Veranstaltungen zu Ägypten – die Revolution hat erst begonnen
Ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks ist der Tahrirplatz noch immer das Symbol der weltweiten Aneignungskämpfe. Der ägyptische Aufstand Anfang 2011 sollte nicht nur einen verhassten Despoten verjagen, sondern ein ganzes menschenverachtendes Regime beseitigen. Die Menschen auf den Straßen Kairos und in ganz Ägypten zeigten, dass sie ihr Leben selbst bestimmen wollen – und haben Geschichte geschrieben.
Nun regiert ein Militärrat das Land, der seine Macht nicht an die Bevölkerung abgeben und den Lauf der Revolution umkehren will. Regelmäßig werden Demonstrationen für politische und wirtschaftliche Teilhabe von Militär und Sicherheitspolizei angegriffen. Menschen werden erschossen, zu Tode geprügelt oder schwer verletzt. Seit Februar 2011 wurden über 12.500 Menschen festgenommen und durch Militärgerichte abgeurteilt. Die Gefängnisse sind überfüllt, Folter steht auf der Tagesordnung. Die Lage erscheint heute bedrückender, als je zuvor.
Die Erfahrung der gemeinsamen Kämpfe hat Räume für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung geschaffen. Es wird offen über Politik diskutiert und trotz der Repression finden sich immer wieder Menschen zu Protestmärschen zusammen. Sie streiken für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, demonstrieren für menschenwürdige Behausungen, fordern Gleichberechtigung der Frauen. Wohin dieser Prozess führen wird, ist offen. Denn, noch immer sind weite Teile der Gesellschaft der Meinung, die Revolution habe ihr Ziel mit dem Sturz Mubaraks erreicht. Auch der Ausgang der ersten Wahlgänge ernüchtert in Hinblick auf eine emanzipatorische Perspektive. Aber, die Gesellschaft ist in Bewegung. Die Revolution hat gerade erst begonnen.
Auf der Veranstaltung »horreya – Die Revolution hat erst begonnen« berichten vier Kairoer AktivistInnen über die Entwicklungen des letzten Jahres. Darin verorten sie sich und ihre politische Arbeit: in einem Medienkollektiv, als Blogger, Filmemacherin und Street Artist oder in basisdemokratischen Stadteil-Komitees. Anhand von Erzählungen, Fotos und Filmausschnitten zeichnen sie ein Bild der aktuellen Situation und diskutieren Perspektiven der ägyptischen Revolution mit uns.
Berlin, Mehringhof, 24.2.2012
Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus, 28.2.2012
Köln, Alte Feuerwache, 1.3.2012
Quelle: Horreya Blog
















Egyptian Workers Strike and March Against Regime
was soll “tora prison is ruling egypt” bedeuten ?
http://maps.google.com/maps/ms?f=q&q=cairo,+egypt&ie=UTF8&t=h&om=1&oe=UTF8&msa=0&msid=101215141922678396561.0000011266f90bb4a90d6
Torah Mahkoum Prison
Torah Mahkoum prison is one of the places used by Ministry of Interior to uphold detainees “awaiting” sentence. They keep getting re-referred to prosecutor every 15 days who either extends their detention or release them. Such waiting period and extensions could be legally extended to a maximum of six month. For this reason it is usually used to punish and deterr political prisoners who can spend up to six months in this place with criminal prisoners and/or under inhumane conditions without solid charges or court sentence.
Alaa Hamed ~ Ein Religionskritiker in Agypten
Oliver A. Kloss
MIZ-Mitteilungen und Informationen zurZeit. Nr. 4/ 1992, 21. Jg., S. 17-19:
Mit der Frage „Wer bin ich?” hebt das Vorwort des verbotenen Buches „Entfernung in des
Mannes Hirn” an. Die Antwort: „Ein Name in der Warteliste, Moslem mit Erbe. Ware ich als
Sohn eines Atheisten geboren – so ware ich Atheist. Nicht der Mensch vermag zu
entscheiden uber Geburt und uber Religion. Es kbnnte sein, dein Mater gehbrte der
niedrigsten Schicht oder der hbchsten deines Stammes an, deine Mutter ware Prostituierte
oder eine hochgebildete Frau. Es bestunde die Mbglichkeit, dein Mater ware Hindu, deine
Mutter eine Sikhs – keine Entscheidung daruber ist dir vergbnnt. Uber seinen Glauben
entscheidet der Mensch nicht, wenn er geboren wird, nicht weil er dies nicht durfte, doch der
Mittel ist er bar; Erkenntnis und Erfahrung fehlen. Wird der Mensch erwachsen, so andert er
selten seinen Glauben. Dieses Recht dem Menschen einzuraumen hie&e, ihm Gelegenheit
zu geben, sich mit den Alternativen eingehend bekannt zu machen. Nur dann besa&e der
Mensch die Fahigkeit zum Vergleiche. Doch dies ist sehr selten. Warum sollte der Mensch
aber den Glauben andern, wenn ihm das Interesse an der Religion als Lebensform
geschwunden ist. Der Religion Bedeutung schrumpft; die Glaubigen machen nur noch ein
Drittel der Menschheit aus. Dies hieIZe nach religibser Theorie, den anderen stunde die
ewige Hblle bevor. Auch das Drittel Glaubiger fullt zumeist nur die Zeile ,Religion’ im
Personalausweis mit einem Namen. Das ist alles. Die rationale Frage lautet daher: Wozu
also Religion? Heute unterstutzen sogar staatliche Gesetze deren verbotene Teile. Zum
Beispiel kbnnen in einem Staate Europas Mann und Mann dem normalen Ehepaare
gleichberechtigt heiraten.” – Ein Araber schrieb dies in Agypten. In seinem Ausweis steht
„Moslem”. In Agypten durfen Moslems nicht zu einer anderen Uberzeugung wechseln.
Christen konnen zum Islam konvertieren. Moslems durfen Christinnen ehelichen, doch
Christen nicht Frauen, die dem Islam angehoren. Die Hierarchie wird deutlich. Unglaubige
gibt es offiziell nicht.
Der Autor, Alaa Hamed, ist 53 Jahre alt Abteilung von BBC London plazierte das
und arbeitet in einem Steueramt. Er schrieb Urteil an zweiter Stelle in den Nachrichten,
bereits sieben Romane und vier gleich nach der Meldung vom Rucktritt
Sammlungen Kurzgeschichten. Die meisten Gorbatschows. Sogar in Deutschland
Werke veroffentlichte er im Selbstverlag, gelangte die Nachricht in die Medien. 1 Der
zwei im Agyptischen Buchladen-Verlag. Journalist Jusif El Kaid sprach von der
Unter Schriftstellern gait Alaa Hamed bis zu „gefahrlichsten Verurteilung des 20.
seinem Roman „Entfernung in des Mannes Jahrhunderts’ 2 .
Him” als unbekannt. Auch der Besjtzer der Dmckerei jn der
Am 25. Dezember 1991 stand Alaa das Buch gedruckt worden war, Fathi Fadl,
Hamed seines schriftstellerischen Werkes und der beruhmte Buchladeninhaber El Hag
wegen vor dem „Notstandsgericht fur Fragen Mohammed Madbuli wurden jeweils zu acht
der Staatssicherheit” in Kairo. Der Richter Jahren Gefangnis verurteilt.
Abd El Rasek Muhammed verlas das Urteil: Dje Agyptische Menschenrechts-
2.300 Agyptische Pfund Geldstrafe und acht 0rganjsatjon kritisierte die Urtei|e a|s
Jahre Haft wegen des VerstoGes gegen die Ver|etzung des Rechtes auf Me inungsfreiheit
staatliche Sicherheit und den sozialen
Frieden. – Ein Schock nicht nur fur ]
… …… … _.. … Z. B. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. 12. 1991.
aavptische nte ektue e’ Die arabische 2
ayy^uooiic milcmcimucmc. uic cm cimooi ic ^ j us if El Kaid in Almussawar, No. 3508, 03. 01 . 1 992.
und kunstlerische Innovation. Es sei das
erste Mai in der neueren Geschichte (nach
der Revolution 1952), daft ein Autor wegen
seines schriftstellerischen Werkes ins
Gefangnis solle. Gegen ein Urteil dieses
Gerichtshofes gibt es keine Berufung. Nur
der Premierminister kann es bestatigen oder
aufheben. Die Menschenrechts-Organisation
appellierte deshalb an den Premierminister
Atef Sidki, er moge das Urteil nicht
unterschreiben.
Das Urteil war wenige Tage vor der
Eroffnung der Internationale/! Kairo-
Buchmesse, einem Fest der Freiheit und der
neuen Bucher, ausgesprochen worden.
Wenngleich Agypten nicht frei von
Bucherverboten gewesen ist, so stellte doch
die Verurteilung eines Autors zu
Gefangnishaft ein Novum dar.
Des Buches Geschichte
Der Roman „Entfernung in des Mannes
Hirn” umfafit 239 Seiten und tragt keinen
Verlagsnamen. Der Held des Romans
gelangt ins Paradies. Ein zufallig geaufierter
Satz wird von den Menschen dort als Zitat
des Alten Testamentes aufgefafit, welches
der verheifiene Erloser der Prophetie gemafi
zu sprechen habe. Ungewollt wird der Held
in die Rolle eines Gottes gedrangt, obwohl er
betont, er sei der von den Menschen
Kommende und zu ihnen Gehende. –
Parodistische Anspielungen auf Christus
sind unverkennbar. – Ein Zweifler erkennt
ein Wunder als kollektive Suggestion und ubt
Kritik. Mittlerweile hat sich der Romanheld in
die Rolle eines Gottes eingelebt und
verweist den Zweifler auf seinen Mangel an
Glauben. Als der Zweifler sich bei einer
anderen Gelegenheit zum Glauben verfuhrt
erkennt, wird er traurig, ist er doch vom
Wege der Wahrheitssuche abgekommen.
Das Paradies wird als Ort jenseits des
Leidens und des Genusses gezeigt, an dem
die Menschen sich alle im Erdenleben
unterdruckten Wunsche erfullen, doch nun
ohne Lust. Wer im Leben der Religion
gemafi sich des Alkohols enthalten hat, trinkt
hier freudlos vor sich hin. Wer sich auf Erden
der Sexualmoral gebeugt hat, kann nun
enthemmt treiben, was ihm einst pervers
gegolten hatte. Eine Frau stofit sich immer
wieder einen Nagel in die Brust und in den
Leib, denn sie blieb im Leben unverheiratet
Oliver Kloss: „Alaa Hamed – Ein Religionskritiker in Agypten’
und der Moral gemafi Jungfrau. Zweifel
steigen im Romanhelden auf, denn wenn so
das Paradies ist, weshalb werden dann die
vielen Leben so gelebt, urn hierher zu
gelangen? – Dies mag genugen, urn einen
Eindruck der mitunter sprunghaften Fabel zu
vermitteln, die zu erzahlen hier nicht der
Platz ist. Die Dialoge ironisieren die
Theologeme. Am Ende wird der Romanheld
zum Tode verurteilt. Der Autor betont, nicht
Gott habe ihm die Botschaft eingegeben,
denn unsere Zeit sei keine der Propheten.
In der Druckerei in El-Fagele wurden
3.000 Exemplare des Buches gedruckt. Am
10. September 1989 sind sie an das
Nationale Vertriebsunternehmen ausgeliefert
worden, urn auf dem Markt verteilt zu
werden. Nach sechzehn Tagen wurde das
Buch wieder eingesammelt, urn spater
erneut auf dem Buchmarkt zu erscheinen –
eine in Agypten ubliche Methode zur
Erhohung der Nachfrage.
Im Marz erschien in der Zeitung „EI-
Ahram” der Artikel „Ein anderer Salman
Rushdie in Agypten”, worin Alaa Hamed der
Frechheit und der Ironie gegen die
Propheten angeklagt wurde. Am 11. Marz
1990 veroffentlichte die „Akademie fur
Islamforschung” der „EI-Azhar-Universitat
Kairo” einen Beschlufi. Darin heifit es, der
Roman riefe zu Atheismus auf, triebe Ironie
gegen alle Religionen und sei ein Aufruf zur
Veranderung der Gesellschaft durch eine
Revolution. Daraufhin wurde das Buch von
der Zensurbehorde vom Markt eingezogen.
Bis dahin waren lediglich 89 Exemplare
verkauft worden.
Der ProzeB
Nach dem Buchverbot wird der Autor in
Untersuchungshaft genommen. Die Anklage
lautet: Verachtung der Religion. Nach drei
Monaten Haft erfolgt am 11. Juli 1990
Freilassung gegen Kaution. Das Oberste
Gericht fuhrt eine erneute Befragung Liber
den Roman „Das Bett” durch. Die Anklage
wird erweitert. Dieser Roman riefe zur
Zerstorung der religiosen Moralitat und der
religiosen Symbole auf. Er sei ein Angriff auf
die Tradition der Gesellschaft und
propagiere die Befreiung der Sexualitat.
Inzwischen umfafit die Anklage drei Punkte.
in: MIZ, Nr. 4(1992), 21. Jg., S. 17-19.
Der Buchhandler Madbuli, ein
Analphabet, wird ebenfalls angeklagt. Jusif
El Kaid schreibt: „Die Intelligenten sind sich
nur in einem einig, uber die bedeutsame
Rolle Madbulis. Kein Buch erscheint in der
Welt ohne dali Madbuli es nach Agypten
bringt.” In seinem Laden am Sulaiman-
Pascha-Platz in Kairo lafit Madbuli Leser in
finanziellen Noten auch anschreiben. Auf der
Internationalen Kairo-Buchmesse trat
Madbuli als Verleger mit ca. 50 neuen
Buchern auf. Er gibt die „Enzyklopadie der
Geschichte Agyptens und der Agypter”
(bisher 30 Bande erschienen) heraus. Auch
Madbuli wurde zu acht Jahren Haft verurteilt,
obwohl er die Bucher nur verkauft hat und
der Autor vor Gericht hervorgehoben hatte,
dal3> nur er fur sein Buch die Rechte habe
und verantwortlich sei.
Alaa Hamed rief zu Zeugen vor Gericht
die Frauenrechtlerin Nawal El Sadawi und
den beruhmten Schriftsteller Dr. Farak
Fuhde. „lch habe den Roman nicht gelesen
und kenne den Autor nicht personlich”, sagte
Farak Fuhde, doch er verteidigte Alaa
Hamed begeistert gegen alle Anklagepunkte.
Nawal El Sadawi sprach sich leidenschaftlich
fur die Freiheit der Gedanken und der Kunst
aus.
Dr. Achmed Subhi Manzur, der seine
Doktorarbeit uber Islamgeschichte und
islamische Zivilisation an der „EI-Azhar-
Universitat” geschrieben hatte, bewies in
einem Gutachten, daft der BeschluB der
„Akademie fur Islamforschung” unzutreffend
sei. Aus dem Vergleich des Romans mit
Werken islamischer und islamisch-
suffistischer Literaturgeschichte (z. B. Ibn El
Arabi, Sidi Ibrahim El Desuki, Abu El Jasid El
Bastami, El Morzi Abu El Abas und Ibn El
Fared) ergabe sich, dafi das von Alaa
Hamed Geschriebene fur die Anklage zu
geringfugig sei. Nach der Urteilsverkundung
wurde der Autor verhaftet. – Ein Fehler des
Gerichtes, denn das Urteil war noch nicht
bestatigt worden. Nach einem Tag wurde
Alaa Hamed freigelassen.
Das Urteil wird in den Medien diskutiert.
Im Januar erinnert Jusif El Kaid daran, daft
seit Marz 1977 die Genehmigungspflicht fur
Bucher aufgehoben worden war. Das war
ein Erfolg der Demonstration 1977 gegen die
Regierung Anwar El Saddats. „Seither kann
Oliver Kloss: „Alaa Hamed – Ein Religionskritiker in Agypten”
jeder ein Buch drucken und ohne Kontrolle
verteilen, also haben weder der Drucker
noch der Verkaufer ein Verbrechen
begangen. Was der Autor geschrieben hat,
sollte unter dem Motto
,Meinungsangelegenheiten’ behandelt
werden. ”
Jusif El Kaid fragt: „Welche Gefahr geht
von einem Romane aus, von dem in drei
Jahren nur 89 Exemplare verkauft worden
sind in einem Lande mit 55 Millionen
Einwohnern? Welche Gefahr im Vergleich
zum Gebirge der Analphabeten, deren von
Tag zu Tag mehr werden?” Er fragt weiter:
„Welche Geschichte hat die ,Akademie fur
Islamforschung’ im Hinblick auf Bucher? Die
Rolle, die El-Azharlaut Gesetz 103 von 1960
zu spielen hat, ist die der Verteidigerin der
Wahrheit des Islam gegen Anklager, doch
nicht die Verfolgung literarischer Arbeit und
das Sammeln der Bucher vom Markt, denn
der Islam ist Licht fur das Wissen. (…)
Agypten ist unter den arabischen Staaten fur
Meinungsfreiheit wie fur Demokratie
bekannt. Wir haben sonst nichts, worauf wir
stolz sein konnen. (…) Ist es moglich, dad
wir ein Urteil verhangen und damit den
anderen eine goldene Gelegenheit
schenken, zu sagen, Mittelalter sei in
Agypten? Jeder Versuch, die
Meinungsfreiheit zu storen oder die
demokratische Atmosphare zu
verschmutzen, zeigt zuerst den Nachteil der
Machtigen ehe er dem Volke zum Nachteil
gereicht. ,a
Das Urteil ist vom Premierminister nicht
bestatigt worden. Alaa Hamed ist frei.
Nach diesem Erfolg darf allerdings ein
trauriger Nachtrag nicht unerwahnt bleiben.
Der Schriftsteller Farak Fuhde war und ist
bekannt fur sein Eintreten fur Toleranz und
fur Minderheiten in Agypten wie gegen den
Fundamentalismus und dessen Ziel, den
religiosen Staat. Im Juni 1992 wurde der
Moslem von islamischen Fundamentalisten
ermordet. ♦
MIZ – Mitteilungen und Informationen zur Zeit.
Politisches Magazin fur Konfessionslose und
AtheistlNNen. (www.miz-online.de) Nr. 4/ 1992,
21. Jahrgang, IBKA, Aschaffenburg, S. 17-19.
Ebenda.
in: MIZ, Nr. 4(1992), 21. Jg., S. 17-19.
@ micha
danke für die info.