ri­schen Geist fand ich hier aber nicht vor. Ich fand statt des­sen meine frü­he­ren Ge­nos­sen wie­der: die Jung­so­zia­lis­ten von Reg­gio Emi­lia und Um­ge­bung. Dar­un­ter waren groß­her­zi­ge, of­fe­ne und wil­lens­star­ke Geis­ter. Da­nach lern­te ich die An­ar­chis­ten ken­nen. Tor­qua­to Gobbi war mir ein Leh­rer, an den dunst­ver­han­ge­nen Aben­den ent­lang der via Emi­lia unter den Gän­gen, die von mei­nen Be­mü­hun­gen wi­der­hall­ten, sei­ner be­son­ne­nen Dia­lek­tik stand­zu­hal­ten. Er war Buch­bin­der und ich war Pen­nä­ler, noch ein Mut­ter­söhn­chen und folg­lich, was diese große und wahre Uni­ver­si­tät an­be­langt, die das Leben ist, noch völ­lig un­be­leckt. Und wie­vie­le Ar­bei­ter sind mir nicht nach­her noch im All­tag be­geg­net? Fand ich auch in manch einem den Fun­ken, der dann in mei­nem Den­ken zün­de­te oder ich moch­te an ihm eine Wahl­ver­wandt­schaft ent­de­cken – manch an­de­ren öff­ne­te ich mich sogar in brü­der­li­cher Ver­traut­heit – so lie­ßen mich doch auch viele kalt. Wie­vie­le är­ger­ten mich nicht mit ihrem hoh­len Dün­kel, wie­vie­le wi­der­ten mich nicht mit ihrem Zy­nis­mus an! Das Pro­le­ta­ri­at waren für mich „die Leute“: das Klein­bür­ger­tum, in dem ich auf­ge­wach­sen bin und die Masse der Stu­den­ten, unter denen ich lebte, kurz, die Menge. Meine Freun­de sowie meine Ge­nos­sen unter den Ar­bei­tern, die in­tel­li­gen­tes­ten und spon­tans­ten unter ihnen, spra­chen mir nie von einem „pro­le­ta­ri­schen Geist“. Ge­ra­de von ihnen er­fuhr ich, wie lang­wie­rig der Fort­schritt in der so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da und Or­ga­ni­sie­rung von­stat­ten ging. Als ich dann selbst in die Pro­pa­gan­da und in die Or­ga­ni­sa­ti­on ein­trat, sah ich das Pro­le­ta­ri­at, das ich in sei­ner Ge­samt­heit für eine un­ge­heu­re Kraft hielt, die sich ihrer selbst nicht be­wußt ist – und dafür halte ich es auch heute noch –; eine Kraft, die un­klu­ger­wei­se nur auf ihren ei­ge­nen Vor­teil be­dacht ist, die sich nur sehr schwer für idea­le Mo­ti­ve und mit­tel­ba­re Ziele schlägt und die vol­ler end­lo­ser Vor­ur­tei­le, gro­ber Un­wis­sen­heit und kind­li­cher Il­lu­sio­nen steckt. Als Auf­ga­be kommt es m.E. den élites ein­deu­tig zu, daß sie den Mas­sen ein Bei­spiel sind an Wa­ge­mut, Op­fer­geist und Aus­dau­er; daß sie die Mas­sen an ihren ei­ge­nen Wert er­in­nern, an die po­li­ti­sche Un­ter­drü­ckung, an die wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung, aber auch an die mo­ra­li­sche und in­tel­lek­tu­el­le Min­der­wer­tig­keit der Mehr­hei­ten.

Ich er­ach­te es wirk­lich als ein Zeug­nis für schlech­ten Ge­schmack und halte es oben­drein für schäd­lich, Bour­geoi­sie und Pro­le­ta­ri­at in der dem­ago­gi­schen Grob­schläch­tig­keit von Hin­ter­trep­pen­ka­ri­ka­tu­ren aus dem Re­per­toire des Avan­ti! oder ir­gend­wel­cher „Ver­an­stal­tungs­red­ner“ dar­zu­stel­len zu wol­len. Es ist lei­der immer noch eine fürch­ter­lich plum­pe so­zia­lis­ti­sche Rhe­to­rik in Ge­brauch, und die Kom­mu­nis­ten haben mehr als jede an­de­re Avant­gar­de­par­tei ihren An­teil daran, daß sie auch wei­ter­hin Be­stand haben wird. Noch nicht zu­frie­den mit dem „pro­le­ta­ri­schen Geist“, haben sie noch zu­sätz­lich die „pro­le­ta­ri­sche Kul­tur“ ins Spiel ge­bracht. Als Lun­ats­char­ski starb, ging in ge­wis­sen kom­mu­nis­ti­schen Zei­tun­gen die Rede, er hätte die „pro­le­ta­ri­sche Kul­tur“ ver­kör­pert. Wie ein ge­bil­de­ter und ziem­lich eit­ler Schrift­stel­ler bür­ger­li­cher Her­kunft (und Bil­dung ist be­kannt­lich der Ka­pi­ta­lis­mus der Kul­tur) wie Lun­ats­char­ski die pro­le­ta­ri­sche Kul­tur re­prä­sen­tie­ren kann, ist ein Ge­heim­nis, das dem der „mar­xis­ti­schen Gy­nä­ko­lo­gie“ gleich­kommt, jenem Be­griff, an dem sogar Sta­lin An­stoß ge­nom­men hat. Le Réveil aus Genf, sich gegen den Miß­brauch ver­wah­rend, der mit dem Aus­druck „pro­le­ta­ri­sche Kul­tur“ be­trie­ben wird, mach­te fol­gen­de Be­ob­ach­tung: „Der Pro­le­ta­ri­er ist, per de­fi­ni­tio­nem und sehr oft auch in Wahr­heit, ein un­wis­sen­der Mensch, des­sen Kul­tur not­ge­drun­gen sehr be­schränkt ist. Die Ver­gan­gen­heit hat uns auf allen Ge­bie­ten un­schätz­ba­re Werte ver­macht, die nicht die­ser oder jener Klas­se zu­ge­schrie­ben wer­den kön­nen. Der Pro­let for­dert zu­nächst eine grö­ße­re Be­tei­li­gung an der Kul­tur als einem Teil jener Reich­tü­mer, die er nicht län­ger ent­beh­ren will. Die bür­ger­li­chen Ge­lehr­ten, Schrift­stel­ler und Künst­ler haben uns Werke von eman­zi­pa­to­ri­schem Ge­halt über­lie­fert; die an­geb­lich pro­le­ta­ri­schen In­tel­lek­tu­el­len ti­schen uns da­ge­gen zu­meist un­ver­dau­li­che Ge­rich­te auf“.

Eine pro­le­ta­ri­sche Kul­tur be­steht durch­aus, doch sie be­schränkt sich auf Fach­kennt­nis­se und auf ober­fläch­li­ches, aus den Bruch­stü­cken un­sys­te­ma­ti­scher Lek­tü­re zu­sam­men­ge­schus­ter­tes le­xi­ka­li­sches Wis­sen. Ein ty­pi­sches Merk­mal pro­le­ta­ri­scher Kul­tur ist ihr Rück­stand ge­gen­über dem Fort­schritt der Wis­sen­schaft und der Kunst. Unter den „Au­to­di­dak­ten“ las­sen sich sehr wohl fa­na­ti­sche An­hän­ger von Ha­eckels Mo­nis­mus, Büch­ners Ma­te­ria­lis­mus und sogar des klas­si­schen Spi­ri­tua­lis­mus (Ber­ke­ley, Leib­niz d. Ü.) fin­den, doch kaum ein wirk­lich ge­bil­de­ter Mensch. Jede nur denk­ba­re Theo­rie be­ginnt so­gleich po­pu­lär zu wer­den und in der pro­le­ta­ri­schen Kul­tur An­klang zu fin­den, so­bald sie nur ver­schwen­de­risch genug aus­ge­stat­tet ist. Wie die volks­tüm­li­che Ro­man­ze vol­ler Fürs­ten, Mar­che­si und Sa­lon­emp­fän­ge zu sein hat, so ist auch ein Buch dann am ge­frag­tes­ten und es wird ge­ra­de dann von den Au­to­di­dak­ten ver­schlun­gen, je ver­wor­re­ner und un­aus­ge­go­re­ner es ist. Viele von ihnen haben nie­mals die Er­obe­rung des Bro­tes oder den Dia­log Unter Bau­ern ge­le­sen, dafür aber Die Welt als Wille und Vor­stel­lung und Die Kri­tik der rei­nen Ver­nunft. Ein ge­bil­de­ter Mensch, der sich bei­spiels­wei­se mit Na­tur­wis­sen­schaf­ten be­faßt und über kei­ner­lei Kennt­nis­se der Hö­he­ren Ma­the­ma­tik ver­fügt, wird sich davor hüten, Ein­stein zu be­ur­tei­len. Ein Au­to­di­dakt ist da­ge­gen beim Fäl­len von Ur­tei­len sehr wa­ge­mu­tig. Er wird von Tizio sagen, daß der nur ein „ge­rin­ger Phi­lo­soph“, von Cairo, daß der ein „gro­ßer Ge­lehr­ter“ ge­we­sen und von Sem­pro­nio, daß der die Um­keh­rung der Pra­xis ge­nau­so­we­nig be­grif­fen habe wie die No­u­me­na und die Hy­postase. Ge­wöhn­lich be­dient sich näm­lich der Au­to­di­dakt mit Vor­lie­be einer kom­pli­zier­ten Re­de­wei­se.

Eine Zeit­schrift zu grün­den, ge­schwei­ge denn ein wö­chent­lich er­schei­nen­des Blatt, davor schreckt der Halb­ge­bil­de­te kei­nes­wegs zu­rück. Er wird darin über die Skla­ve­rei in Ägyp­ten schrei­ben, über So­lar­ma­schi­nen, den „Athe­is­mus“ des Gior­da­no Bruno, die „Be­wei­se“ für die Nicht­exis­tenz Got­tes oder He­gels Dia­lek­tik, aber er wird darin kein Ster­bens­wort über seine Fa­brik, sein Leben als Ar­bei­ter oder über seine Be­rufs­er­fah­run­gen ver­lau­ten las­sen.

So­bald er sich eine wahre Bil­dung ver­schafft hat, so­fern er also über Be­ga­bung und Wil­len ver­fügt, hört der Au­to­di­dakt für ge­wöhn­lich auf, einer zu sein. Aber dann ist seine Kul­tur auch nicht mehr die eines Ar­bei­ters. Ein ge­bil­de­ter Ar­bei­ter, wie Ru­dolf Ro­cker, ist einem Schwar­zen ver­gleich­bar, der als Kind nach Eu­ro­pa ge­bracht wor­den und in einer ge­bil­de­ten Fa­mi­lie oder in einem In­ter­nat auf­ge­wach­sen ist. In so einem Fall zäh­len weder Her­kunft noch Haut­far­be. In Ro­cker würde nie­mand den ehe­ma­li­gen Satt­ler ver­mu­ten, wäh­rend ein Grave, als Vul­ga­ri­sie­rer Kro­pot­kins, immer an den eins­ti­gen Schus­ter den­ken läßt. Die so­ge­nann­te „Ar­bei­ter­kul­tur“ ist, um es kurz zu ma­chen, eine pa­ra­si­tä­re Sym­bio­se zur ech­ten Kul­tur, die noch bür­ger­lich oder klein­bür­ger­lich ge­prägt ist. Eher geht aus dem Pro­le­ta­ri­at ein Titta Ruffo oder ein Mus­so­li­ni her­vor als ein Ge­lehr­ter oder ein Phi­lo­soph. Und das nicht, weil Be­ga­bung das Mo­no­pol einer Klas­se ist, son­dern weil neun­und­neun­zig Pro­zent der Pro­le­ta­ri­er ab der Grund­schu­le an durch ein Leben in Ar­beit und Ab­stump­fung sys­te­ma­tisch der Zu­gang zur Kul­tur ver­wei­gert wird. Am meis­ten be­rech­tigt im For­de­rungs­ka­non der So­zia­lis­ten sind daher Un­ter­richt und Bil­dung für alle. Und die kom­mu­nis­ti­sche Ge­sell­schaft wird künf­tig für ur­wüch­si­ge élites sor­gen, doch heute ist es nur gro­tesk etwa von einer „pro­le­ta­ri­schen Kul­tur“ des Phi­lo­lo­gen Gram­sci zu spre­chen oder vom „pro­le­ta­ri­schen Geist“ des Bour­geois Ter­ra­ci­ni. Die so­zia­lis­ti­sche Lehre ist eine Schöp­fung bür­ger­li­cher In­tel­lek­tu­el­ler. Wie De Man in Au de là du mar­xis­me fest­ge­stellt hat, ist sie „we­ni­ger eine pro­le­ta­ri­sche Dok­trin als eine Dok­trin für das Pro­le­ta­ri­at“. Die haupt­säch­li­chen Agi­ta­to­ren und Theo­re­ti­ker des An­ar­chis­mus kamen wie God­win, Baku­nin, Kro­pot­kin, Ca­fie­ro, Mella, Faure, Co­vel­li, Ma­la­tes­ta, Fabbri, Gal­lea­ni, Gori und Volta­iri­ne de Cley­re aus dem aris­to­kra­ti­schen und bür­ger­li­chen Mi­lieu, um ins Volk zu gehen. Von allen an­ar­chis­ti­schen Schrift­stel­lern ist Proud­hon, der pro­le­ta­ri­scher Her­kunft ist, am meis­ten von klein­bür­ger­li­chen Denk­wei­sen und Res­sen­ti­ments be­ein­flußt ge­we­sen. Und ge­ra­de der Schuh­ma­cher Grave ist dem bür­ger­lichs­ten de­mo­kra­ti­schen Chau­vi­nis­mus ver­fal­len. Wäh­rend wie­der­um aus der Ar­bei­ter­schaft stam­men­de Or­ga­ni­sa­to­ren wie Rosso­ni und Me­le­dan­dri dem Syn­di­ka­lis­mus un­be­strit­ten die im Ver­hält­nis grö­ße­re An­zahl An­hän­ger ver­schafft haben.

Die rus­si­schen Volks­tüm­ler und die Lehre von Sorel sind zwei Aus­prä­gun­gen eines ro­man­tisch ver­klär­ten Ar­bei­ter­kults, der in der bol­sche­wis­ti­schen Dem­ago­gie seine for­mel­le Fort­set­zung ge­fun­den hat. Im Ver­gleich zu den meis­ten Schrift­stel­lern hat Gorki noch die längs­te Zeit sehr in­ten­siv im Pro­le­ta­ri­at ge­lebt, und er schreibt: „Immer dann, wenn sie (die Pro­pa­gan­dis­ten) vom Volk spra­chen, merk­te ich so­fort, daß sie es mit ganz an­de­ren Augen be­trach­te­ten als ich dies tat. Das über­rasch­te mich und ließ mich an mir selbst zwei­feln. Das Volk ver­kör­per­te für diese Leute Weis­heit, Schön­geis­tig­keit und Warm­her­zig­keit. Es war für sie ein ein­zig­ar­ti­ges, ge­ra­de­zu gött­li­ches Wesen, das im Be­sitz von na­he­zu allem stand, das wahr, gut und schön ist. Das war wahr­lich nicht das Volk wie ich es kann­te.“

Ar­turo La­brio­la, aus des­sen Schrift Al di là del ca­pi­ta­lis­mo e del so­cia­lis­mo ( Paris 1931 ) ich obi­ges Zitat ent­nom­men habe, knüpft daran die fol­gen­den Er­in­ne­run­gen: „Ich kann dem wohl meine ei­ge­nen Er­fah­run­gen hin­zu­fü­gen, bin ich doch in eine Schicht von Kunst­hand­wer­kern hin­ein­ge­bo­ren, die in un­mit­tel­ba­rem Kon­takt mit den ma­te­ri­ell ar­bei­ten­den Klas­sen stan­den und auch selbst dem Pro­le­ta­ri­at an­ge­hör­ten. Die Ar­bei­ter, die ich seit mei­nen ers­ten Le­bens­jah­ren ken­nen­ge­lernt habe, waren alle ins­ge­samt be­dau­erns­wer­te, naive und leicht­gläu­bi­ge Men­schen, die zum Aber­glau­ben nei­gen, dem ma­te­ri­el­len Leben zu­ge­neigt sind, mit ihren Kin­dern lie­be­voll und nach­läs­sig zu­gleich um­ge­hen und die oben­drein un­fä­hig sind, in ihrem Ar­beits­le­ben nur einen ein­zi­gen Ge­dan­ken zu fas­sen, der viel­leicht ihrer ei­ge­nen Klas­sen­la­ge ge­wid­met sein mag. Die­je­ni­gen unter ihnen, die sich vom Aber­glau­ben und den Vor­ur­tei­len ihrer Schicht frei­ge­macht haben und zum So­zia­lis­mus ge­langt sind, sehen in ihm nichts an­de­res als den ma­te­ri­el­len As­pekt einer Be­we­gung, deren Auf­ga­be darin be­steht, ihr Schick­sal zu ver­bes­sern. Und sie er­war­ten diese Ver­bes­se­rung selbst­ver­ständ­lich von ihren Füh­rern, die ohne ei­ge­nes Da­zu­tun, je nach dem Au­gen­blick oder der Ge­le­gen­heit, wahl­los zu Ido­len oder zu Ver­rä­tern an der Sache ge­macht wer­den. Frag­los würde der So­zia­lis­mus ihre Lage in jeder Hin­sicht ver­bes­sern, und ich bin ver­sucht zu sagen, daß bei mir der erste An­trieb, die­ser Be­we­gung bei­zu­tre­ten, aus einer Re­gung des Mit­leids an­ge­sichts des Elends der Arm­se­li­gen her­vor­ge­gan­gen ist sowie aus der Er­kennt­nis des Nut­zens, den sie für sich selbst aus der Be­we­gung zogen“.

Ma­la­tes­ta sah das Pro­le­ta­ri­at selbst nicht durch die rosa ge­färb­ten Bril­len­glä­ser eines Kro­pot­kin, und Luigi Fabbri schrieb in einem sich auf die auf­stän­di­sche Nach­kriegs­epo­che be­zie­hen­den Ar­ti­kel: “ Unter den armen, ein­fa­chen Leu­ten, unter den Ar­bei­tern, glau­ben viele allen Erns­tes, daß eines Tages der Zeit­punkt ge­kom­men sein wird, an dem sie sel­ber nicht mehr und an ihrer Stel­le nur noch die Her­ren ar­bei­ten wer­den“. Wer immer die Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung zu­rück­ver­folgt, wird darin eine durch­aus er­klär­ba­re, aber im­mer­hin so große mo­ra­li­sche Un­rei­fe be­mer­ken, daß sie gleich alle schwär­me­risch ver­an­lag­ten, von den Mas­sen Be­geis­ter­ten aufs deut­lichs­te Lügen straft.

Das Spiel­chen, die avant­gar­dis­ti­schen Zir­kel und Ar­bei­tereli­ten „Pro­le­ta­ri­at“ zu tau­fen, taugt ge­ra­de für ein Büh­nen­stück. Die dem­ago­gi­schen Al­le­go­ri­en schmei­cheln zwar der Menge, ver­de­cken aber die grund­le­gends­ten Tat­sa­chen für eine wirk­li­che Eman­zi­pa­ti­on. Eine „Ar­bei­ter­kul­tur“, eine „pro­le­ta­tri­sche Ge­sell­schaft“, eine „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“, das sind wahr­lich Aus­drü­cke, die ver­schwin­den soll­ten. Es gibt kein „Ar­bei­ter­be­wußt­sein“ als psy­chi­schen We­sens­zug, der für eine ganze Klas­se ty­pisch sein soll. Es gibt kei­nen ra­di­ka­len Ge­gen­satz zwi­schen einem „Ar­bei­ter –“ und einem „Bür­ger­be­wußt­sein“. Die Grie­chen haben nicht, wie Renan be­haup­tet hat, für den Ruhm ge­kämpft. Und ge­nau­so­we­nig schlägt sich das Pro­le­ta­ri­at, wie Sorel in sei­nen Réfle­xi­ons sur la vio­lence nicht müde wird, zu be­to­nen, für die Emp­fin­dung des Er­ha­be­nen.

Der idea­le Ar­bei­ter des Mar­xis­mus oder So­zia­lis­mus ist eine my­thi­sche Figur. Er ent­stammt Me­ta­phy­sik des so­zia­lis­ti­schen Ro­man­ti­zis­mus und ist ge­schicht­lich nicht be­legt. In Aus­tra­li­en und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind es ge­ra­de die Ar­bei­ter­uni­ons, die eine re­strik­ti­ve Ein­wan­de­rungs­po­li­tik ver­lan­gen. Zur Eman­zi­pa­ti­on der Schwar­zen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat das ame­ri­ka­ni­sche Pro­le­ta­ri­at kaum etwas bei­ge­tra­gen (S. Mary R. Béard, A short his­to­ry of the ame­ri­can la­bour mo­ve­ment, New York, 1928), und die far­bi­gen Ar­bei­ter haben auch heute noch zu den meis­ten ame­ri­ka­ni­schen Ge­werk­schaf­ten kei­nen Zu­tritt… Die Boy­kott­be­we­gun­gen (gegen die fa­schis­ti­schen Dik­ta­tu­ren, gegen die Schre­cken der Ko­lo­ni­al­herr­schaft) sind rar und haben kei­nen Er­folg. Und noch sel­te­ner sind Streiks aus Klas­sen­so­li­da­ri­tät oder zur Ver­fol­gung po­li­ti­scher Ziele.

Durch solch uti­li­ta­ris­ti­sches Wesen, durch sol­che Be­schränkt­heit und all­ge­mei­ne Ta­ten­lo­sig­keit zeich­net sich be­son­ders das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at aus.

Sooft ich das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at als die re­vo­lu­tio­nä­re und kom­mu­nis­ti­sche Elite prei­sen höre oder davon lese, ruft mir das per­sön­li­che Er­fah­run­gen und psy­cho­lo­gi­sche Be­ob­ach­tun­gen, die ich in mei­nem Leben ge­macht habe, in Er­in­ne­rung. Ich bin zu dem Schluß ge­kom­men, in den Ver­fech­tern die­ses My­thos oder die­ser Schwär­me­rei „Pro­vinz­ler“ zu sehen, die eben erst in einem gro­ßen In­dus­trie­zen­trum ver­städ­tert wor­den sind. In den meis­ten an­de­ren Fäl­len han­delt es sich wohl mehr um eine Art pro­fes­sio­nel­le Be­geis­te­rung. Sooft ich Or­di­ne Nuovo las, vor allem an­fangs, als die Zeit­schrift re­gel­mä­ßig er­schien, konn­te ich mich der Be­ein­flus­sung durch die darin stän­dig wie­der­hol­te Ver­herr­li­chung der gro­ßen In­dus­trie als Bild­ne­rin der Klas­sen­ho­mo­ge­ni­tät, der kom­mu­nis­ti­schen Reife der Fa­brik­ar­bei­ter usf. nur durch Er­wä­gun­gen psy­cho­lo­gi­scher Art ent­zie­hen.

Ich stell­te mir etwa Gram­sci vor, den es ge­ra­de aus sei­nem hei­mat­li­chen Sar­di­ni­en nach Turin ver­schla­gen hat und der vom be­trieb­sa­men Rä­der­werk die­ser Me­tro­po­le völ­lig ein­ge­nom­men ist. Die gro­ßen Kund­ge­bun­gen, die Kon­zen­tra­ti­on an Fach­ar­bei­tern, das fie­ber­haf­te Aus­maß des Ge­werk­schafts­le­bens muß­ten ihn – so sagte ich mir – in Bann ge­schla­gen haben. Das rus­si­sche bol­sche­wis­ti­sche Schrift­tum scheint mir ein Grad­mes­ser für den­sel­ben psy­chi­schen Pro­zeß zu sein. In einem Land wie Ruß­land, in dem die länd­li­chen Mas­sen enorm rück­stän­dig waren, muß­ten Mos­kau, Pe­ters­burg und die an­de­ren In­dus­trie­zen­tren wie Oasen der kom­mu­nis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on an­mu­ten. Die Bol­sche­wis­ten muß­ten so, vom mar­xis­ti­schen In­dus­tria­lis­mus ver­lei­tet, zwangs­läu­fig von der Fa­brik fas­zi­niert sein, ge­ra­de­so wie die rus­si­schen Re­vo­lu­tio­nä­re zu Bakun­ins Zeit, von der west­li­chen Kul­tur hin­ge­ris­sen, in Schwär­me­rei ver­fie­len. Das Auf­tre­ten der In­dustrie­mys­tik in den Rei­hen von Or­di­ne Nuovo kam mir des­halb wie eine Re­ak­ti­on vor, die sich durch­aus mit dem Phä­no­men des Fu­tu­ris­mus ver­glei­chen läßt. Ein wei­te­rer As­pekt, der mir ei­ni­ges zu er­klä­ren schien, er­gibt sich aus der na­tür­li­chen Nei­gung, mit der alle Tech­ni­ker in der In­dus­trie aus­ge­stat­tet sind – und die ihre Ent­spre­chung in allen Be­rei­chen der Spe­zia­li­sie­rung fin­det –, näm­lich im Be­ste­hen einer „In­dus­trie“ das Alpha und das Omega des mensch­li­chen Fort­schritts zu sehen. Daß ge­ra­de die In­ge­nieu­re unter den lei­ten­den Ele­men­ten der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei so zahl­reich ver­tre­ten waren, schien mir ge­ra­de in die­ser Hin­sicht sehr be­zeich­nend zu sein.

Ty­pisch dafür ist etwa der Fall eines A. Chi­odi­ni, der in der Fe­bru­ar­num­mer der Pro­ble­mi della ri­vo­lu­zio­ne ita­li­a­na von 1933, die länd­li­che und süd­ita­lie­ni­sche Aus­rich­tung des Pro­gramms von „Gius­ti­zia e Li­bertà“ kri­ti­sie­rend, ver­kün­det: „Das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at ist in der Ge­sell­schaft die ein­zig ob­jek­tiv re­vo­lu­tio­nä­re Kraft. Denn nur das Pro­le­ta­ri­at ist dazu im­stan­de und ver­fügt auch über die Mög­lich­kei­ten, sich von jeder ge­schlos­se­nen Be­rufs­grup­pen­men­ta­li­tät zu be­frei­en und sich in Würde zu einer Klas­se zu er­he­ben, also zu einer kol­lek­ti­ven Kraft, die sich be­wußt ist, daß sie eine his­to­ri­sche Auf­ga­be zu er­fül­len hat. Die ita­lie­ni­sche Re­vo­lu­ti­on kann, wie alle an­de­ren auch, al­lein das Werk ho­mo­ge­ner Kräf­te sein, die fähig sind, sich für groß­zü­gi­ge Idea­le ein­zu­set­zen. Heute ist die ein­zi­ge ho­mo­ge­ne Kraft, die sich für das Ideal kon­kre­ter Frei­heit schla­gen kann und die in die­sem Kampf zu einer lang­wie­ri­gen Ak­ti­on von un­be­stimm­ter Dauer ge­rüs­tet ist, die Kraft der Ar­bei­ter­schaft. Sie kann heute, nach so vie­len Pro­ben und Tra­gö­di­en, ihre An­wart­schaft als füh­ren­de re­vo­lu­tio­nä­re Klas­se gel­tend ma­chen“.

Daß nun das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at nach kom­mu­nis­ti­schem Ver­ständ­nis eine der haupt­säch­lichs­ten re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­te ist, ist so of­fen­sicht­lich, daß hier nicht wei­ter dar­über dis­ku­tiert wer­den braucht. Ent­spre­chend klar ist aber auch, daß die Ho­mo­ge­ni­tät die­ses Pro­le­ta­ri­ats mehr in der Natur der Sache selbst als in einem ent­spre­chen­den Geist be­grün­det ist. Das heißt, sie ver­dankt sich mehr dem Um­stand der Zu­sam­men­bal­lung ein­zel­ner, die in ihrer über­wie­gen­den Zahl lohn­ab­hän­gig sind und deren Un­ter­schie­de wohl ak­tu­ell wie in ab­seh­ba­rer Zeit nicht ins Ge­wicht fal­len. Dazu kommt, daß diese ein­zel­nen zu­sam­men in Be­zie­hung zu einem sei­ner Natur nach un­teil­ba­ren Be­sitz­ver­hält­nis ste­hen (das daher not­wen­di­ger­wei­se das Ka­pi­tal einer un­ab­ding­bar as­so­zi­ier­ten Ar­beit wer­den muß). Ihre Ho­mo­ge­ni­tät ver­dankt sich daher we­ni­ger einem Klas­sen­be­wußt­sein, also dem Be­wußt­sein einer kol­lek­ti­ven Kraft, die dazu aus­er­se­hen wäre, eine in ihren Aus­ma­ßen über­wäl­ti­gen­de his­to­ri­sche Auf­ga­be zu er­fül­len.

Der Par­ti­ku­la­ris­mus unter den Ar­bei­tern der In­dus­trie tritt zu offen zu­ta­ge, als daß man sich wie so man­cher Mar­xist oder so man­cher in Marx­schen Ka­te­go­ri­en Be­fan­ge­ne zu ober­fläch­li­chen und ver­all­ge­mei­nern­den Über­schweng­lich­kei­ten hin­rei­ßen ließe. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat der kor­po­ra­ti­ve Ego­is­mus zu einer rich­tig­ge­hend xen­o­pho­ben Po­li­tik ge­führt, und als hart­nä­ckigs­te Ver­fech­ter eines von der Re­gie­rung ab­ver­lang­ten Ein­wan­de­rungs­stops für Ar­bei­ter haben sich die aus­ge­präg­ten in­dus­tri­el­len Ver­ei­ni­gun­gen er­wie­sen. Das glei­che gilt für Neu­see­land. Doch be­schrän­ken wir uns auf Ita­li­en. Dort sind die In­dus­trie­ar­bei­ter schon immer für den in­dus­tri­el­len Pro­tek­tio­nis­mus ein­ge­tre­ten. Das Buch von G. Sal­vemi­ni Ten­den­ze ve­c­chie e ne­ces­sità nuove del mo­v­i­men­to ope­raio ita­lia­no (Bo­lo­gna 1922) ist dafür vol­ler Bei­spie­le. Ich wähle davon ei­ni­ge m.E. be­son­ders ein­schlä­gi­ge aus.

1914 wur­den die da­mals 4.​500 Köpfe zäh­len­den Ar­bei­ter in der Zu­cker­in­dus­trie, einer sehr klei­nen Bran­che, von den Re­form­so­zia­lis­ten pro­te­giert, indem sie von der Re­gie­rung eine Ein­fuhr­be­steue­rung des Zu­ckers for­der­ten, ohne sich in der Folge groß um den durch die Ver­teue­rung des Roh­stoffs ver­ur­sach­ten Scha­den für die In­dus­trie zu sche­ren. Ge­ra­de diese For­de­rung ge­riet aber zum Nach­teil aller ita­lie­ni­schen Ver­brau­cher, die da­durch ge­zwun­gen waren, nicht al­lein für den Zu­cker einen Höchst­preis zu be­zah­len, son­dern oben­drein auch für alles Zu­cker­werk und Mar­me­la­den. Nicht genug, es wurde da­durch auch der in­ter­ne Kon­sum die­ser Waren ein­ge­schränkt und, deren Aus­fuhr er­schwert und damit die Ar­beit in die­sen In­dus­tri­en zum Rück­gang ge­bracht. Die Ar­bei­ter in den Zu­cker­raf­fi­ne­ri­en hät­ten dem­nach also, auch im In­ter­es­se der All­ge­mein­heit, ent­we­der eine Pro­tek­ti­on bei­der In­dus­tri­en oder aber freie Han­dels­be­din­gun­gen für den Zu­cker ein­for­dern müs­sen und wären dann viel­leicht vom Auf­schwung in der Kon­fek­tü­ren – und Mar­me­la­den­her­stel­lung ab­sor­biert wor­den. Doch wie kann man ver­lan­gen, daß die Ar­bei­ter der Zu­cker­fa­bri­ken mit ihrem „hohen, im Ver­gleich zu den an­de­ren Bran­chen un­er­hör­ten Lohn­ein­kom­men“ (Avan­ti!, 10.März 1910) ihre pri­vi­le­gier­te Po­si­ti­on ein­fach so auf­ge­ben soll­ten?

Ein wei­te­res Bei­spiel. Vor dem Krieg waren in Ita­li­en 37 Braun­koh­le­gru­ben in Be­trieb, die 1913 sie­ben­hun­der­tau­send Ton­nen an Brenn­stoff lie­fer­ten. Da wäh­rend des Krie­ges für aus­län­di­sche Kohle sehr hohe Prei­se ver­langt wur­den, lag es nahe, auch wenig er­trag­rei­che Braun­koh­le­vor­kom­men aus­zu­beu­ten. Die An­zahl der Gru­ben stieg zwar auf 137, doch die Aus­beu­te über­stieg keine 4ootau­send Ton­nen, von denen sogar ein Teil auf einen ge­stei­ger­ten Er­trag aus den alten Minen zu­rück­zu­füh­ren war. Als der Krieg zu­en­de war, fiel der Preis der Aus­lands­koh­le, die Braun­koh­lenach­fra­ge ließ nach, so daß die 37 Gru­ben wie­der den Be­darf zur Ge­nü­ge de­cken konn­ten.

Die zu­sätz­lich ein­ge­stell­ten Kum­pel, zum über­wie­gen­den Teil Bau­ern aus den um­lie­gen­den Dör­fern, sahen sich von Ent­las­sun­gen und Lohn­kür­zun­gen be­droht. Die Un­ru­he war groß. Keine Ent­las­sun­gen! stand auf der Ta­ges­ord­nung. Und ein so­zia­lis­ti­scher Ab­ge­ord­ne­ter, Prä­si­dent eines ge­nos­sen­schaft­li­chen Gru­ben­kon­sor­ti­ums, ap­pel­lier­te an die Re­gie­rung, die Braun­koh­le­pro­duk­ti­on auf dem Stand der Kriegs­zeit zu hal­ten, ja sogar den Jah­res­er­trag auf 4mil­lio­nen Ton­nen zu stei­gern. Er for­der­te, daß die Ver­wal­tung der Ei­sen­bahn eine be­stimm­te An­zahl Lo­ko­mo­ti­ven für den Braun­koh­le­ver­brauch um­rüs­ten lasse und daß die Hei­zer zur Kom­pen­sa­ti­on ihres durch die Braun­koh­le be­ding­ten er­höh­ten Ar­beits­auf­wands in allen Dienst­stel­len der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung bes­ser be­zahlt wer­den soll­ten. Per Ge­setz soll­te die Braun­koh­le in allen Haus­hal­ten, wo sie pro­blem­los die Stein­koh­le er­set­zen könn­te, ge­heizt wer­den, und alle Be­trie­be, die Kraft­wer­ke auf Braun­koh­le­ba­sis ent­wi­ckel­ten, soll­ten vom Staat fi­nan­ziert und von der Be­steue­rung ihrer im Krieg er­ziel­ten Mehr­pro­fi­te be­freit wer­den. Der so­zia­lis­ti­sche Ab­ge­ord­ne­te ver­lang­te somit, daß Mil­lio­nen nur dafür aus­ge­ge­ben wür­den, ei­ni­gen hun­dert Berg­leu­ten Ar­beit zu ver­schaf­fen, von denen die meis­ten doch bloß zu ihrer Feld­ar­beit zu­rück­zu­keh­ren brauch­ten. Diese Berg­leu­te hät­ten also mit ihren schwe­ren Pi­ckeln hart dafür ge­schuf­tet, die Mil­lio­nen des ita­lie­ni­schen Pan­ta­lo­ne (2) zu ver­schleu­dern!

Man muß her­vor­he­ben, daß die Berg­ar­bei­te­r­un­ru­hen im Koh­le­be­cken von Vald­ar­no von Or­ga­ni­sa­to­ren der Unio­ne Sinda­ca­le Ita­li­a­na an­ge­lei­tet wor­den sind. Der oben er­wähn­te Fall ist des­we­gen dop­pelt in­ter­es­sant. Er ist eine gründ­li­che Be­trach­tung wert, weil er eine von den in den Ge­werk­schafts­ver­bän­den tä­ti­gen An­ar­chis­ten bis­lang ver­nach­läs­sig­te Seite (den Pro­tek­tio­nis­mus) in den Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit rückt und weil er uns eine Ah­nung davon gibt, mit wel­cher Art von Pro­ble­men wir in einer re­vo­lu­tio­nä­ren Si­tua­ti­on kon­fron­tiert sein wer­den (näm­lich mit der Nei­gung ein­zel­ner Be­rufs­grup­pen, aus der Sicht der na­tio­na­len Wirt­schaft nicht ren­ta­ble Be­trie­be am Leben er­hal­ten zu wol­len). Was war, an­ge­sichts der Kum­pa­nei zwi­schen So­zia­lis­ten und Un­ter­neh­mern, die Hal­tung der An­ar­chis­ten in den Rei­hen der Con­fe­dera­zio­ne Ge­ne­ra­le del La­voro und der Unio­ne Sinda­ca­le Ita­li­a­na? Was war die Hal­tung der in der F.I.O.M. or­ga­ni­sier­ten An­ar­chis­ten, als die Füh­rer die­ser Ge­werk­schaft die In­ter­es­sen der 30.​000 Be­schäf­tig­ten in den Ei­sen­hüt­ten, die im Schat­ten der Schutz­zöl­le und staat­li­cher Sub­ven­tio­nen exis­tie­ren, den In­ter­es­sen der 270­tau­send in der wei­ter­ver­ar­bei­ten­den Ei­sen­in­dus­trie (Me­tall-​ und Werk­zeug­in­dus­trie) be­schäf­tig­ten Ar­bei­ter vor­ge­zo­gen hat, die ih­rer­seits aus einem preis­wert zur Ver­fü­gung ste­hen­den Roh­stoff nur Vor­tei­le zie­hen wür­den? Mir scheint, daß die an den Ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen mit­wir­ken­den An­ar­chis­ten keine klare Vor­stel­lung über ihre er­zie­he­ri­sche Auf­ga­be haben. Eine klas­sen­er­zie­he­ri­sche Maß­nah­me hätte darin be­stan­den, daran zu er­in­nern, daß die Mil­lio­nen, die zur Un­ter­stüt­zung pa­ra­si­tä­rer Be­trie­be auf­ge­wandt wer­den, zum größ­ten Teil wie­der­um der Mehr­heit der in Ita­li­en Werk­tä­ti­gen ent­wen­det wird. Die An­ar­chis­ten haben sich von den So­zia­lis­ten von ihrem Weg ab­brin­gen las­sen, die aus dem­ago­gi­schen Grün­den der be­rech­tig­ten und schö­nen In­tran­si­genz aus den Zei­ten ent­sagt haben, da das Schie­len nach Wäh­ler­stim­men, das Bon­zen­tum und die Kum­pa­nei mit der Bour­geoi­sie noch nicht ob­siegt hat­ten. Den li­gu­ri­schen In­dus­tri­el­len, die da­mals drei­tau­send Ar­bei­ter ent­las­sen hat­ten und die damit droh­ten, bin­nen eines Mo­nats wei­te­re zwan­zig­tau­send zu ent­las­sen, wenn die Re­gie­rung nicht davon ab­lie­ße, die Prä­mi­en für die Han­dels­ma­ri­ne zu sen­ken, ant­wor­te­te der Avan­ti!, der sei­ner­zeit von dem Re­for­mis­ten Leo­n­i­da Bis­so­la­ti ge­lei­tet wurde: „Die Ar­bei­ter wis­sen, daß die Mil­lio­nen, die zur Sub­ven­tio­nie­rung der Schiff­s­in­dus­trie auf­ge­wandt wur­den, über­wie­gend der Mehr­heit aller werk­tä­ti­gen Ita­lie­ner ab­ge­nö­tigt wor­den sind, und sie wei­gern sich des­halb, ein Ver­lan­gen aus­zu­spre­chen, das einen Zu­stand ver­län­gern würde, in dem das Brot der Ar­bei­ter in einem Teil Ita­li­ens mit dem Hun­ger der Werk­tä­ti­gen im üb­ri­gen Land be­zahlt wird“ (Avan­ti!, 24.​Januar 1901).

Wie weit die Kum­pa­nei zwi­schen Ar­bei­ter­be­we­gung und Un­ter­neh­mer­tum in den In­dus­trie­zen­tren be­reits ge­die­hen ist, be­weist der Um­stand, dass so­ge­nann­te re­vo­lu­tio­nä­re Ele­men­te sogar Un­ru­hen an­ge­zet­telt haben, um von der Re­gie­rung Auf­trä­ge für die Kriegs­in­dus­trie zu er­hal­ten. Sal­vemi­ni schrieb dar­über in der Unità vom 11. Juli 1913: „Die Ar­beits­kam­mer von La Spe­zia, die von Syn­di­ka­lis­ten, Re­pu­bli­ka­nern und re­vo­lu­tio­nä­ren So­zia­lis­ten ver­wal­tet wird, hat einen Ge­ne­ral­streik an­ge­kün­digt.

Um gegen die Er­mor­dung ir­gend­ei­nes Ar­bei­ters zu pro­tes­tie­ren? – Nein!

Um gegen ein un­ge­rech­tes Ur­teil der Klas­sen­jus­tiz zu pro­tes­tie­ren? – Nein!

Aus So­li­da­ri­tät mit ir­gend­ei­ner Grup­pe strei­ken­der Ar­bei­ter? – Nein!

Um etwas gegen die il­le­ga­le Maß­nah­me po­li­ti­scher oder ad­mi­nis­tra­ti­ver Au­to­ri­tä­ten zu un­ter­neh­men? – Nein!

Warum dann? – Um gegen die Re­gie­rung zu pro­tes­tie­ren, die damit droht, der Werft von La Spe­zia die Aus­stat­tung des Pan­zer­kreu­zers „An­drea Doria“ zu ent­zie­hen (…).

Merk­wür­di­ger­wei­se stand eine Ko­ope­ra­ti­ve an der Spit­ze die­ser re­vo­lu­tio­nä­ren Pro­test­be­we­gung, näm­lich die Ge­nos­sen­schaft der Me­tall­ar­bei­ter (Gior­na­le d‘Ita­lia, 24.​April). Oben­drein ist es merk­wür­dig, daß die Agi­ta­ti­on von Spe­zia zur sel­ben Zeit von­stat­ten ging, da der Auf­sichts­rat des Hau­ses An­sal­do in sei­nem Jah­res­be­richt dar­über klagt, nicht genug Auf­trä­ge zu haben. Gleich­zei­tig rich­ten die Ar­bei­ter der Or­lan­do­werft in Li­vor­no De­mons­tra­tio­nen aus, auf denen ver­langt wird, daß der Staat der Or­lan­do­werft Ar­beit zu­schanzt (Avan­ti!, 14.​Mai 1913). Und die Ab­ge­ord­ne­ten aus Nea­pel pil­gern zu Gio­lit­ti, um „neue Be­stel­lun­gen“ an die na­po­li­ta­ni­schen Fa­bri­ken „für La­fet­ten, Ka­no­nen, Zün­der und Ge­schos­se“ zu ver­lan­gen, „damit es zu kei­nen neuen Ent­las­sun­gen bei den Me­tall­ar­bei­tern kommt“ (Cor­rie­re della Sera, 24.​Mai). Und die kle­ri­kal-​mo­de­rat-​na­tio­na­lis­ti­schen Zei­tun­gen grei­fen die Kam­pa­gne auf und schie­ben sie an, damit die Re­gie­rung in den Werf­ten vier neue, große Pan­zer­kreu­zer bauen läßt.

Wäh­rend der Roten Woche ver­hiel­ten sich die In­dus­trie­zen­tren ruhig, und wäh­rend der in­ter­ven­tio­nis­ti­schen Um­trie­be blie­ben die In­dus­trie­zen­tren bei den An­ti­kriegs­kund­ge­bun­gen hin­ter den Ak­ti­vi­tä­ten auf dem Land zu­rück. In der be­weg­ten Zeit der Nach­kriegs­jah­re re­agier­ten die In­dus­trie­zen­tren am lang­sams­ten. Gegen den Fa­schis­mus erhob sich kein In­dus­trie­zen­trum so wie dies Parma, Flo­renz oder An­co­na taten, und die Masse der Ar­bei­ter hat auch kein der­ar­tig kol­lek­ti­ves Bei­spiel an Be­harr­lich­keit und Op­fer­mut ge­ge­ben, das es mit der Epi­so­de von Mo­li­nella auf­neh­men würde.

Die Land­ar­bei­ter­streiks bei Mo­de­na und Parma blei­ben in der Ge­schichts­schrei­bung des Klas­sen­kriegs in Ita­li­en die ein­zig epi­schen Blät­ter. Und die meis­ten groß­ar­ti­gen Ge­stal­ten selbst­lo­ser Ar­bei­ter­or­ga­ni­sa­to­ren haben wir Apu­li­en zu ver­dan­ken. Doch das alles ist un­be­kannt. Man schreibt und spricht über die Fa­brik­be­set­zun­gen, doch die viel grö­ße­ren und be­deu­ten­de­ren Land­be­set­zun­gen sind weit­ge­hend ver­ges­sen. Man ver­herr­licht das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at, doch weiß jeder von uns, der in einer über­wie­gend länd­li­chen Ge­gend ge­lebt und ge­kämpft hat, daß das Land immer schon die po­li­ti­sche Agi­ta­ti­on der Avant­gar­de in den Städ­ten ge­speist und, ins­be­son­de­re auf ge­werk­schaft­li­chem Ter­rain, eine selbst­lo­se Kampf­be­reit­schaft unter Be­weis ge­stellt hat.

Es ist leicht vor­her­zu­se­hen: es wird sich ein Bonze fin­den, der schreibt, daß ich kei­nen „pro­le­ta­ri­schen Geist“ habe, und es wird Leser geben, die nur so­viel ver­ste­hen wol­len, daß ich ver­sucht habe, das Pro­le­ta­ri­at her­ab­zu­set­zen. An mei­ner Stel­le wird ihnen ein Echo ant­wor­ten: der leb­haf­te Ap­plaus, mit dem in den Werf­ten und Kriegs­werk­stät­ten die An­kün­di­gung für den Bau eines Un­ter­see­boots oder eines neuen Ka­no­nen­gus­ses be­grüßt wird. An mei­ner Stel­le wird die kom­mu­nis­ti­sche Tak­tik ant­wor­ten, die dazu rät, in­ner­halb der Ver­bän­de für öko­no­mi­sche For­de­run­gen ein­zu­tre­ten. Vor allem wird an mei­ner Stel­le die Re­si­gna­ti­on des ita­lie­ni­schen Pro­le­ta­ri­ats ant­wor­ten. Dar­auf zu war­ten, daß das Volk auf­wacht, von der Mas­sen­ak­ti­on zu reden und den an­ti­fa­schis­ti­schen Kampf auf das Her­an­zie­hen und die Er­hal­tung von Par­tei – und Ge­werk­schafts­ka­dern zu be­schrän­ken, statt alle Mit­tel und Wil­lens­an­stren­gung auf die re­vo­lu­tio­nä­re Ak­ti­on zu kon­zen­trie­ren, die als ein­zi­ge dazu im­stan­de ist, die At­mo­sphä­re mo­ra­li­scher Feig­heit auf­zu­lö­sen, in der das ita­lie­ni­sche Pro­le­ta­ri­at zur Gänze ver­sumpft, das ist feig und bil­lig, das ist Idio­tie und Ver­rat.

C. Ber­ne­ri.

Über­set­zung einer 1934 in Frank­reich von ita­lie­ni­schen Exi­lier­ten pu­bli­zier­ten Bro­schü­re „L‘ope­rai­o­la­tria“, die 1987 vom Ar­chi­vio Fa­miglia Ber­ne­ri in Pis­toia neu­auf­ge­legt wurde.

(1) Carlo Ros­sel­li, Grün­der von Gius­ti­zia e li­bertà, einer an­ti­fa­schis­ti­schen Exil­or­ga­ni­sa­ti­on, einer der ers­ten Frei­wil­li­gen im Spa­ni­en­krieg, zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Nello am 11.​Juni 1937 in Ba­gnol­les-​sur-​Or­ne durch fran­zö­si­sche Kil­ler im Sold der Fa­schis­ten er­mor­det.
(2) Pan­ta­lo­ne, Figur der Com­me­dia dell‘arte.

Übernommen von Blog „Raum gegen Zement“

4 Kommentare leave one →
  1. Proletarier permalink
    24. November 2009 22:12

  2. Robotnik permalink
    24. November 2009 22:55

    Warum wohl?

  3. günther permalink
    25. November 2009 00:32

    die zeitschrift „die aktion“ heft 170/174 verlag edition nautilus 1997 hat noch weitere ,
    sehr interressante aufsätze camillo berneris veröffentlicht.der titel: dossier zu camillo berneri sehr gut zu lesen. eine faszinierende persönlichkeit. berneri hat mich sehr beeindruckt.

  4. horst permalink
    28. November 2009 05:56

    danke für diesen text, ist hoch spannend!

    ich will bald eine arbeit machen über proletenkult und avantgardeblödsinn im buch „Unterwegs nach Tschevengur“ von Andrei Platonov. da kann ich diesen Text vielleicht gebrauchen, zumindest in der argumentation, die sehr aufschlussreich ist.

    „Чевенгур“ ist zwischen 1921 und 1951 in der UdSSR entstanden, 1971 – späte „Tauwetterzeit“ – wurde in der literaturnaja gazeta aber erst das erste kapitel abgedruckt. es ist eine dystopie – bzw. im gewissen sinne ein tatsachenbericht – über die sozialen katastrophen nach der russischen revolution, eine parodie des leninschen „kommunismus“, und eine vielseitige auseinandersetzung mit menschen und „kommunismen“.

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