“Eine wachsende Rolle kann der Anarchismus dort spielen …
wo er sich aus dem Szeneghetto hinausbewegt”.
Interview mit anarchismus.at
Anarchismus.at ist seit einigen Jahren eines der meist besuchten anarchistischen Internetportale im deutschsprachigen Raum und das umfassendste aus Österreich. Neben Informationen, historischen Texten und aktuellen Berichten rund um die anarchistische Bewegung finden sich Bücher, Broschüren, Sticker und vieles mehr im Anarchia-Versand, mit dem anarchismus.at eng kooperiert.
? Syndikalismus.tk: Im November 2011 wurde der Seite ein neues Gesicht gegeben. Alles ist nun moderner und viel umfangreicher als zuvor. So haben sich zu den bisherigen Bereichen auch ein Blog mit aktuellen Nachrichten und umfangreichere Download-Angebote gesellt. Was war der Grund für diese Umstrukturierung der Seite und wie kam diese bei den LeserInnen an? Gab es eine Zunahme der Seitenaufrufe?
! Anarchismus.at: www.anarchismus.at ging in seiner alten Version vor über 9 Jahren online. Die Seite war inzwischen technisch veraltet und das Einbinden neuer Texte sehr müsahm – außerdem wurde sie immer unübersichtlicher und es gab z.B. keine Suchfunktion. In den letzten Jahren wurde sie darüber hinaus kaum mehr aktualisiert, ein Neustart des Projekts war überfällig. Der wurde dann 2010 so langsam in Angriff genommen und es dauerte bis Herbst 2011, bis das neue Projekt startbereit war. Es sind einige Bereiche ganz neu dazugekommen – wie etwa ein eigener “Blog/Newsbereich” (allerdings ohne Kommentarfunktion) – und andere wurden deutlich erweitert. Die Zahl der Texte hat sich zum “Neustart” mehr als verdoppelt.
Auch thematisch ist die Seite nun breiter gefasst und beinhaltet etwa Materialien zum Rätekommunismus oder den Wobblies. Das Ziel der Seite ist dabei das selbe geblieben: ein umfangreiches Angebot deutschsprachiger anarchistischer Texte bereitzustellen. Bei den Seitenaufrufen ist das seit dem Neustart schon zu merken, ein bißchen mehr könnten es aber noch werden… Den absoluten Zugriffsrekord hält übrigens der “Krank feiern statt gesund schuften” – Text, der wurde in den letzten vier Monaten über 6.000 mal aufgerufen.
? Syndikalismus.tk: Wie schätzt du die Entwicklungsperspektiven der anarchistischen Bewegung ein. Der Kapitalismus und die Regierungen verursachen ständig zunehmende Armut und Verelendung weltweit. Siehst du die Möglichkeit, das der Anarchismus oder Anarcho-Syndikalismus als befreiende Perspektive eine wachsende Rolle im Zuge dieser gesellschaftlichen Entwicklungen einnehmen kann?
! Anarchismus.at: Als Organisationsprinzip macht er dies bereits. Die Indignades in Spanien, die Versammlungen am Syntagma-Platz in Athen oder z.B. die Occupy-Bewegung in Oakland zeigten vergangenes Jahr Formen horizontaler politischer Organisierung und nutzten z.B. Direkte Aktion wie Besetzungen statt “Bittbriefe an die Politik”. Der Unmut hätte sich ja genauso in Form von Parteien o.ä. äußern können. Freilich handelt(e) es sich dabei nicht um anarchistische Bewegungen, spannende Entwicklungen brachte 2011 aber allemal. Besonders interessant finde ich Entwicklungen, in denen sich Gegenseitige Hilfe und Direkte Aktionen auf ökonomische Gebiete ausweiten – z.B. bei den zunehmenden Versuchen in Spanien, Delogierungen und Zwangsräumungen durch Blockaden zu verhindern.
Eine wachsende Rolle kann der Anarchismus dort spielen, wo er sich aus dem Szeneghetto hinausbewegt. Das gilt besonders für die deutschsprachigen Länder, in denen er stark subkulturell geprägt ist. Ich kann einer alleinerziehenden Arbeitskollegin schwer containern, Ladendiebstahl oder den “autonomen way of life” als Handlungsperspektive nahelegen, ohne dafür einfach nur belächelt zu werden.
? Syndikalismus.tk: Daran angeschlossen: Ist das Interesse am Anarchismus bzw. Anarcho-Syndikalismus in Österreich gewachsen. Sind AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen in den sozialen Bewegungen und sozialen Kämpfen sichtbar und in der Lage (zumindest) Impulse zu setzen – oder können sie gar zu einer Radikalisierung und dem Willen nach gesellschaftlicher Veränderung beitragen?
! Anarchismus.at: Das kommt darauf an, wie eng man Anarchismus definiert. Anarchistische oder anarcho-syndikalistische Gruppen sind derzeit zu klein, um nennenswerte Impulse setzen zu können. Entsprechend sind sie auch bei den spärlichen sozialen Kämpfen oder betrieblichen Auseinandersetzungen in Österreich eher kommentierend wahrzunhemen, denn aktiv eingreifend. Das selbe gilt z.B. auch für die Wobblies. Auf der anderen Seite ist die “undogmatische radikale Linke” durchaus wahrnehmbar, sei es bei den zahlreichen Hausbesetzungen der letzten Jahre oder in der “Uni-brennt-Bewegung” an den Universitäten 2009. Für letztere waren basisorientierte Organisationsansätze charakteristisch, die offizielle Studierendenvertretung ÖH (ähnlich euren Astas) lief der Entwicklung permanent hinterher. Im letzten Jahr ist es allerdings abseits des Mobilisierungsschlagers “Antifa” ruhiger geworden, gefühlsmäßig befindet sich zumindest Wien gerade in einem Dornröschenschlaf. Umso erfreulicher ist es, dass doch einige Projekte wie etwa eine umfangreiche anarchistische Bibliothek neu entstanden sind.
? Syndikalismus.tk: Der Anarchia-Versand vertreibt u.a. generell emanzipatorische und anarchistische Literatur. Welche Titel bzw. Themen werden denn am meisten nachgefragt? Gibt´s ein wachsendes Interesse am Anarchismus oder ist das eher gleich geblieben bzw. rückläufig?
! Anarchismus.at: Da gibt es einige Verkaufsschlager – z.B. Ralf Burnickis “Anarchie als Direktdemokratie”, das Anarchafeminismus-Buch von Silke Lohschelder oder Lafargue´s “Recht auf Faulheit”. Auch die Bücher der theorie.org – Einführungsreihe gehen ganz gut und natürlich Horst Stowasser.
Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass als bemerkbare Veränderung der letzten Jahre aktuellere Sachen stärker nachgefragt werden. Ein Beispiel ist “Renaissance des Anarchosyndikalismus” vom Syndikat-A-Vertrieb. Die Leute greifen also eher zu solchen Sachen, anstatt sich durch den Bakunin zu quälen… Nimmt man z.B. die Zahl der deutschsprachigen Neuerscheinungen zum Anarchismus als Grundlage, dann kann von einem Rückgang des Interesses am Thema keine Rede sein. Mit den Büchern “Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System” und “Inside Occupy” von David Graeber erscheinen zudem in den nächsten Wochen zwei Titel, die wohl auch im Mainstream breiter diskutiert werden.
? Syndikalismus.tk: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit den beiden Projekten.
Einige Anarchistische Projekte und Gruppen in Wien:
Anarchistische Bibliothek & Archiv Wien: http://a-bibliothek.org/
Pierre Ramus Gesellschaft: http://www.ramus.at/
Anarchistisches Radio: http://www.a-radio.net/
Anarchist Black Cross: http://www.abc-wien.net/
Bahö Magasin – Anarchistisches Kollektiv: http://bahoemagasin.diebin.at
FAS – Föderation der ArbeiterInnen Syndikate: http://www.syndikate.at/


















anarchismus.at ist seit dem Neustart wirklich eine ausgzeichnet Seite! Auch mit dem anarchia-versand habe ich nur gute Erfahrungen gemacht.
Das mit Szeneghetto ist ‘ne komplizierte Sache, prinzipiell gibt es in Österreich (ich würde sagen im ganzen deutschsprachigen Raum) keine anarchistische Szene, sondern nur eine linksradikale. Sich mit einer so kleinen Zahl an Menschen rauszubewegen ist schwer…
Ich halte es für wichtiger erst einmal einen anarchistischen Diskurs, also fortlaufende sich aufeinander beziehende Debatten, auf die Beine zu stellen (und dann zu versuchen diese an die Öffentlichkeit zu bringen).
bis ende letzten jahres könnte mensch noch hinzufügen, dass von der lisa interventionen ausgingen, die mehr als kommentierend waren. besonders im drogenbereich konnte ein selbstorganisierter widerstand aufgebaut werden, der nicht vor den betrieben halt machte.
doch das war, da hat anarchismus.at schon recht, das ist nun nicht mehr.
kannste n bisserl genauer werden? danke
2010 wurde gegen den rat der soozial arbeitenden im wiener drogenbereich der karlsplatz geräumt. das ist der platz, an dem sich seit jahzehnten schon drogen konsumierende menschen aufhalten. um dem was entgegen zu setzen hat die lisa (libertäre initiative sozial arbeitender, damals teil der fas) ein bündnis mit sozialen und politischen aktivist_innen geschmiedet und veranstötungen gegen die räumung organisiert. daran beteiligt waren eben auch sozial arbeitende, denen von ihren geschäftsführungen der mund verboten wurde. später ist dann die konsumrauminitiative entstanden, die gibt es heut noch und ist mitunter auch aus der organisierungsarbeit der lisa hervorgegangen